Schwundstufenleben

Deutschland scheint sich auf einem Minderungsweg zu befinden: schwindende Wirtschaftsleistung, zerbröselnde Infrastruktur, unzureichende Verkehrswege. Schwerer wiegen die Abstriche am kulturellen und politischen Bildungsinteresse, die allmähliche, vielleicht auch politisch gewollte Verkümmerung der Sprache, die Reduktion des ästhetisch Sinnlichen auf das Grobschlächtig-Plakative. Befinden wir uns in einer Schwundstufendynamik?

Von Schwundstufen kann nur gesprochen werden, wenn deutlich ist, von welcher Stufe aus das Schwinden beobachtbar ist. Von welcher Stufe aus wird das gegenwärtige Leben als Schwundstufe sichtbar? Schwundstufen scheinen ein „so war es einmal“ voraus zu setzen. Die Stufe, im Vergleich zu der das Schwinden wahrnehmbar wird, liegt bei zeitlicher Betrachtung in der Vergangenheit, bei prinzipieller Betrachtung auf dem Niveau des Idealen. Wer den Schwund festmachen will, wendet den Blick, so scheint es, zurück oder nach oben. Es ist die Vergänglichkeit, die die Wendung des Blicks hervorruft: so war es einmal, als alles noch besser war, als es jetzt ist. Im Ernst? Machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir nur die Fallstrecke der Vergangenheit oder die Fallhöhe des Ideals für das Maß des Besseren, Wertvolleren erachten?

Die Schwundstufe beruht auf einem Vergleich. Für die Bestimmung der Schwundstufe ist zu fragen, worauf das Vergleichen zielt. Geht es um messbare Quantitäten, dann bietet sich eher der Begriff der Minderung an, nicht der des Schwundes. Gemindert ist das Bruttosozialprodukt, der Zustand der Brücken und Schulhäuser. Schwund markiert eher die qualitative Differenz: das intellektuelle Niveau vieler Debatten und derer, die sie führen, die integrative Toleranz, das Bewusstsein des Wertvollen. Schwund ist das Fehlen des Essentiellen, des Humanen, der verantworteten Reflexion, des Mutes zur Freiheit.

Um also Schwundstufen zu bestimmen, bedarf es der qualitativen Perspektive. Perspektive ist anders als der Blick, der zu sehr im Augenblick spielt. Perspektive, die Hinsicht, arbeitet mit der Weile. Sie ist gründlicher als der Augenblick. Sie verweilt bei dem, worauf sie hinblickt. Sie versucht im Zusammenhang, wenn möglich sogar in der Entwicklung zu sehen. Sie stellt Beziehung zwischen dem Standpunkt des Sehens und dem, worauf hingesehen wird, her. Die Perspektive bezieht den Sehenden in den Prozess des verweilenden Hinblicks mit ein. Wer sich seines Standpunkts nicht sicher ist, tut sich mit der Hinsicht schwer. Das Zählbare, Messbare und Wägbare verliert dabei an Wichtigkeit. Die Bedeutung, die prinzipielle und die relative, gewinnt an Gewicht. Welche Bedeutung hatte etwas, welche hat es jetzt? Welchen Wert hatten Sprache, Bildung, Kultur, Ethos einmal, welchen haben haben sie jetzt? Was wurde anders?

Auf dem Weg der Perspektive gewinnen wir Einblicke in die Veränderungen auf eine Weise, die nicht nach besser oder schlechter fragt. An den Veränderungen interessiert vor allem das, was anders wurde. Anders sein kennt viele Formen. Wann wird anders sein zur Schwundstufe? Dann, wenn in der Veränderung etwas Essentielles geschwunden ist. Wenn die Veränderung dem, was als anders erkannt wird, das entzogen hat, was ihm Bestand, Eindeutigkeit, Selbstzugehörigkeit verlieh. Zwar ist noch erkennbar, was es ist, aber eben in schwundstufenhafter Weise.

Um den Gedanken zu konkretisieren: 

Ich höre gerne Musikeinspielungen. Am liebsten sind mir analoge, auf Vinylschallplatten gepresste Aufnahmen. Der Klang von Stimmen, Instrumenten, der Mischklang von Ensembles wirkt von der LP wiedergegeben gefüllter, natürlicher, runder, fließender, musikalischer. Wenn ich in einem Streamingdienst eine Einspielung anhöre, dann nehme ich die Musik anders wahr. Zweifellos sind die Stimmen, die Instrumente, die Ensembles identifizierbar. Ihnen fehlt aber die Musikalität, das Lebendige, im Grunde die Substanz im Vergleich zur LP-Einspielung. Was ich über Streaming höre, ist die Schwundstufe einer Musikeinspielung. Es geht nicht um schlechter oder besser. Es geht um das Essentielle im Gehörten, das ausgedünnt, verkürzt klingt.

Passen wir uns allmählich an die Schwundstufen an, indem wir uns an die digitalen Replikationen des Realen gewöhnen? Ein Avatar ist nicht der Mensch, den er repräsentiert. Er ist nicht ich. Die virtuelle Realität ist eine andere Realität als die uns umgebende. Sie steht in einem konstruierten Verhältnis zu uns. Sie setzt den digital-technischen Zugang voraus. Virtuelle Realität wird durch digitale Verfahren und Prozesse erzeugt, auch wenn sie Umgebungsrealität abbildet.

Ein anderes Beispiel für die Schwundstufe entstammt einem sozial sensiblen Bereich.

Der Pflegeroboter, der zunehmend Aufgaben übernimmt, die von menschlichen Pflegenden nicht mehr geleistet werden können, ist für bestimmte Aufgaben programmiert. Auch zum Roboter können, bestimmte Ausstattungen vorausgesetzt, durchaus haptische, visuelle, akustische Interaktionen aufgebaut werden. Der Roboter lernt dazu. Dennoch bleiben die Interaktionen mit ihm Schwundstufen zwischenmenschlicher Beziehungen. Es fehlt die Dimension der Begegnung, die in den einander Begegnenden deren Wertbild anklingen oder aufleuchten lassen kann. Die Ahnung dessen, was eine, einer noch werden kann, wenn sie, er sich für diese Seinsbereicherung entscheidet. Eine Interaktion ist die Schwundstufe einer wertvollen, achtsamen, intersubjektiven Begegnung. 

Immer umfänglicher ist unser Leben von Schwundstufen geprägt. Deshalb muss das Leben nicht schlechter als früher einmal sein. Es ist anders und es verändert nicht nur sich, sondern auch uns. Wenn wir Konzerte in perfekten Übertragungen miterleben, wenn wir uns mithilfe audivisueller Brillen in unbereisten Regionen bewegen, lernen wir dann die unverstellte Wirklichkeit dessen, was wir gerade erleben, kennen? Verdoppelt sich nicht durch das digital unterstützte Erleben das Eindrückliche? Denn auch die digitalen Bilder des Wirklichen unterliegen den psychischen Prozessen von Wahrnehmung und den rationalen der Erkenntnis. Wir gewinnen Bilder von digitalen Bildern und entfernen uns immer weiter aus der Unmittelbarkeit. Könnte das auch ein Erklärungskontext dafür sein, warum Fakten und Fakes immer schwerer unterscheidbar sind? Vielleicht liegt dies nicht nur an der Perfektion der digitalen Methoden, sondern auch an der schwundstufenhaften, durch Virtualität veränderten menschlichen Wahrnehmung? Werde ich mich bei einer virtuellen Bergtour schwitzend, keuchend, durstig wie während einer realen wahrnehmen? Welches Ziel verfolge ich mit der virtuellen Reise? Welches mit einer tatsächlichen? Führt die Gewöhnung an die Schwundstufen des Lebens auf Dauer zur Veränderung dessen, was Erleben, Erfahrungen, Reflexion sind – mit Folgen für unseren Realitätsbezug, die wir noch nicht absehen können?

Beides: Wir in Deutschland erleben uns auf einem nicht mehr gewohnten Minderungsweg – und wir leben längst in der Dynamik der Schwundstufen. Entscheidend wird sein, was uns gewichtiger angeht, was unser Bewusstsein von uns selbst und nicht nur unser Selbstbild verändert und wohin die Veränderungen zielen.

Intellektualität und Meinung

Haben wir uns in Deutschland daran gewöhnt, unbeeindruckt von Intellektualität zu vermeinen und zu meinen? Der Blick auf das, was in der Politik und in den journalistischen Medien Analyse in aller Tiefe genannt wird, erst recht der Blick auf die sozialen Medien, lässt es nicht nur vermuten, sondern er legt den Verdacht nahe: viele öffentliche Meinungsmacher:innen und -träger:innen scheren sich keinen Deut mehr um intellektuelle Redlichkeit. Der medienwirksame Satz, längst kein Bonmot mehr, die zugespitzte Meinungsäußerung, in seltenen Fällen ein überprüfbares, faktenbasiertes, mithin wenigstens schwundstufenhaft rationales Argument, werden situativ und damit meistens reaktiv in die Welt gesetzt. Es scheint vor allem darum zu gehen, durch die Geschwindigkeit der verbalen Reaktion auf Ereignisse die eigene Präsenz zu markieren. 

Präsenz auf dem Markt der Meinungen zu markieren, sichert digitale Zustimmung. Je präsenter, umso relevanter, könnte eine Regel zeitgenössischer Meinungsäußerung sein. Können wir als Gesellschaft von Meinungen leben? Oder erodieren Meinungen nicht zunehmend die Information? Verzerren sie nicht die Perspektive auf die Fakten? Halten sie nicht zur Vermeidung des Arguments an? Untergraben Meinungen auf diese Weisen nicht den Minimalkonsens, der Kommunikation und Diskurs in einer demokratischen Gesellschaft ermöglicht? Brauchen wir deshalb, um für etwas Aufmerksamkeit zu erzeugen, das grelle Wort, das zuverlässig das persönliche Meinen durchsetzt, indem es andere Meinungen in seinen Schatten stellt? Inzwischen geht es nicht mehr darum, sich argumentativ auf einen Konsens zu vereinbaren. Längst wird auch in den Schulen die Meinungsbildung trainiert, die vor allem von der effektiven Präsentation eigener Bilder lebt, weniger von deren Inhalt. Inhalte vertrauen wir künftig eher der Künstlichen Intelligenz an und, warten wir noch eine Weile, vorwiegend der KI vor allem zu.

Wir verlernen das Denken. Denken hat keinen Markt; denn ihm eignet kein Warenwert. Denken ist zunächst nicht auf Öffentlichkeit angewiesen. Gedacht wird in Einsamkeit leichter als in Öffentlichkeit. Die Ungeduld der zeitgenössischen Öffentlichkeit erschwert zudem das Denken. Denn sie ähnelt zu sehr dem Markt, auf dem Meinungen wie Ware umgeschlagen werden.

Denken bedarf des Forums. Auf einem Forum geht es nicht um den Warenwert, nicht um den Tausch, sondern um den Austausch. Auch hier werden vorerst Meinungen ausgetauscht. Die eine sieht es so, der andere anders. Die Pluralität des Forums ist zugleich Diversität. Damit ist es nicht getan. Wer sich in einem Forum bewegt, der will weg von der Meinung; er geht ja nicht auf den Markt, wo einer den anderen überschreit. Vielmehr will er die Geltung von Meinungen überprüfen. Was sie oder er auf das Forum mitbringt, ist keine Reaktion mehr, sondern entstand im Nachdenken oder im kreativen, schöpferischen Denkprozess. Auf dem Forum, wie es hier verstanden wird, bewegen sich weniger Menschen, die sich mit etwas in Leben und Persönlichkeit alleingelassen fühlen. Das Forum ist eher der Raum der Einsamen, derer, die gut mit sich allein sein können. Ihnen gelingt es, die Gedanken zu sammeln, sich zu konzentrieren auf deren Mitte, den Kern des Problems oder den Anfang und das Ziel eines Gedankengangs. Sie lassen sich auf Unterscheidungsprozesse ein, wägen die Differenzen ab, suchen das Prinzip, das der Unterscheidung und der Differenz zugrunde liegt – oder die Synthese, in der das Differente in einen neuen Zusammenhang gesetzt wird. Sie zielen auf die erklärende Vertiefung oder den bereichernden Bedeutungswechsel der Gedanken ab. Zugleich bringen sie den Prozess in Sprache.

Sprache, die Denken ausdrückt, ist solange im Prozess, bis rationale Argumente gelingen, die Aussagen inhaltlich und formal begründen. Das freilich kann dauern. Vom Gedankenblitz, dem motivierenden Einfall, bis zur rationalen Aussage ist in der Regel ein langer Weg zu gehen. Intellektualität bedarf der Geduld, um vom Schnellschuss des Einfalls zum tragfähigen Aussagesatz zu finden. Widerspricht Intellektualität damit der Meinungsbildung? 

Wie gebildet eine Meinung daherkommt, hängt von deren Bildungsprozess ab. Intellektuelle Bildung braucht Foren, Zeiträume. Sie bedarf der geduldigen Zielstrebigkeit. Die Ermutigung zur wiederholten Einsamkeit, der Sammlung und des Seins bei sich selbst, eines Rückzugs vor dem Auftritt, ist wichtig. Vor allem anderen ist sie angewiesen auf die Verantwortlichkeit bei aller Freiheit des Gedankens. Jene bezieht sich auf die Transparenz und Informabilität für den intellektuellen Prozess. Die Arbeit der Begründung und die Abwägung der Geltungserhebung für das Ausgesagte konkretisieren die Verantwortung des Denkenden für das Gedachte. So wird aus der Meinungsäußerung der intellektuelle Einspruch und Widerspruch. Dessen Gewicht gründet im Ethos intellektueller Bildung. 

Einige Jahrzehnte lang beobachtete ich, wie die intellektuelle Bildung, die nicht unbedingt akademische Ausbildung voraussetzt, gerade in der Politik und im Journalismus schwindet. Vielleicht liegt es an der Veränderung des Resonanzraumes für intellektuelle Einwürfe, dass sich zunehmend weniger Intellektuelle in Deutschland nachdrücklich zu Wort melden. Auf die Zuverlässigkeit, mit der Marion Dönhoff, Jürgen Habermas oder Gerhart Baum, um Beispiele zu nennen, sich zu Wort meldeten, können wir uns nicht mehr verlassen. Es fehlen auch die intellektuellen Literaten und Theatermacher. Würden Hilde Domin, Heinrich Böll, Günter Grass, Dieter Dorn heute Gehör finden? Auch Theolog:innen wie Uta Ranke-Heinemann, Johann B. Metz oder Hans Küng, die einen wachen und inspirierenden Blick auf die Gesellschaft warfen, gehören der Vergangenheit an. 

Wir haben uns indes, schon viel zu lange und zu sehr, an marodierende Politiker:innen und Journalist:innen gewöhnt, die sich in allen politischen Lagern und Medien finden. Deren Wirksamkeitskriterium scheint weniger die intellektuelle Redlichkeit als die statistische Effizienz bei Umfragen aller Art zu sein. Wir haben uns durch eine ökonomisch beeinflusste und marketingorientierte Schulbildung die Basis für ein intellektuelles Klima in unserem Land nehmen lassen. Viele Nachwuchsakademiker sind ausgewiesene Spezialisten ihrer komplexen Fachlichkeiten, allerdings weit weg von jeder Form intellektueller Bildung. Und der einmal so wichtige gesunde Menschenverstand? Aufgeweicht und marginalisiert durch die lautstarke Präsenz von Influencer:innen, ob professionellen oder hobbymäßigen. Sie alle beschleunigen den Warencharakter des Meinungsmarktes. Der Zeitraum für Nachdenklichkeit schrumpft – und damit auch die Resonanzbereitschaft für Intellektuelle und Intellektuelles.

Wie wollen wir, die Stichhaltigkeit dieser Überlegungen vorausgesetzt, die erforderliche Distanz und damit auch die Foren schaffen, von denen aus das epochale Krisenempfinden auf sein zukunftsverweisendes Hoffnungspotential abgehört werden kann? Wo hat die gedankliche Utopie ihr Forum, ohne gleich als Illusion geschmäht zu werden? Wie gewinnen wir bei aller Veränderlichkeit unserer Epoche den Blick auf das Menschsein zurück? Auf seine gewisse Langsamkeit, seine Geduld für Entwicklung, seine kritische Wachheit für das Geschehende, seine Gelassenheit, die der kreativen Freiheit und der sorgenden Verantwortlichkeit in den Gegebenheiten nachspüren kann?

Brief an meinen besten Freund

Gestern, lieber Freund, entstand der Wunsch, Dir nach langer Zeit einen Brief zu schreiben. Wir sind zwar oft im stillen Gespräch verbunden. Was ich Dir mitteilen will, bedarf einer anderen Form als der flüchtigen des gedachten Wortes. Du fragst, was mich so sehr bewegt?

Gestern verbrachte ich einen Tag in Augsburg. Ich kam gerade von der jüdischen Synagoge in der Halderstraße zurück auf den Königsplatz. Die Synagoge war unzugänglich. Ein Besuch hätte aus Sicherheitsgründen der Anmeldung bedurft, wie ich erfuhr. Auf dem Königsplatz angekommen erlebte ich eine Kundgebung unter den Flaggen Palästinas, mit eingespielten Detonationen wohl großer Geschosse und einer Rede. Die erschütterte mich. Die desaströse Kriegsführung Israels im Gazastreifen wurde in bedrückenden Zahlen vorgeführt. Mehr noch erschütterte mich, dass dieser Krieg wie aus einer Laune Israels heraus entstanden dargestellt wurde. Kein Wort vom Terrorangriff der Hamas am 07. Oktober 2023, bei dem mehr als 1100 ahnungslose Menschen starben und etwa 4600 Menschen verletzt wurden. Von den 250 israelischen Geiseln der Hamas und ihr nahestehender Milizen sind gut die Hälfte freigekommen oder tot geborgen worden. Weiterhin werden ca. 120 Geiseln an geheimen Orten festgehalten. Friedensbemühungen? Raketen wird mehr zugetraut als Verhandlungen.

Du, mein Freund, weißt das alles nicht. Du weißt nichts vom seit 2022 andauernden Krieg Russlands gegen die Ukraine. Zermürbend für zwei Nationen. Tödlich für weit über hunderttausend Menschen. Nichts davon weißt du davon, dass wieder aufgerüstet wird, auch durch Stationierung atomwaffenfähiger Mittelstreckenraketen in Deutschland. Damals, 1983, waren es die Pershings und Cruise Missiles, die gegen den Protest vieler aufgestellt wurden. Du weißt auch nichts darüber, dass es in Deutschland eine rechtspopulistische Partei gibt, die gerade 30% Stimmenanteile bei zwei Landtagswahlen gewann. Du kannst Dir die verbale Aufrüstung in der politischen Sprache nicht vorstellen, die auch unsere „geliebten“ C-Parteien mitmachen. Du kennst das Bashing von Politiker:innen und Themen der Grünen nicht, nicht die ahnungslosen Verdächtigungen, „linke“ Politik zu machen, wo es um den Schutz des Klimas, der Natur, des Lebensraums Erde geht. 1972 wurden die, die den Bericht von den Grenzen des Wachstums des Club of Rome ernst nahmen, als linke Spinner abgewertet. Semper idem? Und die unsägliche Migrationsdebatte, in der die Stimmen vernunftorientierter Menschlichkeit untergehen angesichts der Lautstärke, mit der die Zersplitterung der deutschen Gesellschaft betrieben wird. Einer Gesellschaft, die ökonomisch und sozial von der Zuwanderung lebt, und sich gegen Migration mit „rechtstaatlichen Mitteln“ wehrt. Überhaupt die zunehmende Ersetzung von Demokratie durch Rechtstaatlichkeit! Jene Rechtstaatlichkeit dient der Vermischung von Legislative, Exekutive und Jurisdiktive, deren strikte Trennung unser Grundgesetz garantiert. Gewaltenteilung. Du hättest gleich die einschlägigen Artikel vorgelesen.

Ich höre übrigens, neben dem Schreiben, „unseren“ Eric Clapton. Auf LP, nicht auf CD. Wir würden uns inspiriert von seinem Blues viele Abende, Nächte lang, mit Hintergründen beschäftigen. Du würdest begeistert das Internet nützen. Wir würden unsere persönliche Dokumentation von Fakten und soziologischen Bewertungen dazu zusammenstellen. Auf dieser Grundlage diskutierten wir die Kommentare in der ZEIT, der Süddeutschen, des SPIEGEL und anderer politischer Magazine – und langsam entstünden differenzierte und differierende Standpunkte. Wir waren nicht immer derselben Meinung. Wir blieben bei allem beste Freunde, immer bereit, zusammen Wege zu gehen, einander zu respektieren und respektvoll zu kritisieren. 

Leider bist du schon so lange tot. In Zeiten wie diesen gerade fehlt mir unsere Freundschaft. Mir fehlt die Begeisterung für die Recherche und die Diskussion. Mir fehlt das inspirierende Abschweifen in die Musik, die unser Zusammensein so oft begleitete. Mir fehlt Dein humaner und zugleich volkswirtschaftlicher Blick auf die Lage, die klare politische Meinungsbildung, die mit Dir möglich war. Mir fehlt unser menschliches Bündnis für ein Mehr an Menschlichkeit. Mir fehlt auch das Hören aufeinander, das offen war für die Klage, den Humor, die kabarettistische Karikierung und die rationale Diskussion. 

Unvorstellbar, vom Krieg Israels in Gaza zu sprechen, ohne den Terror der Hamas in seiner brutal wirkenden Inhumanität als Anlass, nicht Ursprung des Krieges darzustellen. Ja, wir hätten wieder über die Engführungen in den religiösen Überzeugungen von Judentum, Islam und Christentum als kulturellem Hintergrund der Krisen in Nahost gesprochen. Wir hätten dazu wahrscheinlich sehr bewusst eine Aufnahme des Orchesters „West-östlicher Diwan“ unter Leitung von Daniel Barenboim gehört. Wie kann die Musik Mozarts, Beethovens, Mahlers die Friktionen zwischen den vorderasiatischen Kulturen und Nationalitäten auffüllen, so dass ein so wunderbarer Klang entsteht?

Mein lieber, toter Freund! Leider ist das, was von Dir lebt, „nur“ die Erinnerung, das Vermächtnis deiner Menschlichkeit, die so wenig Vorurteile kannte. Wenigstens kann ich, noch immer mit Schmerz verbunden, Deine Menschenfreundlichkeit vergegenwärtigen. Auf meinem Weg durch die Zeiten.

Dein Christoph

„Träume große Träume“ (R. Hanson)

Wir haben unglaubliche Möglichkeiten, doch unsere Träume verkümmern, hält der Neuropsychologe Rick Hanson fest. Welchen Traum träumen Sie? Erinnern Sie sich an einen Traum, den Sie seit langer Zeit in sich tragen und irgendwann einmal wegstellten, so dass Sie ihn fast vergessen haben? Ein vermeintlicher Realismus sagt uns: Träume sind doch Schäume. Vermeintliche Lebensklugheit ergänzt: Die raue Lebenswirklichkeit verträgt keine Träume. Können Sie sich im amerikanischen Wahlkampf, im europäischen Parlament oder im Bundestag Politikerinnen, Politiker vorstellen, die ihre Rede beginnen, wie Martin L. King am 28. August 1963 in Washington: „Ich habe einen Traum …“?

Wir haben alle unsere Träume, lang gehegte zumal. Wir haben unsere Freundschaft mit ihnen schleifen lassen. Vielleicht misstrauen wir ihnen sogar. R. Hanson rät: 

„Schaffe Platz für deine Träume in deinem Denken und Handeln. Sei mit ihnen eng befreundet.“ 

Enge Freundschaften leben nicht nur von großen Momenten. Sie bewähren sich durch die Gedankenmomente, in kurzen, miteinander geteilten Zeiten, in den Zwischenrufen und Lebenszeichen. Das erhält uns die Verbundenheit, die ermöglicht, in jeder Begegnung den Faden wieder dort aufzunehmen, wo er zuletzt liegenblieb. Enge Freundschaften leben auch von den Luftmaschen im Gewebe des Lebens. Durch sie schaffen wir Luft und Raum für unsere Träume und das enge Befreundetsein mit ihnen.

Lebensträume leben von der Geduld, die wir mit ihnen haben. Sie überleben in den kleinen Schritten, kleinen Ereignissen, kleinen Taten, mit denen wir beharrlich und gelassen an ihrer Verwirklichung arbeiten. Sie leben vom Glauben daran, dass die Träume einmal Wirklichkeit werden.

„Stell’ dir vor, wie es wäre, wenn sie sich erfüllen würden, und wie gut das für dich und andere wäre.“ (R. Hanson)

Die Verwirklichung von Träumen setzt das Achten auf Gelegenheiten voraus, in denen sich die vielen Bausteine, die wir auf dem Weg zusammengetragen haben, zusammenfügen lassen. Jeder Baustein wird gesammelt, erarbeitet und bereitgelegt, weil wir mit ihm den ganzen Traum verbinden. Wie der Steinmetz in einer Erzählung dem Wanderer auf dessen Frage antwortet, was er denn da tue? Siehst du nicht, ich baue an einer Kathedrale. Jeder von ihm bearbeitete Stein ist mit dem Traum von der Kathedrale verbunden.

Träume beschenken den Menschen. Sie öffnen in der engen Lebenswirklichkeit persönliche Freiräume. Das ist das erste. Sie ermutigen zweitens dazu, kleine Schritte im großen Zusammenhang eines Traumes zu sehen, den wir hegen. Drittens machen sie geduldig, gelassen und  halten den Blick in der Verwirklichungsperspektive, wenn wir uns mit unserem Traum eng befreunden. Träume sind also keine Schäume, sondern Anlässe, in der rauen Lebenswirklichkeit zu erspüren, was uns zufrieden macht, befriedet.

Fragen Sie sich, welchen lang gehegten Traum sie verwirklichen wollen? Fragen Sie sich auch, wie lange Sie noch die Verwirklichung Ihres Traumes vor sich herschieben wollen? Fragen Sie sich, ob nicht jetzt der rechte Zeitpunkt, der Kairos ist, um mit ersten Schritten die Verwirklichung Ihres Traums zu beginnen? Halten Sie zumindest enge Verbundenheit mit Ihrem Traum, wenn sie ihn wiederentdeckt haben.

Zitate von Rick Hanson aus:

Hanson, R. (2020). Just one minute, Nr. 43: Träume große Träume. Arbeitsblatt. Arbor Verlag

100. Blogbeitrag: Wofür stehen Politiker:innen?

Am Donnerstag, 06. Mai 24, 21:00 h, die „Wahlarena“ in der ARD. Nach 15 min. versuchte ich mich 54 Jahre zurück zu versetzen. Damals wäre ich 16 gewesen. Total begeistert, wählen zu dürfen. Ich war ein politisierter Jugendlicher. Nicht einer der lauten, aber von der damaligen Außerparlamentarischen Opposition (APO) angeregt, gut informiert, historisch und soziologisch interessiert, ein dauernd Lesender, weil es damals nur zwei Fernsehkanäle gab, dafür eine breite und vielseitige Printkultur. 

Wie hätte ich mich in dieser „Wahlarena“ gefühlt?

Ich hätte zwei Moderator:innen und acht Politiker:innen erlebt, für die ich als Jugendlicher weder be- noch gefragt gewesen wäre. Ich wäre in vielen Vorurteilen gegenüber dem „Politestablishment“ bestätigt worden. Die interessieren sich vorwiegend für sich und für ihre Parteiklientel. Sie haben sich der realen Gesellschaft entfremdet. Sie antworten auf Fragen in gestanzten Phrasen, meist ohne auf die Frage einzugehen. Ja nach Selbstbewusstsein belehren sie das fragende Publikum oder bleiben innerhalb der jeweiligen Partei-Blase. Ich hätte kritisch festgehalten, dass sie wenig Ideologiefähigkeit besitzen. Denn dazu gehört „theoretischer Überbau“, wie wir das damals nannten, und das Potenzial zur „Fundamentalkritik“. Nach 45 min. wäre ich so demonstrativ wie möglich aufgestanden und hätte extrem frustriert die Wahlarena verlassen. Mit dem Entschluss, keine der etablierten Parteien zu wählen, sondern so kritisch und widerständig, damals hieß dies: so links wie möglich. 

2024 quälte ich mich mit zunehmendem Ärger als TV-Zuschauer durch die Sendung. Kaum Erhellung in den Sachfragen, dafür zuerst Schlagabtausch zwischen Parteivertreter:innen, dann noch mal knappe, mal epische Rhetorik, die wir als „Antwort“ hinnehmen sollten. Mehr Desinteresse an der demokratisch wählenden Gesellschaft und deren jüngsten Wähler:innen, sowie deren Fragen kann man kaum zeigen. Wofür stehen die meisten der acht Politiker:innen, die vorwiegend als Parteivertrer:innen in der Wahlarena auftraten? Mir drängte sich die Antwort auf: So viele Stimmen wie möglich sammeln. Wofür die gebraucht werden (außer stärker als die Rechtspopulist:innen zu sein), klärte sich mir nicht auf.

Gerade schaute ich die Diskussion mit Herrn Habeck und Herrn Merz bei Maybritt Illner im ZDF nach. Dort argumentierte ein gründlich vorbereiteter, rhetorisch klug agierender Vizekanzler gegen den Oppositionsführer. Jener vereinfachte die komplexe Gegenwart aus der Perspektive konservativer Vergangenheit. Er verweigerte sich in der penetranten Wiederholung der Desasterbewertung der Ampelpolitik und den suggerierten „einfachen“ Lösungen seitens der Konservativen den Diskurseinladungen seines Diskussionspartners konsequent. 

Der politische Diskurs findet in unserem Land seitens der Politiker:innen nicht statt. Er wird von den Qualitätsmedien viel zu zurückhaltend geführt. Die philosophische Intelligenz, die soziologische Expertise mischt sich nicht ein, in dem sie zeigt, wie Diskurs geht. 

Wofür stehen Politiker:innen? Meine etwas resignierte Antwort: Wohl nicht für das, was den Namen Politik verdient. Gefährlich!

Die Weisheit des Friedens – das Wüten des Krieges

Die Bereitschaft zur Gewalt greift um sich. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der Terror der Hamas gegen Israel und die Vernichtungsphantasien großer Teile der israelischen Regierung gegenüber der Hamas, die blutige Gewalt der Faust – und Messerattacken auf Politiker:innen und Parteimitglieder in Europa, die lebensfeindliche Gewalt der Drohwörter Demonstrierender, Wütender, das hasserfüllter Gegnersein, für all das stellt das unablässige Halali europäischer, us-amerikanischer und der Nato-Politiker für mehr Rüstung und sog. Wehrhaftigkeit den Raum. Die Schwellen zur Gewaltbereitschaft werden abgetragen, in vielerlei Namen. Die raumgreifende Präsenz der Bedrohungsrhetorik und der Gewalt beginnt den Zeitraum für den Frieden einzuschränken.

Weisheit will Leben. Sie will zugleich Einsicht in die Endlichkeit des Lebens. Sie weiß um die Sterblichkeit der Lebendigen. Weisheit stellt die Gewalt, den Krieg, die falsche Macht der verallgemeinernden Wut auf den Prüfstand. Sie prüft im Maßstab der allgemeinen Würde des Menschseins und der höchstpersönlichen Würde des einzelnen sterblichen Menschen. Über ein anderes Maß verfügt Weisheit nicht. Insofern ist Weisheit zugleich Bewusstsein der Endlichkeit und der Lebendigkeit, der Grundspannung menschlichen Lebens. Eindämmung der Weisheit schafft Raum für Gewalt.

Gewalt führt nie zum Frieden. Das lehrt uns H. Arendt (2021). Gewalt erzeugt Gegengewalt, Zerstörung, im schlimmsten Fall Vernichtung, wenn nichts mehr und auch keiner mehr einen Wert hat. Konfliktforscher wie F. Glasl (2013) beschreiben die Vernichtungsbereitschaft Gewalttätiger, die sie selbst miteinschließt, als höchste Stufe der Eskalation.

Kultur ist der Zeitraum für Frieden. Frieden ist nicht paradiesisch, kein dauerhafter Zustand. M. Foucault (2020) gibt zu denken, dass es den Frieden im Singular nicht gibt. Frieden ist ebenso endlich wie der Mensch sterblich. Das vereinzelt uns. Deshalb ist Frieden Arbeit. Er entsteht durch die kulturelle Auseinandersetzung mit dem, was jeweils für die Menschen ist. Friedensarbeit ist Kulturarbeit. Sie lebt von der Weisheit des Menschen. K. Jaspers (2017) nennt die Zeit (800 – 200 v. Chr.), in der sich die Menschen der Weisheit und ihrer Kulturfähigkeit bewusst wurden, Achsenzeit. Seitdem ist Weisheit das Bewusstsein der Menschen von sich selbst. Aus denen in der Welt werden die Sterblichen in einer endlichen Welt. 

Die Weisheit macht alles, was ist, für den Menschen betrauerbar. Denn, was ist, kann verfallen, vergehen, enden. Weise geworden weiß der Mensch auch, dass er, was ist, zerstören und vernichten kann, einschließlich seiner selbst. Er vermag Gewalt anzuwenden gegen die Dinge der Welt, andere Menschen und sich selbst. J. Butler (2021) verweist darauf, dass die zerstörerische Gewalt Anonymität erzeugt. Sie vermag es namenlos zu machen, in dem sie den Wert des Zerstörten der Erinnerung entreißt. Namenloses ist nicht erinnerbar. Was nicht erinnert werden kann, kann auch nicht betrauert werden. Namenlosen Toten bleibt nur die allgemeine Würde des Menschseins. Sie werden nicht betrauert. Ihrer wird gedacht. Ihre höchstpersönliche Würde, zu der Geschichte gehört, Persönlichkeit und Sterblichkeit, die sie betrauerbar machte, geht in der Namenlosigkeit verloren. 

Der Krieg macht durch seine initiierte und zugleich blinde Gewalt viele Tote namenlos. Sie werden informell zu Opferzahlen. Sie finden sich in Massengräbern. Die blinde, zerstörerische Wut ausüben, werden im System des Krieges zu anonymen Angreifern; die, die sich gegen den Angriff verteidigen, zu anonymen Verteidigern. Für einander bleiben sie der anonyme Feind, Vernichtende und sich der Vernichtung durch Zerstörung der Vernichtenden Verteidigende. So funktioniert Krieg. Er schaltet die Intuition der Würde aus und ermöglicht dadurch die Wut der Vernichtung. Darin besteht die Gefahr des Krieges: die blinde, weil anonymisierte Gewalt der Vernichtung hebt die Würde der Menschen auf, die den Krieg führen. Sie verlieren mit der Würde ihre Betrauerbarkeit. Sie werden, in einer letzten zynischen Unterscheidung, zu Täter- und zu Opferzahlen.

Krieg ist der Antipol zur Kultur. Wo Krieg ist, wird Kultur vernichtet. Nicht nur die manifeste Kultur von Städten, Kunstwerken oder Landschaften. Die Weisheit des Menschseins und mit ihr die höchstpersönliche Würde einzelner Menschen wird zerstört. Und doch ist die Kultur, weil sie der Antipol zum Krieg ist, der Königsweg zur Eindämmung des Kriegs und der Bedingungszusammenhang von Frieden. Das zeigen rationale Weisheitserzählungen.

Kultur macht unterscheidbar. Die Dihairesis, die Strategie der rationalen Unterscheidung im Denken, wie sie die platonischen Dialoge als Grundlage der Kunst der Dialektik lehrten, ist ein wirksames Mittel gegen die Denkerblindung, die die Wut fördert. Erblindung im Denken als Verlust der Fähigkeit zur rationalen Unterscheidung könnte eine philosophische Verdachtsdiagnose für Zeiten sein, in denen die Bereitschaft für Gewalt und Krieg um sich greift. Denkerblindung verengt die Wahrnehmung und verhindert in der Folge die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Denkerblindung beraubt den Menschen seiner grundlegenden Fähigkeit, sich in die Standpunkte und Perspektiven Anderer hineinzuversetzen. Das aber ist, wie uns J. Habermas (2019) lehrt, eine Voraussetzung des demokratischen Diskurses, die Dialektik von Unterscheidbarkeit und Gemeinsamkeit.

Kultur macht mitfühlend. Mitgefühl befähigt den Einzelnen, Mitmensch zu sein und sich zugleich in der Welt zu sehen. Mitgefühl macht mich und den anderen in der Verbundenheit mit allem  unterscheidbar: Jeder weiß um seine höchstpersönliche Würde und um die Würde des Menschseins, in der sich jeder einer anderen in Würde erschließen kann. Potentiell haben wir Menschen füreinander Namen, in denen sich unser Wert und unsere Würde ausdrücken. 

Kultur weckt Hoffnung. Dass Menschen füreinander Namen haben, verweist darauf, dass Weisheit und Sprache zusammengehören. Sprache meint nicht das Daherreden. Sprache lebt vom Wort, das Menschen zu finden hoffen. E. Bloch (2016) spricht vom treffenden Wort, das die zu betreffen vermag, die es hören, darauf antworten oder darauf schweigen. Betroffensein vom treffenden Wort stiftet die kommunikative Begegnung. Sie begibt sich auf die Suche nach den Worten, die sich noch nicht eingestellt haben. Dieses Utopische in der Kommunikation, das Ausgreifen auf das, was sein kann und noch nicht ist, weckt das Hoffen. Es hemmt durch die utopische Spannung zugleich das Erblinden des Denkens. Hoffnung erweist sich derart als die Sollbruchstelle zwischen gewaltgefährdetem, blinden Gerede und wachem, weisen, ringendem Gespräch.

Kultur drückt Weisheit aus. Mit dem zunehmenden Bewusstsein der Weisheit formt sich, was modern Kultur genannt wird. Davon berichten die Achtsamkeitspsychologen J. Surrey und J. Jordan (2014). Weisheit manifestiert sich im Gefühl von Lebenslust, im Wissen von sich selbst, anderen und Verbundenheit, im gesteigerten Gefühl von Selbst- und Lebenswert, in Produktivität und Kreativität und im Wunsch nach Kontakt. Kurz: Wer weise ist, will leben, nicht für sich allein, sondern in unterscheidbarer Verbundenheit, mithin endlich.

Das ist der herausfordernde Antipol zur blinden Wut der Gewalt, die vernichtet. Weisheit schafft Zeit für Leben und Raum für Kultur. Sie fördert Verbundenheit und macht uns ansprechbar, weil wir für einander Namen tragen. Weisheit verringert die Gefährdung der Denkerblindung. Weisheit ermöglicht jedem Menschen seine Freiheit in Verbindung mit seiner Verantwortlichkeit. Dadurch schafft jeder seinen Frieden. Dies erzählt uns V. Frankl (2023). Und er sagt: Es liegt an jedem Menschen selbst, für welche Erzählung sie sich, er sich entscheidet.

Quellen:

  • Arendt, H. (2021): Macht und Gewalt (28. Aufl.). Piper
  • Bloch. E. (2016): Experimentum mundi (2. Aufl.). Suhrkamp
  • Butler, J. (2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit (2. Aufl.). Suhrkamp
  • Foucault, M. (2020): Schriften (2. Aufl.). Nr. 337. Suhrkamp
  • Frankl, V. (2023): Die Eine Menschheit. Appelle für den Frieden. Benevento 
  • Glasl, F. (2013): Konfliktmanagement (11. Aufl.). Haupt
  • Habermas, J. (2019): Diskursethik. Philosophische Texte Bd. 3 (4. Aufl.). Suhrkamp
  • Jaspers, K. (2017): Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Gesamtausgabe Bd. I/10. Schwabe
  • Surrey, J. & Jordan, J. (2014): Die Weisheit in Beziehung, in: Germer, C. & Siegel, R. (Hg.): Weisheit und Mitgefühl in der Psychotherapie. Arbor, S. 261 – 280

Trockenklimpern in der nassen Geräuschkulisse

Eine Fantasie, inspiriert von Bettinas Thema

Ein Klavier im Raum. Stumm legt es nahe, dass Musik da sein kann. Wenigstens Alessandro Longos Tecnico fondamentale. Sauberer Anschlag. Ton für Ton. Wie Tropfen. Tropfen trommeln nacheinander auf das Kupferblech. Regen? Tropfen? Prélude. 

Ein Klangraum entsteht. Ein Raum, in dem Klang entsteht, wenn der Regen auf das Kupferblech tropft. Wie es sich von draußen anhört? Schon bin ich im draußen, obwohl ich mich in meiner Wohnung befinde. In dieser Befindlichkeit finde ich mich vor. Hörend finde ich mich vor. Hörend auf den Klang der Tropfen auf dem Kupferblech, draußen vor dem Fenster. 

Jetzt heißt es aufmerksam sein. Nur keine Ungenauigkeiten, aus denen Selbstmissverständnisse entstehen. Wie ich mich vorfinde, meine Befindlichkeit, hat nichts zu tun mit einer etwaigen Gestimmtheit. Ich finde mich vor als einer, der die Tropfen hört, die draußen auf das Fensterbrett trommeln. Ganz bei mir bin ich also nicht. Mein Hören richtet mich auf etwas aus, auf einen Klang, der von woanders auf mich zukommt. Hören gewährt mir Raum. Hören zeigt mir meine Stelle in diesem Raum an. Den Ort, an dem ich ich ein Außen von einem Innen unterscheide. Ein Mir-nah von einem Weiter-weg.

Ich höre draußen die Tropfen trommeln. Das ist meine Befindlichkeit, drinnen im Raum. Von drinnen höre ich nicht, wie das Trommeln der Tropfen draußen klingt. Ich höre nur den Klang, der sich im Raum drinnen ereignet. Mich höre ich atmen, schlucken, wie ich mich bewege. Was ich von mir höre, verbinde ich mit dem Trommeln der Regentropfen. Das ergibt den Klang im Raum: mein Eigenklang und der Klang von draußen. 

Mitten im Klangraum steht außer mir das Klavier. Das Trommeln der Tropfen regt es nicht an. Keine Resonanz. Das Klavier bleibt stumm. Ich höre es nicht. Wenn ich es nicht sähe, dann wüsste ich nichts von seinem Dasein im selben Raum. Es ist nicht zu hören. Jetzt nicht, da niemand auf ihm spielt. Nicht einmal Longos Fingerübungen. Die sollten klingen wie eine Menge klarer, trockener Tropfen. 

Der Regen tropft weiter. Der Klang des tropfenden Regens klingt im Raum. Ich höre ihn. Das ist meine Befindlichkeit. So finde ich mich vor. Tropfen, die trocken klimpern, denn sie klingen ja nicht wie Klavieranschläge. Das Trockene ist wie Klingen ohne Klavier. Die Tropfen fallen auf das Fensterblech und trommeln ihren monotonen Klang, eine nasse Geräuschkulisse. Regen. Klingt der Regen anders als die Tropfen? Sind die Tropfen wohlunterscheidbare Klangereignisse im Regengeräusch? Woher soll ich das wissen? Ich bin ja drinnen im Raum. Ich höre die Tropfen auf das Kupferblech trommeln. Höre ich zugleich auch das Geräusch des Regens? 

Das Klavier steht im Raum. Stumm. Draußen ist Regen. Ich höre die Tropfen. Könnte ein Prélude sein. Wie in aller Welt soll ich das Regentropfenprélude spielen, wenn ich nicht weiß, wie die Regentropfen draußen klingen? Und schon verbindet sich die Befindlichkeit mit Gestimmtheit. Das Prélude müsste vielleicht klingen wie Trockenklimpern in der nassen Geräuschkulisse.

„Frieden üben in Zeiten des Krieges“ (P. Chödrön)

Es ist Ostern. Ostermärsche, diesmal doppelt motiviert: Immer noch der Krieg Putins und seines Regimes gegen die Ukraine und, wie wir allmählich verstehen, gegen Europa, gegen die demokratische Ordnung. Seit mehr als sechs Monaten Krieg im Gazastreifen. Die anderen Kriege im Jemen, in einigen Regionen Afrikas und Südostasiens haben wir weitestgehend ausgeblendet. Es ist Ostern.

Wofür steht Ostern? Die Botschaft ist theologisch komplex und vielschichtig. Sie trifft auf eine verstörte Männergruppe, ihres Meisters und mit ihm ihrer Hoffnungen beraubt. Die Unruhe der Hoffnung ermutigt einige Frauen am Grab des Hingerichteten Abschied zu nehmen. Sie berichten den Männern: Das Grab ist leer. Der Hingerichtete erscheint allen, die ihm nachfolgten. Jene verstehen sich in der Anerkennung, dass die Begegnungen als Auferstehung von den Toten zu lesen seien, als seine Jünger und brechen zur Mission auf. Überwältigt von der Erfahrung der Verlässlichkeit der Schriften, von den Begegnungen mit dem Auferstandenen und der Sendung: Der Friede sei mit euch! Von da gehen Gemeindebildungen aus, eine komplexer werdende Theologie und die Organisation dessen, was uns als Christentum bekannt ist. 

Der Friede bildet einen der Kerne, an die sich die österliche Botschaft anlagert. Ich nehme den Friedensgedanken unter dem Motto von Pema Chödrön (2023, S. 15) auf: „Frieden üben in Zeiten des Krieges“. Was die buddhistische Meditationslehrerin unter dieser Überschrift resumiert, ernüchtert: „Wir suchen nach Frieden und Glück, indem wir in den Krieg ziehen.“ Menschen sehnen sich nach einem Leben in Frieden, privat, gesellschaftlich, global. Die Wege, die Sehnsucht in Handlungsweisen und Lebensformen umzusetzen, sind Vergleich, Konkurrenz, Aggression, Krieg. So zieht es sich zumindest durch die Geschichte.

Chödrön (2023, S. 16) benennt als Grund dafür, dass wir so rasch zur Aggression bereit sind, aus buddhistischer Sicht: „Krieg beginnt, wenn wir unser Herz hart werden lassen. Und sobald wir uns unbehaglich fühlen, kann das sehr leicht geschehen.“ Was treibt uns immer wieder dazu, das Herz hart werden zu lassen?

Der Neuropsychologe Rick Hanson (2018, S. 13) erzählt dazu die Geschichte einer Indianerfrau. Sie wurde gefragt: „Großmutter, wie bist du so glücklich geworden? Wie so erfolgreich, so weise, so beliebt? Was hast dafür getan?“ Die alte Frau antwortet nach kurzem Nachdenken. „Wisst Ihr, ich glaube, es liegt daran, dass ich als ich jung war, erkannte, dass in meinem Herzen zwei Wölfe waren. Ein Wolf der Liebe und einer des Hasses. Und ich erkannte auch, dass alles davon abhing, welchen der beiden ich fütterte, und zwar jeden Tag.“ Die Geschichte ist tiefgründig. Sie vermeidet die in der europäischen Soziologie und Psychologie seit langem diskutierte Frage: Ist der Menschen nun des Menschen Wolf? Oder ist er als Herdentier im Grunde ein gutmütiges, auf Ausgleich bedachtes Wesen? Der Mensch hat die Freiheit, beides zu sein. Denn er verfügt über die Energie des Hasses und die Energie der Liebe. Beide Energien sind reaktiv verankert: Verteidigung und Brutpflege. Beide gehören auch in das Spiel von Freiheit und Verantwortlichkeit. Auch das drückt die Antwort der weisen Frau aus: Alles hängt davon ab, welchen Wolf jemand täglich füttert. Das entscheidet jede und jeder täglich und persönlich. Auch das ist interessant: Wir Menschen leben weniger von Grundsatzentscheidungen, die eine bestimmte Haltung unterstützen. Vielmehr ist unser Verhalten auf die Situation, auf den Tag bezogen. Ständig entscheiden wir, wer wir sind: abwertend, verurteilend, aggressiv oder wertschätzend, abwägend und mitfühlend. Was zu unserer Haltung wird, das ergibt sich aus unseren Entscheidungen. Entsteht eine „Kettenreaktion des Leidens“ (Chödrön, 2023, S. 17), die den Wolf des Hasses füttert und unser Herz hart werden lässt? Oder werden wir zu eher mitfühlenden Menschen, die auch in unangenehmen Situationen den „Punkt der Verletzlichkeit und Zartheit … finden und dabei verweilen“ (Chödrön, S. 26)? 

Das klingt ein wenig wie das Hinhalten auch der anderen Wange aus der Predigt Jesu. Was steckt dahinter? Ein wesentliches Vergessen. Wir vergessen im privaten, gesellschaftlichen und globalen Krieg zu oft, dass die Aggression des anderen auch eine Geschichte hat. Zu dieser Geschichte gehören Verletzungen, Narben, die nicht ganz geschlossen sind, die Intimität und die Liebe, die bedroht erscheint. Genauso wie das zur eigenen Geschichte gehört. W. Putin schreibt die Geschichte Russlands zu einer Opfergeschichte um, in denen als Täter die Europäer in Gefolge der USA fungieren. Wenn Russland sich jetzt nicht wehrt, wann dann? Unser großer Fehler ist, dass wir auf diese Geschichte hereinfallen und uns selber Folgendes erzählen: Die Sowjetunion war der unberechenbare Aggressor, vor dem wir uns vielmehr hätten schützen müssen. Und schon erzählen beide am Konflikt beteiligten Parteien ihre Aggressionsgeschichte vom anderen und ihre Opfergeschichte von sich selbst. Was bleibt ist, dass wir um des Friedens willen in den Krieg ziehen. Den Krieg in der Ukraine müssen wir als Tatsache akzeptieren.

Was wir bei aller Tatsächlichkeit nicht übersehen dürfen, ist, dass wir auch im Krieg den Frieden üben können. Konkret:

(1) Jeder von uns kann „Unerschrockenheit“ (Chödrön, 2023, S. 32) einüben. Ziehen mich die Kriegserzählungen immer tiefer in die Angst, die den Wolf des Hasses nährt. Oder bewahre ich mir die Freiheit, den Wolf der Liebe zu füttern, indem ich respektvoll mit den Menschen umgehe, die anders als ich über den Krieg denken, und dort abgrenzend Stellung beziehe, wo indirekt der Hasswolf genährt wird.

(2) Jeder von uns kann sich klarmachen, dass wir uns nur um die Ursachen „ohne Kontrolle über die Resultate“ (Hanson, 2018, S. 137) kümmern können. Wir haben nicht die Macht, die Resultate zu beeinflussen. Wir haben aber die Möglichkeit, uns die Ursachen immer wieder deutlich zu machen: der in den Mitteln unerträglich barbarische und durch nichts zu rechtfertigende Angriff auf die feiernden Menschen in Israel ist der Auslöser für den Gazakrieg. An der Ursache arbeiten, heißt dabei, jeglichem Antisemitismus der Sprache und des Gedankens entgegenzutreten und den Konflikt dort zu verorten, wo er stattfindet: in der Politik der palästinenischen Vertretung und Israels.

(3) Jeder übernimmt die Verantwortung dafür, ob er an sich selbst und in seinem Lebenskreis die Herzenshärte verhindert. Wo sie schon eingetreten ist, wollten wir den Mut entwickeln, verantwortlich für die Erweichung des Herzens einzutreten. Machen wir uns selber und anderen die Verletzlichkeit und Zartheit des Menschseins bewusst, des persönlichen und des Menschseins jeglicher anderer.

Durch Unerschrockenheit, durch das Kümmern um die Ursachen und den Mut zur Herzenserweichung üben wir den Frieden im Krieg. „Wir können uns entscheiden für Frieden und Friedfertigkeit. Entscheiden zu können, verbindet uns Menschen, gerade auch im Leid und erst recht im Frieden.“ (Riedel, 2024, S. 25)

Quellen: 

  • Chödrön, P. (2023): Frieden finden in Zeiten des Krieges. Anakonda
  • Hanson, R. (2018): Achtsamkeit und die Neurobilogie der Liebe. Arbor
  • Riedel, C. (2024): Entscheidung für den frieden. Über das Wissen um die eine Menschheit, in: Praxis Palliative Care Nr. 62/2024, S. 24 – 25

Einst und Jetzt

Vor zwei Jahren wachten wir mit der Nachricht auf: Russland greift in der Nacht die Ukraine an. Krieg in Europa! Das, was wir uns nicht vorstellen wollten, war eingetreten. Es hatte sich abgezeichnet. Seit langem. Das war einst. Was wir uns auch nicht vorstellen konnten: Der Krieg gegen die Ukraine begleitet uns seit dem 24. Februar 2022 täglich. Er wurde zum Alltag. 

Inzwischen wissen wir, dass es nicht nur die Nachrichten über den Krieg sind, das Hin und Her der Offensiven und Rückzüge an den Frontlinien, die Bilder des zerstörten Lebensraums für so viele Menschen, die Massaker unter Zivilisten, die sich Russland leistet, die toten Soldaten, die uns aufstören, Zahlenberge, Menschenleben, die uns verstören. Der Krieg greift die bisherige politische Weltordnung an. Er greift die öffentliche Erkenntnisordnung an. Ideologieträchtige Propaganda, digital unterstützte Fake News und seriöse Nachrichten vermengen sich und sind auch für Medienfachleute immer schwerer entwirrbar. Wir wissen: Der Krieg Russlands greift längst die politische Kultur in Europa und in unserem Land an. Wir spüren das, meist als Unbehagen gegenüber der Flut an Bildern und Texten, in denen Meinung und Nachricht oft kaum differenziert und differenzierbar sind. Eine neue, erschöpfende Dimension des Lebenswirklichen umfängt uns jetzt.

Müdigkeit überzieht die Gemüter an den aussichtslosen Fronten, an denen der aggressive Eindringling sich nicht abwehren lässt. Sie überfällt die Menschen in den wieder und wieder attackierten Städten und Orten in der Ukraine. Die Müdigkeit ist den agierenden Politiker:innen ins Gesicht geschrieben. Ins Gesicht derer, die das Unterstützungsnetzwerk vieler solidarischer Staaten zu weiteren, dringend erforderlichen Leistungen motivieren. Abgekämpfte Müdigkeit noch mehr in den Gesichtern vieler ukrainischer Politiker:innen, nicht nur der Regierung in Kiew, sondern auch der Lokalpolitiker:innen, wenn sie in der Berichterstattung noch zu sehen sind. 

Der Krieg Russlands zehrt. Er vernichtet nicht nur Lebensorte. Er vernichtet zunehmend Lebensgrundlagen und Lebensmittel, die viele Menschen brauchen. Er vernichtet Milliardenbeträge und schmälert die Hoffnung auf politische und ökologische Transformationsprozesse, die nicht nur die Zukunft der Ukrainer:innen, sondern das Überleben der Erdbevölkerung sichern sollen. Er ist in seiner unmittelbaren bracchialen Gewalt der Krieg gegen die Ukraine. Er wirkt mittelbar auf Europa, auf die Nato-Verbündeten, auf die immer schlechter versorgten und auf Hilfsleistungen angewiesenen Weltgegenden. Er verschiebt die internationalen Machtverhältnisse.

Die Gegenwart für junge Menschen und Kinder in der Ukraine ist durch den Krieg getaktet. An vielen Orten verbringen sie viel zu viel Zeit in Bunkern und Schutzräumen, statt im Unterricht und in der Ausbildung. Junge Menschen riskieren im Verteidigungseinsatz ihre Gesundheit, ihr Leben, statt jetzt die Lebensgrundlagen für später zu schaffen. Sie bangen um ihr Leben, statt es zu erleben. Dabei wird es deren Aufgabe sein, die Ukraine als Land, als Gesellschaft, als Staat wieder aufzubauen. Mit welchen menschlichen, persönlichen Mitteln werden sie das leisten? Mit welchen Hoffnungszielen? Woher wächst ihnen die Motivation dazu?

Der Krieg verändert längst auch unsere Gesellschaft und greift unsere staatliche Ordnung an. Ich denke dabei nicht in erster Linie an die wirtschaftlichen Konsequenzen, die wir alle spüren. Eine Veränderung anderer, ebenso bedrohlicher Art vollzieht sich. Der Krieg Russlands verändert unsere Einstellung zu Gewalt und Macht. Nicht nur dass wir die Rüstungsfragen wieder ernsthaft in den politischen Alltag aufzunehmen gezwungen sind! Wir beschäftigen uns in der öffentlichen Debatte seit Kriegsbeginn (zu) oft mit Gewalt und Gewaltbereitschaft. 

Das Modell des hochgerüsteten Aggressors, der sich allein aufgrund seiner Fähigkeit zur Gewaltausübung durchsetzt, wird allzuleicht im öffentlich geschwätzigen, medialen Lärm mit Macht verwechselt. Hannah Arendt, die politische Philosophin, weist nachdrücklich auf den systematischen Unterschied zwischen Macht und Gewalt hin. „Macht und Gewalt sind Gegensätze: wo die eine absolut herrscht, ist die andere nicht vorhanden. Gewalt tritt auf den Plan, wo Macht in Gefahr ist; überläßt man sie den ihr innenwohnenden Gesetzen, so ist das Endziel, ihr Ziel und Ende, das Verschwinden von Macht.“ (Arendt, 2021, S. 57) Macht lebt vom interessengeleiteten, maßgebend solidarischen Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsam zum Wohl aller handeln wollen und sich dabei von der Evidenz der Wahrheit leiten lassen. F. Vogelmann (2022, S. 341) nennt dies die „Arendt-Einsicht“. Gewalt beruht im Unterschied dazu darauf, dass „die Mittel den Zweck bestimmen“ (Arendt, 2021, S. 79). „Werden die Ziele nicht schnell erreicht, so ist das schließliche Resultat nicht nur die Niederlage, sondern das Überhandnehmen von Gewalttätigkeit in allen Bereichen des politischen Lebens.“ (ebd.) Im schlechtesten Fall vernichtet Gewalt die Macht und zerstört die, die sie ausüben, selbst. „Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.“ (Arendt, 2021, S. 54) Macht und Gewalt sind nicht auseinander ableitbar.

Wir leben nicht nur in einem demokratischen Staat. Wir haben auch Verantwortung für unsere Demokratie. Wir sind verantwortlich für die Wahrhaftigkeit des Faktischen und die Pluralität der Meinungen, vorwiegend als die, die sie äußern oder uns um die Stellungnahme drücken. Verdrängung und Ignoranz schützt nicht vor Verantwortung. Das lernt jeder spätestens in einer Psychotherapie. Wir sind, weil die demokratische Freiheit Diversität und Individualität ermöglicht, ethisch verpflichtet zu verantwortlicher Solidarität. Freiheit ist nur um den Preis der Verantwortlichkeit zu haben. Auch das lernt man in einer Psychotherapie am eigenen Leib und für die eigene Person.

Die Verantwortlichkeit beginnt mit der Kultur der Sprache. Wenn Politiker ihre Konkurrenten um die Macht nicht argumentativ kritisieren, sondern durch entgleiste Vergleiche verunglimpfen, wenn es kein Problem mehr ist, die Unwörter der Trommler des Dritten Reiches erneut in die politische Rede und den öffentlichen Sprachgebrauch aufzunehmen, dann wird damit die Gewalt gegen die durch unsere Wahlen legitimierte Staatsmacht in Stellung gebracht.

Die Verantwortlichkeit setzt sich fort in Aktionen. Wenn PS-Boliden (ich meine keine SUVs und Sportwagen) zur Bedrohung demokratisch gewählter Parlamentarier und ehrenamtlich tätiger Politiker eingesetzt werden, wenn für die Durchsetzung der Interessen Weniger andauernde Gewalt an Vielen ausgeübt wird, dann wird die Grenze zu verantwortlicher Solidarität überschritten. 

Das Klima in unserer Gesellschaft, auch im politischen Alltag ist rauer geworden. Das zeigt der Zulauf zu undemokratischen Parteien und Bewegungen. Das zeigt die Enthemmtheit, sich über demokratische Verantwortung für diese, unsere Gesellschaft hinwegzusetzen und deren Zermürbung für die gewaltbereite Durchsetzung eigener Interessen in Kauf zu nehmen. Welches Bild gibt dann unsere Demokratie denen ab, die einmal in der Ukraine für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, einer parlamentarischen Demokratie sorgen werden? Wir haben es in den kommenden Monaten, hoffentlich nicht Jahren, in der Hand, ob sich in den Augen junger Ukrainerinnen und Ukrainer der kreative Einsatz für die Demokratie im gebeutelten, teilweise zerstörten Land mit einer an der Verteidigung des Staates müde gewordenen Gesellschaft lohnt. Auch dafür sollten wir demonstrieren und uns einsetzen, dass unsere demokratisch orientierte Gesellschaft die jungen Menschen in der Ukraine ermutigt, eine derartige Gesellschaft auch für sich selbst zu schaffen!

Quellen: 

Arendt, H. (2021). Macht und Gewalt (28. Aufl.). Piper

Vogelmann, F. (2022). Die Wirksamkeit des Wissens. Eine politische Epistemologie. Suhrkamp

Aber – Und

Gestern blieb ich in den ersten sieben politischen Seiten der aktuellen Ausgabe (Jg. 80/ Nr. 40) der Süddeutschen Zeitung stecken. Die Beiträge zum Tod Alexej Nawalnys, vor allem die Bestandsaufnahme zur Wirkung des Toten in der politischen Landschaft Russlands auf der Seite 3, und der Kommentar von Cathrin Kahlweith auf der Meinungsseite (S. 4), machten mich nachdenklich. Wer war Alexej Nawalny? Wie lassen sich seine Strategien erfassen? Wie hätte Russland unter seiner Präsidentschaft ausgesehen, wenn er als zugelassener Kandidat die Wahl 2018 gewonnen hätte? Wie beschrieben sich die Beziehungen Europas und Deutschlands zu diesem Russland? Ich weiß, historische Spekulationen haben allenfalls metatheoretische Bedeutung. 

Gedanklich festgesetzt wurde ich durch die Berichte im Umfeld der Münchner Sicherheitskonferenz. Das Interview mit Bundeskanzler Scholz (S. 2), der sich zunehmend zum Trommler für die militärische Stärke Europas macht, mit den ihm eigenen Ungenauigkeiten im Rhythmus und ungelenken Wirbeln, die so niemals ein dynamisches, klares und mitreißendes Fundament für solide Politik abgeben können, der analytische Kommentar von Stefan Kornelius zu „Krieg und Frieden“, der Sequenz, in der V. Putin Politik denke, macht mich mutlos. Ist eine martialische Aufrüstung die einzige Sprache, die der Kreml versteht? Atommacht Europa? Lassen wir uns vom Kreml und den ihm zuspielenden anderen Staaten zurückwerfen in das Jahr 1983, wo „in Ost und West ‚nachgerüstet‘ und ‚nach-nachgerüstet‘“ wurde (Schulte u.a., 1984, Vorwort)?

Entsetzt hat mich der Beitrag „Eingemauert in Schmalkalden“ (S. 7). Dort wird von der dritten aggressiv-militanten „Protest“-Aktion nach Biberach und Schorndorf nun in Floh (Schmalkalden) gegen Politiker der GRÜNEN berichtet. Worte sind wirksam. Vor allem die „Aber“-Worte, wie sie aus den Reihen der beiden „Christlichen“ Parteien und den „Freien“ Wählern gegen die grüne Partei und deren Politiker:innen gesetzt werden. Norbert Frei, Professor für Neue und neueste Geschichte und Kolumnist in der Süddeutschen verweist dazu in seinem Beitrag „Der Unterschied“ (S. 5) auf die Macht der Worte, die eben deshalb mit Bedacht und Verantwortung zu wählen seien, gerade in den aktuellen Demonstrationen gegen Rechts. Mir selbst fielen die sprachlichen Unschärfen und auch manche gut gemeinte und gleichzeitig entgleiste Formulierung in einer Demo auf, an der ich teilnahm. 

Mir steht bei allem der Gedanke auf: Wieviel „Aber“-Denken steckt in alldem, in den Reaktionen zum Tod A. Nawalnys, der sehr rasch als Mord benannt wurde? In dem nach dem Februar 2022 zweiten Rüstungsaufschrei europäischer Politiker? In den aggressiven Handlungsweisen protestierender Gruppen gegen eine demokratische Regierungspartei?

Die Wirkung von „Aber“ und „Und“ werden in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (Wengenroth, 2012) und der Achtsamkeitspsychologie (Huppertz, 2022) untersucht. Schauen wir uns das genauer an: Hinter der Konjunktion Aber verbirgt sich eine adversative Denkfigur. „Aber“ signalisiert im Satzgefüge den Widerspruch, die Schmälerung der Geltung einer Annahme oder Behauptung durch den Einwand. Die Verwendung des „Aber“ operiert damit, dass manches wünschenswert ist, aber eben nicht möglich. Fragwürdig ist der Hinderungsgrund: Ist jener real (Tatsachen, Gegebenheiten) oder „bezieht [er] sich auf innere Reaktionen (Gefühle, Erinnerung), die mit der Umsetzung der entsprechenden Handlung verbunden wären“ (Wengenroth, 2012, S. 51)? Dieses zweite, affektive Aber wirkt genauso ausschließend wie das erste, realistische Aber: Wir Europäer würden ja gerne Machtpolitik auf dem Weg ökonomischer Repression (Sanktionen) machen, aber die Aggression des Kremls zwingt uns jetzt militärische Machtausübung auf. Welchen Charakter hat dieses „Aber“? Ist es nicht auch durch das Hilflosigkeitsgefühl gekennzeichnet, weil eben vielen Staaten das Hemd näher ist als die Jacke und die verhängten, massiven Sanktionen gegen Russland auf vielfältige Weise umgangen wurden? Wir werden im Sinne des „Aber“-Denkens in den kommenden Monaten in der Politik auch folgendes Argument  hören: „Wir sehen die sozialen Härten, die Notwendigkeit einer progressiven Klimapolitik durchaus, aber uns sind die Hände finanziell durch die Rüstungsausgaben und die Ukrainehilfen gebunden.“ Dagegen lassen sich leicht neue Aber-Sätze formulieren, die die demokratische Mitte durch diverse gefühlte Unzufriedenheiten immer weiter zermürben. 

Deshalb empfiehlt die Psychotherapie in Situationen des eher affektiven Widerstands: „Aus einem Aber ein Und machen!“ (Wengenroth, 2012, S. 51) Was heißt das? „‚Und‘ ist ein Wort, das den Umgang mit der Vielfalt, der Unveränderlichkeit und dem Chaos um uns herum erleichtert.“ (Huppertz, 2022, S. 43) Zugegeben, es fällt uns schwer, das Viele zunächst einmal ungeordnet nebeneinander stehen zu lassen. Denn Chaos macht Angst. Wir sind als Europäer mit unserer philosophisch-griechischen und römisch-pragmatischen Denktradition gewohnt, mit dem präfrontalen Verstandeshirn das Chaos „in Angriff“ (!) zu nehmen: planende Attacke, strikte Regeln, eindeutige Strategien und logische Realitätsreduktion bestimmen unseren Umgang mit der Vielfalt der Wirklichkeit. Ziel der ganzen Operation: Sicherheit als Vermeidung von Angst! Kann es nicht sein, dass die rationale Vereinfachung auch die Einfalt fördert, die affektiv leicht infizierbar ist und rasch zu massenhafter Ausbreitung von Bedrohungsgefühlen und Angst führt? Sehen wir der Tagespolitik nicht ihre Verzweiflung angesichts der Überkomplexion des Realen und Digitalen an? Mit jedem neuen Gesetz werden -zig Ausnahmen verabschiedet. Das ist nicht zuerst der Unfähigkeit der Politiker zu zu schreiben, ob mit oder ohne Ausbildungsabschluss (siehe M. Söders Einlassung am Politischen Aschermittwoch zu seinem gut ausgebildeten Schutzhund im Gegensatz zu zwei Politiker:innen der Regierungsparteien ohne Ausbildungsabschluss, zit. in: Süddeutsche Zeitung, S. 7). Die Hilflosigkeitsanmutung ist auch der Diversität gesellschaftlicher, ökonomischer und globaler Realitätsanforderungen geschuldet. Wer der Diversität mit vorwiegend schmälerndem und ausschließendem „Aber“-Denken begegnet, verirrt sich zunehmend im Dschungel von Verschwörungsannahmen, propagandistischen Vereinseitigungen, auf der rationalen Verstandesebene schwer widerlegbaren Zuspitzungen. 

Worin nun besteht der Charme des „Und“? Es „ermöglicht eine Leichtigkeit des Umgangs mit mehr oder weniger schwierigen Situationen“ (Huppertz, 2022, S. 43). A. Navalny entschied sich angesichts der Gesundung nach dem Giftanschlag des Kremls zur Rückkehr nach Russland. „Er hat das immer damit begründet, dass ein Navalny im Exil ein zu großes Geschenk für den Kreml gewesen wäre.“, schreiben S. Bigalke und F. Nienhuysen in der Süddeutschen (S. 3). Er hätte jedem „Aber“ Vorschub geleistet: Navalny ruft zum Widerstand gegen den Kreml auf, „aber“ er selbst lebt im Westen. Was immer der Westen für Russen an Vorstellungen evoziert! „Ein Oppositioneller hinter Gittern aber, das ist eine ständige Erinnerung an Putins große Schwäche, dass er es nie gewagt hatte, sich Nawalny bei einer Wahl zu stellen.“ (S.3) Das „aber“ in diesem Satz sollte zum „und“ redigiert werden: Opposition und Gefängnis, Lebenspräsenz und Todesrisiko. So würde ich Navalnys Einstellung pointieren. Er stellte sich nach seiner Wiederherstellung in Deutschland dem „Und“-Denken: Ich bin wieder soweit genesen – und was geschieht noch? Navalny waren bei seiner Rückkehr nach Russland neue und harte Repressalien des Kreml sicher. Das entsprach den Anmutungen und der Atmosphäre des Putinregimes. Und es entsprach den Anmutungen und der Atmosphäre Navalnys und seiner Organisation, sich dem zu stellen. Er sah wohl beides nebeneinander – und nicht als sich „aberhaft“ ausschließend. Das begründete seine machtvolle Wirkung.

Der Politik täte es gut, öfter einmal das „Und“-Denken zu favorisieren: Rüstung und Friedensarbeit, Sparsamkeit und erforderliche Investitionen, Migration und innere Sicherheit, Rechtsstaat und demokratische Gewaltenteilung, Freiheit und Verantwortlichkeit! Das „Und“-Denken macht uns deutlich, dass Klarheit und Unübersichtlichkeit zusammengehören. Klarheit stellt den Blick auf einen bestimmten Wirklichkeitsbereich scharf. Und die Scharfsichtigkeit für den Focus bedeutet Inkaufnahme von Unschärfe um den Focus herum, an den Rändern der Wahrnehmung. M. Huppertz (2022, S. 143) fasst dies aus der Perspektive einer achtsamkeitspsychologisch orientierten Erkenntnistheorie in die Frage: „Was wäre, wenn Orientierung und Desorientierung, Klarheit und Unklarheit keine Gegensätze wären und nicht erst Antworten neue Fragen erzeugen, sondern all das gleichzeitig und miteinander kommt und geht? … Was würde das an unserer Denkweise ändern?“ 

Quellen

  • Süddeutsche Zeitung Nr. 40 (Jg. 80), S. 1 – 7
  • Huppertz, M. (2022). Die Kunst da zu sein. Mabuse-Verlag
  • Schulte, C., Seebaß, G., Thöle, B. & Tugenhat, E. (1984). Philosophie und Frieden. Verlag Europäische Perspektiven
  • Wengenroth, M. (2012). Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). Beltz-Verlag