Jetzt unbedingt: Überzeugt bleiben von der Rationalität des Demokratischen

Das Schlechteste, was wir jetzt betreiben könnten, ist, an der Überzeugtheit von der Rationalität des Demokratischen rütteln. Wir brauchen uns von der Irrationalität eines dumpfen Systems nicht irritieren zu lassen. Wir müssen den Schein des Rationalen als die hermetische Binnenlogik einer Doktrin durchschauen, die ihrem Urheber immer Recht gibt. Mehr Subjektivität im Scheinkleid des Objektiven ist nicht denkbar. 

Es wird auf eine erschreckende Weise deutlich, wie Fakten missbraucht werden. Nicht von „Fake News“ ist die Rede, sondern von „Fake Historics“. Gegenwärtig bei Wladimir Putin, dem russischen Diktator. Er schafft, auf der Grundlage von ihm gedeuteter sog. historischer Fakten zur Ukraine, neue Fakten, von denen er glaubt, sie würden „seinem“ Russland Sicherheit verschaffen, es abschirmen von jeder Bedrohung. Er schafft dabei die Geschichte nicht um. Er gibt ihr, wie es scheint, eine veränderte Bedeutung. Wie macht er das?

Zuerst wird die Geschichte solange beschnitten, bis ein von W. Putin überschaubarer Ausschnitt der Geschichte entsteht. Dieser Ausschnitt, die Lage Russlands nach 1945, wird dann mit der intuitiven Perspektive von Mindereinschätzungen Russlands (B. Obama: Regionalmacht) solange durchforscht, bis die verursachenden Brüche zu Tage treten: der Fall der Berliner Mauer 1989, Erstes Minsker Abkommen und die Erklärung von Alma Ata im Dez. 1991 zur Auflösung der Sowjetunion und die anschließenden Unabhängigkeitserklärungen der ehemals sowjetischen Teilstaaten, die Nato-Russland-Grundakte von 1997. Diese Brüche und die Osterweiterungen der Nato (vor allem 1999 [Polen, Tschechien, Ungarn] und 2004 [u.a. die Baltischen Staaten]) verstärken ein Bedrohungsgefühl solange, bis für Putin zuletzt zwischen Gefühl und Zustand nicht mehr zu unterscheiden ist. Seitdem entfaltet die Binnenlogik des Systems Putin ihr Gewaltpotenzial. Das führte zu politischen Destabilisierungsaktionen gegenüber der EU und der Nato. 2014 wurde handstreichartig die Krim annektiert. Seitdem schwelt der Konflikt trotz des Zweiten Minsker Abkommens (2015) in den beiden Separatistengebieten Donezk und Luhansk, die seit 21.02.2022 von Russlands Regierung als unabhängige Volksrepubliken anerkannt sind.

W. Putin formte eine hermetische Doktrin auf drei Säulen, der Bedrohung durch die Nato und die USA, die unrechtmäßige Unabhängigkeit der Ukraine sowie anderer ehemals sowjetischer Teilstaaten, die zunehmende Demokratisierung in den westlich gelegenen wie den baltischen Staaten, dem Belarus und der Ukraine. Als die Schutzinteressen Russlands (wovor?) ermöglichende Problemlösung begann er mit der Ausdehnung des russischen Einflusses auf einige ehemals sowjetische Teilstaaten. Die Eskalation des Russlandkonfliktes zum Krieg gegen die Ukraine stellt allerdings einen neuen, indiskutablen politischen und völkerrechtlichen Schritt dar, den allein die russische Regierung und der Präsident zu verantworten haben. 

Was im System Putin einer inneren Logik folgt, darf die EU, die USA und alle anderen Demokratien nicht beeindrucken. Logik bedeutet grammatische Rationalität. Mit Grammatik allein gewinnt Sprache keine Beduetung. Rationalität, die in Demokratien sich zum regelgeleiteten Diskurs der Vielen verpflichtet hat, bedarf auch der Inhalte. Sie überzeugt erst dann, wenn Inhalte, Sprechakte und die Grammatik auf einander bezogen sind und übereinstimmen. Es gibt keinen Grund, an der Rationalität des Demokratischen zu zweifeln. Vor allem nicht, wenn undemokratische und diktatorische Logiken sich über geltendes Recht mit schierer Gewalt hinwegsetzen. Zur Demokratie gehört die Macht des Wortes. Sonst bewirkt das Wort kein Tun. Die Diktatur kennt kein Machtwort wie die Demokratie. Zur Diktatur gehört die Gewalt, die sich der Sprache nur bedient, um zu verschleiern und zu verstecken, zu verdrehen und zu propagieren (Vgl. Blog Nr. 55 vom 13.02.2022). Demokratische Macht indes gründet im rational geleiteten Vertrauen auf das Wort. Diktatur erhält sich durch die gewalterzeugte Angst.

Wir haben keinen Grund, an der Demokratie zu zweifeln. Vielleicht wird das gerade auch denen klar, die in den letzten Monaten unsere Demokratie als Zwangssystem darzustellen versuchten, weil die Pandemie die begründete und befristete Einschränkung weniger Verfassungsrechte erfordert. Demokratie unterscheidet sich von unreflektierten und dumpfen Stimmungen durch ihre Rationalität. Deshalb kann Demokratie mit diesen Stimmen das klärende Gespräch suchen, um sie in die Diskursgemeinschaft zurückzuführen. Diktatur bricht Vereinbarungen mit Gewalt und setzt sich mit Waffen über Rechte hinweg. Der einzelne Mensch zählt nichts. Er hat nicht einmal statistischen Wert. Die Statistik der Waffen und Treffer zählt allein. Es macht fassungslos und raubt für einige Momente die Sprache, dass das mitten in Europa passiert.

Ich bleibe von der rationalen Macht des Wortes überzeugt und halte mich an das ermutigende Gedicht „Chance“ von Rose Ausländer (1901 – 1988):

Zum Berg gehn

den Fels herausreißen

aus seiner Lethargie

ihm Flügel zusprechen

Steh auf

aus dem Staub

wirf dein Gewicht

in die Wolken

Diese Chance

gibt dir das Wort

diese Chance

jetzt

Ausländer, R. (1994): Regenwörter. Gedichte. Stuttgart (Reclam), S. 40

„Wenn die Propheten einbrächen“ (Nelly Sachs)

Es ist eine nächtliche Gestimmtheit im Leben gerade, aus der heraus ich die kleine Sammlung von Gedichten der Lyrikerin Nelly Sachs (1891 – 1970) in die Hand nehme. Ich suche das Gedicht, dem ich zutraue, mich herauszurufen aus der nächtlichen Gestimmtheit. Es fehlt dieser Gestimmtheit jede Romantik und auch das heimelig Bergende. Unruhig fühle ich mich, ziellos in Bewegung, müde und furchtsam zugleich. Tags und nachts bewege ich mich in der Gestimmtheit. Oder begleitet jene mich auf dem Weg durch die gegenwärtige Lebenszeit? Nicht einmal da bin ich entschieden.

„Wenn die Propheten einbrächen

durch die Türen der Nacht“

Mit dieser Zeile bricht das Gedicht in meine nächtliche Gestimmtheit ein. Es gehört seit der ersten Begegnung in der Exegese-Vorlesung zum Alten Testament (AT) zu meinen Lieblingsgedichten. Prof. Dr. R. Mosis, der damalige Alttestamentler an der Uni Eichstätt, trug es in der Vorlesung zu ausgewählten Propheten des AT vor. Welche Sprache im Gedicht, die wie unvermittelt aus Jahrtausenden in die Gegenwart hinein klingt! 

„Wenn die Propheten einbrächen“ … 

Propheten, „Künder,“ (M. Buber) „berufene Rufer“ (A. Deissler) brechen in die Zeit ein. Sie durchbrechen dabei „die Felder der Gewohnheit, ein weit Entlegenes hereinholend“, wie Nelly Sachs dichtet. Der Propheten bricht eine Bresche in die Zeit des Lebens. Wer den Propheten erlebt, wird in die Gegenwart gestellt. Er wird in die Bresche gerufen, die der Prophet gebrochen hat. Er gerät in seine persönliche Gegenwart.

„Wenn die Propheten einbrächen 

durch die Türen der Nacht

und ein Ohr wie Heimat suchten –

Ohr der Menschheit,

du nesselverwachsenes,

würdest du hören?“

Der Künder vergegenwärtigt. Das ist eine Wesensdimension des Prophetischen. Indem er „ein Ohr wie Heimat sucht“, spricht er dem, der zu hören bereit ist, die Gegenwart zu. Wenn es uns gelänge, das Gehör von seinen zerstörerischen Nesseln zu befreien, dann hörten wir, was die Propheten uns zu sagen haben. Denn die Nesseln entzünden, was ankommt, reizen, fressen es an. Sie verzerren, was unser Gehör erreicht, manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Dann beginne ich nach Erklärungen zu suchen für das, was ich undeutlich oder falsch hörte. Erklärungen, die in die Irre führen, auf Abwege, in die Beunruhigung. Ich wende mich zurück, in dem ich in die Herkunft des Gehörten hinein zu hören versuche. Schon bin ich nicht mehr in der Gegenwart, sondern hafte an dem, was mich aus der Vergangenheit festhält, den ausgetretenen Pfaden von Erfahrungen, die zu Gedankenmustern führen, die das immer Gleiche durchspielen. 

„Ohr der Menschheit

du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes

würdest du hören?

Wenn die Propheten

mit den Sturmschwingen der Ewigkeit hineinführen

wenn sie aufbrächen deinen Gehörgang mit den Worten:

Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis

wer will den Sterntod erfinden?“

„Das kleine Lauschen“, das stumpf geworden ist, das sich an das durch die Nesseln im Gehör Entzündete und Verzerrte angepasst hat, das allenfalls das Befinden Störende wahrnimmt, es behindert das Hören. Es macht die Gestimmtheit nächtlich, unbestimmt im Ziel und furchtsam in der Bewegung. Wer schlecht hört, dem fällt die Orientierung schwer.

Der Prophet stellt die Zeit wieder her, in dem er sie mit dem Leben verbindet. Er führt Worte aus dem Leben im Mund, die mein Gehör aufbrechen. Das „kleine Lauschen“ öffnet sich zum Hören – und trifft auf jene unerhörte Frage: „Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis?“ Mich erreichen zwei Worte in der Frage, die mir sogleich zu Herzen gehen, Krieg und Geheimnis. Die Möglichkeit des Krieges in Europa macht mir mehr als Sorge. Sie ängstigt mich. Ich sehe, was mich daran vor allem ängstigt: die Nesseln in den Ohren, die Gesprächsangebote zu Drohungen verzerren, die friedliche Worte entzünden und so auf Taten drängen, die Krieg bedeuten. Nein, ich, viele wollen den Krieg nicht.

Gab ich mich zulange mit dem kleinen Lauschen zufrieden? Worin hab’ ich mich eingesponnen? Wie naiv verwechselte ich Heimeligkeit mit Heimat – schon immer gewarnt durch den Mentor: Wenn sich der Mensch ohne Entäußerung und Entfremdung erfasst und in realer Demokratie begründet, „so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“ (Bloch, 1976, S. 1628). Vielleicht berührt sich das eine, Heimat in utopischer Bedeutung, mit dem Geheimnis, gegen das wir Menschen Krieg immer wieder führen. Mit unserem Bedürfnis, haben zu wollen statt zu sein? Herzustellen, ins Machbare zu bringen und zu erzwingen, was sich nicht machen und zwingen lässt: eben das Geheimnis an der Wurzel unseres Daseins, meines Daseins. Geheimnis ist nichts Mysteriöses, sondern ist das, wofür der Begriff uns fehlt, der immer alles gleich verfügbar macht. Es ist das, was eben nicht verfügbar im Sinne des Rekonstruierbaren, Herstellbaren, der Bilder ist. Geheimnis scheint das, wofür es die Propheten braucht, die den Gehörgang öffnen für Worte, die wir uns selber nicht sagen können. Für das Unerhörte.

Die Verfügbarkeit, die Bilder, die Begriffe berühren die andere Frage: „Wer will den Sterntod erfinden?“ Kriegführung gegen das Geheimnis, der Wahn, alles in das geschwätzige Wort und das flutende Bild bringen zu können, führt zum Sterntod. Nelly Sachs meint wohl auch den Tod durch den angehefteten Davidsstern. Vielleicht meint sie den Tod unseres Planeten Erde mit. Wir lauschen mit unseren nesselverwucherten Ohren eben klein, focussiert auf das bisschen Wirklichkeit, das wir gerade noch erfassen können. Das ist lebensnormal. Der prophetische Durchbruch spricht gegen alle nächtliche Gestimmtheit eine Wahrheit aus. Er bricht die Bresche. In ihr vergegenwärtigt sich das Geheimnis:

„Wenn die Propheten aufständen

in der Nacht der Menschheit

wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,

Nacht der Menschheit

würdest du ein Herz zu vergeben haben?“

Das Gedicht entnehme ich aus:

  • Sachs, N. (5. Aufl. 1972): Ausgewählte Gedichte. Frankfurt (Suhrkamp), S. 25 – 27

Kontextuelle Literatur:

  • Bloch, E. (3. Aufl. 1976): Das Prinzip Hoffnung. Dritter Band. Frankfurt (Suhrkamp)
  • Bücher der Kündung (1966, verdeutscht v. Buber, M.). Köln & Olten (J. Hegener)
  • Deissler, A. (4. Aufl. 1974): Die Grundbotschaft das Alten Testaments. Ein theologischer Durchblick. Freiburg (Herder), S. 97 – 101

„Ich gebe dir mein Wort.“

„Der Präsident benutzt Sprache, um seine Gedanken zu verstecken, nicht um sie zu äußern … Interessant ist nicht, was er sagt, sondern, was er tut.“ (SZ Nr. 35, 12./13.02,2022, S. 14) So zitiert die SZ den russischen Journalisten Nikolai Swanidse. Gemeint ist W. Putin. Wird solcher Gebrauch von Sprache der Sprache gerecht? Sprache als Versteck der Gedanken?

Wiewohl es reizvoll ist, will ich mich nicht philosophisch mit der These „Sprache als Versteck der Gedanken“ auseinandersetzen. Meine Besorgnis angesichts des bedrohten Friedens in Europa veranlasst  mich, die These in einem eher psychologischen Kontext aufgreifen. Es geht um Vertrauen.

„Ich gebe dir mein Wort.“, sagen wir einander. Dadurch stellen Menschen für einander Verlässlichkeit her. „Mein Wort“ wird für den anderen eine Zusage, auf die er etwas in seinem Leben gründen kann. In „meinem Wort“ spreche ich mit dem anderen über meine Beziehung zu mir selbst und zu dem Wirklichkeitsausschnitt, zu dem ich „mein Wort“ gebe. Ich drücke darin meine persönliche Verbundenheit mit ebendieser Wirklichkeit aus. Und ich sage dem anderen darin zu, dass ich mich mit „meinem Wortes“ verbinde. Verbindlichkeit im Wort kann dem anderen Grund sein, „meinem Wort“ und mir zu trauen. Vertrauen entsteht. Die Erfahrung wird es bestätigen oder in Frage stellen. 

Letztlich beruht auch das Vertrauen in Informationen darauf, dass mir jemand Anhaltspunkte gibt, dem Inhalt seiner Rede zu trauen. Der Grund kann liegt im Informanten. Er weist sich auf der Sachebene als fachlich kompetent und als zuverlässig in der Recherche aus. Er verwendet eine Sprache, in der Inhalte möglichst eindeutig formuliert werden und überprüfbar sind. Die Intention, informieren zu wollen, ist mir nachvollziehbar. Ich halte den Informanten für vertrauenswürdig und  die Information für verlässlich. Durch Überprüfung wird die Verlässlichkeit bestätigt oder in Frage gestellt.

Ein autokratischer Politiker benützt die Sprache, mit der wir Menschen uns eine einzigartige Möglichkeit der Vertrauenswürdigkeit geschaffen haben, anders: Er verschleiert seine Gedanken damit. Er gibt  nicht „sein“ Wort. Er hält seine persönliche Verbundenheit mit der Wirklichkeit zurück. Er teilt nichts darüber mit, was er mit der Wirklichkeit beabsichtigt. So werden seine Intentionen nicht greifbar. Nicht einmal Anhaltspunkte liefern die Worte, weil sie keinen Bezug zum Sprecher haben. Er gibt letztlich immer weniger sein „Wort“. Derart beziehungslos zur Wirklichkeit werden Worte zu Hohlformen, die keine Verbindlichkeit mehr haben. Sie werden zu Buchstabenfolgen, zu Lauten, die konventionell zusammengefügt sind. Schließlich werden auch die Konventionen, die den Worten eine Ordnung geben, unterlaufen. Es wird bedeutungslos, was gesagt wird. Der Bezugsraum des Vertrauens ist aufgehoben. Die Sprache ist als Haus des Vertrauens völlig entkernt.

Wir sollten uns klar machen, wie weit Autokratie führen kann. Sie höhlt die Sprache aus, indem sie jene als Versteck für die Gedanken gebraucht. Die einzige Funktion der Worte besteht darin, den Sprecher in seiner machtvollen Vorhandenheit anzuzeigen. Mehr teilt sich in der Sprache nicht mehr mit. Charlie Chaplin führte dies in seinem Film „Der große Diktator“ meisterhaft vor. Ich spreche, also bin ich vorhanden. Ich spreche, also habe ich Macht. Bloße Vorhandenheit aber stellt keine Beziehung her. Autokraten werden einsame Menschen. Sie distanzieren sich zunehmend von denen, über die sie ihre Macht ausüben. Wo nur noch Distanz herrscht, verliert sich das Vertrauen. Das Vakuum füllt sich mit Angst. Manche Psychotherapeuten sprechen von „Vakatwucherungen“. Sie beschreiben damit, dass in vertrauensentleerte Räume krisenbegünstigende Ersatzgefühle hinein wuchern.

Was Autokraten bleibt, ist die Tat. Sie zeigen ihre Macht in dem, was sie tun. Die anderen müssen mit dem, was sie gemacht haben, leben. Deshalb fühlen wir uns gegenüber Autokraten zur Sprachlosigkeit verurteilt. Denn der autokratischen Sprache wurden die Gedanken entzogen, die etwas über die Verbundenheit mit der Wirklichkeit mitteilen. Worauf kann ich da noch vertrauen? Ein Autokrat gibt keinem „sein Wort“. Er zahlt mit der Tat, ganz nach seinem persönlichen Gutdünken. So ermöglichen auch die Taten kein Vertrauen. 

Mich ärgert es deshalb, wenn die sprachliche Zurückhaltung der Bundesregierung kritisiert wird. Verbale Diät kann die Sorge um das rechte Wort ausdrücken. Zu jener gehört die Klärung der Gedanken. Für den geklärten Gedanken lassen sich dann Worte finden, die man geben kann. Dazu braucht es die Stille. 

Der Psychotherapeut Uwe Böschemeyer (2003, S. 286) gibt mir seine Worte für den Prozess der Wortfindung, die ich gerne weitergebe: „Wenn ich mich auf ein wichtiges Gespräch vorbereite, suche ich die Stille. Denn die Stille ist der ‚Ort‘, an dem sich die Seele sammelt und sich deutlicher als sonst zur Sprache bringt. … Vernachlässigte Gedanken und Gefühle gewinnen wieder Raum. Das Tor zur Intuition weitet sich. Bilder des Geistes werden sichtbar, Gründe für Leben fühlbar. Die Wurzeln der Wörter zeigen sich. Die Worte werden elementar, echt, unmittelbar.“ Solche Worte teilen die Verbundenheit des Autors mit der Wirklichkeit mit. Die Worte offenbaren Gedanken. 

Ich finde es beruhigend, wenn die Bundesregierung nicht einfach Worte von sich gibt, sondern wenn sie uns Worte gibt, denen wir vertrauen können. Das können weniger Worte sein, als wir es in der Lautsprache unserer Zeiten gewohnt sind. Wenn sie geistvoll sind und Gründe zu leben enthalten, dann können wir vertrauensvoll auf die Taten warten. Worte und Taten werden dann aufeinander beziehbar sein. Anders als bei Herrn Putin, der seine Gedanken hinter den Worten versteckt und nur Taten sprechen lässt. Ohne Kontext. Unverständlich. 

Böschemeyer, U. (2003): Worauf es ankommt. Werte als Wegweiser. München (Piper)

Sorge um den Frieden

Die Ukraine wird von Russland militärisch unter Druck gesetzt. Der Truppenaufmarsch Russlands an der Ostgrenze des europäischen Landes bedroht nicht nur die Ukraine. Er löst in Europa Sorge um den Frieden aus. Wenn wir Europäer uns ein wenig Zeit nähmen und nicht nur die Entwicklung der Pandemie focussierten, dann würde uns klar, die Entwicklung im Osten unseres Kontinents gibt Anlass zur Sorge um den Frieden für uns alle. Wir leben sehr selbstverständlich in einem friedlichen Umfeld. Die Balkankriege (1991 – 1999) sind fast schon in Vergessenheit geraten. Zuletzt wurden sie angesichts der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke (2019) erinnert. Die dschihadistischen Terroranschläge seit 2015 bewirkten nicht die wohl angestrebte Destabilisierung Europas. Deutschland war seit 1945 von keinem Krieg unmittelbar bedroht. Wir haben uns an den Frieden gewöhnen dürfen. 

Was wir jetzt wahrnehmen könnten, wenn unsere Aufmerksamkeit nicht derart durch die diversen Interessen in der Pandemie gelenkt wäre, ist das Geschenk des Friedens. Jetzt, da er in einer Weise in Frage gestellt wird, die an die Zeit des „Kalten Krieges“ (1945 – 1991) erinnert. Die Eskalationsrhetorik, die in die Beziehung zwischen Putins Russland, der Nato und der Europäischen Union zurückkehrt, erinnert mich deutlich an die sprachlichen Drohgebärden des Kalten Krieges. Die beiden Bündnissysteme, der Warschauer Pakt unter Führung der damaligen Sowjetunion und die Nato mit deren Führungsmacht USA, hielten einander um den Preis eines unglaublichen atomaren Wettrüstens in Schach. Jährlich veröffentlichte das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI den Overkillfaktor des immer weiter wachsenden Nuklearwaffenarsenals. Overkill beschreibt, für wieviele Vernichtungen der Erde der Bestand an Atomwaffen ausreichen würde. Es ist eine der großen politischen Leistungen der neunziger Jahre, durch umfassende Vertragswerke, durch die Wiedervereinigung Deutschlands, durch die Erweiterung der EU eine Stabilisierung der damaligen Weltordnung eingeleitet zu haben. Der nach den Balkankriegen stabile Frieden in Europa, die Annäherung der europäischen Union, der USA und Russlands gehörten zu den Garanten dafür. 

Das scheint seit einigen Jahren Vergangenheit zu werden. Derzeit sind wir mit einer deutlichen Veränderung der politischen Weltordnung konfrontiert, die der ökonomischen nachfolgt. Die Dependenzen der europäischen und US-amerikanischen Wirtschaft von den ostasiatischen Staaten wie China, Korea, Taiwan, Vietnam, Indien zeigten sich überdeutlich durch die Pandemie. Der erhebliche globale, zunehmend politische Einfluss der asiatischen Wirtschaftsnationen, die auch kriegerische Konkurrenzen um wichtige Ressourcen im westasiatischen und afrikanischen Raum austragen, scheint mitverantwortlich für die Flüchtlingsbewegungen. Die Tendenzen zur Renationalisierung und Repatriotisierung in Europa dürften dadurch begünstigt werden. Die Rede ist immer wieder von der „Festung Europa“. Keine zielführende Entwicklung, wie jetzt der neuerliche Ukraine-Konflikt zeigt.

Was mich daran irritiert, ist die Art und Weise, wie europäische Länder sich zu dieser Lage verhalten. Vielleicht ist es Diplomatie, vielleicht ist es einfach Unschlüssigkeit. Denn auch die Politiker haben sich daran gewöhnt, im Marketingstil zu agieren. Entweder es wird in inhaltsleeren Phrasen beschworen, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Oder man wagt markige Worte, wie die Unantastbarkeit der osteuropäischen Grenzen und den Verweis auf schwerwiegende Folgen, falls Russland erneut den Respekt vor dem Staatsgebiet der Ukraine aufgibt. Bei mir bleibt ein schales Gefühl: Wird Europa, wird die Nato zu diesen Worten stehen – oder bemüht man sich der „Kalte-Krieg-Rhetorik“ in der Hoffnung auf die alte Wirksamkeit? Sind auch diese Worte Hohlformen? Sind Hohlformen wirksam?

Uns allen sollte jetzt klar sein, dass Frieden eben nicht selbstverständlich ist. Er ist eine Folge des guten Willens vieler Beteiligter. Er ist vor allem eine Wirkung demokratischen Bewusstseins, zu dem für uns Europäer das Zusammenspiel der Staaten in der Europäischen Union gehört. Dieses Zusammenspiel erscheint oft all zu leicht: ziemlich offene Grenzen, die Freizügigkeit, ein starker Wirtschaftsraum, der den Wohlstand aller fördert. Dieses Zusammenspiel ist auch mühsam und fordernd: Wie weit geht meine persönliche Bereitschaft, in schwierigen Lagen zugunsten des europäischen Zusammenhaltes auf Gewohnheitsrechte zu verzichten? Probleme nicht vorwiegend durch „Brüssel“ verursacht zu sehen? Über die Nabelschau „Made in Germany“ hinaus die Überlegenheit mancher europäischer Nachbarn z.B. in der Digitalisierung des Gesundheitswesens anzuerkennen und folglich von ihnen zu lernen? Bin ich bereit, den europäischen Wirtschaftsraum wirklich auch als politischen Raum anzuerkennen und vor allem auch als gemeinsamen Bildungsraum? Wer sich wirklich informiert und nicht nur medialen Meinungstrends hinterher läuft, wer offen ist für das Andere, Neue, Unterbrechende und Ungewohnte in einem so kulturreichen Gebilde wie der EU, wer die nationalen und europäischen Wahlen ernst nimmt, wer alle Menschen im europäischen Lebensraum willkommen heißt, der pflegt das demokratische Bewusstsein und dadurch den Frieden. Der trägt dazu bei, dass Politiker es wagen, auch einmal unpopulär zu sein und sich differenziert zu äußern – und nichtvorwiegend politisches Marketing zu betreiben. Frieden ist nicht marketingfähig. Frieden für uns alles setzt unser aller Ethos voraus. Wer ethisch denkt, dem ist bewusst, wieviel für den Erhalt des Frieden reflektiert, gelebt und gewagt werden muss. Frieden fordert demokratischen Mut.

Die Veränderung der politischen Weltordnung bedarf der Veränderungsreflexion des Wertesystems und der damit zusammenhängenden Güterordnung. Sie bedarf eines in Wertvorstellungen und der zugehörigen Bildungsbereitschaft begründeten europäischen Selbstbewusstseins und des Mutes, es auch auszusprechen. Und nicht nur des Starrens auf ein Virus.

Kirchlicher Missbrauch: Verbrechen wider die Menschlichkeit.

Nie mehr wollte ich solche Texte schreiben. Ich habe jedoch die ganze Macht der Institution „römisch-katholische Kirche“ erfahren, als vereitelter Priesteramtskandidat, als abgewiesener Promovent in Kath. Theologie, als entlassene Lehrkraft für Kath. Religion. Schließlich trat ich aus der Kirche aus. So hatte ich zu meinem Frieden gefunden, gerade dadurch, dass die Institution und deren Lehren für mein Leben keine Bedeutung mehr hatten. Ich bin im wörtlichen Sinn Gott los geworden. Mein Leben führe ich dem Verstand und der Vernunft verpflichtet, im Vertrauen auf das Mitgefühl und mein ethisches Gespür.

Nie wollte ich diesen Text schreiben. Denn die Kirche ist mir die Energie des Denkens nicht mehr wert. Schade auch um die verschwendeten Worte dazu …, dachte ich bis jetzt. Was in diesen Tagen durch das Münchener Gutachten zum sexuellen Missbrauch beweiskräftig aufgrund der Aktenlage und durch die Stimmen Betroffener menschlich überzeugend in die Öffentlichkeit kam, das konfrontiert mich mit den persönlichen Erfahrungen, die ich mit zu vielen Vertretern dieser Institution machte. Ich wurde nie von kirchlichen Amtsträgern sexuell missbraucht. Ich musste die Haltung erfahren, die den Missbrauch nachvollziehbar macht. Dass die Ignoranz des Missbrauchs bis in die Funktion des Papsttums reicht, entsetzt mich. Wegen der Haltung der „docta ignorantia“ (Nikolaus von Kues), der bewussten Unbelehrbarkeit. Wie kann der aktuelle Papst vor kurzem Frauen weltweit rügen, weil sie selbstbewusst mit dem Kinderwunsch umgehen, wenn andererseits zahllose in den kirchlichen Ordo geweihte Priester und Diakone sich an Kindern und Jugendlichen vergehen und vom Netzwerk der Bischöfe und Generalvikare gedeckt werden? Wie kann ein Papst vom intellektuellen Niveau eines Prof. Dr. J. Ratzinger Exhibitionismus und öffentliche Masturbation eines Priesters als groben Missbrauch übersehen, weil mutmaßlich keine sexuelle Berührung der Opfer stattfand? Er konnte in vielen Causae, hier nur exemplarisch genannt: Hans Küng und Leonardo Boff (Repräsentant der lateinamerikanischen Befreiungstheologie), fachlich scharfsinnig und in der Folge kirchenjuristisch mit großer Schärfe urteilen und verurteilen. Missbrauch gehört nicht zu den Gegenständen des feinsinnigen Denkers.

Die Kirche betreibt, zumindest in Deutschland und in Rom, im Missbrauchsskandal ihre eigene moralische und organisatorische Selbstaufhebung. Nicht, weil der Missbrauch passierte, sondern weil er kaum verfolgt, weil er vertuscht, verschoben, ignoriert wurde. Das ist moralische Schuld. Schuld zieht Schaden und Schmerz nach sich. Er wird einfach übersehen und in dürren Verlautbaren erstickt. Ist diese bewusste Unbelehrbarkeit vielleicht die rätselhafte „Lästerung gegen den Hl. Geist“, die das Neue Testament für die nicht vergebbare Verfehlung (Mt 12, 31b) hält? Die Ignoranz, die das Verbrechen gegen die Menschlichkeit schützt?

Menschen kamen zu Schaden. Menschen wurden schwerst krank, erlitten Traumen, ringen mit schlimmen depressiven und Angstzuständen, leiden unter Zwängen. Menschen verlieren durch die billigende Schuld der Kirche ganze Bereiche ihrer Existenz. Nicht einzelne. Viele! Was das Ganze aufgipfelt, ist, dass eben sie Menschen sind, die in den christlichen Glauben hineinwachsen, denen seitens kirchlicher Amtsträger bergende, heilende Gemeinschaft versprochen wird, die in jüngsten Jahren ehrenamtliche Dienste in den Kirchengemeinden übernehmen, als MinistrantInnen, als GruppenleiterInnen, als PfadfinderInnen, ChorsängerInnen. Ihr Glaube und ihre vertrauensvolle Beziehung zu einem Amtsträger – denn von Seelsorgern zu sprechen, verbietet sich – wurde manipulativ missbraucht. Dabei nehmen die Missbrauchenden Störungen, ja die Zerstörung von Vertrauens- und Bindungsfähigkeit, des kindlichen Glaubens und des pubertierenden Ringens um die wahrhafte Überzeugung, vielleicht in manchen Fällen sogar des persönlichen Zeugnisses für den Glauben in einem kritischen Umfeld in Kauf. Aus jungen Menschen, die in der Kraft der Gestalterhaltung lebten, werden Opfer. Sie werden der Macht des Triebtäters unterworfen. Sie werden inmitten ihrer Identitätsentwicklung zu einem zweiten geheimen Leben gezwungen. Und dann weggestellt, allein gelassen, auch von der Institution Kirche, die sich mehr um die „gefallenen Brüder“ und den Schutz der sog. „Würdenträger“ kümmert, als sich um die beschädigten jungen Menschen auf ihrem unerhörten Weg des Schweigens, des Unverstandenseins, der Beargwöhnung zu sorgen. So geht es dem Kurienkardinal Ludwig Müller in einer Stellungnahme (21.01.2022) mehr darum, den emeritierten Papst aus dem Angriffsfeld zu nehmen, als die Betroffenen, Leidenden, Zerstörten in Schutz.

Wer in der deutschen und der römischen Institution stärkt die Betroffenenperspektive? Wer spürt, fühlt, denkt sich in die unzähligen Menschen hinein, die den Mut hatten, weiter zu leben, oft auch weiter in dieser Kirche zu leben? Wo ist das Mitgefühl, die Verbündung mit den Opfern der Verbrechen? Wo sehen wir außer den fahlen Entschuldigungen, die nur die Opfer gewähren können, Reue, Buße? Wo sind die Zeichen der beschämten Demut und der Verneigung vor dem Geheimnis derer, die weiterleben mit der Beschämung, der priestergemachten Unterbrechung in ihrer Biographie, der menschenverachtenden Entwertung des jungen Menschen zum Lustding?

Im Ersten Vatikanischen Konzil wurde der Papst als unfehlbar erklärt, wenn er als Lehrer aller Christen in Glaubens- und Sittenfragen eine abschließende Entscheidung fällt und sie als Dogma verkündet. Müsste nicht angesichts des weltweiten schwersten moralischen Irrtums, nämlich Missbrauch seitens kirchlicher Amtsträger als minder schwere Verfehlung einzuschätzen und deshalb zu ignorieren, zumindest der Teil des Dogmas revidiert werden, der die Unfehlbarkeit in Sittenfragen behauptet? Wie kann eine Kirche theologisch für Lebensschutz argumentieren, die vergisst, dass es Menschen sind, die leben? Dass es Menschen sind, die sich gegen andere vergehen? Wie kann eine Kirche ihren Kern, die Seelsorge aufgeben, indem sie die Institution vor den Menschen stellt? 

Nie hätte ich diesen Text schreiben, nie mehr all diese Fragen aufwerfen wollen. Die Vergessenheit der Menschen, denen Lebensbedrohliches, Lebenszerstörendes widerfahren ist, der zynische Blick der Bischöfe und der beiden Päpste an diesen beschämten und misshandelten Menschen vorbei auf die Bewahrung der Institution, veranlasst mich dazu, das nach vierzig Jahren wieder auszusprechen, was ich schon als Theologiestudent sagte: Diese Kirche hat ihre Grundorientierung verloren. Sie taugt nicht für das, was Jesus von Nazareth das Reich Gottes nannte. Denn sie ist zutiefst unmenschlich.

Für mich selbst sein

Ist es eine Frage meines Alters? 

Immer häufiger spüre ich das Bedürfnis, für mich selbst zu sein. Damit meine ich nicht das Alleine sein, den ungeteilten Wanderweg oder das stille Kämmerlein. Es ist eher der Wunsch, nicht angesprochen, nicht gesucht, nicht beansprucht zu sein von anderen Menschen. Dazu gehört auch, mit meiner Antwort auf eine Mail oder WhatsApp-Nachricht so lange zu warten, bis es für mich dafür die rechte Zeit ist. Ich nehme meine Abneigung wahr, an etwas teilnehmen zu sollen, sei es an einem Gespräch im Zug oder im Café, sei es an Zusammenkünften und Feiern. Ich will mich zurückziehen können und keinem dafür Rechenschaft schuldig sein.

Ich meine mit dem Bedürfnis, für mich selbst zu sein, mitten unter Menschen einfach da zu sein und auf meine Weise teilzunehmen, angeregt zu persönlichen Gedanken und zum persönlichen Verweilen bei dem, was mir auffällt und mich interessiert. Oder mich zum Lesen, zur Reflexion, ans Klavier, zum Schreiben zurückzuziehen vom Vielen. Gerne lasse ich mich auch von den Skulpturen in der Wohnung gefangen nehmen. In solcher Sammlung komme ich nicht nur auf mich zurück, sondern tauche in die Energie ein, die ein Lesetext oder einer, den ich gerade schreibe, entfaltet. Ich lebe mich in eine Komposition ein, die ich am Klavier zu spielen versuche. Ich lasse mich ein in die Magie der Bedeutsamkeiten, die die Skulpturen entfalten. Und manchmal ist es einfach nur das Sinnieren ohne bewusstes Interesse, ohne beabsichtigtes Ziel, ohne Kristallisationspunkt für eine Gedankenentwicklung, in dem ich bei mir bin.

Tatsächlich ist es zuweilen die wirkliche Einsamkeit, die ich genieße. Keine Menschen um mich, wenig Geräusch, nichts, was auf irgendeine Weise Aufmerksamkeit fordert. Das ist nicht das Alleine sein. Jenes entsteht, weil es keinen gibt, der da wäre, oder weil ich mich selbst nicht auf Menschen zu bewegen kann – oder auch, weil ich in der Fremde bin, in einem fremden Leben, das ich nie so führen wollte. Das alles erzeugt das Gefühl, alleine zu sein. Einsamkeit ist von mir selbst gewählt. Sie bildet sich in der ungestörten und kaum störbaren Zuwendung an das, was mir gerade wertvoll ist, oder auch im Rückzug von dem, was mich zerstreut. Oft ist im Tag so Vieles, zu Vieles, dem mich widmen zu sollen oder gar zu müssen, ich meine. Gerade da kommt die Sehnsucht nach Einsamkeit, nach dem Für mich selbst sein auf. 

Ein wenig hat das Bedürfnis danach, für mich selbst zu sein, schon mit meinem Alter zu tun. Die Aufmerksamkeitslenkung auf das Sinnvolle unter dem Vielen, die Konzentration, bei dem zu bleiben, was angefangen, weitergeführt und beendet werden soll, ist mir allemal und über lange Strecken hin möglich. Erst danach spüre ich, wieviel Energie ich aufwenden musste, damit ich in Aufmerksamkeit und Konzentration verweilen konnte. Immer öfter nehme ich seit einigen Jahren den Wunsch wahr, für mich selbst zu sein zu können und so zu regenerieren. Viel zu oft erlaube ich es mir nicht, obwohl es gerade nach großem Kraftaufwand das Beste wäre, was ich mir gönnen kann.

Ein Zug dieser Einsamkeit ist es, dass mir immer weniger Menschen persönlich wichtig sind. Ich brauchte nie die vielen Bekannte und Freunde. Es waren immer wenige, denen ich mich tief verbunden fühlte. Wenn ich auf meine wichtigste Freundschaft im Leben blicke, dann eignete ihr vor allem anderen der Respekt vor dem Bedürfnis, auch für sich selbst zu sein. Und ich lernte noch etwas: Freundschaften, die sich aus einem gemeinsamen beruflichen oder fachlichen Interesse ergaben, überlebten dieses Interesse oft nicht lange. Denn solche Freundschaften enthalten die Tendenz, sich in der gemeinsamen Sache von einander abhängig zu machen. Es sind nicht viele Menschen, die mir wichtig sind. Meist sind sie auch gerne für sich selbst. Auch das mag eine Folge meines Alters sein, freundschaftliche Bindungen lösen zu können, und ohne Hader zu verstehen, dass sich andere von mir zurückziehen.

Für mich selbst zu sein, ist mir wertvoll. Denn es bedeutet, mit mir sein zu können, und immer wieder, es mit mir auszuhalten. Je wahrhaftiger mir das gelingt, meine ich, umso leichter fällt es anderen, mit mir zusammen zu sein und mein lebenswichtiges Bedürfnis nach Einsamkeit zu tolerieren, vielleicht sogar zu schätzen.

Unfreiheit und Freiheit

Es ist leider keine Debatte entbrannt über Unfreiheit und Freiheit. Eine wachsende Zahl Deutscher fühlt sich um die Freiheit gebracht. Sie fühlen sich unfrei. Umso lauter, aggressiver und gewalttätiger wird die Freiheit eingefordert. Ein Diskurs findet nicht statt. Dabei ist die Frage zuerst philosophisch. J.G. Fichte  (1762 – 1814) pointierte sie: „Welche von beiden Meinungen soll ich ergreifen? Bin ich frei und selbständig, oder bin nichts an mir selbst, und lediglich Erscheinung einer fremden Kraft?“ (Fichte, J.G. (1800): Die Bestimmung des Menschen, Medicus-Ausgabe. Band II, S. 31)

Fichte, einer der begrifflich präzisesten Philosophen der Geschichte, spricht von zwei „Meinungen“. Die eine geht von der Freiheit des Menschen, die andere von dessen Unfreiheit aus. Nehmen wir einmal an: Der Mensch ist unfrei. Das heißt dann, die Intelligenz des Menschen ist so gestaltet, dass sie oder er fremde Gedanken für die eigenen hält. Der Wille ist fremdbestimmt. Die Entscheidungen bestehen Vollzug der einen, vorgegebenen Möglichkeit. Sein Verhalten ist programmiert und sein Handeln mechanisch. Er verfügt über kein Selbstbewusstsein im strengen Sinn. Denn er hat als unfreier Mensch kein Selbst. Er ist gesteuert und weiß nicht von wem und wie. Nach den Motiven seines Verhaltens, seines Handelns gefragt, bleibt ihm die Antwort: Weil es so ist, wie es ist. Oder: Schulterzucken. Ich weiß nicht. Und ganz weit vorgewagt: Wahrscheinlich muss es so sein.

In der Antwort, „wahrscheinlich muss es so sein“ ist ein wenig Distanz zum unfreien Geschehen wahrzunehmen. Da blitzt eine Ahnung davon auf, dass es auch anderes gibt. Dieses andere nun entzieht sich der Regel, dem „muss“. Denn der Unfreie kennt keine Alternativen und, wenn er sie kennt, verwirft er sie. Denn alles, was ist, muss so sein. Richtig ist nur, was sich aus der Abhängigkeit seiner Fremdbestimmung ergibt. So zumindest sieht es aus der Perspektive des freien Menschen aus. 

Wer frei ist, hat zunächst ein Bewusstsein des Raumes und der Zeit. Das zeigte Kant (1724 – 1804) in den ersten Analysen des Verstandes in seiner Kritik der reinen Vernunft (Transzendentale Ästhetik, B 33 – 73). Raum als Verstandesform setzt ein Nebeneinander von Unterscheidbarem. Unterscheidbar werden die Raumdinge in der Zeit. Sie ermöglicht, den Raumdingen einen Zeitpunkt innerhalb der Zeitreihe zu zu ordnen. Dasselbe Ding kann sich nicht zur selben Zeit an unterschiedlichen Raumorten aufhalten. Nun fragt die Philosophie, von welchem Standpunkt aus dieser Zusammenhang von Raum und Zeit erkennbar und letztlich wissbar ist? Kants Antwort: Raum und Zeit sind Anschauungsformen des Verstandes. Diese Anschauungsformen kann der Betrachter nicht nur an anderem sehen. Vielmehr sieht er sich selbst in Raum und Zeit. Ihm ist es möglich, Raum und Zeit auf sich anzuwenden. Wie weiß er davon? Nun bewegt sich die Frage weg von der Wahrnehmung zur Logik der Begriffe. Stellt man erneut die Wissensfrage, dann ergibt sich, dass ich als Fragender mit Verstand es bin, der verständig die Notwendigkeit und die Berechtigung dieser Frage einsieht und weiß, dass er sie gerade stellt oder gestellt hat. Er entdeckt sich als Fragenden und zugleich als den, der durch kritische Reflexion auch zu Einsichten findet, die er als seine weiß. Das nennen wir „kritisches Wissen“. Die kritische Einsicht ist durch das Selbstbewusstsein möglich. Kant nennt es das „Ich denke“: „Das: Ich denke, muß alle Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was garnicht gedacht werden könnte, welches ebensoviel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein.“ (Kritik der reinen Vernunft, B 131 f.) Was der lange, verschachtelte Satz ausdrückt, ist hochinteressant für die Frage nach frei und unfrei.

Die These lautet: Mein Selbstbewusstsein muss alle meine Vorstellungen begleiten können. Hier wird eine Fähigkeit des Selbstbewusstseins beschrieben: Es stellt ein Verhältnis zwischen mir selbst als jemand, der sich etwas vorstellt, und dem her, was ich mir vorstelle. Das Verhältnis ist mir immer bewusst, wenn ich mir etwas vorstelle. Philosophen nennen das Selbstverhältnis.

Die Gegenthese heißt dann: Bin ich mir meiner Vorstellungen nicht bewusst, kann ich nicht entscheiden, ob die Vorstellung unmöglich ist oder zumindest für mich keine Bedeutung hat. Anders gesagt: Ohne Selbstbewusstsein bleibt mir auf die Frage nach dem „von wem und wie“ der Vorstellung nur das Schulternzucken.

Daraus – jetzt überspringe ich ca, 300 Seiten weiterer kritischer Analysen Kants – folgert er, dass Freiheit in einem engen Zusammenhang mit dem Selbstbewusstsein, dem „Ich denke“, steht. Sie ist der spontane Akt des „Ich denke“ im Sinne eines begründbaren, darstellbaren und nachvollziehbaren Wissens von allem, was ich mir vorstellen kann. Selbstbewusstsein und Schulternzucken schließen zumindest, was die Unterscheidung von frei und unfrei anbelangt, einander aus. 

Was Fichte, vor einer eigenen kritischen philosophischen Untersuchung, als Meinung bezeichnet, ist bereits durch die Philosophie I. Kants als Ergebnis einer nachvollziehbaren gedanklichen Operation erwiesen. Nun, es ist nicht falsch, selbst eingehend zu überprüfen, was Autoritäten vorgedacht haben. 

Wie verhält sich das jetzt mit dem Gefühl einer wachsenden Zahl Deutscher, um die Freiheit gebracht worden, also unfrei zu sein? Von der Unfreiheit kann sich jeder befreien, der bereit ist, kritisch darüber nachzudenken, wie es um sein „Ich denke“ und das damit verbundene Selbstverhältnis steht. Seit dem 18., Jhdt. nennt die Philosophie diesen Prozess „Aufklärung“. Kant hat 1783 den Begriff definiert: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmüdigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ (Berlinische Monatsschrift Dez. 1784, S. 516)

Sapere aude! Habe den Mut, selbst zu einem Schluss zu kommen, wie die DemonstrantInnen der letzten Wochen zu sehen sind!

Werkstattbericht 3

Vor genau einem Jahr veröffentlichte ich den ersten Blog. Inzwischen schreibe ich den 50. Beitrag auf meiner Seite. Zeit für einen Werkstattbericht, in dem ich zurückblicke auf das vergangene Jahr 2021. Rückblicke haben unterschiedliche Funktionen. 

  • Vergegenwärtigung: Sie gehen vergangene Ereignisse noch einmal durch, um sie zu erinnern. 
  • Revision: Sie gehen den niedergelegten Gedanken nach, um manches aus der heutigen Perspektive umzudenken.
  • Stellungnahme: Ereignisse und die Gedanken dazu werden neu, aus der jetzigen Einsicht verändert bewertet.

Wenn ich die Blogbeiträge durchgehe, dann ergeben sich drei Themenfelder. Immer wieder beschäftigte mich das politische oder gesellschaftliche Geschehen. Ob es die Aktualität der Pandemie war, politische Ereignisse in der Blickweite meiner Lebenswelt, die Bundestagswahl oder ethische Krisen waren, durch einiges wurde ich zur Stellungnahme gefordert. Dabei dienen die Beiträge oft der persönlichen Klärung. Was ins Wort gebracht ist, erhält nicht nur grammatische, sondern auch semantische Ordnung. Für mich ist das Schreiben „die allmähliche Verfertigung des Gedankens“ (H. v. Kleist). Daneben stehen Texte, die persönliche Entdeckungen zu den Feiertagen des Jahres formulieren. Auch die seltenen Texte zu literarischen und künstlerischen Entdeckungen zähle ich zu diesen Entdeckungen. Gelegentlich ließ ich an Privatem teilhaben. 

Blicke ich auf die Inhalte, dann geht es oft um die Dialektik von Freiheit und Verantwortlichkeit, die mir persönlich sehr wichtig ist. Ohne in der Verantwortung die Freiräume zu sehen und ohne die Freiheit in der Verantwortlichkeit zu begrenzen, gerät das Leben und seine Welt aus den Fugen. Es gibt Zeiten, in denen die Freiheit nahezu alles ist, in denen zugelassenes Chaos sich in Person und Leben einstellt. Es sind Zeiten der Sinnfindung und Wertorientierung, in denen das Fragezeichen, das Verlassen gewohnter Bahnen, eine gewisse Unbändigkeit in mir und meinem Leben Raum greifen. Die Verantwortlichkeit für Andere, meine Lebenswelt und mich selbst fangen diese Freiheit ein. Ich binde sie dann zurück an die Werte, die für mich wie Prinzipien sind, an die Disziplin im Denken, das den Strukturen im Chaos nachgeht oder neue Strukturen schafft. Hier übernimmt die reflektierende Lektüre eine wichtige Aufgabe. Die Gedankendisziplin wirklicher Philosophie, die ich inzwischen von philosophischer Publizistik unterscheide, oder die Information des meist psychologischen Fachbuchs regen mein eigenes Denken im Sinne der Reflexion an. Sie machen mich nachdenklich. Im Abarbeiten an fremden Gedankenordnungen und -führungen finde ich wieder zum persönlichen Maß zurück. Es besteht in einer sinnhaften Bezogenheit von Freiheit und Verantwortlichkeit aufeinander. Mein Leben wird dann wieder von mir geführt. 

Ein anderer bedeutsamer Inhalt kreist um die Endlichkeit des Menschen und seines Lebens, die Sterblichkeit, das Sterben und den Tod. Er ergibt sich aus der hospizwissenschaftlichen Forschung. Die vielen Erfahrungen mit sterbenden und trauernden Menschen in der früheren aktiven Hospizarbeit und psychotherapeutischen Praxis bilden deren faktische Grundlage. Mir wird es zunehmend wichtiger, wenn ich die Erfahrungen in die Reflexion nehme, sie psychologisch rekonstruiere oder sie psychotherapeutisch aufbereite, die Perspektive der Betroffenheit zu vermitteln. Es geht nicht um das Sterben und den Tod, die Abstraktionen vom persönlichen Sterben eines bestimmten Menschen und der Todeserfahrung einzelner, konkreter Trauernder sind. Meine Überlegungen versuchen den individuellen Lebensraum für Sterbende zu öffnen, indem ich BegleiterInnen, Pflegende und Behandelnde für die existenzielle Dimension der Umsorge zu interessieren versuche. Dabei geht es auch, altersbedingt, um das eigene „memento mori“, die persönliche Sterblichkeit, die alle meine Lebensvollzüge begleitet. Ist es der Rat christlicher Kontemplation, das eigene Tun „sub specie aeternitatis“, unter dem Schein der Ewigkeit, zu betrachten, habe ich mir eine andere Perspektive zu eigen gemacht: das persönliche Leben unter der Hinsicht der Endlichkeit, der Sterblichkeit anzuschauen. Jene ist kein Schein, beruht nicht auf einer transzendenten Wette, sondern ist das factum brutum des Lebens, dessen sicherste Tatsache. Ich werde sterben, ohne den Zeitpunkt dafür zu wissen. Das verändert zuweilen die Bewertungen des aktuellen Denkens und Handelns, das Gewicht, das ich Stimmungen und Gefühlen gebe.

Rückblicke sind wie das Einatmen, um sich und die Lebenswelt in der Gegenwart zu versammeln. Darauf folgt das Ausatmen. Es bringt einen in Distanz zu dem, was im Rückblick vergegenwärtigt wurde. Und es lenkt die Energie des Atems dorthin, wo sie gebraucht wird: für das Leben der nächsten Zeit. Mit dem Wissen, was ich gelebt habe, mit den Bewertungen, wie ich es gelebt habe, schärfe ich meinen Hinblick auf das, was auch mich zukommt, was an Neuem zu übernehmen ist, was weitergeführt werden soll oder muss, was einfach sein gelassen werden kann. Ich werde mir so auch, leider viel zu selten, der Energie bewusst, die ich verausgabte, und, die ich künftig bewusster und gezielter als bisher investieren will. So verfestigte sich in einer Reihe von existenziellen Entscheidungen des letzten Jahres, die nicht in den Blog gelangten, das Gefühl: die Pflicht des Lebens ist meistenteils getan. Was ich gerade lebe und was auf mich zukommt, hat viel vom Kürprogramm des Lebens. Gerade weil vieles unmittelbar zur freien Wahl gestellt ist. Ich kann es leben oder auch sein lassen. In jedem Fall werde ich zufrieden sein.

Ich stelle weiterhin Beiträge in meinen Blog. Ich kann nicht sagen, wie viele es werden, und, ob sie regelmäßig erscheinen. Ich möchte dabei dem Nachdenken über Literatur und Kunst mehr Raum geben. Ich will den politischen und gesellschaftskritischen Kommentar nicht vernachlässigen. Und manchmal, wenn es mir gelingt, nicht nur Nach-gedachtes, sondern Originäres hinzufügen. 

von Kleist, Heinrich (o.J.): Sämtliche Werke. Wiesbaden (Löwit), S. 975 – 980

Gottes Leben

Gottes Kindheit begann in der Nacht des 24. Dezember. In einem Stall in der Flur von Bethlehem. Als Sohn zweier unverheirateter junger Menschen. Angebetet von Hirten. Gewärmt durch die Atemluft von Tieren. Gesucht von Königen. Gefunden von Weisen.

Sie begann unter einem guten Stern. Er hatte zwei Menschen zusammengeführt. Die Frau war schwanger und wusste nicht wie. Der Mann ließ sich überzeugen. Er glaubte an sie, wie sie an das Gute in sich selbst glaubte. Der Glaube trug ihr Kind, das anderen Menschen schon früh Freude machte, wie Maria bei Elisabeth erlebte.

Gott wurde beschnitten am achten Tag nach seiner Geburt. Er wuchs auf wie andere Kinder. Im Alter von zwölf Jahren, gerade zum Mann erklärt, belehrte er die Glaubensfachleute eines Besseren. Nicht Mose und die Propheten, er selbst sprach das Reich aus wie Gott. Er ruhte nicht, bis er – getauft durch Johannes –  als Gottes Sohn anerkannt und öffentlich bestätigt wurde.

In Kana dann, als Freunde der Familie heirateten, begann auch Gottes Hochzeit. Er ging seinen eigenen Weg. Der nahm kein gutes Ende. Doch ihm genügte, um Gott für alle Menschen zu sein, an seinem Anfang ein Stall, an seinem Ende ein Kreuz. Selbst das Felsengrab war zu jung für ihn. Er sprengte mit seinem Leben alles, was bisher da war. Weil er die Macht der Liebe lebte.

Ich wünsche Ihnen ein festliches Weihnachten!

Die Rose

In einem Adventslied aus dem 15. Jahrhundert heißt es:

Maria durch ein Dornwald ging … Da haben die Dornen Rosen getrag‘n.

Die rote Rose gehört zu den lang bekannten Symbolen der Adventszeit. Ihre Schönheit, ihr Duft, ihre ausdrucksvolle Gestalt verleihen der Rose etwas Einzigartiges, sie von anderen Blumen Unterscheidendes.

Rosen haben Dornen. Ihre Schönheit ist nicht einfach so zu haben. Wer sich auf die Schönheit der Rose einlässt, der muss auch mit ihren Dornen rechnen. Die Rose will erobert werden. Mit ihr geht, wer sie besitzt, vorsichtig um, damit er sich nicht verletzt und die kostbare Blüte nicht beschädigt.

Wer eine rote Rose verschenkt, sagt dem Beschenkten, wie sehr er ihn schätzt. Der Schenkende drückt mit der roten Rose dem Beschenkten seine Liebe aus. Der Rosenduft erinnert an die sanfte Gegenwart des Liebenden. Die rote Farbe erzählt von der Leidenschaft der Liebe. Der edle Blütenkelch der Rose drückt die Ehrfurcht vor der geheimnisvollen Andersheit des geliebten Menschen aus. Die Dornen mahnen dazu, die Grenzen der Liebe ernst zu nehmen, um einander nicht zu verletzen.

Die christlichen Legenden verbinden Maria und Jesus mit dem Symbol der Rose. In Colmar findet sich in der Dominikanerkirche das berühmte Bild Martin Schongauers: Maria im Rosenhag. Es entstand 1473. Maria, die das Jesuskind im Arm hält, ruht vor einem Rosenspalier. 

„Ich bin übers Gebirge zu Elisabeth gegangen, und wir haben uns angesehen und umarmt und einander gesagt, was wir wußten. Wir vertrauten uns unsere Geheimnisse an. … Wo wir gingen, erblühten die Blumen, Hibiskus, Jasmin, Rosen und Mohn.“

Jesus, der andere Mensch, bringt die Blumen zum Blühen. Wo Jesus dem Leben begegnet, erschließt sich dessen bereichernde Seite. Das ist von Anfang an so, wie das alte Adventslied weiß. Wo Jesus hinkommt, blühen die Rosen auf. Die Rose, die edle Blume, erzählt vom Reichtum des Lebens. Die Rosenseiten des Lebens, auf sie gehen Menschen zu, wenn sie sich auf das Leben einlassen, nicht entfremdet und nur mir den persönlichen Interessen beschäftigt, auch nicht anhaftend am Leben, so dass sie die persönliche Freiheit aufgeben. Sie werden sich bewusst, wie wertvoll des Leben ist, wie schützenswert und wie bereichernd.

Wenn wir anderen Menschen eine Rose schenken, so wissen wir uns mit ihm im Reich des wertvollen Lebens. Die verschenkte Rose erzählt vom Überfluss, mit dem jede und jeder den Mitmenschen bereichern kann. Ohne dass jener das erwartet oder einfordert.

Das macht die rote Rose zu einem Symbol des Advent:

Sie weist auf das unerwartet Andere, das Bereichernde hin, das immer auch in unserem Leben ankommen will, das uns losreißt aus dem ewig Gleichen, das uns aufbricht für den Reichtum des Lebens, das uns an unseren eignen Wert erinnert.

Wo das unerwartet Andere im Leben ankommt, dort öffnet sich der Advent der Weihnacht, jener geheimnisvollen Stunde, in der wir unser Leben dem jeweils Wertvolleren weihen.

Brückner, Chr. (11. Aufl. 1985): Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen. Hamburg (Hoffmann und Campe), S. 141 f.