Die Wolke des Nichtwissens

Auseinandersetzung zu Fischer, K. (2026): Achtsam geht die Welt zugrunde

Kein Buch, das ich in letzter Zeit las, ärgerte mich so, wie der Text von Kathrin Fischer. Ist das Buch wirklich „ein glänzendes Stück Aufklärung“, wie Harald Welzer es auf dem Frontcover bewertet? Die Autorin schreibt: „Die Idee der Aufklärung, der Mensch sei vor allem ein vernunftbegabtes Wesen, hat mich nie überzeugt“ (S. 128). Nun ermöglicht die vernünftige Selbstermächtigung I. Kant zufolge „den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant, Werkausgabe Band XI, S.53). Kant unterschätze bei aller Vernünftigkeit die Gefühle, meint Fischer. 

Die Autorin beginnt die Einleitung in ihr Buch mit der Schilderung eines Wutanfalls. Auslöser war eine „Fünf-Minuten-Meditation“. Damit ist das Thema der Auseinandersetzung gesetzt. Es geht um Achtsamkeit, die als Hype, als Ideologie, als Stressreduktionsindustrie, als Kommerz auf den Prüfstand kommt. Die These K. Fischers, „die sie mit dem Ziel der Aufklärung [jetzt doch?]“ (S. 220) der Achtsamkeitswelle entgegenstellt, lautet: „Unser Selbst-Welt-Verhältnis ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, nicht mehr die Welt.“ (S. 15; Kursive im Original) Den Schlüsselbegriff „Selbst-Weltverhältnis“ übernimmt die Autorin von dem Soziologen J. Schmidt (S. 49).

Die Welt liegt im Argen

Die Weltuntergangsstimmung wird mit soziologischen, politischen und nicht ganz geglückten philosophischen und psychologischen Referaten ausführlich belegt. In Anschluss an den Soziologen Hartmut Rosa ordnet K. Fischer die Krisenhaftigkeit der Wirklichkeit ein. Unser Weltverhältnis verwandelte sich. „Es ist aggressiv geworden“ (S. 62), nachvollziehbar in den drei Ebenen Ökologie, Politik und Selbstbeziehung. „Wir zerstören die Natur, in die sozialen Beziehungen kehren Kriege zurück und wir selbst sind dauernd erschöpft.“ (S. 62) Die Autorin legt zum Beleg zwei Erzählungen vor. Sie berichtet „von den Krisenerfahrungen der Menschen in Deutschland“ und „ihren Versuchen, diese Krisen mithilfe von Achtsamkeit zu deuten und zu bearbeiten“ (S. 64). 

Erzählung 1: Erfahrung der Krise

„Alle Menschen in Deutschland erleben vitale Bedrohungen wie die Klimakatastrophe, näher rückende Kriege, Pandemien und die möglichen Folgen von Künstlicher Intelligenz.“ (S. 65) Begleitet ist diese Krisenerfahrung von vitaler und sozialer Angst. Ängste vor Kriegen, der Klimakatastrophe samt den Folgen, vor der Unkontrollierbarkeit der Künstlichen Intelligenz spiegeln die „vitalen Ängste um Leib und Leben“ wider (S. 71), was für Deutschland ziemlich neu sei. Schon länger, seit den 1990-iger Jahren bekannt seien die soziale Ängste. K. Fischer beschreibt deren Kern: „Heute sorgt nicht mehr die Gemeinschaft für ihre Mitglieder, sondern jede Einzelne muss das selbst privat für sich übernehmen.“ (S. 72) Aufgrund der Verteilungsungerechtigkeit von Vermögen und Wohlstand wachsen mit der Kluft zwischen Armen und Reichen auch „die Kämpfe um Wohlstand und Status und die Angst um die soziale Stellung“ (S. 72). Das Bahn-Chaos wird als Beispiel für „Staatsversagen in wichtigen Bereichen – wie Verkehr, Energie, Gesundheit“ und daraus folgend das messbar schwindende „Demokratievertrauen“ (S. 78) ausführlich geschildert. Mit H. Rosa steht es als „Ausdruck für kollektive Erschöpfung“ (S. 78). Stress ist die um sich greifende Folge der sozialen Angst. Er wird jedoch „nicht als soziales Problem verstanden, sondern als individueller Störfaktor“ (S. 83). Soweit die Erzählung zur Polykrise als Auslöser für vitale und soziale Angst.

Erzählung 2: Achtsamkeit als Deutungs- und Bearbeitungsverfahren der Angst

Die Umwertung von Stress samt den Erschöpfungsfolgen vom sozialen Problem zum individuellen Störfaktor ist für die Autorin der Ausweis von „Achtsamkeit als Ideologie“ (S. 140). Das Ideologische der Achtsamkeit besteht für K. Fischer in deren „individualistische[m] Weltbild“ (S. 141), das verschiedene Kriterien für Ideologie erfüllt: die Irrationalität als „vielschichtige[m] Sozialsystem“ (S. 142, nach A. Damasio) die Verlagerung der Welt in die Köpfe der Menschen (H. Welzer), das imaginäre Verhältnis zum Leben (L. Althousser), der „Verblendungszusammenhang“ (S. 144, Th. Adorno), den mit der Kulturwissenschaftler M. Fisher als „kapitalistische[n] Realismus“ (S. 145) bezeichnet.

Den Ideologienachweis betreibt K. Fischer mit einigem Aufwand. Sie versucht zu zeigen, wie die „neoliberale Ideologie“ die „Stress Reduction Industry“ (S. 147) und die Positive Psychologie in Dienst nimmt, um dem erschöpften Individuum Resilienzarbeit als Lösung seiner Probleme anzubieten, zu entsprechenden Honoraren natürlich. Achtsame Selbstfürsorge, dienstleistungsfertig organisiert, soll „aus dem Mangelzustand der Erschöpfung in einen Zustand innerer Fülle“ führen (S. 155). Insofern bedient die Ideologie der Achtsamkeit die neoliberale Ideologie unbegrenzten Wachstums ohne soziale Grenzen. Zwei Bedingungen des Neoliberalismus werden durch Achtsamkeit erfüllt: „Das resiliente Selbst ist … in erster Linie ein belastbares Selbst.“ Und: Die Dinge sind „so zu akzeptieren, wie sie sind, und die Verwüstungen des Kapitalismus achtsam zu ertragen“ (S. 156), wie die Autorin in Anschluss an die Soziologin S. Graefe ausführt.

Beide Erzählungen ergeben auf den ersten Blick einen durchaus schlüssigen Zusammenhang: Der Neoliberalismus funktionalisiert Achtsamkeit als individualistische Bewältigungsstrategie für die Folgen eines enthemmten Kapitalismus und lässt sich diese Dienstleistung zur Bearbeitung der durch ihn selbst ausgelösten Krisen auch noch gut bezahlen. „Achtsamkeit ist ein Milliardenmarkt.“ (S. 46) Das ideologische Konzept dafür gründet in einigen Glaubenssätzen: Achtsamkeit bietet individuelle Lösungen für allgemeine Probleme. Missstände werden in die existenzielle Dimension verlagert. Von dort aus lässt sich die Wahrnehmung der Verhältnisse, nicht aber die Realität selbst hinterfragen. Resilienz dient der Anpassung. Widerstand wird nur auf symbolischer, gestischer Ebene geleistet. Die Wirkungen werden in den öffentlichen Raum ausgedehnt (nach S. 161). 

Achtsamkeit und Engagement

Achtsamkeit muss man sich leisten können. Insofern, und das erregt Verdacht, ist die von K. Fischer zurecht kritisch gesehene Achtsamkeitsindustrie das Thema der materiell wie kulturell wohlsituierten „Yogafrauen“ (S. 53). Jene hecheln, wie die Männer auch, dem sozialen Status hinterher, der in in einer krisengebeutelten Lebenswelt mit deren beruflichen, gesellschaftlichen und  privaten Anforderungen eine Menge Selbstoptimierungsanstrengung fordert und zwingt, den Rückzug in die „Weltvergessenheit“ kultivieren. Dann generalisiert die Autorin auf der Grundlage von Befindlichkeitsabfragen wie der der DAK in 2025: „Die Weltvergessenheit der Yogafrauen ist so gesehen die Weltvergessenheit von uns allen“ (S. 127) Was K. Fischer übersieht, nicht kennt oder bewusst ausblendet, damit ihre These nicht wackelt, ist die Tatsache, dass sehr viele Menschen, zumindest in Deutschland, in Ehrenämtern tätig sind. Was wären die Hospizvereine, die Tafeln, die Besuchs- und Begleitdienste, auch die Elternbeiräte in Kitas, Schulen und Sportvereinen, wenn sich die von ihr rückzugsgescholtene Mittelklasse nicht dort engagieren würde? Etwas tun heißt nicht automatisch, laut in der Gesellschaft zu sein. Etwas mehr mediale Aufmerksamkeit für die Vielen, die sich kleinschrittig für das (Über)Leben unserer Gesellschaft engagieren, täte freilich gut!

In eine andere Richtung geblickt: Ist Achtsamkeit das Thema vieler Sympathisant*innen der Rechtspopulisten? Ist Achtsamkeit das Thema derer, für die gerade die vertrauten sozialen Sicherungssysteme wegbrechen? Ist sie das Thema derer, die sich gesellschaftlich in Zusammenhängen organisieren, deren „stärkste Gemeinsamkeit … im Misstrauen“ (El Mafalaani, 2025, S. 52) liegt? Leisten sie alle sich gerade Achtsamkeit in der Krise, wie die Autorin suggeriert?

Einseitigkeit und Reduktionismus in den Erzählungen K. Fischers

Sie unterstellt, dass Achtsamkeit von sich aus auf neoliberalistische Funktionalisierung und populäre Kommerzialisierung ziele – und allein mit dieser Intention seit den 1990-iger Jahren promotet wurde. Sie unterstellt, dass Achtsamkeitspflege von sich aus zur „Weltvergessenheit“ führe. Sie blendet dabei die Möglichkeit aus, dass Achtsamkeit die Zuwendung zur Welt fördert. Selbstverhältnis und Weltverhältnis setzen einander wechselseitig voraus.

Psychotherapeut*innen, Ärzt*innen, Sozialpädagog*innen bauen fachlich begründet Achtsamkeitsmodelle und -übungen in ihre therapeutische oder beraterische Arbeit ein. Sie üben mit Patient*innen und Klient*innen die Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Verbindungen zwischen dem Selbst und der Welt. Die eine Verbindung ist das „Und“: „Die Logik des ‚Und‘ ist leichter, großzügiger und toleranter als die Logiken des ‚Entweder-oder‘, des ‚Ja‘ oder ‚Nein‘“, des Vergleichs oder des Ausschlusses (Huppertz, 2022, S. 43). Wer als achtsames Selbst lebt, verhält sich menschenfreundlich und weltsorgend, dabei kritisch gegenüber konstellativen Vereinnahmungen. Das „Und“ ist ein Weg, sich seiner Verletzbarkeit bewusst zu werden, der persönlichen Grenzen, der alle Menschen verbindenden Endlichkeit – und so der Verantwortung für den sozialen und physischen Lebensraum. Die andere Verbindung ist das „Mit“. „Es lenkt die Aufmerksamkeit auf das Zusammenspiel, den Kontakt, nicht nur mit Menschen … Achtsamkeit ist in erster Linie eine Beziehung, die ich im Umgang mit meiner Mitwelt (Menschen und Natur) entwickle.“ (Huppertz, 2022, S. 44). Jene bildet sich im Kontext der Resonanz. „Menschen entwickeln ihre Selbst- und Weltbeziehung und damit ihre Persönlichkeit und Identität, indem sie auf die Welt und das Leben antworten“ (Rosa, 2026, S. 186). V. Frankl formulierte den „Aufgabencharakter des Lebens“ als Verantwortlichkeit des Menschen für das Leben (2007, S. 101 ff.). Das achtsam gesetzte „Und“ (statt oder) und „Mit“ (statt gegen) hält den Menschen in der Resonanz, die ihn zu situativem Handeln befähigt und kritisch gegenüber dem Vollziehen in fremdbestimmten Konstellationen sein lässt. Nicht selten ist gerade Achtsamkeitspflege eine Ressource für soziale Ehrenämter wie Sterbende, schwerst Erkrankte, den Verlust eines Kindes Betrauernde zu begleiten oder sich in einem Tafelverein zu engagieren. Und auch an Demonstrationen gegen Rechts oder gegen die aktuellen Kriege teilzunehmen. Oder, wie 2015 und 2022, sich aktiv für Migrant*innen in unserem Land einzusetzen. Auch das gehört „zur politischen Bilanz der Achtsamkeit“, nicht nur das „Verheerende“ (S. 224).

Achtsame Resonanz ist möglichkeitsfreundlich

„Kritik mit dem Ziel der Aufklärung stellt die bisherige Ordnung infrage.“ (S. 220) Wo ist in Fischers Text der „archimedische Punkt“, der die Angeln des Neoliberalismus, seiner Funktionalisierung von Achtsamkeit, erschüttert, um wieder eine Spur vom Selbst zur Weltwirklichkeit auszulegen? Die Autorin redet sich aus diesem Thema heraus, indem sie auf die Mehrdeutigkeit des Wirklichen verweist, dessen Analyse Zeit brauche. Wie kommen wir zur „kollektiven Kraft“ (S. 203) sozialer Energie, die sich immer auch aus individuellen Ressourcen speist? Wir bringen wir die Energie zum zirkulieren, damit jeder daran teilhaben kann? Jeder, nicht nur die sog. „neue Mittelklasse“ (S. 202), bedarf eines Zugangs zu jener Energie, damit eine Gesellschaft entsteht, in der die Mitglieder ihre Verletzbarkeit gegenseitig ernstnehmen, auch die Energie des Zorns nützen, aus der kollektiven Endlichkeitserfahrung die Verantwortung für einander und die gemeinsame Lebenswelt abzuleiten. In der sie füreinander Leben in Würde ermöglichen. Diese Gesellschaft ist der Möglichkeitsraum eines vielgestaltigen „Wir“, eine Gesellschaft der „selbstreflexiven und selbstrelativierungsfähigen Möglichkeitskultur“ (Sommer, 2023, S. 26). Hierfür kann die wohlverstandene, nicht die missbrauchte Achtsamkeit ein Mittel sein, das sicher nicht ideologisch, möglicherweise ein wenig idealistisch ist. Weltverhältnis ist ohne Selbstverhältnis nicht möglich. Darüber klärt Fischers Buch klärt nicht auf. Deshalb ist es ist in seiner oft aggressiven, reduktionistischen Einseitigkeit schlicht überflüssig.

Quellen:

Fischer, K. (2026): Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandle blockiert. Hanser  (Alle direkten Zitate aus dem Buch als (s.xx))

El-Mafaalani, A. (2025): Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungstheorien. Kiepenheuer & Witsch

Frankl, V. (2007): Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. dtv

Huppertz, M. (2022): Die Kunst da zu sein. Häufig, selten und noch nie gestellte Fragen zur Achtsamkeit. Mabuse

Kant, I. (2023): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Werkausgabe. Band XI (ed. Weischedel, W.), S. 53 – 61. Suhrkamp

Rosa, H. (2026): Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp

Sommer, A. (2023): Entscheide Dich! DerKrieg und die Demokratie. Herder

Klang gewordene Weisheit

Platon äußerte sich ambivalent zur Musik. Die Begleitmusik, die den rhapsodischen Vortrag eines Epos unterlegt, erscheint ihm als „Gemischtes“ (Pol 397 d), nur als Nachahmung des „Tugendhaften, des Ungemischten“ (ebd.). Hingegen „Wohlberedtheit und Wohlklang und Wohlanständigkeit und Wohlgemessenheit, alles folgt der Wohlgesinntheit und Güte der Seele, … dem wahrhaft gut und schön der Gesinnung nach geordneten Gemüt“ (Pol 400 b-c). Reine Musik gehört in den Kontext der Idee des Guten und Schönen.

Im Nachklang des Konzertabends in der Berliner Philharmonie, den ich am 25. April in der Digital Concerthall miterleben durfte, fielen mir Platons Aussagen zur reinen Musik ein. Die Berliner Philharmoniker musizierten unter dem Dirigat von Herbert Blomstedt (*1927) Anton Bruckners 7. Sinfonie in E-Dur. Der Dirigent führte vor der Ausstrahlung kurz in seine Sicht des Werkes ein. Er erläuterte, weshalb er den ersten Satz (Allegro moderato) zügiger nehme als viele seiner Kolleg*innen. Der Satz ist zwar im 4/4 – Takt notiert, allerdings von Bruckner selbst mit dem Hinweis „Alla breve“ versehen, sei also in der halben Taktzeit und damit schneller zu spielen. Das darauffolgende Adagio bezeichnete er, der Tradition folgend, als den ausladendsten Satz, das Herzstück der Sinfonie. Bruckner komponierte den Satz unter dem Eindruck der Nachricht vom Tod Richard Wagners. Bruckner, referierte H. Blomstedt, habe Wagner vor allem deshalb bewundert, weil er soviel erfolgreicher mit seinen Kompositionen war als er selbst. Von Wagner übernimmt er für seine 7. Sinfonie die sog. „Wagner-Tuben“, hornartige Instrumente. Sie fügen der Komposition weiche, tragende tiefe Alt- oder Baritonstimmen hinzu. Der Dirigent sang in seiner Einführung alle Themen der vier sinfonischen Sätze vor, so dass die gewaltige Komposition gut nachvollziehbar wurde.

Zum ersten Mal hörte ich, ein spätberufener Hörer von Bruckners Musik, diese nahegehende, mich tief berührende Sinfonie. Sie beginnt im ersten Satz mit sehr leisen Streicherstimmen, aus denen heraus sich das erste Thema, eine wundervolle Melodie herausschält, die sich später mit zwei weiteren Themen verbindet. Fast terassendynamisch schichten sich die verschiedenen Orchesterstimmen übereinander und entfalten ein konzises und inniges Fortissimo, aus dem sie sich immer wieder lösen, um den Schlussakkord zu formen, der das Bild einer Landschaft in der Abendsonne erweckt. H. Blomstedt gab sich und seinem Orchester Zeit, bevor er den zweiten Satz anstimmte. 

Das Adagio (cis-moll) ist mit Worten nur schwer beschreibbar. Aus der Stimmenfülle, die das thematische Motiv vielfältig erklingen lässt, blitzen immer wieder einzelne Nebenmotive der Solo-Querflöte, Solo-Klarinette und des Solo-Horns wie Einwürfe im musikalischen Gesamtgeschehen auf, von den Solisten der „Berliner“ inspirierend und variantenreich musiziert. Immer wieder wärmen die Wagner-Tuben das Hauptmotiv. Das „Blech“ und die Streichergruppen führen spannende Dialoge, die das Thema differenzieren, variieren, wieder auf sich zurückführen. Langsam konnte ich verstehen, dass der Satz über viele Takte hin einer klanglichen Mitte zustrebt, in der die ganze orchestrale Energie in einem durch einen Beckenschlag unterstützten strahlenden C-Dur-Klang sich „ballt“. Wirkte, was ich hörte, wirklich wie eine „Ballung“?

Eher erscheint das Fortissmimo wie der architektonische Wendepunkt des Adagio-Satzes. Es ist eine Verdichtung, deren Energie weniger durch forcierte orchestrale Lautstärke als durch höchste Intensität des Tons erzielt wurde. Spätestens jetzt wandelten die Philharmoniker ihren elegant leuchtenden Klang zu einem beseelten Ton, dem die verschiedenen Stimmgruppen durch alle Register hindurch berührende Schattierungen zu geben vermochten. Als der Dirigent den letzten Akkord abwinkte und das Orchester auf seine unnachahmliche Weise den Ton ansatzlos wegfallen ließ, empfand ich es als schade, dass die wunderbare Musik des Adagio jetzt schon, nach fast einer halben Stunde, endete. H. Blomstedt sank auf die Bank zurück, von der aus er dirigierte, seine Augen schlossen sich und er gab so dem Nachklang stillen Raum, um dann mit blitzenden Augen das rhythmische Scherzo-Motiv zu intonieren, das sich durch diesen kompakten Satz wie eine Orientierungslinie hindurchzieht. Sogar die Pauke stellte das Motiv solistisch aus. Exquisit, wie der Solotrompeter des Abends das Thema des Scherzos, fast jazzhaft, immer wieder einstreute. 

Überhaupt das Beiläufige in all der ernsten Dichte dieser Sinfonie überraschte so meisterhaft, manchmal salopp, dann wieder akzentuierend oder auch nur von Ferne untermalend gespielt. Alles hatte seine Zeit. Nichts wurde forciert, jedes Motiv, jedes Seitenthema durfte sich in der Beziehung zum kompositorischen Gefüge entwickeln. Wunderschön heiterte das den letzten Satz mit der eigenwilligen Tempobezeichnung „Bewegt, doch nicht schnell“ immer wieder auf. Und hier erklingt dann, diesmal in den überaus feinsinnig und sonor zugleich musizierenden Streicherstimmen, ein Bruckner-Choral. Das alles zielt, von H. Blomstedt feinnervig weitergeführt auf den Abschluss der Sinfonie hin, den das Orchester und der Dirigent in kunstvoller Klangdramaturgie mächtig in den Raum stellten, um dann den letzten Ton einfach wegfallen zu lassen, so dass er im Hörenden weiterklingt. Dafür spannte H. Blomstedt den Raum auf, indem er langsam, als habe er in diesem Augenblick alle Zeit der Welt, seinen rechten Arm absinken lässt, eine lautlose Fermate dirigierend.

Welcher Weisheit bedarf es, um dieses gewaltige Werk in höchstem Lebensalter, mit 99 Jahren, aufzuführen? H. Blomstedt und die Berliner Philharmoniker musizierten diese Sinfonie in beseelter Harmonie. Harmonie setzt voraus, dass unterschiedliche Gedanken, Stimmungen und Stimmen zusammenklingen können. Dabei darf jede Stimme ihre Individualität behalten, soll dies auch, damit der Zusammenklang reicher wird als der Einklang. Harmonie entsteht im Hören der einzelnen Stimmen aufeinander, worin jede und jeder sich mit der, dem anderen abstimmt. Die Musiker*innen miteinander und die Zuhörer*innen mit der Musik und den Aufführenden. Dafür bedarf es eines weiten, freien Raumes. Der Musiker H. Blomstedt vermag es, Räume für die Harmonie zu öffnen und offen zu halten, ohne Druck, jedoch mit intensiver Spannung. Er deutet die Möglichkeiten an, die Harmonien zu gestalten, auch wenn ihnen, wie bei Bruckner eher selten, Disharmonisches vorausgeht. H. Blomstedt weiß, was die Orchestermusiker*innen immer wieder brauchen, um nichts zu setzen, dafür alles ständig zu entwickeln: aufmerksame Offenheit füreinander im musikalischen Handeln und Verbundenheit in der musikalischen Idee, Vertrauen in ihre Handwerklichkeit und zugleich die artistische Kreativität. Blomstedts persönliche Weisheit erschließt den Musiker*innen, mit denen er arbeitet und auftritt, dieses Beseeltsein, das auch die erreicht, die im Hören die entstehende Komposition erleben. Daniel Levitin, Neurowissenschaftler und Musiker, pointiert dies so: „Music‘s social and communal aspects can also impact mental health.“ (Levitin, 2024, S. 166) Oder wie es H. Blomstedt in seiner Konzerteinführung in etwa sagte: Diese Musik wird Ihrer Seele gut tun.

Literatur:

Holland, D. (1987): Anton Bruckner. Sinfonie Nr. 7 E-dur (1881 – 1883), in: Csampai, A. & Holland, D.: Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Rowohlt, S. 488 – 491

Platon (1971, übs. F. Schleiermacher): Politeia. Der Staat. Werke. 4. Band. Wiss. Buchgesellschaft

Levitin, D. (2024): Music as Medicine. How We Can Harness Its Therapeutic Power. Penguin/Randomhouse

Wilde Gefilde

Einmal wieder setzte meine Lebenspartnerin das Thema für einen Blogbeitrag: Wilde Gefilde. Meine erste Idee dazu, einen politischen Text zu schreiben, fand sie nicht gut. Also begebe ich mich in Gefilde, die mindestens so wild wirken wie die derzeitige politische Lage. Welches kulturelle Selbstverständnis haben wir gerade? 

Andreas Sommer, Philosoph an der Universität Freiburg, entwickelt folgenden Begriff von Kultur: „Kultur ist das, womit Menschen sich in der Welt möglich machen. Wodurch sie sich in der Welt möglich machen. Wie sie sich in der Welt möglich machen.“ (Sommer, 2023, S. 21; kursiv i.O.) Auf „unsere“ gegenwärtige Kultur angewendet hält er fest: „Ganz offensichtlich stellt sie keine organische Einheit dar, kein sich und gegen außen abgeschlossenes Ganzes.“ (a.a.O.) Die Kultur in Deutschland erscheint nicht als Nationalkultur, die sich eindeutig abgrenzt von anderen Kulturen und ihr Eigenes in klaren Konturen zeigt. „Vielmehr“, so schreibt Sommer weiter, „ist diese Kultur – die Kultur der modernen liberalen, mitunter etwas halb fertig wirkenden Demokratien – gerade diejenige, in der sich die Womits, die Wodurchs und die Wies, sich in der Welt möglich zu machen, unablässig vervielfältigt haben und weiter vervielfältigen.“ (Sommer, 2023, S. 22) 

Auf die Lebensweltbeziehung des Menschen geblickt ist Kultur Vermittlung, nicht nur Mittelbarkeit, ein Mittleres zwischen Mensch und Natur, wie es Sommer sieht. In der Kultur vermittelt sich der Mensch so mit der Welt, dass er jene als seine Lebenswelt definiert. Aus dem Weltganzen grenzt er die Welt, in der er lebt, die er mitgestaltet und sich ihr insofern anverwandelt, ein. Im Weltganzen fühlte er sich als Einzelner verloren. Wir erleben dies schwundstufenhaft als Globalisierungsangst. Das Weltganze, das ja mehr als die ganze Wirtschaft, die ganze Medialität, selbst die ganze Erde ist, dessen Dimension das Kosmische ist, erscheint dem Einzelnen unübersichtlich. Wo Übersicht fehlt, kann der Mensch keine Ordnung herstellen. Ohne Ordnung sind kognitives Erkennen (Womit), hermeneutisches Verstehen (Wodurch) und modellierende Resonanz (Wie) kaum möglich. Diese Werkzeuge spannen die Lebenswelt des Menschen als dessen kulturellen Raum auf. Sprache, Text, Kunst, Gesetz, Regel, Modell, Wissenschaft, Recht entfalten die kulturelle Anverwandlung der Lebenswelt durch den Menschen. 

Die Gegenwartskultur ist durch neue Lerngeschichten geprägt. Jürgen Habermas (1929 – 2026) beschrieb einen der Lernprozesse als „Perspektivenwechsel vom Beobachter zum Teilnehmer“ (Habermas, 2019/II, S. 777). Damit deutet sich das veränderte Selbstverstehen des Menschen als Kulturarbeitenden an. Er ist nicht mehr, wie in der Aufklärung, Beobachtender der Lebenswelt, indem er in Naturwissenschaft, Soziologie, Philosophie, literarischer und bildender Kunst Modelle, technische Rekonstruktionen, Abbilder der Lebenswelt erschafft. Der Mensch lernt sich in der Moderne als Teilnehmer zu sehen. Er muss sich mit den Wirkungen in und den Folgen für die Lebenswelt auseinandersetzen. Er erkennt die zunehmende Ambivalenz des kreativen Beobachters und des verantwortlichen Teilnehmers an den problematischen Veränderungen der Lebenswelt, die auf ihn als Teilnehmenden zurückwirken. 

Darin erschließt sich eine zweite Lerngeschichte. Der Mensch erkennt sich als Teilhaber des Prozesses, in dem er sich Freiräume der Lebensweltgestaltung erschlossen hat. Zugleich wird er mit den Wirkungen der Freiheit konfrontiert: Klima, Umwelt, Ressourcen sind schwerstens bedroht. Menschen gefährden ihre Lebenswelt. Soziale Katastrophen wie Hunger, wachsende Asymmetrie der Besitzenden und Bedürftigen, völkerrechtswidrige Kriege, vertreiben dieselben Menschen, die im kulturellen Prozess sich der Lebenswelt anverwandeln wollen, aus der Lebenswelt. Darin dürfte ein systemischer Hintergrund der weltweiten Migration liegen. Deutet sich darin eine erweiternde Dimension des kulturellen Vermittlungsprozesses an? Erleben wir in den Migrationsbewegungen eine neue kulturelle Kreativität dergestalt, dass Menschen durch die Lebensweltbedrohung sich veranlasst sehen, vom Beobachterstatus zur Teilnahme überzugehen – mit dem Ziel, selbst zum Teilhabenden zu werden? 

Eine dritte Lerngeschichte deutet sich an, das Umdenken von einer Kultur des Machens zu einer Kultur der Verletzbarkeit. Zwei Schritte initiieren diesen neuen kulturellen Prozess: „Wir brauchen umfassende Einsicht in menschliche Verletzbarkeiten. Und unsere Gesellschaft wird nur dann stark, wenn sie die Verletzbarkeiten von Menschen anerkennt.“ (Schmitz, 2025, S. 158) Weil unsere Lebenswelt eben nicht nur die kulturell vermittelte menschliche ist, sondern sich als in das Weltganze eingefügt erkennt, bedarf es eines zweiten Schrittes: Wir werden die Verletzbarkeit dieses Eingefügtseins erkennen müssen. Durch unser einseitiges Selbstbild als Machende, die vergessen Teilhabende und insofern auch Verantwortliche zu sein, gerät das Weltbild in Gefahr. Wir  blähen unser Selbstbild so weit auf, dass das Weltbild dahinter nicht mehr sichtbar ist. Wir setzen unsere kulturelle Lebenswelt absolut und ignorieren so die Welt als Ganze, für die wir uns gerade als Beobachtende oder vielleicht schon auf der Schwelle zum Teilnehmenden in Position bringen. Eva Illouz schlägt als unbewusstes Motiv für diesen Prozess die Angst vor. Und verweist auf eine – inzwischen überlesene – Behauptung der Kritischen Theorie, nämlich „dass der Antrieb hinter der Aufklärung nicht im Willen bestand, mehr Macht durch Wissen zu erlangen, sondern in der Überwindung der Furcht selbst“ (Illouz, 2024, S. 228 f.).

Wilde Gefilde sind das. Wilde Gefilde führen zuweilen auf Irrwege, zu denen möglicherweise einige der eben entwickelten Gedanken gehören. Wilde Gefilde strotzen vor Kreativität, wie einige meiner Gedanken zeigen. Wilde Gefilde beschreiben das in der extentivst möglichen Form, was Andreas Sommer „die Ausweitung des Möglichkeitsraums“ (Sommer, 2023, S. 25) nennt. Darin verwirklicht sich die Dynamik des Kulturellen, das „das Denken in Alternativen möglich macht“ (Sommer, 2023, S. 24). Alternativen zum Etablierten enthalten Risiken, sonst wären sie keine echten Alternativen. Die Risiken erinnern uns nachdrücklich an die Verletzbarkeit der Welt, unserer Lebenswelt, unser als Menschen.

Danke, liebe Bettina, für deinen wunderbaren Impuls!

Quellen: 

Habermas, J. (2019): Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 2. Suhrkamp

Illouz, E. (2024): Explosive Moderne (3. Aufl.). Suhrkamp

Schmitz, B. (2025): Offenheit und Berührbarkeit. Neue Wege zu Verletzbarkeiten und Resilienz. Reclam

Sommer, A. (2023): Entscheide Dich! Der Krieg und die Demokratie. Herder

Menschsein und Würde – Normative in der Geschlechterdebatte?

Zeitgemäße Psychotherapie versucht während der ersten Begegnungen zwischen Patient*in und Therapeut*in für Entlastung zu sorgen. Skills spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die kurzen und effektiven Übungen ermöglichen unaufwändige und rasche Entlastung der Betroffenen. Sie können rasch erlernt werden und sind meist leicht praktizierbar. Das Beruhigungssystem wird dabei aktiviert, das die Distanzierung von Belastungen und den damit verbundenen unangenehmen Affekten einleitet.

In der Süddeutschen Zeitung vom 10.04.2026 las ich einen Beitrag dazu, was Männer tun können, damit Frauen sich nicht bedroht fühlen. Mehrere Verhaltensanweisungen werden beschrieben. Ich berichte nicht alle. Es sind einfache Hinweise wie Abstand und Raum schaffen bei spontanen Begegnungen der beiden Geschlechter, in öffentlichen Verkehrsmitteln bei entsprechendem Platzangebot nicht direkt den freien Platz neben oder gegenüber einer Frau wählen, sich in bedrohlich empfundenen Situationen wie Anstarren oder  übergriffigen Bemerkungen, durch eine kurze, kantige Bemerkung einmischen und Distanz schaffen.

Das sind wichtige Verhaltenshinweise, die eine sich zuspitzende Lage vermeiden und entschärfen helfen. Sie lösen nur das Problem, um das es geht, nicht. So wertvoll Skills zur raschen Lagebereinigung sind, sie beeinflussen kaum die Haltung, aus der heraus sich Männer in bedrohlicher Weise zu Frauen verhalten oder allgemeiner, sich die Geschlechter – und es sind ja nicht nur Frauen und Männer, um die es geht – einander irritierend, übergriffig, gewaltsam und gewalttätig begegnen. Trauen wir diesen knappen Verhaltensanweisungen nicht zu viel zu?

Sie sind ein erster Schritt, um Ordnung in Situationen zu bringen, die zu entgleisen drohen. Im Grunde werden darin das Selbstsein, die Person, die höchstpersönliche Würde von Menschen infragegestellt und bedroht. Die Bedrohte, der Bedrohte spürt Scham – und nicht der bedrohende Mensch. Die Scham ist eine basale Emotion, die sehr eng mit der Intimität unseres Personseins verbunden ist. Der Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Daniel Hell (2007, S. 139) bezeichnet die Scham als die „Türhüterin des Selbst“. Im Schamgefühl drückt sich die Sorge um die Integrität, die Sicherheit und die Selbstwirksamkeit des Menschen aus. Hell (2019, S. 55 f.) zufolge sind Schamgefühle in jedem Alter ein Thema. 

Übergriffiges und bedrohliches Verhalten löst nicht nur selbstschützende Scham aus, sondern wirkt zudem beschämend. Dies ist die andere Seite dieses „Interaktionsgefühls“ (Baer & Frick-Baer, 2022, S. 37). Beschämung verbindet das Schamerleben mit Qual. Qualvolle Scham generiert Angst. Darin besteht das Irritierende, dass der Übergriff im falschem „Charme“ Gewalt transportiert. Dieser falsche „Charme“, der real eine Form von Gewaltanwendung ist, zielt darauf, andere in eine schamvoll-peinliche Situation zu bringen, sie in ihrer Verletzbarkeit bloß zu stellen und sich selbst in eine vorteilhaft überlegene Position zu bringen. Übergriffiges Verhalten gegenüber einem andersgeschlechtlichen Menschen versucht jenem die Kontrolle über sich und die Lage dadurch zu nehmen, indem jener auf sekundäre Sexualmerkmale reduziert wird. Oder es wird ihm projektiv das Bedürfnis des Täters unterstellt: „Die wollen das ja auch.“ Kontrolleinschränkung oder letztlich Verlust der Fähigkeit zur Kontrolle greift die Selbstbestimmung des Menschen an. Der sexuell-gewaltsame Übergriff ist auch ein Eingriff, nämlich in die Intimität und die Privatsphäre. So stellt es der Philosoph Avishai Margalit (2023) dar.

Soziologisch haben wir es mit „Extraktivismus“ (Ausbeutung und Raubbau) zu tun. Joana Osman (2025, S. 50) sieht in dieser Systematik des Raubbaus „das Prinzip hinter patriarchalischen, kapitalistischen und faschistoiden Ideologien“. Wozu betreiben Geschlechter Raubbau aneinander?, ist also die Frage, der gegenüber die Skills zu kurz springen. Längerfristig bedarf es der grundsätzlichen Einsicht, dass der Mensch eben nicht des Menschen Wolf ist, sondern dass er angesichts der beiden Wölfe, die in ihm sind, die Wahl hat, welchen er gerade füttert. 

Der Neuropsychologe Rick Hanson (2018, S. 13) erzählt dazu die Geschichte einer indigenen Großmutter vom Wolf des Hasses und dem Wolf der Liebe nach. Beide gehören zum Menschen, für den sie beide eine wichtige Funktion haben. Die alte, weise Frau sagt: „ich erkannte, dass alles davon abhing, welchen der beiden ich fütterte, und zwar jeden Tag.“ Es geht also nicht darum, den Hasswolf zu ignorieren, zu unterdrücken. Hanson (2018, S. 71) fragt: „Können Sie … Aspekte des Hasswolfes im Körper spüren?“ Und: „Können Sie auch solche Erfahrungen, das Spüren des Hasswolfes im eigenen Körper akzeptieren?“ Akzeptanz heißt nicht Einverständnis, Bejahung und Ausagieren der Impulse und Bedürfnisse des Hasswolfes. Akzeptanz ist die Feststellung: Die Aggression ist da in mir. Diese Wahrnehmung öffnet für die Frage: Wie verhalte ich mich dazu? Dränge ich den Hasswolf in eine Ecke, lege ich ihn an eine Kette oder sperre ich ihn in einen Käfig? Dann kann ich sicher sein, dass er „am Ende sowohl uns als auch andere beißen“ wird (Hanson, 2018, S. 13). Es gibt Situationen, in denen es sinnvoll ist, ihn zu füttern, nämlich dann, wenn es um Selbstbehauptung, Grenzen ziehen, Nachdrücklichkeit, um den Schutz und die Abgrenzung des Liebeswolfes geht. Auch jener verkörpert eine basale Emotion des Menschen. Auch er kann andere irritieren, wenn die Liebe grenzenlos wird – und Liebende nicht mehr achtsam gegenüber anderen sind. Auch er kann hungernd in einen Käfig verbannt sein: „es ist oft die Liebe, die in Beziehungen zurückgehalten wird und unter Verschluss bleibt“ (Hanson, 2018, S. 72).

Zur Weisheit des Menschsein gehört es, zu entscheiden, welcher Wolf gerade Futter braucht. Füttern  bedeutet, in eine verantwortungsvolle Beziehung treten. Wer füttert, achtet darauf, dass die Nahrung passt, in der Art und Weise, in der Menge, in der Form. Wer füttert, wendet sich dem anderen aufmerksam und wohlwollend zu. Er geht auf den, der gefüttert wird, ein. Er unterlässt den Übergriff auf, den Raubbau am anderen. Er nimmt ihn in seinem Menschsein wahr und lässt ihn in seiner Würde. Menschsein und höchstpersönliche Würde bilden das Normativ, an dem sich das Menschenunwürdige des Extraktivismus zeigt. Jener legt Menschen auf Unterschiede fest und unterdrückt interessengeleitet das Verbindende im Menschsein. Damit macht er die einen zur Abraumhalde und die anderen zu Nutznießer*innen des Raubbaus. Er verengt für die einen die Möglichkeitsräume, um sie für andere zu erweitern. Extraktivismus greift in die „Möglichkeitskultur“ demokratisch verfasster Gesellschaften und die darin verfügbaren individuellen Möglichkeitsräume willkürlich und gewalttätig ein (Sommer, 2023, S. 27). Wenn der Mann nicht anders kann, als das zu leben, wozu er das Recht zu haben vermeint, wenn Heterosexuelle meinen, was für sie die Normalität ist, als Norm für die diversen sexuellen Personlisationsweisen und Lebensformen setzen zu müssen, dann werden Möglichkeitsräume unzulässig reduziert. Denn das Normative ist nicht das Männliche, Frauliche, Homosexuelle, Diverse, sondern es ist das Menschsein in seiner individuellen und höchstpersönlichen Würde. Darin sind alle Menschen verbunden – und unterscheiden sich lediglich in zwei Gruppen, wie V. Frankl (1905 – 1997) es an verschiedenen Stellen seines Werkes formuliert: Es gibt zwei Arten von Menschen, anständige und unanständige. Wozu jemand gehört, entscheidet jede und jeder selbst. Wer Raubbau an anderen Menschen betreibt, indem er sie gewaltsam zu Zielen seiner sexuellen Bedürfnisse zwingt, der entscheidet sich für die unanständige, die entwürdigende Variante des Menschsein. Selbst darin bleibt er oder sie mit dem Menschsein verbunden, leider, ohne es für sich selbst wahrzunehmen, wie gegenwürdig er lebt. Dagegen muss sich jede Demokratie wehren, um die Möglichkeitsräume weiterhin offenzuhalten – für alle und jeden.

Quellen:

Baer, U. & Frick-Baer, G. (5. Aufl. 2022): Das große Buch der Gefühle. Beltz

Hanson, R. (2023): Achtsamkeit und die Neurobiologie der Liebe. Arbor 

Hell, D. (2007): Seelenhunger. Vom Sinn der Gefühle. Herder

Hell, D. (2019): Lob der Scham. Nur wer sich achtet, kann sich schämen. Herder

Margalit, A. (3. Aufl. 2023): Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung. Suhrkamp

Osman, J. (2025): Frieden. Eine reale Utopie. Penguin/Randomhouse

Sommer, A. (2023): Entscheide Dich! Der Krieg und die Demokratie. Herder

Süddeutsche Zeitung vom 10.04.2026, Jg. 82/Nr. 82, S. 8: Ein Alltagsguide für Männer

Jürgen Habermas ist tot.

Nie hatte ich Gelegenheit, Jürgen Habermas persönlich zu erleben. Dabei begleitet mich sein Werk seit 1977. „Erkenntnis und Interesse“ war das erste Buch, das ich von ihm las. Was heißt das, Habermas lesen? Vielen gilt sein Denken als schwer zugänglich. Seine philosophischen und soziologischen Werke sind im oberflächlichen Sinne des Wortes wirklich schwer lesbar. Habermas muss studiert werden. Denn er hinterlegt – erstens – seine Texte mit einer immensen Belesenheit. Jener ist auf die Spur kommen. Wer sich mit den wichtigsten Quellen seiner jeweiligen Argumentation beschäftigt – daran kam ich zumindest nie vorbei -, dem zeigt sich: Habermas referiert nicht nur das Original, sondern er liefert auch seinen eigenen hermeneutischen Prozess zum Quellentext mit. Er begibt sich mit den Quellen seines Denkprojekts in den Diskurs. Dadurch gewinnt – zweitens – bei ihm jedes Quellenreferat eine argumentative, meist dialektische Funktion. Es stützt entweder die eigene These oder fungiert als Einwand, bereitet mithin das einstweilige Verweilen im Aporetischen oder die zielführende Synthese vor. Deshalb gewöhnte ich mir an, soweit als möglich, die Arbeit von Habermas an der jeweiligen Quelle mitzuvollziehen, mich also auf dessen hermeneutischen Prozess der Aneignung einzulassen. Das macht die Lektüre aufwändig, mühsam und bereichert zugleich, weil so die eigene Belesenheit nicht nur das Erinnern eines Gedankengangs umfasst, sondern im aktiven und aktuellen Diskurs gehalten wird. Das heißt: Habermas studieren bedeutet, sich ständig mit dem Material und dem Denkprozess auseinanderzusetzen. 

Ich weiß nicht, ob er sich der Didaktik seiner Texte bewusst war. Wer sie studiert, lässt sich buchstäblich auf den Denk-Weg ein, den Habermas selbst zurückgelegt hat, bis er zu den knappen Formeln kam, in denen er die Ergebnisse seiner Arbeit pointierte, wie „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, „Die neue Unübersichtlichkeit der Wirklichkeit“, „der zwanglose Zwang des Arguments“, „Weltinnenpolitik“, „linguistische Wende der Philosophie“, „der sakrale Komplex“ und viele andere. Kurz: Habermas verstehen wollen, zwingt zum Selbstdenken.

Seit mehr als fünfzig Jahren begleiten mich seine Bücher und Aufsatzsammlungen. Er ist einer der Philosophen, bei denen ich zuerst nachschlage, wenn es um ein mir neues Thema geht. Ernst Bloch ist ein anderer. Beide zeichnen sich durch den eigenwilligen und eigenständigen und damit sehr unterschiedlichen Zugang zu philosophischen Themen aus. Beide mischten sich in die Tagespolitik ein, wenn aus ihrer Denkperspektive dazu etwas zu schreiben oder zu sagen war. Von beiden fühlte ich mich immer wieder beschenkt. Zuletzt durch die zwei Bände des späten Werkes von Habermas (2019) „auch eine Geschichte der Philosophie“. Ein Jahr lang studierte ich während des durch die Pandemie bedingten Lockdowns die über 1700 Seiten Text. Sie enthalten eine selektierte Geschichte der Philosophie in systematischer Form. Sie zeichnen zugleich eine Genealogie des philosophischen Themas nach, das Habermas in seinem späten Denken vor allem beschäftigte: die philosophische Beziehung von Glauben und Wissen oder das Verhältnis von Philosophie und „sakralem Komplex“ zu einander. Dabei entwickelt er ein historisch angelegtes, systematisch argumentiertes Plädoyer für die Unentbehrlichkeit der Philosophie. Er zeigt, wie die Philosophie gegenüber der Theologie und verfassten Religion durch die stete Reflexion auf ihren Denkprozess samt seiner jeweiligen Bedingtheiten und Referenzen in der Lebenswelt die Verantwortbarkeit als Wissenschaft gewinnt. Sie setzt sich als Theorie des systematischen Denkens und Praxis des argumentativen Diskurses durch. Habermas kritisiert dabei die analytische Engführung auf eine der Empirie entlehnten und an sie angepassten Forschungsmethodik. Für ihn lebt die Philosophie vom Bezug auf die jeweilige Lebenswelt. Die Lebenswelt bleibt das kommunikative Apriori der systematischen Reflexion, die als philosophische stets Auskunft über den eigenen Prozess und den Standpunkt desselben zu geben vermag. Kurz: Habermas unternahm in diesem Buch die Vermittlung kantischer Vernunftverantwortbarkeit und hegelscher Systemkomplexität, noch einmal aufgeklärt durch die sprachphilosophische Einsicht, dass Kommunikation Handlung ist. Insofern beziehen sich Philosophie und „sakraler Komplex“ im Sinn einer wechselseitigen qualitativen Ressource füreinander. Jener enthält wertvolle Handlungsformen und Denkgestalten für die Bewältigung der lebensweltlichen Herausforderungen, die philosophisch relevant sind und deshalb in den regelbasierten Diskurs aufgenommen werden sollten. 

Nun ist der Lehrer, den ich persönlich nie in einem Vortrag oder einer Vorlesung kennenlernte, der durch seine Schriften mein Denken und meine Perspektive auf die Lebenswelt mitformte und bereicherte, tot. Ich werde seinen Scharfsinn, seine argumentative Leidenschaft und seine intellektuellen Provokationen im gesellschaftlichen Leben und der Politik sehr vermissen. Der Verlust dieses so lebendigen Denkers lässt mich um ihn trauern.

Arrogant konservativ

Die CDU verliert die Wahl zu Ministerpräsident und Landtag in Baden-Württemberg zwar knapp, aber sie HAT sie verloren. Statt einer Analyse, larmoyantes Gejammere und fragliche Vorhaltungen an den Gewinner der Wahl, als wäre er der grün-linke Wolf im realpolitischen Schafspelz. Und dann noch diese fiese Video. Ein unbedarfter, fast noch puberträrer CDU-Jüngling schwärmt von einem Auftritt vor einer Mädchenklasse und einer Schönheit, die ihn wohl noch eine Weile verzückte. So was lanciert wieder so eine grün-linke Bundestagsabgeordnete (aus Baden, nicht aus Württemberg) gegen den vor der Wahl als künftigen Ministerpräsidenten des „Ländles“ gehandelten CDU-Kandidaten. Der erzählt dann reuig, wie ihm seine Frau den Kopf gewaschen habe. Fast hätte ich vor Mitleid (oder war es vor Lachen?) ein paar Tränchen vertropft. Wer weiß, was jetzt zu Hause los ist, nachdem er die Wahl verlor.

Dieselbe CDU in Person des Bundeskanzlers beruft einen als sehr, fast hätte ich geschrieben „militant“ konservativ bekannten Nichtpolitiker in das Amt des Kulturstaatssekretärs. Er verdrahtet sich – kaum im Amt – mit dem Verfassungsschutz und beschafft jenem Arbeit: Der solle doch mal Buchhandlungen beobachten. Bekanntlich stehen in manchen Läden ja extrem-linke (oder links-extreme?) Bücher herum, deren schierer Anblick schon zum Terror gegen Deutschland motiviert. Es sind eben nicht immer nur die Rechten, die Deutschland bedrohen, die, soweit sie in einer deutsch-alternativen Partei Funktionäre sind, kaum das Zeug haben dürften, selbsttätig Bücher zu schreiben. Bekanntlich tun sich ja Mitglieder des Parteivorstandes schwer, grammatikalisch richtige Sätze in deutscher Sprache zu bilden, geschweige denn Fremdwörter (außer Remigration) zu gebrauchen. Für Bücher, gleich welcher Art, besteht übrigens (noch?) kein Kaufzwang. Bücher wählt der mündige Leser aus. Sie formulieren in der Regel Standpunkte, Argumentationen und Meinungen. Sie stellen sie zur Diskussion. Anders als in politischen Talkshows verbringt man beim Lesen Tage, zuweilen Monate oder auch mal ein Jahr Zeit mit ihnen. Ein knapper Fünfwortsatz, erweitert durch eine rhetorische Floskel, wie sie der deutsche Bundeskanzler bevorzugt, reicht meist nicht aus, um eine eigene Argumentation zum Buchinhalt zu formulieren. Gut, der Bundeskanzler war im Management. Da lernt man: Sag‘ es so, dass es Vierjährige oder Vorstände verstehen können.

Entsetzt lese ich heute, der Innenminister (der Bayern ständig mit Deutschland verwechselt) beabsichtige für die Kulturlandschaft (als ob es das in CDU-Deutschland noch gäbe, siehe Berlinale!) flächendeckende Beobachtungen durch den Verfassungschutz. Ich beruhige mich mit der Annahme, dass sicher wieder ein grün-linker (oder links-grüner?) Journalist so was in die Welt setzt. Kann gar nicht stimmen, lohnt sich auch gar nicht. Denn die beschworene Kulturlandschaft ist demnächst kaputt gespart, wegen Rüstung und Investitionen in moderne fossile Brennstofftechnologie, und ja, in kleine, handliche Atomkraftwerkchen, mit denen dann jeder seinen Strom produzieren kann. Und die rote Tonne für die Entsorgung der Brennstäbe. Die Bayern (ob die Deutschen?) bekommen das dann auch hin, denn sie haben sicher während der Schulzeit viele unangekündigte Extemporalien dazu geschrieben, also kontinuierlich gelernt. Auch mit der Angst umzugehen; denn ein wenig Angst macht das Atom schon.

Stammt eigentlich die Bundeswirtschaftsministerin aus Bayern, so angstfrei und unbesorgt, wie sie einen Klimakiller nach dem anderen reaktiviert? Einen bayerischen Edelmann hat sie zumindest  an der Seite. Einen garantiert angstfreien, mutigen, fast draufgängerischen, sonst wäre er sicher nie Verteidigungsminister gewesen. Wir können also ganz unbesorgt sein. Sie mag sich ja mit der Sprache schwertun (gibt es auch bei außerhalb der AfD), und mit der freien Rede zumal, ist aber nicht dramatisch, denn sie weiß ganz sicher, wie Rollen rückwärts funktionieren. Und das ist für das CDU-Regieren entscheidend. Überhaupt, vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr nach hinten, an den Anfang des 20. Jhdts. blicken, um mehr Verständnis entwickeln zu können für dieses Deutschland, das die Regierung gerade (ver-)formt. Ist auch gut, weil es da noch keine bösen Nationalsozialisten gab. Und: Wir sollten endlich auch der visionären Kraft des Bundeskanzlers trauen, der der FDP die völlige Bedeutungslosigkeit voraussagte. Gäbe es diese grüne Plage nicht, dann hätten wir angesichts der Selbstmarginalierungskraft der SPD bald eine Zweiparteiendemokratie in Deutschland, die guten Konservativen in der CDU und die bösen Nationalrechten in der AfD. Die USA machen es uns, wie so oft, vor, wer irgendwann einmal das Sagen hat. Und dann, dann wären ein paar Grüne, Sozialdemokraten und Linke als Erinnerungsträger*innen der demokratischen Kultur nicht schlecht.

Denkverschiebung – eine neue olympische Disziplin?

Da ist ein ukrainischer Athlet. Wladyslaw Heraskewytsch. Skeletonfahrer. Er hat seinen Helm mit Bildern dekoriert. Sie zeigen Porträts von Athlet*innen der Ukraine. Opfer des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Kein Wort. Keine Parole. Nichts als die Bilder. Er wurde disqualifiziert, weil er gegen die olympische Regel Nr. 50/1.31 zu ostentativer Werbung oder Propaganda auf Wettkampfgegenständen verstößt. Russland führt seinen Krieg gegen die Ukraine weiter. Obwohl das olympische Feuer brennt.

In der griechisch-römischen Antike sollten während Olympischer Spiele die Waffen ruhen. Pierre de Coubertin, die Wiederbegründer der olympischen Idee in der Neuzeit, wollte jungen Menschen die Gelegenheit geben, im sportlichen Wettkampf statt auf den Schlachtfeldern des Krieges ihre Kräfte zu messen. Welches Zeichen wäre es gewesen, wenn Russland sich verpflichtet hätte, die Waffen während der Olympiade schweigen zu lassen. Und die russischen Sportler*innen hätten an den Winterspielen teilgenommen. Kein Deal unter Präsidenten, sondern ein starkes Zeichen von Friedensbereitschaft!

Stattdessen: Disqualifizierung der Trauersymbolik eines Sportlers aus dem bekriegten Land. Der us-amerikanische Athlet Christopher Lillis verhielt sich klüger. Er sprach vom gebrochenen Herzen im Blick auf seine Herkunftsnation. Ja, in den USA ringt ein Präsident Teile seine Bürger*innen mit brachialen Methoden nieder und wütet gegen kritische Athlet*innen seines Landes. In der Ukraine jedoch geht es um das Überleben einer Nation im Raketenhagel und unter den Drohnenschwärmen eines Aggressors, der einen völker- und immer deutlicher auch kriegsrechtswidrigen Angriffskrieg führt: Russland.

Was der ukrainische Sportler beabsichtigte, formuliert die us-amerikanische Starphilosophin Judith Butler (2021, S. 96) so: „Manche Leben erlangen ikonische Dimensionen – das absolut und eindeutig betrauerbare Leben -, während andere kaum einen Spur hinterlassen – das absolut unbetrauerbare Leben, dessen Verlust kein Verlust ist.“ Herr Heraskewytsch wollte im ikonischen Rahmen der Olympischen Spiele seine Kolleginnen und Kollegen vor der Unbetrauerbarkeit retten. „Der trauernde Protest … macht geltend, dass dieses verlorene Leben nicht hätte verlorengehen dürfen, dass es betrauerbar ist“ (Butler, 2021, S. 97).

Ja, es ist ein Regelverstoß gegen die geschriebene olympische Satzung. Wenn es während der Spiele um den gegenseitigen Respekt der Athletinnen und Athleten geht, symbolisch für den Respekt der teilnehmenden Nationen untereinander, dann geht es auch um die Würde des Menschen. Im Symbol wenigstens sollten gefallene, getötete Athlet*innen auf dem Helm des ukrainischen Sportlers in die olympische Familie aufgenommen werden – genuin dort, wo sich alles entscheidet. In der Wettkampfstätte.

  1. https://www.doa-info.de/images/PDF/Olympische_Charta_2014.pdf, S. 67 – 69 ↩︎

Butler, J. (2021, 2. Aufl.):Die Macht der Gewaltlosigkeit. Suhrkamp

Umwege sind das Leben.

Zuweilen begegnen einem Texte aus der persönlichen Lesegeschichte wieder – und unterbrechen das Denken. An solchen Bruchstellen öffnet sich die Oberfläche der Gedanken. Öffnungen laden ein, dem nachzugehen, was sich außerhalb des eingeschlagenen Denkweges daneben, darüber, darunter entdecken lässt. Tatsächlich geht es nach öffnenden Unterbrechungen für’s Erste „drunter und drüber“. 

Ein Literaturhinweis in Hartmut Rosas gerade erschienen Buch „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ (2026) unterbrach meine Gedanken- und Schreibarbeit. H. Rosa verweist darin auf den Text „Umwege“ in Hans Blumenbergs Buch „Die Sorge geht über den Fluß“ (1987/2022, S. 137 ff.). Als ich die kurze Reflexion zum Umweg vor Jahren erstmals las, floss sie sofort in meine psychotherapeutische Arbeit ein. Immer wieder erwarteten Patient*innen gerade am Anfang einer psychotherapeutischen Behandlung oder dann, wenn die gemeinsame Arbeit sich einem lange vermiedenen Thema des Lebenshandelns oder der Persönlichkeit näherte, den direkten Weg von der Einsicht zur sofortigen, bessernden Veränderung. Kurz: ein Rezept für einen beschwerdefreien Umgang damit. Immer wieder hatte ich dann Blumenbergs (2022, S. 137) Überlegungen zum Umweg vor Augen: „Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren.“ Das ist die These. Er erläutert sie sogleich: „Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendlich viele Umwege.“ Wer sagt, dass der direkte und damit kürzeste Weg auch der für jemand beste ist? Vielleicht verlangt er etwas, was jemand gar nicht zu leisten bereit ist. Er zwingt zu ungewohnter Bewegung und zu Risiken, weil er schmal, rutschig, felsig, steil ist. Möglicherweise überfordert er die Kräfte, die gerade zur Verfügung stehen, oder die Fähigkeiten, die einfach nicht vorhanden sind. Außerdem findet sich, wer sich auf dem direkten Weg bewegt, rasch in Konkurrenz zu anderen, die ihn auch nehmen.

In solcher Lage ist es sinnvoll, sich nach Wegen umzusehen, die besser zum jeweiligen Menschen passen und zum gleichen Ziel führen – mit der Chance, während des Umweges zum Nachdenken über das Ziel und zu neuen Perspektiven angeregt zu werden. Umwege erschließen Spielräume, indem sie aus dem Geplanten heraus in Bereiche führen, die zum Entdecken, Verweilen, zu unerwarteten Begegnungen führen. Die Welt, in der jemand unterwegs ist, zeigt sich aus anderen Perspektiven. Zugleich fordert sie den Menschen auf dem Weg zu umsichtiger Aufmerksamkeit auf. Anfangs beschäftigt die bange Frage, ob auf dem Umweg das Ziel auch fristgerecht zu erreichen ist, ob die persönlichen Ressourcen für den Weg ausreichen. Ob man sich zurechtfinden wird. Mit einem Mal fällt an einem selbst auf, wie varíabel die Bewegungen, die Geschwindigkeiten, das Atmen, die Wahrnehmungen sind. Welche Landschaftsbilder man durchläuft und in welche Stimmungen jemand gerät. Mit einem Mal wächst die Lust auf das Verweilen und jemand lässt sich auf einen Blick, einen Ort, einen Zustand ein. Oder es kommen andere des Weges, mit denen Austausch und Geplauder möglich ist. Der Umweg wird zum Weg eines unerwarteten Lebens und Erlebens. „Nicht jeder erlebt alles, wenn auf Umwegen gegangen wird; dafür aber auch nicht alle dasselbe, wie wenn auf dem kürzesten Weg gegangen wäre.“ (Blumenberg, 2022, S. 137)

Es ist für Menschen, die sich auf einen Umweg einlassen, eine überraschende und bereichernde Einsicht zugleich: Wer den kürzesten Weg beschreitet, macht Erfahrungen, die alle anderen auf diesem Weg auch machen. Das ist die Eigenart des „Konstellativen“, das H. Rosa (2026) beschreibt. Jenes macht Prozesse allgemein nachvollziehbar, indem eine Situation in kleine Schritte zerlegt wird, die eine genaue Abfolge für den Vollzug vorgeben. Wer sich auf Umwege einlässt, verlässt die manualisierten Schrittfolgen – und begibt sich in offene Situationen: „Alles hat Aussicht erlebt zu werden“, wie Blumenberg (2022, S. 137) schreibt. Das verlebendigt das Leben; denn es wird in seinem Herausforderungscharakter angenommen. Die Realität kann in aller Vielschichtigkeit und Multidimensionalität, auch in ihrer Befristung ernstgenommen werden und die Einzelnen suchen ihre sinnvollen Antworten dazu. Jede und jeder ist zugleich frei, das Sinnvolle in der Lage zu verfehlen oder sich gegen es zu stellen, noch einen weiteren Umweg zu gehen. Die Verantwortung für die persönliche Entscheidung liegt dann auch bei den Entscheidenden. Es war Viktor Frankl, der dies zu einer der Grundlagen seiner Psychotherapie machte. Das Ergebnis dieser existenziellen Einsicht und Lebenshaltung, welt- und selbstgestaltend die Anfragen des Lebens zu beantworten, besteht darin, sich selbst als Person in Freiheit und Verantwortlichkeit zu erleben. Umwege geben Spielraum für die Lebensantworten und verhelfen zur Selbstwahrnehmung im Kontext der jeweiligen Lebenswelt. Gleichzeitig gilt auch: Umwege sind kein Patentrezept. Manchmal ist es sinnvoll, den kürzesten Weg mitsamt seiner Vollzugsanleitung zu nehmen.

Umwege ermöglichen, wenn eine „konstellative Lage“ (H. Rosa) den rationalen und kürzesten Weg von A nach B verspricht, zu erkennen, dass in jenem Versprechen die Perspektive sich vom „Handeln zum Vollziehen“ verschiebt (Rosa, 2026, S. 7 ff.; S. 145 ff.). Wer vollzieht, klammert sich selber durch das Abarbeiten einer manualisierten Routine aus. Wer sich auf den Umweg einlässt, der erlebt die Vielschichtigkeit des Lebendigseins. Er begegnet weniger Algorithmen, sondern eher Menschen. „Die Umwege sind es, die der Intersubjektivität ihre Bedeutung … verleihen.“ (Blumenberg, 2022, S. 137 f.) Umwege laden dazu ein, sich zusammenzutun, um die Situation zu meistern. Umwege lehren das Unterscheiden. Nur wer unterscheiden kann, wird auch entscheiden.

Umwege sind das Leben. Die glatten Versprechen der direkten Wege für mehr Sicherheit und Evaluierbarkeit entfremden mitunter vom Leben und lassen Menschen ermüden. Lassen wir uns gerade dann auf die Umwege ein, die manchmal geradezu abwegig erscheinen. Dafür bereichern sie das Leben mit Kultur, Vielfalt und Begegnung.

Quellen:

Blumenberg, H. (2022): Die Sorge geht über den Fluss (7. Aufl.). Suhrkamp

Rosa, H. (2026): Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp

Spring vom Stier, Europa!

Der griechische Mythos erzählt, dass sich Zeus in Europa, die Tochter eines phönizischen Königspaares verliebt und sie heiraten will. Er verwandelt sich in einen Stier, stark und anmutig zugleich. Ovid erzählt in seinen Metamorphosen von einem weißen Stier. Europa fasst Vertrauen, schwingt sich auf den Rücken des Tiers. Das trägt sie in Windeseile übers Meer nach Kreta davon. Dort, auf der Geburtsinsel des Zeus, vermählt sich der Gott mit Europa, deren Name zum Gedenken an sie der Kontinent erhält.

Der alte griechische Mythos, in verschiedenen Varianten verschriftlicht, passt zur jüngeren Geschichte Europas. Seit dem Zweiten Weltkrieg und vollends nach der Auflösung des Warschauer Paktes 1991 ist Europa mit den USA nahezu ehelich verbunden. Über die NATO als Verteidigungsbündnis, über die demokratische Orientierung, über die starken wirtschaftlichen Beziehungen, über den Austausch von Wissenschaftler*innen und Wissenschaft, den Technologietransfer und nicht zuletzt über die Tendenzen und Moden des Lifestyles. Leider entpuppt sich der Stier in der Person zwar nicht des Zeus, wohl aber des aktuellen amerikanischen Präsidenten in einer eher abstoßenden Form. Deshalb gibt es aus der Sicht des europäischen Intellektuellen vor allem einen Rat: Spring vom Stier, Europa! Der Ritt in eine Liebesheirat ist zu Ende.

Die Liste der Untreue ist lang. Sie wird aus europäischer Sicht gekrönt durch das bedrohliche Begehren Grönlands, das zu Dänemark gehört und Mitglied der NATO ist. Inzwischen erwägt der amerikanische Präsident auch militärische Mittel der Annektion. Die (einstige?) Hegemonialmacht der NATO trachtet danach, sich einen Bündnisstaat einzuverleiben. Noch kritischer ist die Grundlage der amerikanischen Dominanzbestrebungen unter D. Trump zu sehen: Das Völkerrecht interessiert ihn nicht, wie er sagt und dokumentiert. Solange es für seine Interessen, die er schon immer mit denen der USA gleichsetzt, nicht nützlich ist. Damit kündigen die USA eine der größten europäischen Errungenschaften internationalen Verkehrs zwischen Staaten auf. 

Als sich im 17. Jhdt. die Neuordnung des europäischen Staatensystems nach dem Dreißigjährigen Krieg abzeichnete, war dieser Prozess von der rechtsphilosophischen Idee eines Völkerrechts inspiriert. Mit dem Westfälischen Frieden (1648) war in Europa zugleich ein Regelwerk entstanden, das als klassisches Völkerrecht bis 1914 galt. Bis zur Mitte des 19. Jhdts. konnten nur europäische Staaten als Völkerrechtssubjekte agieren. Dessen Innovation bestand in der Verrechtlichung der Beziehungen zwischen Nationalstaaten. Es war wie Habermas (2019/4. Band, S. 317) schreibt, „für ‚inter-nationale‘ Beziehungen im buchstäblichen Sinne konstitutiv“. Das Völkerrecht ist eine originäre europäische Idee. 

Nach den beiden Weltkriegen in der ersten Hälfte des 20. Jhdts. wurden die Grenzen des klassischen Völkerrechts deutlich. Es versagte angesichts des Zivilisationsbruches des nationalsozialistischen Deutschland. Das klassische Völkerrecht bedurfte im Sinne des Weltbürgerrechts I. Kants (1724 – 1804) einer dringlichen Verbindung mit den Menschenrechten, um seiner Hauptintention zu dienen: der Sicherung des Weltfriedens als Garantie für die Geltungsdurchsetzung und Erhaltung der Menschenrechte. Dieses Ziel verfolgten die Charta der UN von 1945 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Als ideengebende Kraft hinter diesem Prozess fungierte die „Debatte um den Weltstaat“, die I. Kant mit seinen Überlegungen zur rechtlichen Sicherung des Friedens in der Abhandlung zum „Ewigen Frieden (1795) und zur Fortentwicklung des Völkerrechts zum „Weltbürgerrecht“ in der Rechtslehre (Metaphysik der Sitten (1798)) angestoßen hatte.

Die rechtsphilosophischen Überlegungen hinter den modernen Weiterentwicklungen des Völkerrechts durch die Erklärung der unveräußerlichen Menschenrechte internationalisierten die verfassungsmäßigen Grundrechte, die demokratische Nationen ihren Bürger*innen garantieren. Als revolutionär bezeichnet der Rechtsphilosoph A. Pollmann (2022) dabei die Verbindung zwischen Menschenrechten und Menschenwürde, so dass „Verstöße gegen die Menschenrechte … jeweils zu einer Verletzung der Menschenwürde gesteigert werden“ können (Pollmann, 2022, S. 339). So erweist sich inzwischen „die Menschenwürde als das inhaltliche Worumwillen der Menschenrechte“ (Pollmann, 2022, S, 357).

Der rechtshistorische Exkurs verdeutlicht, was die us-amerikanische Staatsdoktrin seit dem 11.09.2001 auf völkerrechtlicher Ebene verfolgt. Seit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes verstehen sich die USA als unilaterale Supermacht, die unter den Präsidenten G.W. Bush, B. Obama, J. Biden und vor allem D. Trump zunehmend hegemoniale Ansprüche anmeldet. Die ökonomische Macht Chinas und das durch den Krieg gegen die Ukraine wieder beachtete Russland streben dagegen eine multilaterale Weltordnung an. Die Europäische Union scheint in diesem Spiel nicht als Mitspieler vorgesehen. Die Motive dafür hat D. Trump jüngst deutlich gemacht. Diese Weltordnung soll nicht durch internationales Völkerrecht mit einklagbaren Menschenrechten und den entsprechenden Klage-, Urteils- und Durchsetzungsinstanzen stabilisiert werden, sondern durch Moral und Verstand der Machthaber. Der Stier, auf dem das immer noch verliebte Europa sitzt, droht es abzuwerfen, falls es nicht aus eigener Kraft vom Stier springt. Denn es stört mit seiner Menschenrechts- und Völkerrechtsorientierung, die eng mit seinem Wertezusammenhang verbunden ist. Verlangt es doch nachvollziehbare, rationale Legitimation und Allseitigkeit der staatlichen Beziehungen.

Europa, die Europäische Union, bezieht die Macht aus den vertrauten völkerrechts- und menschenrechtsbasierten Verfahren und Diskursen. Es vermag diese Diskurse durch weltweit einzigartige ideen- und kulturgeschichtliche Ressourcen zu begründen, belegen und in dieser besonderen aufgeklärten, kritisch-theoretischen und kulturellen Sicht immer wieder neu zu denken. Seine Macht ist nicht einseitig ökonomisch, weil es die Wirtschaft nicht nur liberal denkt, sondern den Liberalismus sozial und zunehmend auch ökologisch einhegen kann. Das enorme theoretische, wissenschaftliche, kulturelle, zivilisatorische, soziale Potenzial befähigt Europa dazu, Politik aus dem Frieden heraus zu denken. Es ermöglicht der Europäischen Union einen rechtsstaatlichen, demokratischen und ökologischen Lebensraum zu entwickeln, der sich notfalls auch militärisch zu verteidigen weiß, ohne die globale Überlebensfähigkeit in Frage zu stellen.

Deshalb: Spring vom Stier, Europa. Er entführt dich sonst in die Bedeutungslosigkeit, die unsere Erde mehr gefährdet als widerrechtliche Kriege, als wirtschaftliche Repressalien oder naiv unhinterfragte zivilisatorische Entwicklungen. Spring vom Stier wieder auf deine eigenen Beine und traue der Standfestigkeit, die dir der weltweit umfassendste ideengeschichtliche Prozess in deiner Geschichte jederzeit verleiht. Ein solches, selbstbewusstes Europa ist mehr als eine Militärmacht, eine Wirtschaftsmacht. Es ist eine ideelle und dem Leben zugewandte Macht, die die Welt erst vermissen wird, wenn sie sich in die Bedeutungslosigkeit entführen ließe. Diesen Trauerprozess sollten wir Europäer*innen dem Rest der Welt durch eine neue Selbstermächtigung analog zu I. Kants Aufklärung ersparen.

Quellen:

Habermas, J. (2019): Philosophische Texte. Band 4 (3. Aufl.): Politische Theorie. Suhrkamp

Menke, C. & Pollmann. A. (2017): Philosophie der Menschenrechte. Zur Einführung. Junius

Pollmann, A. (2022): Menschenrechte und Menschenwürde. Zur philosophischen Bedeutung eines revolutionären Projekts. Suhrkamp

Kant, I. (2024): Die Metaphysik der Sitten. Werkausgabe Band VIII (ed. W. Weichedel; 20. Aufl). Suhrkamp

Kant, I. (2023): Zum Ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Werkausgabe Band XI (ed. W. Weischedel; 21. Aufl.). Suhrkamp, S. 191 – 251

Mehr apokalyptisches Denken, bitte!

Apokalyptik ist nicht in erster Linie eine literarische Gattung voll großer Krisenbilder und Untergangseskalationen. Sie ist nicht allein das literarische und cineastische Surfen auf der Bugwelle der Überlebensangst. Ursprünglich ist Apokalypse eine Zeitform. Sie verbindet die ausstehende Zukunft, das was sich zeigen wird, mit dem, was sich heute schon, also in der Gegenwart, darüber andeutet. Die Zeichen der Zeit können Krisen auslösen, die wort- und bildstark beschrieben und inszeniert werden. Jede apokalyptische Zeitvorstellung sieht und denkt die Zeit befristet, endlich. Die letzte ausstehende Zukunft ist das Ende der Zeit. Das Ende der Zeit kommt auf die jeweilige Gegenwart zu. 

Der Zeitbegriff, der Apokalypse zu denken ermöglicht, entstand im antiken Judentum. Er nimmt die Befristung der Zeit mittels eines einmaligen, unwiederholbaren Anfangs und eines sicheren, allen Menschen und deren Lebenswelt bevorstehenden Endes ernst. Dadurch unterscheidet er sich von Zeitbegriffen, die in Zyklen denken. Die Zeit kommt dann immer wieder auf ihren Anfang zurück, um diesem neu zu entspringen. Das Gegenwärtige vergeht und lebt in der Wiederkehr der Zeiten wieder auf. Die erlebbare Zeit ist entfristet, weil sie in einer Art Analogie wiederkehrt. So kann sie als die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ (F. Nietzsche) der antiken kleinasiatischen und griechischen Kultursphäre oder in der Denkform der Hindureligionen und des Buddhismus als Wiederkehr in Varianz gedacht werden. Der jeweils neue Zeit-Zyklus ist Bild eines schon vorhandenen. Darin ist keine Apokalypse denkbar. Denn die Wirklichkeit endet nicht. Sie lebt und lebt im ewigen Kreis des Ursprünglichen. Sie kommt über den Ursprung nicht hinaus.

Apokalypse nährt sich aus der Spannung zwischen dem Leben in der Zeit und dem Ende der Zeit. Sie geht von einem Zeitverlauf aus, der von einem Anfang her zu einem Ende kommt. Im Wirklichen trifft der Lebende überall auf Befristung und Endlichkeit. Nichts währt ewig unter der Sonne. Nicht einmal die Sonne selbst. Das Ende deutet sich in Krisen an, in Entscheidungszeiten, die das Ende verzögern oder mildern sollen. Hoffnung keimt in der Krise, dass im Ende das Rettende erscheint, in alten Zeiten transzendente Rettergestalten, in modernen revolutionäre Prozesse. Beiden traut die apokalyptische Hoffnung zu, dass sie die rettende Wahrheit der Zeit enthüllen (apo-kalyptein, altgriechisch und übersetzbar mit aufwickeln, enthüllen) und einen Sinn der Endlichkeit zeigen.

Wir begninen gerade ein neues Jahr. Manchmal scheint es angesichts existenzieller, persönlicher und politischer Déjà-vus, dass sich eben doch alles wiederholt. Das mag uns so erscheinen, weil es für uns affektiv einfacher zu leben ist. Im untätigen Klagen zu leben scheint weniger Energie zu verschlingen, als sich zu neuem Tun, zu neugierigem Empfinden oder zu persönlichen, sinnvollen Einstellungen zum vorerst Gegebenen zu motivieren. Zyklische Zeitbilder motivieren nicht. Sie raten eher zur Duldung der gegenwärtigen Gegebenheiten, in der Erwartung, dass sich im nächsten Lebenszyklus für die Gegebenheiten veränderte Perspektiven einstellen. Das Karma ändert sich und mit ihm die Lebensmöglichkeiten. Oder, eher idealistisch-gnostisch gedacht, es entsteht im nächsten Zyklus etwas, das vor den Widrigkeiten des gegenwärtigen Lebens bewahrt. Das kann eine Rettergestalt oder – eher postmodern strukturalistisch gedacht – ein rettendes System, ein neuer Text, ein befreiendes Narrativ sein.

Ebendas führt der Beitrag von M. Andree zum Thema „Nachruf auf den Liberalismus“ (SZ, 01.01.2026) vor. Er entlarvt die neue „große Erzählung“ von Trump und der Tech-Bros als „Abschaffung des Wettbewerbs bei Wirtschaftsgütern“ und des „Wettbewerbs der Ideen“. Dadurch entsteht Platz für digitale Meinungskontrolle, für Polarisierung und Populismus, befeuert durch die radikalisierende Empörung priorisierenden Algorithmen in den digitalen Medien, Platz für Deregulierung und Marktmonopolisierung. Das alles auf Kosten der diskursintensiven und differenzierenden, verantwortlichkeits- und freiheitsbewussten politischen und sozial-marktwirtschaftlichen Mitte. Darin wird die sinnproduktive Spannung der apokalyptischen Zeitform  der Befristung der Zeit aufgekündigt – und mit ihr die stete Abwägung von Freiheit und Verantwortlichkeit, der kritischen Unterscheidung zwischen Intention und universellem Wert und individuellem Sinnzusammenhang, letztlich der Zusammenhang von autonomem Weltbezug, selbstbestimmten Lebensverhältnis und der Möglichkeit zur souveränen Ausnahme, die sich in der höchstpersönlichen Würde des Menschen ausdrücken (Riedel, 2025). Knapp zusammengefasst: Menschenrechte, Völkerrecht, Ethik, Normativität und Legitimierung werden ignoriert und beseitigt.

Es war der Philosoph und Theologe J.B. Metz (1928 – 2019), der auf die Folgen eines Wirklichkeitsverständnisses hinweist, das die Zeit „entfristet“: Das wissenschaftlich-technische Wirklichkeitsverständnis „ist geprägt von einer Vorstellung von Zeit als einem leeren, evolutionär und ins Unendliche wachsenden Kontinuum, in das gnadenlos alles eingeschlossen ist. … Dieses Zeitverständnis treibt jede substantielle Erwartung aus und erzeugt so eine heimliche Identitätsangst, die an der Seele des modernen Menschen frisst. … Aus der heimlichen Angst vor der zeitlosen Zeit nährt sich auch, was man jüngst [1985!] den Zynismus der Moderne genannt hat: der Kult der Apathie, das Sich-Herausdrücken aus den Gefahrenzonen der geschichtlich-politischen Verantwortung, das anpassungsschlaue Sich-Kleinmachen, das Nischendenken, das Leben in kurzfristigen Intervallen, eine Mentalität schließlich, die uns zu Voyeuren des eigenen Untergangs machen kann.“ (Metz, 2017 [1985], S. 100 f.) Ergänzen wir die Hellsichtigkeit der Analyse noch durch das, was vorher im SZ-Beitrag von M. Andree beschrieben wurde, dann zeigt sich: Die Zeitentfristung ist heute als ein ins gestaltlose Unendliche treibender Prozess zu verstehen. Das deutet sich im „Pantextualismus“ (Ilouz, 2025, S. 33 f.) der Theorie der Postmoderne an. Sie sieht das soziale Leben als ein „Netz von Zeichen, Texten, Diskursen, diskursiven Formationen“, also als Text an, der seine Bedeutung aus seinem Organisationsprozess selbst bestimmt – befreit von jeder Autorschaft. Das drückt sich in der „digitalfeudalistischen“ und „libertären“ Herrschaft von Trump und Tech (Andree, 2026) aus. Die technische AI soll alles steuern, Sprache, Inhalte, Prozesse.

Die apokalyptische Zeitvorstellung unterbricht kritisch die Dynamiken der „zeitlosen Zeit“ (J.B. Metz); denn sie drängt auf die Wahrnehmung der Befristung. Jene ermöglicht den Blick auf das Herkunftsbild der Gegenwart, das einen Anfang in der Geschichte voraussetzt. Das ermöglicht die Differenzbestimmung zwischen Bleibendem und Veränderung. Die Befristung der Zeit konstituiert eine Zukunft, für die, da inhaltlich noch unbestimmt, Gestaltungsentscheidungen möglich sind. Für sie sind die Entscheidenden verantwortlich. Entscheidung setzt nicht nur Wahlmöglichkeiten, sondern auch Wahlbereitschaft und die Fähigkeit voraus, sich in Verantwortung für die Folgen auf etwas festzulegen. Darin besteht unsere Freiheit. Wir können, mögen, dürfen – und sollen. So affirmieren wir unsere Würde als einmalige und einzigartige Personen (Riedel, 2024). Die Befristung der Zeit verweist auch auf das Ende der persönlichen und der historischen Zeit und fordert jede und jeden von uns auf, in Würde unsere Zeit zu leben. In der Zeit entspannt sich der Lebensraum, indem gelebt und erlebt werden kann. Wirklich „kann“: Im Frieden wird dieses Leben in Würde gefördert; denn der Friede kann und das Leben wird enden. Gewalt erzwingt die Würde, um bis zum Ende der Frist zu überleben. Immer entscheidet der einzelne Mensch, ob er, was er kann, auch mag; ob er sich im Vertrauen auf ein Sollen und Dürfen gegen die Hindernisse sinnvoll durchsetzt. Wir Menschen leben in einer befristeten Zeit. Ein anderes Leben haben wir nicht.

Die befristete Zeit braucht den Menschen, der sie lebt. Wird die Zeit entfristet, wird der Mensch alsbald überflüssig. Eines bleibt, ob wir es so sehen wollen oder auch nicht: Es sind wir, die entscheiden, ob die Zeit unser Lebensraum bleibt. Ob wir also aus kritischen Motiven heraus, das Unbequeme, weil Unangepasste, wählen – oder uns in der Meinung, dass dabei wenigstens etwas für uns abfällt, den destruktiven Kräften anpassen. Apokalyptisches Denken fordert Entscheidung. Deshalb bitte ich um mehr Apokalypse für dieses Jahr.

Quellen:

Andree, M. (2026): Nachruf auf den Liberalismus, in: https://www.sueddeutsche.de/kultur/liberalismus-monopole-tech-oligarchie-usa-gegenwehr-li.3359403

Illouz, E. (2025): Der 8. Oktober (2. Aufl.). Suhrkamp

Metz, J.B. (2017): „Der gefährliche Christus – oder Vermutungen über eine Unterbrechung der Moderne (1985), in: ders.: Gott in Zeit. Gesammelte Schriften, Band 5. Herder, S. 97 – 105

Riedel, C. (2024): Menschsein im Sterben. Menschenbild, Würde und Logotherapie in der Palliative Care. Hogrefe

Riedel, C. (2025): Verletzbarkeit und Würde, in: Das Jahresheft. Praxis Palliative Care / Demenz Nr. 17 (2025), S. 26 – 29