Klang gewordene Weisheit

Platon äußerte sich ambivalent zur Musik. Die Begleitmusik, die den rhapsodischen Vortrag eines Epos unterlegt, erscheint ihm als „Gemischtes“ (Pol 397 d), nur als Nachahmung des „Tugendhaften, des Ungemischten“ (ebd.). Hingegen „Wohlberedtheit und Wohlklang und Wohlanständigkeit und Wohlgemessenheit, alles folgt der Wohlgesinntheit und Güte der Seele, … dem wahrhaft gut und schön der Gesinnung nach geordneten Gemüt“ (Pol 400 b-c). Reine Musik gehört in den Kontext der Idee des Guten und Schönen.

Im Nachklang des Konzertabends in der Berliner Philharmonie, den ich am 25. April in der Digital Concerthall miterleben durfte, fielen mir Platons Aussagen zur reinen Musik ein. Die Berliner Philharmoniker musizierten unter dem Dirigat von Herbert Blomstedt (*1927) Anton Bruckners 7. Sinfonie in E-Dur. Der Dirigent führte vor der Ausstrahlung kurz in seine Sicht des Werkes ein. Er erläuterte, weshalb er den ersten Satz (Allegro moderato) zügiger nehme als viele seiner Kolleg*innen. Der Satz ist zwar im 4/4 – Takt notiert, allerdings von Bruckner selbst mit dem Hinweis „Alla breve“ versehen, sei also in der halben Taktzeit und damit schneller zu spielen. Das darauffolgende Adagio bezeichnete er, der Tradition folgend, als den ausladendsten Satz, das Herzstück der Sinfonie. Bruckner komponierte den Satz unter dem Eindruck der Nachricht vom Tod Richard Wagners. Bruckner, referierte H. Blomstedt, habe Wagner vor allem deshalb bewundert, weil er soviel erfolgreicher mit seinen Kompositionen war als er selbst. Von Wagner übernimmt er für seine 7. Sinfonie die sog. „Wagner-Tuben“, hornartige Instrumente. Sie fügen der Komposition weiche, tragende tiefe Alt- oder Baritonstimmen hinzu. Der Dirigent sang in seiner Einführung alle Themen der vier sinfonischen Sätze vor, so dass die gewaltige Komposition gut nachvollziehbar wurde.

Zum ersten Mal hörte ich, ein spätberufener Hörer von Bruckners Musik, diese nahegehende, mich tief berührende Sinfonie. Sie beginnt im ersten Satz mit sehr leisen Streicherstimmen, aus denen heraus sich das erste Thema, eine wundervolle Melodie herausschält, die sich später mit zwei weiteren Themen verbindet. Fast terassendynamisch schichten sich die verschiedenen Orchesterstimmen übereinander und entfalten ein konzises und inniges Fortissimo, aus dem sie sich immer wieder lösen, um den Schlussakkord zu formen, der das Bild einer Landschaft in der Abendsonne erweckt. H. Blomstedt gab sich und seinem Orchester Zeit, bevor er den zweiten Satz anstimmte. 

Das Adagio (cis-moll) ist mit Worten nur schwer beschreibbar. Aus der Stimmenfülle, die das thematische Motiv vielfältig erklingen lässt, blitzen immer wieder einzelne Nebenmotive der Solo-Querflöte, Solo-Klarinette und des Solo-Horns wie Einwürfe im musikalischen Gesamtgeschehen auf, von den Solisten der „Berliner“ inspirierend und variantenreich musiziert. Immer wieder wärmen die Wagner-Tuben das Hauptmotiv. Das „Blech“ und die Streichergruppen führen spannende Dialoge, die das Thema differenzieren, variieren, wieder auf sich zurückführen. Langsam konnte ich verstehen, dass der Satz über viele Takte hin einer klanglichen Mitte zustrebt, in der die ganze orchestrale Energie in einem durch einen Beckenschlag unterstützten strahlenden C-Dur-Klang sich „ballt“. Wirkte, was ich hörte, wirklich wie eine „Ballung“?

Eher erscheint das Fortissmimo wie der architektonische Wendepunkt des Adagio-Satzes. Es ist eine Verdichtung, deren Energie weniger durch forcierte orchestrale Lautstärke als durch höchste Intensität des Tons erzielt wurde. Spätestens jetzt wandelten die Philharmoniker ihren elegant leuchtenden Klang zu einem beseelten Ton, dem die verschiedenen Stimmgruppen durch alle Register hindurch berührende Schattierungen zu geben vermochten. Als der Dirigent den letzten Akkord abwinkte und das Orchester auf seine unnachahmliche Weise den Ton ansatzlos wegfallen ließ, empfand ich es als schade, dass die wunderbare Musik des Adagio jetzt schon, nach fast einer halben Stunde, endete. H. Blomstedt sank auf die Bank zurück, von der aus er dirigierte, seine Augen schlossen sich und er gab so dem Nachklang stillen Raum, um dann mit blitzenden Augen das rhythmische Scherzo-Motiv zu intonieren, das sich durch diesen kompakten Satz wie eine Orientierungslinie hindurchzieht. Sogar die Pauke stellte das Motiv solistisch aus. Exquisit, wie der Solotrompeter des Abends das Thema des Scherzos, fast jazzhaft, immer wieder einstreute. 

Überhaupt das Beiläufige in all der ernsten Dichte dieser Sinfonie überraschte so meisterhaft, manchmal salopp, dann wieder akzentuierend oder auch nur von Ferne untermalend gespielt. Alles hatte seine Zeit. Nichts wurde forciert, jedes Motiv, jedes Seitenthema durfte sich in der Beziehung zum kompositorischen Gefüge entwickeln. Wunderschön heiterte das den letzten Satz mit der eigenwilligen Tempobezeichnung „Bewegt, doch nicht schnell“ immer wieder auf. Und hier erklingt dann, diesmal in den überaus feinsinnig und sonor zugleich musizierenden Streicherstimmen, ein Bruckner-Choral. Das alles zielt, von H. Blomstedt feinnervig weitergeführt auf den Abschluss der Sinfonie hin, den das Orchester und der Dirigent in kunstvoller Klangdramaturgie mächtig in den Raum stellten, um dann den letzten Ton einfach wegfallen zu lassen, so dass er im Hörenden weiterklingt. Dafür spannte H. Blomstedt den Raum auf, indem er langsam, als habe er in diesem Augenblick alle Zeit der Welt, seinen rechten Arm absinken lässt, eine lautlose Fermate dirigierend.

Welcher Weisheit bedarf es, um dieses gewaltige Werk in höchstem Lebensalter, mit 99 Jahren, aufzuführen? H. Blomstedt und die Berliner Philharmoniker musizierten diese Sinfonie in beseelter Harmonie. Harmonie setzt voraus, dass unterschiedliche Gedanken, Stimmungen und Stimmen zusammenklingen können. Dabei darf jede Stimme ihre Individualität behalten, soll dies auch, damit der Zusammenklang reicher wird als der Einklang. Harmonie entsteht im Hören der einzelnen Stimmen aufeinander, worin jede und jeder sich mit der, dem anderen abstimmt. Die Musiker*innen miteinander und die Zuhörer*innen mit der Musik und den Aufführenden. Dafür bedarf es eines weiten, freien Raumes. Der Musiker H. Blomstedt vermag es, Räume für die Harmonie zu öffnen und offen zu halten, ohne Druck, jedoch mit intensiver Spannung. Er deutet die Möglichkeiten an, die Harmonien zu gestalten, auch wenn ihnen, wie bei Bruckner eher selten, Disharmonisches vorausgeht. H. Blomstedt weiß, was die Orchestermusiker*innen immer wieder brauchen, um nichts zu setzen, dafür alles ständig zu entwickeln: aufmerksame Offenheit füreinander im musikalischen Handeln und Verbundenheit in der musikalischen Idee, Vertrauen in ihre Handwerklichkeit und zugleich die artistische Kreativität. Blomstedts persönliche Weisheit erschließt den Musiker*innen, mit denen er arbeitet und auftritt, dieses Beseeltsein, das auch die erreicht, die im Hören die entstehende Komposition erleben. Daniel Levitin, Neurowissenschaftler und Musiker, pointiert dies so: „Music‘s social and communal aspects can also impact mental health.“ (Levitin, 2024, S. 166) Oder wie es H. Blomstedt in seiner Konzerteinführung in etwa sagte: Diese Musik wird Ihrer Seele gut tun.

Literatur:

Holland, D. (1987): Anton Bruckner. Sinfonie Nr. 7 E-dur (1881 – 1883), in: Csampai, A. & Holland, D.: Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Rowohlt, S. 488 – 491

Platon (1971, übs. F. Schleiermacher): Politeia. Der Staat. Werke. 4. Band. Wiss. Buchgesellschaft

Levitin, D. (2024): Music as Medicine. How We Can Harness Its Therapeutic Power. Penguin/Randomhouse