Hält die Gesellschaft den Verteidigungsfall aus?

Einerseits. Gewaltige Summen für die Verteidigung wurden in dieser Woche genehmigt. Verteidigungsbefähigende Rüstungsprojekte werden in den kommenden zwölf Jahren damit finanziert. Dank des Verhandlungsgeschicks der GRÜNEN wurde der Verteidigungsbegriff auf Digitalisierung der Verteidigungssysteme, Cyberdefense gegenüber hybrider Kriegsführung, Zivil- und Heimatschutz ausgeweitet. Es geht also um Waffen und deren digital gesteuerten, automatisierten Einsatz. Dringlich sei dazu auf ein pazifistisches Argument hingewiesen: Die Waffen werden von Menschen (mit-)entwickelt, programmiert oder direkt gesteuert und eingesetzt. Die Waffen haben auch Menschen zum Ziel. Vor einigen Tagen wurden bei einem einzigen Angriff in Gaza fast 500 Menschen getötet. Allein die zivilen Toten des Ukrainekrieges gehen Berichten zufolge in die Zehntausend.

Andererseits. In dieser Woche wurde darauf hingewiesen: Die medizinisch-pflegerische Infrastruktur unseres Landes sei dem Verteidigungsfall eher nicht gewachsen. Es sind Menschen, die durch Waffen verletzt und getötet werden. Darunter auch Kinder und Jugendliche, kranke und alte Menschen. Wie sollen sie versorgt werden?

Kriegerische Gewalt richtet sich nicht nur gegen menschliche Körper. Kriegsfolgen betreffen den ganzen Menschen, wie ihn das bio-psycho-soziale Modell (https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/med/profs/medpsych/schwerpunkte-lehre/bps/) beschreibt. Krieg wirkt in erheblichem Ausmaß verletzend auch auf die Psyche des Menschen: In der Vorbereitung des Verteidigungsfalles beeinflussen Nachrichten, Warnungen und Appelle an das Verhalten im sog. Ernstfall die Kognitionen, Einstellungen, Emotionen und das Verhalten der Menschen in einer sich als bedroht wahrnehmenden Gesellschaft: Verunsicherung, Befürchtungen und schließlich sich verstärkende Angst mit allen Folgen schlechter Adaption verändern das gesellschaftliche Klima. Krieg beeinflusst so auch den sozialen Kontext unseres Lebens, unsere gesellschaftliche Lebenswelt, nicht nur der Soldatinnen und Soldaten im Einsatz (https://www.bundeswehr.de/resource/blob/1465360/2e6f2eb8e4a831784d2c39836b7f6dd0/download-orientierungshilfe-bei-psychosozialen-belastungen-data.pdf). Er beschädigt unsere Lebenswelt. Jene verliert radikal an Verlässlichkeit. Sie konfrontiert mit Sterben und Tod.

Einseitigkeit: Die Politik sorgt für Waffen und Verteidigungssysteme. Hat sie für den Verteidigungsfall auch die medizinische, pflegerische, psycho-soziale Infrastruktur im Blick? Ist auch an die psycho-sozialen Veränderungen und Krisen gedacht, die die unmittelbaren Vorbereitungen auf den sog. Ernstfall gerade in unserer, psychisch nicht sehr resilienten Gesellschaft auslösen werden?

Endlichkeit: Wie wird die deutsche Gesellschaft mit der allgegenwärtigen Präsenz des waffengenerierten Sterbens und den Toten umgehen, wenn der Verteidigungsfall wirklich eintritt? 

Dazu ein persönliches Beispiel: 18 Monate lang versuchten die Fotokünstlerin Helena Heilig (München) und ich die Förderung für ein gemeinsames Fotoprojekt zum Thema „MenschSein. Im Sterben“ einzuwerben. Wir wollten uns künstlerisch, in Bild und Wort, mit dem Sterben im Hospiz auseinandersetzen. Die Bilder und die kommentierenden Texte sollten in einer Ausstellung präsentiert werden. Wir erfuhren einigen Zuspruch und weitaus mehr Bedenken gegenüber dem Projekt, wenn wir es bei Förderinstitutionen vorstellten. Sterben ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Thema, das nicht öffentlichkeitstauglich ist. Das Projekt kommt mangels Förderunterstützung wahrscheinlich nicht zu Stande.

Ich wende, was wir im Blick auf das Projekt zu unseren Einwerbungen gehört oder gelesen haben, auf den Verteidigungsfall an: Jener wird ja nicht nur an irgendwelchen EU-Außengrenzen stattfinden, sondern kann uns auch unmittelbar in unserem Land betreffen. Er wird uns mit einem Sterben und einem Totsein konfrontieren, das die meisten, auch ich, nur aus Pressebildern kennen. Sterben und Tod werden zur öffentlichen Erfahrung. Sorgt sich die Planung der Verteidigungsfähigkeit auch darum, wie wir mit Tod im Krieg umgehen werden? Wir alle haben zumeist keine direkten Erfahrungen mit einem gewaltsamen, durch Waffensysteme anonymisierten Tod. Die meisten von uns erschrecken bis hin zur traumatischen Reaktion vor öffentlichen gewaltsamen Tötungen, die wir immer wieder erleben. Viele tun sich schwer, auf diese Weise an ihre persönliche Endlichkeit erinnert zu werden. Am besten man verdrängt sie, z.B. durch politischen Abschiebaktionismus. Manche sorgen mit Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht, Bestattungsvorsorge für ihr Sterben vor. Aber ein Sterben, das Waffen in einer Zivilgesellschaft anrichten, wie es die ukrainische Gesellschaft, die Menschen im Ostsudan, im Jemen, in Gaza erleben, gehört das – bei aller in Umfragen geäußerten Zustimmung zur Verteidigungsbefähigung – auch zu unseren gesellschaftlichen Überlegungen? Welchen Platz geben wir dem Tod im öffentlichen Raum?

Meine beruflichen Erfahrungen in der psychotherapeutischen Arbeit mit sterbenden Menschen und Trauernden, auch Trauernden nach einem unvorhergesehen Verlust durch Suizid eines An- oder Zugehörigen, verweisen darauf, dass unsere Gesellschaft einen veränderten Umgang mit dem öffentlichen, gewaltsamen Tod wird erlernen müssen. Ich gebe zu: Wie das gehen soll, dafür fehlen mir die konkreten Vorstellungen. Mehr Endlichkeitstoleranz jedes Einzelnen wäre ein erster Schritt.

Demokratie: Vielfalt und Unterscheidung

Darauf wird es jetzt ankommen. Sich nicht vom politischen Aktionismus der amerikanischen Administration anstecken zu lassen. Durch Wahlen legitimierte, jedoch autokratisch agierende Regime verfügen über eine andere Handlungsgeschwindigkeit als demokratische Regierungen. Jene sind an politische Aushandlungsprozesse gebunden. Demokratie beruht auf diesen manchmal langwierigen parlamentarischen Diskursen, durch die eine Gesellschaft ihr Leben organisiert und ihr Handeln legitimiert. Im Idealfall bleibt sie dadurch bei aller Vielfalt solidarisch, weil sie den unterschiedlichen Interessen diskursive Räume erschließt, die der Prüfung oder auch der Erweiterung des jeweiligen gesellschaftlichen Konsenses dienen. Es ist ein schwerwiegender Missstand, der sich im Regierungsstil der Kanzlerin A. Merkl ausbreitete und von der nun abgewählten Ampelregierung weitergeführt wurde. Parlamentarische Aushandlungsprozesse wurden zunehmend durch Kabinettsbeschlüsse ersetzt. Als ein Motiv dafür gilt die Verfahrensbeschleunigung. Immer wieder kritisieren Parlamentarier:innen dieses Übergehen der gewählten Volksvertretung. 

Kann es sein, dass die zunehmende Verlagerung der Legislative in das jeweilige Kabinett mit ein Grund für das Erstarken des rechten politischen Randes ist? Mithin auch ein Grund für die Polarisierung in der bundesrepublikanischen Gesellschaft? Die parlamentarische Debatte lotet die Bedürfnisse, Forderungen, Notwendigkeiten der jeweiligen Interessen in der Gesellschaft aus. Sie verdeutlicht nicht zuerst die parteipolitischen Möglichkeiten im Parlament, sondern spiegelt die vielfältigen Standpunkte der unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft wieder. Unterschiedliche Positionen erfordern Aushandlungsprozesse, die durch die gewählten Parlamentarier, die idealerweise in einer unmittelbaren Beziehung zu den gesellschaftlichen Gruppen ihrer Wahlkreise stehen, getragen werden. So wird die Vielfalt sortiert, in überschaubare Cluster geordnet, die die Unterscheidungen im parlamentarischen und verbunden damit gesellschaftlichen Diskurs ermöglichen. Das im Blick auf die Sache Unterscheidende in der Vielfalt fließt in die Gesetzgebung ein. Abstimmung als Aushandlung geht also dem Abstimmen voraus. Der Vorteil des langwierigen Verfahrens ist, dass dadurch die gesellschaftliche Vielfalt in gut unterschiedenen Positionen während der parlamentarischen Lesungen und Debatten zu einem Gesetz deutlich wird. Die Notwendigkeit von Konsens und/oder Kompromiss als Verfahren politischen Handlungssinnes schwächt extreme und extremistische Perspektiven durch Schattierungen an den Gesetzen, die in den Aushandlungsprozessen gefunden wurden – und nicht vorwiegend durch die Expertise von Regierungsberater:innen oder die Vorteilsorientierung von Lobbyist:innen. Der Nachteil ist die zeitliche Trägheit des Verfahrens in einer sich digital beschleunigenden Welt.

Ein wirksames Gegengift gegen Autokratisierungsdynamiken, wie sie gerade durch die extreme Rechte vorangetrieben werden, ist nun der Mut zu Vielfalt und Unterscheidung. Demokratisch verfasste und auch so regierte Staaten oder Staatengemeinschaften, als welche die Europäische Union sich mehrheitlich versteht, sind pluralistische, weil offene Systeme. Sie bedürfen wirksamer Unterscheidungsstrategien, um die Vielfalt nicht in Unübersichtlichkeit zu verlieren. J. Habermas (2019, S. 21) charakterisiert die Vielfalt als „lebensweltlichen Hintergrund der kommunikativen Alltagspraxis“, die eine „vorpolitische  … Quelle von ‚Solidarität“ als „Gegengewicht zu den beiden anderen Medien ‚Markt‘ und ‚politische Macht bildet“. Autokratische Systeme forcieren die politische Macht durch präsidiale Entscheidungen und erwarten von noch vorhandenen Parlamenten Zustimmung dazu und so Legitimation. Sie verbinden die politische Macht mit dem Gewaltmonopol (Polizei, Geheimdienste, Militär) wie W. Putin oder mit ökonomischer Macht (Zölle, Embargos) wie D. Trump. Oder es werden beide Formen gemischt. Es kommt dann nicht mehr auf die parlamentarische Legitimation der Entscheidungen an, sondern auf die durchsetzungsorientierte Vermischung von Legislative und Exekutive, die das Gewaltmonopol im Staat sichert. Beides wirkt sich uniformierend auf die Gesellschaft aus, weil die Vielfalt in Einfalt umgesteuert wird. Wo Einfalt herrscht, gibt es nichts mehr zu unterscheiden.

Die zentrale Unterscheidungsstrategie für die Vielfalt in der Gesellschaft ist der demokratisch-parlamentarische Legitimationsprozess, durch den zivilgesellschaftliche Eingaben „unter normativen Gesichtspunkten“ zur „veröffentlichten Meinung“ werden, die in Abstimmungen durch die Bürger:innen zur „öffentlichen Meinung“ wird (Habermas, 2019, S. 22).

Wozu diese Rekonstruktionen? 

Gerade beginnt in unserem Land die Regierungsbildung. Der Kontext könnte schwieriger kaum sein: die Infragestellung der us-amerikanischen präsidialen Demonkratie durch einen autokratielastigen Präsidenten, die zunehmende Aushöhlung der seit 80 Jahren verlässlichen Sicherheitsgerantien der USA für Europa, der nichtendenwollende Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die Destabilisierung Palästinas durch die schweren Auseinandersetzungen zwischen Isarael und der Hamas, der Druck der extremen Rechten in vielen europäischen Ländern auf die Regierungen und auf die Europäische Union. In Deutschland selbst treffen wir auf eine mehrschichtige Polarisierung der Gesellschaft und der Politik, eine veritable Wirtschaftskrise infolge kontinuierlicher Halbherzigkeit gegenüber dem ökologischen Klimawandel und der daraus folgenden Energiepolitik, gegenüber den Integrationsherausforderungen des Einwanderungslandes Deutschland, gegenüber einer Haushaltspolitik, die der Infrastruktur-, Bildungs-, Wirtschafts- und Friedenskrise nicht gerecht zu werden scheint. Gegenüber solchen Konfrontationen mit umfänglichen Herausforderungen, die rasch in Infragestellungen und Krisen umschlagen können, ist beschwichtigendes Vermeiden ebenso keine zielführende Einstellung wie die Annäherung an autokratisches Regierungshandeln. 

Die philosophisch-politische Sinnfrage an unser Land und dessen Gesellschaft lässt sich folgend buchstabieren: Wollen wir auch weiterhin im demokratischen Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortlichkeit leben? Nach vielen Jahren der Freiheit in einem scheinbar nicht mehr zu gefährdenden Wohlstand wirkt sich die Vernachlässigung der Verantwortung, die diese Freiheit immer mit sich führte, jetzt aus. Die Verantwortung nun zu übernehmen und ihr gerecht zu werden, darf nicht zu politischem Aktionismus führen. Aktionismus ist in der Regel auch eine Form der Vermeidung von Verantwortung. Es geht jetzt darum, Verantwortung zu übernehmen dafür, dass die Freiheit erhalten bleibt. Das kann zeitweise zu Verzichten, Einschränkungen, auch zu bedrückenden Durststrecken für unsere Gesellschaft führen. Das alles sollte uns der Erhalt der demokratischen Grundordnung wert sein. Nur jene garantiert in aller Vielfalt die richtige Unterscheidung: Das Maß der Freiheit ist die Verantwortlichkeit, das Maß der Verantwortlichkeit ist die Freiheit. Und wir Menschen sind es, die entscheiden, wer wir im Kraftfeld von Freiheit und Verantwortlichkeit sein werden. Offen für Vielfalt der Möglichkeiten, entscheidungsbereit und verantwortlich, mit allen Risiken der Freiheit – oder uniformiert und eingelagert in eine Gefangenschaft, die in der Propaganda als Freiheit verheißen wird.

Quelle:

Habermas J. (2019): Philosophische Texte. Band 4: Politische Theorie, Einleitung (3. Aufl.). Suhrkamp 

„Fra gli alberi fioriscono le pietre“

„In den Bäumen blühen Steine“. Das zauberhafte Buch von Cees Nooteboom (2023) über das skulpturale Werk von Giuseppe Penone begleitete mein Wochenende. Ich genoss das behutsame, sich einfühlende, tastende Schreiben, in dem sich ein Text manifester Kunst annähert. Penones Skulpturen entziehen sich in der Manifestation durch das fließende Sichverändern, das er in seinen Figurationen und Installationen auszudrücken vermag. „Wasser fließt langsam oder schnell, wie aber nennt man die langsame Verwandlung von Holz in einen Baum?“ (S. 10)

Der Autor lässt sich nicht nur auf den Bildhauer ein, er gibt sich seinem Werk hin. Er erlebt, wie sich sein Denken verwandelt, wie Gedanken ins Wort fließen, Worte in den Text. Wem es später gelingt, sich beim Lesen auf dieses Fließen, den Lesefluss, einzulassen, dem erhellt sich, was in den Text eingeflossen ist. Nooteboom zitiert dazu eine Beschreibung Penones bei der Arbeit mit Marmor: „Wenn man damit arbeitet, gibt es einen Moment, in dem er durchscheinend wird, Licht geht ein wenig durch ihn hindurch.“ (S. 14) 

Licht durch Marmor. Das klärt für mich eine persönliche Erfahrung mit einer Skulptur von Andrea Bianco, dem Bozener Bildhauer. Er schuf die Figur einer Frau aus grauem Marmor. Etwa 40 cm hoch. Als ich sie zum ersten Mal sah, fiel mir auf, dass sie zwar im Raum vorhanden ist, nie aber manifest. Sie wirkt wie im Erscheinen. Wir nannten sie Apparenza. Wo immer sie steht, gleich in welches Licht sie gesetzt wird, Apparenza ist als Erscheinende präsent. So, als ob das Licht sich gerade für den einen Blick in ihr manifestiert, und sie gerade in Erscheinung tritt. 

Penone schuf „trappole di luce“, Lichtfallen. Er spielt mit dem Licht und der Materie, deren Beziehung das Erscheinen ist. So, als ob das Licht in die Falle der Materie gerät, und sein Erscheinen hervortritt. Eben wie die Skulptur der Apparenza Marmor, sehr harte, feste Materie ist, in der sich Licht fängt, und die Frau erscheint, die sie darstellt. 

Wenn ich mich auf den Prozess der Lichtfallen und des Erscheinens einlasse, dann verändert das mein Wahrnehmen, mein Denken und letztlich meine Sprache. „Man muss selbst zum Fluss werden, um eine Skulptur aus Stein erschaffen: Der Stein wird gebrochen, bearbeitet, geschliffen vom Wasser, das sich in seiner reinsten Form zeigt. Das Wahrhaftigste und Vollkommenste von allem, was skulpturiert worden ist, ist ein Stein aus einem Fluss. Die Technik des Arbeitens ergibt sich aus der Beobachtung dessen, was der Fluss macht, dem Abschmirgeln, Schneiden, Schleifen mit dem Körper des Bildhauers, der den Stein in einer fließenden, fortwährenden Aktion umhüllt. Man muss ‚Fluss sein‘, um eine gute Skulptur aus Stein zu erschaffen.“ (S. 77) Das Eintauchen in den natürlichen Prozess lässt jenen als technischen erscheinen. Der technische Prozess erschließt sich wieder als natürlicher: Penones „ripetere“, wiederholen, vollzieht sich in wechselseitigen, auf einander bezogenen Dimensionen der technischen Natur und der natürlichen Technik. Heißt das, Natur und Technik beziehen sich aufeinander, sind ohne einander nichts?

Was Penone in seinem skulpturalen Schaffen anstrebt, ist mehr als der Bezug von Natur und Technik. Es will das „svolgere la propia pelle“, das „seine eigene Haut abrollen“ (S. 78). Im Abrollen vollzieht sich nicht zuerst Erkenntnis, sondern der Blick liegt ganz auf dem Sich-Erschließen. Erkennen setzt die Disjunktion von Subjekt und Objekt voraus. Es gibt das Erkannte und die Erkennenden. Sich-Erschließen hat eher mit der platonischen „theoria“ und dem „taumazein“ zu tun, dem Schauen und Staunen. Schauen vollzieht sich im Sich-Einlassen auf das, was ist, ohne dass sich Schauende vom Geschauten gleich unterscheiden; dann würden sie zu Erkennenden. Wenn ich mich einlasse auf das Schauen, dann rolle ich meine eigene Haut ab; ich überwinde die grenze zwischen Subjekt und Objekt, Innen und Außen. Das Schauen wirkt in mir und sich für mich aus. Was ich schaue, erscheint. Apparenza. Ich staune. In der Schau erscheint das Schauen zugleich mit dem Staunen. Nooteboom schlägt vor „svolgere la propia pelle“ mit „seiner eigenen Haut folgen“ (S. 78) zu übersetzen. Wer sich einlässt, folgt seiner eigenen Haut, allen Linien, Vertiefungen und Ausbuchtungen, den Schrunden und den weichen Partien; er „ist Fluss“, Fließen und Erschließen in einem. Im Folgen seiner Haut, rollt er sie ab, erscheint und ist auf diese Weise da.

Was bezaubert mich gerade jetzt an diesem literarischen Text über das Schaffen dieses ungewöhnlichen Künstlers? Es ist mehr als die sprachliche Annäherung des Schriftstellers Nooteboom an das skulpturale Schaffen Penones. Es ist nach einer Woche der politischen Verhärtung das Fließen, das Sich-Einlassen, das Erscheinen, das Staunen, die Bewegung von Wachstum und Veränderung. Hier löst sich alles Harte und Starre nicht dadurch auf, dass es revolutioniert wird, also umgewendet, vom Kopf auf die Füße oder von den Füßen auf den Kopf gestellt wird. Wenn auf den Bäumen Steine blühen, erscheint das Leben in langsamer Verwandlung, in der Holz zum Baum wird, Felsen zum Stein. Das lässt hoffen. Wenn ich mich auf das Harte, Starre einlasse, den Lichtfallen darin auf die Spur komme, dann erscheint die Verwandlung. Natürlich vollzieht sie sich in langsamer Zeit und will auch so technisch modelliert werden. Dem Harten auf seinen Fluss kommen, dem Festen auf sein Licht, das wäre doch eine Chance, das Erscheinen, das Präsens, die Gegenwart zu gestalten, in dem wir begreifen, was Veränderung natürlicherweise bedeutet. Dass Leben Veränderung ist und dem Denken fließendes, verwandelndes Wachstum abfordert.

Quelle:

Nooteboom, C. (2023): In den Bäumen blühen Steine. Die erdachte Welt von Giuseppe Penone. Suhrkamp (Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Buch.)

Migrant:innen sind Menschen!

Eva Umlauf wurde als zweijähriges Kind zusammen mit ihrer Mutter nach Ausschwitz deportiert. Sie überlebte das Lager. 70 Jahre lang schwieg sie zu ihrer Geschichte. In der Autobiographie „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“ (2021) wagte sie es, über die Wirkung der Deportationserfahrungen zu schreiben. Jetzt wagt sie es wieder und meldet sich mit einem Brief an Friedrich Merz (CDU, Kanzlerkandidat) zu Wort (SZ, 25/2025, S. 9). Sie will angesichts von Hass und Hetze, die in Europa wieder „salonfähig“ werden, angesichts der Ausgrenzung und Einschüchterung von Menschen dafür kämpfen, „dass ‚Nie wieder‘ nicht nur eine Phrase ist, sondern ein Versprechen“.

Ausgrenzung und Einschüchterung, Hass und Hetze sind die Worte, die sich im Gehör verhaken. Der Widerhall zeigt: Der Tabubruch beginnt längst vor der Abstimmung am vergangenen Mittwoch im Bundestag. Er begann, als Menschen in unserem Land, in Europa das Blatt vor dem Mund ablegten und deutlich wurden: gegen Jüdinnen und Juden, gegen den Islam, gegen kriminelle Migranten und schließlich gegen die unerwünschte Migration. Das ist das Fanal, das am vergangenen Mittwoch einen festgeschrieben Konsens in dieser Republik unterbrach: der Rechtspopulismus wird als Mehrheitsbeschaffer politisch hoffähig. Die CDU/CSU baut auf die parlamentarische Unterstützung durch die rechtsextremistische AFD bei der Programmatik (Fünf-Punkte-Plan der CDU) und Gesetzgebung (Zustrombegrenzungsgesetz) für eine harte Linie in der Migrationspolitik. Hass und Hetze, Ausgrenzung und Einschüchterung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund und denen mit jüdischen Wurzeln haben damit ein Etappenziel erreicht. Auch wenn das Zustrombegrenzungsgesetz nach zähen Verhandlungen und einer unsäglichen Debatte mit einer knappen Mehrheit abgelehnt wurde, der Konsens zwischen den demokratischen Parteien bleibt aufgekündigt, das Hetzwerk der Rechtsextremisten kann beflügelt durch die Erfolge im Bundestag weitergehen. „Wer hetzt, der weiß, dass aus Worten Taten werden können.“, schreibt Michel Friedmann (2024, S. 76).

Hetze verschiebt die Grenze des Normalen. Sie schafft, indem Beleidigungen, Hass und Einschüchterungen den öffentlichen Raum fluten, eine neue Normalität. Vulgäre, direkt gegen die Menschenwürde gerichtete Äußerungen gehören, seitdem die AfD in den Länderparlamenten und im Bundestag sitzt, zur Tagesordnung. Schlimmer noch, sie unterwandert inzwischen auch die politische Redensprache der demokratischen Parteien. Man denke an verbale Entgleisungen vor allem der CDU/CSU zugehörigen Politikern gegen über Menschen mit Migrationshintergrund. M. Unfried (2025) zeigt am Beispiel von Geert Wilders in den Niederlanden, „wie Wilders durch seine Strategie der permanenten Lancierung von grenzüberschreitenden und beleidigenden Aussagen die Aufmerksamkeit der Medien auf seine Themen lenken konnte“ (S. 54). Jener etabliert, kürzlich zur regierungstragenden Kraft geworden, „das Freund-Feind-Denken mit aller Macht und mit den Möglichkeiten einer Regierungspartei“ (S. 54) und droht der Bürgermeisterin von Amsterdam mit dem Rausschmiss aus dem Land.

Dass die Ausgrenzung zur gesellschaftlichen Normalität wird, zeigt in aller Schärfe der Riss durch die viel beschworene „demokratische Mitte“. Er brach durch das Attentat in Aschaffenburg auf, das sich schon dadurch leicht instrumentalisieren ließ, dass ein zweijähriger Junge brutal getötet wurde. Mit einem Mal wurde klar, wo die Grenze zwischen Betrauerbarkeit und Unbetrauerbarkeit verläuft. Die Unbetrauerbaren sind nicht nur als Täter, sie sind als Menschen nicht anerkennbar. Ja, sie handeln kriminell und in Einzelfällen todbringend. Sie müssen des Landes verwiesen werden, denn sie haben den Schutz des Asyls oder des subsidiären Aufenthaltes verwirkt. Längst wurde aber das Ausschließungskriterium für diese Migrant:innen durch die AfD als Verweigerung der Zustimmung zum Grundgesetz, den Grundrechten und der „abendländisch-christlichen Kultur“ (die vor allem anderen in der aufgeklärten Selbstermächtigung des Menschen zum autonomen Gebrauch der Vernunft besteht und dem damit verbundenen Bewusstsein der Freiheit und der damit normativ-gesellschaftlichen und zugleich selbstverpflichtenden Verantwortlichkeit) politisch verallgemeinert und als Bedrohung der Gesellschaft durch Migration überhaupt in unzähligen Reden und Versammlungen skandiert. Solange, bis es einen aus der demokratischen Mitte gab, der dem Druck nicht mehr standhielt und das ursprüngliche Projekt der AfD inhaltlich zum persönlichen politischen Projekt machte, Friedrich Merz. Dass er dafür die Zustimmung der AfD ausdrücklich in Kauf nahm, entspricht der Logik des Systems. 

Dem „Fünf-Punkte-Plan“ von F. Merz zufolge soll einge-lagert und dann abgeschoben werden oder ausge-lagert und nicht ins Land gelassen werden. Migrant:innen verlieren damit nicht nur die Möglichkeit des Asyls, sondern zudem ihren Status als Flüchtige. Sie werden gewissermaßen auf „Exemplare“ (Th. Adorno) reduziert, vor denen die Gesellschaft zu schützen ist. Dafür herhalten muss der „gesellschaftliche Notstand“, der eine Ausnahmesituation suggeriert. Ist die Gesellschaft in unserem Land tatsächlich durch die durch nichts zu rechtfertigenden und in ihrer Brutalität abstoßenden Attentate der letzten Jahre bedroht? Entsteht diese Grundstimmung nicht vielmehr durch die geschickte Verbindung singulärer Einzeltaten mit der generalisierten Angst vor Bedrohung an Leib und Leben? Haben wir wirklich einen Gewaltnotstand? Und wenn wir ihn haben, warum wird er mit dem Migrationsthema verbunden? In einem Land, in dem 2023 laut „Bundeslagebericht geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteter Gewalt“ (https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/241119_BLBStraftatengegenFrauen2023.html) 245 Mädchen und Frauen Todesopfer häuslicher Gewalt überwiegend einheimischer Männer wurden? 

Der gesellschaftliche Notstand ist die Ausnahmesituation, die als regelhaft für unseren Alltag vorgestellt wird. G. Agamben hält in seiner Untersuchung „Homo sacer“ als Ergebnis der philosophisch-juristischen Analyse der Lager im Nationalsozialismus fest: „Das Lager ist der Raum, der sich öffnet, wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt. Im Lager erhält der Ausnahmezustand, der vom Wesen her eine zeitliche Aufhebung der Rechtsordnung auf der Basis einer faktischen Gefahrensituation war, eine dauerhafte räumliche Einrichtung, die als solche außerhalb der normalen Ordnung bleibt.“ (2019, S. 179 f.) Ignorieren nicht Teile des Fünf-Punkte-Plans der CDU/CSU geltendes Recht, sogar das Grundgesetz? Werden nicht neue Lager für Abzuschiebende und Ankommende angedacht?

Agamben verweist auf die Gefahr, dass der Mensch im Lager zum „biopolitischen Körper“ (2019, S. 80) wird. Die soziologisch-philosophischen Untersuchungen H. Arendts (1986) zum Konzentrationslager und M. Foucaults zum Gefängnis (2020) untermauern diese moderne Reduktion des Menschen auf seine biologische Identifizierbarkeit, die in der nationalsozialistischen Rassenlehre vorbereitet war. Werden Migrant:innen noch als individuelle Menschen gesehen? Oder werden zum Zweck der Abschiebung oder Überprüfung kasernierte Migrant:innen im nächsten Schritt zu codierten biopolitischen Körpern, über deren Wert Andere als sie selbst entscheiden? Weil sie als Gefahr für das biologische Leben der Bürger:innen und Bürger Deutschlands ausgemacht werden? 

Es ist an der Zeit, dass jeder Einzelne in unserem Land, in Europa, in der Welt die Parole „Nie wieder“ für sich zum Versprechen macht. Dieses persönliche Normativ seines Denkens vermag und soll jede und jeder den dumpfen Stimmungen gegen das Demokratische entgegenstellen. Es darf nicht mehr passieren, dass – mit Th. Adorno gesprochen (1975, S. 353) – „in den Lagern nicht mehr das Individuum starb, sondern das Exemplar“. Wir können uns biopolitische Naivität nicht leisten, wo im deutschen Bundestag politisch über den Umgang nicht mit Migration, sondern mit flüchtigen Menschen (!) mit der bewusst inkaufgenommen Zustimmung einer rechtsradikalen Partei entschieden wird, die der Matrix des Lagers verhaftet ist. Die AfD sieht im Migranten nicht das Individuum, sondern das Exemplar. Ähnlich wie das in den USA gerade mit illegalen Einwanderern passiert, die jahrzehntelang als steuerzahlende Bürger:innen im Land lebten.

Das ist der Tabubruch, der mich entsetzt. Wollen wir wirklich, um eine Formulierung G. Agambens aufzugreifen (2019, S. 190), dass „das Lager und nicht der Staat … das biopolitische Paradigma des Abendlandes“ wird? Wollen wir die sich selbst regulierende demokratische Gesellschaft den Autokraten und Plutokraten überlassen, die uns zu Exemplaren ihrer Interessen herabwürdigen? Ich will es nicht!

Quellen:

Adorno, Th. (1975): Negative Dialektik. Suhrkamp

Agamben, G. (2019): Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben (12. Aufl.). Suhrkamp

Arendt, H. (1986): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. Piper

Bundeslagebericht geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteter Gewalt (2023), in: https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/241119_BLBStraftatengegenFrauen2023.html

Foucault, M. (2020): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (18. Aufl.). Suhrkamp

Friedmann, M. (2024): Judenhass. 7. Oktober 2023 (3. Aufl.). Berlin-Verlag

Umlauf, E. (2025): „Tun Sie es nicht, Herr Merz“, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 25/31.01.2025, S. 9

Unfried, M. (2025): „Raus mit diesem Abschaum“, in: FuturZwei. Magazin für Zukunft und Politik. Nr. 31/2025, S. 52 – 55

Fremdland

„Es reicht!“, ruft Herr Söder, Ministerpräsident. „Das Maß ist endgültig voll.“, skandiert Herr Merz, Kanzlerkandidat.

Am 22. Januar 2025 greift ein Mensch mit einem Messer eine Kindergartengruppe in einem öffentlichen Park in Aschaffenburg an. Ein zwei-jähriges Kind tötet er, ebenso einen Erwachsenen, der sich schützend vor die Kinder stellte. Zwei Menschen werden schwer verletzt. Viele Menschen sind unmittelbar durch die Tat betroffen. Eine Familie verlor ihr junges, zwei-jähriges Familienmitglied, das Kind, das Geschwister, das Enkelchen. In der Kindergruppe bleibt auf einmal ein Platz leer. Eine andere Familie verlor den Partner, Vater, Bruder. Im Betrieb erscheint ein Mitarbeiter nie mehr. Freunde verloren einen Freund. Andere Familien sorgen sich um die Rekonvaleszenz der schwerverletzten Angehörigen. Die einen sind schockiert, vielleicht traumatisiert angesichts des unvorhergesehenen, unerwarteten plötzlichen gewaltsamen Sterbens. Andere trauern zutiefst, weil geliebte Menschen einfach weggerissen wurden aus der Lebensgemeinschaft und dem Leben. Die Vielen trauern angesichts des brutalen Einbruchs der Sterblichkeit in den Alltag durch diese Tat.

Trauer ist das uns Menschen natürliche Verhaltensprogramm zur Bewältigung von Verlusten. Weil Verluste etwas persönliches und wir Menschen Individuen sind, gibt es viele Formen der Trauer. Die Sprache der Inuit kennt 26 Wörter für Schnee. Für Trauer haben wir nur dieses eine Wort (Smeding, 2004). Dabei hat Trauer viele Gesichter: Fassungslosigkeit, Nichtwahrhaben, Getroffensein, Schmerz, Niedergeschlagenheit, Aufbäumen, Betriebsamkeit, Starrheit, Weinen, Schreien, Verstummen, Rückzug … Jedes Gesicht der Trauer darf sein. Jedes Gesicht der Trauer ist unvergleichbar, einzigartig. Und: die Gesichter verändern sich. Wer gestern noch laut klagte, ist heute verstummt. Wer heute fassungslos vor dem Verlustgeschehen steht, den schüttelt morgen vielleicht die Wut. Trauer entzieht sich der Wägbarkeit. 

Über Trauer zu sprechen, ist schwer. Die Worte für das Erlebte müssen erst gefunden, der Wortschatz erst erlernt werden (Riedel, 2022). Das braucht Zeit. Deshalb entsetzt mich die hektische, aktionistische Sprache der Politik – gerade jetzt, wenige Tage nach dem furchtbaren Attentat. Dieses Ausstoßen politischer Parolen zur Sicherung vor den Tätern, die das andere Wesentliche vergessen: Es haben viele Menschen einzelne aus ihrer Mitte verloren, urplötzlich und auf eine nicht nachvollziehbare und brutale Weise. Viel zu viele Politiker:innen stürzen sich auf die Tat, versuchen, auf sie zu reagieren, und instrumentalisieren sie. Durch Fünf-Punkte-Programme, wie Herr Merz, durch Vorlagen an den Bundestag wie die CDU/CSU-Fraktion, durch Hetzparolen wie die AfD. Darin kommen die Trauernden nicht vor. Alles bezieht sich auf den Täter, der sofort einer bestimmten Struktur krimineller Migranten zugeordnet wird. Sie alle will unsere Gesellschaft abschieben, nicht ins Land lassen.

Je öfter von „all denen“ gesprochen wird, entsteht die Suggestion einer riesigen Anzahl bis hin zur voreiligen Generalisierung auf „alle die“. Der Täter von Aschaffenburg ist in dieser Rede kein Mensch, sondern ein Afghane. Afghanen sind Muslime. Der Islam der Afghanen ist talibanisiert und islamistisch. Welche Realität bleibt dem Täter, der trotz allem ein Mensch ist, angesichts all der Generalisierungen? Und umgekehrt wird der Täter zur Bestätigung dessen, was „wir“  über „diese Afghanen“, „diese Muslime“, „diese illegal Zugewanderten“ wissen? Ist das das politische Gesicht unserer Trauer? Den Anlass der Trauer, diese Tötungen, die Täter, abzuwehren, abzuschieben, nicht zuzulassen, gar nicht mehr hereinlassen? Wie ist das im konkreten Fall des Menschen von Aschaffenburg mit der mutmaßlichen psychischen Erkrankung? Wie ist das mit den ambivalenten Erfahrungen, die er mit den deutschen Behörden machte? Wie ist das mit seiner Ausreisewilligkeit, die nach Monaten noch immer zu keiner Ausreise führte? 

Das sind keine „woken“ Entschuldigungsversuche für eine nicht entschuldbare Tat und auch keine Entschuldigung des Täters. Aber die Fragen zum Täter betreffen den Unterschied zwischen Betrauerbarkeit und Unbetrauerbarkeit in der politischen Debatte. „Betrauerbarkeit ist ein Definitionsmerkmal von Gleichheit.“ (Butler, 2021, S. 138) Würde der Täter, wenn er das Opfer einer Attacke wäre, überhaupt betrauert werden – oder wäre er maximal Gegenstand einer Nachricht? Worauf ich damit hinweisen will, ist, dass der politische Aktionismus, vor allem der christlich-konservativen Parteien, angesichts der Attacke in Aschaffenburg und auch in anderen Städten in jüngst vergangener Zeit, der Lage nicht gerecht wird. Einige der Vorschläge zur Steuerung der Migration sind vor dem Recht zumindest fragwürdig. Sie drohen den Gleichheitsgrundsatz zu verletzen, das Asylrecht auszuhöhlen, europäische Gesetze und Vereinbarungen zu ignorieren. Uns wird gerade vorgeführt, wie opportunistisch einige Parteien geneigt sind, demokratische Grundregeln nach Meinungslage umzudeuten, zu marginalisieren und einfachhin zu übergehen. Es ist wirklich der Umgang mit Migration, vor allem mit den zuwandernden Menschen in unser Land, nach Europa neu zu gestalten. Wie weit geht das Recht auf Asyl? Können wir heute Asyl nur politisch verstehen? Bedarf es angesichts der Klimaveränderung möglicherweise einer erweiterten Definition des Asylbegriffs? Wann und wodurch verwirken Zuwanderer den Aufenthaltsschutz? Wovor muss die Gesellschaft sich schützen? Wie kann die Integration verbessert werden, so dass wir alle betrauerbar sind, wenn es uns nicht mehr gibt.

Was die CDU/CSU-Fraktion unter Inkaufnahme der Zustimmung der AfD und des BSW vorhat, erinnert verdächtig an den politischen Aktionismus, den D. Trump in beispielsloser Rücksichtlosigkeit gegenüber Menschen, Rechtslagen und demokratischen Grundsätzen gerade in Szene setzt. Unsere europäische Zukunft stelle ich mir anders vor. Ich möchte mich nicht mit einem Europa arrangieren müssen, das durch Übernahme demokratiezerstörenden politischen Agierens (das in meinen Augen kein Regieren ist) zum Fremdland wird, in dem nicht mehr alle Menschen betrauerbar sind. Jeder hat seine höchstpersönliche Würde – als Opfer, das in seiner Würde angegriffen, im schlimmsten Fall um sein Leben gebracht wird, und als Täter, der seine Würde entschieden nicht mehr lebt und mit den für ihn gerechten Folgen konfrontiert werden muss.

Quellen:

Butler, J. (2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit. Über das Ethische im Politischen. (2. Aufl.), Suhrkamp

Riedel, C. (2022): Worte suchen helfen. Ignorierte Trauer – ein Impuls, in: Praxis Palliative Care Nr. 56/2022, S. 18 – 19

Smeding, R.M. (2004): Sechsundzwanzig Worte für Schnee, warum nur ein Wort für Trauer?, in: Lilie, U. & Zwierlein, E. (Hg.): Handbuch Integrierte Sterbebegleitung. Gütersloher Verlagshaus, S. 146 – 158

Erleuchtung und Verblendung

Was unterscheidet Elon Musk von Siddharta Buddha?

Buddha war erleuchtet. 

Musk blendet. Er blendet durch seine Spontaneität, durch seine Fähigkeit, andere für das kaum Machbare zu begeistern, durch die Organisation der Begeisterung in Umsetzungshandeln. Er blendet die naiveren Gemüter durch seinen Reichtum: Ui toll, der reichste Mensch der Welt. Und aus seiner Sicht: Endlich auch mit erweiterter politischer Reichweite. Kein Wunder, dass andere Politiker:innen, sowie Staatsfrauen und -männer schwach werden vor soviel Virilität? Dabei sind A. Weigel und C. Lindner eher nebensächlich. Sie bekleiden ja kein politisches Amt. Noch werden sie aller Voraussicht nach dies demnächst tun. Dass eine G. Meloni sich geradezu hingerissen von Musk gibt und sich für ihn als Brückenbauerin zu den anderen EU-Regierenden hergibt, macht schon eher besorgt. Zumal ja auch in Österreich Bedenkliches droht. Herbert Kickl schickt sich an, österreichischer Bundeskanzler zu werden. Ehrlichkeit soll seine politische Maxime für die Koalitionsverhandlungen und für seine Kanzlerschaft sein. Was immer Ehrlichkeit für ihn bedeuten mag. 

Es geht in diesem Essay um Erleuchtung und Verblendung. Beides bedient sich der Lichtmetapher. Beides nimmt die Eigenschaft in Anspruch, dass Licht erhellt. Erleuchtung bringt Licht ins Dunkel. Der Manga Buddha von Osama Tezuka, dessen Lektüre mich wochenlang begleitete, bietet eine behutsame Beschreibung des Erlebens an, das den Prinzen und Mönch Siddharta zu Buddha machte. „Wie Bäume, Gräser, Berge und Flüsse sind auch Menschen Teil der Natur und ihr Dasein hat einen Sinn. Unsere Existenz ist mit allem verwoben. Gäbe es dich nicht auf dieser Welt, geriete sie aus dem Gleichgewicht.“ (Buddha, Bd. 6, S. 56) Nach einer Weile: „Die Worte waren an mich selbst gerichtet! Ich habe mich selbst etwas gelehrt. Oh … in meinem Herzen wurde eine Pforte aufgestoßen! Licht! Licht! Licht! Erleuchte meinen Weg! Solange ich lebe, werde ich meine Aufgabe in diesem Universum erfüllen.“ (Buddha, Bd. 6, S. 58 – 60). Siddharta sieht Brahma, der ihn den Erleuchteten, Buddha nennt. Buddha wird nun das „Rad der Lehre“ drehen und seinen Weg der Erleuchtung lehren, auch wenn er zunächst am Erfolg zweifelt: „Niemand wird mir Gehör schenken. … Ich spüre Zweifel.“ (Buddha 6, S. 63) Jenen zum Trotz beginnt Buddha mit der Lehre der Verbundenheit alles Lebendigen und Natürlichen. Wer die Gier, das vielfältige Streben überwindet, erlebt sein Verbundensein mit der Wirklichkeit. Buddha lehrt den vollkommenen Respekt und die vollkommene Hingabe an das, was den Menschen umgibt. Je weniger Menschen das Einzelne focussieren, um so verwobener erleben sie sich mit allem. Und umso leichter können sie ihre Endlichkeit ertragen. „Alles Leben muss sterben. Das ist seine Bestimmung. … Ich werde jetzt ins Nirwana gehen.“, sind Buddhas letzte Worte im Manga (Buddha 10, S. 311 f.). Erleuchtung zeigt Wahrheit als Verbundenheit jedes Einzelnen mit allem und von allem mit jedem Einzelnen.

Wer erleuchtet ist, kann ins Nirwana gehen. Er kann von sich absehen und blickt in Freiheit auf seine Verbundenheit mit allem. Nicht er gibt der Wirklichkeit einen Sinn, sondern er erkennt in der Verbundenheit mit allem seinen individuellen Sinn, den er lebt. Ohne dich, spricht Buddha einen Ratsuchenden an, geriete die Welt aus dem Gleichgewicht. Jeder ist in seiner Weise wichtig für den Fluss des Lebens.

Das Licht der Erleuchtung blendet weder den, den es erleuchtet, noch die anderen, die den Erleuchteten begegnen. Es ist ein Leuchten, das Klarheit im Erkennen, Ordnung im Wissen, Grenzen des Wissenkönnens, Wahrhaftigkeit im Tun, Mitgefühl in der Zuwendung und die Weisheit des persönlichen Lebens und des Sterbens vermittelt. Es durchdringt nach und nach das Leben soweit, wie es sich der Erleuchtung öffnet. Buddhas erleuchteter Weg ist ein Weg des Selbstmitgefühls und des Mitgefühls mit allem Anderen.

Das Licht der Verblendung, das der Buddhismus „Mara“ und die griechische Philosophie „Ate“ nennt, erleuchtet nicht. Es blendet. Es ist grell. Die Augen müssen geschützt werden. Wer in das Blendlicht gerät, der sieht meist nur noch Grobes und Umrisse. Alles andere wird verschluckt. Es gibt Menschen, die Blendlicht ausstrahlen. Sie schaffen es, Teile der Wirklichkeit in hellstes Licht zu rücken; was neben dem Lichtkegel liegt, ist abgeschattet, bleibt im Dunkel. Ein Dunkel, das dadurch entsteht, dass das Auge, die Erkenntnisfähigkeit geblendet wird. Dies ist der Lichtstil, wie ihn E. Musk bevorzugt. Ihm gelingt es, seine Projekte und neuerdings seine politische Meinung in helles Licht zu rücken. Dort muten sie von höchster Wichtigkeit an. Was hell leuchtet, zieht Betrachter an, Voyeure, denen es nicht darum geht, was sie sehen, sondern dass es etwas zu sehen gibt. Sie leben vom Zuschauen, Bewundern, vom Vergleich und vom Neid. Das verbindet sie zu einem „Wir“ gegen die „Anderen“.

Ein kaum mehr ausmessbares, wägbares Vermögen, ein Ideengeber für die Industrie, ein Meinungsmacher mit seiner Social-Media-Plattform X umformt, und doch scheinen E. Musk die ökonomischen und Marketing-Erfolge nicht zufrieden zu stellen. Ihm geht es darum, die Macht, die Unternehmen, Vermögen und eine Social-Media-Plattform versprechen, auch einzusetzen: die Versprechen der Machtmöglichkeit in tatsächliche Macht umzusetzen. Ihm genügen politische Bewunderer nicht. Er will Menschen, die seiner Macht folgen, sich ihr wie freiwillig unterwerfen. Erst als Berater des amerikanischen Präsidenten kann der die Machtkarte politisch spielen. Als Unternehmer hängt seine ökonomische Macht immer auch an den politischen Verwirklichungsbedingungen. Erst im Kreis der politischen Mächtigen kann er die Politik blenden. Sein Blendwerk besteht in der Verblendung von politisch einflussreichen Mandatsträgern zu rücksichtsloser Durchsetzung einzelner, vermeintlich berechtigter Interessen, um eine goldene Zukunft zu ermöglichen. Musk ist dann auf der Zielgeraden, wenn er die ökonomischen Verwirklichungsbedingungen durch seine politische Macht unmittelbar steuern kann. Mit möglichst geringem Widerspruch. Die Politik derjenigen, die nach seinen Regeln spielen, wird unmittelbar unterstützt; die ihn kritisieren, sind schlechthin Trottel. Gleichzeitig entzieht er sich der politischen Verantwortung; denn er bekleidet kein offizielles politisches Amt in der Administration Trump.

Erleuchtung stiftet Leben in Verbundenheit. Verblendung erzeugt Leben als Abhängigkeit. Erleuchtung eröffnet Wahrheit. Verblendung lebt vom Blick auf Halbwahrheiten. Sie verspricht ihren Followern im Rampenlicht eines Kollektivs zu stehen, das im vermeintlichen Besserwissen stetig neue Halbwahrheiten produziert und sich dadurch seiner Zusammengehörigkeit versichert (Gess, 2022). Die Zusammengehörigkeit liefert zugleich den Blendschatten für das, was nicht gesehen werden soll. Verblendung verstärkt jenes diffuse Wir, das verschworen mit seinen Erzählungen einen „vermeintlich höhere[n] Status“ (Emcke, 2018, S. 135) beansprucht. Es gründet seine Überlegenheit auf Lügen und Halbwahrheiten. Da kann Hitler zum Kommunisten und Sozialisten werden, in Deutschland jeden Monat ein neues Kohlekraftwerk gebaut werden, Gendering und Wokeness als direkte Ursache ökonomischen Abschwungs ausgegeben werden. Wen kümmert der Faktencheck? „Halbwahrheiten operieren gerade nicht nach dem binären Schema wahr/falsch, sondern nach Schemata wie glaubwürdig/unglaubwürdig, affektiv/nüchtern, konnektiv/geschlossen und in einem narrativen Rahmen, für den die innere Kohärenz und nicht die Korrespondenz mit externen Sachverhalten entscheidend ist.“ (Gess, 2022, S. 30) Da lässt sich dann, wie E. Musk es tut, erzählen, dass nur die AfD Deutschland vor dem Niedergang retten kann. Wie und wodurch interessiert nicht. 

Erleuchtung, wie Buddha sie praktizierte und lehrte, geht von dem aus, was ist, und zeigt es in seiner Verbundenheit mit allem: „Kein Geschöpf lebt für sich allein.“ (Buddha 6, S. 278) Erleuchtung verschließt sich und die Einsicht nicht, sondern öffnet. Erleuchtung macht nicht abhängig, sondern setzt frei. Erleuchtung kennt keinen Blendschatten, kein Wir und die Anderen. Erleuchtung ist auch nicht an Buddhismus, Achtsamkeit, Mystik, Religion oder eine Philosophia prima gebunden. Jedem steht sie offen. Wer sich auf den Weg der Erleuchtung begibt, der lässt sich auf eine existenzielle Veränderung ein, der begibt sich vordergründiger Sicherheit, für ihn werden Bedürfnisse fragwürdig. Erleuchtung markiert ein selbstbestimmtes, souveränes Leben in Korrespondenz zu dem, was ist. Es lässt Inkohärentes – oder wie C. Emcke (2018, S. 191) es ausdrückt  – „das Unreine und Differenzierte“ zu, die Pluralität und Diversität, mithin die Unterbrechung und die Wiederaufnahme der Suche. Lassen wir uns, die wir in der europäischen Tradition des Denkens, des Diskurses und der Demokratie stehen, unsere offene Gesellschaft nicht nehmen! Verraten wir sie nicht an die, die vor allem eines anstreben: Followerschaft und Abhängigkeit von kruden Lügen und Halbwahrheiten.

Quellen:

  • Emcke, C. (2018): Gegen den Hass. Fischer
  • Gess, N. (2022): Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit. Matthes & Seitz
  • Tezuka, O. (2013 ff.): Buddha. 10 Bände. Carlsen

Das Jahr 2024 beschließen.

Weihnachtsgrüße und Neujahrswünsche werden üblicherweise mit einander versandt. Zwischen Weihnachten und Neujahr sprechen wir von der Zeit „zwischen den Jahren“. Es ist ein Ritual der evangelischen Kirchen, jene Zeit für den Beschluss des Jahres zu nutzen.

Beschluss meint, das Jahr abzuschließen. 365 Tage Leben enden am Silvestertag. Ich nehme mir Zeit, einen Blick auf die Tage des Jahres zu werfen. Carolin Emcke (2023) empfiehlt für den chronologischen Blick die Strategie der Verlangsamung. Der verlangsamte Blick lässt Einzelnes für sich stehen. Er nimmt den Ereignissen ihre Zwangsläufigkeit, in der wir sie häufig sehen. Die Sicht auf einzelne Ereignisse wird scharf gestellt. Sie werden für sich selbst ernst genommen. Das ist wichtig für den jahresbeschließenden Blick. Dessen Verlangsamung verhindert den falschen Zusammenhang, in dem ich gewohnt bin, Erlebtes, vor allem unangenehm Widerfahrenes, was mir zuwider war, einzufügen. So werden Zusammenhänge als Verhängnisse im Gedächtnis abgelegt. Verhängnisketten haben, darauf weisen Psychotherapeuten hin, die unangenehme Eigenschaft, zu belastungsfördernden und leiderzeugenden Deutungsmustern des Erlebten zu werden. Keine guten Mitnahmen ins neue Jahr!

Beschluss meint auch, mich zu Erlebtem, Getanem, zu Versäumten zu stellen. Die Zeit des Jahres 2024 ist mit dem Silvestertag meiner Lebenszeit eingeschrieben. Ob ich das so will oder nicht. Was ich gelebt habe, kann ich nicht ungelebt machen. Ich vermag zu vergessen, die Erinnerung an manches Widerfahrnis oder Versäumnis zu vermeiden. Unerinnertes wird nicht ungelebt. Es gehört zum Bestand meiner Vergangenheit, mithin zu meiner Wirklichkeit. In der Lebenswirklichkeit treffe ich auf eine weitere Dimension, die der Theologe Johann B. Metz (1928 – 2019) das Vermissen nennt (Metz 2017). Was vermisse ich, wenn ich mit dem für das Einzelne verlangsamten Blick auf das Jahr 2024 schaue? 

Dem Vermissen begegne ich in den Zeiten, in denen ich aufgeschreckt wurde. Eine Wirkung meines Lebens, mit der ich nicht rechnete, ein Ereignis, das mich unvorbereitet traf, das konfrontiert mit dem Vermissen. Ich vermisse den umfassenden Blick, den klugen Rat, meine Einsicht in das Gefüge, Ordnung, Verlässlichkeit. Vielleicht fühle ich mein Vermissen noch komplexer. Vielleicht vermisse ich den Sinn der einen oder anderen Lebensentwicklung? Vielleicht erschließt sich mir auch am Ende des Jahres so manches Geschehen von gesellschaftlicher und politischer Relevanz immer noch nicht. Vermissen scheint auf Erklärungen zu drängen, auf die Frage nach dem Warum. Was aus Gründen erklärbar ist, gewinnt den Anschein von Sicherheit.

Wer vermisst, dem ist etwas abhanden gekommen, oder es stellte sich nicht ein, was und wen er erwartet hatte. Vermissen öffnet eine Lücke in der Lebenswelt. Ich kann jene beklagen, betrauern, um mir das Lückenhafte meines Lebensjahres in Verstand und Gefühl deutlich erfahrbar zu machen. Oder ich öffne diese Lücken bewusst der Hoffnung. Hoffnung führt immer ein wenig anarchisches Potential mit sich. Sie ist zwischen den Plänen, den Erwartungen und den Tatsachen angesiedelt. Die Hoffnung lebt vom Zwischenspiel zwischen dem Chaotischen, das durch sie kreativ wird, und dem geordneten Kosmos, der Verlässlichkeit begründet (Böhringer, 2023). Wer plant, hofft mindestens noch, dass der Plan aufgeht. Wer Erwartungen hegt, der traut dem Hoffnungspotential, das in den Erwartungen liegt. Manchmal bleibt nur noch das Hoffen wider alle Hoffnung, das Vertrauen in den anarchischen Durchbruch. Hoffnung setzt Energie frei, nicht nur die zum Handeln, sondern auch die des Aushaltens, bis sich die Hoffnung erfüllt. Die Lebenszeit der Hoffnung liegt zwischen Erwartung und Erfüllung, dem, was noch nicht ist, und dem, was sein kann. So beschrieb Ernst Bloch (1885 – 1977) es in seinem Prinzip Hoffnung (1959). Vielleicht verweist das, was ich in 2024 vermisste, voraus auf das, worauf ich in 2025 hoffen kann? Vielleicht tritt das, worauf ich hoffe, ein? Wird vom utopischen Noch-nicht zum Topos, zum Ereignis in Zeit und Raum?

Jahresbeschluss ist Abschluss und Beschlussfassung in einem. Wenn es mir nur schwer gelingt, zu dem, was war, zu stehen, fällt es schwer, das Jahr 2024 zu beschließen. Die Reste, die Lücken werden mich im neuen Jahr wieder aufstören, werden mitunter zu neuem Vermissen führen. Beschließen kann ich das Jahr auch, wenn ich nicht alles im Jahresbeschluss vergegenwärtigen, klären oder integrieren konnte. Dass dies so ist, dass immer Lücken bleiben, erinnert mich an die Endlichkeit des Lebens. Niemand, außer vielleicht ich selbst, verlangt von mir, dass alles im Reinen sein muss. Den Mut zur Lücke, die Hoffnung leben, heißt, das Jahr in seiner Endlichkeit ernstnehmen und annehmen. Wie würde eine frühere Patientin mit sonorer Stimme sagen? Das ist Leben.

Quellen:

Böhringer, H. (2023): Lücken im Verhau. Matthes & Seitz

Bloch, E. (1959, 3. Aufl. 1979): Prinzip Hoffnung. Drei Bände. Suhrkamp

Emcke, C. (2023): Für den Zweifel. Gespräche. Fischer

Metz, J. (2017): Memoria passionis. Gesammelte Schriften, Band 4. Herder

Lebensfeindlichkeit und Verbundenheit

Die vertraute Weltordnung scheint sich aufzulösen. In Europa finden sich Frankreich und Deutschland in der Krise. Das Putin-Regime in Russland setzt sich über die politische Ordnung in Europa hinweg, führt einen fast drei-jährigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. China und Nordkorea ermöglichen Russland den Krieg aufrecht zu erhalten. Im Nahen Osten verändern sich die politischen Verhältnisse durch den Krieg Israels in Gaza und im Libanon. Der Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon nach einer massiven Schwächung der Hisbollah-Miliz und dem handstreichartigen Sturz der Assad-Diktatur in Syrien erschüttert den Iran. Wenn die Hinweise auf die Intervention der Türkei bei der Beseitigung des Assadregimes sich erhärten, dann wurden zwei Mächten mit weitreichenden überregionalen Ansprüchen, Russland und Iran, deutlich ihre Grenzen aufgezeigt. Zugleich entsteht mit BRICS neben der G-7- und G-20-Gruppe ein von Russland betriebener neuer Zusammenschluss von Ländern, zu dem auch viele der ökonomisch und militärisch aufstrebenden Nationen wie Indien, Brasilien, Südafrika gehören. Mit Ungewissheit blickt die politische Welt auf die neue Präsidentschaft in den USA. All das enthält Hinweise darauf, dass die politische und ökonomische Weltordnung seit 1945 – geprägt von den USA, NATO, Europäischer Union, Japan – sich auflöst. Mit China und den BRICS-Staaten deutet sich eine multipolare Weltordnung an. Welche Wege wird sie öffnen, welche schließen sich? Oder allgemeiner: Wohin entwickelt sich unsere Welt in der kommenden Zeit? Stehen wir von einem epochalen Umbruch der Weltordnung, angesichts dessen derzeitige Konflikte und Kriege, ökonomische Verwerfungen als Teil der Suchbewegungen danach zu lesen sind, wie sich die kommende Weltordnung gestaltet?

Eine lange Einleitung zu den folgenden Überlegungen, die sich der „gefährlichsten Frage“ nach dem Sinn der Endlichkeit im vorangegangenen Blogbeitrag anschließen. Auch die vorliegende Reflexion ist, wie schon der letzte Beitrag, angeregt durch die Lektüre des Mangas „Buddha“ von Osama Tezuka. 

Dem heranwachsenden Prinz Siddharta stellt sich die Frage aller Fragen nach dem Tod und seiner Bedeutung für das Leben in immer drängenderer Form, je bewusster er seine Lebenswelt erlebt. Eine Konsequenz leitet Siddharta aus der Einsicht in die Sterblichkeit und Endlichkeit von Mensch und Natur ab. Der allen Menschen bevorstehende individuelle Tod entlarvt die hierarchische und zugleich hieratische Ordnung der Kasten als menschengemacht, künstlich und der Würde des Menschen entgegen. Denn alle Menschen gleichen sich in ihrer individuellen Sterblichkeit. Weil jene für jeden Menschen gilt, gleich ob er in oder außerhalb des Kastensystems lebt, ist sie universal. Die Universalität der Endlichkeit alles Welthaften – und nur dieses ist wahrnehm- und beobachtbar – erübrigt jegliche Hierachie in der Menschheit und der Natur. Der späte Buddha wird von der Verbundenheit aller mit allem predigen. Er geht damit weit über den am Anfang der mitteleuropäischen Aufklärung durch J. Locke oder Th. Hobbes apostrophierten Naturzustand hinaus. Jene schrieben dem Natürlichen den Konflikt als Grundgesetz ein.

Buddha entgeht in seiner Anschaung der universalen Verbundenheit als Sterblichkeit des Menschen und als Endlichkeit des Natürlichen philosophischen Begründungsdilemmatas, die durch die Prinzipiensuche entstehen. Die griechische Philosophie, bereits die vor Sokrates, sieht in der Suche nach den „archai“, nach dem alles begründenden Prinzipienzusammmenhang ihre zentrale Aufgabe. Im Unterschied dazu erlebt Buddha das Leben und die Welt in jungen Jahren, als Wandermönch Siddharta, unter dem Aspekt von Alter, Krankheit und Tod. Er nimmt diese Erfahrungen in der Frage auf: Welchen Sinn hat es, wenn Menschen einander und anderes Leben töten, wenn der Tod ohnehin allem beschieden ist? Krieg und Kampf, ebenso die Ausbildung dazu, resultieren für ihn aus lebensfeindlichen Grundbedürfnissen des Vergleichens, des hierarchischen Ordnens, des Ein- und Aufteilens. Siddharta will keinen Kampf: „Ich will nicht kämpfen.“ (Buddha, Bd. 4, S. 228) Noch freilich verfügt er nicht über die geistigen Mittel, sich gegen aufgezwungenen Kampf zu wehren. So bleibt Siddharta weiterhin mit Kastenordnung und Einteilungen des natürlichen Lebens konfrontiert.

Wie kann er seinen spirituellen Weg vervollkommnen? Er baut auf die Erfahrung und deren Meditation. Was er nicht erleben kann, scheint ihm auch meditativ nicht durchdringbar. Deshalb geht er mit seinem engen Begleiter Dnepa den Weg der Askese. Ihr gegenüber wird er zunehmend skeptischer: „Die Askese ist sinnloses Leid. Welchen Gewinn sollte die vorsätzliche Zerstörung des Körpers bringen?“, frägt Siddharta. Sein Gefährte Dnepa hält ihm als Grundsatz der Askese dagegen: „Gerade im Leiden findet der Mensch tiefe Wahrheit.“ Mit dem Begriff „Leiden“ gibt Siddharta seiner Kritik des Kampfes einen Rahmen. Grundbedürfnisse, die den Menschen in den Krieg mit seiner Lebenswelt schicken, schaffen Leid. Dennoch: Siddharta lässt sich auf den „Wald der Askese“, Uruvela, ein. Nicht lange, dann bricht die Frage aller Fragen diesmal mit einer konkreten Folgefrage verbunden auf: „Warum müssen Menschen sterben? Warum gibt es Kasten?“ (Buddha, Bd. 5, S. 91) Die Kaste wird zum Inbegriff des Unterschieds zwischen den Menschen. Sie erzwingt  den äußeren Kampf der Überlegenen gegen die Ausgestoßenen. Die Askese erscheint Siddharta als Leid, das Menschen sich selber zufügen, um es zu bestehen. Sie führt letztlich in den Kampf des Einzelnen gegen sich selbst.

„Menschliches Leid hat andere Gründe. … Was ist mit Krankheit? Armut? Diskriminierung?“ (Buddha, Bd. 5, S. 92) Die Fragen an die asketische Erfahrung konkretisieren den Begriff des Leides. Leid ist dem Menschen natürlich. Das zentrale Leid ist der gewisse Tod. Zusätzlich fügt der Mensch sich und anderen systemisches Leid zu. Im späteren Buddhismus werden daraus die sog. „zweiten Pfeile“, die Menschen auf sich selber abschießen. Systemisches Leid ist die Folge von Diskriminierung, also ungerechter und unrichtiger Ordnung, in der Menschen übereinander und die Lebenswelt verfügen. Das führt zu Vorurteilen, die Konflikt, Kampf und Krieg auslösen, weil Menschen sich gegen Menschen aufbringen lassen. Wie kann der Mensch sich aus dem Leid herausarbeiten?

Was ich in der Einleitung zu diesem Text zusammenstellte, handelt von Krieg und Krise, handelt von gegenwärtigem menschlichen Leid. Wieviele Menschen trifft dieses Leid der Kriege in der Ukraine, in Gaza, bis vor kurzem im Libanon? Schwere Zerstörungen machen das Leben in den Kriegsgebieten für Millionen Menschen unmöglich. Der Überlebenskampf lässt Menschen verzweifeln, weil der individuelle Einsatz dem Umfang der Beschädigungen der gesamten Lebenswelt kaum etwas entgegensetzen kann. Vertrauen zerbricht, sowohl das in das gewohnte Leben, wie auch das in politische Bündnisse und deren Versprechen. Das Vertrauen in die humanitäre Unterstützung und in die persönlichen Überzeugung davon, wie auch unter kritischen Bedingungen Leben lebbar bleibt, ist schwerst erschüttert. Ob in Israel oder im Libanon, zunehmend mehr in der Ukraine. Krieg und Kampf erscheinen anfangs als Ausweise der Selbstwirksamkeit von Nationen, Interessensgruppen. In der Perspektive des späteren Buddha beruht das auf einem Irrtum. Krieg und Kampf stellen nie Verbumdenheit her, nicht einmal deren Schwundstufen wie Gerechtigkeit, gesellschaftliche oder politische Ordnung. Krieg und Kampf führen direkt zum Leid aller daran Beteiligten. In der Schlacht geht es um Leben und Tod für alle unmittelbar Beteiligten und die Menschen, um deretwillen gekämpft wird. Auch sie verlieren Angehörige, die Lebenswelt, den Alltag. Krieg schafft Leid, nichts anderes. Dies erlebt Siddharta in den Kämpfen der rivalisierenden Regionalkönige, zu denen auch sein Vater gehört.

Eines Tages wird Siddharta an das Sterbebett einer jungen Frau gerufen, die ihm als Mädchen nach einer längeren, sehr strengen Askeseübung das Leben rettete, Sujata. Der Biss einer Kobra vergiftet sie. Siddharta steht betroffen und ratlos vor dem Sterben seiner Lebensretterin: „Sie liegt im Sterben. Wie soll ich das Leben dieses armen Mädchens retten? … Warum kann niemand dem Tod Einhalt gebieten?“ (Buddha, Bd. 5, S. 203, 204). Auch hier geht es um Leben und Tod. Siddharta erinnert sich daran, dass er dazu fähig ist, sich mit anderen Lebewesen zu verbinden. Die mitfühlende Verbundenheit ermöglicht ihm, sich mit der Welt der Sterbenden zu verbinden. Er trifft in dieser Welt auf „Brahma“ (Buddha, Bd. 5, S. 212), die Einsicht in die „Gesamtheit von Himmel und Erde“, die einem umfassenden Lebewesen gleicht (Buddha, Bd. 5, S. 213). Sujata ist in diesem Leben aufgegangen und Siddharta lässt das so sein. Er vertraut darauf: Sujata findet im Leben ihren Weg. Nicht den der Intentionen Siddhartas.

Was können wir daraus für die Kriege und Krisen unserer Tage ableiten? Können wir überhaupt etwas daraus ableiten? Siddharta will die sterbende junge Frau retten. Er geht dafür nicht den funktionellen Weg eines Therapeuten. Ihm war klar, dass er den Tod nicht aufhalten kann. Und er hat den Mut für das Außergewöhnliche, sich mit der Sterbenden zu verbinden. In der Verbundenheit geht ihm das Leben auf. Verbundenheit statt Widerstand, das ist die existenzielle Strukturformel für den Umgang mit Krieg und Krise. Denn die Verbundenheit respektiert das Leid und die Leidenden, es nimmt die Gewalt des Krieges und die Bedrohlichkeit der Krise ernst. Der Anker der Verbundenheit ist das Leben, wie sich zeigt. 

Nur Lebendiges ist selbstwirksam. Wer auf Vernichtung setzt, der untergräbt die eigene Selbstwirksamkeit. Nichts Schlimmeres in Krieg und Krise gibt es, wie die Selbstwirksamkeit dadurch zu untergraben, dass man auf die Vernichtung des anderen setzt. Denn eines verbindet den anderen, den Drohenden, den Feind mit einem selbst: der persönliche Tod. Nichts ist widersinniger, lernen wir vom Buddhismus, als andere zu vernichten, dem Sterben durch den Einsatz von Gewalt und Waffen vorzugreifen. Denn Gewalt schmälert immer die Grundlagen des Lebens.

Damit sind wir beim Kern dieser Reflexion angelangt. Krisen und Kriege sind ein Ausweis von Unverbundenheit der Menschen unter einander. Deshalb ist es ein unverzichtbarer Weg, diese Unverbundenheit wieder mit Verbundenheit und damit mit Leben in Berührung zu bringen. Dafür braucht es, wie die Geschichte von Siddharta zeigt, gelegentlich den Mut zum Außergewöhnlichen. Jenes findet nicht in einem „Deal“ statt, sondern darin, sich, statt zu vernichten, mit dem Leben zu verbinden, also in der existenziellen Entscheidung. Im kleinen privaten wie auch im globalen öffentlichen Raum sollten wir den Menschen eine Chance geben, die sich für das Leben entscheiden und dabei ganz in ihm aufgehen. Aus dem, was sich darin zeigt, kann dann das Recht, die  Vereinbarung, der Vertrag, das ganze Schwundstufenwesen der Verbundenheit formuliert werden. Verbundenheit im Leben schaffen, weil wir im Sterben ohnehin mit einander verbunden sind, könnte den Weg einer veränderten Weltordnung geben, den wir uns zu suchen aufmachen. Leider zu oft mit lebensfeindlichen Mitteln.

Tezuka, O. (2013): Buddha. Band 5: Die Askese. Carlsen

Die gefährlichste Frage

Einige Menschen sandten mir gestern Grüße zum ersten Advent. Was ist „Erster Advent“? Ein dekorierter Sonntag? Der Anfang des Adventsweges vom Black Friday über Weihnachtsfeiern und Glühwein auf den Märkten bis zu den Weihnachtstagen, dem Höhepunkt des Dekorativen im Jahreslauf?

Ich lese das erste Mal in meinem Leben ein Manga. Zehn Bände zeichnete und schrieb Osamu Tezuka zu Buddha. Jener wird zu den spirituellen Weisheitslehrern der Achsenzeit gezählt, gilt als Gründer der philosophischen Religion des Buddhismus, wird als Quelle der Achtsamkeit von der Psychotherapie gerade intensiv genutzt. Kein Buch über Buddha und Buddhismus fasziniert mich mehr als das Manga. Es begleitet mich seit etwa zwei Wochen.

Das Manga Buddha will kein religionswissenschaftlicher oder theologisch-philosophischer Beitrag sein. Es ist auch kein spiritueller Ratgeber. Es bettet Buddha in seine Zeit ein, das 7. – 5. vorchristliche Jhdt und verankert die Erzählungen im Kulturraum des nördlichen indischen Subkontinents. Zugleich reicht es in unsere Gegenwart. Damit ist gesagt, was diese Grafic Novel aus meiner Sicht nicht ist, und klargestellt, worum mir es in den folgenden Texten nicht geht. Ich versuche vielmehr meine Erfahrung mit dem Manga, die zugleich eine Erfahrung mit mir selbst ist, in Worte herauszubringen, 

Seit zwei Wochen erzählt das Manga mir den Weg des Prinzen Siddharta zum Erleuchteten, dem Buddha. Ich verfolge die Erzählungen der Ereignisse und Gestalten, des Kontextes, in den Siddharta als Königssohn hineingeboren wurde. Ich ahnte bald, dass die alten Geschichten sich mit der Zeit, in der ich gerade lebe, berühren. Die Ordnung der Kasten, von den priesterlichen Brahmanen unnachgiebig als hierarchische Ordnung von Gesellschaft bewacht, erscheint als ein energetischer Faktor für die Dynamik des Machtgeschehens ebendieser Gesellschaften. Dieser Ordnungstyp kommt auf mich als das System meiner gesellschaftlichen, politischen, philosophischen Traditionen zu. Die hierarchische Ordnung baut auf Weltzeit mit Ursprung in einem heiligen Geschehen, durch sich selbst dem kritisch fragenden Zugriff und simpler Hermeutik verschlossen. Naive Hermeneutik wird unversehens zur Hermetik, zur geheimnistuerischen Nachfolgeerzählung. Das gleicht einem rechtspopulistischen und konservativen Narrativ unserer Tage. Europa sei gegründet im jüdisch-christlichen Abendland. Niemand kennt dieses Abendland. Sein jüdischer Quellort ist das vordere Asien. Seine christliche Folgeerzählung im europäischen Süden ist ein Amalgam, geschaffen auf dem Recht und der Staatsidee des römischen Kasierreiches, gedeutet aus den evangelischen Jesuserzählungen, philosophisch überbaut durch das Denken in der Tradition Platons und Aristoteles, letztlich mitteleuropäisch zu Christentum systematisiert in Theologie und Dogmatik – und weltweit organisiert in Kirchen. Das jüdisch-christliche Abendland scheint ebenso hierarchisch, wenn auch nicht mehr hieratisch, verschlossen wie die Kastenordnung. Beides ist der Versuch, einen Ordnungsbegriff zu behaupten, der die politischen und sozialen Ordnungssysteme unhintergehbar legitimieren soll.

In dieserart verfasste Ordnung hinein wird Siddartha geboren. Von königlichem Stand und von Geburt an mit der Weissagung ausgestattet: „Er wird uns das Leben lehren.“ (Bd. 2, S. 47). Soviel hoher Ton weckt überschießende Erwartungen. Die königlichen Eltern ringen damit, die Erwartung zu fördern. Sie schließen ihr Kind samt seinem Leben in die hierarchische Ordnung ihres Standes ein. Doch der junge Prinz entwickelt sich zur Reibungsfläche. Er stellt den Brahmanenkult als inhaltslos infrage. Er schläft inmitten königlicher Lustbarkeiten ein. Er erbricht sich schwallartig und häufig. „Der Junge ist von Geburt an kränklich“, konstatiert der enttäusche Vater (Bd. 2, S. 124). Er verschläft sein Leben, die königliche Aufgabe, die Staatsräson. Die Ziehmutter quälen Zweifel an ihrer Mutterkompetenz. Beide gewähren ihm, was in der Ordnung übrig bleibt, bei exklusiven Lehrern zu lernen.

Wie verhalten sich etablierte Ordnungssysteme gegenüber dem, was sie unerwartet infrage stellt? Sie suchen im Rahmen der Möglichkeiten die Infragestellung durch immer exklusivere Anpassungangebote zu entschärfen: Lerne Anpassung! Ist die Esklation der Angebote ausgeschöpft, trifft auch das königliche Kind die Drohung des Ausschlusses aus dem System. Wer nicht in die Ordnung passt, wird ausgestoßen. Der andere Klang von: Lerne Anpassung! Und wieder eingefangen in den Ordnungskontext: Wer Menschen das Leben lehrt, wird die Alternativen der Anpassung in aller Intensität selbst erleben müssen. Siddharta durchkreuzt auch das. 

Es ist ein verbotenes Spiel an ihm verbotenem Ort, auf das er sich nichtsahnend mit Freunden einlässt. Fasziniert von der Welt außerhalb des Palastes freut er sich an einem Kaninchen. Ein Freund erlegt es. Die Freunde und Siddartha verwickeln sich in eine Rauferei. Der Jäger fällt in einen Teich und ertrinkt. Beide Toten, der tote Mensch und das tote Tier, liegen nach vergeblicher Rettungsaktion nebeneinander (Bd.2, S. 134). „Wenn man die beiden toten Körper so nebeneinander sieht, dann scheint es im Tod keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu geben. Wieso töten Lebewesen einander? Weshalb werden wir geboren, nur um zu sterben?“ (Bd 2, S. 135) Siddartha wird die Frage aller Fragen nach der Bedeutung des Todes mit in sein Leben nehmen. Sie bleibt lange unbeantwortet für ihn, auch wenn er sie immer besser versteht. 

Die Frage nach dem Sinn eines Lebens, das der Tod beendet, sprengt jede verfasste Ordnung. Es ist die Frage, die alle Anpassung als fragwürdig erscheinen lässt. Es ist eine Frage, die zugleich mit ihrem Auftreten die Ordnung des Lebens unterbricht, Einfallsschneisen für das Freie öffnet und zugleich an der Notwendigkeit verzweifeln lässt. Die Frage bedroht das Bestehende zugunsten des Utopischen, nimmt jedem Konservativismus seine Bedeutung (Wofür etwas bewahren, wenn alles endet?) und entlarvt den Aufstand als das in aller Ordnung lauernde Chaos.

Siddharta entdeckt für sich die mithin gefährlichste Frage, weil sie – auch, gerade für ihn, den geweissagten Lebenslehrer – nicht beruhigt werden kann. Weder hierarchische Traditionen noch philosophische Systeme, weder politische Ordnungen noch gefügte Gesellschaften, nicht die Moral und nicht das Recht, nicht einmal der Glaube können die Frage zur Ruhe bringen. Kontra: Die Frage nach dem Sinn des Lebens angesichts des Todes bringt den Menschen auf den Weg, sein Menschsein zu finden.

Irgendwann kommt sie in jedem Leben an. Der Advent dieser Frage kehrt, wo er sich ereignet, rasch den gewohnten Blick um. Welchen Sinn hat mein Weg, wenn auch er durch den Tod endet? Wie sinnwidrig ist deshalb das Kämpfen und Töten unter Lebewesen? Schließen Tod und Sinn einander aus? So, wie Leben und Kriegen einander ausschließen? Die Verharmlosung des Advent, wie sie in überbordender Dekoriertheit und rauschhaftem Ritual gefeiert wird, kündet sie nicht davon, dass wir unseren gemeinsamen endlichen Weg hinter alldem Feiern verstecken? Bei mir ist durch die ersten beiden Bände des Mangas die Frage aller Fragen wieder neu aufgebrochen – und ich ahne, dass sie mich auf den Weg bringt.

Quelle:

Tezuka, O. (2012): Buddha. Band 2: Die Prophezeiung. Carlsen

Lebensrelevanz

In meinem Post zum Welthospiztag (12.10.2024) auf LinkedIn schrieb ich: „Hospize bewahren Raum und Zeit für den letzten Atemzug inmitten einer atemlos lebenden Gesellschaft.“ Insofern haben Hospize Relevanz für das Leben. Als Orte für das letzte Leben sind sie lebensrelevant.

Orhan Pamuk, der türkische Literat und Nobelpreisträger (2006), schildert in seinem Skizzenbuch „Erinnerungen an ferne Berge“ einen Traum von einem Falkennest. „Als ich näher heranrückte, stellte ich entsetzt fest, dass es mein eigenes Grab war. Mein Grab war mit einer noch warmen Kerze bedeckt. Das bedeutet, dass ich gerade erst gestorben und mein Grab mit einem Siegel versehen war, das mein Leben beurteilte, ja verurteilte.“ (2023, S. 350 f.) Die Begegnung mit dem persönlichen Totsein löst bei Menschen erst einmal Entsetzen aus. Nicht selten nährt sich der Schrecken durch Schuldgefühle, möglicherweise verurteilt zu sein. Für Orhan Pamuk war es klar: „Natürlich stammte dieses Siegel von GOTT.“ (2023, S. 351)

Heißt Totsein, von einem oder einer anderen verurteilt sein? Bedeutet der Tod Feststellung der Schuld? Eine furchtbare Deutung einer Erfahrung, die jeder Mensch einmal und zuletzt in seinem Leben machen wird. Entsteht deshalb durch das palliative und hospizliche Herbeten, wie entlastet Sterben am richtigen Ort und unterstützt durch angemessene Fachlichkeit heute sein kann, eine große, zeitgenössische Vermeidungserzählung? So schlimm kommt es schon nicht. Es gibt Abhilfe im Schrecken des Sterbens.

Gestern war Welthospiztag. Ich selber habe jahrelang, bis zum Übergang in den Ruhestand, psychotherapeutisch und immer auch philosophisch Gäste im Hospiz begleitet. Die Sterbenden ließen mich in dieser intensiven und intimen Epoche ihres Lebens zu. Manchmal nur wenige Tage lang, oft über Wochen und Monate. Einige nahmen mich in die Dunkelkammern ihres Lebens mit. Dort durften wir zusammen so manches unentwickelte Negativ zu einem anschaubaren Bild entwickeln. Andere luden mich zur Feier ihres Lebens ein. Ich durfte narrativ an den Glanzpunkten des Lebens teilhaben. Viele hielten sich an unseren Begegnungen fest, gruben verschüttete Werte wieder aus oder begruben Enttäuschungen, die sie nicht in die letzten Atemzüge mitnehmen wollten. Je unmittelbarer die Begegnungen waren, je mehr wir, der Gast und ich, einander zutrauten und uns auch trauten, umso mehr wandelten sich die vielen Ängste, Dunkelheiten, Enttäuschungen. Immer wieder wandten sich Sterbende dem Leben wieder zu, einem Leben, das dann ein wenig mehr das in dieser Lage mögliche Leben sein durfte und auch sein sollte. Der Gläschen Sekt am Vormittag, der Schluck Bier am Abend. Eine neue Freundschaft, ein lang gehegter Wunsch, den sich der Gast gerade jetzt erfüllte. Auch das klare Nein zu zu vielem und zu anstrengendem Besuch. Das klärende Wort zwischen dem Vater und seinen Töchtern, der Mutter und ihrem tief trauernden Sohn. Die Annäherung an den früheren Partner, den man jahrzehntelang aus dem Leben gestrichen hatte. Die wundervolle Schärpe, die spontan im Internet gekauft zum Ausdruck persönlicher Würde wurde. Das Eingeständnis der aufkeimenden Todesangst in den letzten Lebensstunden. Die Bitte, das Sterben nicht miterleben zu müssen und es verschlafen zu dürfen. Abhilfe vor dem Schrecken des Sterbens war im Gespräch, immer wieder verbunden mit dem Wunsch, assistiert sterben zu dürfen – nicht um die Todeserfahrung zu vermeiden, sondern um den Todeszeitpunkt souverän zu bestimmen, wenn die Sinnwidrigkeit das Weiterleben erdrückte. Ein Wunsch, der nicht erfüllt werden konnte. Meist stellten sich die Gäste mutig dem Tod. Eher quälte sie die Sorge, das Sterben „nicht hinzubekommen“. Sterben ist nicht schön. Denn ich verliere dabei mein Leben.

Mir klärte sich in all den Erlebnissen im Hospiz die Lebensrelevanz des Todes. Ernstnehmen, dass ich es bin, der einmal, unerwartet vielleicht, sterben muss, verändert die Relevanz des Lebens. Es regte mich an zu überlegen, was war die oder ist noch Pflicht im Leben und was im Leben ist Kür, in der ich gelöst und aus dem Augenblick heraus meine Pirouetten drehe. Welchen Raum gebe ich dem, was mir einfach zugekommen ist, was kein Produkt meiner Leistungsbereitschaft ist, sondern eher ein Ergebnis des Ergreifens, Zulassens, der Hingabe an das, was mir zukam und zukommt? Lebe ich mit meinem Atmen oder erlebe ich dauernde Atemlosigkeit im Trubel der Ereignisse? Ahne ich noch, dass Atem und Leben zusammengehören? Oder habe ich das Atmen vergessen, wie ich es vergesse, zu leben. Bin ich offen für das radikale Novum, für das „querschlagende Einzelne, Unverabredete“, von dem Ernst Bloch (1885 – 1977) schreibt (2016, S. 47)? Oder zähle ich, wie Orhan Pamuk, die Schiffe auf dem Bosporus, „um mich zu vergewissern, dass die WELT AN ORT UND STELLE IST“ (2023, S. 66)?

Die Gegenwart von Hospizen an unseren Lebensorten, von Palliativstationen in Kliniken oder von Palliativzimmern in Senioren- und Pflegeeinrichtungen wollen weder den Alltag stören noch das Vermeiden fördern. Sie sind da, weil zu unseren Lebensorten auch solche für das „Menschsein im Sterben“ (Riedel, 2024) gehören. Sie zeigen an, dass der Tod die Relevanz des Lebens schärft. Sie machen bewusst, dass wie alle Zeit auch meine Lebenszeit vergänglich ist. Darin besteht eine der gesellschaftlichen Aufgaben der Hospize und Palliativen Institutionen, auf die Relevanz des Lebens hinzudeuten und zu gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Deutungen dieser Relevanz anzuregen.

Quellen:

  • Bloch, E. (2016): Experimentum Mundi. 2. Aufl. Suhrkamp
  • Pamuk, O. (2023): Erinnerungen an ferne Berge. Skizzenbuch. Hanser
  • Riedel, C. (2024): Menschsein im Sterben. Menschenbild, Würde und Logotherapie in der Palliative Care. Hogrefe