Einmal wieder setzte meine Lebenspartnerin das Thema für einen Blogbeitrag: Wilde Gefilde. Meine erste Idee dazu, einen politischen Text zu schreiben, fand sie nicht gut. Also begebe ich mich in Gefilde, die mindestens so wild wirken wie die derzeitige politische Lage. Welches kulturelle Selbstverständnis haben wir gerade?
Andreas Sommer, Philosoph an der Universität Freiburg, entwickelt folgenden Begriff von Kultur: „Kultur ist das, womit Menschen sich in der Welt möglich machen. Wodurch sie sich in der Welt möglich machen. Wie sie sich in der Welt möglich machen.“ (Sommer, 2023, S. 21; kursiv i.O.) Auf „unsere“ gegenwärtige Kultur angewendet hält er fest: „Ganz offensichtlich stellt sie keine organische Einheit dar, kein sich und gegen außen abgeschlossenes Ganzes.“ (a.a.O.) Die Kultur in Deutschland erscheint nicht als Nationalkultur, die sich eindeutig abgrenzt von anderen Kulturen und ihr Eigenes in klaren Konturen zeigt. „Vielmehr“, so schreibt Sommer weiter, „ist diese Kultur – die Kultur der modernen liberalen, mitunter etwas halb fertig wirkenden Demokratien – gerade diejenige, in der sich die Womits, die Wodurchs und die Wies, sich in der Welt möglich zu machen, unablässig vervielfältigt haben und weiter vervielfältigen.“ (Sommer, 2023, S. 22)
Auf die Lebensweltbeziehung des Menschen geblickt ist Kultur Vermittlung, nicht nur Mittelbarkeit, ein Mittleres zwischen Mensch und Natur, wie es Sommer sieht. In der Kultur vermittelt sich der Mensch so mit der Welt, dass er jene als seine Lebenswelt definiert. Aus dem Weltganzen grenzt er die Welt, in der er lebt, die er mitgestaltet und sich ihr insofern anverwandelt, ein. Im Weltganzen fühlte er sich als Einzelner verloren. Wir erleben dies schwundstufenhaft als Globalisierungsangst. Das Weltganze, das ja mehr als die ganze Wirtschaft, die ganze Medialität, selbst die ganze Erde ist, dessen Dimension das Kosmische ist, erscheint dem Einzelnen unübersichtlich. Wo Übersicht fehlt, kann der Mensch keine Ordnung herstellen. Ohne Ordnung sind kognitives Erkennen (Womit), hermeneutisches Verstehen (Wodurch) und modellierende Resonanz (Wie) kaum möglich. Diese Werkzeuge spannen die Lebenswelt des Menschen als dessen kulturellen Raum auf. Sprache, Text, Kunst, Gesetz, Regel, Modell, Wissenschaft, Recht entfalten die kulturelle Anverwandlung der Lebenswelt durch den Menschen.
Die Gegenwartskultur ist durch neue Lerngeschichten geprägt. Jürgen Habermas (1929 – 2026) beschrieb einen der Lernprozesse als „Perspektivenwechsel vom Beobachter zum Teilnehmer“ (Habermas, 2019/II, S. 777). Damit deutet sich das veränderte Selbstverstehen des Menschen als Kulturarbeitenden an. Er ist nicht mehr, wie in der Aufklärung, Beobachtender der Lebenswelt, indem er in Naturwissenschaft, Soziologie, Philosophie, literarischer und bildender Kunst Modelle, technische Rekonstruktionen, Abbilder der Lebenswelt erschafft. Der Mensch lernt sich in der Moderne als Teilnehmer zu sehen. Er muss sich mit den Wirkungen in und den Folgen für die Lebenswelt auseinandersetzen. Er erkennt die zunehmende Ambivalenz des kreativen Beobachters und des verantwortlichen Teilnehmers an den problematischen Veränderungen der Lebenswelt, die auf ihn als Teilnehmenden zurückwirken.
Darin erschließt sich eine zweite Lerngeschichte. Der Mensch erkennt sich als Teilhaber des Prozesses, in dem er sich Freiräume der Lebensweltgestaltung erschlossen hat. Zugleich wird er mit den Wirkungen der Freiheit konfrontiert: Klima, Umwelt, Ressourcen sind schwerstens bedroht. Menschen gefährden ihre Lebenswelt. Soziale Katastrophen wie Hunger, wachsende Asymmetrie der Besitzenden und Bedürftigen, völkerrechtswidrige Kriege, vertreiben dieselben Menschen, die im kulturellen Prozess sich der Lebenswelt anverwandeln wollen, aus der Lebenswelt. Darin dürfte ein systemischer Hintergrund der weltweiten Migration liegen. Deutet sich darin eine erweiternde Dimension des kulturellen Vermittlungsprozesses an? Erleben wir in den Migrationsbewegungen eine neue kulturelle Kreativität dergestalt, dass Menschen durch die Lebensweltbedrohung sich veranlasst sehen, vom Beobachterstatus zur Teilnahme überzugehen – mit dem Ziel, selbst zum Teilhabenden zu werden?
Eine dritte Lerngeschichte deutet sich an, das Umdenken von einer Kultur des Machens zu einer Kultur der Verletzbarkeit. Zwei Schritte initiieren diesen neuen kulturellen Prozess: „Wir brauchen umfassende Einsicht in menschliche Verletzbarkeiten. Und unsere Gesellschaft wird nur dann stark, wenn sie die Verletzbarkeiten von Menschen anerkennt.“ (Schmitz, 2025, S. 158) Weil unsere Lebenswelt eben nicht nur die kulturell vermittelte menschliche ist, sondern sich als in das Weltganze eingefügt erkennt, bedarf es eines zweiten Schrittes: Wir werden die Verletzbarkeit dieses Eingefügtseins erkennen müssen. Durch unser einseitiges Selbstbild als Machende, die vergessen Teilhabende und insofern auch Verantwortliche zu sein, gerät das Weltbild in Gefahr. Wir blähen unser Selbstbild so weit auf, dass das Weltbild dahinter nicht mehr sichtbar ist. Wir setzen unsere kulturelle Lebenswelt absolut und ignorieren so die Welt als Ganze, für die wir uns gerade als Beobachtende oder vielleicht schon auf der Schwelle zum Teilnehmenden in Position bringen. Eva Illouz schlägt als unbewusstes Motiv für diesen Prozess die Angst vor. Und verweist auf eine – inzwischen überlesene – Behauptung der Kritischen Theorie, nämlich „dass der Antrieb hinter der Aufklärung nicht im Willen bestand, mehr Macht durch Wissen zu erlangen, sondern in der Überwindung der Furcht selbst“ (Illouz, 2024, S. 228 f.).
Wilde Gefilde sind das. Wilde Gefilde führen zuweilen auf Irrwege, zu denen möglicherweise einige der eben entwickelten Gedanken gehören. Wilde Gefilde strotzen vor Kreativität, wie einige meiner Gedanken zeigen. Wilde Gefilde beschreiben das in der extentivst möglichen Form, was Andreas Sommer „die Ausweitung des Möglichkeitsraums“ (Sommer, 2023, S. 25) nennt. Darin verwirklicht sich die Dynamik des Kulturellen, das „das Denken in Alternativen möglich macht“ (Sommer, 2023, S. 24). Alternativen zum Etablierten enthalten Risiken, sonst wären sie keine echten Alternativen. Die Risiken erinnern uns nachdrücklich an die Verletzbarkeit der Welt, unserer Lebenswelt, unser als Menschen.
Danke, liebe Bettina, für deinen wunderbaren Impuls!
Quellen:
Habermas, J. (2019): Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 2. Suhrkamp
Illouz, E. (2024): Explosive Moderne (3. Aufl.). Suhrkamp
Schmitz, B. (2025): Offenheit und Berührbarkeit. Neue Wege zu Verletzbarkeiten und Resilienz. Reclam
Sommer, A. (2023): Entscheide Dich! Der Krieg und die Demokratie. Herder