Putins Krieg bedroht die Phantasie. Influencing erstickt sie.

Ein halbes Jahr lang Krieg in der Ukraine. Die Wirkungen zeitigen sich nicht nur in Bildern und Berichten. Sie sind unmittelbar im Leben spürbar. Zunehmend mehr Menschen in Deutschland fühlen sich bedroht. Steigende Kosten. Angekündigter Mangel. Der für viele von uns gewohnte Wohlstand gerät ins Bröckeln. Viel zu viele kommen an den Rand des Überlebens in einer reichen, geldverwöhnten Gesellschaft. Was mir gerade zusetzt, ist der Rückzug der Regierung auf Mangel- und Defizitverwaltung. Die stete Anpassung an das gerade noch Mögliche und das demnächst nur noch wahrscheinlich Mögliche führt zur Katastrophisierung der Wahrnehmung. Der Wahrnehmung folgt der mentale Focus auf Gefahren. Gefahren modifizieren das Verhalten in Richtung Reaktion.

Wie reagieren wir passend?, scheint die leitende Frage derzeitiger Politik zu sein. Passend reagieren verbindet das Vermeiden der Ausbreitung von Angst und Konflikten in der Gesellschaft damit, die längst greifbare Schwundstufe des Wohlstands mit dem Versprechen auf ein künftiges „Es wird wieder besser“ zu verbinden. Die anvisierten Mittel sind die immer gleichen: sich einschränken, subventioniert werden und schließlich mehr leisten. Die beredte Zukunftsvorbereitung unseres Landes seitens der Ampelkoalition, die Verjüngung der demokratischen Kultur, die Mentalisierung des Klimawandels als Motivation für die Veränderung der Einstellungen im Wohlstandsverhalten, die Haltung klugen Verzichtens, kurz: die Begabung der Politik und des Bürgerinteresses mit Phantasie, die das Überleben zum Weiterleben wandeln sollte, das alles hat Putins Krieg und die fordernde Verteidigungsantwort der Ukraine darauf in das graue Management der Alltagsdefizite verwandelt, die uns als Kampf um’s pure Überleben verkauft werden.

Putins Krieg bedroht die Phantasie. Denn Phantasie überwindet die Limitationen der Zeit. Sie öffnet Räume, die selten oder nie betreten wurden. Sie fügt zusammen, was durch Management nie zusammengeht. Sie nimmt den Fakten die Erdenschwere, ohne sie zu Fakes aufzublasen. Phantasie ist nicht laut, ist zunächst auch nicht öffentlich. Sie regt sich, schwingt sich schließlich auf, wenn die Angst weicht. Sie sprengt die Enge des Gedankens nicht durch überbordende Affekte. Phantasie keimt behutsam. Sie bewegt sich den Gedanken entlang, indem sie ihnen tiefe Gefühle beimischt: Was wäre, wenn … Die Tiefengefühle grundieren die Gedanken, ohne sich in Begründungsdiskurse zu verstricken. Die Gedanken bewegen sich auf der Spur der Phantasie unbeschwerter, eleganter, kaleidoskopischer als im strikten Diskurs. Fügungen entstehen neben den systematischen Synthesen und bilden sich, bis sie zu Bildern werden, denen zuweilen Utopisches und Visionäres eignet. Die Gedankenverbundenheit der Phantasie hindert sie, zur Halluzination oder zum Delir auszuufern. Phantasie bleibt in der Sprache und im gestalteten Bild. Sie bleibt an Bedeutung gebunden. Phantasie bleibt beschreibbar.

Der Möglichkeiten der Phantasie haben wir uns schon lange vor Putins Krieg beraubt. Die Allgegenwart des Meinens, das immer mehr Menschen für das Faktische halten, ersticken die Phantasie im Keim. Das ist wörtlich zu nehmen. Meinen ist interessengeleitete Beliebigkeit. Fakten lösen sich in Fakes auf. Interesse und Einfluss verbinden sich im Modus des Influencings. In diesem Umfeld ist für Phantasie, wie ich sie gerade beschrieb, kein Raum und schon gar keine Zeit. Denn Influencing erspart den Gedanken und führt direkt zu Handlung, meist zum Kauf oder zum Anschluss an eine Meinung. So erstickt die Phantasie im Keim. Ihr fehlt der Gedanke, an dem sie sich empor rankt.

Putins Krieg bedroht die Phantasie. Das ist der Unterschied zur Allgegenwart des Meinens. Propaganda ist aufklärbar und erklärbar. Influencing nicht. In der Propaganda geht es um die Umdeutung von Fakten. Der semantische Raum bleibt. Auch Propaganda hat eine darstellbare Grammatik, die des Kontrafaktischen. Influencing ist die Verbindung von Meinung und Interesse. Es gibt nichts Kontrafaktisches mehr, weil es auch keine Fakten mehr gibt, von denen sich die Propaganda abstößt. Influencing beruht auf Konstrukten, Fakes, deren Kern Stimmungen sind. Dazu können Gegenstimmungen erzeugt werden. Durch Versprachlichung und Bebilderung werden aus den Stimmungen Meinungen, reine Fakes zum Ziel der Werbung. Dazu können jederzeit Gegenmeinungen erzeugt werden. In diesem Gemenge hat der Gedanke keinen Platz mehr; deshalb fällt Argumentation schwer. Wenn es keine Gedanken gibt, an denen die Phantasie aufkeimen kann, dann ist sie im Keim erstickt.

Putins Propaganda lässt Phantasie zu. Wenn wir das notwendige Management nicht absolut setzen, wenn wir uns durch die Gewalt des Krieges nicht einschüchtern lassen und nur reagieren, sondern eigene Gedanken zum Geschehen entwickeln, wenn Friedensgedanken geäußert werden dürfen und nicht gleich als Naivität und Verrat an der herrschenden Unterstüzungsdoktrin gegenüber der Ukraine abgeurteilt werden, dann erhält die Phantasie eine Chance. Lassen wir uns nicht einschüchtern, sondern leisten wir uns, die wir einmal das Volk der Dichter und Denker waren, die Gedanken, an denen die Phantasie aufkeimen kann, auch die Phantasie vom Frieden. Sie kann in Verbindung mit dem Gedankenkeim die Wahrnehmung wieder über das reaktive Management hinaus weiten. Wir werden dann sehen, wieviel Angst notwendend ist und wieviel Freiheit sinnvoll. Wir kommen wieder in das proaktive Leben, zu kreativen Prozessen mit überraschenden, vielleicht sogar erstaunlichen Ergebnissen. Vielleicht zu einem Dialog, in dem der Frieden wieder eine Chance hat.

Was vom Tage übrig blieb

Kazuo Ishiguro – Roman (1989)

Schwer fiel es mir, den Prolog ganz zu lesen. Die gewundene, sich gewissermaßen selbst in den Arm fallende Ausdrucksweise des Protagonisten, Mr Stevens, des Butlers in Darlington Hall, machte es mir nicht leicht.

Darlington Hall ist ein englisches Herrschaftshaus. Seit dem Tod Lord Darlington’s, dem Mr. Stevens als Butler das Haus führte, besitzt der US-Amerikaner Mr  Farraday das weitläufige Anwesen. Farraday bietet dem Butler 1953 anlässlich einer längeren Reise in die USA an, sich eine Woche frei zu nehmen. Ihm stehe der Ford Farraday’s zur Verfügung, um ein wenig über’s Land zu fahren. „Der Umstand, dass meine Einstellung zu ebendiesem Vorschlag im Verlauf der darauffolgenden Tage eine Änderung erfuhr, ja, dass die Vorstellung eines Ausflugs in die Westprovinzen in meinen Gedanken einen breiteren Raum einnahm, ist zweifellos – und warum sollte ich das verschweigen – wesentlich dem Eintreffen von Miss Kentons Brief zuzuschreiben, ihrem ersten seit fast sieben Jahren, wenn man die Weihnachtsgrüße nicht mitrechnet.“ (S. 17) So kommt die zweite wichtige Hausangestellte von Darlington Hall ins Spiel des Romans: die leitende Haushälterin. Die Beziehung der beiden „Köpfe“ des Hauspersonals grundiert die rückblickende Erzählung des Butlers wie ein Ostinato.

Der Roman erzählt die Reise des Butlers als Journal dieser sechs Tage. In die konkreten Schilderungen der Reiseereignisse flicht Mr Stevens ausführliche Rückblenden ein, die bis in die zwanziger Jahre des 20. Jhdts. reichen. So erfahren wir von einigen inoffiziellen Zusammenkünften politisch einflussreicher Persönlichkeiten in Darlington Hall. Wir gewinnen Einblicke in das Selbstverständnis großer Butler. Denn wir LeserInnen haben teil an Mr Stevens Gedanken zu Würde und Loyalität, den Grundlagen des Butler-Seins. Mr Stevens gibt in der Geschichte seines Vaters, den er als einen „Butler von erstem Rang“ (S. 70) unter die herausragenden Butler damaliger Zeit einreiht, einen verhaltenen biographischen Einblick. Am letzten Abend eines mehrtägigen, inoffiziellen und internationalen Treffens in Darlington, stirbt Mr. Stevens Vater dort an einem Schlaganfall. Mr Stevens resumiert diesen denkwürdigen Abend: „Dennoch mag man, bedenkt man den Druck, dem ich an diesem Abend ausgesetzt war, der Ansicht sein, dass ich mich nicht völlig überschätze, wenn ich den Gedanken vorzubringen wage, dass ich vielleicht den zahlreichen Anforderungen gegenüber zumindest in bescheidenem Maße eine ‚Würde‘ bewiesen habe, die auch einer Persönlichkeit wie Mr Marshall [ein Maßstände setzender Butler, C.R.] angestanden hätte – oder, was das betrifft, meinem Vater.“ (S. 141) 

Zwei solcher Treffen in Darlington Hall sind es, die in elegischer Breite beschrieben werden: jenes von 1923 und ein zweites, völlig anders geartetes, wohl in der Anfangszeit des Dritten Reiches. Die Berichte über die beiden Treffen, das erste zur ökonomischen und politischen Last der Versailler Verträge für Deutschland, und das zweite, in dem ein Treffen des britischen Königs mit Adolf Hitler vorbereitet werden sollte, versöhnten mich mit dem Text. Lord Darlington, ein ehemaliger britischer Außenpolitiker, mit einflussreichen Persönlichkeiten gut vernetzt, hatte auf Reisen nach Berlin die dortige schwierige ökonomische und soziale Lage in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wahrgenommen. Seinen außenpolitischen Standpunkt gegenüber Deutschland unter den Versailler Verträgen hatte er neben den Reisen auch durch die Freundschaft mit dem Deutschen Karl-Heinz Bremann entwickelt: „Ich habe im Krieg für die Gerechtigkeit in dieser Welt gekämpft. Soweit ich das verstand, habe ich nicht an einem Rachefeldzug gegen das deutsche Volk teilgenommen.“ (S. 97) Die überraschende Nachricht vom Suizid seines Freundes Bremann in Deutschland führt zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der dortigen Lage und zur dreijährigen Planung und Vorbereitung der inoffiziellen Konferenz im Jahr 1923. An ihr nahmen britische, deutsche, ein französischer und ein amerikanischer Politiker teil. Der aus meiner Sicht interessanteste Beitrag in der Konferenz ist die Rede des Amerikaners, Mr Lewis. Durch Monsieur Dupont, den französischen Kollegen, offen und schwer angegriffen führt Lewis in seinem Redebeitrag weg vom Inhalt des Treffens hin auf die TeilnehmerInnen und den Ablauf des Treffens: „Sie alle hier, entschuldigen Sie, meine Herren, aber Sie sind nichts als ein Haufen naiver Träumer. Und wenn Sie nicht darauf bestünden, sich in Angelegenheiten einzumischen, die die ganze Welt betreffen, wären Sie sogar ganz reizende Menschen.“ Der Redner wendet sich dem Gastgeber, Lord Darlington, zu: „Was ist er? Er ist ein Gentleman. … Ein klassischer englischer Gentleman. Anständig, aufrichtig, wohlmeinend. Aber seine Lordschaft hier ist ein Amateur.“ (S. 132) Mit diesem Satz macht der Roman, dessen rückblickende Schilderungen sich bisher in der ein Jahrhundert zurückliegenden Welt des britischen Empires bewegen, einen Sprung in die politische Gegenwart. Lewis fragt die Anwesenden, „ob sie eine Ahnung davon haben, wohin die Welt um uns herum sich eigentlich entwickelt. Die Zeit, als sie noch nach Ihrem noblen Instinkt handeln konnten, ist vorbei. Nur scheinen Sie das hier in Europa noch nicht zu wissen…. Sie hier in Europa brauchen Fachleute, Professionelle, die Ihre Angelegenheiten in die Hand nehmen.“ (S. 132)

Es geht in den Ausführungen des Amerikaners um nichts weniger als den jüngst von D. Trump wiederholt geäußerten Vorbehalt gegenüber „Good old Europe“. Das zielt in die hochaktuelle Frage, ob wir Europäer die internationale Geschichte seit 1945 und erst recht seit 1989, dem Fall der deutschen Mauer und damit der beiden politischen Blöcke von Ost und West, wirklich verstanden haben. Haben wir uns zu sehr von der neoliberalen ökonomischen Prosperität Mittel- und Westeuropas leiten lassen? Überließen wir es den USA, weltweit das us-amerikanische Verständnis der Demokratie durchzusetzen, während die EU-Europäer im Schlepptau Deutschlands ihre ökonomischen Interessen verfolgten, einschließlich der Bereitschaft zu unbedingter Rohstoff-Abhängigkeit?

Im Roman erwidert Lord Darlington: „Was Sie als ‚Amateurtum‘ bezeichnen, Sir, scheint mir das, was wohl die meisten unter uns hier immer noch lieber mit dem Begriff ‚Ehre‘ bezeichnen.“ (S. 133) Dieser Satz Darlingtons wirkt wie ein hellsichtiger, kritischer Kommentar der deutschen Außenpolitik unter der Kanzlerschaft A. Merkls: Auch sie beharrte auf dem, was im Roman mit Ehre bezeichnet wird und heute als Eintreten für die Menschenrechte gesehen werden kann. Sie beharrte darauf, solange die wirtschaftlichen Interessen EU-Europas nicht von den Menschenrechten tangiert wurden. Man kann das als „Amerikanisierung“ – oder Professionalisierung? – der europäischen, der internationalen Politik sehen. Lord Darlington fährt in seiner Erwiderung an Mr Lewis fort: „Außerdem, Sir, … glaube ich, durchaus eine Vorstellung von dem zu haben, was Sie ‚Professionalität‘ nennen. Es scheint so viel zu bedeuten, wie ans Ziel gelangen durch Betrug und Manipulation. Es bedeutet, seine Prioritäten nach Habgier und Vorteil auszurichten anstatt nach dem Wunsch, dem Guten und der Gerechtigkeit in der Welt zum Sieg zu verhelfen.“ (S. 133) Liberale Ökonomie statt Ethik? 

Es ist tragisch, wie das zweite inoffizielle Treffen, das Mr Stevens aus der Perspektive des Butlers schildert, jenen ehrenhaften Lord Darlington gerade als Opfer der Manipulation seitens der Nationalsozialisten zeigt. Lord Darlington will kein jüdisches Personal mehr in seinem Haus dulden. Mr Stevens entlässt trotz des Protests von Miss Kenton, der Haushälterin, zwei verdiente, jüdische Hausangestellte. Für den Butler ist das der Loyalität und dem Vertrauen in die Urteilskraft des Lord geschuldet. Dieser deutliche Hinweis auf die ideologische Korrumption im Denken des Lord’s verdichtet sich im Anlass jenes weiteren inoffiziellen Treffens in Darlington Hall, an dem der britische Premierminister, der britische Außenminister und der deutsche Botschafter in Großbritannien, Herr von Ribbentrop, teilnehmen. Zugleich ist Mr Cardinal, der Patensohn Lord Darlington’s, im Haus. Er zieht den Butler ins vertrauensvolle Gespräch. „Wenn Sie seiner Lordschaft zugetan sind, sollten Sie sich da nicht Gedanken machen“, fragt der junge Mann den Butler (S. 263). Mr Cardinal, selbst Lord Darlington sehr verbunden, legt dem Butler den Verdacht nahe, Lord Darlington werde unter Benutzung seines Ehrbegriffs durch die deutschen Nationalsozialisten manipuliert: „Einen ganz kleinen Verdacht, dass Herr Hitler durch unserer teuren Freund Herrn von Ribbentrop Seine Lordschaft herumschiebt wie eine Figur auf dem Spielbrett …?“ (S. 264) Dann bezieht sich Mr Cardinal auf die damalige Rede des Amerikaners von 1923: „er deutete auf seine Lordschaft und nannte ihn einen Amateur. … Nun, ich muss sagen, Stevens, dieser Bursche hatte recht.“ (S. 265) Aus der Sicht des jungen Mannes ist Lord Darlington „die nützlichste einzelne Schachfigur“ Hitlers (S. 266) in Großbritannien. Und jetzt werde der Lord dazu missbraucht, den Besuch des Premierministers und des britischen Königs bei Hitler zu vermitteln.

Während dieser aufwühlenden Gespräche versieht Mr Stevens seinen Dienst. Er kümmert sich um die Gäste. Miss Kenton informiert ihn darüber, dass sie zwecks Heirat Darlington Hall verlassen werde. Das ohnehin bedrohte Lebensgerüst des Butlers gerät an diesem Abend, so vermutet es der Lesende, vollends ins Wanken. Für Mr Stevens aber ist es ein Triumph seiner Professionalität. Er war „der entscheidenden Nabe der Dinge so nahe gekommen, wie dies ein Butler nur wünschen konnte“ (S. 270). „Ich sehe kaum eine andere Erklärung für das Triumphgefühl, das mich an jenem Abend erhob.“ (S. 270) 

Am letzten Tag der Reise trifft er die frühere Miss Kenton, seit Jahren verheiratet mit Mr Benn. In aller Distinguiertheit des Butlerseins lässt er jenen erschließenden Satz der immer noch Vertrauten stehen. Sie sagt, dass es in der zufriedenen Ehe mit Mr Benn auch trostlose Tage gebe, in denen sie sich „ein besseres Leben, das man vielleicht hätte führen können“, vorstelle. „Zum Beispiel denke ich dann an ein Leben, das ich mit Ihnen zusammen vielleicht geführt hätte.“ (S. 281) Nach kurzer Nachdenklichkeit antwortet er: „Wir müssen beide, wie Sie das schon betonten, für das dankbar sein, was wir haben.“ (S.281)

Ist es das, was vom Tage übrig bleibt? Dürfen wir uns mit der Dankbarkeit für das, was wir haben, zufriedengeben? Sollen wir nicht lernen, dass Werte, Ehre, Ethos uns verletzlich machen? Anfällig für Manipulation und Propaganda? Der anfänglich für mich so mühsame Roman von 1989 gewann ab der Textmitte, also mit dem Treffen von 1923, fast tagesfrische Aktualität: Das Entsetzen von uns, der vermeintlich so kritischen Generation von 1968, als Putin im Februar 2022 rücksichtslos und alle politischen Codices verhöhnend die Ukraine überfiel, steckt noch immer in den Knochen. Die aggressive Abwehr des begründeten Verdachts der Missachtung der Genfer Konvention im Verteidigungskrieg der Ukraine durch deren PolitikerInnen, die Propaganda auf beiden Seiten: die menschen- und kulturverachtende Russlands und die verbissen rechtfertigende der Ukraine, sie zeigen, dass der im Roman apostrophierte Begriff von Professionalität in der Politik zu einer politischen Haltung der Werte, der Ehre und des Ethos leicht in Widerspruch gerät. Wenn Politik auf die Kommunikation des Mechanismus der Machtstrukturen reduziert wird, wenn Politiker nicht zugleich ethische Kompetenz und Reflexion und damit die Verletzlichkeit des Menschlichen kultivieren, dann geben wir Herrn Putin, Herrn Xi Jinping und anderen Autokraten recht. So tragisch, wie es der Roman Kazugo Ishiguras an der Gestalt des Lord Darlington und seines Butlers schildert.

Kazuo Ishiguro (Neuausgabe 2021): Was vom Tage übrig blieb. München (Blessing) – Seitenzahlen im Text beziehen sich immer auf diese Ausgabe.

Helga Schubert: Judasfrauen

„Dieses Buch erschien zuerst im Frühling 1990, in diesem wunderbaren politischen Frühling, im Westen. Im Westen und nicht im Osten, wo ich es schon zwei Jahre zuvor beim Aufbau-Verlag abgegeben hatte.“ (S. 5) Es ist ein „altes“ Buch, basierend auf Lesetexten H. Schuberts aus den Jahren 1984 bis 1988. Das ist die erste historische Ebene, die das Buch erschließt. Sie dehnte sich und war kompliziert; denn sie hat mit dem schwierigen Zugang zu dem Material zu tun, das den Texten im 2021 im dtv-Verlag vorliegenden Taschenbuch zugrundeliegt. 

Das Material selbst erschließt die zweite geschichtliche Ebene des Buches. Es stellt „zehn Fallgeschichten weiblicher Denunziation im Dritten Reich“ zusammen, wie der Untertitel ankündigt. Zum Teil lagen die von H. Schubert recherchierten Quellen in den Archiven der DDR, zum Teil in Archiven in Westberlin. Sie erzählt im Abschnitt „Judasfrauen“ die Geschichte der Recherche, in der sie ein kaum erschlossenes Thema verfolgt: Frauen im Dritten Reich, die ohne dringende Veranlassung oder politischen Druck Menschen an die Kreisbehörden oder direkt an die Geheime Staatspolizei verraten. Zuweilen waren die Denunziantinnen zufällige Zeuginnen kritischer Äußerungen gegenüber dem Zustand und der Regierung Deutschlands während des Krieges, manchmal standen sie ihren Opfern nahe, hatten deren Vertrauen erworben. 

Das Buch hat eine dritte Ebene, die mit der Profession der Schriftstellerin Helga Schubert zu tun hat. Sie ist ausgebildete klinische Psychologin und hat als solche teilweise hauptberuflich, teilweise im Nebenberuf von 1963 bis 1987 in verschiedenen therapeutischen Kontexten gearbeitet. „Frauen, die andere Menschen durch ihren Verrat töteten. Was waren das für Frauen?“, ist die leitende psychologische Frage der Schriftstellerin in ihren Erzählungen. Ihre Mutter wendet zwei Fragen zum Thema des Buches ein: „Fühlst du dich denn überhaupt befugt, über so etwas zu schreiben?“ (S. 15) Und:  „Warum sprichst du eigentlich dauernd von Frauen?“ (S. 16) 

H. Schubert antwortet mit einer klaren Intention: „Mich stört die Frauenveredelung: So sensibel, so zart, so kooperativ, so mütterlich, so mitleidig, so kreativ, so authentisch sind wir nicht. Wir sind auch böse und auch gefährlich, auf unsere Weise. Sobald ein Mensch auf einem Sockel steht, möchte ich den Sockel zerschlagen.“ (S. 16) Das ist die vierte Ebene dieses 174 Seiten reichen Buches: Sie setzt die Auseinandersetzung mit den Bedingungen, unter denen bestimmte Bilder von Menschen entstehen und sich performativ auf die kollektive Meinung auswirken. Diese Gefahr der Sockelstellung wächst unter den Verhältnissen in Diktaturen. Die Ideologie zeichnet bestimmte Menschen dadurch überlebensgroß, dass das Menschliche auf wenige erwünschte Eigenschaften verkürzt wird, die dann umso größer erscheinen.. 

Das Buch ist während der zweiten Diktatur auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert veröffentlicht worden, am Ende der DDR als deutschem Staat in der BRD als dem anderen deutschen Staat. Es beschreibt denunzierende Frauen in der ersten Diktatur auf deutschem Boden, in der Hitlerdiktatur. 

Die Erzählungen über die zehn Frauen, die andere durch ihre Denunziation zu Tode oder mindestens in Haft gebracht haben, sind aus meiner Sicht meisterhaft. Der Autorin gelingt ein Stil, den bei aller Sachlichkeit in Wort und Satz eine vorsichtige, detektorische Empathie kennzeichnet. Sie verbindet dazu Schilderung, inneren Dialog bis zur direkten Rede in einer berichtenden Narration, in die feinsinnig Linien psychologischer Anamnese und Analyse einbezogen sind.

Zwei prominente Opfer von Denunziatorinnen in der Lebensumgebung stellt H. Schubert vor. Dr. Carl Goerdeler, der Oberbürgermeister in Leipzig war und zum Kreis um Claus von Stauffenberg gehörte, wäre nach gelungenem Attentat auf Hitler wahrscheinlich Reichskanzler geworden. Helene, „politisch nicht interessiert“ (S. 39), erkannte Goerdeler auf einem Fahndungsfoto zum Stauffenberg-Attentat. In ihrer Jugend begegnete sie wiederholt Goerdeler, der damals Oberbürgermeister in Königsberg war, der Geburtsstadt von Helene, die dort auch arbeitete. Sie bedrängt ihren Vorgesetzten, der ihre Beobachtung für eine Verwechslung hält, Goerderler anzuzeigen. Sie tut es schließlich selbst. Ihr Lohn für die Denunziation: ein Besuch bei Adolf Hitler und eine Million Reichsmark. Zwei Tage nach der Verhaftung Goerdelers fällt sie einige Tage in ein Nervenfieber. „War es die Erwartung, vom mächtigsten Mann im ganzen Land, vom Führer, bald berührt zu werden? An der rechten Hand, die Innenfläche dieser Hand an seiner? … War es der Sieg im Wettlauf: Ich kann besser als ihr alle beobachten, mich besser als Sie, mein Vorgesetzter, erinnern? Ich bin nicht klein und nicht dumm. … Hat sie vom Blut gekostet, das die Mächtigen der Welt an jedem Tag trinken?“ (S. 47 f) Aus diesen Fragen spinnt H. Schubert das Gedankennetz, in dem sich die Deutungen des Lesers verfangen können.

Das andere prominente Opfer einer weiblichen Denuntiation ist der 27-jährige deutsche Nachwuchsvirtuose am Klavier, Karlrobert Kreiten. Seine Verräterin stammte aus dem Freundeskreis seiner Mutter. Auf ihre Hinweise hin wird er vor einem Konzert in Heidelberg festgenommen. „Nach zwei Wochen wurde er ins Gestapo-Gefängnis nach Berlin gebracht und dort seiner Verräterin gegenübergestellt. Was mochte die Frau empfunden haben, als sie in das hungrige und zerschlagene Gesicht des Sohnes ihrer Freundin blickte?“ (S.99) Diese dem Journalismus angenäherte, berichtende und zugleich hinterfragende Sprache H. Schuberts unterstreicht das Groteske der Denunziationen. 

Am meisten berührte mich, gerade auch durch die sprachlich meisterhafte Darstellung, die Erzählung „Die Vertrauensperson“ (S. 101 – 141). Es ist der umfangreichste Erzähltext im Buch. Der Nachkriegsprozess gegen Dagmar I., einer in Deutschland verheirateten Schwedin, dauerte fast einen Monat lang. H. Schubert verlässt die berichtende Schilderung. Sie bedient sich, um die Frau und ihre Taten darzustellen, des inneren Monologs der Angeklagten. „Du, mein Richter, bist schön, braunäugig, kindlich. Du willst vermutlich gerecht sein. Höflich bist du, fast zart, mein lieber Richter. Du ähnelst einem der elf, die als meine Opfer gelten, du ähnelst Bruder Paulus, dem Geköpften. Er vertraute mir so. Ich war seine einzige Vertraute. Vielleicht hast du Mitleid mit mir? Ich könnte doch deine Mutter sein.“ (S. 103) 

In diesen wenigen, Wort für Wort das Manipulativ der Angeklagten aufbauenden Sätzen, wird wie in einer Opern-Ouvertüre die gesamte Thematik des Prozesses vorweggenommen. Dagmar I. erscheint als histrionische Persönlichkeit. Sie erschleicht, in einer zweckdienlichen Ehe mit einem spröden Gelehrten lebend, das Vertrauen von Menschen mit gesellschaftlichem Ansehen, um sie dann zu denunzieren. Einige ihrer Opfer bezahlten das Vertrauen zu ihr mit dem Tod. „Alle haben sie büßen müssen. Für ihren Hochmut.“  (S. 112) Denn keiner der von Dagmar I. Umworbenen hätte sich aus echtem Interesse mit ihr abgeben. Sie gehörte nie wirklich zu denen, die sie als ihre gesellschaftliche Welt wähnte.

In ihrer Stellungnahme im Prozess erklärt sie dem Richter ihre Unschuld: „Wer mordet, hat Macht. Wer die Macht hat, darf richten. Aber ich habe nichts Böses getan. Ich war machtlos. Der Tod muss sein, der Tod gehört schließlich zum Mord, Herr Richter. Warum macht man sich sonst die Mühe des Mordens? Und es ist eine Mühe. Ein Mord erfordert einen Vorsatz und eine Vorbereitung, das haben sie studiert und mussten es für die Prüfung wiederholen. Und ein niedriges Motiv: Gier nach Geld, Macht oder Sex. Das niedrigere Motiv ist das wichtigste von der Dreieinigkeit. Ein kleiner Fanatismus – er muss gar nicht durchdacht sein – in der Weltanschauung, der Politik, der Religion entschuldigt den Mörder. Der Mörder ist kein Mörder mehr: Ein mildernder Umstand ist da. Aber ich brauche den mildernden Umstand nicht, ich bin keine Mörderin.“ (S. 113 f.) Sie kann alles aus der Warte der gekränkten Persönlichkeit erklären. Ihre Perspektive widerspricht den Aussagen der Zeugen. Sie durchschaute, worin die Einzelnen, die sie kränkten, manipulierbar waren: die Gier nach Geld, nach Macht und Sex. Sie legte es an geeigneter Stelle in geeigneter Form darauf an, dass die Denunzierten sich ihr gegenüber überschätzten und unvorsichtig wurden. Dann gaben sie preis, was Dagmar I. für den Verrat nutzte. Sie, ein Spitzel des Staates ohne Honorar, nur für die Vergünstigung, mehrmals im Jahr nach Schweden ausreisen zu dürfen.

Dagmar I. fasst ihr Plädoyer zusammen: „Ich bin unschuldig. Ich war nur ein Stein. Nur der erste Stein einer Steinlawine. Ich bin eine Gedankentäterin. Nur mit Buchstaben, geschriebenen Worten, soll ich anderen geschadet gaben?“ (S. 140) Gedanken als Anstoß, der zur Verurteilung, zur Bestrafung, zur Hinrichtung führt. Jene scheint so weit vom Anstoß entfernt, dass die Verräterin eine Ursächlichkeit nicht mehr auszumachen vermag. Sie erklärt sich für unschuldig. Wieviele Befehlshaber, Kommandanten, Anstifter in den Kriegen unserer Tage werden sich genau dieser Argumentationsfigur bedienen? „Dieser ganze Aufwand, diese vielen Zeugen. Wegen Beihilfe zu Mord wollen sie mich belangen. Niemals werden sie mich dafür verurteilen können. Denn ich habe nicht beim Morden geholfen. Es sind nicht einmal alle tot, die ich tot haben wollte. … Auf mein Geständnis wartest du umsonst.“ (S. 141)

„Judasfrauen“ verfolgt ein ignoriertes Thema: die Frau als Denunziantin. H. Schubert vermeidet es, die Motive der zehn beschriebenen Frauen vereinfacht über einen Leisten zu scheren. Sie lässt jeder ihre individuelle Motivation. Das Gemeinsame ist, dass das Frauenbild des Dritten Reiches sie alle schützte. Schubert zeigt, dass Frauen eben auch böse und auch gefährlich sein können, auf ihre individuelle Weise und unter dem Schutz der ideologischen Stellung. In der Debatte um Geschlechtsrollendiversität wirft dieses Buch eine wichtige Frage auf: Wie vereinfacht nehmen wir einander wahr, wenn wir nicht ständig und kritisch unsere ideologischen Bilder von einander hinterfragen? Wer intelligent, pragmatisch oder verformt genug ist, der hängt sich solche Debatten wie ein Mäntelchen um, unter dessen Schutz sie oder er die ureigensten Interessen unverhohlen zum Schaden anderer verfolgt.

Wie beendete E. Heidenreich ihre Literatursendung? „Lesen!“

Schubert Helga: Judasfrauen, 2. Aufl. 2021, München, dtv-Verlag TB-Nr.14821 (Alle Seitenangaben im Text bezieht sich auf diese Ausgabe.)

Ich lebe mit Covid.

Ich bin an einer Infektion mit dem Sars-Cov-II-Virus erkrankt. Nach 10 Tagen, seit Freitag, den 08. Juli 2022, ist die Virenlast laut PCR-Test nicht mehr zwingend ansteckend. In den kommenden fünf Tagen soll ich nach wie vor Kontakte in geschlossenen Räumen vermeiden und außerhalb der Wohnung eine FFP2-Maske tragen. Spannenderweise wäre ich arbeitsfähig, in geschlossenen Räumen, im Kontakt mit KursteilnehmerInnen, PatientInnen.

Ich fühle mich nach wie vor krank. Die deutlichen Symptome sind abgeklungen. Ich lebe jedoch in bleierner Müdigkeit und Mattheit. Jeder Morgen verlangt eine langsame Anpassung an den Tag. Nicht, dass ich keine Motivation hätte; jedoch fordert mich jedes Tun, ob im Schwerpunkt kognitiv oder physisch, so sehr, dass ich nach kurzer Zeit erschöpft bin. Hinlegen und schlafen, so würde ich am liebsten mehrmals am Tag regenerieren. Immer wieder Atemnot, Schwindelgefühle bei raschen Bewegungen, fast keine Ausdauer, aber auch Schwierigkeiten mit der Konzentration, mit der Merkfähigkeit, erschwerte Wortfindung, Flüchtigkeit im Zuhören und eine wahrnehmbar reduzierte Fähigkeit der Selbststeuerung, damit lebe ich, seit das Virus in mich eingedrungen ist. Das sog. „Freitesten“ ist ein Euphemismus, der suggeriert: Wenn keine bedeutsame Virenlast mehr nachweisbar ist, dann bist du gesund. Das erweist sich als Irrtum. Die Lebensfähigkeit erscheint mir erheblich eingeschränkt. Das Leben ist gerade durch den Eindringling, den Fremden, das Virus, mühsam geworden. 

In seinem grandiosen Essay „Der Eindringling. Das fremde Herz“ reflektiert der französische Philosoph Jean Luc Nancy (2000) seine Selbst- und Weltbeziehung nach einer Herztransplantation. Da ich derzeit nicht über die Energie zu einer originären Reflexion meines Zustandes nach der Infektion mit Sars-Cov-II verfüge, adaptiere ich einige wenige von Nancys Gedanken auf meine Lage. 

Das Virus ist ein Eindringling. Es kommt ungefragt, ungebeten, nicht eingeladen. Es ist ein Fremder und bleibt, auch wenn es sich einzelner Teile meiner DNA bemächtigt, ein Fremder. Das Virus wird nicht „heimisch“ (Nancy 2000, S. 7). „Sein Ankommen ist in jeder Beziehung immer noch ein Eindringen. Es kann sich auf kein Recht, keine Vertrautheit, keine Gewöhnung berufen, im Gegenteil: es ist eine Störung, ein Aufruhr im Innersten.“ (Nancy 2000, S. 7) Was Nancy über das neue, ihm fremde Herz, das in ihm schlägt, schreibt, lässt sich in anderer Tonart auch auf das Corona-Virus modulieren. Das Virus begegnet mir und ich erkenne es nicht. Ich will es nicht aufnehmen. Ich schütze mich durch Abstand, Maske und Hygiene. Es dringt trotzdem in mich ein. Es besiedelt die Schleimhut meiner Atemwege. Es benützt meinen Organismus als Lebensort, an dem es sich vermehren kann. Es macht mich zum Wirt und damit zum Handlanger, um das Eindringen in andere Menschen vorzubereiten. Zunächst stehe ich dem Geschehen ohnmächtig gegenüber.

Die Vorhandenheit der Viren ist fremdes Leben in mir. Sie löst Prozesse des eigenen Widerstands aus. Eines meiner lebenswichtigen Organe, das Immunsystem, wird aktiv, wehrt den Eindringling ab. Es lässt das Virus den Fremdkörper bleiben, der es ist. Fieber, Schmerzen, Schwäche, das ganze Elend meines Menschseins muss ich erleben. Auf einmal werde ich in den Prozess des biologischen Lebens aufgehoben mit dem Ziel, zu überleben. Und: ich werde nicht gefragt. Es geschieht. Mein Körper organisiert, abseits meines Wollens, ein Überleben, das ich dann zu führen habe. Ich fühle mich elend.

Was heißt „elend“? Das aus dem Althochdeutschen stammende Wort „elilenti“, im Mittelhochdeutschen dann „ellende“, ist verwandt mit dem griechischen Wort allos und dem lateinischen alius, anders, fremd. Der „Elende“ ist der Fremdling, der an dem Ort, wo er sich gerade befindet, keine Heimat hat und damit keinen Schutz (Etymologisches Wörterbuch. Band 1, 1989, S. 349 f.). Wer sich in seinem Elend wahrnimmt, ist sich selber fremd geworden. Er fühlt sich aus sich selber „ausgesetzt“ (Nancy 2000, S. 47). Das erlebe ich in jedem Corona-Test: Ich teste mich, um zu erfahren, wie sich der Eindringling in mir verhält, ob er mich noch in vollem Umfang nützt oder ob meine Immunabwehr ihn bereits zu kontrollieren beginnt. Ich setze mich dem objektiven Messen aus, um den immunologischen Abwehrerfolg zu verobjektivieren. Die Zeit zwischen Eindringen und Abwehr aber erleide ich. „Das Leiden ist das Verhältnis zwischen einem Eindringen und seiner Abwehr.“ (Nancy 2000, S. 41)  

Dieses Leiden ist mein Leben mit dem Prozess von Eindringen und Abwehr. Ich bin es, der dieses Leid spürt, erträgt, aushält. Bin ich es wirklich, frage ich mich immer wieder, oder hat mich das Virus meiner selbst entfremdet, mich ins Elend vertrieben? Mir scheint, dass hier die existenzielle Frage aufbricht, in der der Infizierte sich als Kranker erlebt. Ich leide an dem fremden Virus und zugleich an dem Prozess der Abwehr: Ich erlebe Schmerzen. Ich habe keinen Appetit mehr. Ich fühle mich erschöpft, matt und müde. Ich bin für mich selbst verändert durch den Eindringling. Ich bin zum Wirt geworden für das fremde Virus. Deshalb gehört es zu meiner Verantwortung, andere vor mir zu schützen. Ich gehe in Quarantäne, unterbreche den Alltag, verändere mein Weltverhältnis. Das wirkt sich auch auf mein Selbstverständnis aus. Ich bin mit mir und einer reduzierten Lebenswelt allein. Kann meine Immunabwehr mein Leben schützen? Welches Leben? Solche Fragen erschließen mir Freiräume.

Ein Freiraum besteht in meinem verantwortlichen Leben mit dem Fremden in mir. Ich biete meine Selbstwirksamkeit auf, um meiner Verantwortung gerecht zu sein, andere vor der Wirkung des ungewollten Eindringling zu schützen. Meine Freiheit besteht in der Selbstbeschränkung durch Quarantäne. Es ist ein psychisch anspruchsvoller Prozess, in meiner Schwäche Verantwortung dafür zu übernehmen, was mir ungefragt widerfahren ist. Den persönlichen Freiraum einschränken zu sollen, um andere nicht in dieselbe Lage zu bringen, in der ich bin. Es geht in meinem Abwehrprozess um den Schutz des Lebens anderer und mein Überleben. Es geht um einen verantwortlichen Verzicht, der dem Leben dient, indem ich mein Leben beschränke.

Längst ist deutlich, dass das Infektionsgeschehen nur ein Teil des Krankseins ist, das das Leben bestimmt. Ist die Infektion abgewehrt, verändern sich die Symptome. Der Eindringling wird kontrolliert. Ich darf mich wieder einmischen in die Außenwelt. Doch kehrt allein damit die Vertrautheit mit mir und meinem Leben zurück? 

Der Körper braucht seine eigene Zeit, um aus der Abwehr des Fremden wieder zum organismischen Alltag zurückzukehren. Es bedarf wohl einer eigenen körperlichen Sicherheit, damit leben zu lernen, dass die Antikörper, das immunologische Gedächtnis an den Eindringling ab jetzt für lange Zeit dableiben. Ich werde mich inzwischen daran gewöhnen, dass der Eindringling eine Weile von meinen Kräften lebte. Es ist auch meine Energie, mit der ich das Virus abwehrte, unter Kontrolle brachte. Das Überleben ist gelungen. Ist der, der überlebte, derselbe, der vorher einfach lebte? Worin habe ich mich verändert?

 „Von Schmerz zu Schmerz, von Fremdheit zu Fremdheit ist – bin „ich“ am Ende nichts als ein dünner Faden.“ (Nancy 2000, S. 45) Am einen Ende ist er angebunden an die Erinnerungen, die Vergangenheit, an den, der ich einmal gewesen bin und immer noch bin. Das andere Ende ist offen. Darin besteht die Freiheit meiner Existenz. Ich kann es an jeden gegenwärtigen Augenblick binden, den ich so in meinen Lebensfaden einbinde. So werden die vielen Gegenwärtigkeiten zur Wirklichkeit des Lebens. Etwas an der Fremdheit des Eindringlings nehme ich in mich auf: die Antikörper, die Erinnerung an den Schmerz, das Gedenken an mich während der Zeit des Elends.

Ich lebe mit Covid. Das ist der Unterschied zum rein philosophischen Versuch, wie ihn z.B. Giorgio Agamben (2021) vorlegte. Er warnt vor der biopolitischen Macht des Ausnahmezustandes der verschiedenen pandemischen Gesetzgebungen, die unbemerkt zur Regel werden können (2021, S. 38 ff.) Durch die Infektion und das daran sich anschließende Kranksein ist das Coronavirus nicht nur eine abstrakte Möglichkeit, sondern ein „Teil meines In-der-Welt-seins“ (Agamben 2021, S. 150) geworden. Es ist mir nicht ganz gelungen, während der Quarantäne „angemessene Vorkehrung zu treffen, ohne mich jedoch in Panik zu versetzen“ (Agamben 2021, S. 151), da ich meine Kräfte, auch die Kraft zum Denken, meine Konzentration und die Selbstverständlichkeit der Worte schwinden sehe – nicht wissend, wie vollständig ich mich erholen werde. Die Furcht davor, dass ich nach den ersten Altersschüben in einer nächsten Schwundstufe meiner selbst zu leben habe, hat nichts gemein mit dem „Ohnmächtig-sein-Wollen gegenüber dem Ding, das Furcht einflößt“ (Agamben 2021, S. 148). Ich erlebe es auch nicht als „Gegenteil vom Willen zur Macht“, wie Agamben an der Stelle weiter raisoniert. Die Ohnmacht kann ich nicht wollen. Sie stellt sich ein, wenn das Fremde ungefragt in mich eindringt und dort Prozesse auslöst, die zunächst durch den Körper zum Überleben hin gesteuert werden, das ich als Möglichkeit ergreifen kann – ebenso wie das Ableben, wenn die Abwehr versagt. Das ist meine Freiheit und meine Verantwortung, ein human verstandener Wille zur Macht: leben oder sterben.

Quellen:

Agamben, G. (2021): An welchem Punkt stehen wir? Die Epidemie als Politik. Wien (Turia+Kant)

Nancy, J.L. (2000): Der Eindringling. Das fremde Herz. Berlin (Merve)

Etymologisches Wörterbuch des Deutschen ( 1989; ed. Pfeifer, W.). Band 1. Berlin (Akademie Verlag)

Mein Altern

Es sind die Körperweiser (Riedel & Bögner 2021), in denen sich mitteilt, was wir gerne überhören, übersehen, übergehen. Auch mein Körper setzte für mich so ein Ausrufezeichen. Ich war nämlich drauf und dran, meinen Ruhestand wieder in Berufszeit umzuwandeln. Der Selbsttäuschung gab ich den Namen „aktiver Ruhestand“. Nein, es sollte nicht der „Unruhestand“ anderer Rentner sein, immer mit etwas beschäftigt, ohne Zeit und Ruhe für die Unterbrechung zu haben und dann doch im Fitnessstudio sich stundenlang von Mitschwitzender zu Mitschwitzendem durch zu plaudern. Es sollte ein strukturierter, Forschungsziele verfolgender Ruhestand sein, in dem disziplinierte Recherche und Lektüre sich mit produktiven Schreibphasen und wiederkehrender Dozenten- und Referententätigkeit abwechselte. Aktivitäten eben, die sich an meine beruflichen Tätigkeiten anschlossen – jetzt mit anderem Schwerpunkt und in selbstgesetztem Rahmen. Die Pandemie lud geradezu zu solchem Rückzug in die intellektuelle Innerlichkeit ein. 

Und dann streikten Ende März diesen Jahres mein Herz und meine Lunge. Die Sprache meiner Körperweiser wurde unüberhörbar: Es ist zu viel. Es dauerte mehrere Wochen, bis ich mich langsam und zögerlich auf den von meiner Schwäche, Mattigkeit, Ermüdbarkeit, Erschöpfung gewiesenen Weg der Selbstaufmerksamkeit begab. Ich kenne die Beschwerden aus meinem Beruf, als Therapeut und als Betroffener. Doch jetzt? Im Ruhestand, nach einem guten Jahr des Rückzugs aus jeglicher Behandlungs- und Beratungstätigkeit. nach dem Ende der Lehrtätigkeit an der Hochschule? Es dauerte, bis ich einsah, dass ich es auch ohne stetige berufliche Verpflichtungen schaffte, Arbeitsstrukturen aufzubauen, durch die ich mir mehr abverlangte, als gut ist für mich. Keiner verlangt von mir, ein 900 Seiten dickes, schwieriges philosophisches Werk innerhalb einer bestimmten Zeit durchzuarbeiten, also wichtige Quellenangaben zu verifizieren, mich in Quellentexten der argumentativen Kontexte des Autors zu versichern, zu exzerpieren und gleich kritisch zu kommentieren. Wissenschaftlich-forschende Lektüre eben. Keiner verlangt von mir, täglich eine bestimmte Anzahl von Textseiten zu produzieren, nicht als Entwürfe, sondern möglichst nah an der Druckreife. Daneben verfasste ich noch eilig den einen oder anderen Fachartikel, optimierte meine Kursunterlagen oder erstellte neue Workshops. 

Es war einfach zu viel für mich. Denn in den Ruhestand einzutreten, dafür gab es ja gute Gründe, die mit mir persönlich zu tun hatten. Längst verlangten intensive Arbeitsphasen deutlich verlängerte Regenerationszeiten. Längst sah ich es nicht mehr ein, mich in den beruflichen Arbeiten an widersinnige Bedingungen von Auftraggebern anzupassen – oder mich für undurchdachten Schwachsinn eines Arbeitgebers einzusetzen. Ich wollte die Ruhe, die Unbeschwertheit und die Zeit haben, mich dem zu widmen, was ich für sinnvoll hielt. Ich wollte meine Fähigkeiten und meine Energie für meine persönlichen Projekte einsetzen, ausschließlich und ohne Verhandlungen. So hatte ich mir meinen Ruhestand vorgestellt: in Maßen wissenschaftlich aktiv, in mein Klavierspiel investieren, mich lustvoll fit zu halten, immer wieder einigen Referentenverpflichtungen nachzugehen  und für die wenigen wichtigen Menschen im Leben erreichbar zu sein. Die Pandemie brachte einiges durch einander. Und ich selbst auch, wie meine Körperweiser erzählen. Eines hatte ich nämlich bei alldem übersehen: mein Altern. 

Der Ruhestand bezieht ja seinen ureigenen Wert daraus, das Leben so zu gestalten, dass dessen Grundspannung den faktischen Kräften angepasst ist. Das ist leicht geschrieben und doziert, verlangt in der persönlichen Verwirklichung einige Aufmerksamkeit für jemand, der einem der nächste ist, den man jedoch gerne übersieht: Aufmerksamkeit für mich selbst. Wie verändere ich mich? Wie verändert sich mein „Wertgesichtsfeld“ (Böschemeyer o.J., S. 155)? Wie verändern sich mein Energiehaushalt und meine Kräfte? Was in mir und an mir braucht sorgsame Zuwendung, Pflege? Welches Verständnis bringe ich mir entgegen, vor allem für das, was ich anders erlebe, als ich es gewohnt bin? Welche neue Gewohnheiten darf ich einfach gut heißen? Wie heißen meine „zweiten Pfeile“ der Selbstabwertung (Hanson & Mendius 2012, S. 68 f.), weil ich nicht mehr so bin, wie ich mich sehe?

Altern hat nichts mit Verschlechterung zu tun. Es bedeutet, dass sich einiges und immer mehr Gewohntes verändert. Manchmal nehme ich auch Schaden: das Herz, die Lunge. Das können dann Körperweiser sein für das, was ich ändern sollte – nicht dringend oder schnell, sondern in der meinem Zustand angemessenen Zeit. Lernen eben, allmähliche Einübung von neuen Anpassungen, die zu veränderten Passungen führen: Es gelingt mir – noch nicht oft genug, aber immer häufiger – auch „faule“ Tage einzulegen. Ich nehme dazu den sanften Druck meines Körpers wahr, der signalisiert: Eine Pause tut dir gut. Nicht beschäftigt beschäftige mich dann mit dem, was ich auch gern mag: Zeitung lesen, meine Fotoamera in die Hand nehmen, in aller Ruhe Brot zu backen oder auch im Internet zu surfen, einfach so, ohne Rechercheabsicht. Und beim Radfahren nicht nur Kilometer zu fressen, sondern auch schöne Ecken zu sehen und in mich aufzunehmen. Es ist fein, mir Zeit für ein ausgiebiges Telefonat für einen der wichtigen Menschen in meinem Leben zu nehmen. Und manchmal gelingt es mir, mir etwas zu gönnen, was ich als junger Mensch gut konnte: einfach in meinem Lieblingsstuhl sitzen und nur da zu sein. Das ist es, was ich mir wünsche, wieder besser zu können, weil es einfach und gut ist. Darum gönne ich es mir, nur da zu sein. Immer wieder einmal.

Böschemeyer, U. (o.J.): Herausforderung zum Leben. Lebenskrisen und ihre Überwindung. Hamburg (Books on Demand)

Hanson, R. & Mendius, R. (4. Aufl. 2012): Das Gehirn eines Buddha. Die angewndte Neurowissenschfat von Glück, Liebe und Weisheit. Freiburg (Arbor)

Riedel, C. & Bögner, F. (2021): Embodied Care. Teil 1 u. 2, in: Praxis Palliative Care Nr. 52 und 53 (Praxisbeilagen)

Und sie trinkt grünen Tee.

Bisher trinkt sie vorwiegend italienischen Kaffee. Die Anlässe sind unterschiedlich. Der Cappuccino zum Frühstück. Untertags, in den Arbeitspausen oder nach dem gemeinsamen Essen Macchiato oder Espresso. Und jetzt: grüner Tee, wenn sie zur Arbeit geht.

Aus der Perspektive des Ruheständlers schwer nachvollziehbar. Denn ich kann mir zu Hause einen Macchiato oder einen Espresso machen, um mich bei der Lektüre oder beim Schreiben zu unterbrechen. Ein Ritual, das wir beide genießen: das Aufheizgeräusch der Kaffeemaschine, der leicht heisere Klang der Kaffeemühle, der Duft des frisch gemahlenen Kaffees, das Einspannen des Siebträgers und das leise Rattern der Maschine, während die ersten Tropfen Espresso in die Tasse rinnen. Schließlich zischt die Dampfdüse beim Schäumen der Milch. Weg vom Schreibtisch, im Sessel oder draußen im Innenhof der kleine Genuss. Die Pause. Das kurze Gespräch, bevor wir wieder zur Arbeit zurückkehren. 

Und jetzt trinkt sie grünen Tee. Er bekommt ihr besser als der fremde Kaffee – und er passt wohl auch besser zu den Arbeitsabläufen im neuen Beruf. Vielleicht lässt sich die jeweilige Berufsumgebung auch dadurch kennzeichnen, was während des Arbeitstages getrunken wird. Während der wenigen Jahre als Mitarbeiter in der Führungskräfteentwicklung erlebte ich, wie kreative, teamorientierte mittelständische Unternehmen ihre MitarbeiterInnen motivieren. Eine wichtige Funktion übernimmt dabei die luxuriöse Kaffeemaschine, feines Kaffegeschirr und eine einladende, zur Kommunikation anregende Launch. Die Gespräche während der Kaffeepausen beginnen oft schon, während die Maschine den Kaffee zubereitet. Die gepflegte Atmosphäre lässt jedes Thema zu, private, teamorientierte und sach- und fachbezogene. Es ist eine Kunst, einen solchermaßen einladenden Raum im Betrieb zu schaffen, der als Oase in der Hektik Beruhigung ermöglicht, als Raum für die kreative Auszeit oder einfach als Ort, einander zu begegnen, dient. 

Wie anders sieht dies im sozialen, pflegerischen oder therapeutischen Berufsumfeld aus. Der neben der Besenkammer kleinste verfügbare Raum oder eine Ecke im Dienst- oder Stationszimmer, eine einfache Kaffeemaschine, die fauchend ein schauriges Getränk fabriziert, das ist eigenartigerweise gerade in beruflichen Umfeldern, die von der Kommunikation leben, die Umgebung für die Auszeit. Nicht viel anders sieht es in vielen LehrerInnenzimmern an Schulen aus oder in Behörden, wo die oft lieblose Kantine auch der Arbeitspause dient. Das Ergebnis ist, dass viele MitarbeiterInnen in solchen Berufsumgebungen das Pausengetränk arbeitsbegleitend zu sich nehmen. Meist wird es von zu Hause mitgebracht. Der grüne Tee eben …

Es ist kulturlos, was in den eben beschriebenen Unternehmenssparten geschieht. Denn die Pause muss gepflegt werden. Sonst verfällt sie und wird sinnlos. Das gilt im Homeoffice genauso wie im Betrieb. Viele haben gerade im Homeoffice der letzten beiden Jahre gelernt, wie notwendig die Pausenpflege ist. Die Pause lebt von Definition und Disziplin. Sie hat einen klaren Anfang und ein klares Ende. Wer die Pause zu sehr dehnt, der bringt sich selbst aus seinem Arbeitsrhythmus. Wer die Pausen vergisst, der bringt sich um den Arbeitsrhythmus. Denn er Arbeitsfluss reißt dann einfach mit, bestimmt den Arbeitenden – und nicht umgekehrt. Insofern ist Pausen machen und einhalten auch Ausdruck der Souveränität der Arbeitenden gegenüber der Arbeit. 

Die Arbeitspausen sind eng mit der Arbeitskultur eines Unternehmens oder des individuell Arbeitenden verbunden. Kultur leitet sich vom lateinischen Verb colere ab. Übersetzt wird es mit pflegen und hegen. Das Ergebnis des Pflegens und Hegens ist der cultus, die Lebensweise und die Bildung. Wer seine Pausen pflegt, der hegt durch die Pausen seine Arbeitszeit ein. Er gibt sich dadurch ein Feedback zu seiner Souveränität. Er nimmt sich die Freiheit zur Pause und verantwortet, wie er sie gestaltet. Deshalb ist die Pause auch Kultur: sie muss auch durch Ort und Rahmen ihren Wert für den arbeitenden Menschen ausdrücken. 

Die Eigenart der Kultur besteht gerade in der Gestaltung des Gewöhnlichen durch den Menschen. Eine Gestaltungsmöglichkeit ist die Interpunktion des Gewöhnlichen. Es wird dadurch unterbrochen, gegliedert und auf eine Ordnung bezogen. Die Pause im Arbeitsfluss interpunktiert ihn, schafft Arbeitseinheiten, fördert Kreativität für das folgende Arbeitspaket und ermöglicht die Reorientierung auf das Arbeitsziel. Durch Pausen gestaltet die/der Arbeitende den Arbeitsfluss zum Arbeitsprozess. Erst als Prozess wird Arbeit beschreibbar, dadurch erklärbar und im besten Fall verstehend nachvollziehbar. Das Unstrukturierte des Arbeitsflusses wird durch die Pause eingehegt. Die Pause stiftet Überschaubarkeit, weil sie die/der Arbeitende souverän setzt, indem er aus dem Fluss heraustritt. Deshalb bedarf Pause eines gestalteten Raumes, des guten Kaffees, der zur beruhigenden Distanz oder zum angeregt-anregenden Austausch einladenden Atmosphäre. Dann wird Pause cultus, eine Lebensweise, eine Bedingung von Bildung. Die Pause verbindet Arbeitsformen und Lebensweisen miteinander, so dass nicht nur produziert wird, sondern Bildung entsteht: cultus und cultura. Pause darf Kult sein, auch mit grünem Tee.

Hintergrundliteratur:

  • Buber, M. (1955): Der Mensch und sein Gebild. Heidelberg (Lambert Schneider)
  • Geyer, C.-F. (1994): Einführung in die Philosophie der Kultur. Darmstadt (Wiss. Buchgesellschaft)
  • Henrich, D. (2006): Die Philosophie im Prozeß der Kultur. Frankfurt (Suhrkamp)
  • Liessmann, K. (2017): Bildung als Provokation. Wien (Zsolnay)

Der Schmerz

„Der größte Wunsch der Menschen sei es, der Welt deutlich zu machen, welche Verbrechen passiert seien und wie groß der Schmerz sei.“ So greift die Süddeutsche Zeitung eine Äußerung der Außenministerin A. Baerbock während des Besuches am 10. Mai 2022 auf. (https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/baerbock-in-der-ukraine-die-bilder-e877423/) „Wie groß der Schmerz sei“, diese Worte wiegen schwer; denn sie leiten die Aufmerksamkeit auf das, was wir gerne übersehen: den Schmerz der Menschen in der Ukraine. 

Es kommt nicht von ungefähr, dass wir den Schmerz ignorieren. Byung-Chul Han geht in seinem Essay „Palliativgesellschaft. Schmerz heute“ (1. Auf. 2020) der in unserer Gesellschaft verbreiteten „Algophobie“ nach, die er als „eine generalisierte Angst vor Schmerzen“ definiert (Han 2021, S. 7). Abgesehen davon, dass eine generalisierte Angst in klinisch-psychologischer Sicht gerade keine Phobie darstellt (ICD 10 F 40 (Phobische Störungen) und F 41.1 (generalisierte Angststörung)), sprechen die Analysen der Einstellung zum Schmerz durchaus für die These, dass in der europäisch-westlich geprägten Gesellschaft die „Passivität des Leidens  … keinen Platz in der vom Können beherrschten Aktivgesellschaft“ (Han 2021, S. 10) hat. Die „Negativität des Bruchs, die schmerzt“ (Han 2021, S. 13) wird vermieden. „Konflikten und Kontroversen, die zu schmerzhaften Auseinandersetzungen führen könnten, wird immer weniger Raum gegeben.“ (Han 2021, S. 7). Letztlich setzen wir uns durch das Ignorieren des Schmerzes in der „Hölle des Gleichen“ gefangen (Han 2021, S. 13). Widerspruch, Reibung, Schwäche, Erschöpfung werden auf vielfältige Weise, oft in digitaler Form (Han 2021, S. 64 f.) ummantelt, immer mit dem Ziel, das Leben schmerzlos zu machen. Die Abwesenheit des Schmerzes ist vermeintlich das Glück der Behaglichkeit (Han 2021, S. 81). „Die Hölle des Gleichen ist eine palliative Wohlfühlzone.“ (Han 2021, S. 52)

Nun bricht in diese gesellschaftliche Gesamtlage der schonungslose und brutale Krieg des russischen Regimes gegen die Ukraine ein. Er schafft Unsicherheit, Zerstörung und Leid. Menschen sterben. Viele erleben den Verletzungstod nächster Menschen, Verstümmelung und Vergewaltigung, die Vernichtung der Lebensgrundlagen und die Verwüstung des Lebensortes. Viele fliehen, um zu überleben. Die Menschen in der Ukraine leiden gewaltigen Schmerz. Wie gehen wir politisch und gesellschaftlich damit um? 

Einerseits machen wir den Krieg informell unmittelbar verfügbar. Wir können die Medienbilder und Kommentare auf allen Kanälen immer und immer wieder betrachten und anhören. Die Tatsachen wandeln sich dadurch langsam und unmerklich in Information über Tatsachen um. Durch die medialen Wiederholungsschleifen wird Information zum Kommentar und letztlich zu Talkinhalten. Der Schmerz, den die facta bruta auslösen, löst sich in der Talkrunde auf – und die menschliche Reaktion auf den Schmerz unterbleibt. 

Walter Benjamin (1892 – 1940), der kulturkritischer Denker, beschrieb in einem kurzen Text „Erzählung und Heilung“, wie Menschen mit dem Schmerz anderer umgehen: Die Mutter setzt sich ans Bett und erzählt dem kranken Kind Geschichten. Ein Bekannter erzählt Benjamin von der „sonderbaren Heilkraft, die in den Händen seiner Frau gelegen habe. Von diesem Händen aber sagte er: … Es war, als ob sie eine Geschichte erzählten.“ (2011, S. 469) Sprechen und Berühren, das sind menschliche Verhaltensweisen zum Schmerz anderer. Benjamin reflektiert dazu: „Bedenkt man, wie der Schmerz ein Staudamm ist, der Erzählströmung widersteht, so sieht man klar, daß er durchbrochen wird, wo ihr Gefälle stark genug wird, alles, was sie auf diesem Weg trifft, ins Meer glücklicher Vergessenheit zu schwemmen. Das Streicheln zeichnet diesem Strom ein Bett.“ (Benjamin 2011, S. 469) Flüchtige aus dem Kriegsgebiet werden bei ihrer Ankunft umarmt und sie werden angesprochen. Die Hilfsbereitschaft ist enorm, wenn der Schmerz der Menschen unmittelbar begegnet. Was aber ist mit dem Schmerz derer, die in der Ukraine bleiben?

Einerseits machen wir den Krieg informell unmittelbar verfügbar. Das fördert die Solidarität mit den Menschen, die in ihrer Not auf uns zukommen und sich uns anvertrauen. Andererseits stellt sich die Frage: Wie begegnen wir dem Schmerz der Geflüchteten? Wie begegnen wir dem Schmerz derer, die in der Ukraine bleiben? 

Was auffällt, ist ein unglaublicher politischer Rüstungsaktivismus. Es irritiert schon, wie plötzlich auch politisch Verantwortliche der Parteien, die sich bisher mindestens friedensorientiert gaben, ungeheure Beträge für Rüstungsgüter mobilisieren. Noch mehr irritiert, dass das Thema der Waffenlieferungen und der militärischen Unterstützung zu affektiv aufgeladener Getriebenheit führt, vor allem bei PolitikerInnen, die die Kriegsorte der Ukraine besuchten. Aktivismus ist auch eine Form der Schmerzignoranz, wenn er vorwiegend durch die Bewältigung der subjektiven Betroffenheit motiviert ist. Aktivismus verdeutlicht unser mangelndes Vermögen, uns dem Schmerz zu stellen. Aktiv glauben wir, über den „Staudamm des Schmerzes“ (W. Benjamin) hinweg zu kommen. In all den kommentierten Aufregungen jedoch fehlt die Erzählung dessen, was die vielen Menschen im Krieg wirklich betrifft. Der Schmerz am Leben, den die vielen physischen, mitmenschlichen und sicher auch ideellen Wunden wachrufen und aufrecht erhalten, ist in allem Gerede nicht hörbar. Es entsteht keine lindernde Erzählströmung, die den Staudamm Schmerz durchbricht, weil kaum jemand zu diesen Erzählungen bereit ist. Dann für den Erzählenden wäre die entschiedene Wahrnehmung des Schmerzes, das Sich-dem-Schmerz-Stellen, der Ausgangspunkt seines Erzählens.

Was also ist der Schmerz, dass wir ihn ignorieren?

Schmerz tritt bei körperlichen, psychischen und sozialen Verletzungen auf. Er macht auf sie aufmerksam. Zuerst wird verspürt, dass eine Verletzung eingetreten ist. Dann wird die Aufmerksamkeit auf das am Menschen gelenkt, was verwundet ist. Der Schmerz aktiviert also die Selbstwahrnehmung. Wer Schmerz erlebt, ist in seiner ganzen Person davon betroffen. Er fühlt sich geschmerzt. (Kuhl 2010, S. 476 f.) Häufig tritt der Schmerz gemischt mit Angst auf (Aulbert 2007, S. 250). Die Angst warnt vor Bedrohung. Der Schmerz macht auf die erfolgte Verletzung aufmerksam. Er wird durch Angst verstärkt, wenn von der Verletzung eine innere Bedrohung für den Betroffenen ausgeht. Es geht jetzt um Schutz des verletzten Menschen.

Die äußerst verknappte Beschreibung des Schmerzes darf nicht darin täuschen, dass die Schmerzforschung bis heute das Phänomen Schmerz nicht definieren kann. Vor allem die existenzielle Dimension des Schmerzes erscheint allein mit biologischer und psychologischer Forschung kaum zugänglich zu sein. „Der Schmerz ist offenbar mehr als nur ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis. Als Gegenpol zum Wohlbefinden und als verbindendes Gefühl mit anderen führt er uns durch die Welt. Unser Umgang mit dem Schmerz erzählt etwas darüber, wie wir zur Welt stehen, welche Werte wir leben, wie es um uns bestellt ist. Jedes weitere Schmerzerlebnis verändert dieses Bild.“ (Albrecht 2016, S.45) Schmerz ist veränderbar. Er ist dynamisch.

Menschen aus dem Kriegsgebiet sprechen kaum über ihren Schmerz. Schon gar nicht vor der Kamera und ins Mikrophon. Sie erzählen von den Toten in der Familie, im Freundeskreis und in der Nachbarschaft. Der Lebensort hat sich zum Sterbeort verändert. Sie erzählen vom Verlust des Zuhause, das von Bomben, Brand oder Soldaten verwüstet wurde. Der Lebensraum wurde zerstört, während das Leben im Bunker oder durch Flucht bewahrt wurde. Sie erzählen von Durst und Hunger, vom Wegbrechen medizinischer Behandlung, von notdürftig behandelten Verletzungen. Der vertraute Leib als das Eigene (Blumenberg 2020, S. 770 ff.) wird entstellt und fremd, auch für den Fremden verfügbar gemacht. Es zieht sich, achten wir auf die Erzählungen, mehr als Unterbrechung, es zieht sich ein Riss durch das Leben und die Lebenswelt der Betroffenen. So sehr das Leben lieb ist, so fremd wird es im Krieg vor sich selbst. Das ist Schmerz.

Martin Heidegger (1889 – 1976) fand dafür die Sprache: „Doch was ist der Schmerz? Der Schmerz reißt. Er ist der Riß. … Der Schmerz ist der Unter-Schied selber.“ (Heidegger 1979, S. 27) Im Schmerz erlebt der Einzelne den Unterschied, das, was sein Leben bis zum Schmerzanlass vom Leben im Schmerz unterscheidet. Er erlebt, dass sein Erleben des Schmerzes, so fremd er sich im Schmerz auch werden mag, nicht mit dem Schmerz des anderen austauschbar ist. Der Anlass für den Schmerz mag vergleichbar sein, der Verlust lebenswichtiger Menschen, des Zuhauses, der Sicherheit, der Perspektive. Der Schmerz darüber ist höchstpersönlich. Insofern unterscheidet der Schmerz die Menschen und verbindet sie zugleich: „Der Schmerz umgreift gleichsam unser Leben und fordert uns beständig neu heraus. Es ist viel, was der Schmerz von uns verlangt.“, sagte der hochbetagte und sehr lange mit Schmerzen lebende Philosoph Hans G. Gadamer (1900 – 2002) in einer Vorlesung zwei Jahre vor seinem Tod (Gadamer 2010, S. 27).

Die Herausforderung des Schmerzes ist zunächst eine persönliche: „Unbedingt erforderlich ist es, den Mut nicht aufzugeben, ganz egal wie groß der Schmerz sein mag.“ (Gadamer 2010, S. 27) Schmerz appelliert aber auch an den Mitmenschen, dem Geschmerzten mit Mitgefühl und helfend zu begegnen. Beider bedürfen Menschen im Schmerz, des Lebensmutes, der zuweilen auch die Schwermut sein kann, der dem Geschmerzten Stand verleiht (Heidegger 1979, S. 235), und des Mitgefühls der anderen, die darin zu Mitmenschen werden. 

Um zu erfassen, „wie groß der Schmerz sei“, wie A. Baerbock es sagte, müssen wir uns dem Schmerz stellen. Der Schmerz braucht, zu Sterben und Tod gehörig, wieder Raum in unserem Leben und in unserer Gesellschaft. Auch das gehört zu einem kritischem Pazifismus: Wenn wir uns dem Schmerz der Ukrainer verschließen, werden sie nur als militärisch gerettete „Untote“ überleben (Han 2021, S. 81), nicht als Individuen mit einer höchstpersönlichen Leidensgeschichte. Wir entwickeln nicht das Gefühl einer achtsamen Verbundenheit mit ihnen, das jedem Ukrainer fühlbar macht, dass sein Schmerz von uns ernst genommen wird. Dass das heroische Verhalten sich gelohnt hat, weil auch der Schmerz sein darf. Der Schmerz, mit dem das frische Grab ausgehoben und das neue Haus zum Leben gebaut wird. Der Schmerz, der das Feiern begleitet und in dem die Trauer lebt.

Wir müssen uns auch unserem eigenen Schmerz stellen, damit wir verstehen, dass sich aus der Rolle des Beteiligten am Krieg rasch die Betroffenheit durch den Krieg entwickeln kann. Was schmerzt mich an dem, was Menschen in der Ukraine durch den Krieg erleben? Wozu fordert mich mein Schmerz auf? Halte ich ihm stand, auch wenn es noch lange dauert, bis die Waffen schweigen? Wir werden festen Stand brauchen, die Schwermut, um den Schmerz dieses Krieges mit zu tragen. Wir werden viel Mut brauchen, um den Schmerz wieder mit dem Leben „zu verwinden“. „Nichts läßt den Schmerz am ehesten erträglich werden als das Gefühl, es geht mir etwas auf, mir fällt etwas ein. Es gibt ja immer ein ganzes Arsenal Unerledigtes, das wir zu verwinden trachten. In diesem Sinne ist der Schmerz eine große Chance, vielleicht die größte Chance, endlich mit dem ‚fertig zu werden‘, was uns aufgegeben ist.“ (Gadamer 2010, S. 27)

  • Aulbert, E.  (2017): Psychische Grundlagen von Schmerzempfinden, Schmerzäußerung und Schmerztherapie, in: Aulbert, E., F. Nuack, L. Radbruch (Hg., 2. Aufl. 2007): Lehrbuch der Palliativmedizin. Stuttgart (Schattauer), S. 250 – 258
  • Albrecht, H. (2016): Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte. München (Droemer)
  • Benjamin, W. (2011): Gesammelte Werke II. Frankfurt (Zweitausendeins)
  • Blumenberg (2. Aufl. 2020): Beschreibung des Menschen. Frankfurt (Suhrkamp)
  • Dilling, H., Mombour, W. & Schmidt, M. (Hg., 10. Aufl. 2018): ICD 10. Internationale Klassifizierung psychischer Störungen. Kapitel V (F). Bern (Hogrefe)
  • Gadamer, H.G. (2. Aufl. 2010): Schmerz. Heidelberg (Winter)
  • Han, B.-C. (3. Aufl. 2021): Palliativgesellschaft. Schmerz heute. Berlin (Matthes & Seitz)
  • Heidegger, M. (6. Aufl. 1979): Unterwegs zur Sprache. Pfullingen (Neske)
  • Kuhl, J. (2010): Lehrbuch der Persönlichkeitspspychologie. Göttingen u.a. (Hogrefe) 

Bitte, geben Sie den Paternalismus auf!

Sehr geehrter Herr Außenminister Kuleba,

„Manchmal ist es günstiger, einem anderen zu helfen und eine kurze Zeit der Entbehrung auszuhalten, anstatt zuhause zu sitzen, Fernsehen zu gucken und nichts zu machen, einfach zuzulassen, dass das Problem letztendlich an die eigene Türe klopft.“(1) Das sagten Sie an die Adresse der Deutschen bei Bild TV, wie heute die Süddeutsche Zeitung zu einer dpa-Meldung berichtet.

Den Stil, in dem Sie und leider auch andere Mitglieder der ukrainischen Regierung, in Ihren Äußerungen gegenüber Europa, dessen Regierenden und der europäischen Bevölkerung pflegen, kann ich nur schwer akzeptieren. Er wird zunehmend unerträglich. 

Ich bleibe zur Veranschaulichung bei Ihrem jüngsten Satz. Er klingt wie aus dem Mund eines Vaters. Sie verkleiden, wie es Väter gerne tun, in Ihrer Abwägung („günstiger anderen zu helfen als zuhause zu sitzen“) einen inhaltlichen Vorwurf in sachliche Sprache. Die Vergleichsform (günstiger als) eröffnet einen scheinbaren Abwägungsspielraum. Den sachlichen Schein daran entlarvt der Inhalt des Vergleiches: Moralisch erwünschtes Verhalten (einem anderen helfen und Entbehrung auszuhalten) wird gegen die bürgerliche Bequemlichkeit (zuhause sitzen, Fernsehen, nichts machen) gestellt. Damit die Kinder die Dringlichkeit des Appells einordnen können, weisen Sie im Folgesatz auf die bedrohliche Folge der Bequemlichkeit hin. 

Der Hinweis auf die Folge, nämlich dass das Problem an die Türe klopft, weil die Kinder „nichts machen, einfach zulassen“, moduliert den Vorwurf in eine moralische Wertung. Sie zeigen uns Nichtentscheidungsträgern, die aus ihrer Sicht zu wenig bereit sind, für die Ukraine aktiv zu werden, wie wir aktiv werden können. Sie verbinden dabei das Helfen, wofür sich Ihr Präsident erst kürzlich wieder ausdrücklich bedankte, mit etwas moralisch Anstrengendem, Entbehrungen aushalten. Das ist eher nicht beliebt, eben weil es um „aushalten“ geht, nicht um „machen“. Flüchtige zu versorgen und Waffen zu liefern ist eben spektakulärer als Preissteigerungen und Verknappungen in einigen Lebensbereichen hinzunehmen. Sie spielen in Ihrer Aussage nicht nur mit dem öffentlichen Ansehen von Tatkraft, sondern vor allem mit der Rangordnung der Wertebreiche. Aushalten im Sinne des entschiedenen, weil sinnmotivierten Leidens an etwas ist ein ranghöherer Wert als die Leistung des Machens und der Tat. Diesen Gedanken trauen Sie, in Ihrer väterlichen – oder eher paternalistischen – Art zu kommunizieren, uns verwöhnten Kindern gar nicht zu. Sie liefern deshalb die moralische Skala in Ihrer oben zitierten Aussage als impliziten Impuls mit. Das erzeugt bei den Kindern Beschämungsgefühle und ein schlechtes Gewissen. 

Ich übersetze Ihre Aussage in die Eltern-Sprache: Ihr Kinder sitzt zu Hause rum, hängt am Fernsehen. Ihr macht nichts und lasst zu, dass das Böse sich in Nachbars Garten breit macht. Ihr solltet endlich aktiv werden, helfen und auch mal aushalten, dass ihr euch einschränken oder anstrengen müsst. Letzteres ist, sehr geehrter Herr Kuleba, nicht – wie Sie euphemistisch sagen- „günstiger“. Es ist das moralisch Erwünschte, auf das Sie hinstoßen wollen. Wenn da nicht der von Ihnen angebotene „faire Deal“ nachgeschoben worden wäre: „Gebt uns alles, was wir brauchen, und wir werden Russland einhegen und in der Ukraine besiegen, damit sie niemals bei euch an die Tür klopfen.“ (Quelle: siehe Fußnote 1) 

Fairness besteht darin, dass das Angebot für beide Seiten realisierbar ist. Fairness setzt nicht nur eine organisierbare Vereinbarung, sondern eine vertrauensvolle Beziehung voraus. Und dann ist das kein Deal mehr. Oder es ist eben nur ein Deal, aus dem man sich bei Gelegenheit wieder herauswinden kann. Ihre Seite des Deals ist „nur“ ein Versprechen. Was an diesem Versprechen aufhorchen lässt, ist das Besiegen Russlands in der Ukraine. Haben Sie also die Überzeugung der Verhandelbarkeit eines Waffenstillstandes, der zu einem Frieden führen kann, aufgegeben? Sind Sie wirklich der Meinung, dass sich ein von Herrn Putin geführtes Russland durch einen Sieg der Ukraine „einhegen“ lässt?

Die Folge dieses „Einhegens“ wird kein Friede sein. Die Folge wäre die angstbasierte Kontrolle Russlands durch militärische und ökonomische Überlegenheit Europas. Abwesenheit von Krieg und Feindseligkeit ist nicht schon Friede, wie I. Kant überzeugend darlegte (2). Friede beruht auf einem komplexen Stiftungsakt, der verbindliches Recht schafft, innerhalb der beteiligten Staaten, zwischen den Völkern und für die gesamte Weltgemeinschaft. Friede setzt also Vertrauen voraus, das sich in Recht ausdrücken lässt. Vielleicht sind mit dem Russland Putins auch nur Deals möglich. Die Europäer jedoch sollten, um an politischem Gewicht zuzulegen, unter einander Vertrauen schaffen.

Paternalistische Einlassungen wie die Ihre, die auf sublime Weise schlechtes Gewissen erzeugen wollen, die das Gegenüber wie Menschen behandelt, die ihre Rationalität und ihren moralischen Sinn dem Wohlleben geopfert haben, sind unangemessen. Auch ich sitze zu Hause und verbringe dort seit dem ungerechten und unverantwortlichen, dem sinnwidrigen und grausamen Angriff Russlands auf die Ukraine, sehr viel Zeit mit Zeitungslektüre, Internetrecherche und Fernsehen zu diesem Krieg. Ich begann mich mit philosophischen Texten zum Frieden zu beschäftigen. Ich versuche, meinen naiven Pazifismus in einen kritischen Pazifismus umzudenken. Ich lese mich gerade wieder einmal in das Thema „Schmerz“ ein, angeregt durch eine Äußerung der deutschen Außenministerin am Dienstag, den 10.05., in der Ukraine: Frau Baerbock wies auf die Notwendigkeit hin, vor allem auch den Schmerz der Menschen im Krieg, ebenso wie die Kriegsverbrechen festzuhalten. Ich weiß, dass Entbehrungen notwendig sind, um nicht nur von militärischer Gewalt gegenüber Russland abhängig zu sein. Ich sehe in den Einschränkungen des Wohlstands eine sinnvolle Form von Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. Aber ich mochte es noch nie, paternalistisch behandelt zu werden. Ich lasse mich durch Nachdenklichkeit, die rationale Debatte und auch den direkten moralischen Impuls anregen, wenn mich jemand mit Autorität, menschlicher, rationaler, moralischer, anspricht. Für mich sind Sie mit der – und jetzt bewerte ich bewusst – zuweilen perfiden Hemdsärmlichkeit Ihrer Äußerungen dabei, diese Autorität durch einen nur vermeintlich moralisch autorisierenden Heroismus zu verspielen.

Christoph Riedel

(1) https://www.sueddeutsche.de/politik/konflikte-krieg-gegen-die-ukraine-so-ist-die-lage-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-220515-99-292553 [Zugriff am 15.08.2022]

(2) Kant, I. (1984): Zum ewigen Frieden (ed. Buhr, M. & Dietzsch, S., Leipzig (Reclam), S. 14)

Heiligt der Zweck die Mittel?

Viele Waffen. Schwere Waffen. Alle in die Ukraine. Alle gegen Putin. Das scheint die neue Überzeugung vieler deutscher PolitikerInnen zu sein. Die Möglichkeit, den schleppend grausamen Krieg des russischen Regimes in der Ukraine zu beenden, wird als „eine Frage der Verpanzerung“ (Hilmar Klute, SZ Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11) gesehen. Der grüne Politiker Anton Hofreiter kann nicht schnell genug schwere Waffen in die Ukraine bringen. Für Robert Habeck, den grünen Wirtschaftsminister, ist der Pazifismus zu einem „fernen Traum“ geworden (https://www.n-tv.de/politik, am 16.04.2022, 7:05 h, [letzter Zugriff: 16.04.22]). Die Friedensforscherin Claudia Baumgart-Ochse bezeichnet das einstige Motto der Friedensbewegung „Frieden schaffen ohne Waffen“ als „akut naiv“ ((https://www.n-tv.de/politik, am 16.04.2022, 13:02 h [letzter Zugriff: 18.04.2022]). Das Motto spreche der Ukraine schlicht das Recht ab, sich militärisch zu verteidigen.

Die friedenspolitische Idee des Pazifismus kann ideologisch eng geführt werden, indem das Prinzip des vollständigen Verzichts auf Waffen absolut gesetzt wird. Ein naiver Einfluss auf das politische Verhalten der Bundesrepublik im Blick auf Waffen und militärische Einsätze darf jedoch nicht mehr unterstellt werden. Deutschland gehört zu den größten Waffenexporteuren weltweit. Seit dem Engagement in den Balkankriegen 1999 im Kosovokrieg nehmen deutsche Truppenkontigente, zuweilen auch mit robustem Mandat, an sog. Friedenseinsätzen teil. Es war der grüne Außenminister Joschka Fischer, der in heftigen innerparteilichen Diskussionen den Pazifismus einer pragmatischen Reflexion unterzog. Deutschland beruhigte sich damit, seine Parlamentsarmee vorwiegend humanitär zu beauftragen. Das ökonomische Interesse und der damit verbundene Wohlstand, von dem wir in unserem Land profitieren, sollte so auch am Hindukusch verteidigt werden. 

Der Angriffskrieg des russischen Regimes auf die Ukraine „hat in Deutschland eine Gesellschaft überrascht, die sich seit Langem in oft öden privatistischen Debatten verloren hat“ (Hilmar Klute, SZ Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11). Man denke an die jüngst heftige Erregung angesichts gendergerechter Sprachfindungen zurück oder die querdenkende Empörung über die pandemiebedingten Freiheitseinschränkungen. Der Debattenkern erschien berechtigt, die affektiven Tumulte um ihn herum hingegen äußerst fragwürdig. 

Und jetzt, seit dem 27. Februar: die „Zeitenwende“: „Das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“ (https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw08-sondersitzung-882198, [letzter Zugriff: 23.04.22]) Hat der Bundeskanzler damit nur eine radikal andere Haltung zu Rüstung und damit zur Wehrhaftigkeit der Bundesrepublik gemeint? Dann drückten die gewaltigen Milliardenbeträge, die in Ausrüstung und konkrete Unterstützung der Ukraine fließen, eine Abkehr vom pazifistisch-humanitären Grundton unseres Landes, hin zum wehrpolitischen Militarismus als der naheliegenden Doktrin der Wehrhaftigkeit aus. In diesem Fall hat R. Habeck recht: Dann ist Pazifismus wirklich ein ferner, möglicherweise verkümmernder Traum.

Ja, die Ukraine muss unterstützt werden, militärisch, humanitär, demokratisch. Der Krieg des russischen Regimes ist ein unberechtigter Angriffskrieg, in dem völkerrechtswidrige Verbrechen an der zivilen Bevölkerung in unerträglichem Ausmaß begangen werden. Er dient der zerstörerisch sinnlosen und widerrechtlichen Annexion von Land, das zum Hoheitsgebiet der ukrainischen Nation gehört. Der Krieg ist dennoch auch ein Krieg, in dem Aggressoren und Verteidiger sich destruktiver Waffen bedienen. Es geht aus unterschiedlichen Motiven darum, den anderen zu beschädigen, notfalls zu töten. Immer trifft der Krieg Soldaten, die ermordet, verwundet und gefangen gesetzt werden. Er zerstört den Lebensraum und die Lebenswelt vieler Menschen in der Ukraine. Er bedroht plötzlich unsere europäische Demokratie von außen, nachdem sie in den letzten Jahren leichtfertig, desinteressiert und immer wieder auch gewaltsam von innen ausgehöhlt wird. Er bedroht die Prosperität Europas, die sich in ihrer zweifelhaften Dialektik zeigt, Lebensnerv und Lebensbedrohung gleichzeitig zu sein.

Die Feststellung von Bundeskanzler Scholz zum Krieg in der Ukraine „Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“, enthält ein oft übersehenes kritisches, pazifistisches Potenzial: Wir lernen gerade, dass uns jedes Mittel recht ist, wenn es um unsere Sicherheit, d.h. die Planbarkeit, die Prognostizierbarkeit, die weitestgehende Eliminierung des Zufälligen geht. „Im Vertrauen darauf, dass wir das Gute wollen – den Wohlstand, den Fortschritt, das Wachstum, die Gerechtigkeit, die Gleichheit, den Gewinn und die Unsterblichkeit-, riskieren wir die Zukunft dieser Erde.“ (Köhlmeier & Liessmann, 2019, S. 169) Gerade riskieren wir mit dem militnaten Ruf nach militärisch schweren Waffeneinsätzen, aller neuer Bündnismoral zum Trotz, mindestens die Zukunft Europas. Wenn man den politischen Mitteln und den rationalen Diskursen nicht mehr traut, denn müssen eben Waffen entscheiden. Und rasch sind einmal wertvolle Ideen, wie der Pazifismus, zum „fernen Traum“ und als „akut naiv“ erklärt. Am Ende heiligt eben doch der Zweck die Mittel. 

Das Dilemma, in dem wir uns befinden, kann ethisch in folgender Frage beschrieben werden: „Was ist verdammenswerter: Jemanden zu unterwerfen oder sich jemandem zu unterwerfen?“ ((Köhlmeier & Liessmann, 2019, S. 73) Es geht in der Frage um eine „moralische Beurteilung von Machtverhältnissen“ (Köhlmeier & Liessmann, 2019, S. 73), zu der uns plötzlich und lebensnah der widerrechtliche Gewalteinsatz W. Putins in der Ukraine zwingt. Was der derzeitige Trend zur Militarisierung als Machtmittel nach der Politik zeigt, ist die – hier wirklich naive! – Bereitschaft, sich der Gewaltanwendung des russischen Regimes zu unterwerfen und mit den gleichen Mitteln zurück zahlen. Dann entscheiden nicht mehr Politiker, sondern Militärs über unsere Zukunft.

Den Differenzpunkt bei aller Notwendigkeit zu entschlossenem militärischem Widerstand setzt ein kritisch verstandener Pazifismus, den ein besonnener General a.d. wie Erich Vad setzt, wenn er warnt, „die Lieferung schwerer Waffen käme einem Kriegseintritt Deutschlands extrem nahe“ (Hilmar Klute, SZ Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11). Es sind führende Kräfte der Bundeswehr, die befinden, „dass es gerade nicht die Stunde der Bundeswehr ist, die schlägt“ (Hilmar Klute, SZ Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11). Vielleicht ist darin auch die vermeintliche Zögerlichkeit von O. Scholz begründet.

Kritischer Pazifimus beruht auf Mitgefühl. Mitgefühl, achtsamkeitspsychologisch gesehen, verbündet sich mit den betroffenen Menschen und schafft mit ihnen zusammen eine reflexionsfördernde Distanz zu deren Lage. Das ist etwas anderes als Mitleid, das sich mit der Lage des Betroffenen identifiziert und damit jede kritische Distanz unmöglich macht. Betroffenheit durch die im europäischen Kontext unvorstellbaren Gräueltaten Russlands in diesem Krieg, die möglicherweise auch Gräueltaten der verteidigenden Ukraine provozieren, kann ein starkes Motiv für eine neue Sicht der Dinge sein. Sie darf nie zur Denk- und Handlungsform werden, mit der Lage umzugehen. Es ist überaus beruhigend, dass in unserem Land gerade Militärs einen kritischen Pazifismus ins Spiel bringen, wo Politiker betroffenheitsgetrieben agieren. Es ist auch an der Zeit, naive Friedensbewegtheit durch einen kritischen Pazifismus abzulösen. Wo kritische Rationalität ihren Platz behält – und damit ist nicht das neoliberale Denkmuster der unbedingten Wahrung ökonomischer Interessen gemeint -, kann „zentralen Mechanismen kollektiver Unterwerfungsbereitschaft, die auch unter gesellschaftlichen Bedingungen Gültigkeit haben, die weit entfernt scheinen von der historisch kontingenten und überholten Form des Stalinismus“ (Köhlmeier & Liessmann, 2019, S. 75), gegengesteuert werden. Der Zweck, Frieden wieder her zu stellen, heiligt nicht unbedingt jedes Mittel der Kriegsführung. Die Mittel können den Zweck entwerten. Das in rationalen Diskursen auch während der Kriegszeiten zu bedenken, erhält dem Frieden eine realistische Chance. Im Frieden wollen wir doch alle nach diesem ungerechtfertigten Krieg leben. Mit dem Wissen, dass er nicht selbstverständlich ist.

Quellen:

Klute, H.: Eine Frage der Verpanzerung, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 92 / 22.04.2022, S. 11

www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw08-sondersitzung-882198

https://www.n-tv.de/politik vom 16.04.2022

Köhlmeier, M., Liessmann, K.P. (2019): Der werfe den ersten Stein. Mythologisch-philosophische Verdammung. München

Ecce homo

Frauen: Friedensgestalten im Krieg

Es sind die Frauen im Verteidigungskrieg der Ukraine, die inmitten des mörderischen Geschehens das Gesicht des Menschlichen zeigen: Ecce homo! Sie sind der gequälte, misshandelte und missbrauchte Mensch, das Opfer schlechthin. Sie sind die einsamen Fliehenden, in deren Schutz die Kinder über die Grenzen und in ihnen fremde Länder gelangen. Sie sind die mutigen für den Frieden eintretenden Politikerinnen und Bürgermeisterinnen der Ukraine. Sie kämpfen als Soldatinnen. Wie verhärmt, erstarrt und unbeweglich unbewegt, fast leblos wirken die alten Männer des russischen Regimes gegenüber diesen Frauen der Ukraine.

Die medialen Bilder zeigen viele dieser Frauen auch unter den entwürdigenden Umständen des Krieges in ihrer Würde: als Großmütter und Mütter auf der Flucht, als junge Frauen, die ihre besorgte Angst in die Mikrofone sprechen, die in ihren Städten bleiben oder auf dem Weg außer Landes sind. Sie zeigen und sagen, was sie sich wert sind. Es beeindruckt, über wieviele Politikerinnen auf allen Ebenen des Staates die Ukraine offensichtlich verfügt. Und es beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie in diesen Zeiten ihre Aufgaben wahrnehmen.

Der italienische Schriftsteller Alessandro Baricco publizierte 2004 eine Nacherzählung der Ilias Homers. Sie erschien unter dem Titel „So sprach Achill“ in deutscher Übersetzung. Fünf Frauen erhalten darin ihr eigenes, dem homerischen Epos über den Krieg um Troja abgelauschtes Wort: Hekuba, die Frau des Priamos, des Königs von Troja; Helena, die von Paris ihrem griechischen Gemahl Menelaos entführt wurde, was zum Anlass des Krieg der Griechen gegen Troja wurde. Andromache ist die Frau des Hektor, des heldenhaften Sohns des Priamos und Gegenspielers zu Achilles auf der Seite der Griechen. Die Amme, die am Hof die Töchter und Söhne des Königspaars betreute, verfügt über ein intimes Wissen über die Beziehungen am Hof. Und Kassandra, die Seherin, auch eine Tochter des Priamos, die den König vor dem Holzpferd der Griechen vergebens warnte, das als „Trojanisches Pferd“ die Eroberung Trojas einleitete. Diese Frauen geben der Ilias, dem großen Kriegsepos, eine „weibliche Seite“, wie Baricco im Nachwort zur Dichtung schreibt (S. 185). „Oft sind es die Frauen, die den Wunsch nach Frieden direkt äußern. Sie verkörpern, an den Rand der Kämpfe verbannt, die beharrliche und beinahe unerlaubte Hypothese einer alternativen Kultur, die von der Pflicht des Krieges nichts weiß. Sie sind überzeugt, dass man anders leben könnte, und sie sagen es.“ (S. 185)

Andromache, die Frau Hektors, nähert sich ihrem kriegsbereiten Mann und hindert seinen Weg auf das Schlachtfeld. Mit dem gemeinsamen Sohn, „schön wie ein Stern“ (S. 60), stellt sie sich Hektor in den Weg, ergreift seine Hand – und der Krieger bleibt stehen. „Und lächelte. … Hektor lächelte.“ (S. 60), wie die Amme als Augenzeugin berichtet. Andromache ergreift die Hand ihres Mannes. Sie kennt die Grausamkeit des Feindes; denn Achilles ermordete ihre Familie in der Schlacht um Theben: „Hektor, du bist mein Vater, meine Mutter und mein Bruder, und du bist mein junger Gemahl: hab Mitleid mit mir, bleib hier auf dem Turm. Kämpfe nicht auf freiem Feld …“ (S. 60 f.). Hektor legt seinen Helm ab und nimmt seinen Sohn in die Arme, küsst ihn – und geht zur Schlacht. Er stirbt durch die Lanze des Achilles.

„Dein Antlitz war so schön. Und jetzt schleift es im Schmutz mit den schönen braunen Haaren, die jetzt ausgerissen im Staub fliegen.“ (S. 160) Inmitten des jähesten Schmerzes, den Partner für das Leben, den Vater des gemeinsamen Sohnes verloren zu haben, holt sie, die Frau des Getöteten, den Krieger ins Menschsein zurück: „Unter den schwarzen Schiffen bist du jetzt Beute der Würmer, und dein nackter Körper, den ich so liebte, wird zum Fraß der Hunde.“ (S. 160) Andromache klagt von ihrer Liebe, von der Schönheit ihres Mannes und ihrem Begehren nach ihm. Sie klagt von den braunen Haaren, die „ausgerissen im Staub fliegen“. Sie klagt von seinem „nackten Körper, den ich so liebte“. Es ist die menschliche Klage einer liebenden Frau, die ihrem Mann eine andere, strategische Rolle im Krieg angeboten hatte. Sie ist Witwe, in Hektors Haus zurückgelassen im Schmerz. 

Die Ilias unterbricht mit der Klage Andromaches die Gewalt des Kampfes mit der grausamen Rollenverteilung von Verlierer und Sieger. Es sind Menschen, Einzelne mit ihrer erzählbaren Geschichte, mit ihrer greifbaren Schönheit und ihrem persönlichen Wert, die im Staub und Schmutz, in der Verwüstung des Schlachtfelds einen namenlosen Tod sterben. Es sind die zurückbleibenden Frauen, die klagend und auch anklagend von der Schönheit und der Liebe, von der intimen Bedeutung der Getöteten erzählen. Diese Erzählungen entbergen das Menschliche im Krieg, dem getraut und auf das vertraut werden kann. Das zu seinem Recht kommen muss. Ohne das ein künftiger Frieden nicht möglich ist.

Weil die Kriegsführenden Menschen sind, grundsätzlich befähigt, zwischen sich und ihrer Pflicht zu unterscheiden, sind sie offen für die weibliche Sicht des Lebens. Baricco nimmt jene Sicht „in den zahllosen Passagen der Ilias [wahr], wo die Helden sprechen, anstatt zu kämpfen.“ (S. 185) Dies verdichtet sich in der berührenden Begegnung von Priamos, dem trauernden König Trojas, und Achilles, dem „höchste[n] Priester der Religion des Krieges“ (S. 187). Priamos macht sich gegen den Rat und die Bitten seiner Frau Hekuba – „Mein Gott, was ist mit deiner Weisheit, für die du so berühmt warst?“ (S. 163) – ins Heerlager der Griechen auf. Er will von Achilles den Leichnam seines gemordeten Sohnes Hektor erbitten. Unbemerkt gelangt er zu Achilles. „Er fiel ihm zu Füßen und umschlang seine Knie. Achill war von Staunen ergriffen, wie versteinert vor Überraschung.“ (S. 167) Die beiden sprechen miteinander, nicht als Sieger und Verlierer, sondern wie die beiden Menschen, die sie jetzt gerade für einander sein können. Sie sehen sich an, weinen mit einander und gewähren sich gegenseitiges Ansehen. „Du hast ein starkes Herz, Priamos. Setz dich hier nieder auf meinen Sitz. Vergessen wir zusammen die Bange, denn das Weinen nützt nichts. Es ist das Geschick der Menschen, im Schmerz zu leben …“ (S. 168). Priamos weigert sich, sich zu setzen: „er wolle den Leichnam seines Sohnes mit seinen eigenen Augen sehen, nur das wolle er, er wolle sich nicht setzen, er wolle seinen Sohn.“ (S. 168) Kurz kippt die Situation in Aggression. Letztlich lässt Achilles aus den Geschenken des Priamos Leinentücher und eine Tunika auf dem Wagen für den Leichnam des Feindes, der für Priamos dessen Sohn Hektor ist. Achilles hebt persönlich den toten Hektor auf den Wagen. Nach dem gemeinsamen Mahl verspricht Achilles Priamos die Unterbrechung des Krieges für die Bestattung und die Ehrung Hektors. „Und dann nahm er meine Hand und drückte sie, und ich hatte keine Angst mehr“, berichtet Priamos (S. 169). 

Inmitten des Krieges ist Unterbrechung möglich, um der Ehre, der Würde des Menschen Raum zu geben. Das wird dann möglich, so sehen wir exemplarisch an der geschilderten Begegnung von Priamos und Achilles, wenn die Kriegsführenden sich für einen Moment als konkrete Menschen sehen, im Schmerz, in der Liebe und im Ruhm. Den Ausgangspunkt bilden oft die Interventionen der Frauen, die den verheerenden existenziellen Folgen kriegerischer Gewalt unmittelbar und in allen destruktiven Dimensionen konfrontiert sind. Sie verlieren nicht nur Männer und Söhne, Familienangehörige, Freundinnen und Freunde. Sie finden sich inmitten der Verwüstungen als letzter Schutz für die Kinder und andere Bedürftige. Sie stehen in den Trümmern der bisherigen Existenz, während die Männer kämpfen. Frauen nehmen am Krieg auf andere Weise teil. Sie schultern die Lebenslast, die der Kampf ihnen als Aufgabe stellt: die Trauer, den Schmerz angesichts der menschlichen, materiellen Verluste. Sie werden missbraucht, gequält, gedemütigt, in der höchstpersönlichen Würde angegriffen. Bei ihnen geht es nie um Glanz und Ruhm. Die Frauen stehen für die Würde des Überlebens. Sie trauen dem Leben mehr zu als nur Krieg, Verwüstung und Tod. Deshalb entscheidet sich daran, wie die Frauen mit dem Schmerz des Krieges umgehen, ob der Frieden eine Chance hat.

Ernst Jünger (1895 – 1998) leitet seinen Essay „Über den Schmerz“ (1934) mit folgenden Erwägungen ein: „Der Schmerz gehört zu jenen Schlüsseln, mit denen man nicht nur das Innerste, sondern zugleich die Welt erschließt. Wenn man sich den Punkten nähert, an denen der Mensch sich dem Schmerze gewachsen oder überlegen zeigt, so gewinnt man Zutritt zu den Quellen seiner Macht und zu dem Geheimnis, das sich hinter seiner Herrschaft verbirgt. Nenne mir dein Verhältnis zum Schmerz, und ich will dir sagen, wer Du bist!“ (Jünger, 2015, S. 145) Hekuba, Andromache, Priamos und Achilles erschließen im Epos der Ilias, das von A. Baricco so kunstvoll nacherzählt wird, dem Hörer und Leser ihr Verhältnis zum Schmerz. Dadurch entsteht für wenige Augenblicke Frieden. Es entsteht diese „andere Schönheit“, die Baricco die des Handwerklichen nennt, in seiner Erzählung. Jene ist die, vielleicht utopische, Alternative zum Krieg (Vgl. S. 191).

Der Frieden wirft ein anderes Licht auf die Menschen und die Welt. Er unterschiedet sich wesentlich von der Übereinkunft, durch die wir Europäer in den letzten Jahrzehnten unser Leben sicher glaubten. „Man betrachtet den Krieg als Übel, das man vermeiden sollte, gewiss, aber man ist weit davon entfernt, ihn als absolutes Übel zu betrachten: Bei der erstbesten, in schöne Ideale eingewickelten Gelegenheit wird es wieder zu einer realisierbaren Option, in den Krieg zu ziehen. Man entscheidet sich manchmal sogar mit einem gewissen Stolz dafür.“ (S. 190) – Macht dieser Teil des Resumees A. Bariccos über die Ilias nicht nachdenklich, auch gegenüber dem Stolz der Verteidiger in der Ukraine? Auch sie führen ihren Krieg. Aus dem Verteidigungshandeln wird immer wieder und immer mehr Angriffshandeln. Das fordert die Pflicht zur Gewalt. Beschämen nicht zugleich die Frauen, die Kinder und Angehörige schützen, mit ihnen fliehen, die Trümmer des Lebens aufzuräumen und zu ordnen versuchen, die die Hoffnung auf das Überleben aufrecht erhalten und sich mutig den für uns kaum vorstellbaren Herausforderungen stellen, beschämen sie nicht alle die im Alter erstarrten russischen Männer des Putin-Regimes? Frauen stellen sich in ihrem schieren Menschsein den Kriegführenden in den Weg. Sie werfen ihre Liebe, ihr Vertrauen auf die Alternativen zum Krieg, ihren Glauben an die Würde des Menschen und ihren persönlichen Schmerz in die Waagschale. 

Wir sollten neben allen lauten Rüstungsforderungen neuerdings immer auch die weibliche Seite des Krieges ansehen. Die Frauen, gerade auch die in politischer Verantwortung, können diese weibliche Seite stark machen. Denn nur dadurch werden die Kriegführenden in eine Distanz zwischen ihrer Pflicht und ihrem Menschsein gebracht, die die Bedingung der Möglichkeit für den Frieden ist. Denn Frieden ist zuerst Waffenstillstand, dann „eine Aufgabe, die nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele (…) beständig näher kommt“ (Kant, 1984, S. 56). 

Der Weg dahin wird damit zu tun haben, was sich für Baricco darin manifestiert, „den Dingen einen starken Sinn zu geben, ohne sie in das blendende Licht des Todes rücken zu müssen. Sein eigenes Schicksal ändern zu können, ohne sich des Schicksals eines anderen bemächtigen zu müssen; es fertig zu bringen, Geld und Reichtum in Bewegung zu setzen, ohne auf die Gewalt zurückzugreifen; eine ethische, sogar sehr hohe Dimension zu finden, ohne sie am Rand des Todes suchen zu müssen; sich selbst zu begegnen, in der Tiefe von Augenblicken und Orten, die keine Schützengräben sind; Emotionen, selbst die ungeheuerlichsten, kennenzulernen ohne auf das Doping des Krieges oder das Methadon der kleinen alltäglichen Gewalttätigkeiten zurückgreifen zu müssen. Eine andere Schönheit, wenn ihr versteht, was ich meine.“ (S. 190) Vielleicht hat diese andere Schönheit sehr viel mit der weiblichen Dimension des Lebens zu tun. 

Quellen:

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Baricco, A. (2018): So sprach Achill. Die Ilias nacherzählt. Hamburg (Hoffmann & Campe)

Jünger, E. (2015): Betrachtungen zur Zeit. Sämtliche Werke 9/Essays 1. Stuttgart (Klett-Cotta)

Kant, I. (1984, ed. Buhr, M. & Dietzsch, S.): Zum ewigen Frieden. Mit Texten zur Rezeption 1786 – 1800. Leipzig (Reclam)