Todholz

Wir gingen zum Donauufer hinunter, dorthin, wo der Fluss ein Altwasser zurücklässt. Bilder lassen sich dort leicht finden. Vor Jahren sahen wir vom Ufer aus einem Eisvogel beim Fischen zu. Zuweilen ruht die Wasseroberfläche, blank wie ein Spiegel, ein dunkler Hintergrund für einige wenige, helle Reflexionen des durch die Bäume gebrochenen Sonnenlichts. Nicht immer ist es still. Enten und Blässhühner quaken um die Wette.

Heute war es still. Das Altwasser wurde vom Wind leicht gedühnt. Rasch und voller Energie zog der Fluss vorbei. Er hinterließ im Frühjahr einiges Totholz. Ganze Baumskelette, wild geästet, lagen an der Uferböschung. Auch einzelne, einmal mächtige Äste auf sich selbst reduziert, ohne Gezweig, sind zu sehen. Ein Bruchstück eines Stammes ruhte im immer noch strahlenden, jedoch langsam abendliche Milde andeutenden Licht am Fuß der aufsteigenden Böschung. Ein einziger, starker Ast, gesplittert am Ende, ragte aus dem sonnenweißen Stamm nach oben. Sein verstümmeltes Ende leuchtete, in seiner Verstümmelung vergoldetes Totholz.

Der Versuch, das tote Holz zu fotografieren, misslang. Zwar näherten verschiedene Kameraeinstellungen das Abbild dem gesichteten Bild an. Doch alles Abgelichtete blieb Abbild der vergoldeten Verstümmelung, in der der starke Ast in die Sonne ragte. Das Licht veredelte den gesplitterten Bruch, an dem der größere Teil des Astes abgetrennt worden war. Zumindest legte das die Stärke des verbliebenen Stumpfs nahe. Längst war der einmal schroffe Bruch auf seinem Wasserweg abgeschmirgelt, fast blank, so dass das Licht um ihn in Facetten von Hell und Schatten spielen konnte, bevor die Strömung ihn, durch einen Gewitterregen mächtig genug, wieder mit sich reißen würde. Weg vom Ufer, hinein in ein, wie mir schien, zielloses Vorwärtsdrängen.

Was ich sah, berührte mich in meiner Trauer, dem dunklen, dumpfen Fluss, an dessen Ufern ich seit Freitag, dem 9. Juni lebe, dem Tag, an dem mein Onkel Arthur starb. Träge, fast ununterscheidbar zum Altwasser der Erinnerungen, fließt der Fluss dahin. Manchmal entferne ich mich von ihm, nehme den Weg hinauf in das lebendige Leben. Immer wieder finde ich mich mit einem Mal an seinem Ufer wieder. Mich zieht es gegen den Strom zum Altwasser, dorthin, wo kein Fließen mehr ist, sondern Stillstand. Da stehe ich in der Stille und erinnere ihn und mein Leben mit ihm. Die Stille ruht in sich. Wird sie durch plötzlich eindringende Geräusche zerrissen, schmerzt es. Ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen den Aufgaben des weiterziehenden Lebens und der Schwermut, mich niederzulassen, zu bleiben, meine Augen am Totholz hängend, am verstümmelten Ast, der einmal Leben war.

Das Totholz beunruhigt mich. Wenn es liegen bleibt, verwest es im Spiel der Kräfte, die an ihm nagen. Dadurch verstofflicht es sich und trägt zum Quellgrund neuen Lebens bei. Ist nicht einmal im Totsein Ruhe? Ende aller Bewegungen, alles Werdens? Muss die Hoffnung auch im Totholz keimen? 

Ich habe meinen Onkel in den letzten Wochen erlebt, so gesättigt vom Leben, dass er das Leben satt hatte. Das Leben nährte ihn nicht mehr. Er gab es ab, wo immer er konnte. Er hätte es so gerne in einem entschiedenen und souveränen Akt selbst beendet. So müde war er vom Leben geworden. Zu müde, um noch weiter zu leben, zu hoffen. Nicht zu müde, um mit einer sanft bestimmten Zärtlichkeit zu lieben. Bis er tot sein durfte, endlich gestorben, übermannte ihn oft und oft Ungeduld, die seine Zärtlichkeit fast erdrückte. Seine letzte Hoffnung war, endlich zu sterben. Wahrscheinlich wollte er nicht einmal Totholz sein, aus dem wieder Leben und Hoffnung keimt.

Das beruhigt mich: Einmal werde auch ich tot sein wie er. Todholz. Ohne Hoffnung, die immer mit dem Leben zu tun hat, voller Liebe, voller Energie, voller Ideen, voller Aufgaben, voller Last und Anstrengung. Erst wenn die Hoffnung tot ist, dann ist Tod. Tod ist Hoffnungslosigkeit, die keine Zukunft mehr ahnen lässt. Todholz am Ufer des Lebensflusses, ohne Sein und hoffnungslos. Nur in Ruhe und Stille am Altwasser liegen.