Frieden und Krieg

Plädoyer für einen kritischen Pazifismus

Immer wieder gehen meine Gedanken zum Gesicht eines jungen Mannes in Mariupol zurück. Ein Pressebild zeigte ihn, wie er bleich, mit starren Augen, versteinert neben seinem Auto steht. Es ist voll beladen inmitten der Trümmer seines Wohnviertels. Es geht um das Leben. Um seines und wahrscheinlich das seiner Familie. Ob er weitergekommen ist? Ob ihm und vielleicht den Menschen, für die er sich verantwortlich fühlt, geholfen wurde? Ob sie den Angriffen des Krieges entkommen konnten? Ist er womöglich schon längst in den Kampf zurückgekehrt?

Im Unterschied zu ihm hatte ich einige Zeit, um nachzudenken. Ich verbrachte einige Tage im Krankenhaus mit der Sorge um mein Herz. Die Situation stellte sich weniger bedrohlich heraus, als es anfangs schien. Dennoch unterbrach sie mein Leben, die vermeintlich selbstverständliche Planbarkeit. Immer wieder sah ich, während ich auf Untersuchungen und Diagnosen wartete, das müde, erschöpfte Gesicht des jungen Mannes vor mir, wie zu einer Maske erstarrt. Der Krieg um ihn herum wird sich nicht als absehbar, die Schrecken, die sich in seinem Gesicht eingeschlossen haben, nicht als durch einige geeignete Maßnahmen linderbar herausstellen. Er muss begreifen, dass der grausame Griff des Krieges nach seinem bisherigen Leben andauern wird. Vielleicht lebt er schon nicht mehr. Getötet wie die Menschen in Butscha und in anderen Orten rund um Kiew, deren Hinrichtung uns alle entsetzt. Das Morden unbeteiligter Menschen, von denen jeder sein höchstpersönliches Leben hat, geht weiter. Putins Krieg verschärft die widermenschlichen Grausamkeiten. Und Selenskyis verzweifelter Friede lässt auf sich warten. Ist er überhaupt noch möglich?

Immanuel Kant (1724 – 1804) stellte im 6. „Präliminarartikel“ seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1796) als Bedingung der Möglichkeit für Frieden fest: „Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem anderen solche Feinseligkeiten erlauben, welche das gegenseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen … Denn irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes muß mitten im Kriege noch übrigbleiben, weil sonst kein Friede abgeschlossen werden könnte und die Feindseligkeiten in einen Ausrottungskrieg (bellum interceninum) ausschlagen würde“ (Kant, 1984, S. 11). 

Die Nachrichten und Bilder, die uns aus der Ukraine erreichen, lassen zunehmend daran zweifeln, ob seitens Russlands „irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes“ bleibt. Die Verurteilung und Abwertungen der Politiker in der Ukraine, die wahllose Vernichtung der Bevölkerung und des Lebensraumes durch das kriegführende Regime Putins erschaffen durch verlogene Proganda ein Bild der „Denkungsart“ der ukrainischen Gesellschaft, das Vertrauen weitestgehend unterminiert. 

Die „Denkungsart“ der ukrainischen Gesellschaft und Politik wird demgegenüber von Präsident Selenski und seiner Regierung, von den BürgermeisterInnen der schwer getroffenen Städte als europäisch, demokratisch und auf Rechtsstaatlichkeit gegründet ausgewiesen. Deren Äußerungen zielen auf „irgendein Vertrauen“ gegenüber dem russischen Regime trotz der unglaublichen und grotesken Verstöße gegen das Menschsein und dessen Würde. Verteidigung des Landes und vor allem der Freiheit, die Gestaltung von Gesellschaft und Politik selbst zu bestimmen, stehen bei allem im Vordergrund. Doch auch hier werden getötete Soldaten aufaddiert, werden zuweilen Vernichtungsphantasien gegenüber den russischen Streitkräften laut – und wird der Tod von vielen Menschen in Kauf genommen und als Preis der Freiheit vermarktet.

Kant hält in der Vorüberlegung zu den „Definitivartikeln“ seiner Schrift fest: „Der Friedenszustand unter den Menschen, ist kein Naturzustand (status naturalis), der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d.i. wenngleich nicht immer ein Ausbruch von Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit denselben. Er [der Friede] muß also gestiftet werden“ (Kant, 1984, S. 13 f.). Friede ist demnach nicht einfach die Abwesenheit von Feindseligkeiten, ist auch nicht der Verzicht auf Bedrohungen. Friede ist ein Zustand als Kategorie sui generis. Friede verfügt über eine dem Zustand eigene Form, die im Staatsbürgerrecht der Menschen, im Völkerrecht der Staaten und im Weltbürgerrecht aller Menschen gefasst ist (Kant, 1984, S. 14 Anm.). Eine Bedingung wirklichen – oder in Kants Formulierung „ewigen“ Friedens – ist das Recht des Einzelnen als Bürger, das Recht verfasster Staaten und als Apriori das Recht jedes Menschen als Mitglied der verfassten Menschengemeinschaft. 

Kann Friede also gestiftet werden, wenn Russland fortwährend Recht bricht? In dem es den ukrainischen Staat als nichtexistent betrachtet, bricht es Völkerrecht. Indem es Zivilisten unmittelbar persönlich angreift und tötet, setzt sich das kriegführende Regime auch über das „Weltbürgerrecht“ des Menschen hinweg. Immer mehr weicht ein noch irgendwie geartetes Vertrauen gegenüber dem Regime, das ja auch das Staatsbürgerrecht der eigenen Bevölkerung mit Füßen tritt, einem bedrohlichem Zutrauen, nämlich des Schlimmstmöglichen. Insofern ist wohl eine Waffenstillstandsvereinbarung als Schwundstufe eines Friedensschlusses das derzeit sinnvoll Anzielbare.

Friede ist das noch längst keiner. Friede ist „shalom“. Dieser hebräische Begriff  ist im Alten Testament zentral und zunächst nicht metaphysisch aufgeladen. Frieden gründet im Bund, der als Rechtsverhältnis formal „die stärkste Garantie für ein menschliches Gemeinschaftsverhältnis“ (v. Rad, 1969, S. 144) beschreibt. „Shalom bezeichnet nämlich die Unversehrtheit, die Ganzheit eines Gemeinschaftsverhältnisses, also einen Zustand harmonischen Gleichgewichtes, der Ausgewogenheit aller Ansprüche und Bedürfnisse zweier Partner. So will ein Bundesschluss einen Zustand der Intaktkeit, der Geordnetheit und Rechtheit zweier Parteien erzielen, um auf dieser Rechtsgrundlage eine Lebensgemeinschaft zwischen zwei Partnern zu ermöglichen.“ (v. Rad, 1969, S. 144) Friede bedeutet zum einen das formale Rechtsverhältnis der Harmonie. Jene darf nicht mit Monotonie verwechselt werden, dem Einklang. Harmonie ist Zusammenklang zwischen unterschiedlichen Stimmen, die sich im Prozess aufeinander abstimmen. Zum anderen ist Friede ein zwischenmenschlicher Akt, der sich in unablässigen Abstimmungsdiskursen vollzieht, um „Rechtheit“ zu erzielen. Er ist das gelebte Verhältnis der „Intaktheit“ und „Geordnetheit“ einer Gemeinschaft, die laut Kant als „allgemeiner Menschenstaat“ (Kant, 1984, S. 14 Anm.) sich entfaltet. Dazu gehören auch Akte der wiederkehrenden Friedensstiftung, wenn Leiden die Rechtheit, Intaktheit und Geordnetheit im „allgemeinen Menschenstaat“ unterbricht. 

Die „Kritische Theorie“ hat dafür eine philosophische Denkfigur entwickelt, die der Theologe Johann B. Metz (1928 – 2019) aufgreift: Er schreibt dem politischen Handeln das „Gedächtnis der Leidensgeschichte des Menschen“ (Metz, 1977, S. 92) ein. „Es verhindert ein rein technisches Verständnis von Freiheit und Frieden; es läßt keinen Frieden und keine Freiheit zu auf Kosten der verdrängten Leidensgeschichte anderer Völker und Gruppen.“ (Metz, 1977, S. 92) Das Leid ist immer das Leid einzelner Menschen und entwickelt sich zur Leidensgeschichte einer Gemeinschaft, in dem die unterschiedlichen Stimmen der Leidenden erhalten bleiben müssen. Die Erzählungen dieses Leides leben von den Erzählungen der Leidenden. Sie können „gefährlich-befreiende Geschichten“ (Metz, 1977, S. 96) werden, narrative Ermöglichungen des Friedensprozesses. 

Frieden beruht auf Stiftungshandeln aus der Erinnerung des Leides, so lassen sich Kant und die Kritische Theorie zusammendenken. Der Friedensprozess fordert ständige Abstimmungsdiskurse, in denen Menschen „Rechtheit, Intaktheit und Geordnetheit“ für die jeweilige Lage herstellen, wodurch sie ihr Gemeinschaftsverhältnis lebenswert erhalten. Frieden ist also auch im Sinne Kants ein kultureller Prozess, der von Unterbrechungen nicht verschont bleibt, in denen Leid erlebt wird. Die Erinnerung der Leiden schafft damit „Zukunftsgehalt“ (Metz, 1977, S. 94), die Ermöglichungsbedingung für Frieden. Das ist die wichtige Erweiterung, die die Kritische Philosophie des 20. Jhdts. vornimmt. 

Aus dieser Sicht heraus erscheint es mir falsch, den Pazifismus als Naivität abzuschreiben, wie das leider auch die Partei so eifrig tut, die sich auch als pazifistisches Projekt gegründet hat, die GRÜNEN. Vielleicht kann der andere Koalitionär, die SPD, aus ihrer Tradition der Solidarität mit den Leidenden heraus, daran erinnern, dass Friede kein Naturzustand ist und immer wieder durch Leid unterbrochen wird. Frieden ist zu stiften. Indem die Leidensgeschichten erinnert und die „Rechtheit, Intaktheit und Geordnetheit“ für die künftige Gesellschaft nach dem Krieg erarbeitet werden. Vielleicht gelingt es im politischen Handeln, das Notwendige in der Kriegssituation zu tun, um die Ukraine unbedingt und militärisch zu unterstützen, vor allem um der Menschen willen. Vielleicht gelingt es – im Sinne eines kritischen Pazifismus – schon jetzt, sorgsam die Erzählungen des Leides einzufangen und zu bewahren, um den Leidenden zu ihrem Recht und zum Vertrauen auf das Leben zu verhelfen, wenn Ruhe einkehrt. 

Ruhe ist wohl die poetische Bedingung für den Frieden, wie sie Nelly Sachs (1891 – 1970) verdichtet pointiert:

Frieden

du großes Augenlid

das alle Unruhe verschließt

mit deinem himmlischen Wimpernkranz

du leiseste aller Geburten

Quellen:

  • Kant, I. (1984; ed. Buhr, M., Dietzsch, S.): Zum ewigen Frieden. Mit Texten zur Rezeption 1796 – 1800. Leipzig (Reclam)
  • Metz, J.B. (1977): Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Mainz (Grünewald)
  • v. Rad, G. (1969): Theologie des Alten Testaments. Band 1. München (Kaiser)

Das Gedicht von N. Sachs findet sich im Nachwort zu:

  • Sachs, N. (17. Aufl. 2020, ed. Domin, H.): Gedichte. Frankfurt (Suhrkamp), S. 134

Zwei Fragen an Herrn Putin

Was bedeutet tot sein für Sie, Herr Putin?

Wie stellen Sie sich Ihr Sterben vor?

Sie muten vielen Menschen den Tod zu. Menschen, die in der Ukraine leben, werden von Soldaten auf Ihren Befehl hin beschossen und ausgebombt. Den Soldaten muten Sie den Tod zu. Den Soldaten der Ukraine, die das Land gegen den aufgezwungenen Krieg verteidigen müssen. Ihren Soldaten, die den Krieg Tag um Tag aufrechterhalten, um Ihre Ziele, Herr Putin, in der Ukraine durchzusetzen. Gehört die Zumutung des Todes an andere zu Ihrer persönlichen Erzählung, mit der Sie sich den Gedanken an Ihr eigenes Totsein erträglicher machen? Hängt die Zumutung des Todes anderer mit den persönlichen Vorstellungen von Ihrem Sterben zusammen?

Sie fragen sich, wie ich dazu komme, genau die zwei Fragen an Sie zu richten?

In meiner psychotherapeutischen Arbeit mit Sterbenden begegneten mir ganz unterschiedliche Erzählungen vom Leben und vom Sterben individueller Persönlichkeiten. Es waren nie einfach Menschen, die ich im Sterben begleitete. Es waren immer unverwechselbare Einzelne. Sie drückten in den Erzählungen eine mehr oder weniger deutliche Intuition ihrer individuellen Würde aus. Immer ging es dabei um das, was sie gerne gemocht oder gewollt hätten. Um das, was sie leben konnten und was nicht möglich war. Es ging auch um das, was sie sich selbst erlaubten und was sie sich nicht zutrauten. Oft ging es auch um das, wovon sie glaubten, sie müssten es leben, weil es sich so gehört. Manchmal vertrauten Sterbende mir eine wohlgehütete Idee an, von der sie intuitiv wussten, wie wertvoll sie für das Leben ist, die sie aber nicht zu verwirklichen wagten. Mit solchen Erzählungen beantworteten sterbende Menschen meine beiden Fragen an sie.

Was nun bedeutet tot sein für Sie, Herr Putin?

Zugegeben: ich kenne Sie nicht persönlich. Ich habe mich, offen gesagt, mit Ihnen und Ihrer Biografie, soweit sie zugänglich ist, bisher nicht beschäftigt. Jetzt werde ich wie viele andere Europäer sehr unmittelbar mit einem Aspekt Ihrer Lebenserzählung konfrontiert: dem Angriffsverhalten, das Sie wahrscheinlich anders umschreiben würden: nämlich als Staatsraison der erforderlichen Verteidigung russischer Interessen. Es ist für Sie wohl hohe Zeit, dieses Projekt an sein Ziel zu bringen. Damit erklären Sie sich persönlich die Notwendigkeit des Krieges in der Ukraine.

Ich stelle mir nun vor, ich säße bei Ihnen am Sterbebett. Ich stelle mir weiter vor, dass wir miteinander ein Mindestmaß an Vertrauen erarbeitet hätten, das eben durch diese Arbeit auch belastbar geworden wäre. So belastbar, dass Sie es wagten, mir die wohlgehütete Idee, den Beweggrund für Ihr Lebenswerk, anzuvertrauen. Wir würden das alles mit ihrem Einverständnis gemeinsam durchdenken, Sie in der Haltung der Begeisterung dafür, ich in kritischer Distanz. In unserer Dihairese der Gedanken und Motive könnte sich etwas auch für Sie Erstaunliches zeigen. Sie wollten ein wirkliches Lebenswerk hinterlassen. Eines, das ihr persönliches Dasein überlebt – oder vielleicht auch so: in dem Sie das persönliche Dasein überleben. Das erreichen Menschen nur, wenn es ihnen gelingt, die Vergänglichkeit durch Überdauerndes zu überwinden. Dafür finden wir in der griechischen Mythologie eine Gestalt: den Heros. Heroen sind Menschen, denen Unsterblichkeit gewährt wurde. Meist zeichnen sie sich wie Herakles oder Achilles durch eine Beziehung zu den Göttern aus. Sie bewirken Außerordentliches und bestätigen dadurch die Berechtigung zur Unsterblichkeit. Oft hat das Außerordentliche mit Kampf und Krieg zu tun, in dem sie erfolgreicher sind als Sterbliche. Ihr Leben wird heroisch.

Könnte es sein, dass die Gestalt des Heros eine Erzählung dafür ist, wie Sie sich Totsein vorstellen: Der Tod beendet mein Leben. Ich persönlich aber überlebe in meinem außerordentlichen Werk. Weil Sie Realist sind, erarbeiten Sie das persönliche, das Leben überdauernde Werk dort, wo Sie sich im Leben vorfinden: in der Politik für Russland. Das ist der greifbare historische Ort, an dem sie sich als unsterblicher Heros bestätigen. Wir würden in dieser Perspektive durchgehen, was Sie als das Lebenswerk ansehen. Sie würden auf Vieles treffen, was Sie sich als heroisches Verhalten oder heroisches Handeln zuschreiben. Sie könnten sich persönlich entlasten, indem Sie die moralischen Kosten der vielen Menschenleben dem heroischen Weg zuschrieben, als eine Art heroischer Notwendigkeit sähen. Das würde die Angst mildern, die Ihnen meine zweite Frage macht: Wie stellen Sie sich Ihr Sterben vor?

Weil Sie dialektisch geschult sind, wissen Sie, dass das Heroische leichter mit dem Tod als mit dem Weg dahin, dem Sterben, zu verbinden ist. Deshalb wehren Sie, wie andere Sterbende das auf ihre persönliche Weise auch tun, meine zweite Frage mit einer Gegenfrage ab: Möchten Sie so wie ich sterben? 

Ehrlicherweise antworte ich: Nein. 

Ich möchte nicht so sterben, wie Sie, Herr Putin. Denn mich trägt die Erzählung vom Heros und seinem Weg heroischer Notwendigkeit nicht. Für mich darf das Leben zu Ende gehen. Ich habe wenig Angst, mir vorzustellen, nicht mehr da zu sein. Mich treibt eine andere Erzählung um: die der möglichen Zufriedenheit mit dem, was mein Leben im Tod geworden ist. Dahin zu kommen, meinen Frieden mit dem Gelebten zu schließen, das beruhigte mich.

Deshalb möchte ich nicht so sterben wie Sie. Mit den Grausamkeiten der politischen Amtsführung, dem Zynismus der Gewalt, die wenig mit Macht zu tun hat, dem immerwährenden Streben nach Sicherung der eigenen Stellung, dem Argwohn und Misstrauen und der damit verbundenen Isolation als Preis dafür, sich die Geschichte des Heros zu erzählen.

Noch leben Sie. Noch bewegen Sie sich im Reich der Möglichkeiten. Noch könnten Sie sich wahrer Freiheit bewusst werden, die Ihnen keine heroische, aber die menschliche Verantwortung für die Welt, in der wir alle leben, zeigt. Vielleicht ist das Ihre eine wahrhaftig menschliche Entscheidung, in Freiheit und Verantwortung getroffen: Ich beende den Krieg gegen die Ukraine und auch die anderen, die ich führe.

Krieg: Vergewaltigung der Worte

Der Krieg gegen die Ukraine ist auch Wortgefecht. Der Missbrauch der Sprache erfasst immer mehr Beteiligte. Auch die Betroffenen selbst, die ukrainischen Politiker spielen mit der Wirkung ihrer Worte. Besorgt frage ich mich nicht nur: Wie wird die Ukraine, wie Russland, wie werden Europa und die NATO aus dem Krieg hervorgehen? Besorgter macht mich, mit welcher Sprache Verhandlungen geführt werden sollen, wenn Worte fortgesetzt missbraucht, im wörtlichen Sinn ver-gewaltigt werden. Nicht mehr die Bedeutung, sondern die Wirkung der Worte kennzeichnet die Sprache des Krieges. Performation entscheidet über die Wortwahl, nicht Information. 

Wie wird aus Information performative Rede?

Worte sind mächtig, weil sie etwas bewirken können. Das ist das Wesen des Performativen: Es setzt nicht in Kenntnis, sondern es zielt auf Wirkung. Wen Worte in performativer Absicht treffen, der soll dadurch verändert werden. Seine Lebensform soll durch die Worte umgeformt werden. Diese Umformung ist keine Transformation, Übergang zu Neuem, Anderen. Dabei wird ein Zustand verlassen und der Weg zu Neuem begangen. Performation hat ein anderes Ziel: Sie durchformt einen Zustand, so dass der Zustand sich in sich selbst verändert, z.B. auf neue Ziele ausgerichtet wird oder seine Merkmale neu gedeutet werden. Demokraten werden zu Nazis. Journalisten werden zu Lügenpresse. Ein Angriffskrieg wird zu einer militärischen Spezialoperation.

Performation ist in nahezu jeder Äußerung im Kontext des Krieges zwischen der Ukraine und Russland zu beobachten. W. Putin spricht zu Europa und der NATO mit dem Ziel, dort eine Angstdynamik zu erzeugen. Putin aktiviert die atomare Abschreckung, um intuitive Bilder eines Dritten Weltkrieges bei den Menschen Europas zu befeuern. Der Kreml setzt die Ukraine durch vermeintliche Informationen ins Unrecht und zerstört die gemeindliche Infrastruktur, um die ukrainische Bevölkerung zuerst in Angst zu versetzen und dann an den Rand des Überlebens zu drängen. Russland vereinbart humanitäre Korridore, um durch deren Beschuss die Aussichtslosigkeit eines Überlebens der Ukraine in ihrem Ist-Zustand zu dokumentieren.

Zugleich setzt die ukrainische Regierung Europa und die NATO unter Druck. Auch sie arbeitet mit der Angst. Sie spricht von der möglichen Ausweitung des Krieges über ganz Europa, von der Eskalationsgefahr eines Nuklearkrieges. Dies gibt dem Heroismus der ukrainischen PatriotInnen eine neue Dimension: Die Ukraine deutet den Krieg im eigenen Land zu einem Stellvertreterkrieg für die Freiheit der demokratischen Welt um. Und damit zu einem Krieg, den die freie Welt nicht führen will, weil ihr die Beherztheit dafür fehle. Weil ihr das ökonomische Kalkül wichtiger sei als Werte wie Freiheit oder Güter wie Demokratie.

Performationen erschaffen eine sich zunehmend verselbstständigende, hermetische Welt von Worten, die nicht mehr aus sich selbst sprechen, sondern nur noch im Kontext einer Spannung zwischen Macht und Versagensangst verstanden werden können. W. Putin will den politischen Machtbereich Russlands militärisch vergrößern und sieht mit zunehmender Angst auf die strategische Unfähigkeit, die zu einer wohl nicht vorausgesehenen Isolation des Landes führt. Im Ergebnis heißt das: Der Machtbereich Russland droht sich durch den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu verringern und der Kriegsherr das Gesicht zu verlieren.

Die Ukraine zielt angesichts der Sorge militärischer Unterlegenheit auf die moralische Macht, um seine Zugehörigkeitsinteressen zu Europa und zur demokratischen Kultur durchzusetzen. Während der Kreml also mit der Performativität des Rechts arbeitet, bedient sich die ukrainische Regierung der Performativität der Moral. Geht es W. Putin um die Durchsetzung der Berechtigung seiner Machtintereressen, also letztlich um einen Rechtsstandpunkt gegenüber dem Unrecht der europäischen und NATO-Erweiterung, zielt W. Selenskyj auf die moralische Überlegenheit, durch welche die ukrainische Gesellschaft in ihrem heroischen Widerstand gegen den russischen Aggressor ihr Recht auf Zugehörigkeit zur demokratischen Welt Europas und vielleicht auch zur NATO erkämpft. Putin leitet aus dem (vermeintlichen) Recht die Berechtigung des Machtanspruchs Russlands im Osten Europas ab. Selenskyj leitet aus der (vermeintlichen) moralischen Richtigkeit des nationalen Handelns das Recht der Ukraine ab, in der Europäischen Union, vielleicht auch in der NATO, eine gleichberechtigte Rolle zu spielen.

In dieser performativen Gemengelage gehen rationale und auf Information beruhende Argumentationen unter. Der Blick für Alternativen und Kompromisse erscheint fast unmöglich. Das Gehör für diplomatische Vorschläge wirkt ertaubt. Im Gefecht der Worte werden Worte gewaltsam beschädigt. Sie werden zu Waffen performiert. Es sind aber Worte, mit denen das Gefechts beendet werden soll und ein Weg gefunden werden muss, der zu einer Neubegründung staatlicher und gesellschaftlicher Lebenswelten führt. Es sind Worte, die wieder gelten müssen, so dass man getroffenen Vereinbarungen und unterschriebenen Verträgen vertrauen kann. Darin sehe ich eine mindestens ebenso große Hilflosigkeit wie die, einem militärischen Aggressor so entgegenzutreten, dass er seinen Kampf einstellt. Es ist die Hilflosigkeit gegenüber der eskalierenden Vergewaltigung der Worte durch reine Performation, die sich jeder diskursiven Rationalität verschließt. Mit der gewaltsamen Verhinderung der Möglichkeit, die Glaubwürdigkeit des Wortes rational überprüfen zu können, nehmen sich alle durch den schrecklichen Krieg Betroffenen und Beteiligten die Chance, vertrauenswürdige Worte des Waffenstillstandes und zuletzt von Friedensverhandlungen zu finden. Die Quelle für neue, unbeschädigte Worte ist genauso endlich wie alle anderen Ressourcen in unserer Welt, in der wir leben wollen. 

Die Gefahr des „Kriegs der Worte“ ist das Misstrauen gegenüber dem Wort. Ich befürchte, dass es eines langen Weges für uns alle, für die Europäische Union, für die Ukraine, für Russland bedarf, um wieder Vertrauen in die Worte herzustellen. Denn diejenigen, die gerade ein beispielgebendes Vertrauen praktizieren, sind nicht die Politiker. Es ist die Bevölkerung der Länder, in die Ukrainer fliehen. Jene trauen denen Aufnahmebereitschaft zu, zu denen sie fliehen. Und die, die die Flüchtigen aufnehmen, trauen jenen, die ankommen. Wie schwer wird es für die Menschen sein, demgegenüber, was Politiker demnächst verhandeln, Vertrauen aufzubauen?

Sprachzittern

Es fehlen 

die Worte

die wenden können

das Verschwiegene

zum Gesagten

das Gelogene

zum Tatsächlichen

Denn Wahres,

das sich zeigt

unverstellt und ohne Morden

ist rar geworden in Tagen,

in denen Mars 

von Menschen ermächtigt

gegen Menschen

wütet

Sogar der Zorn

sonst rechtend und laut

nimmt jedes Blatt vor den Mund

das sein Weinen verbirgt

und seine zitternde Stimme

Es fehlen

die Worte

wider den entwürdeten

Mann

und sein wütendes Grauen

Christoph Riedel, 2022

Jetzt unbedingt: Überzeugt bleiben von der Rationalität des Demokratischen

Das Schlechteste, was wir jetzt betreiben könnten, ist, an der Überzeugtheit von der Rationalität des Demokratischen rütteln. Wir brauchen uns von der Irrationalität eines dumpfen Systems nicht irritieren zu lassen. Wir müssen den Schein des Rationalen als die hermetische Binnenlogik einer Doktrin durchschauen, die ihrem Urheber immer Recht gibt. Mehr Subjektivität im Scheinkleid des Objektiven ist nicht denkbar. 

Es wird auf eine erschreckende Weise deutlich, wie Fakten missbraucht werden. Nicht von „Fake News“ ist die Rede, sondern von „Fake Historics“. Gegenwärtig bei Wladimir Putin, dem russischen Diktator. Er schafft, auf der Grundlage von ihm gedeuteter sog. historischer Fakten zur Ukraine, neue Fakten, von denen er glaubt, sie würden „seinem“ Russland Sicherheit verschaffen, es abschirmen von jeder Bedrohung. Er schafft dabei die Geschichte nicht um. Er gibt ihr, wie es scheint, eine veränderte Bedeutung. Wie macht er das?

Zuerst wird die Geschichte solange beschnitten, bis ein von W. Putin überschaubarer Ausschnitt der Geschichte entsteht. Dieser Ausschnitt, die Lage Russlands nach 1945, wird dann mit der intuitiven Perspektive von Mindereinschätzungen Russlands (B. Obama: Regionalmacht) solange durchforscht, bis die verursachenden Brüche zu Tage treten: der Fall der Berliner Mauer 1989, Erstes Minsker Abkommen und die Erklärung von Alma Ata im Dez. 1991 zur Auflösung der Sowjetunion und die anschließenden Unabhängigkeitserklärungen der ehemals sowjetischen Teilstaaten, die Nato-Russland-Grundakte von 1997. Diese Brüche und die Osterweiterungen der Nato (vor allem 1999 [Polen, Tschechien, Ungarn] und 2004 [u.a. die Baltischen Staaten]) verstärken ein Bedrohungsgefühl solange, bis für Putin zuletzt zwischen Gefühl und Zustand nicht mehr zu unterscheiden ist. Seitdem entfaltet die Binnenlogik des Systems Putin ihr Gewaltpotenzial. Das führte zu politischen Destabilisierungsaktionen gegenüber der EU und der Nato. 2014 wurde handstreichartig die Krim annektiert. Seitdem schwelt der Konflikt trotz des Zweiten Minsker Abkommens (2015) in den beiden Separatistengebieten Donezk und Luhansk, die seit 21.02.2022 von Russlands Regierung als unabhängige Volksrepubliken anerkannt sind.

W. Putin formte eine hermetische Doktrin auf drei Säulen, der Bedrohung durch die Nato und die USA, die unrechtmäßige Unabhängigkeit der Ukraine sowie anderer ehemals sowjetischer Teilstaaten, die zunehmende Demokratisierung in den westlich gelegenen wie den baltischen Staaten, dem Belarus und der Ukraine. Als die Schutzinteressen Russlands (wovor?) ermöglichende Problemlösung begann er mit der Ausdehnung des russischen Einflusses auf einige ehemals sowjetische Teilstaaten. Die Eskalation des Russlandkonfliktes zum Krieg gegen die Ukraine stellt allerdings einen neuen, indiskutablen politischen und völkerrechtlichen Schritt dar, den allein die russische Regierung und der Präsident zu verantworten haben. 

Was im System Putin einer inneren Logik folgt, darf die EU, die USA und alle anderen Demokratien nicht beeindrucken. Logik bedeutet grammatische Rationalität. Mit Grammatik allein gewinnt Sprache keine Beduetung. Rationalität, die in Demokratien sich zum regelgeleiteten Diskurs der Vielen verpflichtet hat, bedarf auch der Inhalte. Sie überzeugt erst dann, wenn Inhalte, Sprechakte und die Grammatik auf einander bezogen sind und übereinstimmen. Es gibt keinen Grund, an der Rationalität des Demokratischen zu zweifeln. Vor allem nicht, wenn undemokratische und diktatorische Logiken sich über geltendes Recht mit schierer Gewalt hinwegsetzen. Zur Demokratie gehört die Macht des Wortes. Sonst bewirkt das Wort kein Tun. Die Diktatur kennt kein Machtwort wie die Demokratie. Zur Diktatur gehört die Gewalt, die sich der Sprache nur bedient, um zu verschleiern und zu verstecken, zu verdrehen und zu propagieren (Vgl. Blog Nr. 55 vom 13.02.2022). Demokratische Macht indes gründet im rational geleiteten Vertrauen auf das Wort. Diktatur erhält sich durch die gewalterzeugte Angst.

Wir haben keinen Grund, an der Demokratie zu zweifeln. Vielleicht wird das gerade auch denen klar, die in den letzten Monaten unsere Demokratie als Zwangssystem darzustellen versuchten, weil die Pandemie die begründete und befristete Einschränkung weniger Verfassungsrechte erfordert. Demokratie unterscheidet sich von unreflektierten und dumpfen Stimmungen durch ihre Rationalität. Deshalb kann Demokratie mit diesen Stimmen das klärende Gespräch suchen, um sie in die Diskursgemeinschaft zurückzuführen. Diktatur bricht Vereinbarungen mit Gewalt und setzt sich mit Waffen über Rechte hinweg. Der einzelne Mensch zählt nichts. Er hat nicht einmal statistischen Wert. Die Statistik der Waffen und Treffer zählt allein. Es macht fassungslos und raubt für einige Momente die Sprache, dass das mitten in Europa passiert.

Ich bleibe von der rationalen Macht des Wortes überzeugt und halte mich an das ermutigende Gedicht „Chance“ von Rose Ausländer (1901 – 1988):

Zum Berg gehn

den Fels herausreißen

aus seiner Lethargie

ihm Flügel zusprechen

Steh auf

aus dem Staub

wirf dein Gewicht

in die Wolken

Diese Chance

gibt dir das Wort

diese Chance

jetzt

Ausländer, R. (1994): Regenwörter. Gedichte. Stuttgart (Reclam), S. 40

„Wenn die Propheten einbrächen“ (Nelly Sachs)

Es ist eine nächtliche Gestimmtheit im Leben gerade, aus der heraus ich die kleine Sammlung von Gedichten der Lyrikerin Nelly Sachs (1891 – 1970) in die Hand nehme. Ich suche das Gedicht, dem ich zutraue, mich herauszurufen aus der nächtlichen Gestimmtheit. Es fehlt dieser Gestimmtheit jede Romantik und auch das heimelig Bergende. Unruhig fühle ich mich, ziellos in Bewegung, müde und furchtsam zugleich. Tags und nachts bewege ich mich in der Gestimmtheit. Oder begleitet jene mich auf dem Weg durch die gegenwärtige Lebenszeit? Nicht einmal da bin ich entschieden.

„Wenn die Propheten einbrächen

durch die Türen der Nacht“

Mit dieser Zeile bricht das Gedicht in meine nächtliche Gestimmtheit ein. Es gehört seit der ersten Begegnung in der Exegese-Vorlesung zum Alten Testament (AT) zu meinen Lieblingsgedichten. Prof. Dr. R. Mosis, der damalige Alttestamentler an der Uni Eichstätt, trug es in der Vorlesung zu ausgewählten Propheten des AT vor. Welche Sprache im Gedicht, die wie unvermittelt aus Jahrtausenden in die Gegenwart hinein klingt! 

„Wenn die Propheten einbrächen“ … 

Propheten, „Künder,“ (M. Buber) „berufene Rufer“ (A. Deissler) brechen in die Zeit ein. Sie durchbrechen dabei „die Felder der Gewohnheit, ein weit Entlegenes hereinholend“, wie Nelly Sachs dichtet. Der Propheten bricht eine Bresche in die Zeit des Lebens. Wer den Propheten erlebt, wird in die Gegenwart gestellt. Er wird in die Bresche gerufen, die der Prophet gebrochen hat. Er gerät in seine persönliche Gegenwart.

„Wenn die Propheten einbrächen 

durch die Türen der Nacht

und ein Ohr wie Heimat suchten –

Ohr der Menschheit,

du nesselverwachsenes,

würdest du hören?“

Der Künder vergegenwärtigt. Das ist eine Wesensdimension des Prophetischen. Indem er „ein Ohr wie Heimat sucht“, spricht er dem, der zu hören bereit ist, die Gegenwart zu. Wenn es uns gelänge, das Gehör von seinen zerstörerischen Nesseln zu befreien, dann hörten wir, was die Propheten uns zu sagen haben. Denn die Nesseln entzünden, was ankommt, reizen, fressen es an. Sie verzerren, was unser Gehör erreicht, manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Dann beginne ich nach Erklärungen zu suchen für das, was ich undeutlich oder falsch hörte. Erklärungen, die in die Irre führen, auf Abwege, in die Beunruhigung. Ich wende mich zurück, in dem ich in die Herkunft des Gehörten hinein zu hören versuche. Schon bin ich nicht mehr in der Gegenwart, sondern hafte an dem, was mich aus der Vergangenheit festhält, den ausgetretenen Pfaden von Erfahrungen, die zu Gedankenmustern führen, die das immer Gleiche durchspielen. 

„Ohr der Menschheit

du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes

würdest du hören?

Wenn die Propheten

mit den Sturmschwingen der Ewigkeit hineinführen

wenn sie aufbrächen deinen Gehörgang mit den Worten:

Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis

wer will den Sterntod erfinden?“

„Das kleine Lauschen“, das stumpf geworden ist, das sich an das durch die Nesseln im Gehör Entzündete und Verzerrte angepasst hat, das allenfalls das Befinden Störende wahrnimmt, es behindert das Hören. Es macht die Gestimmtheit nächtlich, unbestimmt im Ziel und furchtsam in der Bewegung. Wer schlecht hört, dem fällt die Orientierung schwer.

Der Prophet stellt die Zeit wieder her, in dem er sie mit dem Leben verbindet. Er führt Worte aus dem Leben im Mund, die mein Gehör aufbrechen. Das „kleine Lauschen“ öffnet sich zum Hören – und trifft auf jene unerhörte Frage: „Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis?“ Mich erreichen zwei Worte in der Frage, die mir sogleich zu Herzen gehen, Krieg und Geheimnis. Die Möglichkeit des Krieges in Europa macht mir mehr als Sorge. Sie ängstigt mich. Ich sehe, was mich daran vor allem ängstigt: die Nesseln in den Ohren, die Gesprächsangebote zu Drohungen verzerren, die friedliche Worte entzünden und so auf Taten drängen, die Krieg bedeuten. Nein, ich, viele wollen den Krieg nicht.

Gab ich mich zulange mit dem kleinen Lauschen zufrieden? Worin hab’ ich mich eingesponnen? Wie naiv verwechselte ich Heimeligkeit mit Heimat – schon immer gewarnt durch den Mentor: Wenn sich der Mensch ohne Entäußerung und Entfremdung erfasst und in realer Demokratie begründet, „so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“ (Bloch, 1976, S. 1628). Vielleicht berührt sich das eine, Heimat in utopischer Bedeutung, mit dem Geheimnis, gegen das wir Menschen Krieg immer wieder führen. Mit unserem Bedürfnis, haben zu wollen statt zu sein? Herzustellen, ins Machbare zu bringen und zu erzwingen, was sich nicht machen und zwingen lässt: eben das Geheimnis an der Wurzel unseres Daseins, meines Daseins. Geheimnis ist nichts Mysteriöses, sondern ist das, wofür der Begriff uns fehlt, der immer alles gleich verfügbar macht. Es ist das, was eben nicht verfügbar im Sinne des Rekonstruierbaren, Herstellbaren, der Bilder ist. Geheimnis scheint das, wofür es die Propheten braucht, die den Gehörgang öffnen für Worte, die wir uns selber nicht sagen können. Für das Unerhörte.

Die Verfügbarkeit, die Bilder, die Begriffe berühren die andere Frage: „Wer will den Sterntod erfinden?“ Kriegführung gegen das Geheimnis, der Wahn, alles in das geschwätzige Wort und das flutende Bild bringen zu können, führt zum Sterntod. Nelly Sachs meint wohl auch den Tod durch den angehefteten Davidsstern. Vielleicht meint sie den Tod unseres Planeten Erde mit. Wir lauschen mit unseren nesselverwucherten Ohren eben klein, focussiert auf das bisschen Wirklichkeit, das wir gerade noch erfassen können. Das ist lebensnormal. Der prophetische Durchbruch spricht gegen alle nächtliche Gestimmtheit eine Wahrheit aus. Er bricht die Bresche. In ihr vergegenwärtigt sich das Geheimnis:

„Wenn die Propheten aufständen

in der Nacht der Menschheit

wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,

Nacht der Menschheit

würdest du ein Herz zu vergeben haben?“

Das Gedicht entnehme ich aus:

  • Sachs, N. (5. Aufl. 1972): Ausgewählte Gedichte. Frankfurt (Suhrkamp), S. 25 – 27

Kontextuelle Literatur:

  • Bloch, E. (3. Aufl. 1976): Das Prinzip Hoffnung. Dritter Band. Frankfurt (Suhrkamp)
  • Bücher der Kündung (1966, verdeutscht v. Buber, M.). Köln & Olten (J. Hegener)
  • Deissler, A. (4. Aufl. 1974): Die Grundbotschaft das Alten Testaments. Ein theologischer Durchblick. Freiburg (Herder), S. 97 – 101

„Ich gebe dir mein Wort.“

„Der Präsident benutzt Sprache, um seine Gedanken zu verstecken, nicht um sie zu äußern … Interessant ist nicht, was er sagt, sondern, was er tut.“ (SZ Nr. 35, 12./13.02,2022, S. 14) So zitiert die SZ den russischen Journalisten Nikolai Swanidse. Gemeint ist W. Putin. Wird solcher Gebrauch von Sprache der Sprache gerecht? Sprache als Versteck der Gedanken?

Wiewohl es reizvoll ist, will ich mich nicht philosophisch mit der These „Sprache als Versteck der Gedanken“ auseinandersetzen. Meine Besorgnis angesichts des bedrohten Friedens in Europa veranlasst  mich, die These in einem eher psychologischen Kontext aufgreifen. Es geht um Vertrauen.

„Ich gebe dir mein Wort.“, sagen wir einander. Dadurch stellen Menschen für einander Verlässlichkeit her. „Mein Wort“ wird für den anderen eine Zusage, auf die er etwas in seinem Leben gründen kann. In „meinem Wort“ spreche ich mit dem anderen über meine Beziehung zu mir selbst und zu dem Wirklichkeitsausschnitt, zu dem ich „mein Wort“ gebe. Ich drücke darin meine persönliche Verbundenheit mit ebendieser Wirklichkeit aus. Und ich sage dem anderen darin zu, dass ich mich mit „meinem Wortes“ verbinde. Verbindlichkeit im Wort kann dem anderen Grund sein, „meinem Wort“ und mir zu trauen. Vertrauen entsteht. Die Erfahrung wird es bestätigen oder in Frage stellen. 

Letztlich beruht auch das Vertrauen in Informationen darauf, dass mir jemand Anhaltspunkte gibt, dem Inhalt seiner Rede zu trauen. Der Grund kann liegt im Informanten. Er weist sich auf der Sachebene als fachlich kompetent und als zuverlässig in der Recherche aus. Er verwendet eine Sprache, in der Inhalte möglichst eindeutig formuliert werden und überprüfbar sind. Die Intention, informieren zu wollen, ist mir nachvollziehbar. Ich halte den Informanten für vertrauenswürdig und  die Information für verlässlich. Durch Überprüfung wird die Verlässlichkeit bestätigt oder in Frage gestellt.

Ein autokratischer Politiker benützt die Sprache, mit der wir Menschen uns eine einzigartige Möglichkeit der Vertrauenswürdigkeit geschaffen haben, anders: Er verschleiert seine Gedanken damit. Er gibt  nicht „sein“ Wort. Er hält seine persönliche Verbundenheit mit der Wirklichkeit zurück. Er teilt nichts darüber mit, was er mit der Wirklichkeit beabsichtigt. So werden seine Intentionen nicht greifbar. Nicht einmal Anhaltspunkte liefern die Worte, weil sie keinen Bezug zum Sprecher haben. Er gibt letztlich immer weniger sein „Wort“. Derart beziehungslos zur Wirklichkeit werden Worte zu Hohlformen, die keine Verbindlichkeit mehr haben. Sie werden zu Buchstabenfolgen, zu Lauten, die konventionell zusammengefügt sind. Schließlich werden auch die Konventionen, die den Worten eine Ordnung geben, unterlaufen. Es wird bedeutungslos, was gesagt wird. Der Bezugsraum des Vertrauens ist aufgehoben. Die Sprache ist als Haus des Vertrauens völlig entkernt.

Wir sollten uns klar machen, wie weit Autokratie führen kann. Sie höhlt die Sprache aus, indem sie jene als Versteck für die Gedanken gebraucht. Die einzige Funktion der Worte besteht darin, den Sprecher in seiner machtvollen Vorhandenheit anzuzeigen. Mehr teilt sich in der Sprache nicht mehr mit. Charlie Chaplin führte dies in seinem Film „Der große Diktator“ meisterhaft vor. Ich spreche, also bin ich vorhanden. Ich spreche, also habe ich Macht. Bloße Vorhandenheit aber stellt keine Beziehung her. Autokraten werden einsame Menschen. Sie distanzieren sich zunehmend von denen, über die sie ihre Macht ausüben. Wo nur noch Distanz herrscht, verliert sich das Vertrauen. Das Vakuum füllt sich mit Angst. Manche Psychotherapeuten sprechen von „Vakatwucherungen“. Sie beschreiben damit, dass in vertrauensentleerte Räume krisenbegünstigende Ersatzgefühle hinein wuchern.

Was Autokraten bleibt, ist die Tat. Sie zeigen ihre Macht in dem, was sie tun. Die anderen müssen mit dem, was sie gemacht haben, leben. Deshalb fühlen wir uns gegenüber Autokraten zur Sprachlosigkeit verurteilt. Denn der autokratischen Sprache wurden die Gedanken entzogen, die etwas über die Verbundenheit mit der Wirklichkeit mitteilen. Worauf kann ich da noch vertrauen? Ein Autokrat gibt keinem „sein Wort“. Er zahlt mit der Tat, ganz nach seinem persönlichen Gutdünken. So ermöglichen auch die Taten kein Vertrauen. 

Mich ärgert es deshalb, wenn die sprachliche Zurückhaltung der Bundesregierung kritisiert wird. Verbale Diät kann die Sorge um das rechte Wort ausdrücken. Zu jener gehört die Klärung der Gedanken. Für den geklärten Gedanken lassen sich dann Worte finden, die man geben kann. Dazu braucht es die Stille. 

Der Psychotherapeut Uwe Böschemeyer (2003, S. 286) gibt mir seine Worte für den Prozess der Wortfindung, die ich gerne weitergebe: „Wenn ich mich auf ein wichtiges Gespräch vorbereite, suche ich die Stille. Denn die Stille ist der ‚Ort‘, an dem sich die Seele sammelt und sich deutlicher als sonst zur Sprache bringt. … Vernachlässigte Gedanken und Gefühle gewinnen wieder Raum. Das Tor zur Intuition weitet sich. Bilder des Geistes werden sichtbar, Gründe für Leben fühlbar. Die Wurzeln der Wörter zeigen sich. Die Worte werden elementar, echt, unmittelbar.“ Solche Worte teilen die Verbundenheit des Autors mit der Wirklichkeit mit. Die Worte offenbaren Gedanken. 

Ich finde es beruhigend, wenn die Bundesregierung nicht einfach Worte von sich gibt, sondern wenn sie uns Worte gibt, denen wir vertrauen können. Das können weniger Worte sein, als wir es in der Lautsprache unserer Zeiten gewohnt sind. Wenn sie geistvoll sind und Gründe zu leben enthalten, dann können wir vertrauensvoll auf die Taten warten. Worte und Taten werden dann aufeinander beziehbar sein. Anders als bei Herrn Putin, der seine Gedanken hinter den Worten versteckt und nur Taten sprechen lässt. Ohne Kontext. Unverständlich. 

Böschemeyer, U. (2003): Worauf es ankommt. Werte als Wegweiser. München (Piper)

Sorge um den Frieden

Die Ukraine wird von Russland militärisch unter Druck gesetzt. Der Truppenaufmarsch Russlands an der Ostgrenze des europäischen Landes bedroht nicht nur die Ukraine. Er löst in Europa Sorge um den Frieden aus. Wenn wir Europäer uns ein wenig Zeit nähmen und nicht nur die Entwicklung der Pandemie focussierten, dann würde uns klar, die Entwicklung im Osten unseres Kontinents gibt Anlass zur Sorge um den Frieden für uns alle. Wir leben sehr selbstverständlich in einem friedlichen Umfeld. Die Balkankriege (1991 – 1999) sind fast schon in Vergessenheit geraten. Zuletzt wurden sie angesichts der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke (2019) erinnert. Die dschihadistischen Terroranschläge seit 2015 bewirkten nicht die wohl angestrebte Destabilisierung Europas. Deutschland war seit 1945 von keinem Krieg unmittelbar bedroht. Wir haben uns an den Frieden gewöhnen dürfen. 

Was wir jetzt wahrnehmen könnten, wenn unsere Aufmerksamkeit nicht derart durch die diversen Interessen in der Pandemie gelenkt wäre, ist das Geschenk des Friedens. Jetzt, da er in einer Weise in Frage gestellt wird, die an die Zeit des „Kalten Krieges“ (1945 – 1991) erinnert. Die Eskalationsrhetorik, die in die Beziehung zwischen Putins Russland, der Nato und der Europäischen Union zurückkehrt, erinnert mich deutlich an die sprachlichen Drohgebärden des Kalten Krieges. Die beiden Bündnissysteme, der Warschauer Pakt unter Führung der damaligen Sowjetunion und die Nato mit deren Führungsmacht USA, hielten einander um den Preis eines unglaublichen atomaren Wettrüstens in Schach. Jährlich veröffentlichte das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI den Overkillfaktor des immer weiter wachsenden Nuklearwaffenarsenals. Overkill beschreibt, für wieviele Vernichtungen der Erde der Bestand an Atomwaffen ausreichen würde. Es ist eine der großen politischen Leistungen der neunziger Jahre, durch umfassende Vertragswerke, durch die Wiedervereinigung Deutschlands, durch die Erweiterung der EU eine Stabilisierung der damaligen Weltordnung eingeleitet zu haben. Der nach den Balkankriegen stabile Frieden in Europa, die Annäherung der europäischen Union, der USA und Russlands gehörten zu den Garanten dafür. 

Das scheint seit einigen Jahren Vergangenheit zu werden. Derzeit sind wir mit einer deutlichen Veränderung der politischen Weltordnung konfrontiert, die der ökonomischen nachfolgt. Die Dependenzen der europäischen und US-amerikanischen Wirtschaft von den ostasiatischen Staaten wie China, Korea, Taiwan, Vietnam, Indien zeigten sich überdeutlich durch die Pandemie. Der erhebliche globale, zunehmend politische Einfluss der asiatischen Wirtschaftsnationen, die auch kriegerische Konkurrenzen um wichtige Ressourcen im westasiatischen und afrikanischen Raum austragen, scheint mitverantwortlich für die Flüchtlingsbewegungen. Die Tendenzen zur Renationalisierung und Repatriotisierung in Europa dürften dadurch begünstigt werden. Die Rede ist immer wieder von der „Festung Europa“. Keine zielführende Entwicklung, wie jetzt der neuerliche Ukraine-Konflikt zeigt.

Was mich daran irritiert, ist die Art und Weise, wie europäische Länder sich zu dieser Lage verhalten. Vielleicht ist es Diplomatie, vielleicht ist es einfach Unschlüssigkeit. Denn auch die Politiker haben sich daran gewöhnt, im Marketingstil zu agieren. Entweder es wird in inhaltsleeren Phrasen beschworen, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Oder man wagt markige Worte, wie die Unantastbarkeit der osteuropäischen Grenzen und den Verweis auf schwerwiegende Folgen, falls Russland erneut den Respekt vor dem Staatsgebiet der Ukraine aufgibt. Bei mir bleibt ein schales Gefühl: Wird Europa, wird die Nato zu diesen Worten stehen – oder bemüht man sich der „Kalte-Krieg-Rhetorik“ in der Hoffnung auf die alte Wirksamkeit? Sind auch diese Worte Hohlformen? Sind Hohlformen wirksam?

Uns allen sollte jetzt klar sein, dass Frieden eben nicht selbstverständlich ist. Er ist eine Folge des guten Willens vieler Beteiligter. Er ist vor allem eine Wirkung demokratischen Bewusstseins, zu dem für uns Europäer das Zusammenspiel der Staaten in der Europäischen Union gehört. Dieses Zusammenspiel erscheint oft all zu leicht: ziemlich offene Grenzen, die Freizügigkeit, ein starker Wirtschaftsraum, der den Wohlstand aller fördert. Dieses Zusammenspiel ist auch mühsam und fordernd: Wie weit geht meine persönliche Bereitschaft, in schwierigen Lagen zugunsten des europäischen Zusammenhaltes auf Gewohnheitsrechte zu verzichten? Probleme nicht vorwiegend durch „Brüssel“ verursacht zu sehen? Über die Nabelschau „Made in Germany“ hinaus die Überlegenheit mancher europäischer Nachbarn z.B. in der Digitalisierung des Gesundheitswesens anzuerkennen und folglich von ihnen zu lernen? Bin ich bereit, den europäischen Wirtschaftsraum wirklich auch als politischen Raum anzuerkennen und vor allem auch als gemeinsamen Bildungsraum? Wer sich wirklich informiert und nicht nur medialen Meinungstrends hinterher läuft, wer offen ist für das Andere, Neue, Unterbrechende und Ungewohnte in einem so kulturreichen Gebilde wie der EU, wer die nationalen und europäischen Wahlen ernst nimmt, wer alle Menschen im europäischen Lebensraum willkommen heißt, der pflegt das demokratische Bewusstsein und dadurch den Frieden. Der trägt dazu bei, dass Politiker es wagen, auch einmal unpopulär zu sein und sich differenziert zu äußern – und nichtvorwiegend politisches Marketing zu betreiben. Frieden ist nicht marketingfähig. Frieden für uns alles setzt unser aller Ethos voraus. Wer ethisch denkt, dem ist bewusst, wieviel für den Erhalt des Frieden reflektiert, gelebt und gewagt werden muss. Frieden fordert demokratischen Mut.

Die Veränderung der politischen Weltordnung bedarf der Veränderungsreflexion des Wertesystems und der damit zusammenhängenden Güterordnung. Sie bedarf eines in Wertvorstellungen und der zugehörigen Bildungsbereitschaft begründeten europäischen Selbstbewusstseins und des Mutes, es auch auszusprechen. Und nicht nur des Starrens auf ein Virus.

Kirchlicher Missbrauch: Verbrechen wider die Menschlichkeit.

Nie mehr wollte ich solche Texte schreiben. Ich habe jedoch die ganze Macht der Institution „römisch-katholische Kirche“ erfahren, als vereitelter Priesteramtskandidat, als abgewiesener Promovent in Kath. Theologie, als entlassene Lehrkraft für Kath. Religion. Schließlich trat ich aus der Kirche aus. So hatte ich zu meinem Frieden gefunden, gerade dadurch, dass die Institution und deren Lehren für mein Leben keine Bedeutung mehr hatten. Ich bin im wörtlichen Sinn Gott los geworden. Mein Leben führe ich dem Verstand und der Vernunft verpflichtet, im Vertrauen auf das Mitgefühl und mein ethisches Gespür.

Nie wollte ich diesen Text schreiben. Denn die Kirche ist mir die Energie des Denkens nicht mehr wert. Schade auch um die verschwendeten Worte dazu …, dachte ich bis jetzt. Was in diesen Tagen durch das Münchener Gutachten zum sexuellen Missbrauch beweiskräftig aufgrund der Aktenlage und durch die Stimmen Betroffener menschlich überzeugend in die Öffentlichkeit kam, das konfrontiert mich mit den persönlichen Erfahrungen, die ich mit zu vielen Vertretern dieser Institution machte. Ich wurde nie von kirchlichen Amtsträgern sexuell missbraucht. Ich musste die Haltung erfahren, die den Missbrauch nachvollziehbar macht. Dass die Ignoranz des Missbrauchs bis in die Funktion des Papsttums reicht, entsetzt mich. Wegen der Haltung der „docta ignorantia“ (Nikolaus von Kues), der bewussten Unbelehrbarkeit. Wie kann der aktuelle Papst vor kurzem Frauen weltweit rügen, weil sie selbstbewusst mit dem Kinderwunsch umgehen, wenn andererseits zahllose in den kirchlichen Ordo geweihte Priester und Diakone sich an Kindern und Jugendlichen vergehen und vom Netzwerk der Bischöfe und Generalvikare gedeckt werden? Wie kann ein Papst vom intellektuellen Niveau eines Prof. Dr. J. Ratzinger Exhibitionismus und öffentliche Masturbation eines Priesters als groben Missbrauch übersehen, weil mutmaßlich keine sexuelle Berührung der Opfer stattfand? Er konnte in vielen Causae, hier nur exemplarisch genannt: Hans Küng und Leonardo Boff (Repräsentant der lateinamerikanischen Befreiungstheologie), fachlich scharfsinnig und in der Folge kirchenjuristisch mit großer Schärfe urteilen und verurteilen. Missbrauch gehört nicht zu den Gegenständen des feinsinnigen Denkers.

Die Kirche betreibt, zumindest in Deutschland und in Rom, im Missbrauchsskandal ihre eigene moralische und organisatorische Selbstaufhebung. Nicht, weil der Missbrauch passierte, sondern weil er kaum verfolgt, weil er vertuscht, verschoben, ignoriert wurde. Das ist moralische Schuld. Schuld zieht Schaden und Schmerz nach sich. Er wird einfach übersehen und in dürren Verlautbaren erstickt. Ist diese bewusste Unbelehrbarkeit vielleicht die rätselhafte „Lästerung gegen den Hl. Geist“, die das Neue Testament für die nicht vergebbare Verfehlung (Mt 12, 31b) hält? Die Ignoranz, die das Verbrechen gegen die Menschlichkeit schützt?

Menschen kamen zu Schaden. Menschen wurden schwerst krank, erlitten Traumen, ringen mit schlimmen depressiven und Angstzuständen, leiden unter Zwängen. Menschen verlieren durch die billigende Schuld der Kirche ganze Bereiche ihrer Existenz. Nicht einzelne. Viele! Was das Ganze aufgipfelt, ist, dass eben sie Menschen sind, die in den christlichen Glauben hineinwachsen, denen seitens kirchlicher Amtsträger bergende, heilende Gemeinschaft versprochen wird, die in jüngsten Jahren ehrenamtliche Dienste in den Kirchengemeinden übernehmen, als MinistrantInnen, als GruppenleiterInnen, als PfadfinderInnen, ChorsängerInnen. Ihr Glaube und ihre vertrauensvolle Beziehung zu einem Amtsträger – denn von Seelsorgern zu sprechen, verbietet sich – wurde manipulativ missbraucht. Dabei nehmen die Missbrauchenden Störungen, ja die Zerstörung von Vertrauens- und Bindungsfähigkeit, des kindlichen Glaubens und des pubertierenden Ringens um die wahrhafte Überzeugung, vielleicht in manchen Fällen sogar des persönlichen Zeugnisses für den Glauben in einem kritischen Umfeld in Kauf. Aus jungen Menschen, die in der Kraft der Gestalterhaltung lebten, werden Opfer. Sie werden der Macht des Triebtäters unterworfen. Sie werden inmitten ihrer Identitätsentwicklung zu einem zweiten geheimen Leben gezwungen. Und dann weggestellt, allein gelassen, auch von der Institution Kirche, die sich mehr um die „gefallenen Brüder“ und den Schutz der sog. „Würdenträger“ kümmert, als sich um die beschädigten jungen Menschen auf ihrem unerhörten Weg des Schweigens, des Unverstandenseins, der Beargwöhnung zu sorgen. So geht es dem Kurienkardinal Ludwig Müller in einer Stellungnahme (21.01.2022) mehr darum, den emeritierten Papst aus dem Angriffsfeld zu nehmen, als die Betroffenen, Leidenden, Zerstörten in Schutz.

Wer in der deutschen und der römischen Institution stärkt die Betroffenenperspektive? Wer spürt, fühlt, denkt sich in die unzähligen Menschen hinein, die den Mut hatten, weiter zu leben, oft auch weiter in dieser Kirche zu leben? Wo ist das Mitgefühl, die Verbündung mit den Opfern der Verbrechen? Wo sehen wir außer den fahlen Entschuldigungen, die nur die Opfer gewähren können, Reue, Buße? Wo sind die Zeichen der beschämten Demut und der Verneigung vor dem Geheimnis derer, die weiterleben mit der Beschämung, der priestergemachten Unterbrechung in ihrer Biographie, der menschenverachtenden Entwertung des jungen Menschen zum Lustding?

Im Ersten Vatikanischen Konzil wurde der Papst als unfehlbar erklärt, wenn er als Lehrer aller Christen in Glaubens- und Sittenfragen eine abschließende Entscheidung fällt und sie als Dogma verkündet. Müsste nicht angesichts des weltweiten schwersten moralischen Irrtums, nämlich Missbrauch seitens kirchlicher Amtsträger als minder schwere Verfehlung einzuschätzen und deshalb zu ignorieren, zumindest der Teil des Dogmas revidiert werden, der die Unfehlbarkeit in Sittenfragen behauptet? Wie kann eine Kirche theologisch für Lebensschutz argumentieren, die vergisst, dass es Menschen sind, die leben? Dass es Menschen sind, die sich gegen andere vergehen? Wie kann eine Kirche ihren Kern, die Seelsorge aufgeben, indem sie die Institution vor den Menschen stellt? 

Nie hätte ich diesen Text schreiben, nie mehr all diese Fragen aufwerfen wollen. Die Vergessenheit der Menschen, denen Lebensbedrohliches, Lebenszerstörendes widerfahren ist, der zynische Blick der Bischöfe und der beiden Päpste an diesen beschämten und misshandelten Menschen vorbei auf die Bewahrung der Institution, veranlasst mich dazu, das nach vierzig Jahren wieder auszusprechen, was ich schon als Theologiestudent sagte: Diese Kirche hat ihre Grundorientierung verloren. Sie taugt nicht für das, was Jesus von Nazareth das Reich Gottes nannte. Denn sie ist zutiefst unmenschlich.

Für mich selbst sein

Ist es eine Frage meines Alters? 

Immer häufiger spüre ich das Bedürfnis, für mich selbst zu sein. Damit meine ich nicht das Alleine sein, den ungeteilten Wanderweg oder das stille Kämmerlein. Es ist eher der Wunsch, nicht angesprochen, nicht gesucht, nicht beansprucht zu sein von anderen Menschen. Dazu gehört auch, mit meiner Antwort auf eine Mail oder WhatsApp-Nachricht so lange zu warten, bis es für mich dafür die rechte Zeit ist. Ich nehme meine Abneigung wahr, an etwas teilnehmen zu sollen, sei es an einem Gespräch im Zug oder im Café, sei es an Zusammenkünften und Feiern. Ich will mich zurückziehen können und keinem dafür Rechenschaft schuldig sein.

Ich meine mit dem Bedürfnis, für mich selbst zu sein, mitten unter Menschen einfach da zu sein und auf meine Weise teilzunehmen, angeregt zu persönlichen Gedanken und zum persönlichen Verweilen bei dem, was mir auffällt und mich interessiert. Oder mich zum Lesen, zur Reflexion, ans Klavier, zum Schreiben zurückzuziehen vom Vielen. Gerne lasse ich mich auch von den Skulpturen in der Wohnung gefangen nehmen. In solcher Sammlung komme ich nicht nur auf mich zurück, sondern tauche in die Energie ein, die ein Lesetext oder einer, den ich gerade schreibe, entfaltet. Ich lebe mich in eine Komposition ein, die ich am Klavier zu spielen versuche. Ich lasse mich ein in die Magie der Bedeutsamkeiten, die die Skulpturen entfalten. Und manchmal ist es einfach nur das Sinnieren ohne bewusstes Interesse, ohne beabsichtigtes Ziel, ohne Kristallisationspunkt für eine Gedankenentwicklung, in dem ich bei mir bin.

Tatsächlich ist es zuweilen die wirkliche Einsamkeit, die ich genieße. Keine Menschen um mich, wenig Geräusch, nichts, was auf irgendeine Weise Aufmerksamkeit fordert. Das ist nicht das Alleine sein. Jenes entsteht, weil es keinen gibt, der da wäre, oder weil ich mich selbst nicht auf Menschen zu bewegen kann – oder auch, weil ich in der Fremde bin, in einem fremden Leben, das ich nie so führen wollte. Das alles erzeugt das Gefühl, alleine zu sein. Einsamkeit ist von mir selbst gewählt. Sie bildet sich in der ungestörten und kaum störbaren Zuwendung an das, was mir gerade wertvoll ist, oder auch im Rückzug von dem, was mich zerstreut. Oft ist im Tag so Vieles, zu Vieles, dem mich widmen zu sollen oder gar zu müssen, ich meine. Gerade da kommt die Sehnsucht nach Einsamkeit, nach dem Für mich selbst sein auf. 

Ein wenig hat das Bedürfnis danach, für mich selbst zu sein, schon mit meinem Alter zu tun. Die Aufmerksamkeitslenkung auf das Sinnvolle unter dem Vielen, die Konzentration, bei dem zu bleiben, was angefangen, weitergeführt und beendet werden soll, ist mir allemal und über lange Strecken hin möglich. Erst danach spüre ich, wieviel Energie ich aufwenden musste, damit ich in Aufmerksamkeit und Konzentration verweilen konnte. Immer öfter nehme ich seit einigen Jahren den Wunsch wahr, für mich selbst zu sein zu können und so zu regenerieren. Viel zu oft erlaube ich es mir nicht, obwohl es gerade nach großem Kraftaufwand das Beste wäre, was ich mir gönnen kann.

Ein Zug dieser Einsamkeit ist es, dass mir immer weniger Menschen persönlich wichtig sind. Ich brauchte nie die vielen Bekannte und Freunde. Es waren immer wenige, denen ich mich tief verbunden fühlte. Wenn ich auf meine wichtigste Freundschaft im Leben blicke, dann eignete ihr vor allem anderen der Respekt vor dem Bedürfnis, auch für sich selbst zu sein. Und ich lernte noch etwas: Freundschaften, die sich aus einem gemeinsamen beruflichen oder fachlichen Interesse ergaben, überlebten dieses Interesse oft nicht lange. Denn solche Freundschaften enthalten die Tendenz, sich in der gemeinsamen Sache von einander abhängig zu machen. Es sind nicht viele Menschen, die mir wichtig sind. Meist sind sie auch gerne für sich selbst. Auch das mag eine Folge meines Alters sein, freundschaftliche Bindungen lösen zu können, und ohne Hader zu verstehen, dass sich andere von mir zurückziehen.

Für mich selbst zu sein, ist mir wertvoll. Denn es bedeutet, mit mir sein zu können, und immer wieder, es mit mir auszuhalten. Je wahrhaftiger mir das gelingt, meine ich, umso leichter fällt es anderen, mit mir zusammen zu sein und mein lebenswichtiges Bedürfnis nach Einsamkeit zu tolerieren, vielleicht sogar zu schätzen.