Menschsein und Würde – Normative in der Geschlechterdebatte?

Zeitgemäße Psychotherapie versucht während der ersten Begegnungen zwischen Patient*in und Therapeut*in für Entlastung zu sorgen. Skills spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die kurzen und effektiven Übungen ermöglichen unaufwändige und rasche Entlastung der Betroffenen. Sie können rasch erlernt werden und sind meist leicht praktizierbar. Das Beruhigungssystem wird dabei aktiviert, das die Distanzierung von Belastungen und den damit verbundenen unangenehmen Affekten einleitet.

In der Süddeutschen Zeitung vom 10.04.2026 las ich einen Beitrag dazu, was Männer tun können, damit Frauen sich nicht bedroht fühlen. Mehrere Verhaltensanweisungen werden beschrieben. Ich berichte nicht alle. Es sind einfache Hinweise wie Abstand und Raum schaffen bei spontanen Begegnungen der beiden Geschlechter, in öffentlichen Verkehrsmitteln bei entsprechendem Platzangebot nicht direkt den freien Platz neben oder gegenüber einer Frau wählen, sich in bedrohlich empfundenen Situationen wie Anstarren oder  übergriffigen Bemerkungen, durch eine kurze, kantige Bemerkung einmischen und Distanz schaffen.

Das sind wichtige Verhaltenshinweise, die eine sich zuspitzende Lage vermeiden und entschärfen helfen. Sie lösen nur das Problem, um das es geht, nicht. So wertvoll Skills zur raschen Lagebereinigung sind, sie beeinflussen kaum die Haltung, aus der heraus sich Männer in bedrohlicher Weise zu Frauen verhalten oder allgemeiner, sich die Geschlechter – und es sind ja nicht nur Frauen und Männer, um die es geht – einander irritierend, übergriffig, gewaltsam und gewalttätig begegnen. Trauen wir diesen knappen Verhaltensanweisungen nicht zu viel zu?

Sie sind ein erster Schritt, um Ordnung in Situationen zu bringen, die zu entgleisen drohen. Im Grunde werden darin das Selbstsein, die Person, die höchstpersönliche Würde von Menschen infragegestellt und bedroht. Die Bedrohte, der Bedrohte spürt Scham – und nicht der bedrohende Mensch. Die Scham ist eine basale Emotion, die sehr eng mit der Intimität unseres Personseins verbunden ist. Der Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Daniel Hell (2007, S. 139) bezeichnet die Scham als die „Türhüterin des Selbst“. Im Schamgefühl drückt sich die Sorge um die Integrität, die Sicherheit und die Selbstwirksamkeit des Menschen aus. Hell (2019, S. 55 f.) zufolge sind Schamgefühle in jedem Alter ein Thema. 

Übergriffiges und bedrohliches Verhalten löst nicht nur selbstschützende Scham aus, sondern wirkt zudem beschämend. Dies ist die andere Seite dieses „Interaktionsgefühls“ (Baer & Frick-Baer, 2022, S. 37). Beschämung verbindet das Schamerleben mit Qual. Qualvolle Scham generiert Angst. Darin besteht das Irritierende, dass der Übergriff im falschem „Charme“ Gewalt transportiert. Dieser falsche „Charme“, der real eine Form von Gewaltanwendung ist, zielt darauf, andere in eine schamvoll-peinliche Situation zu bringen, sie in ihrer Verletzbarkeit bloß zu stellen und sich selbst in eine vorteilhaft überlegene Position zu bringen. Übergriffiges Verhalten gegenüber einem andersgeschlechtlichen Menschen versucht jenem die Kontrolle über sich und die Lage dadurch zu nehmen, indem jener auf sekundäre Sexualmerkmale reduziert wird. Oder es wird ihm projektiv das Bedürfnis des Täters unterstellt: „Die wollen das ja auch.“ Kontrolleinschränkung oder letztlich Verlust der Fähigkeit zur Kontrolle greift die Selbstbestimmung des Menschen an. Der sexuell-gewaltsame Übergriff ist auch ein Eingriff, nämlich in die Intimität und die Privatsphäre. So stellt es der Philosoph Avishai Margalit (2023) dar.

Soziologisch haben wir es mit „Extraktivismus“ (Ausbeutung und Raubbau) zu tun. Joana Osman (2025, S. 50) sieht in dieser Systematik des Raubbaus „das Prinzip hinter patriarchalischen, kapitalistischen und faschistoiden Ideologien“. Wozu betreiben Geschlechter Raubbau aneinander?, ist also die Frage, der gegenüber die Skills zu kurz springen. Längerfristig bedarf es der grundsätzlichen Einsicht, dass der Mensch eben nicht des Menschen Wolf ist, sondern dass er angesichts der beiden Wölfe, die in ihm sind, die Wahl hat, welchen er gerade füttert. 

Der Neuropsychologe Rick Hanson (2018, S. 13) erzählt dazu die Geschichte einer indigenen Großmutter vom Wolf des Hasses und dem Wolf der Liebe nach. Beide gehören zum Menschen, für den sie beide eine wichtige Funktion haben. Die alte, weise Frau sagt: „ich erkannte, dass alles davon abhing, welchen der beiden ich fütterte, und zwar jeden Tag.“ Es geht also nicht darum, den Hasswolf zu ignorieren, zu unterdrücken. Hanson (2018, S. 71) fragt: „Können Sie … Aspekte des Hasswolfes im Körper spüren?“ Und: „Können Sie auch solche Erfahrungen, das Spüren des Hasswolfes im eigenen Körper akzeptieren?“ Akzeptanz heißt nicht Einverständnis, Bejahung und Ausagieren der Impulse und Bedürfnisse des Hasswolfes. Akzeptanz ist die Feststellung: Die Aggression ist da in mir. Diese Wahrnehmung öffnet für die Frage: Wie verhalte ich mich dazu? Dränge ich den Hasswolf in eine Ecke, lege ich ihn an eine Kette oder sperre ich ihn in einen Käfig? Dann kann ich sicher sein, dass er „am Ende sowohl uns als auch andere beißen“ wird (Hanson, 2018, S. 13). Es gibt Situationen, in denen es sinnvoll ist, ihn zu füttern, nämlich dann, wenn es um Selbstbehauptung, Grenzen ziehen, Nachdrücklichkeit, um den Schutz und die Abgrenzung des Liebeswolfes geht. Auch jener verkörpert eine basale Emotion des Menschen. Auch er kann andere irritieren, wenn die Liebe grenzenlos wird – und Liebende nicht mehr achtsam gegenüber anderen sind. Auch er kann hungernd in einen Käfig verbannt sein: „es ist oft die Liebe, die in Beziehungen zurückgehalten wird und unter Verschluss bleibt“ (Hanson, 2018, S. 72).

Zur Weisheit des Menschsein gehört es, zu entscheiden, welcher Wolf gerade Futter braucht. Füttern  bedeutet, in eine verantwortungsvolle Beziehung treten. Wer füttert, achtet darauf, dass die Nahrung passt, in der Art und Weise, in der Menge, in der Form. Wer füttert, wendet sich dem anderen aufmerksam und wohlwollend zu. Er geht auf den, der gefüttert wird, ein. Er unterlässt den Übergriff auf, den Raubbau am anderen. Er nimmt ihn in seinem Menschsein wahr und lässt ihn in seiner Würde. Menschsein und höchstpersönliche Würde bilden das Normativ, an dem sich das Menschenunwürdige des Extraktivismus zeigt. Jener legt Menschen auf Unterschiede fest und unterdrückt interessengeleitet das Verbindende im Menschsein. Damit macht er die einen zur Abraumhalde und die anderen zu Nutznießer*innen des Raubbaus. Er verengt für die einen die Möglichkeitsräume, um sie für andere zu erweitern. Extraktivismus greift in die „Möglichkeitskultur“ demokratisch verfasster Gesellschaften und die darin verfügbaren individuellen Möglichkeitsräume willkürlich und gewalttätig ein (Sommer, 2023, S. 27). Wenn der Mann nicht anders kann, als das zu leben, wozu er das Recht zu haben vermeint, wenn Heterosexuelle meinen, was für sie die Normalität ist, als Norm für die diversen sexuellen Personlisationsweisen und Lebensformen setzen zu müssen, dann werden Möglichkeitsräume unzulässig reduziert. Denn das Normative ist nicht das Männliche, Frauliche, Homosexuelle, Diverse, sondern es ist das Menschsein in seiner individuellen und höchstpersönlichen Würde. Darin sind alle Menschen verbunden – und unterscheiden sich lediglich in zwei Gruppen, wie V. Frankl (1905 – 1997) es an verschiedenen Stellen seines Werkes formuliert: Es gibt zwei Arten von Menschen, anständige und unanständige. Wozu jemand gehört, entscheidet jede und jeder selbst. Wer Raubbau an anderen Menschen betreibt, indem er sie gewaltsam zu Zielen seiner sexuellen Bedürfnisse zwingt, der entscheidet sich für die unanständige, die entwürdigende Variante des Menschsein. Selbst darin bleibt er oder sie mit dem Menschsein verbunden, leider, ohne es für sich selbst wahrzunehmen, wie gegenwürdig er lebt. Dagegen muss sich jede Demokratie wehren, um die Möglichkeitsräume weiterhin offenzuhalten – für alle und jeden.

Quellen:

Baer, U. & Frick-Baer, G. (5. Aufl. 2022): Das große Buch der Gefühle. Beltz

Hanson, R. (2023): Achtsamkeit und die Neurobiologie der Liebe. Arbor 

Hell, D. (2007): Seelenhunger. Vom Sinn der Gefühle. Herder

Hell, D. (2019): Lob der Scham. Nur wer sich achtet, kann sich schämen. Herder

Margalit, A. (3. Aufl. 2023): Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung. Suhrkamp

Osman, J. (2025): Frieden. Eine reale Utopie. Penguin/Randomhouse

Sommer, A. (2023): Entscheide Dich! Der Krieg und die Demokratie. Herder

Süddeutsche Zeitung vom 10.04.2026, Jg. 82/Nr. 82, S. 8: Ein Alltagsguide für Männer

Jürgen Habermas ist tot.

Nie hatte ich Gelegenheit, Jürgen Habermas persönlich zu erleben. Dabei begleitet mich sein Werk seit 1977. „Erkenntnis und Interesse“ war das erste Buch, das ich von ihm las. Was heißt das, Habermas lesen? Vielen gilt sein Denken als schwer zugänglich. Seine philosophischen und soziologischen Werke sind im oberflächlichen Sinne des Wortes wirklich schwer lesbar. Habermas muss studiert werden. Denn er hinterlegt – erstens – seine Texte mit einer immensen Belesenheit. Jener ist auf die Spur kommen. Wer sich mit den wichtigsten Quellen seiner jeweiligen Argumentation beschäftigt – daran kam ich zumindest nie vorbei -, dem zeigt sich: Habermas referiert nicht nur das Original, sondern er liefert auch seinen eigenen hermeneutischen Prozess zum Quellentext mit. Er begibt sich mit den Quellen seines Denkprojekts in den Diskurs. Dadurch gewinnt – zweitens – bei ihm jedes Quellenreferat eine argumentative, meist dialektische Funktion. Es stützt entweder die eigene These oder fungiert als Einwand, bereitet mithin das einstweilige Verweilen im Aporetischen oder die zielführende Synthese vor. Deshalb gewöhnte ich mir an, soweit als möglich, die Arbeit von Habermas an der jeweiligen Quelle mitzuvollziehen, mich also auf dessen hermeneutischen Prozess der Aneignung einzulassen. Das macht die Lektüre aufwändig, mühsam und bereichert zugleich, weil so die eigene Belesenheit nicht nur das Erinnern eines Gedankengangs umfasst, sondern im aktiven und aktuellen Diskurs gehalten wird. Das heißt: Habermas studieren bedeutet, sich ständig mit dem Material und dem Denkprozess auseinanderzusetzen. 

Ich weiß nicht, ob er sich der Didaktik seiner Texte bewusst war. Wer sie studiert, lässt sich buchstäblich auf den Denk-Weg ein, den Habermas selbst zurückgelegt hat, bis er zu den knappen Formeln kam, in denen er die Ergebnisse seiner Arbeit pointierte, wie „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, „Die neue Unübersichtlichkeit der Wirklichkeit“, „der zwanglose Zwang des Arguments“, „Weltinnenpolitik“, „linguistische Wende der Philosophie“, „der sakrale Komplex“ und viele andere. Kurz: Habermas verstehen wollen, zwingt zum Selbstdenken.

Seit mehr als fünfzig Jahren begleiten mich seine Bücher und Aufsatzsammlungen. Er ist einer der Philosophen, bei denen ich zuerst nachschlage, wenn es um ein mir neues Thema geht. Ernst Bloch ist ein anderer. Beide zeichnen sich durch den eigenwilligen und eigenständigen und damit sehr unterschiedlichen Zugang zu philosophischen Themen aus. Beide mischten sich in die Tagespolitik ein, wenn aus ihrer Denkperspektive dazu etwas zu schreiben oder zu sagen war. Von beiden fühlte ich mich immer wieder beschenkt. Zuletzt durch die zwei Bände des späten Werkes von Habermas (2019) „auch eine Geschichte der Philosophie“. Ein Jahr lang studierte ich während des durch die Pandemie bedingten Lockdowns die über 1700 Seiten Text. Sie enthalten eine selektierte Geschichte der Philosophie in systematischer Form. Sie zeichnen zugleich eine Genealogie des philosophischen Themas nach, das Habermas in seinem späten Denken vor allem beschäftigte: die philosophische Beziehung von Glauben und Wissen oder das Verhältnis von Philosophie und „sakralem Komplex“ zu einander. Dabei entwickelt er ein historisch angelegtes, systematisch argumentiertes Plädoyer für die Unentbehrlichkeit der Philosophie. Er zeigt, wie die Philosophie gegenüber der Theologie und verfassten Religion durch die stete Reflexion auf ihren Denkprozess samt seiner jeweiligen Bedingtheiten und Referenzen in der Lebenswelt die Verantwortbarkeit als Wissenschaft gewinnt. Sie setzt sich als Theorie des systematischen Denkens und Praxis des argumentativen Diskurses durch. Habermas kritisiert dabei die analytische Engführung auf eine der Empirie entlehnten und an sie angepassten Forschungsmethodik. Für ihn lebt die Philosophie vom Bezug auf die jeweilige Lebenswelt. Die Lebenswelt bleibt das kommunikative Apriori der systematischen Reflexion, die als philosophische stets Auskunft über den eigenen Prozess und den Standpunkt desselben zu geben vermag. Kurz: Habermas unternahm in diesem Buch die Vermittlung kantischer Vernunftverantwortbarkeit und hegelscher Systemkomplexität, noch einmal aufgeklärt durch die sprachphilosophische Einsicht, dass Kommunikation Handlung ist. Insofern beziehen sich Philosophie und „sakraler Komplex“ im Sinn einer wechselseitigen qualitativen Ressource füreinander. Jener enthält wertvolle Handlungsformen und Denkgestalten für die Bewältigung der lebensweltlichen Herausforderungen, die philosophisch relevant sind und deshalb in den regelbasierten Diskurs aufgenommen werden sollten. 

Nun ist der Lehrer, den ich persönlich nie in einem Vortrag oder einer Vorlesung kennenlernte, der durch seine Schriften mein Denken und meine Perspektive auf die Lebenswelt mitformte und bereicherte, tot. Ich werde seinen Scharfsinn, seine argumentative Leidenschaft und seine intellektuellen Provokationen im gesellschaftlichen Leben und der Politik sehr vermissen. Der Verlust dieses so lebendigen Denkers lässt mich um ihn trauern.

Arrogant konservativ

Die CDU verliert die Wahl zu Ministerpräsident und Landtag in Baden-Württemberg zwar knapp, aber sie HAT sie verloren. Statt einer Analyse, larmoyantes Gejammere und fragliche Vorhaltungen an den Gewinner der Wahl, als wäre er der grün-linke Wolf im realpolitischen Schafspelz. Und dann noch diese fiese Video. Ein unbedarfter, fast noch puberträrer CDU-Jüngling schwärmt von einem Auftritt vor einer Mädchenklasse und einer Schönheit, die ihn wohl noch eine Weile verzückte. So was lanciert wieder so eine grün-linke Bundestagsabgeordnete (aus Baden, nicht aus Württemberg) gegen den vor der Wahl als künftigen Ministerpräsidenten des „Ländles“ gehandelten CDU-Kandidaten. Der erzählt dann reuig, wie ihm seine Frau den Kopf gewaschen habe. Fast hätte ich vor Mitleid (oder war es vor Lachen?) ein paar Tränchen vertropft. Wer weiß, was jetzt zu Hause los ist, nachdem er die Wahl verlor.

Dieselbe CDU in Person des Bundeskanzlers beruft einen als sehr, fast hätte ich geschrieben „militant“ konservativ bekannten Nichtpolitiker in das Amt des Kulturstaatssekretärs. Er verdrahtet sich – kaum im Amt – mit dem Verfassungsschutz und beschafft jenem Arbeit: Der solle doch mal Buchhandlungen beobachten. Bekanntlich stehen in manchen Läden ja extrem-linke (oder links-extreme?) Bücher herum, deren schierer Anblick schon zum Terror gegen Deutschland motiviert. Es sind eben nicht immer nur die Rechten, die Deutschland bedrohen, die, soweit sie in einer deutsch-alternativen Partei Funktionäre sind, kaum das Zeug haben dürften, selbsttätig Bücher zu schreiben. Bekanntlich tun sich ja Mitglieder des Parteivorstandes schwer, grammatikalisch richtige Sätze in deutscher Sprache zu bilden, geschweige denn Fremdwörter (außer Remigration) zu gebrauchen. Für Bücher, gleich welcher Art, besteht übrigens (noch?) kein Kaufzwang. Bücher wählt der mündige Leser aus. Sie formulieren in der Regel Standpunkte, Argumentationen und Meinungen. Sie stellen sie zur Diskussion. Anders als in politischen Talkshows verbringt man beim Lesen Tage, zuweilen Monate oder auch mal ein Jahr Zeit mit ihnen. Ein knapper Fünfwortsatz, erweitert durch eine rhetorische Floskel, wie sie der deutsche Bundeskanzler bevorzugt, reicht meist nicht aus, um eine eigene Argumentation zum Buchinhalt zu formulieren. Gut, der Bundeskanzler war im Management. Da lernt man: Sag‘ es so, dass es Vierjährige oder Vorstände verstehen können.

Entsetzt lese ich heute, der Innenminister (der Bayern ständig mit Deutschland verwechselt) beabsichtige für die Kulturlandschaft (als ob es das in CDU-Deutschland noch gäbe, siehe Berlinale!) flächendeckende Beobachtungen durch den Verfassungschutz. Ich beruhige mich mit der Annahme, dass sicher wieder ein grün-linker (oder links-grüner?) Journalist so was in die Welt setzt. Kann gar nicht stimmen, lohnt sich auch gar nicht. Denn die beschworene Kulturlandschaft ist demnächst kaputt gespart, wegen Rüstung und Investitionen in moderne fossile Brennstofftechnologie, und ja, in kleine, handliche Atomkraftwerkchen, mit denen dann jeder seinen Strom produzieren kann. Und die rote Tonne für die Entsorgung der Brennstäbe. Die Bayern (ob die Deutschen?) bekommen das dann auch hin, denn sie haben sicher während der Schulzeit viele unangekündigte Extemporalien dazu geschrieben, also kontinuierlich gelernt. Auch mit der Angst umzugehen; denn ein wenig Angst macht das Atom schon.

Stammt eigentlich die Bundeswirtschaftsministerin aus Bayern, so angstfrei und unbesorgt, wie sie einen Klimakiller nach dem anderen reaktiviert? Einen bayerischen Edelmann hat sie zumindest  an der Seite. Einen garantiert angstfreien, mutigen, fast draufgängerischen, sonst wäre er sicher nie Verteidigungsminister gewesen. Wir können also ganz unbesorgt sein. Sie mag sich ja mit der Sprache schwertun (gibt es auch bei außerhalb der AfD), und mit der freien Rede zumal, ist aber nicht dramatisch, denn sie weiß ganz sicher, wie Rollen rückwärts funktionieren. Und das ist für das CDU-Regieren entscheidend. Überhaupt, vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr nach hinten, an den Anfang des 20. Jhdts. blicken, um mehr Verständnis entwickeln zu können für dieses Deutschland, das die Regierung gerade (ver-)formt. Ist auch gut, weil es da noch keine bösen Nationalsozialisten gab. Und: Wir sollten endlich auch der visionären Kraft des Bundeskanzlers trauen, der der FDP die völlige Bedeutungslosigkeit voraussagte. Gäbe es diese grüne Plage nicht, dann hätten wir angesichts der Selbstmarginalierungskraft der SPD bald eine Zweiparteiendemokratie in Deutschland, die guten Konservativen in der CDU und die bösen Nationalrechten in der AfD. Die USA machen es uns, wie so oft, vor, wer irgendwann einmal das Sagen hat. Und dann, dann wären ein paar Grüne, Sozialdemokraten und Linke als Erinnerungsträger*innen der demokratischen Kultur nicht schlecht.

Denkverschiebung – eine neue olympische Disziplin?

Da ist ein ukrainischer Athlet. Wladyslaw Heraskewytsch. Skeletonfahrer. Er hat seinen Helm mit Bildern dekoriert. Sie zeigen Porträts von Athlet*innen der Ukraine. Opfer des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Kein Wort. Keine Parole. Nichts als die Bilder. Er wurde disqualifiziert, weil er gegen die olympische Regel Nr. 50/1.31 zu ostentativer Werbung oder Propaganda auf Wettkampfgegenständen verstößt. Russland führt seinen Krieg gegen die Ukraine weiter. Obwohl das olympische Feuer brennt.

In der griechisch-römischen Antike sollten während Olympischer Spiele die Waffen ruhen. Pierre de Coubertin, die Wiederbegründer der olympischen Idee in der Neuzeit, wollte jungen Menschen die Gelegenheit geben, im sportlichen Wettkampf statt auf den Schlachtfeldern des Krieges ihre Kräfte zu messen. Welches Zeichen wäre es gewesen, wenn Russland sich verpflichtet hätte, die Waffen während der Olympiade schweigen zu lassen. Und die russischen Sportler*innen hätten an den Winterspielen teilgenommen. Kein Deal unter Präsidenten, sondern ein starkes Zeichen von Friedensbereitschaft!

Stattdessen: Disqualifizierung der Trauersymbolik eines Sportlers aus dem bekriegten Land. Der us-amerikanische Athlet Christopher Lillis verhielt sich klüger. Er sprach vom gebrochenen Herzen im Blick auf seine Herkunftsnation. Ja, in den USA ringt ein Präsident Teile seine Bürger*innen mit brachialen Methoden nieder und wütet gegen kritische Athlet*innen seines Landes. In der Ukraine jedoch geht es um das Überleben einer Nation im Raketenhagel und unter den Drohnenschwärmen eines Aggressors, der einen völker- und immer deutlicher auch kriegsrechtswidrigen Angriffskrieg führt: Russland.

Was der ukrainische Sportler beabsichtigte, formuliert die us-amerikanische Starphilosophin Judith Butler (2021, S. 96) so: „Manche Leben erlangen ikonische Dimensionen – das absolut und eindeutig betrauerbare Leben -, während andere kaum einen Spur hinterlassen – das absolut unbetrauerbare Leben, dessen Verlust kein Verlust ist.“ Herr Heraskewytsch wollte im ikonischen Rahmen der Olympischen Spiele seine Kolleginnen und Kollegen vor der Unbetrauerbarkeit retten. „Der trauernde Protest … macht geltend, dass dieses verlorene Leben nicht hätte verlorengehen dürfen, dass es betrauerbar ist“ (Butler, 2021, S. 97).

Ja, es ist ein Regelverstoß gegen die geschriebene olympische Satzung. Wenn es während der Spiele um den gegenseitigen Respekt der Athletinnen und Athleten geht, symbolisch für den Respekt der teilnehmenden Nationen untereinander, dann geht es auch um die Würde des Menschen. Im Symbol wenigstens sollten gefallene, getötete Athlet*innen auf dem Helm des ukrainischen Sportlers in die olympische Familie aufgenommen werden – genuin dort, wo sich alles entscheidet. In der Wettkampfstätte.

  1. https://www.doa-info.de/images/PDF/Olympische_Charta_2014.pdf, S. 67 – 69 ↩︎

Butler, J. (2021, 2. Aufl.):Die Macht der Gewaltlosigkeit. Suhrkamp

Umwege sind das Leben.

Zuweilen begegnen einem Texte aus der persönlichen Lesegeschichte wieder – und unterbrechen das Denken. An solchen Bruchstellen öffnet sich die Oberfläche der Gedanken. Öffnungen laden ein, dem nachzugehen, was sich außerhalb des eingeschlagenen Denkweges daneben, darüber, darunter entdecken lässt. Tatsächlich geht es nach öffnenden Unterbrechungen für’s Erste „drunter und drüber“. 

Ein Literaturhinweis in Hartmut Rosas gerade erschienen Buch „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ (2026) unterbrach meine Gedanken- und Schreibarbeit. H. Rosa verweist darin auf den Text „Umwege“ in Hans Blumenbergs Buch „Die Sorge geht über den Fluß“ (1987/2022, S. 137 ff.). Als ich die kurze Reflexion zum Umweg vor Jahren erstmals las, floss sie sofort in meine psychotherapeutische Arbeit ein. Immer wieder erwarteten Patient*innen gerade am Anfang einer psychotherapeutischen Behandlung oder dann, wenn die gemeinsame Arbeit sich einem lange vermiedenen Thema des Lebenshandelns oder der Persönlichkeit näherte, den direkten Weg von der Einsicht zur sofortigen, bessernden Veränderung. Kurz: ein Rezept für einen beschwerdefreien Umgang damit. Immer wieder hatte ich dann Blumenbergs (2022, S. 137) Überlegungen zum Umweg vor Augen: „Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren.“ Das ist die These. Er erläutert sie sogleich: „Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendlich viele Umwege.“ Wer sagt, dass der direkte und damit kürzeste Weg auch der für jemand beste ist? Vielleicht verlangt er etwas, was jemand gar nicht zu leisten bereit ist. Er zwingt zu ungewohnter Bewegung und zu Risiken, weil er schmal, rutschig, felsig, steil ist. Möglicherweise überfordert er die Kräfte, die gerade zur Verfügung stehen, oder die Fähigkeiten, die einfach nicht vorhanden sind. Außerdem findet sich, wer sich auf dem direkten Weg bewegt, rasch in Konkurrenz zu anderen, die ihn auch nehmen.

In solcher Lage ist es sinnvoll, sich nach Wegen umzusehen, die besser zum jeweiligen Menschen passen und zum gleichen Ziel führen – mit der Chance, während des Umweges zum Nachdenken über das Ziel und zu neuen Perspektiven angeregt zu werden. Umwege erschließen Spielräume, indem sie aus dem Geplanten heraus in Bereiche führen, die zum Entdecken, Verweilen, zu unerwarteten Begegnungen führen. Die Welt, in der jemand unterwegs ist, zeigt sich aus anderen Perspektiven. Zugleich fordert sie den Menschen auf dem Weg zu umsichtiger Aufmerksamkeit auf. Anfangs beschäftigt die bange Frage, ob auf dem Umweg das Ziel auch fristgerecht zu erreichen ist, ob die persönlichen Ressourcen für den Weg ausreichen. Ob man sich zurechtfinden wird. Mit einem Mal fällt an einem selbst auf, wie varíabel die Bewegungen, die Geschwindigkeiten, das Atmen, die Wahrnehmungen sind. Welche Landschaftsbilder man durchläuft und in welche Stimmungen jemand gerät. Mit einem Mal wächst die Lust auf das Verweilen und jemand lässt sich auf einen Blick, einen Ort, einen Zustand ein. Oder es kommen andere des Weges, mit denen Austausch und Geplauder möglich ist. Der Umweg wird zum Weg eines unerwarteten Lebens und Erlebens. „Nicht jeder erlebt alles, wenn auf Umwegen gegangen wird; dafür aber auch nicht alle dasselbe, wie wenn auf dem kürzesten Weg gegangen wäre.“ (Blumenberg, 2022, S. 137)

Es ist für Menschen, die sich auf einen Umweg einlassen, eine überraschende und bereichernde Einsicht zugleich: Wer den kürzesten Weg beschreitet, macht Erfahrungen, die alle anderen auf diesem Weg auch machen. Das ist die Eigenart des „Konstellativen“, das H. Rosa (2026) beschreibt. Jenes macht Prozesse allgemein nachvollziehbar, indem eine Situation in kleine Schritte zerlegt wird, die eine genaue Abfolge für den Vollzug vorgeben. Wer sich auf Umwege einlässt, verlässt die manualisierten Schrittfolgen – und begibt sich in offene Situationen: „Alles hat Aussicht erlebt zu werden“, wie Blumenberg (2022, S. 137) schreibt. Das verlebendigt das Leben; denn es wird in seinem Herausforderungscharakter angenommen. Die Realität kann in aller Vielschichtigkeit und Multidimensionalität, auch in ihrer Befristung ernstgenommen werden und die Einzelnen suchen ihre sinnvollen Antworten dazu. Jede und jeder ist zugleich frei, das Sinnvolle in der Lage zu verfehlen oder sich gegen es zu stellen, noch einen weiteren Umweg zu gehen. Die Verantwortung für die persönliche Entscheidung liegt dann auch bei den Entscheidenden. Es war Viktor Frankl, der dies zu einer der Grundlagen seiner Psychotherapie machte. Das Ergebnis dieser existenziellen Einsicht und Lebenshaltung, welt- und selbstgestaltend die Anfragen des Lebens zu beantworten, besteht darin, sich selbst als Person in Freiheit und Verantwortlichkeit zu erleben. Umwege geben Spielraum für die Lebensantworten und verhelfen zur Selbstwahrnehmung im Kontext der jeweiligen Lebenswelt. Gleichzeitig gilt auch: Umwege sind kein Patentrezept. Manchmal ist es sinnvoll, den kürzesten Weg mitsamt seiner Vollzugsanleitung zu nehmen.

Umwege ermöglichen, wenn eine „konstellative Lage“ (H. Rosa) den rationalen und kürzesten Weg von A nach B verspricht, zu erkennen, dass in jenem Versprechen die Perspektive sich vom „Handeln zum Vollziehen“ verschiebt (Rosa, 2026, S. 7 ff.; S. 145 ff.). Wer vollzieht, klammert sich selber durch das Abarbeiten einer manualisierten Routine aus. Wer sich auf den Umweg einlässt, der erlebt die Vielschichtigkeit des Lebendigseins. Er begegnet weniger Algorithmen, sondern eher Menschen. „Die Umwege sind es, die der Intersubjektivität ihre Bedeutung … verleihen.“ (Blumenberg, 2022, S. 137 f.) Umwege laden dazu ein, sich zusammenzutun, um die Situation zu meistern. Umwege lehren das Unterscheiden. Nur wer unterscheiden kann, wird auch entscheiden.

Umwege sind das Leben. Die glatten Versprechen der direkten Wege für mehr Sicherheit und Evaluierbarkeit entfremden mitunter vom Leben und lassen Menschen ermüden. Lassen wir uns gerade dann auf die Umwege ein, die manchmal geradezu abwegig erscheinen. Dafür bereichern sie das Leben mit Kultur, Vielfalt und Begegnung.

Quellen:

Blumenberg, H. (2022): Die Sorge geht über den Fluss (7. Aufl.). Suhrkamp

Rosa, H. (2026): Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp

Spring vom Stier, Europa!

Der griechische Mythos erzählt, dass sich Zeus in Europa, die Tochter eines phönizischen Königspaares verliebt und sie heiraten will. Er verwandelt sich in einen Stier, stark und anmutig zugleich. Ovid erzählt in seinen Metamorphosen von einem weißen Stier. Europa fasst Vertrauen, schwingt sich auf den Rücken des Tiers. Das trägt sie in Windeseile übers Meer nach Kreta davon. Dort, auf der Geburtsinsel des Zeus, vermählt sich der Gott mit Europa, deren Name zum Gedenken an sie der Kontinent erhält.

Der alte griechische Mythos, in verschiedenen Varianten verschriftlicht, passt zur jüngeren Geschichte Europas. Seit dem Zweiten Weltkrieg und vollends nach der Auflösung des Warschauer Paktes 1991 ist Europa mit den USA nahezu ehelich verbunden. Über die NATO als Verteidigungsbündnis, über die demokratische Orientierung, über die starken wirtschaftlichen Beziehungen, über den Austausch von Wissenschaftler*innen und Wissenschaft, den Technologietransfer und nicht zuletzt über die Tendenzen und Moden des Lifestyles. Leider entpuppt sich der Stier in der Person zwar nicht des Zeus, wohl aber des aktuellen amerikanischen Präsidenten in einer eher abstoßenden Form. Deshalb gibt es aus der Sicht des europäischen Intellektuellen vor allem einen Rat: Spring vom Stier, Europa! Der Ritt in eine Liebesheirat ist zu Ende.

Die Liste der Untreue ist lang. Sie wird aus europäischer Sicht gekrönt durch das bedrohliche Begehren Grönlands, das zu Dänemark gehört und Mitglied der NATO ist. Inzwischen erwägt der amerikanische Präsident auch militärische Mittel der Annektion. Die (einstige?) Hegemonialmacht der NATO trachtet danach, sich einen Bündnisstaat einzuverleiben. Noch kritischer ist die Grundlage der amerikanischen Dominanzbestrebungen unter D. Trump zu sehen: Das Völkerrecht interessiert ihn nicht, wie er sagt und dokumentiert. Solange es für seine Interessen, die er schon immer mit denen der USA gleichsetzt, nicht nützlich ist. Damit kündigen die USA eine der größten europäischen Errungenschaften internationalen Verkehrs zwischen Staaten auf. 

Als sich im 17. Jhdt. die Neuordnung des europäischen Staatensystems nach dem Dreißigjährigen Krieg abzeichnete, war dieser Prozess von der rechtsphilosophischen Idee eines Völkerrechts inspiriert. Mit dem Westfälischen Frieden (1648) war in Europa zugleich ein Regelwerk entstanden, das als klassisches Völkerrecht bis 1914 galt. Bis zur Mitte des 19. Jhdts. konnten nur europäische Staaten als Völkerrechtssubjekte agieren. Dessen Innovation bestand in der Verrechtlichung der Beziehungen zwischen Nationalstaaten. Es war wie Habermas (2019/4. Band, S. 317) schreibt, „für ‚inter-nationale‘ Beziehungen im buchstäblichen Sinne konstitutiv“. Das Völkerrecht ist eine originäre europäische Idee. 

Nach den beiden Weltkriegen in der ersten Hälfte des 20. Jhdts. wurden die Grenzen des klassischen Völkerrechts deutlich. Es versagte angesichts des Zivilisationsbruches des nationalsozialistischen Deutschland. Das klassische Völkerrecht bedurfte im Sinne des Weltbürgerrechts I. Kants (1724 – 1804) einer dringlichen Verbindung mit den Menschenrechten, um seiner Hauptintention zu dienen: der Sicherung des Weltfriedens als Garantie für die Geltungsdurchsetzung und Erhaltung der Menschenrechte. Dieses Ziel verfolgten die Charta der UN von 1945 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Als ideengebende Kraft hinter diesem Prozess fungierte die „Debatte um den Weltstaat“, die I. Kant mit seinen Überlegungen zur rechtlichen Sicherung des Friedens in der Abhandlung zum „Ewigen Frieden (1795) und zur Fortentwicklung des Völkerrechts zum „Weltbürgerrecht“ in der Rechtslehre (Metaphysik der Sitten (1798)) angestoßen hatte.

Die rechtsphilosophischen Überlegungen hinter den modernen Weiterentwicklungen des Völkerrechts durch die Erklärung der unveräußerlichen Menschenrechte internationalisierten die verfassungsmäßigen Grundrechte, die demokratische Nationen ihren Bürger*innen garantieren. Als revolutionär bezeichnet der Rechtsphilosoph A. Pollmann (2022) dabei die Verbindung zwischen Menschenrechten und Menschenwürde, so dass „Verstöße gegen die Menschenrechte … jeweils zu einer Verletzung der Menschenwürde gesteigert werden“ können (Pollmann, 2022, S. 339). So erweist sich inzwischen „die Menschenwürde als das inhaltliche Worumwillen der Menschenrechte“ (Pollmann, 2022, S, 357).

Der rechtshistorische Exkurs verdeutlicht, was die us-amerikanische Staatsdoktrin seit dem 11.09.2001 auf völkerrechtlicher Ebene verfolgt. Seit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes verstehen sich die USA als unilaterale Supermacht, die unter den Präsidenten G.W. Bush, B. Obama, J. Biden und vor allem D. Trump zunehmend hegemoniale Ansprüche anmeldet. Die ökonomische Macht Chinas und das durch den Krieg gegen die Ukraine wieder beachtete Russland streben dagegen eine multilaterale Weltordnung an. Die Europäische Union scheint in diesem Spiel nicht als Mitspieler vorgesehen. Die Motive dafür hat D. Trump jüngst deutlich gemacht. Diese Weltordnung soll nicht durch internationales Völkerrecht mit einklagbaren Menschenrechten und den entsprechenden Klage-, Urteils- und Durchsetzungsinstanzen stabilisiert werden, sondern durch Moral und Verstand der Machthaber. Der Stier, auf dem das immer noch verliebte Europa sitzt, droht es abzuwerfen, falls es nicht aus eigener Kraft vom Stier springt. Denn es stört mit seiner Menschenrechts- und Völkerrechtsorientierung, die eng mit seinem Wertezusammenhang verbunden ist. Verlangt es doch nachvollziehbare, rationale Legitimation und Allseitigkeit der staatlichen Beziehungen.

Europa, die Europäische Union, bezieht die Macht aus den vertrauten völkerrechts- und menschenrechtsbasierten Verfahren und Diskursen. Es vermag diese Diskurse durch weltweit einzigartige ideen- und kulturgeschichtliche Ressourcen zu begründen, belegen und in dieser besonderen aufgeklärten, kritisch-theoretischen und kulturellen Sicht immer wieder neu zu denken. Seine Macht ist nicht einseitig ökonomisch, weil es die Wirtschaft nicht nur liberal denkt, sondern den Liberalismus sozial und zunehmend auch ökologisch einhegen kann. Das enorme theoretische, wissenschaftliche, kulturelle, zivilisatorische, soziale Potenzial befähigt Europa dazu, Politik aus dem Frieden heraus zu denken. Es ermöglicht der Europäischen Union einen rechtsstaatlichen, demokratischen und ökologischen Lebensraum zu entwickeln, der sich notfalls auch militärisch zu verteidigen weiß, ohne die globale Überlebensfähigkeit in Frage zu stellen.

Deshalb: Spring vom Stier, Europa. Er entführt dich sonst in die Bedeutungslosigkeit, die unsere Erde mehr gefährdet als widerrechtliche Kriege, als wirtschaftliche Repressalien oder naiv unhinterfragte zivilisatorische Entwicklungen. Spring vom Stier wieder auf deine eigenen Beine und traue der Standfestigkeit, die dir der weltweit umfassendste ideengeschichtliche Prozess in deiner Geschichte jederzeit verleiht. Ein solches, selbstbewusstes Europa ist mehr als eine Militärmacht, eine Wirtschaftsmacht. Es ist eine ideelle und dem Leben zugewandte Macht, die die Welt erst vermissen wird, wenn sie sich in die Bedeutungslosigkeit entführen ließe. Diesen Trauerprozess sollten wir Europäer*innen dem Rest der Welt durch eine neue Selbstermächtigung analog zu I. Kants Aufklärung ersparen.

Quellen:

Habermas, J. (2019): Philosophische Texte. Band 4 (3. Aufl.): Politische Theorie. Suhrkamp

Menke, C. & Pollmann. A. (2017): Philosophie der Menschenrechte. Zur Einführung. Junius

Pollmann, A. (2022): Menschenrechte und Menschenwürde. Zur philosophischen Bedeutung eines revolutionären Projekts. Suhrkamp

Kant, I. (2024): Die Metaphysik der Sitten. Werkausgabe Band VIII (ed. W. Weichedel; 20. Aufl). Suhrkamp

Kant, I. (2023): Zum Ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Werkausgabe Band XI (ed. W. Weischedel; 21. Aufl.). Suhrkamp, S. 191 – 251

Mehr apokalyptisches Denken, bitte!

Apokalyptik ist nicht in erster Linie eine literarische Gattung voll großer Krisenbilder und Untergangseskalationen. Sie ist nicht allein das literarische und cineastische Surfen auf der Bugwelle der Überlebensangst. Ursprünglich ist Apokalypse eine Zeitform. Sie verbindet die ausstehende Zukunft, das was sich zeigen wird, mit dem, was sich heute schon, also in der Gegenwart, darüber andeutet. Die Zeichen der Zeit können Krisen auslösen, die wort- und bildstark beschrieben und inszeniert werden. Jede apokalyptische Zeitvorstellung sieht und denkt die Zeit befristet, endlich. Die letzte ausstehende Zukunft ist das Ende der Zeit. Das Ende der Zeit kommt auf die jeweilige Gegenwart zu. 

Der Zeitbegriff, der Apokalypse zu denken ermöglicht, entstand im antiken Judentum. Er nimmt die Befristung der Zeit mittels eines einmaligen, unwiederholbaren Anfangs und eines sicheren, allen Menschen und deren Lebenswelt bevorstehenden Endes ernst. Dadurch unterscheidet er sich von Zeitbegriffen, die in Zyklen denken. Die Zeit kommt dann immer wieder auf ihren Anfang zurück, um diesem neu zu entspringen. Das Gegenwärtige vergeht und lebt in der Wiederkehr der Zeiten wieder auf. Die erlebbare Zeit ist entfristet, weil sie in einer Art Analogie wiederkehrt. So kann sie als die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ (F. Nietzsche) der antiken kleinasiatischen und griechischen Kultursphäre oder in der Denkform der Hindureligionen und des Buddhismus als Wiederkehr in Varianz gedacht werden. Der jeweils neue Zeit-Zyklus ist Bild eines schon vorhandenen. Darin ist keine Apokalypse denkbar. Denn die Wirklichkeit endet nicht. Sie lebt und lebt im ewigen Kreis des Ursprünglichen. Sie kommt über den Ursprung nicht hinaus.

Apokalypse nährt sich aus der Spannung zwischen dem Leben in der Zeit und dem Ende der Zeit. Sie geht von einem Zeitverlauf aus, der von einem Anfang her zu einem Ende kommt. Im Wirklichen trifft der Lebende überall auf Befristung und Endlichkeit. Nichts währt ewig unter der Sonne. Nicht einmal die Sonne selbst. Das Ende deutet sich in Krisen an, in Entscheidungszeiten, die das Ende verzögern oder mildern sollen. Hoffnung keimt in der Krise, dass im Ende das Rettende erscheint, in alten Zeiten transzendente Rettergestalten, in modernen revolutionäre Prozesse. Beiden traut die apokalyptische Hoffnung zu, dass sie die rettende Wahrheit der Zeit enthüllen (apo-kalyptein, altgriechisch und übersetzbar mit aufwickeln, enthüllen) und einen Sinn der Endlichkeit zeigen.

Wir begninen gerade ein neues Jahr. Manchmal scheint es angesichts existenzieller, persönlicher und politischer Déjà-vus, dass sich eben doch alles wiederholt. Das mag uns so erscheinen, weil es für uns affektiv einfacher zu leben ist. Im untätigen Klagen zu leben scheint weniger Energie zu verschlingen, als sich zu neuem Tun, zu neugierigem Empfinden oder zu persönlichen, sinnvollen Einstellungen zum vorerst Gegebenen zu motivieren. Zyklische Zeitbilder motivieren nicht. Sie raten eher zur Duldung der gegenwärtigen Gegebenheiten, in der Erwartung, dass sich im nächsten Lebenszyklus für die Gegebenheiten veränderte Perspektiven einstellen. Das Karma ändert sich und mit ihm die Lebensmöglichkeiten. Oder, eher idealistisch-gnostisch gedacht, es entsteht im nächsten Zyklus etwas, das vor den Widrigkeiten des gegenwärtigen Lebens bewahrt. Das kann eine Rettergestalt oder – eher postmodern strukturalistisch gedacht – ein rettendes System, ein neuer Text, ein befreiendes Narrativ sein.

Ebendas führt der Beitrag von M. Andree zum Thema „Nachruf auf den Liberalismus“ (SZ, 01.01.2026) vor. Er entlarvt die neue „große Erzählung“ von Trump und der Tech-Bros als „Abschaffung des Wettbewerbs bei Wirtschaftsgütern“ und des „Wettbewerbs der Ideen“. Dadurch entsteht Platz für digitale Meinungskontrolle, für Polarisierung und Populismus, befeuert durch die radikalisierende Empörung priorisierenden Algorithmen in den digitalen Medien, Platz für Deregulierung und Marktmonopolisierung. Das alles auf Kosten der diskursintensiven und differenzierenden, verantwortlichkeits- und freiheitsbewussten politischen und sozial-marktwirtschaftlichen Mitte. Darin wird die sinnproduktive Spannung der apokalyptischen Zeitform  der Befristung der Zeit aufgekündigt – und mit ihr die stete Abwägung von Freiheit und Verantwortlichkeit, der kritischen Unterscheidung zwischen Intention und universellem Wert und individuellem Sinnzusammenhang, letztlich der Zusammenhang von autonomem Weltbezug, selbstbestimmten Lebensverhältnis und der Möglichkeit zur souveränen Ausnahme, die sich in der höchstpersönlichen Würde des Menschen ausdrücken (Riedel, 2025). Knapp zusammengefasst: Menschenrechte, Völkerrecht, Ethik, Normativität und Legitimierung werden ignoriert und beseitigt.

Es war der Philosoph und Theologe J.B. Metz (1928 – 2019), der auf die Folgen eines Wirklichkeitsverständnisses hinweist, das die Zeit „entfristet“: Das wissenschaftlich-technische Wirklichkeitsverständnis „ist geprägt von einer Vorstellung von Zeit als einem leeren, evolutionär und ins Unendliche wachsenden Kontinuum, in das gnadenlos alles eingeschlossen ist. … Dieses Zeitverständnis treibt jede substantielle Erwartung aus und erzeugt so eine heimliche Identitätsangst, die an der Seele des modernen Menschen frisst. … Aus der heimlichen Angst vor der zeitlosen Zeit nährt sich auch, was man jüngst [1985!] den Zynismus der Moderne genannt hat: der Kult der Apathie, das Sich-Herausdrücken aus den Gefahrenzonen der geschichtlich-politischen Verantwortung, das anpassungsschlaue Sich-Kleinmachen, das Nischendenken, das Leben in kurzfristigen Intervallen, eine Mentalität schließlich, die uns zu Voyeuren des eigenen Untergangs machen kann.“ (Metz, 2017 [1985], S. 100 f.) Ergänzen wir die Hellsichtigkeit der Analyse noch durch das, was vorher im SZ-Beitrag von M. Andree beschrieben wurde, dann zeigt sich: Die Zeitentfristung ist heute als ein ins gestaltlose Unendliche treibender Prozess zu verstehen. Das deutet sich im „Pantextualismus“ (Ilouz, 2025, S. 33 f.) der Theorie der Postmoderne an. Sie sieht das soziale Leben als ein „Netz von Zeichen, Texten, Diskursen, diskursiven Formationen“, also als Text an, der seine Bedeutung aus seinem Organisationsprozess selbst bestimmt – befreit von jeder Autorschaft. Das drückt sich in der „digitalfeudalistischen“ und „libertären“ Herrschaft von Trump und Tech (Andree, 2026) aus. Die technische AI soll alles steuern, Sprache, Inhalte, Prozesse.

Die apokalyptische Zeitvorstellung unterbricht kritisch die Dynamiken der „zeitlosen Zeit“ (J.B. Metz); denn sie drängt auf die Wahrnehmung der Befristung. Jene ermöglicht den Blick auf das Herkunftsbild der Gegenwart, das einen Anfang in der Geschichte voraussetzt. Das ermöglicht die Differenzbestimmung zwischen Bleibendem und Veränderung. Die Befristung der Zeit konstituiert eine Zukunft, für die, da inhaltlich noch unbestimmt, Gestaltungsentscheidungen möglich sind. Für sie sind die Entscheidenden verantwortlich. Entscheidung setzt nicht nur Wahlmöglichkeiten, sondern auch Wahlbereitschaft und die Fähigkeit voraus, sich in Verantwortung für die Folgen auf etwas festzulegen. Darin besteht unsere Freiheit. Wir können, mögen, dürfen – und sollen. So affirmieren wir unsere Würde als einmalige und einzigartige Personen (Riedel, 2024). Die Befristung der Zeit verweist auch auf das Ende der persönlichen und der historischen Zeit und fordert jede und jeden von uns auf, in Würde unsere Zeit zu leben. In der Zeit entspannt sich der Lebensraum, indem gelebt und erlebt werden kann. Wirklich „kann“: Im Frieden wird dieses Leben in Würde gefördert; denn der Friede kann und das Leben wird enden. Gewalt erzwingt die Würde, um bis zum Ende der Frist zu überleben. Immer entscheidet der einzelne Mensch, ob er, was er kann, auch mag; ob er sich im Vertrauen auf ein Sollen und Dürfen gegen die Hindernisse sinnvoll durchsetzt. Wir Menschen leben in einer befristeten Zeit. Ein anderes Leben haben wir nicht.

Die befristete Zeit braucht den Menschen, der sie lebt. Wird die Zeit entfristet, wird der Mensch alsbald überflüssig. Eines bleibt, ob wir es so sehen wollen oder auch nicht: Es sind wir, die entscheiden, ob die Zeit unser Lebensraum bleibt. Ob wir also aus kritischen Motiven heraus, das Unbequeme, weil Unangepasste, wählen – oder uns in der Meinung, dass dabei wenigstens etwas für uns abfällt, den destruktiven Kräften anpassen. Apokalyptisches Denken fordert Entscheidung. Deshalb bitte ich um mehr Apokalypse für dieses Jahr.

Quellen:

Andree, M. (2026): Nachruf auf den Liberalismus, in: https://www.sueddeutsche.de/kultur/liberalismus-monopole-tech-oligarchie-usa-gegenwehr-li.3359403

Illouz, E. (2025): Der 8. Oktober (2. Aufl.). Suhrkamp

Metz, J.B. (2017): „Der gefährliche Christus – oder Vermutungen über eine Unterbrechung der Moderne (1985), in: ders.: Gott in Zeit. Gesammelte Schriften, Band 5. Herder, S. 97 – 105

Riedel, C. (2024): Menschsein im Sterben. Menschenbild, Würde und Logotherapie in der Palliative Care. Hogrefe

Riedel, C. (2025): Verletzbarkeit und Würde, in: Das Jahresheft. Praxis Palliative Care / Demenz Nr. 17 (2025), S. 26 – 29

Metaxy und Moira

Der Bozner Skulpturenkünstler Andrea Bianco fordert die jeweiligen Neubesitzer eines Werkes auf, den Figuren Namen zu geben. Metaxy benannte ich die Tonskulptur in ihrer abstrakten, dennoch klaren Form. Ihre beiden asymmetrischen „Flügel“ begrenzen den Binnenraum der Skulptur, in dem sie den umgebenden Raum unterbrechen. Nicht hart, nicht schneidend. Dafür sind sie zu abgerundet und in leichtem Schwung geformt. Geschmeidig bergen sie den Innenraum, der durch ihre Auffaltung entsteht. Die Figur symbolisiert mir ein Dazwischen, das immer offen ist für die Vermittlung. Es erinnert mich an die Funktion des „Metaxy“ bei Aristoteles, das vermittelnde und zugleich unterscheidende Zwischen von Denken und Sein. 

Die zweite Figur stellt eine Frau dar. Sie ist in anthrazit glasiertem Ton gestaltet. Ihr Gesicht hat Gestalt, ohne ausgestaltet zu sein. Das dem Oberkörper eng anliegende Kleid faltet sich nach unten aus. Sie wirkt auf mich unnahbar und undurchdringlich. Mit ihrer Präsenz nimmt sie den Raum ein, so als schieden sich an ihr die Geister. Ich habe sie Moira genannt, das Schicksalhafte.

Für mich passen beide Figuren, Metaxy und Moira, zu den kommenden Tagen „zwischen“ den Jahren. Diese Tage, dem vergehenden Jahr zugehörend, wirken wie eine Zwischenzeit zwischen schon gelebtem und erlebtem vergangenen und dem auf mich zukommenden Jahr. Sie bilden zwischen den Zeiten der Jahre eine Eigenzeit und einen Eigenraum – wie Metaxy es intendiert. In jenen präsentiert sich Moira. Was war das Geschickte in der gerade vergehenden Zeit? Was schickt sich für das nächste Jahr an? 

Noch wichtiger sind für mich die Fragen: Wie bin ich dem Geschick der Zeit 2025 nachgekommen? Konnte ich das, was mich sinnvoll anging, von dem, was keine Aufgabe für mich war, unterscheiden? Setzte ich meine Energie so ein, dass ich mich den Aufgaben meistenteils gewachsen fühlte? Hatte ich den Mut, das ergebnislos Mühevolle auch sein zu lassen, weil es sich als sinnwidrig erwies? Öffnete ich mich dem Genuss, der sich mir anbot? War ich bereit für solidarisches Engagement? Und im Blick auf die kommende Zeit 2026: Wer kann ich noch sein? Welche Aufgaben warten erneut oder neu und überraschend auf mich? Was kann ich getrost im Sein ruhen lassen, wohin ich es überantwortet habe? Wie will ich die Zwischenzeiten und -räume nutzen? Wofür?

Die Beschäftigung mit solchen Bilanzfragen braucht diese Zwischenzeit und den geschützten Zwischenraum. Die Weihnachtsfeiertage lassen viele Menschen aus der Zeit fallen. Manche können sich das sogar bis Neujahr gönnen. Die Tage „zwischen den Jahren“ halten Zeit vor, die abgeschirmt wirkt von den drängenden Themen des persönlichen und des öffentlichen Lebens. Sie laden ein, über die großen Lebenslinien nachzudenken, wie ich sie in den Fragen des vorangehenden Abschnitts skizzierte. Wir können Moira hinterfragen. Nicht alles Geschick ist auch Schicksal. Manches am Geschickten hängt nach, weil ich die Aufgabe darin, den Anruf an mich nicht, verzerrt, unvollständig wahrnahm. Oder ich wollte einfach nicht eingehen auf das, was mich da ansprach. Manches ist schicksalshaft in seiner unveränderbaren Gegebenheit. Ich bin damit, zuweilen auch unerwartet, konfrontiert. Den unveränderbaren Fakten bleibe ich dennoch nicht ausgeliefert, auch wenn ich nur eines ändern kann: meine Einstellung zu ihnen. Wie ich dem Unveränderbaren im Leben begegne, ist das vermeidend, abwehrend, ergeben?  Mag ich eher in weiser Abwägung und Reflexion einen Weg gestalten und das Leben samt nicht dem ignorierbaren Geschick darin weiterführen. Frei bin ich darin, mich zu entscheiden. Manchmal nur noch in sehr engen Grenzen frei. Hier begegne ich wieder Metaxy, dem Zwischenraum, der offen genug ist, sich auch in Bedrängnis aufrecht zu erhalten.

Der Moira werde ich auch in 2026 nicht entkommen. Ihr Horizont ist ja schon angedeutet oder gar ausschraffiert. Deshalb – und das ist die Kraft der Skulptur, die ich Metaxy nannte, – braucht es die Pflege dieser Zwischenräume und Nischen. Sie ermöglichen den Rückzug, um im weisen Erwägen und abgeschirmt von der Unmittelbarkeit des Drängenden sich zu sammeln und zu orientieren.

Die Bilder sind meine Fotos der beiden Skulpturen Metaxy und Moira des Künstlers Andrea Bianco, Bolzano/IT (https://www.biancoandrea.com/), die mich seit einigen Jahren begleiten.

Das Wort ist der Anfang.

„Im Anfang war das Wort. … Alles wurde dadurch, und außerhalb dessen wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Dunkelheit und die Dunkelheit nahm es nicht auf.“ (Joh 1, 1a; 3 – 5)

Ein gegenwärtiger Text, gut 2000 Jahre alt. Er stellt die Macht des Wortes geradezu aus. Das Wort steht als Anfang von allem. Im Wort ist das Leben, das der Menschen Licht ist. Dieses Licht leuchtet in das Dunkle. Das Dunkle nahm es nicht auf. Damit beginnt die Reflexion. Doch der Reihe nach.

Unser Leben geht auf das Wort zurück, behauptet der Text: Im Anfang war das Wort. Es bezeichnet wohl schon immer das, was ist. Genaueres erfahren wir nicht. Wir müssen die Auslassungspunkte füllen. Da steht: „und das Wort war auf Gott zu, und Gott war das Wort. Es war im Anfang auf Gott hin.“ (Joh 1, 1b – 2) Wollte der Autor das Wort bestimmen, fiel ihm nur der Gottesbezug ein. Das Wort war auf Gott hin; es steht also in Relation zu Gott, der das Wort ist. Wenn Gott im Anfang ist, was heißt das für das Wort? Jedenfalls steht es in Beziehung zu Gott – und Gott, der das Wort ist, in einer Beziehung zum Wort. Gott und Wort referieren aufeinander; sie sind für einander wie austauschbare Bezugspunkte. Eine Tautologie. Sind wir damit weiter? Die Anfangsverhältnisse, die nicht gleich Ursprungsverhältnisse sind, sind hier nicht zu klären. Mich interessieren die Folgen.

Dem Wort, gleichgültig woher, weil selbstbezüglich, tautologisch, eignet Macht. Denn durch das Wort wurde alles Vorfindliche. Nichts Vorfindliches lässt es aus. Was vorgefunden wird, ist Leben. Nicht „das“ Leben, sondern abstrakt: Leben. Wort und Leben stehen zu einander in einer schöpferischen Beziehung. Leben ist ohne Wort weder denkbar noch real. Die ganze Überlegung erinnert an die Textidee der französischen Philosophie in Anschluss an Jacques Derrida (1930 – 2004). Alles ist Text, gefügtes Wort – ohne ein Subjekt angeben zu können, das den Text gestaltet, und ohne eine Bedeutung angeben zu können, auf die der Text referiert. Der Text entfaltet seine Bedeutung im Akt der Interpretation, die seiner Struktur, seiner Grammatik, seinen Spielregeln nachgeht. Ziel ist das Aufspüren der Macht, die sich im Text chiffrierte. Wer den Text versteht, versteht Macht, die, mit einem Blick auf den Johannestext, mit Leben zu tun hat. Versteht also, wer den Text versteht, Macht und Leben? Hier hielt die philosophische Theorie des Textes an. Der biblische Text geht weiter.

Leben ist das Licht der Menschen, das in der Dunkelheit leuchtet. Jene nimmt es nicht auf. Wenn sie das Licht nicht aufnimmt, reflektiert sie es dann? Bleibt das Leuchten des Lichts dem Dunklen äußerlich? Das Leuchten vermag die Dunkelheit nicht aufzuhellen. Es wirft sich auf das Dunkle, dringt nicht ein. Wird es zurückgeworfen, reflektiert? Reflektiert das Licht in seinem Leuchten, wenn schon nicht die Dunkelheit, dann sich selbst? Wird das Licht sich so seiner Wirkung, seines Leuchtens bewusst? Erfasst es in der Reflexion sich selbst als Leben? Ist das Licht eine Äußerung des Lebens und das Leuchten die reflektierende Wirkung des Lichts? Sind also Leben und Reflexion aufeinander bezogen? Dieser Bezug ergibt sich im Wort. Damit erhellt sich zumindest, worin die Macht des Wortes besteht: Leben und Reflexion in eine Beziehung zu einander zu bringen.

Wie wirkt es sich auf die Macht des Wortes aus, womit ich den Johannestext verlasse, wenn das Wort zunehmend durch das Bild ersetzt wird? Das Merkmal der Gegenwart besteht nicht im ausdrucksvollen Bild. Jenes kannten und schätzen alle Kulturen, in denen Bilder zugelassen sind. Bild und Wort blieben darin auf einander bezogen. Die Macht des Wortes drückt sich im Bild aus. Ob in antiken Zeus-Bildnissen, in gotischen Kreuzigungsdarstellungen, in den Porträts der Renaissance oder in barocken Residenzbildern bis hin zu expressionistischen und dadaistischen Bildern: sie erzählen von der Macht des Wortes, zuweilen von der des schwindenden Wortes. 

Heute sind wir mit anderem konfrontiert: das Bild ist noch im besten Fall die überkonturierte Ablichtung eines Geschehens. Im schlechten Fall wird es zum Fake, zur möglichst verwechslungsechten Vorspiegelung der Realität in der Pose. Dabei vollzieht sich psychologisch gesehen eine erstaunliche Umkehrung: die Realität gleicht sich dem gefakten Bild an. Es scheint so, dass Influencer*innen sich aus dem Fake, den sie von sich machen, kaum mehr befreien können. Dass Politiker*innen den eigenen Wahlkampfbildern entsprechen müssen. Dass Bilder die Ereignisse ersetzen, wie wir es in der hybriden Kriegsführung erleben. Das Bild wird mächtiger als die Realität, indem es sich der Wirklichkeit durch Inszenierung bemächtigt. Das inszenierte Selfi ersetzt das Ich- oder Wir-Sagen. Es erzählt nicht, dass und wie ich in einem Ereignis bin. Es zeigt mich in der eigenen Pose, die die Objektivität der Szene überlagert. Die diskursive oder erzählende Macht des Wortes wird durch die Inszenierung im Bild überboten. Das Wort degeneriert zum zahnlosen Kommentar des Bildes, das durch die täuschend echtheitsnahe Inszenierung des erwünschten Interesses mit beeindruckender Macht aufgeladen wird. Was sollen noch Worte, wo Tatsachen durch Bilder ersetzt werden, wo rationale Argumentationen durch die affektierte Schlagkraft der Bilder überboten werden. Reflexion wird im Bild zur Ideologie oder Propaganda, kritischer Diskurs durch Bildergalerien entwertet. 

Wem trauen wir mehr? Dem Bild oder dem Wort? Trauen wir dem Wort noch Information, Nachdenklichkeit, Emotionalität zu? Oder trauen immer mehr Menschen den Bildern? Es ist ja längst nicht mehr „das“ Bild. Es sind die zahllosen Bilder, die Stimmungen statt Informationen transportieren, die affektierte Meinungen statt abwägender Gedanken anregen. Auch die Bilderflut hat Methode. Denn Bilder überfluten das eine, starke Bild, das ein Wort hervorruft oder unterstreicht. Sie ersetzen das „Wertvolle durch das Vielfache“ (C. Riedel) und machen so die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Abbildung, zwischen Tatsache und Meinung, zwischen Argument und ideologischer Pose zunehmend schwerer.

Vertrauen braucht das Wort. Es beruht auf der einfühlenden Wahrnehmung in einen Menschen und dessen Lebenswelt. Es lebt von der „Kultur der Wortfindung“ (U. Böschemeyer), in der behutsam erwogen ausgesprochen wird, was Vertrauen stiftet. Das Wort, die Sprache bildet den Raum der Würde, in der Menschen verbunden sind und durch die das Vertrauen zueinander gestiftet und gehalten wird. Sprache drückt in Worten aus, dass wir alle verletzbar sind, endliche Menschen, denen Fehleinschätzungen unterlaufen können, die wieder mit Worten geklärt werden können. Wenn einmal Wort gegen Wort steht, bleibt immer noch der Diskurs, der Austausch, die vertrauensvolle Versicherung der Aufrichtigkeit und der Wahrhaftigkeit – oder die stumme Nachdenklichkeit. In jener bereitet sich das Wort vor, bei dem wir Menschen dann einander nehmen. Wir nehmen uns beim Wort, nicht beim Bild. In Worten versprechen wir einander, mit der Wahrhaftigkeit ernst zu machen. In Worten bezeugen wir unsere Liebe und unsere Liebenswürdigkeit. Auf das Wort sind wir verwiesen, wenn wir uns vereinbaren. 

Verlassen wir uns in der Verbundenheit und Intimität vor allem auf Bilder, dann verlassen wir den Raum des Menschlichen und der Würde. Das Leben ist auf die Macht des Wortes verwiesen. Die Quellkulturen der hebräischen Bibel wussten von dieser Macht: Gott sprach und es wurde. Der griechisch geprägte Kulturraum des Neuen Testamentes vertraute der Macht des Wortes. Die neuzeitliche Aufklärung und die moderne kritische Kommunikationstheorie erst recht. Machen wir den Anfang mit dem Wort und erhalten so unsere würdevolle Macht inmitten der Bilderfluten, die das Wirkliche relativieren und den Menschen zur Pose, wenn nicht zur Posse machen.

Die Idee zu diesem Blog verdanke ich Gerhard Busch.

Im Blog greife ich zudem Texte auf, die ich im aktuellen Jahresheft der Zeitschriften Praxis Palliative Care / Demenz Nr. 17 (2025) veröffentliche.

Der Triumph der Mörder über das unschuldige Opfer

Max Horkheimer, der Mitbegründer der Frankfurter Schule, sprach in einem 1970 veröffentlichten Interview von „einer Sehnsucht danach, daß der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge“ (Horkheimer, 1970, S. 60). Mit dem 28-Punkte-Plan, der heute veröffentlicht wurde (Süddeutsche Zeitung, 22.11.2025), triumphiert der Mörder über das unschuldige Opfer. Wider die Sehnsucht steht ein weithin rechtswidriges und in keinem wesentlichen Punkt zu Ende gedachtes Kontra. Der Plan ist ein desaströser Text, in dem Putin seine (nicht einmal erreichten) Mindestkriegsziele per Dekret (Nr. 21: Anerkennung von Krim und des ganzen Donbass als russisches Gebiet; Nr. 19: nicht näher bezifferte Stromanteile aus Saporischja für Russland) festschreiben lässt. Ein demütigender Text, der der Ukraine den Beitrittsausschluss zur Nato als Verfassungselement, die Größe der Armee, die Atomwaffenfreiheit diktiert. Ein entwürdigender Text, der der Ukraine „erlaubt“, der EU beizutreten (Nr. 11), nach 100 Tagen Wahlen festlegt (Nr. 25) und eine Amnestie für alle Kriegsbeteiligten (Nr. 26) festschreibt, also auch vollumfänglich für die russischen Aggressoren und deren Verantwortungsträger!

Welcher Staat wird die Ukraine sein, wenn sie diesen 28 Punkten zustimmt?

Ein Staat von Gnaden einer (Noch-)Weltmacht und einer Begierde-Weltmacht, die der grundlose Aggressor im Krieg ist. Ein Staat, dem inzwischen fast vier Jahre lang ein Krieg aufgezwungen wurde, der das Völkerrecht (UN-Charta von 1946) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 ignoriert, der sich über das Kriegsrecht (Genfer Konventionen von  1824, 1929, 1949) hinwegsetzt. 

Die Ukraine wird ein Staat sein, der seine Souveränität nicht mehr wahrnehmen kann. Denn eingeschränkte Souveränität ist begrifflich gesehen keine Souveränität mehr. Sie ist Abhängigkeit, die die Unterwerfung unter einen Vertrag für einen Waffenstillstand voraussetzt, der dem Angreifer Rechte gibt und dem Angegriffenen Rechte nimmt. 

Die Ukraine wird zu einem Staat, der in den Verhandlungen über einen Frieden einfachhin übergangen wurde, für dessen Bruch mit der Folge eines ins Land getragenen Krieges durch Putins Russland er nicht der verantwortliche, sondern der erleidende war. Die Ukraine wird zu einem Staat, dem staatserhaltende Schritte wie die Natomitgliedschaft unter Einwirkung auf das Souveränitätsrecht der Verfassungsgestaltung verboten oder wie die EU-Mitgliedschaft von Dritten erlaubt werden, die sich per Diktat zu Siegern im Krieg (Russland) und zur Dekretierungsinstanz (USA) erklären. Die Ukraine wird zu einem Staat, für dessen Waffenstillstand, der längst kein Frieden ist, nicht die Völkergemeinschaft, keine Regierung, sondern der Vorsitzende eines „Friedensrates“, nämlich Präsident Trump (Nr 27) garantiert. Die Ukraine wird zu einem Staat, der nicht mehr zur Gänze über seine Energieversorgung, seine Ökonomie und seinen militärischen Schutz entscheiden und bestimmen kann.

Würden Sie, würden wir in einem solchen Staat leben wollen, dessen Betroffenheit durch einen ungewollten, aber aufgezwungenen Krieg, den er nicht einmal verloren hat, vom Kriegsverursacher willkürlich festgeschrieben wird?

Würden wir in einem Staat leben wollen, dem seine Souveränität abdekretiert wird, ohne dass er souverän entscheiden kann, wieviel Autonomie er z.B. an die EU, an die Nato freiwillig und aus Staatsraison abtritt oder behält?

Die wichtigste Frage zuletzt:

Was bedeutet der 28-Punkte-Plan für die Demokratie in der Ukraine? Wie kann eine Demokratie sich erhalten und entfalten, wenn es dem Souverän, den Bürger*innen der Ukraine, nur noch in Teilen erlaubt ist, selbstbestimmt und autonom zu entscheiden? Wie verändert sich die Demokratie, wenn der Souverän erkennen muss, dass er zwar Souverän ist, aber keine souveränen Akte mehr vollziehen kann?

Der 28-Punkte-Plan, betrachtet man nur die die Ukraine unmittelbar betreffenden Aussagen und Dekretierungen, demütigt die Ukraine, ihre Bürger*innen und die durch jene demokratisch legitimierte Regierung. Er spricht den Bürger*innen die Würde ab, sich als Staat frei, selbstbestimmt und verantwortlich vor dem Menschenrecht und dem Völkerrecht, zu gestalten. Er nimmt damit den Ukrainer*innen im Letzten das Recht, vollwertige Weltbürger*innen zu sein.

Quellen:

Horkheimer, M. (1970): Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Ein Interview. Furche-Verlag

https://www.sueddeutsche.de/politik/friedensplan-ukraine-usa-russland-trump-28-punkte-li.334