Fehlbar!

Der Dalai Lama erzählt in einem Interview ein Gleichnis:

„Ohne Wasser kein Leben. Der Tee, den wir trinken, besteht zum größten Teil aus Wasser, aber er enthält noch weitere Zutaten – Teeblätter, Gewürze, vielleicht ein wenig Zucker und – in Tibet jedenfalls – auch eine Prise Salz, und das macht ihn gehaltvoller, nachhaltiger und zu etwas, was wir jeden Tag haben möchten. Aber unabhängig davon, wie der Tee zubereitet wird: Sein Hauptbestandteil ist immer Wasser. Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser. Und genau so werden wir zwar ohne Religion geboren, aber nicht ohne das Grundbedürfnis nach Mitgefühl – und auch nicht ohne Wasser.“ (Dalai Lama & Alt, F. (2016), S. 16 f.)

Papst Franziskus versucht Tee ohne Wasser zu kochen. Die Entscheidung zum Kölner Kardinal, Erzbischof Rainer Wölki, wie die Entscheidung zum Hamburger Erzbischof Stefan Heße wurden unter Missachtung des „Grundbedürfnisses nach Mitgefühl“ getroffen. Vom Papst werden im laufenden Missbrauchsprozess höchst verantwortliche Funktionäre der römisch-katholischen Kirche im Amt gehalten. Herr Wölki und Herr Heße bekleiden als Funktionäre im  System Kirche Schlüsselpositionen. Sie stehen – daran sollte sich der Vatikan und die ihm hörigen Theologen unbedingt erinnern – wie ihre Vorgänger auf den jeweiligen Bischofsstühlen in der apostolischen Nachfolge (Sukzession). Jene vermittelt nicht nur die machtvolle Freiheit des apostolischen Amtes, sondern sie vermittelt auch dessen Verantwortung. Diese Verantwortung wird vom derzeitigen Papst fehlbar und defizitär wahrgenommen. Das vermeintlich entlastende Argument des Papstes, dass der einzelne Funktionär durch Systemdynamik fehlgeleitet oder vereinnahmt worden und ihm deshalb nicht die ganze Verantwortung im Missbrauchsprozess zuzuschreiben sei, geht vom Prinzip der Kollektivschuld aus. Der Schuldzusammenhang des Kollektivs entlastet den Einzelnen vielleicht von der Gesamtschuld. Er entlastet den Einzelnen nicht von seiner persönlichen Verantwortung, schon gar nicht, wenn er ein Schlüsselfunktionär des Systems ist und einen großen Freiraum hat. Mag sein, dass der Papst ihnen nicht mehr die Freiheit des Christenmenschen (Martin Luther) zutraut und den beiden deswegen Verantwortung abnimmt, um sie wenigstens als Funktionäre zu erhalten.

Herr Heße und Herr Wölki haben kraft ihres Amtes die unbedingte, aus ihrer Bischofsweihe resultierende Verpflichtung, im Missbrauchsprozess die Klärung weiter voran zu treiben, weil durch Funktionäre und Mitarbeiter der römischen Kirche an Menschen schwerste Verbrechen verübt wurden. Beide sind diesem apostolischen Auftrag äußerst fehlbar ausgewichen. Insofern sind sie keine „Würden“-Träger mehr. Ihnen gilt die Würde der Menschen, an denen die Verbrechen verübt wurden, weniger als die Würde ihres Amtes. Ebendiese Haltung wurde jetzt durch die beiden päpstlichen Entscheidungen sanktioniert. Dabei haben sie auch die Würde des Amtes längst mit Füßen getreten.

Teeblätter und Teegewürze ohne Wasser behalten ihr Aroma für sich. Sie bleiben krümelig, in sich gerollt, verschlossen. Vertreter der Religion wie die der römisch-katholischen Kirche bleiben ohne Leben und Ethos trockene, verstaubte, unberührte und unberührbare, in sich geschlossene Funktionäre, interessiert vor allem an der Erhaltung ihres Amtes. So wirkt Herr Wölki schon seit langem. Religion bleibt einfach nur spröde Zugabe, wenn sie sich nicht auf das Wasser des Lebens einlässt. Sicher, die Teeblätter und die Teegewürze duften vielleicht ein wenig. Doch aus den Teeblättern entsteht kein aromatischer Tee, wenn sie nicht mit Wasser aufgebrüht werden. Und der Tee wird gerade wegen seines Aromas geschätzt als „etwas, was wir jeden Tag haben möchten“.  Aus der katholischen Kirche samt ihren Funktionären und Ritualen entsteht keine lebendige Religion, wenn sie sich nicht auf das Leben einlässt samt seinen Freiheiten und Verantwortlichkeiten, seinem Entscheidungscharakter – und damit seiner ethischen Dimension. Eine katholische Systemreligion will keiner täglich haben. Sie ist schlicht unnötig für das Leben. Denn sie unterstützt die Würde der Lebenden nicht, sondern behindert sie.

Einer viel zu hohen Anzahl von gut glaubenden Menschen wurde durch katholische Würdenträger das höchstpersönliche Wissen um die persönliche Menschenwürde abgeschnitten. Dieselben Würdenträger sind nicht daran interessiert, die Betroffenen dabei zu unterstützen, sich wieder die Zugänge zu der schwerst verletzten Würde zu erarbeiten. Sie lassen die Betroffenen mit deren psychischen und existenziellen Verletzungen stehen. Deshalb ist ein Zug des Gleichnisses des Dalai Lama sehr wichtig: „Wir können ohne Tee leben, nicht ohne Wasser.“ Das Wasser, das Ethos, das von der persönlichen Würde lebt, ist kräftig genug für einen Weg ohne Kirche, ohne Religion. Die katholische Kirche führt sich selbst immer mehr ad absurdum, weil sie einem religiösen Darwinismus huldigt, der unverhohlenen Selbsterhaltung in Amt und Ritual. Dabei können Menschen lästig im Weg stehen, egal wie loyal sie sich zur Kirche verhalten. Das Schlimme daran ist, dass das System Kirche die dabei entstehenden Verletzungen so vieler Menschen in Kauf nimmt. Für den Papst und eine Reihe von Bischöfen scheinen die vom Missbrauch Betroffenen nichts weiter als Kollateralschäden zu sein. Eine Kirche, die Moral nicht mehr auf sich selbst bezieht, braucht niemand. Denn es lebt sich mit reinem Wasser und dem Ethos des Mitfühlens sinnvoller, auch wenn einem zuweilen der gewohnte Tee fehlt.

Dalai Lama & Alt, F. (12. Aufl. 2016): Ethik ist wichtiger als Religion. Wals (Benevento Publishing)

Unruhe und Gelassenheit

Sonntags. Am Nachmittag. Das Geräusch der sich aufheizenden Espressomaschine im Hintergrund. Durchs Fenster fällt späte Sonne ins Zimmer. Die Ruhe, draußen vor der Tür, wird nur unterbrochen durch den Stundenschlag der Uhr im Kirchturm. Eine Idylle. 

Eine Idylle? Gerade frage ich mich, was mich unruhig macht. Was die Sonntagsruhe unterbricht. Warum ich die Ruhe um mich herum nicht auf sich beruhen lassen und mich darauf einlassen kann. Mir fällt Augustinus’ (354 – 430) „cor inquietum“, das unruhige Herz, ein. Mir fällt, ist es eine Antwort auf Augustinus?, die stoische „tranquillitas animi“, die Seelenruhe, ein, die Meister Eckart (ca. 1260 – 1327) zur Gelassenheit weiterdachte. „Richte dein Augenmerk auf dich selbst, und wo du dich findest, da laß von dir ab; das ist das Allerbeste.“ (1979, S. 56) Der Philosoph R. Konersmann macht hier auf den Unterschied zwischen stoischer Seelenruhe und eckart’scher Gelassenheit aufmerksam: „Die Seelenruhe fordert und ermöglicht Weltzugewandtheit, die Gelassenheit verlangt und begründet Weltverweigerung.“ (2015, S. 213) Die philosophische Unterscheidung hilft mir weiter. 

In den letzten Wochen war es schwer, der Welt zu entkommen: die Naturkatastrophen wie die Flut im Westen Deutschlands, die Brände in den Mittelmeerländern, die Afghanistankatastrophen,  die wieder um sich greifende Coronapandemie, der Wahlkampf. Ich weiß nicht, ob die Liste der Welterfordernisse vollständig ist. Wen und was wählen, beschäftigte mich sehr. Welches Wahlprogramm bietet für mein Verständnis eine schlüssige Schnittmenge politischer Vorschläge und Konzepte an, um zu gestalten, was auf uns zukommt? Ist mein Nachlesen, Zuhören, Abwägen Weltzugewandtheit? Wenn der Prozess der persönlichen Meinungsbildung mit Zuwendung zur Welt verbunden ist, dann müsste er – vorausgesetzt die Deutung der stoischen Seelenruhe durch  Konersmann stimmt – allmählich Seele und Geist beruhigen. Zumal, wenn der Schlusspunkt oder genauer das Wahlkreuz gesetzt ist: Selbstberuhigung durch umfassende Information, gründliche Reflexion und begründete Entscheidung. Ich nehme meine Unruhe wahr. Spüre, wie meine Aufmerksamkeit dadurch angezogen wird, was gerade in der Welt passiert oder besser: was ich in den Berichten darüber finde. Ob meine Wahlentscheidung richtig ist?

Also doch Weltverweigerung und damit Gelassenheit?

Was erzählt Meister Eckart in seinen „Reden der Unterweisung“ zur Gelassenheit, die auf „abendliche Lehrgespräche“ zurückgehen, wie er einleitend schreibt (1979, S. 53)? Zum einen rät Eckart, vom „Eigenwillen“ abzusehen: „Darum fang zuerst bei dir selbst an und laß dich!“ (1979, S. 55) Wer in der Welt Frieden sucht, ob in der Nachdenklichkeit, im Handeln oder in seinen Einstellungen zur Welt, bleibt in der Weltbeziehung, die sein Ich bindet. (1979, S. 56) Sich lassen heißt also eine Perspektive finden, die nicht ichhaft ist. Auf meinen Meinungsbildungsprozess angewendet, bedeutet das: Die Wahlprogramme und politischen Äußerungen nicht unter der Perspektive erwägen, was ich für richtig halte, was mich beruhigen würde. Es bedeutet die Betroffenenperspektive einnehmen: Was ist für die Welt wichtig? Für die Interessen der Afghanen? Für das Klima? Für die Menschen in den Flutgebieten? Gehe ich in dieser Perspektive auf, dann wird mir auf einmal die Begrenztheit der Informationen, meines Wissens- und Verständnishorizontes klar. Dann beginne ich, nach anderen Zugängen zu den Themen zu suchen: literarischen, poetischen, künstlerischen, durch die ich von meinem Blick eher lassen kann und von den Betroffenen in den Blick genommen werde. Dabei begegne ich der Begrenztheit, die zu mir als Mensch gehört.

Meister Eckart rät angesichts dieser Begrenztheit zur puren Gegenwärtigkeit: „Nicht also: ‚Ich möchte nächstens‘, das wäre noch erst zukünftig, sondern: ‚Ich will, daß es jetzo so sei!‘“ (1979, S. 65) Der Wille bezieht sich also ganz auf die Gegenwart. „Ich will“ heißt, ich begebe mich in den Augenblick und in das, was darin ist. Ging es vorher um die kognitive Dimension der Betroffenenperspektive, so wendet sich Eckart jetzt der voluntativen Dimension zu: „Dann ist der Wille vollkommen und recht, wenn er ohne jede Ich-Bindung ist“ (1979, S. 66). R. Konersmann sieht darin die „Opferung“ der Selbstbehauptung (2015, S. 213). Das verfehlt, was Eckart meint: Die Betroffenenperspektive ist nicht Opferung, sondern Aufgeben in einer doppelten Bedeutung – und bezieht sich nicht auf die Selbstbehauptung, sondern auf die „Ich-Bindung“. 

Aufgeben verlässt im Kontext der Betroffenenperspektive den Bedeutungsraum der Metaphysik. Eckart sieht im Aufgeben der Ich-Bindung die „Entäußerung“ (1979, S. 66) im Sinn einer Ent-Bindung des Willens von den subjektiven Perspektiven. Er wird in dieser Entbindung seiner Aufgabe gerecht, sich auf das einzustellen, was der gegenwärtige Augenblick ihm aufgibt. Er gibt die Anspruchshaltung auf und lässt sich vom Gehalt des Augenblicks ansprechen. Aufgeben bedeutet demnach Entbindung vom Ich und zugleich, was gegenwärtig ist, als Aufgabe zu erkennen, anzuerkennen und sich zu entschieden. Dadurch befreit sich der Mensch von der Macht der Dinge, weil Aufgaben getan und beendet werden – und entbindet sich vom ichhaften Willen, was die Anhaftung an Aufgaben über deren Gegenwärtigkeit hinaus verhindert. Sich den Aufgaben um ihrer selbst und in Gegenwärtigkeit stellen und nicht, weil ich es allen recht machen will, weil ich geliebt werden will, weil ich sie perfekt ausführen will, das erschließt sich als Gelassenheit im Sinne Meister Eckarts. 

Meister Eckart zufolge gründet die Gelassenheit darin, dass „das Herz Gottes voll“ ist (1979, S. 62).  Wessen „Herz Gottes voll“ ist, läuft weniger Gefahr, sich an die Dinge und das Kreatürliche zu binden. Diese theologische Dimension seiner Mystik sei redlichkeitshalber vermerkt. Eckart überträgt die Gelassenheit, die er in der Willensentbindung vom Ich entdeckte, auf den Gottesglauben, den er nicht als Glauben an „einen gedachten Gott“, sondern als Erfülltsein vom „wesenhaften Gott“ (1979, S. 60) erzählt. 

Was ist gewonnen? Das Nachlesen forderte ein Nachdenken, um den Blog niederzuschreiben. Währenddessen kam ich zur Ruhe; denn ich ließ mich auf das ein, was mir in diesen Stunden zur Aufgabe wurde. Die Betroffenenperspektive einnehmen, also offen zu sein für das, was gerade ist, zeigt mir meine Unruhe. Mich bewegen die Informationen, Berichte, die Frage, wen und was ich angesichts all dessen wählen soll. Zu dieser Gegenwart gehört die Unruhe. Und es sind die Einfälle der „tranquillitas animi“ und der Gelassenheit da. Indem ich mich auf alles einlasse, die Unruhe, die Seelenruhe und die Gelassenheit, konnte ich die Betroffenenperspektive einnehmen, mich vom Ichzentrierten entbinden. Nicht die Informationen, nicht die Frage nach der Wahl verschwinden, sondern die damit verbundene Unruhe. In Gelassenheit begegne ich dem Abend dieses Tages.

  • Augustinus, A. (1980): Confessiones. Bekenntnisse. München (Kösel)
  • Meister Eckart (1979): Deutsche Predigten und Traktate (ed. Quint, J.). München (Diogenes)
  • Konersmann, R. (4. Auf. 2015): Die Unruhe der Welt. Frankfurt (Fischer)

Einstellungsveränderung für die Zukunft

Zukunft haben, über meine, lebensaltersgemäß, überschaubarer werdende Zukunft hinaus, das wünsche ich mir. Zukunft ist, das lerne ich gerade, nicht nur der Raum der Möglichkeiten. Sich heute mit der Zukunft beschäftigen heißt auch, sich mit den künftigen Wahrscheinlichkeiten auseinanderzusetzen. Die Gegenwart, in der ich lebe, ist der Ereignisraum dafür, welche Zukunft gerade Wirklichkeit wird. Ein Blick auf die Wahrscheinlichkeiten, die prognostiziert werden, lässt die Frage entstehen: Ist die junge Generation in der Lage und bereit, die Möglichkeiten zu erkennen, mit denen wir Menschen die Wahrscheinlichkeiten zu einer Lebenswelt umgestalten können, die Zukunft verheißt? Damit verbinde ich eine zweite Frage: Genügt uns Menschen das evolutionäre Motiv des Überlebens, um eine Lebenswelt zu gestalten, die Mensch-Sein ermöglicht? Und eine dritte Frage steht auf: Sind die PolitikerInnen, die gerade zur Wahl stehen, hier und heute die richtigen, um die Tragweite der beiden vorangehenden Fragen angemessen zu erfassen, ernst zu nehmen und die Verantwortlichkeit aus ihnen abzuleiten, die ab sofort das Denken und Handeln bestimmen soll? 

Gut, ich bin kein Politiker. Ja, ich befinde mich nicht einmal in der Position, mir einen hinreichenden Überblick über das, was Zukunftsverantwortung gerade bedeutet, zu verschaffen. Ich entdecke, wenn ich Beiträge aus der Fridays-for Future-Bewegung, von jungen UmweltaktivistInnen oder SozialpolitikerInnen lese oder höre, wenn ich mich mit Reflexionen über Klimaveränderung, Digitalisierung, Verkehrswende und all den Folgen daraus beschäftige, Denkmuster in mir, denen ich zunehmend skeptischer begegne. Mein „Mindset“ ist immer noch mitgeprägt von ideologischen Denk- und Handlungsweisen aus der 68-iger, der Friedens-, der Anti-Atomkraft-Bewegung. Ich war gegen Vieles, von dem bedrohliche Entwicklungen ausgehen. Wofür war ich? Wofür bin ich?

Fast reflexartig fühle ich mich zu den PolitikerInnen hingezogen, die eher zu meiner Generation gehören, weil ich bei ihnen viel Vertrautes entdecke: im Denken, in den Bewertungen und der Argumentation. Gleichzeitig regt sich gerade gegen das Vertraute intellektueller Widerstand in mir. Denn ich sehe so viel Unvertrautes und dabei Wahrscheinliches in der Zukunft, was mich dazu auffordert, bisherige Standpunkte aufzugeben und neue Perspektiven zu suchen. Und ich ahne, dass das, was auf mich noch eine Weile, auf meine Kinder auf große Strecken der Lebenszeit zukommt, das ist ja Zu-kunft, die gewohnte Lebenswelt radikal verändern wird. Ich, wir wollen das nur einfach nicht wahrhaben.

Ein Beispiel: die Verkehrswende als Beitrag zur Milderung des Klimawandels. Mit alternativen Antriebskonzepten kann der Klimawandel vielleicht technisch ein wenig abgefedert werden. Weitaus erheblicher wird es sein, ob es uns VerkehrsteilnehmerInnen gelingt, unsere Einstellung zur Mobilität zu verändern. Vielleicht werden wir Mobilität als Konsumgut von Mobilität als Erfordernis differenzieren lernen. Konkret könnte das bedeuten, dass Urlaubsreisen, Pendeln zwischen Alltags- und Ferienwohnung, auch Kulturreisen zum kostbaren Konsum-Gut werden, das eben keine Selbstverständlichkeit mehr ist und in einem ökologischen Kontext geplant werden muss. Einfach auch deshalb, um Mobilitätskapazitäten für die Erfordernisse des Berufs, der Güterverteilung, der Ökonomie umweltverträglich freizuhalten – unabhängig davon, welche Antriebskonzepte wir verwenden. Durch beispielsweise geringere Nutzung natürlicher Umwelt für Urlaubsreisen erhöhen wir deren ökologische Regenerabilität. Und daraus ergeben sich möglicherweise veränderte ökonomische Möglichkeiten für bisherige Massenurlaubsregionen. Was ich mit dem Beispiel zeigen will, ist, dass die politische Debatte und alle Wahlvorschläge zum Klimawandel nicht beim Umdenken stehenbleiben dürfen, sondern eine Einstellungsveränderung anzielen sollten. 

Es war der Arzt und Psychotherapeut V. Frankl (1905 – 1997), auf den die Einstellungsveränderung als maßgebliches Therapeutikum in der psychologischen Therapie zurückgeht. Einstellungsveränderung ist dann sinnvoll, wenn das Veränderungshandeln eines Menschen gegenüber seinen existenziellen Lebensbedingungen nicht mehr wirksam ist und so dessen Anpassungswirksamkeit überfordert wird. Dann bleibt dem Menschen allerdings die Freiheit, sich selbst zu verändern, seine Selbstgestaltungspotenziale zu aktivieren. Das kann zu neuen Konzepten von Wirksamkeit auf und für die Lebenswelt führen. Dieser Schritt, das weiß ich aus meiner früheren therapeutischen Praxis und meiner persönlichen Entwicklungserfahrung, erfordert Mut, Offenheit im Denken, in den Bewertungen und in den Handlungsweisen. Er erfordert vor allem ein starkes, werthaltiges Motiv, ein „Wofür“ der risikoreichen Anstrengung. Er erfordert zuweilen wertschätzende Unterstützung, die frei von allem Paternalismus und Maternalismus ist. Und er fordert eine umsichtige Kultur, bei Rückschlägen, die sich unvermeidlich aus den gewohnten und manchmal auch uralten Bahnungen unseres Verhaltens ergeben, einen Strich zu ziehen, der die vertane Gelegenheit von der nächsten Möglichkeit trennt.

Zeitgemäße Politik wird, davon bin ich überzeugt, gerade um die Einstellungsveränderung der Einzelnen, die zur veränderten Haltung der Vielen werden kann, nicht herumkommen. Manchmal blitzt dieses intuitive Wissen in Äußerungen gerade der PolitikerInnen auf, die jüngeren Generationen angehören als ich. Meist sind sie dabei, zu alten Denkmustern (z.B. meiner Generation) auf Distanz zu gehen. Zur Einstellungsänderung gehört allerdings auch der Respekt vor dem, was bereits gelebt wurde. Die vergangene Geschichte gehört bereits zu uns Menschen. Die Zukunft kommt erst auf uns zu. Um ihr gewachsen zu sein, ist es zuweilen sinnvoll, mit einem bewussten Strich das Vergangene vom Künftigen zu trennen. Nur so wird die Gegenwart als Denk- und Handlungsraum, in ihrer Freiheit und unserer Verantwortlichkeit sichtbar. 

Ich wünsche mir, dass sich in der kommenden Wahl mehr PolitikerInnen durchsetzen, die sich von den prognostizierten Wahrscheinlichkeiten der Zukunft nicht einschüchtern lassen. Die reflektiert und klug neue, andere Möglichkeiten angesichts der Wahrscheinlichkeiten sondieren und dabei nicht vergessen, dass nicht die Technologie, nicht ökologische Strategien und ökonomische Investitionen allein, sondern vor allem die Ermutigung zu einer bewussten Einstellungsveränderung der Einzelnen den Wandel lebbar macht. Sie werden zusammen mit uns als Gesellschaft auf die Suche nach Motivationen gehen, die menschengemäß, ethisch gestaltbar und nicht nur evolutionär geboten sind. Sie werden uns für die Geduld des langsamen, erdgemäßen Wandels, der freilich sofort und energisch einzuleiten ist, gewinnen. Dann werden die nächsten Generationen eine lebenswerte Zukunft haben.

Die moralische Verantwortung der Wahl

„Nur eine Politik kann vernünftig sein – nicht, was sie erreichen will; das kann nur gut oder böse sein und liegt außerhalb jeder Wissenschaft.“ (Marcuse, 1975, S. 194)

Ludwig Marcuses (nicht Herbert Marcuses, des kritischen Theoretikers) These kann die Qual der kommenden Wahl erleichtern. Sie enthält eine erhellende Unterscheidung. Sie spricht von der Politik als einem fakultativ vernünftigen Prozess, der wissenschaftlich rekonstruierbar ist. Das angezielte Ergebnis der Politik aber entzieht sich der Wissenschaft und betrifft eine andere Dimension des Lebens: die Moral. Werden Ziele und Ergebnisse von Politik moralisch verstanden, erheben sie eine Geltung, die den Einzelnen, und durch ihn vermittelt, die Gesellschaft und die Welt als Lebensraum betrifft. Die Verhältnisse, die durch Politik entstehen, unterliegen noch einmal der Entscheidung des Einzelnen. Er kann die angezielten Ergebnisse sinnvoll und moralisch verantwortbar affirmieren und umsetzen; dann sind sie gut. Er kann sie sinnwidrig aneignen und die persönliche Verantwortung ignorieren, weil er etwa nur auf seinen augenblicklichen Vorteil sieht und ihn eben nicht in Beziehung zu Mitmenschen, Gesellschaft und Lebenswelt setzt. Dann sind die Ergebnisse böse. Die Einführung der Moralität der Ergebnisse macht die Möglichkeiten und Grenzen der Politik sichtbar.

Politik erscheint im Sinne der These Marcuses als rationaler Prozess, der zu Ergebnissen führt, die der Bewertung durch den einzelnen Menschen anheimgestellt sind. Auftrag der Politik ist es also, den Weg zu Ergebnissen so zu organisieren, dass er beschreibbar, nachvollziehbar und aus Prinzipien heraus verstehbar ist. Insofern ist Politik tatsächlich die Kunst des Machbaren. Sie entwickelt mit Sachkenntnis, kritischer Reflexion und argumentativer Plausibilität das, was als jeweils machbar debattiert werden kann. Es ist die Aufgabe der Politik, Entscheidungslagen vorzubereiten und den Raum für Entscheidungen zu sichern. Was sie nicht beeinflussen kann, und das ist die Grenze der Politik, wie sich die einzelnen Bürger oder deren Stellvertreter im Parlament entscheiden. Ob das Gute oder das Böse in der Entscheidungslage gewählt wird, das kann Politik letztlich nicht beeinflussen. Oder anders: Die Verantwortung der Politik besteht darin, Entscheidungslagen einsichtig, sachgemäß und in einem rational nachvollziehbaren Prozess darzustellen. Was die Exekutive daraus macht, kann allenfalls wieder Gegenstand des politischen Prozesses werden. Die moralische Verantwortung für die Umsetzung bleibt bei denen, die tatsächlich entscheiden und handeln.

Damit wird das politische Dilemma der parlamentarischen Demokratie deutlich: Wir Bürgerinnen und Bürger wählen unsere politische Vertretung in das Parlament. Parlamentarier sind also diejenigen, die in Stellvertretung die Ergebnisse der Politik umsetzen. Die Mitglieder der Regierung sind die Politiker, die Entscheidungslagen organisieren. Immer wieder vermischen sich die parlamentarischen mit den politischen Aufgaben – dann wird die Trennlinie der Verantwortlichkeit unscharf.

Wenn ich also wähle, bestimme ich die parlamentarische Stellvertretung und dadurch vermittelt die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Regierung. Mein Wählen bestimmt mit, wer für mich und in meinem Interesse entscheidet. Ob also die angezielten Ergebnisse der Politik gut oder böse sind. Mein Wählen beeinflusst auch, wer die Politiker sein werden, die die Entscheidungslagen organisieren. Denn die Regierung wird durch die parlamentarische Zustimmung zu einer Kanzlerin oder einem Kanzler in ihrer Ausrichtung festgelegt. Ich als Wählerin oder Wähler trage eine doppelte Verantwortung: einerseits durch meine Stimme die Mehrheitsverhältnisse im Parlament so zu beeinflussen, dass die Ergebnisse der Politik möglichst moralisch verantwortbar sind; andererseits dafür Mitsorge zu tragen, dass geeignete Politiker die Entscheidungslagen, die zu Ergebnissen führen, möglichst sachgemäß organisieren.

Das zugrundegelegt, verbietet sich die Wahl der AfD oder anderer extremisierender Parteien oder Parlamentarier. Sie werden die Entscheidungslagen nicht in der beschriebenen, rationalen Weise organisieren. Ideologie steht in einem ursprünglichen Widerspruch zu wissenschaftlicher Rationalität. Insofern ist eine echte Entscheidung nicht möglich. Es wird mir also – erstens – die Mühe zugemutet, die Wahl- und Parteiprogramme dahingehend zu prüfen, welche Entscheidungslagen sie für die Zukunft erkennen. Zweitens ist zu prüfen, welche rationalen Grundlinien politischer Organisation für diese Entscheidungslagen in den Programmen enthalten sind. Drittens, und so kommen die Wahlkandidatinnen und -kandidaten ins Spiel, werde ich überlegen, wo ich die Passung zwischen Programm und Ergebnisinteresse am deutlichsten sehen kann und wem ich die Vertretung dieser Passung verantwortlich zutraue, so dass die Ergebnisse der parlamentarischen Entscheidungen meiner Intention entsprechen. Dann habe ich moralisch verantwortlich gewählt. 

Wahl freilich schafft lediglich wahrscheinliche Mehrheiten und keine garantierten Verhältnisse. Das ist die Freiheit und das Risiko in einer parlamentarischen Demokratie. Immer noch halte ich jene für die beste Möglichkeit, die Ergebnisse mitzuentscheiden und mitzuverantworten, die ich in meinem gesellschaftlichen und persönlichen Leben so umsetze, dass möglichst das Gute, das nicht immer das Beste sein muss, herauskommt.

Marcuse, L. (1975): Nachruf auf Ludwig Marcuse. Zürich (Diogenes)

Sturmgewehre zerstören das politische Afghanistannarrativ.

Das Afghanistannarrativ, das sich in zwanzig Jahren NATO-Präsenz bildete, ist durch die Bilder aus Kabul paralysiert. Ich meine nicht nur die Bilder der panisch flüchtenden Menschen am Flughafen. Ich sehe auch die Bilder der Taliban, die ihre Existenz vor allem durch das Sturmgewehr begründen. Das Sturmgewehr jedes einzelnen Taliban stellt die Lücken der politischen Erzählungen des sog. Westens über Afghanistan überdeutlich aus. Jetzt blicken wir vor allem auf die Flüchtenden; das ist die ethische Aufgabe der Stunde. Ein zweiter Blick sollte dem gehören, wovor sie fliehen, der Omnipräsenz der Männer mit den Sturmgewehren. Dass sie innerhalb eines Monates DAS Bild Afghanistans geworden sind, lässt sich im Grunde nur dadurch erklären, dass sie in der politischen Erzählung der vergangenen zwanzig Jahren, die sich die Politik zu Afghanistan zurecht fabulierte, keinen semantischen Platzhalter mehr hatten. 

Jetzt ist das Sturmgewehr als Exekutionsinstrument der Sharia zurückgekehrt. Wenn der in Koran, der Sunna, dem rationalisierbaren Verfahren des Analogieschlusses verankerte Rechtsprozess der Sharia (Ilmihal, 1998, S. 39) für die Durchsetzung das Sturmgewehr braucht, dann haben die Taliban den Islam samt der Sharia aufgehoben. Das Bild vom Mann mit Sturmgewehr überholt jedes noch so vernünftig scheinende Wort. Ja, das Sturmgewehr als nonverbales Sprachzeichen, entwertet das gesprochene Wort. Das Sturmgewehr spricht für die faktische Gewalt, die sich jederzeit gegen das Leben richten kann, gegen das der anderen wie gegen das eigene. Es ersetzt das Wort des Koran durch die bedrohende, mechanische Gewalt der Waffe. Das Sturmgewehr der Taliban hebt das sorgende, dem Menschen nachgehende und ihm Grenzen setzende Wort des Koran auf. Es bedroht die islamische Theologie des „ungeschaffenen Wortes Gottes“ (Cook, 2002, S. 139), das bei aller Verletzlichkeit sicher nicht das Sturmgewehr zu seinem Schutz intendiert. 

Auf welcher juridischen und ethischen Grundlage lässt sich mit Politikvertretern sprechen, deren systemerhaltender Faktor die Angst, deren Symbol das allgegenwärtige Sturmgewehr ist? Das ist die Frage, die das politische Kalkül Europas und Amerikas begleiten muss. Ethisch begleiten muss. 

Afghanistan scheint in seiner nationalen Kultur während der vergangenen zwanzig Jahre für uns nicht verstehbarer, nicht einmal nachvollziehbarer geworden zu sein. Möglicherweise hat der NATO-Einsatz samt der Demokratisierungsidee die Fremdheit der kulturellen Gruppen gerade IN Afghanistan noch gefördert. Vielleicht ist es nicht nur, wie in unseren Medien zuletzt zu lesen und zu hören ist, der geringe Sold der afghanischen Armee, der sie in ihrer Aktivität hinderte. Kann es sein, dass die innere Fremdheit IM Land so groß wurde, dass es schlicht kein sinnvolles Motiv für den Einsatz der Streitkräfte gegen die Taliban gab? Kann es sein, dass die Angst, die die Taliban verbreiten, von vielen, längst nicht allen Afghanen in Kauf genommen wird, weil durch sie ein Gefühl von Verbundenheit in etwas Gemeinsamem aufkommt, und wenn es die drohende Angst um’s Leben ist? Ist es das verzweifelte Bild einer existenziellen Verdrossenheit auf das, was die westliche Politik wohlmeinend, aber zutiefst missverstehend der afghanischen Bevölkerung als Staats- und Gesellschaftsform nahebringen wollte? Vielleicht hätte es genügt, die Rahmenbedingungen, vielleicht sogar nur die Räume humanitär zu sichern, in denen die Afghanen selbstbestimmt ihre gesellschaftliche, staatliche und den nationalen Kulturen angemessene Lebenswelt hätten entwickeln können – und so für die Taliban wahrscheinlich viel schwerer zurück gewinnbar geworden wären? Jetzt müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass die einen fliehen und die anderen sich arrangieren werden um eines Zieles wegen: um zu überleben.

  • Cook, M. (2002): Der Koran. Eine kurze Einführung. Stuttgart (Reclam)
  • Arikan, H. (1998): Ilmihal. Illustriertes Gebetslehrbuch. Köln (Verband der islamischen Kulturzentren e.V.)

Unterbrechung

Auch geplante Unterbrechungen unterbrechen. Angesichts einer Operation am rechten Daumengelenk Ende Mai plante ich eine kurze Unterbrechung meines Epimeleia-Blogs. Die lange Rekonvaleszenz ließ die Unterbrechung zu einer Pause anwachsen. Denn die rechte Hand war in den vergangenen acht Wochen nur bedingt brauchbar. Die schützende und stabilisierende Unterarmschiene behinderte den Alltag erheblich. Eine Erfahrung, die mich zuweilen irritierte; denn ich erlebte selbst, was ich in den letzten zwei Jahrzehnten von einem Teil meiner Patienten kannte: die Auswirkungen einer körperlichen Einschränkung. Das Leben verändert sich dadurch deutlich.

Die FFP2-Maske aufziehen, das Hörgerät rechts einsetzen oder Schuhe binden, das alles war in der ersten Zeit nicht mehr möglich: Ich musste es geduldig trainieren oder Alternativen schaffen. Mehr betraf es mich, nicht mehr alles aus eigener Kraft machen zu können. Bei einem Restaurantbesuch, gerade war es durch die Lockerung der Coronas-Regeln wieder möglich, wurde mir bewusst: was ich bestellt hatte, konnte ich nicht zerkleinern. Es ist gar nicht so einfach, die Partnerin vor den Augen anderer zu bitten, das Essen klein zu schneiden. In meinen palliativ-psychologischen Büchern schreibe ich davon, dass wir meist nicht hilflos sind, auch wenn wir uns so fühlen. Vielmehr gehe es darum, die persönliche Hilfsbedürftigkeit anzuerkennen und jemand um Hilfe zu bitten. Nach anfänglichen Schammomenten des „Das kannst du nicht mehr“ fühlte es sich gut für mich an, dass meine Partnerin auf ihre Weise Sorge für mein Leben trug. Es ist mit der Zeit eine gute Erfahrung, sich nicht mehr selbst für alles verantwortlich zu halten.

Die Sorge anderer zu zu lassen, lässt Lebensgemeinschaft entstehen. Das kann Neues ins Leben bringen, wenn die Sorge- und Verantwortungsroutinen dadurch unterbrochen werden, dass ich jemand anderen bitte, etwas anstelle meiner zu tun. Auf seine Weise. Wie ungewohnt das für mich ist, daran dachte ich im Restaurant, als ich in bedächtiger Linkshändigkeit das liebevoll zurechtgeschnittene Essen verzehrte.

Allmählich lernte ich, linkshändig in Büchern Wichtiges zu unterstreichen oder heraus zu schreiben. Ich lernte, allein mit der linken Hand am Computer zu arbeiten. Ich begann mich zu fragen, was muss erledigt sein und was kann liegen bleiben. Die Prioritäten zeichneten sich deutlicher ab als in meinem sonstigen Alltag. Ich stellte fest, dass sich jener oft in einem steten Erledigungsfluss vollzieht. Die Aufgaben folgen aufeinander und, wenn eine Lücke entsteht, dann fülle ich sie rasch mit etwas, das dann eben auch erledigt ist. Ein zufriedener Blick auf das, was ich alles abschließen konnte, war selten. Wie oft betonte ich in Seminaren zur Führungsentwicklung die Wichtigkeit der bewussten Wahrnehmung, dass ein Projekt abgeschlossen und eine Aufgabe erledigt ist. „Gönnen Sie sich diesen Blick. Er ist einer der wertvollsten Unterbrechungen Ihres Tuns.“ Das Leben mit meinem Handicap zeigte mir, dass ich das selber viel zu selten praktiziere. 

Genau das bereicherte die Rekonvaleszenz: die kleinen Feiern, wenn ich etwas beendet hatte. Mit einiger Mühe war der Foliensatz für ein Online-Seminar neu bearbeitet. Der gemeinsame Espresso mit meiner Partnerin, das besondere Essen, wenn ich endlich ein Manuskript zu Ende geschrieben hatte, das Glas Wein, als ich ein umfangreich-gewichtiges Buch im Leseprogramm im Rahmen meiner Forschungsarbeit ganz durchstudiert hatte, wurden zu liebevollen Gelegenheiten, das Getane noch einmal zu würdigen und das Vollbrachte zu genießen. Diese Momente des bewussten Abschließens und der kleinen Feier lassen mich jetzt, da mein operierter Daumen zunehmend alltagsbelastbar wird, auf die vergangenen Monate als eine bereichernde Zeit blicken. Mit zum Kostbarsten darin gehören die Phasen reinen Nachdenkens, der Reflexion – ungestört durch Termine, Mails, WhatsApps. Allerdings forderte mich auch immer wieder die Unruhe heraus, wenn die Zeit allzu einförmig verging. 

Meinen Blog legte ich einfach beiseite. Ich hatte kein Bedürfnis, mich mit zu teilen. Es tat so gut, die Gedanken und Einsichten bei mir zu behalten, sie in dem Assoziationsfeld reifen zu lassen, das durch die Lektüre präsent war. So konnte ich in den letzten beiden Wochen, als alles schon ein wenig leichter ging, mit meinem Co-Autor einen uns wichtigen Text abschließen und beim Herausgeber einer Zeitschrift einreichen. Der Beitrag atmet die Ruhe, die Konzentration und die Intensität der Gedankenarbeit, der kleinen Feiern, der Unterbrechung des Alltagsflusses. 

Derzeit kehrt der Alltag mit zunehmender Heilung wieder zurück. Mit diesem Einblick in die vergangene Rekonvaleszenz nehme ich nun auch meinen Blog wieder auf. Ich werde wieder regelmäßig Beiträge einstellen. Was ich mir vornehme, ich will die so wohltuenden kleinen Unterbrechungen beibehalten und pflegen. Sie verhindern die Verstetigung des Arbeitsflusses. Sie öffnen Räume für anderes als das Alltägliche, die Routine und das Gewohnte. Sie lassen Arbeit einfach Arbeit sein. Ich will mir die Denk- und Erlebensräume erhalten, in denen sich das Innovative ebenso wie das Konstitutive und Synthetische entwickeln kann. Auf die feierlichen Augenblicke, die bewusst machen, dass Arbeit ebenso Leben ist wie freie Zeit, freue ich mich. Nicht zuletzt, weil ich mir die Freiheit nehme, Zeit zu haben. Ob es gelingen wird? Sie werden darüber lesen.

Die Pandemie gehört zum Leben.

Heute erlebe ich mich immer wieder bedrückt. Auf der Suche nach Anlässen dafür fallen mir Überschriften ein wie „Wiedersehen mit der Wirklichkeit“, „Endlich eine Ahnung von Normalität“, „Wieder rauskommen und rein in die Wirklichkeit“. Ist die Pandemie denn keine Wirklichkeit? Welche Normalität wird denn geahnt? Ist das Leben mit den Coronamaßnahmen nicht auch eine Normalität, nicht auch ein Alltag? Ich verstehe das Aufatmen angesichts der Lockerungen, die Freude, durch belebtere Innenstädte zu gehen, das Bedürfnis nach dem freien Blick, die Lust, die Enge wenigstens ein paar Schritte weit und eine Zeit lang zu verlassen. Doch der Alltag der Pandemie, das Leben auf Distanz, die Akzeptanz der Regeln und Maßnahmen, die Vorsicht bei Kontakten bleibt. Machen wir uns da nichts vor. 

Was mir zu denken gibt, ist das Suggestiv einer Normalität des „Weiter so wir vorher“. Dies verbindet sich mit der Tendenz, die Realität der Pandemie durch die Erklärung zum zeitlich begrenzten Ausnahmezustand zu relativieren. Sicher, auch die Corona-Pandemie wird einmal Geschichte sein. Ein Faktum der Vergangenheit, der Bewertung aus einer anderen Gegenwart zugänglich. Dazu ist es allerdings zu früh. Viel zu früh. Denn noch leben wir in der Pandemie. Sie ist keine Vergangenheit, auch wenn wir so zu tun beginnen, als ob wir dem Leben mit dem Sars-Cov-II-Virus für eine Woche Urlaub entkommen könnten. Niemand hat unsere Lebensorte von dem Virus befreit. Das Infektionsrisiko bleibt. Wer aus der Urlaubswoche zurückkehrt, kehrt in das Homeoffice, in Inzidenzunsicherheiten, in einen nach wie vor schutzbedürftigen, reglementierten Alltag zurück. Unser Leben wird ein Leben mit der Betroffenheit und den Folgen durch das Virus sein. Die Trauer um Verstorbene wird durch die Lockerungen nicht leichter. Das Leben mit Long-Covid-Symptomen wandelt sich durch Urlaubsmöglichkeiten nicht zu einem Kuraufenthalt. Die Verunsicherungen von Kindern und jungen Menschen können sich bei manchen trotz veränderter Begenungsmöglichkeiten zu Ängsten auswachsen. Und die Traumatisierungen durch nähebedingte Übergriffe in Familien und anderen Lebensgemeinschaften lösen sich nicht einfach durch ein paar Kita-, Schul- oder auch nur Spielplatzbesuche auf.

Ich weiß, das wirkt wie mit dunklen Farben über den Silberstreif am Horizont gepinselt. Niemand hat jedoch etwas davon, wenn er nur noch in die aufgehende Sonne starrt, um nicht die Wolken am Himmel zu sehen, die es immer geben wird. Sein Blick wird dadurch genauso beschädigt wie durch das mehrstündige Starren auf den Bildschirm. Es gibt keine Wirklichkeit neben der Wirklichkeit. Dieses Leben ist, wie eine Psychotherapiekollegin so treffend formulierte, das einzige, das wir haben. Ein anderes haben wir nicht. Wir werden uns, psychohygienisch klug, mit diesem Leben und allem, was sich ihm ereignet, arrangieren müssen. Die Pandemie hat das normale, selbstverständliche „Weiter so“ unterbrochen. Krisen unterbrechen das Gewohnte und Vertraute. Damit umzugehen, dafür haben wir die Wahl. Die Krise kann ignoriert werden. Es gibt immer noch Menschen, die leugnen die manifesten Symptome durch Umdeutung. Das Vermeiden der Konfrontation mit den Unterbrechungssymptomen, die Flucht in eine scheinbar heile Welt ist eine andere Möglichkeit. Beides ändert nichts an der Tatsache, dass vieles Unerwartete, Unvertraute und Ungewohnte auf den Menschen in der Krise zukommt. Irritierend dabei ist, dass einige der bewährten Verhaltens-, Denk- und Handlungsmuster sich als stumpf gegenüber der Pandemie erweisen. Das löst zuweilen Angst vor dem Ausgeliefertsein in der Lage aus. Mindestens wird durch die unangenehmen Erfahrungen, dass Bewährtes nicht zur Lösung taugt, Stress erzeugt. Und wenn es der psychisch belastende Stress des erfolglosen „Mehr desselben“ ist. Wie also überleben in der Krise?

Wo es keine Lösungen gibt, bedarf es, das ist eine bewährte psychotherapeutische Strategie, der Einstellungsarbeit, um Bewältigung der krisenhaften Lebenslage zu ermöglichen. Bewältigung ist etwas anderes als Lösung. Lösungen versuchen, ein Problem aufzulösen und es dadurch – wörtlich – los zu werden. Das Problem wird beseitigt. Bewältigung verfolgt eher das Ziel, mit einem Problem so leben zu lernen, dass sich die Belastungen und schädlichen Wirkungen in Grenzen halten. Bewältigungsstrategien rechnen auch mit Rückschlägen, sind auf situative Veränderungen hin anpassbar. Anders als Lösungen orientieren sie sich weniger an der Veränderung der Lage, sondern vorwiegend an der Erarbeitung kreativer, innovativer Einstellungen zur Situation. Einstellungsarbeit eignet sich hervorragend in Krisen, deren äußere Faktoren nur schwer zu beeinflussen sind. So eine Krise ist die Pandemie. Einer kann sich immer ändern, das ist der Mensch, der in der Krise lebt. Unter drei Bedingungen: Der Betroffene ist veränderungsfähig, veränderungsbereit und veränderungswillig. Veränderung hat mit Lernen von Neuem, Unvertrauten und Ungewohntem zu tun. Jede Lernsituation ist ein einmaliger und einzigartiger Versuch, sich in einer Situation verändert zu verhalten, ihr mit neuen Gedanken zu begegnen und anders als vertraut zu handeln. Misslingt der Versuch, beginnt der Lernprozess von neuem. Ohne auf den letzten oder die zurückliegenden misslungenen Versuche zu schielen. So verhindern wir zusätzlich zum Erlernen von Neuem demotivierende Verhängnisketten von Misserfolgen. 

Einstellungsarbeit gegenüber der pandemischen Krise bedeutet,

  • Differenzierung DER Krise in DIE Krisen durch Unterscheidung und Analyse der Betroffenheiten und der Beteiligungen
  • Ernstnehmen, dass die Krise nicht lösbar ist, sondern bewältigt werden muss, d.h.anzuerkennen, dass das Virus bleibt
  • an Einstellungen zu arbeiten, die es ermöglichen, die Krisenaspekte der Pandemie dadurch in das Leben zu integrieren, dass die persönlichen Werte, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu einer produktiv-gelassenen Lebensweise mit der Lebenslage führen
  • Ziel: Gestaltung der Lebenswelt mit (Gelassenheit) und auch trotz (Revolte) der Pandemie statt Lageorientierung

Die Pandemie samt ihrer Folgen wird damit in das derzeitige Leben integriert. Sie gilt nicht mehr als Sonderfall oder Ausnahme der Normalität, sondern als Teil der Realität unseres Lebens. Insofern und nur so kann das Chancenpotential der Unterbrechungen entdeckt und genutzt werden. Auf diesem Weg und nicht nur den Lockerungseskapismus wird das Leben wieder zur Normalität.

Revolution und Revolte

„Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen. Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch Gott hat’s gemacht, im Süden Frankreichs. … Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will, ist sie zugleich noch ungeboren. Heute, da sie fünfundneunzig ist, kommt sie auf diesem weißen Blatt zur Welt“. (S. 5) Damit beginnt das Heldinnenepos, das die Schriftstellerin Anne Weber 2020 im Mattes & Seitz Verlag, Berlin, veröffentlicht hat. Der Titel des Buches heißt schlicht Annette. Der Name verrät zunächst kein Programm. Anne ist die Hauptfigur in der epischen Dichtung. Die Frau, von der Schriftstellerin Annette genannt, wird geboren oder neu geboren oder erst geschaffen zur Heldin, etwas zu atemlos für ein Epos. 

Annette, in der Bretagne in die Welt gekommen, liebt ihre Großmutter mütterlicherseits. Die Großmutter ist weder des Lesens noch des Schreibens kundig. Sie lebt in einfachsten, ärmlichen Verhältnissen. Sie entdeckt sich mit ihrer Enkelin Annette als liebende Wiedergeliebte. Die Mutter ihres Vaters, die Anette erst verspätet kennenlernt, liebt sie weniger. Mit 17 Jahren erlebt sie den deutschen Einmarsch in Frankreich. Ein lässig bewachter Kriegsgefangener bittet sie, einige Päckchen zu einer Schneiderin in den Ort zu bringen. Über diesen flüchtigen Kontakt entstehen neue Kontakte – zu Mitgliedern der französischen Réstistance. Annette transportiert weiter und wächst, viel zu langsam erwachsen werdend, in die Widerstandsbewegung hinein. Ihre zweite Geburt, gewissermaßen, beginnt in dieser Phase der politischen Initiation. „Man hofft und rennt los“, wird Anette zitiert (S. 27). Mit vor „Toten und Terror und was aus Revolutionen gewöhnlich sonst noch so wird“ verschlossenen Augen. Sie landet in Paris und studiert Medizin. Letztlich erfolgreich ist sie Ärztin und Neurophysiologin. Immer bleibt sie dem Widerstand handelnd treu. Gegen die deutsche Besatzung Frankreichs. Nach dem zweiten Weltkrieg engagiert sie sich im FLN, der Nationalen Befreiungsfront Algeriens, gegen Frankreich. 

Sie begegnet Roland. Er ist Jude deutscher Herkunft. Und er ist bei den jungen Kommunisten. Annette schließt sich an. Sie lieben sich, auch wenn für Kämpfer im kommunistischen Kader Liebe nicht erlaubt, zumindest nicht vorgesehen ist. Widerstand wird Annettes Lebensweise. „Wenn jemand widersteht, so ist sein Widerstand gegen etwas Bestimmtes gewandt, in diesem Fall die deutsche Tyrannei und ihr Gedankengut, dass schlecht ist“ (S.35). Widerstand ist auch Einstehen für Menschen. Annette wird zur Retterin von Juden – entgegen den Regeln der kommunistischen Kader. Ab hier beginnt mich die philosophische Bedeutungsebene zu interessieren, beinahe mehr zu interessieren als die Biographie Annettes. Was ist Widerstand? Was begeistert Menschen, die sich gegen etwas wenden, das schlecht ist, und für die einsetzen, die sie für gut halten? Mit dieser Frage wird das Epos gegen seine literarische Gattung gewendet. Es wird politisch.

Annette tritt für Menschen ein, indem sie gegen das Schlechte, die deutsche Besatzung Frankreichs und die französischen Kollaborateure des Regimes von Vichy Widerstand leistet. Dem kommunistischen Führungskader missfällt das: „Ihre Bereitschaft zur Aufopferung ist so gesehen nichts als Widerstand gegen den Widerstand und gegen dessen strenge Disziplin.“ (S. 53) Widerstand gegen den Widerstand ist für Annette Einstehen für Menschen, die zu Opfern der Umstände werden. Solcher Widerstand heißt Revolte. Albert Camus (1913 – 1960), dessen Zeitgenossin Annette ist, setzt die Revolte als eine „erste Selbstverständlichkeit“ (Camus, 1972, S. 21) neben das Cogito, sum: „ Ich empöre mich, also sind wir.“ (ebd.) Jene Selbstverständlichkeit der Revolte gründet, Camus zufolge, „den ersten Wert auf allen Menschen“ (ebd.). Die Revolte ist das humane Mittel gegen das Übel des Einzelnen, das sich als kollektive Pest ausbreitet. Was ist die Revolte im Unterschied zur Revolution? Camus genealogische Beschreibung von Revolte und Revolution spitzt den Unterschied zwischen beiden zu: „ die erstere geht von einem Nein aus, das sich auf ein Ja stützt, die letztere von der absoluten Verneinung und verurteilt sich zu jeder Knechtschaft, um ein Ja hervorzubringen, dass an die Grenze der Zeiten hinaus geschoben ist. Die eine ist schöpferisch, die andere nihilistisch.“ (Camus, 1972, S. 204) Die Revolte erschafft das Leben, indem sie uns zum Leben und Lebenlassen auffordert – gegen den Tod als dem „dunklen Sein“ (ebd.). Die Revolte ist originär, unabhängig von der Zustimmung einzelner oder aller. Sie ist der selbstursprüngliche Akt des Menschseins. Darin unterscheidet sie sich grundsätzlich von der Revolution. Die Revolution ist nicht schöpferisch. Sie produziert, handelt „in der stets enttäuschten Hoffnung, eines Tages zu sein“ (ebd.). Im Produzieren verneint sie das Schöpferische, das auf Bestehen, Sein ausgelegt ist. Die Revolution ersetzt das Jenseits durch das Später, wie Camus es formuliert (1972, S. 67). Die Revolution schafft nicht, wonach sie strebt. Sie tritt nicht für den Menschen ein, indem sie ihn zur Revolte gegen das Verfügtsein in den Systemen weckt. Jene mutet ihm die Revolution als die notwendigen Abhängigkeiten auf dem Weg zur letztendlichen Freiheit aller von allem zu. Diese totale Freiheit ist nicht zu erreichen. Denn sie schlägt als totale Freiheit aller von allem zum Nihilismus um. Alles ist dann nichts.

Annette ist der Gegenentwurf zum Revolutionär. Sie kann nicht zur Terroristin werden, weil sie in der Revolution die Revolte lebt. Sie fördert auch in Algerien die Revolution, wo sie nach dem langen Einsatz für den FLN eine politische Funktion erhält. Auch hier steht sie für einzelne Menschen ein. Sie ist auch Ärztin. Für die konkreten Menschen ist das System zu ändern, damit sie keine Opfer bleiben. Heilen muss der Einzelne selbst. Doch schließlich verlässt sie die Funktion und Algerien. Sie hat das Ergebnis der dortigen Revolution erkannt: „Wer Fortschritt wollte, hat jetzt Gleichschritt.“ (S. 201) Über Genf führt ihr Weg nach vielen Jahren zurück nach Frankreich, nach Dieulefit, „alleine, klein und krumm. Krumm nur ein bisschen und auch nur außen; im Inneren ist sie gerade.“ (S. 204) Sie hat sich die Revolte, die Camus als gleichursprünglich mit dem selbstwissenden Verstand erkannte, bewahrt. Sie lebt als Mensch. Annette. Der Name steht für das Leben von Anne.

Annette ist der Gegenentwurf zum Revolutionär, der protestiert, weil er das System verändern will und dabei nicht für den Menschen eintritt. Der Revolutionär nimmt im Protest für die künftig, irgendwann einmal, vermeintlich gute Sache die Beschädigung des Menschen in Kauf. Er demonstriert, ohne sich an für den Einzelnen vernünftige Regeln zu halten. Er produziert auf dem Weg zu mehr Klimaschutz die Erwerbslosigkeit der Einzelnen. Er tritt für die Grundrechte ein, ohne sich ihnen als Einzelner für andere unterzuordnen. Das angestrebte Ziel des Revolutionärs ist die spätere Totalität des Guten, das sich später nur als totalitär und nie am Ziel erweist. Der Stein, den der Mensch gegen alle Schwerkraft den Berg hinaufstemmt, wie im Mythos von Sisyphos, erschafft nicht das Leben. Der Mensch erschafft sein Leben anders. Bevor die erledigten Aufgaben neue hervorbringen, gibt es diese Weile, die dem Menschen von den Produzenten und Revolutionären vorenthalten wird. Sie ist die Zeit für die Revolte. Camus hat sie entdeckt und beschrieben (1959, S. 100 f.). Es ist der Weg zurück an den Fuß des Berges, zurück zur nächsten Aufgabe. Auf dem Weg zurück hat Sisyphos Zeit für alles, was über die Aufgaben hinaus das Leben ausmacht, für das Eigene und das, was er mit anderen teilt. „Ich verlasse Sisyphus am Fuße des Berges! Seine Last findet man immer wieder. Nur lehrt Sisyphus uns die größere Treue, die die Götter leugnet und die Steine wälzt. Auch er findet, dass alles gut ist. Dieses Universum, dass nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. … Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (Camus, 1959, S. 101) Mit dieser Einsicht endet das Heldinnenepos.

  • Weber, A. (2020): Annette, ein Heldinnenepos. Berlin (Mattes & Seitz); zit. im Text nur mit Seitenangabe
  • Camus, A. (1959): Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Reinbek (rororo)
  • Canus, A. /1972): Der Mensch in der Revolte. Essays. Reinbek (rororo)

Humor

„Das Lachen ist die engste Distanz zwischen zwei Menschen.“ (Viktor Borge)

Distanz und Nähe – wir alle wissen, welche Herausforderung das bedeutet. Einerseits fühlen wir uns bestimmten Menschen besonders nahe. Andererseits wissen wir, wie sinnvoll die professionelle Distanz im Beruf ist.

Wir sind zu einer Haltung der Distanz fähig, die etwas dem Menschen ganz Eigenes ist, zum Humor. Er hat eine große Spannweite. Er reicht vom feinsinnigen Wortwitz über die komische Geste bis zum lauten Gelächter. Humor ist etwas rein Menschliches. Humor schafft in engen Lagen Distanz, Raum und Auswege.

Ernst Bloch (1985, S. 196) erzählt dazu eine Beispielgeschichte, die ich sehr schätze:

Der treue Diener flicht seinem Herrn, einem chinesischen Weisen, aus den letzten drei verbliebenen Haaren täglich einen Zopf. Eines Tages bleiben zwei der drei Haare in der Hand des Dieners. Der wirft sich vor dem Weisen nieder und bittet um Verzeihung. Der Weise antwortet gelassen: Mach dir keine Sorgen. Künftig werde ich meine Haare offen tragen.“

Humor schafft in der engen Lage Raum zwischen Menschen. Er schafft auch Raum in einem selbst, in dem er einen von den unangenehmen Gefühlen, die Probleme begleiten, distanziert. Der chinesische Weise entlastet sich selbst, indem er das Unglück aus humorvoller Distanz anblickt. Das entlastet zugleich den Diener von einer falschen Verantwortlichkeit. Haare pflegen einfach auszufallen.

Humor lässt einen gewissermaßen über die eigene Schulter schauen. Ich sehe mich, mein Leben aus einem gutmütigen Abstand an – und schon kann ich lächeln. Dasselbe gelingt auch in Lebenssituationen, in die wir uns verstrickt haben. Da wird oft die kritische Distanz unterschritten – schon fallen scharfe Worte. Wie wäre es, wenn wir uns gerade dann unseres Humors bedienten … Humor schafft das Quentchen Raum, in dem wir durchschnaufen, erleichtert aufatmen, und etwas gelassener die Lage noch einmal angehen können. 

Humor, ins Deutsche übersetzt, heißt: Feuchtigkeit. Dort, wo es eng wird und trocken im Mund, weil die Angst in einem hochkriecht, da kann der kleine Witz, der humorige Gedanke die Kehle wieder befeuchten. Der mittelalterliche Heiler Paracelsus empfiehlt, auf die richtige Feuchtigkeit des Körpers und des Gemütes zu achten. Dann könne man gelassen leben.

Gelassenheit ist eine Wirkung des Humors. Gelassene PartnerInnen, gelassene FreundInnen und KollegInnen haben die richtige Distanz zueinander und zu den Aufgaben, die auf sie warten. Deshalb sollten wir uns gegenseitig so oft wie möglich ein Lächeln gönnen – und immer wieder herzhaft zusammen lachen. Wir geben dann einander den Raum, den wir dafür brauchen, unser Bestes zu entfalten, oder auszuhalten, dass das Beste gerade nicht möglich ist. Wir schaffen wieder Platz zwischen uns, wenn wir einander zu nahe gekommen sind. Wir finden wieder zur Gelassenheit, wo wir in Gefahr waren, verbohrt zu werden. Und geben einander die Chance, Gesellschaft zu bleiben, auch wenn es eng ist.

Denn: „Das Lachen ist die engste Distanz zwischen zwei Menschen.“

Bloch, E. (1985): Spuren. Frankfurt (Suhrkamp), S. 196

Maiwecken

1957. Drei Jahre war ich alt. Von ferne hörte ich morgendliche Marschmusik. Von den Gewerkschaften wurde damals das „Maiwecken“ initiiert. In der Innenstadt Ingolstadts trafen sich die Kappellen zum Festzug mit anschließender Kundgebung auf dem Paradeplatz. Mein Vater nahm mich dorthin mit. Am meisten begeisterte mich die „Große Trommel“. Geduldig hörte ich wohl auch der Politikerrede zu. Trommeln und eine Rede halten waren in den folgenden Tagen meine Lieblingsbeschäftigung. So früh also wurde ich politisiert.

Wie entsteht politische Bildung? Ich hatte Glück. Zeitungslesen, das regelmäßige Hören der Rundfunknachrichten, später die Tagesschau und politische Magazine im Fernsehen, vor allem aber das Gespräch und die Diskussion über das politische Tagesgeschehen, damit war ich seit frühester Kindheit vertraut.

Die erste Wahl, die mich aktiv beschäftigte, war die Stadtratswahl in Ingolstadt 1966. Damals gewann die SPD und stellte den Oberbürgermeister. Ich setzte mich, den Erzählungen meiner Eltern zufolge mit den möglichen Kandidaten auseinander, las Zeitung, stellte tausend Fragen zu Parteien und politischen Funktionen. Ich erinnere mich, dass ich in meinem Zimmer selbstgemalte Wahlplakate aufgehängt hatte. Das Interesse an Politik begleitet mich seitdem. 

Schwierig wurde die politische Auseinandersetzung in der Familie mit den 1968-iger Jahren. Im Geschichts- und Sozialkundeunterricht wurde das Dritte Reich besprochen. Wie waren meine Eltern betroffen? Inwieweit waren sie in die Geschehnisse involviert? Wir stritten über die Studentenrevolte. Revolutionäre Politik begann mich zu interessieren. Marxismus, die Spannung von Kapitalismus und Sozialismus, Kommunismus als utopische Lösung der Klassen- und Bildungsunterschiede, solche Themen wurden in politischen Diskussionen mit KlassenkameradInnen, aber auch mit unseren LehrerInnen leidenschaftlich diskutiert. Politik spielte in meiner Gedankenwelt auch während des Theologiestudiums eine wichtige Rolle. „Kirche contra Gesellschaft?“ (A. Gläßer), Befreiungstheologie, Politische Theologie nach Ausschwitz (J. B. Metz) waren bohrende Themen, die sich später in meinem immer auch politisch aufgeladenen Religionsunterricht niederschlugen. Die Kolumnen von Ulrike Meinhof in der Zeitschrift „Konkret“ gehörten zur Pflichtlektüre. Aus diesen bewegten Jahren, zu denen auch der RAF-Terrorismus gehörte, blieb bis heute eine kritische Haltung zu politischen und  gesellschaftlichen Prozessen in den USA, blieb die Sensibilisierung für weltweite militärische Konflikte als Folge imperialer wirtschaftlicher Interessen, blieb die Aufmerksamkeit für die sozialen und politischen Verwerfungen in den sog. Schwellenländern und den Anteil der deutschen Politik daran.

Die ökologische Frage kam in den letzten beiden Jahrzehnten neu hinzu, angeregt durch die Mitarbeit in einer Bürgerinitiative zur Reduzierung des Verpackungsmülls. Inzwischen fasziniert mich Andreas Webers Idee des „Enlivenment“ (2016), der Betrachtung der Dinge und Menschen „unter der Perspektive der Lebendigkeit“ (Weber, 2016, S. 25). Er schreibt: „Enlivenment heißt, [die Dinge] wieder ins Leben zu bringen – mit Leben zu erfüllen, lebendiger zu machen.“ (Weber, 2016, S. 25) In der „Lebendigkeit“ verbinden sich Leben, Empfinden und Denken. Das Lebendige widerspricht dem Objektcharakter der Welt und des Menschen. In der Haltung der Lebendigkeit betrachtet wird bewusst, dass Technologie und die sie ermöglichende Form von Wissenschaft das Leben zur Sache macht, zum Gegenstand. Versachlichung ist die Bedingung für formalwissenschaftliche Analyse und letztlich für den technischen Nachbau des Lebens. Mit der Virtualisierung der Technik durch den Transfer in digitale Sprachen entfernen wir uns weit vom Leben. Analyse und digitale Versprachlichung führen zu einer zunehmenden Eliminierung des Subjekts. Digitalität vollzieht sich in einer Grammatik, in der Objekte Objekte regieren. In der Ökonomie werden Objekte zur Ware, die nicht mehr für Menschen gedacht sind, sondern für Konsumenten, denen – zugespitzt –  ebenfalls Warencharakter eignet. Vermittelt werden die Konsumenten als Ware mit den Konsumobjekten als Ware durch die sprachlichen Strukturen von Algorithmen, die als „Verben“ der digitalen Sprache fungieren. 

Andreas Weber, der in seinen Überlegungen soweit nicht vordringt, setzt dieser neuen Form des Objektivismus, in der aus meiner Sicht Objekte Objekte durch Algorithmen regieren, die Haltung der „Allmende als Wirklichkeitspraxis in der ersten Person“ (Weber, 2016, S. 73) entgegen. Allmendewirtschaft geht davon aus, dass die Natur der Lebensraum aller ist, den alle nutzen und alle hegen. „Lebewesen benutzen das von der Natur bereitgestellte Gemeingut nicht, sie sind vielmehr physisch und psychisch Teil von ihm und auf es bezogen.“ (Weber, 2016, S. 75) Die Allmendehaltung ist wie die Care-Haltung eine Haltung der Umsorge (Weber, 2016, S. 91). Die Sprache der Umsorge geht von einer symmetrischen Beziehung zwischen Subjekt und Objekt aus. Das Verb „leben“ vermittelt zwischen Subjekt und Objekt. Damit wird die prädikative, die beschreibende und urteilende Dimension der Sprache, die letztlich zu einer Objektsprache führt, verlassen. Die Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt ist ein fortwährender Akt, in dem alles lebendig bleibt. Weber bezeichnet das – etwas missverständlich – als „poetische Objektivität“ (Weber, 2016, S. 103 f.). Er nimmt damit wohl das aristotelische „poiein“ auf, das „etwas machen und sich formen“ als Handeln des Menschen, der im Handeln die Natur nachahmt (nicht nachbaut!) (Peri Poetikes 1448 a). So sieht Aristoteles auch die Sprache: Sie ist der Akt, in dem sich die Polis, der Lebensraum des Menschen (Politeia, 1253 a) im Kosmos, dem Zusammenhang des Lebens, entfaltet. Sprache ist auch mein wichtigstes politisches Mittel, in Leserbriefen, in leidenschaftlichen Diskussionen, in der Teilhabe an politischen Prozessen.

Ob das jene Kundgebung am 1. Mai 1957 angeregt hat, in der die große Trommel zusammen mit der Rede ein wichtige Rolle spielte?

  • Aristoteles (1982, ed. Fuhrmann, M.): Poetik – Peri poetikes. Stuttgart (Reclam)
  • Aristoteles (1981, ed. Rolfes, E.): Politik – Politeiea. Hamburg (Meiner)
  • Weber, A. (2016): Enlivenment. Eine Kultur des Lebens. Berlin (Matthes & Seitz)