Die Pandemie gehört zum Leben.

Heute erlebe ich mich immer wieder bedrückt. Auf der Suche nach Anlässen dafür fallen mir Überschriften ein wie „Wiedersehen mit der Wirklichkeit“, „Endlich eine Ahnung von Normalität“, „Wieder rauskommen und rein in die Wirklichkeit“. Ist die Pandemie denn keine Wirklichkeit? Welche Normalität wird denn geahnt? Ist das Leben mit den Coronamaßnahmen nicht auch eine Normalität, nicht auch ein Alltag? Ich verstehe das Aufatmen angesichts der Lockerungen, die Freude, durch belebtere Innenstädte zu gehen, das Bedürfnis nach dem freien Blick, die Lust, die Enge wenigstens ein paar Schritte weit und eine Zeit lang zu verlassen. Doch der Alltag der Pandemie, das Leben auf Distanz, die Akzeptanz der Regeln und Maßnahmen, die Vorsicht bei Kontakten bleibt. Machen wir uns da nichts vor. 

Was mir zu denken gibt, ist das Suggestiv einer Normalität des „Weiter so wir vorher“. Dies verbindet sich mit der Tendenz, die Realität der Pandemie durch die Erklärung zum zeitlich begrenzten Ausnahmezustand zu relativieren. Sicher, auch die Corona-Pandemie wird einmal Geschichte sein. Ein Faktum der Vergangenheit, der Bewertung aus einer anderen Gegenwart zugänglich. Dazu ist es allerdings zu früh. Viel zu früh. Denn noch leben wir in der Pandemie. Sie ist keine Vergangenheit, auch wenn wir so zu tun beginnen, als ob wir dem Leben mit dem Sars-Cov-II-Virus für eine Woche Urlaub entkommen könnten. Niemand hat unsere Lebensorte von dem Virus befreit. Das Infektionsrisiko bleibt. Wer aus der Urlaubswoche zurückkehrt, kehrt in das Homeoffice, in Inzidenzunsicherheiten, in einen nach wie vor schutzbedürftigen, reglementierten Alltag zurück. Unser Leben wird ein Leben mit der Betroffenheit und den Folgen durch das Virus sein. Die Trauer um Verstorbene wird durch die Lockerungen nicht leichter. Das Leben mit Long-Covid-Symptomen wandelt sich durch Urlaubsmöglichkeiten nicht zu einem Kuraufenthalt. Die Verunsicherungen von Kindern und jungen Menschen können sich bei manchen trotz veränderter Begenungsmöglichkeiten zu Ängsten auswachsen. Und die Traumatisierungen durch nähebedingte Übergriffe in Familien und anderen Lebensgemeinschaften lösen sich nicht einfach durch ein paar Kita-, Schul- oder auch nur Spielplatzbesuche auf.

Ich weiß, das wirkt wie mit dunklen Farben über den Silberstreif am Horizont gepinselt. Niemand hat jedoch etwas davon, wenn er nur noch in die aufgehende Sonne starrt, um nicht die Wolken am Himmel zu sehen, die es immer geben wird. Sein Blick wird dadurch genauso beschädigt wie durch das mehrstündige Starren auf den Bildschirm. Es gibt keine Wirklichkeit neben der Wirklichkeit. Dieses Leben ist, wie eine Psychotherapiekollegin so treffend formulierte, das einzige, das wir haben. Ein anderes haben wir nicht. Wir werden uns, psychohygienisch klug, mit diesem Leben und allem, was sich ihm ereignet, arrangieren müssen. Die Pandemie hat das normale, selbstverständliche „Weiter so“ unterbrochen. Krisen unterbrechen das Gewohnte und Vertraute. Damit umzugehen, dafür haben wir die Wahl. Die Krise kann ignoriert werden. Es gibt immer noch Menschen, die leugnen die manifesten Symptome durch Umdeutung. Das Vermeiden der Konfrontation mit den Unterbrechungssymptomen, die Flucht in eine scheinbar heile Welt ist eine andere Möglichkeit. Beides ändert nichts an der Tatsache, dass vieles Unerwartete, Unvertraute und Ungewohnte auf den Menschen in der Krise zukommt. Irritierend dabei ist, dass einige der bewährten Verhaltens-, Denk- und Handlungsmuster sich als stumpf gegenüber der Pandemie erweisen. Das löst zuweilen Angst vor dem Ausgeliefertsein in der Lage aus. Mindestens wird durch die unangenehmen Erfahrungen, dass Bewährtes nicht zur Lösung taugt, Stress erzeugt. Und wenn es der psychisch belastende Stress des erfolglosen „Mehr desselben“ ist. Wie also überleben in der Krise?

Wo es keine Lösungen gibt, bedarf es, das ist eine bewährte psychotherapeutische Strategie, der Einstellungsarbeit, um Bewältigung der krisenhaften Lebenslage zu ermöglichen. Bewältigung ist etwas anderes als Lösung. Lösungen versuchen, ein Problem aufzulösen und es dadurch – wörtlich – los zu werden. Das Problem wird beseitigt. Bewältigung verfolgt eher das Ziel, mit einem Problem so leben zu lernen, dass sich die Belastungen und schädlichen Wirkungen in Grenzen halten. Bewältigungsstrategien rechnen auch mit Rückschlägen, sind auf situative Veränderungen hin anpassbar. Anders als Lösungen orientieren sie sich weniger an der Veränderung der Lage, sondern vorwiegend an der Erarbeitung kreativer, innovativer Einstellungen zur Situation. Einstellungsarbeit eignet sich hervorragend in Krisen, deren äußere Faktoren nur schwer zu beeinflussen sind. So eine Krise ist die Pandemie. Einer kann sich immer ändern, das ist der Mensch, der in der Krise lebt. Unter drei Bedingungen: Der Betroffene ist veränderungsfähig, veränderungsbereit und veränderungswillig. Veränderung hat mit Lernen von Neuem, Unvertrauten und Ungewohntem zu tun. Jede Lernsituation ist ein einmaliger und einzigartiger Versuch, sich in einer Situation verändert zu verhalten, ihr mit neuen Gedanken zu begegnen und anders als vertraut zu handeln. Misslingt der Versuch, beginnt der Lernprozess von neuem. Ohne auf den letzten oder die zurückliegenden misslungenen Versuche zu schielen. So verhindern wir zusätzlich zum Erlernen von Neuem demotivierende Verhängnisketten von Misserfolgen. 

Einstellungsarbeit gegenüber der pandemischen Krise bedeutet,

  • Differenzierung DER Krise in DIE Krisen durch Unterscheidung und Analyse der Betroffenheiten und der Beteiligungen
  • Ernstnehmen, dass die Krise nicht lösbar ist, sondern bewältigt werden muss, d.h.anzuerkennen, dass das Virus bleibt
  • an Einstellungen zu arbeiten, die es ermöglichen, die Krisenaspekte der Pandemie dadurch in das Leben zu integrieren, dass die persönlichen Werte, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu einer produktiv-gelassenen Lebensweise mit der Lebenslage führen
  • Ziel: Gestaltung der Lebenswelt mit (Gelassenheit) und auch trotz (Revolte) der Pandemie statt Lageorientierung

Die Pandemie samt ihrer Folgen wird damit in das derzeitige Leben integriert. Sie gilt nicht mehr als Sonderfall oder Ausnahme der Normalität, sondern als Teil der Realität unseres Lebens. Insofern und nur so kann das Chancenpotential der Unterbrechungen entdeckt und genutzt werden. Auf diesem Weg und nicht nur den Lockerungseskapismus wird das Leben wieder zur Normalität.

Revolution und Revolte

„Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen. Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch Gott hat’s gemacht, im Süden Frankreichs. … Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will, ist sie zugleich noch ungeboren. Heute, da sie fünfundneunzig ist, kommt sie auf diesem weißen Blatt zur Welt“. (S. 5) Damit beginnt das Heldinnenepos, das die Schriftstellerin Anne Weber 2020 im Mattes & Seitz Verlag, Berlin, veröffentlicht hat. Der Titel des Buches heißt schlicht Annette. Der Name verrät zunächst kein Programm. Anne ist die Hauptfigur in der epischen Dichtung. Die Frau, von der Schriftstellerin Annette genannt, wird geboren oder neu geboren oder erst geschaffen zur Heldin, etwas zu atemlos für ein Epos. 

Annette, in der Bretagne in die Welt gekommen, liebt ihre Großmutter mütterlicherseits. Die Großmutter ist weder des Lesens noch des Schreibens kundig. Sie lebt in einfachsten, ärmlichen Verhältnissen. Sie entdeckt sich mit ihrer Enkelin Annette als liebende Wiedergeliebte. Die Mutter ihres Vaters, die Anette erst verspätet kennenlernt, liebt sie weniger. Mit 17 Jahren erlebt sie den deutschen Einmarsch in Frankreich. Ein lässig bewachter Kriegsgefangener bittet sie, einige Päckchen zu einer Schneiderin in den Ort zu bringen. Über diesen flüchtigen Kontakt entstehen neue Kontakte – zu Mitgliedern der französischen Réstistance. Annette transportiert weiter und wächst, viel zu langsam erwachsen werdend, in die Widerstandsbewegung hinein. Ihre zweite Geburt, gewissermaßen, beginnt in dieser Phase der politischen Initiation. „Man hofft und rennt los“, wird Anette zitiert (S. 27). Mit vor „Toten und Terror und was aus Revolutionen gewöhnlich sonst noch so wird“ verschlossenen Augen. Sie landet in Paris und studiert Medizin. Letztlich erfolgreich ist sie Ärztin und Neurophysiologin. Immer bleibt sie dem Widerstand handelnd treu. Gegen die deutsche Besatzung Frankreichs. Nach dem zweiten Weltkrieg engagiert sie sich im FLN, der Nationalen Befreiungsfront Algeriens, gegen Frankreich. 

Sie begegnet Roland. Er ist Jude deutscher Herkunft. Und er ist bei den jungen Kommunisten. Annette schließt sich an. Sie lieben sich, auch wenn für Kämpfer im kommunistischen Kader Liebe nicht erlaubt, zumindest nicht vorgesehen ist. Widerstand wird Annettes Lebensweise. „Wenn jemand widersteht, so ist sein Widerstand gegen etwas Bestimmtes gewandt, in diesem Fall die deutsche Tyrannei und ihr Gedankengut, dass schlecht ist“ (S.35). Widerstand ist auch Einstehen für Menschen. Annette wird zur Retterin von Juden – entgegen den Regeln der kommunistischen Kader. Ab hier beginnt mich die philosophische Bedeutungsebene zu interessieren, beinahe mehr zu interessieren als die Biographie Annettes. Was ist Widerstand? Was begeistert Menschen, die sich gegen etwas wenden, das schlecht ist, und für die einsetzen, die sie für gut halten? Mit dieser Frage wird das Epos gegen seine literarische Gattung gewendet. Es wird politisch.

Annette tritt für Menschen ein, indem sie gegen das Schlechte, die deutsche Besatzung Frankreichs und die französischen Kollaborateure des Regimes von Vichy Widerstand leistet. Dem kommunistischen Führungskader missfällt das: „Ihre Bereitschaft zur Aufopferung ist so gesehen nichts als Widerstand gegen den Widerstand und gegen dessen strenge Disziplin.“ (S. 53) Widerstand gegen den Widerstand ist für Annette Einstehen für Menschen, die zu Opfern der Umstände werden. Solcher Widerstand heißt Revolte. Albert Camus (1913 – 1960), dessen Zeitgenossin Annette ist, setzt die Revolte als eine „erste Selbstverständlichkeit“ (Camus, 1972, S. 21) neben das Cogito, sum: „ Ich empöre mich, also sind wir.“ (ebd.) Jene Selbstverständlichkeit der Revolte gründet, Camus zufolge, „den ersten Wert auf allen Menschen“ (ebd.). Die Revolte ist das humane Mittel gegen das Übel des Einzelnen, das sich als kollektive Pest ausbreitet. Was ist die Revolte im Unterschied zur Revolution? Camus genealogische Beschreibung von Revolte und Revolution spitzt den Unterschied zwischen beiden zu: „ die erstere geht von einem Nein aus, das sich auf ein Ja stützt, die letztere von der absoluten Verneinung und verurteilt sich zu jeder Knechtschaft, um ein Ja hervorzubringen, dass an die Grenze der Zeiten hinaus geschoben ist. Die eine ist schöpferisch, die andere nihilistisch.“ (Camus, 1972, S. 204) Die Revolte erschafft das Leben, indem sie uns zum Leben und Lebenlassen auffordert – gegen den Tod als dem „dunklen Sein“ (ebd.). Die Revolte ist originär, unabhängig von der Zustimmung einzelner oder aller. Sie ist der selbstursprüngliche Akt des Menschseins. Darin unterscheidet sie sich grundsätzlich von der Revolution. Die Revolution ist nicht schöpferisch. Sie produziert, handelt „in der stets enttäuschten Hoffnung, eines Tages zu sein“ (ebd.). Im Produzieren verneint sie das Schöpferische, das auf Bestehen, Sein ausgelegt ist. Die Revolution ersetzt das Jenseits durch das Später, wie Camus es formuliert (1972, S. 67). Die Revolution schafft nicht, wonach sie strebt. Sie tritt nicht für den Menschen ein, indem sie ihn zur Revolte gegen das Verfügtsein in den Systemen weckt. Jene mutet ihm die Revolution als die notwendigen Abhängigkeiten auf dem Weg zur letztendlichen Freiheit aller von allem zu. Diese totale Freiheit ist nicht zu erreichen. Denn sie schlägt als totale Freiheit aller von allem zum Nihilismus um. Alles ist dann nichts.

Annette ist der Gegenentwurf zum Revolutionär. Sie kann nicht zur Terroristin werden, weil sie in der Revolution die Revolte lebt. Sie fördert auch in Algerien die Revolution, wo sie nach dem langen Einsatz für den FLN eine politische Funktion erhält. Auch hier steht sie für einzelne Menschen ein. Sie ist auch Ärztin. Für die konkreten Menschen ist das System zu ändern, damit sie keine Opfer bleiben. Heilen muss der Einzelne selbst. Doch schließlich verlässt sie die Funktion und Algerien. Sie hat das Ergebnis der dortigen Revolution erkannt: „Wer Fortschritt wollte, hat jetzt Gleichschritt.“ (S. 201) Über Genf führt ihr Weg nach vielen Jahren zurück nach Frankreich, nach Dieulefit, „alleine, klein und krumm. Krumm nur ein bisschen und auch nur außen; im Inneren ist sie gerade.“ (S. 204) Sie hat sich die Revolte, die Camus als gleichursprünglich mit dem selbstwissenden Verstand erkannte, bewahrt. Sie lebt als Mensch. Annette. Der Name steht für das Leben von Anne.

Annette ist der Gegenentwurf zum Revolutionär, der protestiert, weil er das System verändern will und dabei nicht für den Menschen eintritt. Der Revolutionär nimmt im Protest für die künftig, irgendwann einmal, vermeintlich gute Sache die Beschädigung des Menschen in Kauf. Er demonstriert, ohne sich an für den Einzelnen vernünftige Regeln zu halten. Er produziert auf dem Weg zu mehr Klimaschutz die Erwerbslosigkeit der Einzelnen. Er tritt für die Grundrechte ein, ohne sich ihnen als Einzelner für andere unterzuordnen. Das angestrebte Ziel des Revolutionärs ist die spätere Totalität des Guten, das sich später nur als totalitär und nie am Ziel erweist. Der Stein, den der Mensch gegen alle Schwerkraft den Berg hinaufstemmt, wie im Mythos von Sisyphos, erschafft nicht das Leben. Der Mensch erschafft sein Leben anders. Bevor die erledigten Aufgaben neue hervorbringen, gibt es diese Weile, die dem Menschen von den Produzenten und Revolutionären vorenthalten wird. Sie ist die Zeit für die Revolte. Camus hat sie entdeckt und beschrieben (1959, S. 100 f.). Es ist der Weg zurück an den Fuß des Berges, zurück zur nächsten Aufgabe. Auf dem Weg zurück hat Sisyphos Zeit für alles, was über die Aufgaben hinaus das Leben ausmacht, für das Eigene und das, was er mit anderen teilt. „Ich verlasse Sisyphus am Fuße des Berges! Seine Last findet man immer wieder. Nur lehrt Sisyphus uns die größere Treue, die die Götter leugnet und die Steine wälzt. Auch er findet, dass alles gut ist. Dieses Universum, dass nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. … Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (Camus, 1959, S. 101) Mit dieser Einsicht endet das Heldinnenepos.

  • Weber, A. (2020): Annette, ein Heldinnenepos. Berlin (Mattes & Seitz); zit. im Text nur mit Seitenangabe
  • Camus, A. (1959): Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Reinbek (rororo)
  • Canus, A. /1972): Der Mensch in der Revolte. Essays. Reinbek (rororo)

Humor

„Das Lachen ist die engste Distanz zwischen zwei Menschen.“ (Viktor Borge)

Distanz und Nähe – wir alle wissen, welche Herausforderung das bedeutet. Einerseits fühlen wir uns bestimmten Menschen besonders nahe. Andererseits wissen wir, wie sinnvoll die professionelle Distanz im Beruf ist.

Wir sind zu einer Haltung der Distanz fähig, die etwas dem Menschen ganz Eigenes ist, zum Humor. Er hat eine große Spannweite. Er reicht vom feinsinnigen Wortwitz über die komische Geste bis zum lauten Gelächter. Humor ist etwas rein Menschliches. Humor schafft in engen Lagen Distanz, Raum und Auswege.

Ernst Bloch (1985, S. 196) erzählt dazu eine Beispielgeschichte, die ich sehr schätze:

Der treue Diener flicht seinem Herrn, einem chinesischen Weisen, aus den letzten drei verbliebenen Haaren täglich einen Zopf. Eines Tages bleiben zwei der drei Haare in der Hand des Dieners. Der wirft sich vor dem Weisen nieder und bittet um Verzeihung. Der Weise antwortet gelassen: Mach dir keine Sorgen. Künftig werde ich meine Haare offen tragen.“

Humor schafft in der engen Lage Raum zwischen Menschen. Er schafft auch Raum in einem selbst, in dem er einen von den unangenehmen Gefühlen, die Probleme begleiten, distanziert. Der chinesische Weise entlastet sich selbst, indem er das Unglück aus humorvoller Distanz anblickt. Das entlastet zugleich den Diener von einer falschen Verantwortlichkeit. Haare pflegen einfach auszufallen.

Humor lässt einen gewissermaßen über die eigene Schulter schauen. Ich sehe mich, mein Leben aus einem gutmütigen Abstand an – und schon kann ich lächeln. Dasselbe gelingt auch in Lebenssituationen, in die wir uns verstrickt haben. Da wird oft die kritische Distanz unterschritten – schon fallen scharfe Worte. Wie wäre es, wenn wir uns gerade dann unseres Humors bedienten … Humor schafft das Quentchen Raum, in dem wir durchschnaufen, erleichtert aufatmen, und etwas gelassener die Lage noch einmal angehen können. 

Humor, ins Deutsche übersetzt, heißt: Feuchtigkeit. Dort, wo es eng wird und trocken im Mund, weil die Angst in einem hochkriecht, da kann der kleine Witz, der humorige Gedanke die Kehle wieder befeuchten. Der mittelalterliche Heiler Paracelsus empfiehlt, auf die richtige Feuchtigkeit des Körpers und des Gemütes zu achten. Dann könne man gelassen leben.

Gelassenheit ist eine Wirkung des Humors. Gelassene PartnerInnen, gelassene FreundInnen und KollegInnen haben die richtige Distanz zueinander und zu den Aufgaben, die auf sie warten. Deshalb sollten wir uns gegenseitig so oft wie möglich ein Lächeln gönnen – und immer wieder herzhaft zusammen lachen. Wir geben dann einander den Raum, den wir dafür brauchen, unser Bestes zu entfalten, oder auszuhalten, dass das Beste gerade nicht möglich ist. Wir schaffen wieder Platz zwischen uns, wenn wir einander zu nahe gekommen sind. Wir finden wieder zur Gelassenheit, wo wir in Gefahr waren, verbohrt zu werden. Und geben einander die Chance, Gesellschaft zu bleiben, auch wenn es eng ist.

Denn: „Das Lachen ist die engste Distanz zwischen zwei Menschen.“

Bloch, E. (1985): Spuren. Frankfurt (Suhrkamp), S. 196

Maiwecken

1957. Drei Jahre war ich alt. Von ferne hörte ich morgendliche Marschmusik. Von den Gewerkschaften wurde damals das „Maiwecken“ initiiert. In der Innenstadt Ingolstadts trafen sich die Kappellen zum Festzug mit anschließender Kundgebung auf dem Paradeplatz. Mein Vater nahm mich dorthin mit. Am meisten begeisterte mich die „Große Trommel“. Geduldig hörte ich wohl auch der Politikerrede zu. Trommeln und eine Rede halten waren in den folgenden Tagen meine Lieblingsbeschäftigung. So früh also wurde ich politisiert.

Wie entsteht politische Bildung? Ich hatte Glück. Zeitungslesen, das regelmäßige Hören der Rundfunknachrichten, später die Tagesschau und politische Magazine im Fernsehen, vor allem aber das Gespräch und die Diskussion über das politische Tagesgeschehen, damit war ich seit frühester Kindheit vertraut.

Die erste Wahl, die mich aktiv beschäftigte, war die Stadtratswahl in Ingolstadt 1966. Damals gewann die SPD und stellte den Oberbürgermeister. Ich setzte mich, den Erzählungen meiner Eltern zufolge mit den möglichen Kandidaten auseinander, las Zeitung, stellte tausend Fragen zu Parteien und politischen Funktionen. Ich erinnere mich, dass ich in meinem Zimmer selbstgemalte Wahlplakate aufgehängt hatte. Das Interesse an Politik begleitet mich seitdem. 

Schwierig wurde die politische Auseinandersetzung in der Familie mit den 1968-iger Jahren. Im Geschichts- und Sozialkundeunterricht wurde das Dritte Reich besprochen. Wie waren meine Eltern betroffen? Inwieweit waren sie in die Geschehnisse involviert? Wir stritten über die Studentenrevolte. Revolutionäre Politik begann mich zu interessieren. Marxismus, die Spannung von Kapitalismus und Sozialismus, Kommunismus als utopische Lösung der Klassen- und Bildungsunterschiede, solche Themen wurden in politischen Diskussionen mit KlassenkameradInnen, aber auch mit unseren LehrerInnen leidenschaftlich diskutiert. Politik spielte in meiner Gedankenwelt auch während des Theologiestudiums eine wichtige Rolle. „Kirche contra Gesellschaft?“ (A. Gläßer), Befreiungstheologie, Politische Theologie nach Ausschwitz (J. B. Metz) waren bohrende Themen, die sich später in meinem immer auch politisch aufgeladenen Religionsunterricht niederschlugen. Die Kolumnen von Ulrike Meinhof in der Zeitschrift „Konkret“ gehörten zur Pflichtlektüre. Aus diesen bewegten Jahren, zu denen auch der RAF-Terrorismus gehörte, blieb bis heute eine kritische Haltung zu politischen und  gesellschaftlichen Prozessen in den USA, blieb die Sensibilisierung für weltweite militärische Konflikte als Folge imperialer wirtschaftlicher Interessen, blieb die Aufmerksamkeit für die sozialen und politischen Verwerfungen in den sog. Schwellenländern und den Anteil der deutschen Politik daran.

Die ökologische Frage kam in den letzten beiden Jahrzehnten neu hinzu, angeregt durch die Mitarbeit in einer Bürgerinitiative zur Reduzierung des Verpackungsmülls. Inzwischen fasziniert mich Andreas Webers Idee des „Enlivenment“ (2016), der Betrachtung der Dinge und Menschen „unter der Perspektive der Lebendigkeit“ (Weber, 2016, S. 25). Er schreibt: „Enlivenment heißt, [die Dinge] wieder ins Leben zu bringen – mit Leben zu erfüllen, lebendiger zu machen.“ (Weber, 2016, S. 25) In der „Lebendigkeit“ verbinden sich Leben, Empfinden und Denken. Das Lebendige widerspricht dem Objektcharakter der Welt und des Menschen. In der Haltung der Lebendigkeit betrachtet wird bewusst, dass Technologie und die sie ermöglichende Form von Wissenschaft das Leben zur Sache macht, zum Gegenstand. Versachlichung ist die Bedingung für formalwissenschaftliche Analyse und letztlich für den technischen Nachbau des Lebens. Mit der Virtualisierung der Technik durch den Transfer in digitale Sprachen entfernen wir uns weit vom Leben. Analyse und digitale Versprachlichung führen zu einer zunehmenden Eliminierung des Subjekts. Digitalität vollzieht sich in einer Grammatik, in der Objekte Objekte regieren. In der Ökonomie werden Objekte zur Ware, die nicht mehr für Menschen gedacht sind, sondern für Konsumenten, denen – zugespitzt –  ebenfalls Warencharakter eignet. Vermittelt werden die Konsumenten als Ware mit den Konsumobjekten als Ware durch die sprachlichen Strukturen von Algorithmen, die als „Verben“ der digitalen Sprache fungieren. 

Andreas Weber, der in seinen Überlegungen soweit nicht vordringt, setzt dieser neuen Form des Objektivismus, in der aus meiner Sicht Objekte Objekte durch Algorithmen regieren, die Haltung der „Allmende als Wirklichkeitspraxis in der ersten Person“ (Weber, 2016, S. 73) entgegen. Allmendewirtschaft geht davon aus, dass die Natur der Lebensraum aller ist, den alle nutzen und alle hegen. „Lebewesen benutzen das von der Natur bereitgestellte Gemeingut nicht, sie sind vielmehr physisch und psychisch Teil von ihm und auf es bezogen.“ (Weber, 2016, S. 75) Die Allmendehaltung ist wie die Care-Haltung eine Haltung der Umsorge (Weber, 2016, S. 91). Die Sprache der Umsorge geht von einer symmetrischen Beziehung zwischen Subjekt und Objekt aus. Das Verb „leben“ vermittelt zwischen Subjekt und Objekt. Damit wird die prädikative, die beschreibende und urteilende Dimension der Sprache, die letztlich zu einer Objektsprache führt, verlassen. Die Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt ist ein fortwährender Akt, in dem alles lebendig bleibt. Weber bezeichnet das – etwas missverständlich – als „poetische Objektivität“ (Weber, 2016, S. 103 f.). Er nimmt damit wohl das aristotelische „poiein“ auf, das „etwas machen und sich formen“ als Handeln des Menschen, der im Handeln die Natur nachahmt (nicht nachbaut!) (Peri Poetikes 1448 a). So sieht Aristoteles auch die Sprache: Sie ist der Akt, in dem sich die Polis, der Lebensraum des Menschen (Politeia, 1253 a) im Kosmos, dem Zusammenhang des Lebens, entfaltet. Sprache ist auch mein wichtigstes politisches Mittel, in Leserbriefen, in leidenschaftlichen Diskussionen, in der Teilhabe an politischen Prozessen.

Ob das jene Kundgebung am 1. Mai 1957 angeregt hat, in der die große Trommel zusammen mit der Rede ein wichtige Rolle spielte?

  • Aristoteles (1982, ed. Fuhrmann, M.): Poetik – Peri poetikes. Stuttgart (Reclam)
  • Aristoteles (1981, ed. Rolfes, E.): Politik – Politeiea. Hamburg (Meiner)
  • Weber, A. (2016): Enlivenment. Eine Kultur des Lebens. Berlin (Matthes & Seitz)

Werkstattbericht 2

Meinen dreißigsten Beitrag für Epimeleia schreibe ich als zweiten Werkstattbericht. Die vergangenen Monate waren geprägt von der zweiten und dritten Coronawelle. Die pandemische Melodie von Lockdown und Öffnung wurde immer wieder durch politische Aufregung instrumentiert. Den Wechsel in der Präsidentschaft der USA, den verstolperten Beginn der Impfkampagne in unserem Land, den sich abzeichnenden Wahlkampf mit zwei frühen Höhepunkten, der unspektakulären Kandidatenkür der GRÜNEN und der dramatischen bei CDU und CSU, manches nahm ich zum Anlass, in Beiträgen laut darüber nachzudenken. 

Denken und Lesen gehören für mich zusammen. Ich nehme mir viel Zeit dazu. So beschäftigte ich mich mit philosophischer Literatur auf der Suche nach dem Sinn von Anthropologie. Im Mittelpunkt standen Werke von Ernst Tugendhat, Giorgio Agamben, Hans Blumenberg und zuletzt H. Böhringer, den ich für mich neu entdeckte. Von diesen Denkern ausgehend griff ich immer wieder auf einzelne Werke früherer Philosophen zurück, um Gedankengänge zu verifizieren, meist um sie zu vertiefen. Philosophisches und Literarisches regten mich zu Beiträgen in Epimeleia an. 

Zuweilen waren es auch die kleinen Szenen im Alltagsleben, die ich mit einem Ausrufezeichen versah. Meine Leidenschaft für einen guten Espresso oder Macchiato (keine Latte macchiato!), die zufällige Wiederbegegnung mit dem römischen Projektkünstlers Fausto im Internet, das Rascheln der Zeitungsseiten beim Umblättern, das alles gewinnt in der pandemischen Monotonie Bedeutung. Die Wendung zum Häuslichen bietet Ruhe, manchmal sogar Stille an. Die Ruhe öffnet dem unbemerkt Selbstverständlichen den Raum. Es ist einfach da. In meinem Leben da. Ich gebe ihm zu wenig Aufmerksamkeit im Getriebe des Alltags, im schnellen Leben, in dem das Warten schwerfällt und lästig ist. Das Selbstverständliche braucht die Interpunktion, die zum befreienden Ausatmen, die zum sammelnden Einatmen, vielleicht auch zum Durchatmen anregt. Die Interpunktion bringt Ruhe in die Lebensbewegung dadurch, dass sie gliedert. Wie das Komma, das Semikolon, der Gedankenstrich den Satz unterbricht, Ruhe für Auge und Gehör schafft und dadurch Worte oder Satzteile hervorhebt, so wirkt die kleine Unterbrechung auf den Tagesfluss. Manchmal frage ich mich, wie es wird, wenn das beschleunigte Leben wieder einsetzt, wenn Termine nicht mehr verschoben werden oder nicht mehr online, ohne Reisetätigkeit stattfinden. Was, wenn die Reiseziele wieder locken und ich mehr Zeit in Theater, Konzert, Gastronomie verbringe? So sehr ich mich nach all dem sehne, so sehr sorge ich mich, wieder „in den alten Trott“ zu verfallen. Atemlos, interpunktionslos. Ich empfände es als schade, wenn ich mich wieder im ununterbrochenen Fluss der von mir selbst geplanten Termine vorfände. 

Das nehme ich mir vor: die Freiräume zum Lesen und Denken, die Ruhe, die meine Aufmerksamkeit beim Selbstverständlichen hält, das Wohltuende im Alltag, das will ich weiter pflegen. Wahrscheinlich verändert sich so auch die Genussfähigkeit von Kultur und Mobilität, regt zu Pausen für den Nachhall des Gehörten und die Erinnerung des Gesehenen an. 

Wie ich weiter schreibe? Das weiß ich nicht sicher. Möglich sind größere Pausen zwischen den Beiträgen, weil ich des Schreibens müde bin. Denn in den kommenden Wochen beginne ich die Erarbeitung eines Manuskriptes für ein neues Buch. Die Autorenarbeit wird mich intensiv beanspruchen. Sie kann auch dazu führen, dass ich weniger aufmerksam dem Tagesgeschehen folge und mehr mit der kognitiven Konstruktion und Rekonstruktion von Argumentationen beschäftigt bin, in denen sich das neue Buch vollzieht. Mag sein, dass gerade die Konzentration auf die Arbeit die Sensibilität für die sinnvollen und notwendigen Interpunktionen schafft, an denen ich in Epimeleia Anteil gebe. Kurz: Ich bin selbst gespannt darauf, wie ich Epimeleia weiterentwickeln werde.

Zeitung

Welch’ wunderbares Geräusch, das Rascheln der Zeitungsblätter! Die gerollte Zeitung am Morgen aus dem Türgriff ziehen, der erste Blick auf den Aufmacher während des Wegs in die Wohnung, vielleicht schon das Streiflicht anlesen. Die Kaffeemaschine ist schon heiß. Da liegt sie, die Tageszeitung. Ich mag die kachektisch anmutenden kleinformatigen Ortszeitungen nicht. Eine richtige Tageszeitung muss für mich das beim Blättern schwer zu bändigende Großformat haben, viele Seiten, viele Themen. Ein respektables, vielseitiges Feuilleton und ein nachdenklicher und diskutierbarer Meinungsteil gehören unbedingt dazu.

Seit einigen Monaten verändern sich meine Lesegewohnheiten. Neuerdings gewinnen die Meinungsseiten an Bedeutung. Wohlabgewogene und gut argumentierte Kommentare zum aktuellen Zeitgeschehen lese ich mit wachsender Begeisterung. Denn sie fordern auf, in der Auseinandersetzung mit der vorgetragenen Meinung die eigenen Standpunkte zu überdenken und in pointierten Argumenten zu schärfen. Dann lese ich das Feuilleton, dem derzeit die aktuellen Besprechungen wichtiger Theaterereignisse und Konzerte fehlen. Darauf freue ich mich schon, wenn wieder über Kulturereignisse berichtet wird. Ich freue mich auch auf die Konzertkritiken, die aufregen, weil sie so gar nicht meinen subjektiven Eindruck treffen. Auch das gehört zum kulturellen Leben, das Erleben und die Reflexion darüber.

Zuletzt lese ich dann den Nachrichtenteil. Das ist anders als früher. Da waren die Nachrichten neben dem Feuilleton das Wichtigste. Unter den Nachrichten suche ich, leider immer wieder vergebens, nach Berichten über den Fortgang der Ereignisse, die einmal die Aufmacher und Aufreger waren. Die Halbwertszeit des Interesses verringert sich zunehmend, ist mein Eindruck. Was zwei Wochen lang die Schlagzeilen beherrschte, verschwindet aus den Medien. Schwere, immer noch andauernde humanitäre Katastrophen oder regionale Konflikte drohen so in Vergessenheit geraten. Umweltentwicklungen, die schleichend vorangehen, werden übersehen. Die Auswirkungen von Neuigkeiten aus Wissenschaft und Technologie werden kaum weiterverfolgt. Wer geduldig sucht, findet in der Zeitung meist doch ein paar knappe Nachrichten gegen das Vergessen.

Die Zeitung garantiert eine längere Aufmerksamkeitsdauer als die allzu flüchtige Internetnachricht. Zeitungsberichte nehmen schon physisch viel Raum ein. Sie fordern den Leser auf, ein wenig Lebenszeit in die Lektüre zu investieren. Zeitung ermöglicht dieserart eine andere Form der Teilhabe am Zeitgeschehen als die anderen Medien, die auf der sekundenaktuellen Information in wenigen Sätzen beruhen. Diese erreichen gerade noch das Spontangedächtnis. Schon der Transfer ins Kurzzeitgedächtnis ist fraglich. Dadurch wird Information auf den Augenblick reduziert. Sie veranlassen zuweilen einen so kurzen Focus der Aufmerksamkeit auf die Nachricht, dass jene nur die extrem rasch aufnahmefähigen affektiven Rezeptoren erreicht. Es bleibt allenfalls ein emotionaler Eindruck vom Gelesenen oder Gehörten zurück. Die Fakten erreichen uns kaum.

Wie anders ist das Lesen einer Zeitung. Die in Spalten gegossenen Nachrichten geben der kognitiven Erfassung eine echte Chance. Von vorne herein sind unsere kognitiven Strukturen schon durch den Anblick vieler Zeilen auf einer bedruckten physischen Seite affiziert. Die Aufmacher und Schlagzeilen laden zum Nachlesen dessen ein, was sich ereignet hat. „Lesen“ ist ja nicht nur Verarbeitung von Texten, sondern ist immer auch Lese und Auslese, also Sammlung. Guter Journalismus schafft es, die bewertenden Strukturen mit zu aktivieren – und damit kommt das Gefühl ins Spiel. Zugespitzt: Zeitung bietet Information verbunden mit Bildungsmöglichkeiten an. Durch die langsame Rezeption wird Information mit den vorhandenen Wissenskontexten des Lesers in Berührung gebracht. So entsteht Auseinandersetzung, die der Anfang der Meinungsbildung ist. Im Denken werden die Standpunkte geprüft, gewichtet, verändert. Bildung entsteht. Insofern ist die Zeitung, die gewichtige, großformatige, mit Aufwand erarbeitete, mühsam zu lesen und manchmal noch mühsamer zu verarbeiten. Und sie mutet den einsamen Raum zu. Wer sich in die Seiten einer Zeitung begibt, in der Lektüre versinkt, der macht sich einsam. Insofern ist Zeitungslesen eine Strategie gegen das affektiv getönte Meinen der massenhaften Öffentlichkeit und das falsche, leider bei uns in Mode gekommene Moralisieren, das den intellektuellen Kommentar ersetzt. Der Wiener Philosoph Konrad P. Liessmann (2017, S. 217) findet dazu kantige Sätze: „Letztlich ist der Denkende mit seinem Denken allein. Denken ist die Sache des einzelnen, des Individuums. … Die Tugend des Intellektuellen ist die Einsamkeit, das Netzwerk sein Laster.“ Eine Tugend, die zudem das Leben wertvoll macht.

Liessman, K. (3. Aufl. 2017): Bildung als Provokation. Wien (Zsolnay)

„Leben im Dativ“ – inspirierende Philosophie

Ist der Dativ der Fall, in dem ich lebe? „Von Anfang an befinde ich mich im Dativ. Mir ist, sagt man, das Leben geschenkt worden, die grundlegende Begebenheit für alle weiteren Ereignisse, das Datum der Geburt.“ (Böhringer, 2021, S. 53) Heute laufe ich Gefahr, vor allem in Daten gegeben zu sein. So gerät leicht das Gefühl abhanden, dass ich mir selbst gegeben bin. Was geschieht mir, wenn ich mich auf diese Weise verliere?

Die Essays, die der Philosoph Hannes Böhringer in seinem Band „Leben im Dativ“ (2021; alle Seitengaben dito) versammelt, gehen von Worten und Wortbildern aus und sie gehen ihnen nach. Sie regen an, im Wort zu bleiben, darin den Gedanken weiter zu spielen. Dadurch ergeben sich einem (Dativ!) Einsichten und Hinsichten, die das Leben in philosophischer Dimension sehen lassen. „Der Dativ des Lebens ist aktiv wie passiv.“ (S. 53). Was mir (Dativ!) in Böhringers Essays aufgeht: Reflektierendes Denken ist leicht. Nicht in dem Sinne, dass es nebenbei zu erledigen sei. Leicht bedeutet: Ich lasse mich nicht von Gedanken erschlagen, nicht von Einsichten erdrücken.  Böhringer vermittelt in seinen Essays die Alternative zum „forcierten Denken (cogitare)“ (S. 60) Bei aller Routine dürfen „die Verwunderung, die Lust auf Überraschungen, das Bewusstsein für die Grenzen des Wissens … nicht verloren gehen“ (S. 60). Sokrates praktizierte Philosophie auf diese Weise in seinen Dialogen. Er ging von einem Thema aus, dem er ein Wort gab, wodurch er das Denken in Bewegung brachte. Darin besteht die Leichtigkeit des Denkens, einfach damit anzufangen. „Die Sprache tropft.“ (S. 78 ff.) So formuliert es H. Böhringer. Die „bildnerische Kraft der Sprache“ – Humboldt nennt sie Energeia – lässt sie überquellen. Bilder entstehen, die aus der Sprache heraus und in die Welt der Gegebenheiten hinein springen (S. 79). „Das Bild ist ein Augenblick im Geschehen“ (S. 79). Deshalb gilt: „Fang einfach an!“ (S. 25) Wer Umwege zum Bild nimmt, riskiert, dass das Bild zäh wird, gerinnt (S. 79). Das Denken wird mühsam und forciert.

„Leichtigkeit adelt das Einfache.“ (S. 33) Das ist die Maxime, die Böhringer seinem Denken und den Texten, die meist aus kurzen Sätzen gefügt sind, unterlegt. Dabei ist sein Denken alles andere als trivial. Hintergründig erschließen sich die Themen der Philosophie, wie Wahrheit und Meinung, Denken und Handeln, Neugier und Vorsicht. Er verweist im Text auf die Autoren und im Literaturverzeichnis auf die Textorte, an denen die Gedanken aufgefunden werden können. Er überfrachtet die Essays nicht mit Gelehrtenwissen. Dadurch bewahrt er den Texten und dem Leser (Dativ!) Leichtigkeit und Beweglichkeit. Um etwas zu finden, sollte ich suchen, losgehen, meinen Lebenswinkel verlassen. „Menschen nisten in Nischen. Sie hocken in der Ecke eines Zimmers, eines Hauses, in einem Winkel des Weltraums (Pascal). … Menschen sind Winkelbewohner. Der Winkel ist exzentrisch. Die Menschen sind exzentrisch (Plessner). Sie drängen in den Mittelpunkt und schauen sich dabei über die Schulter aus der Ecke an.“ (S. 124) Eine eindrückliche, anthropologische Beschreibung des Menschseins in wenigen Sätzen.

In Böhringers Essays gewinnt das platonische „logon didonai“, ein Wort geben, eine einfache Bedeutung. Den Gedanken (Dativ!) ein Wort zu geben, das ist der Anfang des Philosophierens. Diese Beziehung zwischen Wort und Gedanke können das „Geländer am Rande, an der Seite sein“ (S. 113). Es wird nur aus dem Augenwinkel gesehen. Keiner geht nur philosophisch durch’s Leben. Keiner braucht dauernd das Geländer am Weg. Wichtig ist: „Es ist da und bei Bedarf zur Hand.“ (S. 113) Verhält es sich nicht mit der Philosophie, deren Aufgabe nach Platon das „logon didonai“ ist, ähnlich? Bei Bedarf kann ich dem Gedanken ein Wort geben, meinen Winkel verlassen und nach draußen in die frische Luft gehen, wie es Nietzsche tat (S. 22).  Und wenn ich gerade nicht ins Freie komme? „Frisch ist alles da, sentimental, ungefiltert, lebendig. Schrecken, Schmerz wie Glück. Es passiert einfach. Der Witz dabei ist, dass die frische Luft – woher auch sonst? Nichts Besonderes – von draußen kommt. Gott sei Dank sind die Wände undicht.“ (S. 23 f.)

Was heißt also „Leben im Dativ“? Die strategische und systematische Reflexion vollzieht sich im Akkusativ: Ich reflektiere eine Aussage. Ich reflektiere mich. Darin reflektiere ich die Beziehung (Referenz) zwischen der Aussage und mir. So kommt der Dativ ins Spiel. Mit dem Dativ stellen sich die Gegebenheiten (datum) ein: die Aussage und ich, mein Denken wird mir (Dativ!) bewusst. Der Dativ überführt die Logik des Denkens in eine Logik der Gegebenheiten. So kommt das Leben ins Spiel der Philosophie. Lebendiges Philosophieren ist dem Autor (Dativ!), der seit 2012 als Professor em. lebt und an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig Philosophie lehrte, in seinen Essays auf inspirierende Weise gelungen.

Böhringer, H. (2021): Leben im Dativ. Berlin (Matthes & Seitz)

Argumentierende Theologie

Zum Tod des inspirierenden Theologen Hans Küng

„Hat die Kirche eine Zukunft?“ So fragt Hans Küng, der am 06.04.2021 in Tübingen starb. Die Frage stellt er im Epilog zu seinem Buch „Die Kirche“. Es erschien in erster Auflage 1967, zwei Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil. In der Zusammenfassung seiner Argumentation findet sich die Antwort: „Sie hat eine Zukunft, weil sie in der Welt eine Gegenwart hat.“ (1977, S. 571) Damit formuliert H. Küng die Intention seines gesamten theologischen Werkes und Wirkens: Es geht darum zu zeigen, wie die Kirche sich selbst vom Christusereignis her versteht und wie sie aus diesem Verständnis heraus in der Welt präsent ist. Kirche ist für den Theologen nicht ein Gegenentwurf zur Welt, sondern ist ein Geschehen in der Geschichte der Welt. (1977, S. 15) Insofern nimmt Theologie als Wissenschaft in der Kirche immer auch Aufgaben für die Welt wahr. Sie kann längst „keine Totalerklärung der Wirklichkeit anstreben“ (1974, S. 77). Vielmehr gilt für den Theologen: „Je mehr der Theologe von dieser Welt weiß, durch die Naturwissenschaften, die Psychologie, Soziologie, Philosophie und … die Historie …, um so besser wird er seine theologische Aufgabe erfüllen können.“ (1974, S. 78 f.) Wie die Kirche in die Welt ordnet sich die Theologie in den Kontext der Wissenschaften ein. Sie geht von der spekulativen zur argumentierenden Theologie über. (1970, S. 315 ff.)

Wie fühlte sich der Kontakt mit einem der weltweit bedeutendsten Theologen an?

Auf dem Weg zum Sonntagsgottesdienst in der Tübinger Johanneskirche, eine Straße überquerend, quietschten plötzlich Autobremsen. Kurz vor mir kam ein PKW zum Stehen und ein sichtlich entsetzter Hans Küng kurbelte das Fenster herunter und entschuldigte sich. Er bat mich, nach der Eucharistiefeier noch einmal auf ihn zu zu kommen. Er lud mich zu sich nach Hause auf einen Theologenkaffee ein. Da saß ich nun, Theologiestudent im 6. Semester, mit dem damals weltweit bekanntesten Theologen beim Kaffee. Er erzählte kurz von seiner Forschungsweise und bald befanden wir uns in einer spannenden Diskussion zum Argument der Wette bei Blaise Pascal. An diesem Nachmittag begegnete ich einem weltoffenen und vor allem an dem Menschen, der ihm da gegenübersaß, interessierten Wissenschaftler ohne jegliche professorale Allüren. Diese Begegnung prägte mein theologisches Studium ähnlich wie die Begegnung mit Ernst Bloch mein philosophisches Reflektieren.

Allein aufgrund der persönlichen Begegnungen betraf mich die Nachricht vom Tod Hans Küngs. In der geschilderten Begegnung erlebte ich ihn als unglaublich scharfsinnigen und geradezu universell interessierten, argumentierenden Denker. Argumentation und Disput prägten auch seine Vorlesungen und Seminare. Hans Küngs Theologie vollzog sich in Argument und Engagement. Er versuchte der Kirche, die er ökumenisch begriff, einen selbstverständlichen Ort im Geschehen der Welt zu geben. Kirche leitet aus ihrem christologischen Bezug einen Auftrag für das „Humanum“, das Menschliche ab. Sie ist der Anwalt „der königlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (1977, S. 564). Seine Theologie entwarf Formen der engagierten Teilhabe am Menschsein unter dem Aspekt, was Religion zu einem gelingenden Leben beitragen kann. Insofern betraf seine theologische Kritik immer die Kirchen- und die Weltlage. Das eine war für ihn ohne das andere nicht denkbar. Küngs Programmbegriff dafür war seit 1990 „Weltethos“.

Das „Projekt Weltethos“ bereitete sich als Arbeit an einem „grundlegenden Orientierungswissen“ (1990, S. 13) bereits in den 1970-iger Jahren vor. Der programmatische Gedanke, dass der Frieden in der Welt mit dem Frieden zwischen den Religionen eng verbunden ist, erscheint aktueller denn je. Religionen können die „planetarische Verantwortung“ als eine „Verantwortung der Weltgesellschaft für ihre eigene Zukunft“ (1990, S. 52) auf ihre spezifische Weise des Gottesbezuges von Mensch und Welt bewusst machen. Sie verweisen aus einer theologischen Perspektive darauf, dass der „Mensch sein menschliches Potential für eine möglichst humane Gesellschaft und intakte Umwelt anders ausschöpfen“  (1990, S. 53) muss als bisher.

Hans Küng, der in der Kritik „seiner“ Kirche die Unterbrechung des ausschließlich Traditionellen und Hierarchischen in ihrem Selbstverständnis voranzutreiben versuchte, ließ sich durch die scharfen Gegenreaktionen der Katholischen Kirche nicht irritieren. Er verfolgte nachdrücklich sein Ziel, einem humanen, von der Idee der Menschwerdung Gottes geprägtem Menschsein Geltung zu verschaffen. Dass er dabei nicht nur Mitglied dieser Kirche, sondern auch Priester in dieser Kirche blieb, beeindruckt mich bis heute. 

Mit ihm ist ein inspirierender akademischer Lehrer, ein Theologe von außerordentlichem Format, ein Aufklärer im philosophischen Sinn des Begriffs und ein wichtiger Kritiker der römischen Kirche gestorben. In seinem Weltethos-Projekt überlebt seine wache und kreative Intellektualität, seine Freude am umfassenden Diskurs und sein engagiertes Interesse am Menschen. 

  • Küng, H. (1970): Menschwerdung Gottes. Eine Einführung in Hegels theologisches Denken als Prolegomena eine künftigen Christologie. Freiburg, Basel, Wien (Herder)
  • Küng, H. (2. Aufl. 1977): Die Kirche. München (Piper); Erstauflage: 1967
  • Küng, H. (4. Aufl. 1974): Christsein. München, Zürich (Piper)
  • Küng, H. (2. Aufl. 1990): Projekt Weltethos. München (Piper)

Ostern

Worum es an Ostern geht? Das Leben zu feiern. So sehe ich das zumindest für mich. Die Feier des Lebens gehört zum Leiden und Sterben am Karfreitag, zum Schweigen des Lebens am Karsamstag. Der Rückzug in die schmerzenden Dimensionen des Lebens und der immer neue Aufbruch in die Feier des Lebens spiegeln sich im Ausdruck „durch’s Leben gehen“. 

Noch einmal blicke ich auf den biblischen Textbestand. Heute interessiert mich jeweils das letzte Kapitel der Evangelien (Mk 16; Mt 28; Lk 24; Joh 20). Es handelt von den Ereignissen der Auferstehung. Dabei fällt auf, dass der Berichtstil, in dem die Leidensgeschichten geschrieben sind, sich auch an den Textstellen durchhält, die die Auferstehung Jesu betreffen. Das erzeugt eine semantische Spannung. Denn die Schilderung passt nicht zum Inhalt. Berichte, Schilderungen beziehen sich auf das, was Sache ist. Ist die Auferstehung Jesu ein Ereignis, das im Bericht unter der Hand zur Tatsache wird? Gründet die Realität des Auferstandenen in der rhetorischen Figur ihrer Schilderung? Lebt Ostern allein vom bekenntnishaften Glauben an etwas, das in dieser Weltrealität nicht vorkommt, dass ein Toter zum Leben aufersteht? 

Was das Leben des als auferstanden bekannten Christus angeht, so lassen sich in den Ostertexten der Evangelien durchaus Unterschiede zur Lebenswelt seiner AnhängerInnen feststellen: Christus erscheint. Sein Erscheinen überwindet die materialen Grenzen von Türen und Mauern, von Distanzen (Jerusalem im Süden, Galiläa im Norden Israels) und die Form der Zeit. Er erscheint gleichzeitig an verschiedenen Orten. Christus ist in seinem Erscheinen für die Menschen nicht greifbar, bis auf Thomas, der ihn berühren darf. Christus ist da und gleichzeitig „auf dem Weg“ zum Vater im Himmel. 

Was in den Texten weiterhin auffällt: Es wird viel gegangen. Die Frauen gehen am Morgen zum Grab. Maria von Magdala läuft zu den JüngerInnen und berichtet von der morgendlichen Begegnung mit Jesus. Petrus und Johannes laufen daraufhin um die Wette zum Grab. Zwei Jünger wandern auf dem Weg nach Emmaus, einem kleinen Ort in der Nähe Jerusalems, und laufen nach der Offenbarung ihres Weggefährten als Jesus zu den anderen JüngerInnen in die Stadt zurück. Wieder andere werden an See Tiberias nach Galiläa gesandt und machen sich sofort auf den Weg. Es scheint, als lösten die Begegnungen mit dem auferstandenen Christus eine Menge Bewegung im Anhängerkreis aus. Leben ist Bewegung. Die Schockstarre der Tage davor löst sich. Die Menschen um den gekreuzigten Jesus machen sich nach der Begegnung mit dem auferstandenen Christus auf verschiedene Wege. Gehen können heißt lebendig sein.

Dem Gehen geht der Philosoph Hannes Böhringer in seinem Essay „Geländer“ (Böhringer, 2021, S. 104 – 117) nach. „Die Menschen schreiten. Auch wenn sie rennen, machen sie Schritte.“ (ebd., S. 106) Menschen kommen also schrittweise voran, gleichgültig, wie rasch sie sich bewegen. „Es macht ihnen darum nichts aus, alles, was sie angehen, nicht sofort auf einen Schlag zu erreichen, sondern beharrlich Schritt für Schritt.“ (ebd., S. 106) Das hat allerdings seinen Preis: „Das Ganze ist immer ein Stückwerk.“ (ebd. S. 106) Auf das Sprachbild des Lebensweges angewendet bedeutet das, dass wir das Leben nicht in einem Schlag, vom Ziel her haben. Leben will Schritt für Schritt erlebt, ereignet, erarbeitet sein. 

Der Weg führt über Höhen und Tiefen. Hierfür bietet Hannes Böhringer die Bilder der Schräge und der Treppe an (ebd. S. 106 f.). Hochzeiten im Leben und Tiefzeiten unterscheiden sich darin, dass der Lebensweg in verschiedenen Ebenen verläuft. Dazwischen liegen Schrägen, die zu überwinden sind. „Stufen machen aus einer Schräge eine Treppe, eine Stiege, die Höhenunterschiede überquert.“ (ebd. S. 106) Die Treppe wird so zum „Sinnbild wie die Leiter für Aufstieg und Abstieg“ (ebd. S. 107). Jetzt steht die Frage auf: Wohin wollen wir auf unserem Lebensweg? „Alle wollen nach oben“ (ebd. S. 107), konstatiert der Philosoph. Wer nach oben gelangt, hat die besten Aussichten. Vielleicht auch darauf, dass die Treppe noch höher führt, zu neuen Plateaus – und schon wird das Bessere, das höher Liegende, zum Feind des Guten, des gerade erreichten Oben. Stimmt es also gar nicht, dass Gehen heißt, sich lebendig fühlen? Heißt Leben nicht vielmehr stetes Steigen nach oben?

„Doch die Kunst ist das Herunterkommen, das Wiederaufstehen nach dem Fall, das Weitermachen im Auf und Ab des Lebens.“ (ebd., S. 107) Jetzt ist es sinnvoll, uns wieder dem Osterereignis zu zu wenden. Jesus erwies sich zumindest seit dem Karfreitagsgeschehen als „heruntergekommen“. Tiefer, als am Kreuz zu enden, war in der vom römischen Recht geprägten Zeit kaum ein Fall denkbar. Wer gekreuzigt wurde, war als Aufständischer gegen den Kaiser Roms und gleichzeitig als Nicht-Römer stigmatisiert. Der römische Bürger (civis Romanus) durfte nicht gekreuzigt werden. Am Ostermorgen stand Jesus wieder auf von seinem Fall. Er stand als der Christus vor und bei seinen JüngerInnen. Mit allen Zeichen seines Heruntergekommenseins, den Wundmalen aus Folter und Kreuzigung. Wer heruntergekommen, gefallen ist, ist gezeichnet. Sein Gesicht ist hohlwangig. Die Haare werden grau oder fallen aus. Der aufrechte Gang wirkt gebeugt. Er scheint gebrechlicher als vor seinem Abstieg. 

Eben das nun zeichnet das Leben aus: Dem Lebenden ist der Weg anzusehen, den er bis dahin gegangen ist, wo wir ihm (wieder-) begegnen. Nicht nur der Gehende hinterlässt Spuren auf dem Lebensweg, auch das Leben hinterlässt seine Spuren an dem, der ihn geht. Da erschließt sich für mich abseits der Diskussion, was man nun von der Auferstehung und dem auferstandenen Christus halten könne, die Feier des Lebens als möglicher Sinn von Ostern. Es ist nicht die Feier der scheinbar Unsterblichen, die immer jung aussehen, sich stets fit geben. Es ist die Feier des Lebens, das die sterblichen Lebenden hochleben lassen. Die, denen wir ansehen können, dass sie schon einiges an Wegen und Schrägen im Leben zurückgelegt haben. Eben jenen, die im Grunde wir alle sind, Ansehen zu schenken, dadurch ihre Resilienz zu stärken, die Fähigkeit, nach dem Abstieg wieder hoch zu kommen, das drückt sich in der Feier des Lebens aus. Wir wissen, dass sie nicht ewig dauert. Wir feiern das Leben dann immer wieder, wenn die Feier uns das Leben erhält und das Aufsteigen aus der Tiefe fördert. Ostern.

  • Böhringer, H. (2021): Leben im Dativ. Berlin (Matthes & Seitz)
  • Zürcher Bibel (2007). Zürich (Verlag der Zürcher Bibel)

Karsamstag

Jesus starb am Nachmittag des Karfreitag am Kreuz. Nach der Kreuzigung wurde der Leichnam in aller Eile, bevor das Paschafest begann, notdürftig einbalsamiert und in ein Felsengrab gelegt. Das berichten, mit unterschiedlichen Attribuierungen, die vier Evangelien des Neuen Testaments. Der Evangelist Mattäus weiß: „Es waren dort [am Grab] Maria aus Magdala und die andere Maria; die saßen dem Grab gegenüber.“ (Mt 27, 61) Behalten wir das Bild: zwei Frauen sitzen am Grab. Sie halten Totenwache.

In diese Szene hinein greife ich einen Traum auf, den Jean Paul (1763 – 1825) in seinem Roman „Siebenkäs“ unter dem Titel „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ (Paul, 1976, S. 641 – 645) schildert. Im Traum antwortet Christus auf die Frage der anderen Toten: „ist kein Gott?“ (ebd., S. 643), dass keiner sei. Die Suche nach Gott in allen Welten, in den Wüsten des Himmels war ergebnislos. Der Ruf des Christus „Vater, wo bist du?“ bleibt ohne die erwartete Antwort. Christus spricht weiter: „Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich.“ (ebd., S. 643) In tiefster angstvoller Erschütterung fragen die Toten: „Jesus! Haben wir keinen Vater?“ Der Christus „antwortet mit strömenden Tränen: Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.“ (ebd., S. 643)

Das gewaltige Bild, das Jean Paul noch weiterführt und letztlich im sich lichtenden Traum wendet, könnte ein Interpretament der Gefühle sein, die die am Grab Jesu sitzenden Frauen hatten. Das Bild greift die Verwortung des Todesschreis Jesu bei Markus und Mattäus (siehe Beitrag „Karfreitag“) auf und spitzt sie zu: „Vater, wo bist du?“ Nirgends ist der Vater zu finden. Die Welt ist leer. Die Ewigkeit macht sich über sie her und käut sie wieder. Das ist der metaphysische Aspekt des Textes. Der Mensch, das Leben ist nicht nur unbehaust, sie sind auch Nahrung der Ewigkeit. Dieser tote Christus wird sich im lauten Tosen des versinkenden Kosmos bewusst: „Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alls.“ (ebd., S. 644) Das All ist eine Totengruft. Die Lebenswelt ist ein dauerndes Versinken. Der Mensch neben Christus ist ein „Armer“, dessen „kleines Leben der Seufzer der Natur oder sein Echo [ist]“ (ebd., S. 644). Mit dem Tod gerät die Welt aus den Fugen und das Leben wird in seiner Zufälligkeit, als Echo eines Seufzers der Natur sichtbar. Die Ordnung ist aufgehoben und damit der Halt, den Welt und Leben voraussetzten. Ist es das, wozu der Zustand von Welt und Leben, den Jesus seinem Jüngerkreis als Reich Gottes in Aussicht gestellt hatte, sich nach dessen Tod entpuppt? Ist der Tod Jesu für seine JüngerInnen eine Ent-täuschung, die die gemeinsame Utopie als tote Illusion entlarvt? Oder ist das eine metaphysische Überfrachtung der einfachen menschlichen Trauer über den Verlust eines lieben Menschen?

Greifen wir jetzt das biblische Bild auf: die beiden Frauen, wie sie am Grab des Jesus von Nazareth sitzen. In der Sachlichkeit des Mattäustextes klingt die Stille nach, die nach der hektischen Beisetzung des Leichnams eintritt. Jetzt, nachdem der Leichnam seinen Platz gefunden hat, und der Rüsttag zum Paschafest übergeht, sind die Frauen regungslos. Es ist die Zeit, in der die letzten Eindrücke des ohnmächtigen Lebensausklangs des Mannes, dem sie sich anvertraut hatten, als Bilder vorüberziehen. Nichts von dem, was bis zum Tod am Kreuz war, gilt noch. Das Leben schweigt. Dieses Schweigen ist auszuhalten. Stumm und regungslos. Die Stille am Grab ist etwas anderes als die Geräuschlosigkeit. Sie ist ein anderer Lebensraum als der des Alltags, mit seinem Tun und seinem Erleben, den Bewertungen und Urteilen. Diese Stille öffnet den Raum, in dem kein „Bergend-Gründendes“ (M. Seckler) erreichbar ist. Kein Halt, an dem sich eine, einer einhalten kann. Kein Grund, der eine Ordnung begründet, die Orientierung gibt. Ein Raum, in dem die Frage aufsteht, ob sich je wieder einem, der sich als Halt und Grund anbietet, trauen lässt? 

Hier begegnen sich die beiden Szenen, die der Frauen am Grab und die des Traums bei Jean Paul: „Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.“ (Paul, 1976, S. 643) 

Eine, leider in der katholischen Kirche kaum mehr berücksichtigte, weise Regel erklärt den Karsamstag zum Tag ohne jede Liturgie. Der Mensch lebt diesen Tag, ohne sich am Bewährten und Vertrauten oder auch nur am Gewohnten fest- und einhalten zu können. Eine Zumutung eigentlich: es gibt solche Tage, in denen das „Bergend-Gründende“ oder der Ansprechbare einfach abhanden gekommen ist und das Leben schweigt. Solche Tage haben etwas Grausames, wie sich das bei Jean Paul ausdrückt. Sie bringen auch die regungslose Stille mit, wie sie die beiden Frauen am Grab erleben. Halten wir es aus, wenn das Leben schweigt?

  • Paul, J. (1976): Werke in drei Bänden. Band 1. München (Hanser)
  • Zürcher Bibel (2007). Zürich (Verlag der Zürcher Bibel)