Klangwelten

Sie klirrt, meine Lebenswelt. Viel zu oft. Viel zu laut. Viel zu diffus. Dem Klirren entkomme ich, derzeit öfter als sonst, in meine Klangwelten. Dort gelingt es mir, mich zu sammeln. Was ich höre, bindet meine Aufmerksamkeit. Ich beginne, dem Klang nach zu gehen. Das Hören richtet sich auf das, was klingt. Allmählich differenzieren sich die Klänge, die den Klang bilden. Der Klangraum öffnet sich. Er erklingt in verschiedenen Dimensionen. Da tut sich Tiefe auf, dunkel, grollend, warm. Weite klingt an. Klänge nähern sich, werden gegenwärtig. Andere ziehen sich zurück, entschwinden. Mancher Klang ist direkt, gerade. Er baut sich auf. Steht im Raum. Andere wogen, sind weniger greifbar. Sie grundieren die melodischen Linien, werden deutlicher in Verbindung mit einer Stimme oder einem Soloinstrument. Ein Konzertieren entwickelt sich und verknüpft Klanglinien miteinander. Und in dieser Welt bin ich, umhüllt von Klang. 

Seit vier Jahrzehnten suche ich nach der Wiedergabekette, die imstande ist, eine Klangwelt aufklingen zu lassen, die einen Klangraum um den Hörenden entstehen lässt. Ein Kriterium für die Qualität der Wiedergabekette besteht für mich darin, sich aus dem Klirren der Lebenswelt hinaus zu begeben und sich in eine Klangwelt einzufinden zu können. Der Klang darf dabei nicht nur Hintergrund, kein Begleitklang der Lebenswelt sein. Denn bliebe ja deren Klirren. Die Klangwelt, die eine perfekte Wiedergabekette aufbaut, nimmt den Hörenden nicht nur mit in diese Welt. Sie nimmt ihn darin auf. Eintauchen in den Klang, wie der Hörende in ein Konzert eintaucht, sich von der Lebenswelt abstößt, im musikalischen Klang zu schweben beginnt, sich der Welt der Klänge überlässt.

Vor kurzem fand ich den Schlussstein zu einer Wiedergabekette, der die eben geschilderte Erfahrung möglich macht. Der Schlussstein ist ein Lautsprechersystem, vom dem sich der wiedergegebene Klang ablöst. Nicht mehr der Lautsprecher klingt, sondern der Klang entfaltet sich so, dass der Lautsprecher akustisch kaum mehr ortbar ist. Passt die Aufnahme, die meist auf einer LP, auch einmal auf einer guten CD gespeichert ist, dann kann sich Hörende im Klang bewegen. Die Klangquelle spielt keine Rolle mehr, denn der Klang ist Raum geworden. Das nenne ich dann Klangwelt. 

Zuweilen verstärkte meine Wiedergabekette das Klirren der Lebenswelt, ein sicheres Zeichen für mich, dass sie Elemente enthielt, die nicht zusammenpassten. Im letzten Jahrzehnt gelang es, dem Ideal der Klangwelt immer näher zu kommen. Vor allem das Zentrum der Kette, die verstärkenden und die Wiedergabekomponenten, wurden zunehmend stimmiger. Zuletzt, vor kurzer Zeit, tauschte ich die Lautsprecher samt den wichtigsten Kabelverbindungen aus – und erlebe seither Klangwelten, in denen die verschiedenen „Stimmen“, mein Gehör, die Lautsprecher und die Verstärker miteinander harmonieren. Harmonie ist ja nie Einklang, sondern der Zusammenklang verschiedener Stimmen, so dass sie miteinander wirken. Harmonie lebt vom Gewebe der Klänge, vielschichtig manchmal, mit Reibungen, mit Überlagerungen – und doch klingt alles zusammen, wenn es mein Gehör und auf diesem Weg mich erreicht. 

Die Wirkung der Harmonie beruht auf einer Ordnung, die sich im Klang abzeichnet und sich im besten Fall ordnend auch auf den Hörenden auswirkt. Verzerrungen werden entwirrt. Das Klirren wird leiser. Wo Ordnung ist, da beruhigen wir Menschen uns, weil Ordnung uns Übersicht und Klarheit, im intimsten Fall Geborgenheit vermittelt. Immer wieder, wenn ich mich in eine Klangwelt begebe, komme sich auf diesem Weg zu mir. Wenn ich mich selbst geborgen im Klang wohlwollend erspüre, Selbstmitgefühl lebe, dann kann ich mir im Klirren der Lebenswelt für eine Weile treu bleiben.

Das genannte Lautsprechersystem: Spatial Europe MC Series Nr. 4 MkII

Intoleranz und Würde

Meine Trauer um meinen verstorbenen Onkel begleitet seit Juni diesen Jahres Kaddish, eine Komposition für Violine solo von Gideon Klein. Jener wurde in einem Arbeitslager im Januar 1945 von einem SS-Kommando getötet. Als er nach Ausschwitz kam, war der Musiker und Komponist 24 Jahre alt (Hope, 2003).“ Kaddish wird von Jüdinnen und Juden für die Toten gebetet. Stellvertretend für die Toten ehren die Lebenden den Namen Gottes.

Die Intensität und Einfachheit der Komposition weckt in mir die Assoziation der Würde des Menschen, die die Trauer auch Totensorge sein lässt. In der Komposition klingt die Frage danach an, wer und was der Mensch denn ist. Was ist der Mensch? 

V. Frankl (1994, S. 139) beantwortete sie auf eine, aus meiner Sicht unüberbietbare Weise: Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; er ist auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist aufrecht und ein Gebet auf den Lippen. Die Antwort intoniert, was mit Würde, mit Menschenwürde gemeint ist.

Der Mensch selbst entscheidet, wer er ist. In seinem Sein, das auf seinen Entscheidungen beruht, drückt sich seine persönliche Würde aus. Es ist keine Würde, die ihm von irgendeiner Instanz zugesprochen wird. Mag sie sich metaphysisch, religiös, spirituell oder politisch legitimiert fühlen oder behaupten. Das Zusprechen der Würde ist ein der persönlichen Würde nachträglicher Akt. Jene gründet in der Freiheit des Menschen, in der er sich von etwas freimacht und zu etwas in Freiheit hinwendet. Die persönliche Würde gründet in der Verantwortlichkeit des Menschen, die er für seine freie Entscheidungen übernimmt. 

Wer Würde als persönliche Würde in Freiheit und Verantwortlichkeit versteht, der hat zugleich ein Normativ für das, was intolerabel ist, weil es die Würde eines Menschen ignoriert. Intolerabel gegen einen selbst und gegenüber anderen ist alles, was dem Menschen in seiner Möglichkeit zu Freiheit und Verantwortlichkeit so beschränkt, dass der Zugang zur persönlichen Würde beinahe verunmöglicht wird. 

Wenn Menschen in Deutschland Jüdinnen und Juden ihr Existenzrecht absprechen und sie in ihrem Leben bedrohen, wird deren Lebensraum mit Drohungen umstellt. Die Freiheit der Teilhabe am Leben wird durch Angst verschattet. Die Verantwortlichkeit von Jüdinnen und Juden verengt sich für sie auf das Über-Leben. Wo bleibt dann die demokratische Freiheit, die persönliche Freiheit für jüdische Menschen? Antisemitismus, gleich welcher Motive und Narrative er sich bedient, ob in rechtspopulistischen Verschwörungstheorien, aus links-ideologischer Solidarität mit anderen Schwachen oder durch religiösen Fanatismus befeuert, ist inakzeptabel. Er darf nicht toleriert werden. Denn er richtet sich gegen die Würde bestimmter Menschen in unserer Gesellschaft. Dadurch werden sie ausgestoßen, was falscherweise immer mehr intolerante Menschen bei uns mit „Vogelfreiheit“ gleichsetzen. 

Nicht toleriert werden darf auch eine Politik, die nach der Maxime, dass der (gute) Zweck die (schlechten) Mittel heilige, einen menschenverachtenden Angriff durchsetzt. Auch wenn sich der Angriff gegen eine menschenverachtende Terrorvereinigung richtet, wie dies im Vorgehen Israels gegen die Hamas geschieht. Die Frage nach der Würde wird dabei ausgeblendet.

Was ist der Mensch? Was ist die individuelle Würde eines Menschen wert, der auf zweifache Weise aus unserer menschlichen Mitte getilgt wird, durch den aus Kriegsraison aufgezwungenen Tod und durch die namenlose Anonymität vieler Kriegstoter. Nachrichtengegenstände. Menschen, mit Bindungen, mit ihrer Geschichte, die in ihrer Person ihre persönliche Würde ausdrücken, werden getötet, in die Anonymität sog. Kriegsopfer nivelliert. Opferbewusstsein setzt Entscheidung voraus, auf etwas, in extremis auf das eigene Leben zu verzichten. Opfer zu sein braucht Motive. Persönliche Motive, nicht solche, die aus dem Gewehrlauf, durch Drohnen- und Raketenbeschuss oder durch brutale Anschläge lebensvernichtend aufgezwungen werden. „Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.“ (Arendt, 2021, S. 54) Was aus Gewehrläufen kommt, beabsichtigt die Abschaffung der Würde. Das Bombardement, der terroristische Anschlag, die pöbelhafte Verhöhnung zielen auf etwas, was nicht sterben kann: die Würde des Einzelnen. Die Mahnmale und Erinnerungsstätten verdeutlichen das weltweit. 

Der Mensch ist ambivalent. Er erfand die Gaskammern und ging hinein, aufrecht, mit einem Gebet auf den Lippen. Er erfindet Vernichtungswaffen und versorgt diejenigen unter Einsatz des eigenen Lebens, die dadurch zu Schaden gekommen sind. Er vernichtet die Umwelt und er ringt darum, den gewissermaßen letzten Rest unseres Planeten zu erhalten. Würde ist nicht tötbar wie die Würdenträger tötbar sind. Würde verbindet Toleranz und Intoleranz miteinander. Auch als erinnerte Würde toleriert sie alle Formen menschlichen Seins, solange jene nicht intolerant gegenüber dem Leben sind. Oder anders, wie es Michel Friedmann (2022, S. 33) erzählt: 

Jüdischer Friedhof, Frankfurt am Main. Sagt ein Toter zum anderen: „Es gibt Hoffnung.“

Quellen:

Arendt, H. (28. Aufl. 2021): Macht und Gewalt. Piper

Frankl, V. (6. Aufl. 1994): Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel

Friedmann, M. (2022): Fremd. Berlin Verlag

Hope, D. (2003): Forbidden Music. Textheft. Nimbus Records

Unergründlichkeit

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen.“ Mit der rhetorischen Frage intoniert Thomas Mann seine Romantrilogie Josef und seine Brüder. Was Mann in den drei Teilen des Romans entfaltet, dimensioniert den initiativen Satz. Die Josefsgeschichte gehört in die große Jakobserzählung, ist für die Geschichtstheologie Israels grundlegend. Mann nimmt seine Leser:innen mit in eine Erzählung über die biblischen Texte von Abraham, Isaak und Jakob, den Patriarchen Israels. Die Unergründlichkeit des Anfangsgeschehens Israels intendiert den zuweilen hohen, immer jedoch sinnenden Ton des Textes. Mann lässt die einzelnen Gestalten der Patriarchenerzählungen ineinander changieren, so dass der Mythos mit der Historie zu oszillieren beginnt. „Aber die Klarheit der Sonne ist eine und eine andere die Klarheit des Mondes“ (Bd. 1, S. 89), so beschreibt Mann, was ich oszillieren nannte. 

Ein Gründungsmythos erzählt in der Perspektive des „in illo tempore“, „in jener Zeit“ eines nicht greifbaren Prozesses, den Mircea Eliade (1984, S. 63 ff.) die „mythische Zeit“ oder „heilige Zeit“ nennt. Sie ist im Ritus, in der Feier, in der mythischen Erzählung wiederholbar, wenn Menschen sie vergegenwärtigen. In solchem Kontext ist Manns literarischer Hinweis zu lesen, dass die Gründungserzählung Israels von Menschen spricht, „die nicht recht wissen, wer sie sind“ (Bd. 1, S. 94). Wen vergegenwärtigt Jakob, wenn er in der lehrhaften Erzählung seinem Sohn Joseph den Abrahamsbund nahebringt? Ist er dann mythisch nicht selbst Abraham und erneuert erzählend den Bund, den Abraham schloss? 

Die Bundesschlüsse zwischen Elohim, El Schaddai oder Jahwe, je nachdem in welcher Textschicht des Pentateuch (Fünf  Bücher Mose) der Leser sich bewegt, und Noah, Abraham, Mose schillern selbst. Einerseits sind sie in der Phase der Staatwerdung Israels Teil der mythischen Erzählung, in der sich die Abrahamsgruppe und die Moseschar zwischen See Genesaret und Totem Meer, Jordan und Mittelmeerküste, in Palästina also, dem alten Kanaan, begegnen und ineinanderwachsen. Der Bund enthält einen Sendungsauftrag und ein Segenswort an den jeweiligen Empfänger. In der rituellen Vergegenwärtigung wird beides, Sendung und Segen, an die jeweiligen Adressaten erneuert. Andererseits betritt der dritte Bundesschluss, der Mosebund, Neuland. Jahwe und Mose begegnen einander in einem konkreten, historischen Zeitpunkt. Ein Bundesvertrag mit 10 Kerngeboten wird aufgesetzt. Gott und der Mensch garantieren einander ihre Verpflichtung dem Gesetz gegenüber. Wer dem Bund zugehört, stimmt dem Gesetz zu. Gott also zeigt sich im Ereignis des Bundesschlusses am Sinai als vertraglich dem Menschen Verbündeter; der Mensch bindet sich vertraglich an ein Leben nach dem Gesetz Gottes. „Damit gewinnt das historische Ereignis eine neue Dimension, es wird zur Theophanie.“ (Eliade, 1984, S. 97) Die Theophanie ist nicht mehr als eine Geschichte, im Mythos erzählbar, sondern als historisches Ereignis erinnerbar. Ihr greifbarer Niederschlag ist das mosaische Gesetz. Aus der kultischen Erzählung wird ein Zustimmung fordernder Rechtstext, ein Vertrag, wie er im Mittleren Orient seit dem 16. Jhdt. v. Chr. bekannt ist. 

Die Bedeutung der Unergründlichkeit verändert sich: das mythische Oszillieren der Gründungsgestalten, die in einander übergingen und sich so dem historischen Zugriff entziehen, wird zu einem juridischen Gründungsakt, einem historisch benennbaren und im Zweifel einklagbaren Ereignis. Seitdem kann reale Geschichte geschrieben werden, wie sie sich in den Königsbüchern und der Chronik des biblischen Textbestandes niederschlägt. Jahwe-Gott wird in dieser Geschichte konkret. Das Verhältnis von Gott und Mensch wird reflektierbar, spiegelt sich im Selbstverhältnis des Einzelnen. Theologie entsteht. Aus dem „in illo tempore“ der Mythen wird „illud tempus“, jene Zeit“ der Theologie (Eliade, 1984, S. 98). Aus dem mythologischen Ursprungsgeschehen wird der Anfang der Zeit, dem ein Ende zugehört. Die Vergangenheit wird ergründbar. Die Zeit wird vom unergründbaren Kreislauf zum verstehbaren Verlauf. Sie ist als Geschichte erinnerbar. „Der Grund der Geschichte ist das Gedächtnis. … Das Gedächtnis ist das Organ des Menschen, das ihn in die Geschichte einsenkt.“ (Taubes, 1991, S. 13) 

Damit haben wir es ideengeschichtlich zu tun, wenn Israel seit der Gründung als Nationalstaat seit 1947 sein Staatsgebiet schützt und verteidigt. Es ist auch die Verteidigung des Gedächtnisses an eine ergründbare Geschichte, die des sich fortentwickelnden Bundes – und das Einklagen des Rechtes auf seinen Lebensraum.

Und die Palästinenser? Haben Sie nicht dasselbe Recht auf dasselbe Territorium?

Sie erheben einen viel länger währenden Anspruch auf das Gebiet von der Jordansenke bis zum Mittelmeer und dem See Genesaret bis zum Golf von Aquaba. Abgesehen von Jericho, der im 9. Jahrtausend vor Chr. gegründeten Stadt, finden sich seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. nachweisbare Siedlungen der sog. Kanaaniter in diesem Raum. Die Siedlungen scheinen eher disparat, zuweilen konkurrierend, immer auch in Abwehr der Übegriffe der großen Reichsbildungen an Euphrat und Tigris oder am Nil zu existieren. Mindestens seit dem 10. Jhdt. v. Chr. stehen sie zusätzlich durch Israel unter Druck. Die „Biografie Jerusalems“ von Simon Montefiore (2017) vermittelt anhand Jerusalems, der „heiligen“ Stadt,  auch die wechselhafte Geschichte des Siedlungsraums Palästina. Was auffällt, ist die Abwesenheit einer Gründungserzählung. Die Stabilisierung, die Palästina durch die Islamisierung ab dem 8. nachchristlichen Jhdt. erfuhr, trägt sie nicht nach. Der Islam hat seine eigene Rationalität der Ableitung des Welt- und Lebensverhältnisses aus dem Koran. Die „Umma“, die islamische Gemeinschaft bestimmt den Begriff der Geschichte (Tibi 2011, S. 29 f.). Die Bindung des Muslim an den Islam und dessen Solidarität mit der Umma stellen „die Basis ihres Geschichtsbewusstseins dar“ (Tibi, 2001, S. 61). Was bedeutet dies für die Palästinenser? 

Sie geraten, insofern sie sich selbst nicht als Araber sehen, in den „Konflikt zwischen arabischen und nicht-arabischen Muslimen“ (Tibi, 2001, S. 61). Einerseits könnte heute die Zugehörigkeit zur Umma identitätsstiftend sein; andererseits kann der heutige Islam mit dem Ursprungsprozess der Palästinenser im 3. Jahrtausend v. Chr. kaum vermittelt werden. Die Konflikte zwischen der Palästinenser-Organisation (PLO, M. Abbas) in der Westbank und der Hamas in Gaza verdeutlichen dies.

Ich denke, dass dieses Defizit eines durch ein Ursprungsgeschehen gestiftetes palästinensischen Kontinuums es den Palästinensern heute schwer macht, gegenüber Israel mit seiner erzählbaren Geschichte, den eigenen Anspruch auf einen nationalstaatlichen Lebensraum zu untermauern. Der palästinensische Anspruch darauf versickert in der Unergründlichkeit des Brunnens der Vergangenheit. Verbrieft in Ur-Kunden ist hier kaum etwas – und dennoch greifbar. Oszillierend eben, wie Mann es im ersten Band seiner Romantrilogie darstellt. Die vorchristliche Staatwerdung Israels verrät vom Textbestand einiges darüber, wieviel Palästina sich in der frühen Geschichte Israels wiederfinden lässt. Das Kanaanitische in seinen vielfältigen Kulten blieb während der 500 Jahre Königsgeschichte Israels die ständige Verführung, doch auch, weil sie dem bundesgegründeten Staat in den Knochen steckte. Vielleicht sind Israelis und Palästinenser kulturgeschichtlich einander näher, als beide es wahrhaben wollen?

Was tun in dieser Lage?

Die Unversöhnbarkeit zeitgenössischer Islamismen mit Israel erscheint als unüberwindbares Hindernis. Wenn es stimmt, dass die Hamas in ihrem unversöhnlichen Hass religiös motiviert ist, wenn es stimmt, dass Israel umgekehrt in seiner militanten Selbstbehauptung und Verteidigung politisch motiviert ist, dann zeitigt das unterschiedliche Dimensionen des Fanatismus auf beiden Seiten. Beide Seiten, Palästinenser und Israel, haben einander immer wieder als kompromisslose Feinde erlebt. Die Zwei-Staaten-Lösung, wie sie zuletzt in Friedensgesprächen (2013/14) und einer UN-Resolution (24.11.2015) nahegelegt wird, erscheint auf beiden Seiten kaum akzeptierbar. 

Vielleicht ist neben aller politischen Diplomatie, die in den letzten Tagen international prominent wird, auch das kulturgeschichtliche Gespräch wichtig. Daniel Barenboim wies jüngst in einem Feuilleton-Beitrag der Süddeutschen Zeitung nachdrücklich darauf hin (https://www.sueddeutsche.de/politik/konflikte-berlin-fuer-israels-sicherheit-hoffnung-fuer-palaestinenser-noetig-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-231014-99-563227): „Wir beginnen und enden alle noch so kontroversen Diskussionen mit dem grundsätzlichen Verständnis, dass wir alle gleichwertige Menschen sind, die Frieden, Freiheit und Glück verdienen“, schrieb er mit Blick auf das von ihm gegründete israelisch-palästinensische Orchester West-östlicher Divan. Diese humane Rationalität, in der jeder die eigene Position für den Diskurs hintanstellt und den Blick des anderen annimmt, könnte eine starke Bedingung für den gemeinsamen Diskurs sein. Israelis erkennen mit palästinenischer Perspektive auf die Lage an, dass in der Unergründbarkeit der Vergangenheit auch Gemeinsames zu finden ist, wechselseitige Bereicherung, ohne die beide als Heutige nicht denkbar sind. In der palästinensischen Übernahme der israelischen Perspektive samt ihrer Theologie und Geschichte, besteht die Chance für die Einsicht, dass einiges Israelitische auch in den Traditionen Palästinas steckt. Wäre das nicht in einer noch vorpolitischen Dimension ein Fortschritt? 

Vielleicht braucht es kulturgeschichtliche Sicherheit für beide Volksgruppen, um ein wenig unabhängiger ihre eigenes Projekt zu entwickeln, mit dem unverstellten Blick auf den jeweils anderen. Dann könnten sich die Palästinenser dem islamistischen Zugriff entziehen – und Israel der ultra-orthodoxen Hetze. Kritischer Pazifismus ist nie naiv. Er wirkt sich in der Einbeziehung auch der Kultur- und Ideengeschichte, in der Klärung der Herkunft inzwischen unbewusst tradierter Voreingenommenheit, in der Strategie des ethischen Diskurses, wie ihn J. Habermas (2019, S. 360 ff.)) mitentwickelte und im Argument der Betrauerbarkeit (Butler, J., 2021, S. 98 ff.) aus. Der Rabbiner und Philosoph Jakob Taubes (1991, S. 194) fasst dies so zusammen: „Geschichte ist nur dann, wenn Wahrheit aus der Irre ausgesondert, wenn Wahrheit aus dem Geheimnis erhellt wird. Die Geschichte hellt sich auf vom Geheimnis der Irre zur Offenbarung der Wahrheit.“ Womit wir wieder bei der Unergründlichkeit des Brunnens der Vergangenheit angelangt wären, in aufgeklärtem Denken freilich.

Quellen

Die Inspiration für den Essay entwickelte sich aus der Lektüre von:

Mann, T. (1978): Joseph und seine Brüder. Band 1 – 3. Fischer (alle Zitate dito).

Butler, J. (2. Aufl. 2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit. Suhrkamp

Eliade, M. (1984): Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Insel

Habermas, J. (4. Aufl. 2019): Diskursethik. Philosophische Texte Band 3. Suhrkamp

Montefiore, S. (5. Aufl. 2017): Jerusalem. Eine Biografie. Fischer

Taubes, J. (1991): Abendländische Eschatologie. Matthes & Seitz

Tibi, B. (2001): Einladung in die islamische Geschichte. Wiss. Buchgesellschaft

Hintergrund:

Deissler, A. (4. Aufl. 1972): Die Grundbotschaft des Alten Testaments. Ein theologoischer Durchblick. Herder

Fohrer, G. (1969): Das Alte Testament. Erster Teil (Gütersloher Verlagshaus)

Gunneweg, A. (1972): Geschichte Israels bis Bar Kochba. Kohlhammer

Khoury, A. (2001): Der Islam und die Westliche Welt. Religiöse und politische Grundfragen. Wiss. Buchgesellschaft

Thoraval, Y. u.a. (1999): Lexikon der islamischen Kultur. Wiss. Buchgesellschaft

Momo

„Wirklich zuhören können nur wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.“ (S. 16) Michael Ende beschrieb vor 50 Jahren damit, was Momo, die Protagonistin seines berühmten Märchen-Romans, jedem gewährte, der sich auf die Begegnung mit ihr einließ: „sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Dabei schaute sie den andern mit ihren großen, dunklen Augen an und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm stecken.“ (S. 17) Zuhören, sich dem anderen zuwenden, ungeteilt und aufmerksam, das Thema zieht sich durch die gesamte Erzählung Michael Endes.

Nach vielen Jahren las ich das Buch jetzt wieder. Ich lauschte den vielen Erzählungen, denen Momo zuhörte. Ich lauschte Momo beim Zuhören. Ich lauschte dem bedachten Sprechen des alten Beppo Straßenkehrer, einem der engen Freunde Momos. Beppo hat die Muße, die Worte sich im Wiedererkennen bilden zu lassen. Langsam spricht er, bedächtig, weil er bedenkt, was er wiedererkennt. „Ich hab uns wiedererkannt. Das gibt es manchmal – am Mittag, wenn alles in der Hitze schläft. – Dann wird die Welt durchsichtig. – Wie ein Fluss, verstehst du? – Man kann auf den Grund sehen. … Da liegen andere Zeiten, da unten auf dem Grund.“ (S. 41) Dem anderen besten, jungen Freund Momos fließen die Worte von der Zunge. Es ist Gigi Fremdenführer. Er findet Geschichten, die er begeistert erzählt. Seitdem Momo seine zuhörende Freundin ist, blühen die Geschichten auf und werden unerschöpflich. 

Worte, Geschichten und Zeit verbinden sich miteinander, wenn jemand wie Momo zuhört. „Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“ (S. 63) Zuhören erschließt die Zeit, in der sich das Leben in Geschichten entfaltet. Lebensgeschichten sind mit der Zeit auf’s engste verbunden und verkümmern, wenn es niemand gibt, der ihnen zuhört, lauscht. Zugewandt, unteilbar, aufmerksam, so dass die Zeit sich im Raum dehnt. 

Nun treten die „grauen Herren“ ins Geschehen des Märchen-Romans hinein. Sie leben vom Optimieren der Menschenzeit. „Ich komme von der Zeit-Spar-Kasse.“ (S. 66) So stellt sich ein Agent ohne Namen, aber mit Nummer im Friseursalon von Herrn Fusi vor. Zeit, wie sie Momo und ihre viele Freundinnen und Freunde erleben, wird durch die grauen Herren gemessen, zum bezifferbaren Vermögen, das bilanziert werden kann. Ab sofort ist Zeit eine Sache, mit der die Menschen so umgehen lernen, dass immer mehr Zeit für die grauen Herren der Sparkasse übrigbleibt. Zeit vertun, kann sich auf einmal keiner mehr leisten. Um die Schlupflöcher, durch die Zeitvermögen rinnt, zu stopfen, wird das Leben strukturiert und der Alltag optimiert. Unerkannt vermarkten die grauen Herrn die Zeit der Menschen für sich selbst.

Einer der grauen Herren besucht Momo. Sie fand eines Tages im Amphitheater vor der Stadt, wo sie wohnte, eine Puppe. „Guten Tag. Ich bin Bibigirl, die vollkommene Puppe. Ich gehöre dir. Alle beneiden dich um mich.“ Momo nimmt die Puppe. „Ich möchte noch mehr Sachen haben.“ (S. 97 f.) Momo versucht mit der Puppe zu spielen und entdeckt dabei ein ihr fremdes Gefühl, Langeweile.  So fällt ihr Blick auf den grauen Herren, in dessen kalter Nähe Momo im Sommer friert. Er lehrt sie mit der Puppe zu spielen, indem er ihr immer neue Spielsachen für die Puppe schenkt. Irritiert durch die vielen Sachen gelingt Momo zum ersten Mal das Zuhören nicht. „Sie hörte eine Stimme, die redete, sie hörte Worte, aber sie hörte nicht den, der sprach. Sie schüttelte den Kopf.“ (S. 104) Sie weist die Puppe samt der Spielsachen zurück und richtet nach einiger Zeit eine Frage an den grauen Herren: „Hat dich denn niemand lieb?“ Jetzt wendet Momo sich dem Agenten der Zeitsparkasse zu und der erzählt, ohne dass er es wirklich will, den Plan der Agenten und flieht erschrocken vor Momo.

Zeiträuber nisten sich oft unerkannt im Leben ein. Wie die grauen Herren unerkannt sich unter den Menschen bewegen. Sie versprechen uns Entlastung, weil wir Zeit einsparen. Wofür nutzen wir das Zeitkonto? Oft dafür, den Alltag noch enger zu takten, Tätigkeiten und Erledigungen miteinander zu verbinden, verschiedene Ebenen unseres Tuns zu parallelisieren. So machen wir uns vor, noch mehr zu Zeit einzusparen, die wir dann wenig sinnvoll wieder verausgaben. Es ist erschreckend, wie lang wir durch Social-Media-Accounts pflügen, immer rasch ablenkbar durch den unterschobenen nächsten Link, der uns eingesparte Zeit nimmt. Dabei planen wir, um jede erdenklich freie Sekunde gut zu nützen. Auch die Regenerationsphasen werden geplant: die Workout-Session, der Yogakurs, die Wellnesseinheit, eingespannt in die strikte, stetig sich füllende Tagesstruktur. Soziale Kontakte werden neben der Autofahrt zum Einkauf telefonisch abgearbeitet. Die Folgen des Zeitsparens selbst der Kinder beschreibt der Roman mit Kälte, Verdrossenheit, Langeweile und Feindseligkeit. 

Momo findet sich nicht mit der Lage ab. Sie taucht unter Führung der Schildkröte Kassiopeia ein in die Welt des Meisters Secundus Minutius Hora, in der die Lebenszeit jedem Menschen in wundervollen, klingenden Stundenblumen zugeteilt wird. Die Menschen entscheiden dann, lernt Momo, wie sie über die Zeit verfügen. Wir Menschen müssen auf das Herz hören, „um damit die Zeit wahrzunehmen“ (S. 178). Herz und Zeit jedes Menschen, so lehrt Meister Hora Momo, sind miteinander verbunden. „Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?“, fragt sie den Meister der Stunden. „Dann hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind.“, antwortet er. Momo kommt nun ein Gedanke: „Bist du der Tod?“ Hora schweigt eine Weile. „Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr von ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.“ (S. 179)

Momo kehrt aus der Geburtswelt der Zeit zurück in die Lebenswelt, die sich inzwischen für ihre alten Freunde und für die Kinder sehr verändert hatte. Deren Zeit war ebenso getaktet wie die Welt aller anderen. Auf der Suche nach ihren alten Freunden erfährt Momo, was die grauen Herren von ihr erwarten: Sie solle sie zu Meister Hora führen. Der Kampf um die Zeit zwischen Momo und den grauen Herren beginnt. Um den Preis einer Stunde, in der Meister Hora schläft, die Zeit stillsteht und nur Momo über eine Stunde Zeit verfügt, gelingt es die grauen Herrn auflösen, die Zeit wieder befreien.

Wie war es für mich, den Märchen-Roman nach 45 Jahren wieder zu lesen? Zuerst umfing mich wie bei der ersten Lektüre der Zauber des Märchens. Im Unterschied zur ersten Lektüre, in der mich die Zeitvorstellung vor allem anregte, steht mir heute ein anderer Gedanke auf: Wie verhalten sich Momo, ihre Freunde und die Menschen zu einander? Welche Bedeutung hat die Zeit dabei? Momo ist eine Zuhörerin. Im Zuhören ist sie lebendig. Oder philosophisch: Im Zuhören ist Momo. Darin unterscheidet sie sich essentiell von den grauen Herren. Jene fühlen sich als einzelne und als Kollektiv bedroht, weil sie die geraubte Zeit brauchen. Sie machen sich durch die fremde Zeit. Momo ist einfach. Sie ist nicht berechenbar. Wer Momo begegnet, für den hebt sich die Zählbarkeit, die Messbarkeit, die Quantifizierbarkeit, die Statistik auf. M. Ende formuliert das in den Anmerkungen zu seinem Roman so: „Wenn ich das berühmte ‚wertfreie Denken‘ auf die Tatsachen des menschlichen Lebens übertrage, mache ich aus dem Individuum eine Sache.“ (S. 327) Die Versachlichung neutralisiert auf künstliche Weise die Wertbeziehungen. Sie entkoppelt gewissermaßen das linke, planende Stirnhirn, vom rechten, wertbezogenen. Dadurch entsteht ein Einerlei. Weltbeschreibung beruht dann auf quantifizierbarem Unterscheiden, für das es keinen essentiellen Wert, nur die numerische, statistische, ökonomische Relevanz der Welt gibt. Welt wird das, was Umfragen über sie wiedergeben. „Kein Augenblick kann mehr erfahren oder erlebt werden … Es handelt sich um die totale Entfremdung des Menschen von seiner Lebenswirklichkeit.“  (S. 327) So resümiert M. Ende.

Welche Folge hat die Kältewelt der grauen Herren? Die Zeit wird eliminiert. Sie wird, im Bild des Romans gesprochen, in gesicherten Vorratsspeichern tiefgefroren. Kälte statt Leben. Wo Zeit fehlt, kann sich auch kein Raum mehr entfalten. Erleben ist nicht mehr möglich. An die Stelle des Erlebens treten Ereignisse, die abgrenzbar, strukturierbar, provozierbar, stimulierbar, virtualisierbar und speicherbar sind. Bildet sich aus diesen Ereignissen ein Erlebniszusammenhang? Für jenen ist der Zeitpunkt unerheblich. Erleben stellt sich in der Zeit als Weile, im Raum als Erfahrung ein. Erleben ist essentiell, wertgebunden, emotional, sinnvoll und erinnerbar.

Endes Märchen-Roman kann gesellschaftskritisch gelesen werden. Die Kritik fällt dann wahrscheinlich auf den surrealen Mythos des Meister Hora zurück, der wie alle Mythen für Hörende erzählt wird. Momo ist eine Hörende. Hören vermittelt Raum, seine Dimensionen und seine Grenzen. Hören dehnt die Zeit zur Weile. Hören ist der erste und der letzte Sinn des Menschen. Menschen, die hören und zuhören, sind. Menschen, die nicht mehr hören, sind tot. Der Märchen-Roman regt folgerichtig zu einer Lesehaltung an, die eher dem Hören als dem Sehen entspricht. „Die Momo tut nichts, sie macht einmal eine Tür auf, macht einmal eine Tür zu. Das ist alles, was sie tut. Normalerweise hört sie zu. Sie gibt dem anderen diesen Freiraum, und dadurch entsteht bei ihren Gesprächspartnern etwas.“ (S. 314 f.)   

Ende, M. (2023): Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeitdieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Thienemann

Sämtliche Zitate entstammen der  Ausgabe 2023 zum fünfzigjährigen Jubiläum des Buches.

Der Tod schont mich nicht.

Der Tod ist das factum brutum in unserem Leben. Er verschont keinen Lebenden. Menschen sterben, denen wir verbunden sind. Der nahe Tod. 

Menschen sterben, die uns unbekannt sind. Sie sterben durch Hunger, bei Unfällen, in Naturkatastrophen, wegen Erkrankungen, durch Fahrlässigkeit, durch Mord, im Krieg. Der namenlose Tod.

Im Strom der Zeit sind wir mit anderen Menschen verbunden. Jede, jeder taucht mit einem Mal im Strom der Zeit auf. Keine weiß, woher sie kommt. Mit der Zeit lernen die meisten ihre Herkunft kennen. Er lebt unter Menschen, die schon da waren. Sie haben ihn gezeugt. Sie lebt nach Menschen, die nicht mehr da sind. Menschen sterben, weil sie Menschen in der Zeit sind. Der geahnte Tod. 

Menschen haben ein Gesicht. Sie schauen sich um. Sie entdecken sich als in die Welt gestellt. Mit der Zeit lernen sie unterscheiden, sich und die Welt, sich und die anderen, sich selbst von dem, der einer einmal war, sich von den eigenen Vorstellungen von sich selbst, sich vom Bild, das andere von einem haben. Unterscheiden und erkennen, unterscheiden und sich identifizieren, unterscheiden und Bilder von sich entwerfen, unterscheiden und sich entscheiden, unterscheiden und verlieren, wofür jemand sich entschieden hat, heißt entdecken, dass das Leben ein Leben in der Zeit ist, mit Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Der Strom der Zeit wird überschaubar. Denn ich kann in ihm stehen. Mein Stehen erlebe ich als Widerstand gegen die Strömung. Ich spüre, dass die Zeit auf mich zufließt, mich umspült, an mir vorbei und in meinem Rücken weiter fließt. Dabei nimmt die Zeit mit in die Vergangenheit, was mir gerade gegenwärtig wurde. Der Tod als Modell.

Ich frage danach, ob ich immer an derselben Stelle im Strom der Zeit stehe, oder ob ich es bin, der sich weiterbewegt, vorangeht und zurücklässt. Wer, was ist in Bewegung? Bin ich es und die Zeit ist kein Strom, sondern ein uferlos scheinendes Meer, in dem ich auftauche, losziehe und nach einer bewegenden Strecke Weges wieder untergehe? Oder bewegt sich die Zeit und ich, einmal aufgetaucht, bleib an meinem Ort und gehe dort nach einiger Zeit wieder unter? Oder sind es zwei Bewegungen, die sich zueinander verhalten? Meine Bewegung, einmal aufgetaucht, in der Zeit, manchmal mit deren Strömung, manchmal gegen deren Strömung? Komme ich wirklich voran oder drehe ich mich solange im Kreis, bis ich wieder untergehe? Fließt die Zeit dabei weiter, nimmt sich mich mit und lässt mich wieder fallen? Der Tod als Spekulation.

Während ich lebe, wird mir klar: Ich bin einmal aufgetaucht, in die Zeit gekommen. Wie andere Menschen auch, die geboren werden, bei mir auftauchen, eine Weile bleiben, sich entfernen, verschwinden. Bei manchen erlebe ich, wie sie sterben, ohne weitere Zukunft vergehen, aus der Gegenwart weg sind und vergangen. Tot. Der nahe Tod als der erlebte Tod derer, die mir wichtig waren. Sie waren in meinem und ich in ihrem Gesichtsfeld. Wir begegneten uns, wir teilten Gegenwart, in dem wir sie zusammen verbrachten. Ich bleibe. Sie starben. Tot sein als vergangen sein. Tod als trauernde Erinnerung.

Allmählich wage ich es zu denken, dass auch ich eines Tages tot sein werde. Der Tod schont mich nicht. Es wird eine Zeit sein, in der ich nicht mehr bin. Eine Zeit, die nicht mehr meine Zeit ist. Das erfahre ich bereits im Leben, dass Zeit nicht mehr meine Zeit ist, wenn meine Gegenwart kaum noch von der Zukunft, viel mehr aus der Vergangenheit lebt. Tod als Altern.

Zurecht denken wir den Tod als den wahrhaftigen Bezugspunkt unseres Lebens. Zuweilen beunruhigt das, wenn ich Zukunft zu sehr als Aufgabe verstehe oder als Genuss und zu wenig als Möglichkeit, die ich dankend annehmen oder dankend ablehnen kann. Zuweilen beruhigt das, weil ein Ende des Entscheidens absehbar wird. Mit dem Tod endet die Freiheit und damit auch die Verantwortlichkeit. Das macht dann Angst: Wer bin ich ohne Freiheit und Verantwortlichkeit? Wer bin ich ohne Entscheidungen? Nichts mehr. Nicht mehr. Tot. Ich werde einmal tot sein. Es gibt mich dann nicht mehr. Der Tod verschont mich nicht – und er hat mich noch nie in meinem Leben geschont. Zorn auf den Tod entsteht. Und Zorn auf die, die den Tod verharmlosen, dessen Wahrhaftigkeit nicht ernst nehmen. Mir die Möglichkeit nehmen wollen, selbst zu entscheiden, wann und wie ich sterbe. Weil der Schmerz am Leben für mich unerträglich wird und mir damit unerträglich, dass ich lebe. Der Tod als schmerzende Wahrhaftigkeit.

Die Schonungslosigkeit des Todes, das lerne ich, ist zweideutig. Der Tod schont mich nicht. Ich muss mit dem Tod von Menschen leben, die ich liebe. Der nahe Tod schmerzt mich immer wieder, wenn er wahr geworden ist. Der Tod verschont auch mich nicht. Er ist meine Zukunft. Ich werde sterben und tot sein. Mein Tod.

Zuweilen als der nahe, schmerzende, trauernde Tod. Einstweilen als der alternde Tod. Zur rechten Zeit als mein Tod.

Die Gedanken begleiten meine Trauer um meinen vor kurzem verstorbenen und sehr geliebten Onkel, Arthur Riedel, meinen lebenslangen väterlichen Freund.

Acht Beine in der Badewanne

Acht Beine in der Badewanne, am Abend und am Morgen. Zuweilen auch während des Tages. Sehr schlanke, feingliedrige, lange Beine. Meist ruhen sie in ihrer naturgemäßen Ordnung. Manchmal heben sich zwei, als ob sie Fühler wären, tastend über dem Badewannenboden. Selten sind sie alle in Bewegung. Im Schrecken oder auf der Jagd werden sie sehr schnell und behalten doch ihre Ordnung. Sie verknoten nicht, die acht Beine in der Badewanne.

Ich betrachte sie mindestens einmal am Tag, meist am Morgen. Mein Blick bleibt auf ihnen ruhen, während in der Hand der Putzschwamm wartet. Ich will sie nicht vertreiben in der Meinung, Hygiene und Sauberkeit zu schaffen. Dabei benutze ich die Badewanne sehr selten. Ein Wannenbad ist Wasser- und Energieverschwendung. Mir fällt dieser Verzicht nicht schwer. Baden gehört seit langem nicht mehr zu meinen Gewohnheiten. In meiner Kindheit und Jugend war das wöchentliche Bad ein festes Ritual. Mit dem Umzug an den ersten Studienort und der zeitsparenden, dafür häufigeren Dusche dort fehlte mir das Baden bald nicht mehr. Als ich meine erste eigene Wohnung bezog, wurde die tägliche Dusche zur Gewohnheit. Die Badewanne ist also kaum benutzt.

Für die achtbeinigen Spinnentiere besitzt sie eine mir unerklärliche Attraktivität. Da meine wichtigste Beschäftigung mit der Badewanne deren Reinigung ist, frage ich mich, was Spinnen, häufig sind es die langbeinigen, in der glatt polierten, weißen Badewanne tun. Zuerst glaubte ich, dass sie für die Spinnen eine Falle sind. Einmal hineingeraten kommen sie nicht mehr heraus. Nachdem sie die Wanne nach Belieben zu verlassen scheinen und auch mal an der Zimmerdecke des Bades zu finden sind, gab ich diese Vermutung auf. 

Mit dem frühen Sommer sind eben acht Beine in der Badewanne. Sollten es einmal sechzehn sein, währt das nicht lang und es sind wieder acht koordinierte, grazile Beine. Die anderen liegen dann verstreut und zerteilt in der Badewanne herum und fordern mich zu deren Reinigung auf. Ein Netz finde ich dabei in der Wanne nie. Was ich persönlich für schade halte.

Ein Spinnennetz regte mich eher zum Philosophieren an als die Spinne selbst. Andererseits: Die acht Beine in meiner Badewanne gewinnen soviel Aufmerksamkeit, dass ich diesen Beitrag darüber schreibe. Wobei diese Aussage nicht ganz der Wahrheit entspricht. Der Anlass für den Beitrag war der Einfall Bettinas, meiner Partnerin, zum Titel: Acht Beine in der Badewanne. – Dazu werde ich nichts schreiben. Mit fällt nichts dazu ein, war meine erste Reaktion. Dann tauchten die „Acht Beine“ in den letzten Tagen immer wieder einmal auf, in Gedanken und ganz real, beim Blick in die Wanne. Jetzt erstaunt mich, dass ich zumindest einige Beobachtungen und eine verworfene Vermutung dazu niederschreiben kann. Mich erstaunt auch, dass ich mich sogar über die Veränderung meines Hygieneverhaltens mitteilte: Aus der Wanne unter die Dusche.

Dabei steht sogar noch eine philosophische Frage auf: Ist es nicht erstaunlich, das Staunen wurde immer wieder als Anfang des Philosophierens beschrieben, dass mich das Produkt einiger Spinnenarten, das Netz, mehr zum Nachdenken anregt als die Spinne, die Urheberin, selbst? Immerhin hat sie acht sehr schlanke, feingliedrige, lange Beine. Zumindest die in der Badewanne.

Todholz

Wir gingen zum Donauufer hinunter, dorthin, wo der Fluss ein Altwasser zurücklässt. Bilder lassen sich dort leicht finden. Vor Jahren sahen wir vom Ufer aus einem Eisvogel beim Fischen zu. Zuweilen ruht die Wasseroberfläche, blank wie ein Spiegel, ein dunkler Hintergrund für einige wenige, helle Reflexionen des durch die Bäume gebrochenen Sonnenlichts. Nicht immer ist es still. Enten und Blässhühner quaken um die Wette.

Heute war es still. Das Altwasser wurde vom Wind leicht gedühnt. Rasch und voller Energie zog der Fluss vorbei. Er hinterließ im Frühjahr einiges Totholz. Ganze Baumskelette, wild geästet, lagen an der Uferböschung. Auch einzelne, einmal mächtige Äste auf sich selbst reduziert, ohne Gezweig, sind zu sehen. Ein Bruchstück eines Stammes ruhte im immer noch strahlenden, jedoch langsam abendliche Milde andeutenden Licht am Fuß der aufsteigenden Böschung. Ein einziger, starker Ast, gesplittert am Ende, ragte aus dem sonnenweißen Stamm nach oben. Sein verstümmeltes Ende leuchtete, in seiner Verstümmelung vergoldetes Totholz.

Der Versuch, das tote Holz zu fotografieren, misslang. Zwar näherten verschiedene Kameraeinstellungen das Abbild dem gesichteten Bild an. Doch alles Abgelichtete blieb Abbild der vergoldeten Verstümmelung, in der der starke Ast in die Sonne ragte. Das Licht veredelte den gesplitterten Bruch, an dem der größere Teil des Astes abgetrennt worden war. Zumindest legte das die Stärke des verbliebenen Stumpfs nahe. Längst war der einmal schroffe Bruch auf seinem Wasserweg abgeschmirgelt, fast blank, so dass das Licht um ihn in Facetten von Hell und Schatten spielen konnte, bevor die Strömung ihn, durch einen Gewitterregen mächtig genug, wieder mit sich reißen würde. Weg vom Ufer, hinein in ein, wie mir schien, zielloses Vorwärtsdrängen.

Was ich sah, berührte mich in meiner Trauer, dem dunklen, dumpfen Fluss, an dessen Ufern ich seit Freitag, dem 9. Juni lebe, dem Tag, an dem mein Onkel Arthur starb. Träge, fast ununterscheidbar zum Altwasser der Erinnerungen, fließt der Fluss dahin. Manchmal entferne ich mich von ihm, nehme den Weg hinauf in das lebendige Leben. Immer wieder finde ich mich mit einem Mal an seinem Ufer wieder. Mich zieht es gegen den Strom zum Altwasser, dorthin, wo kein Fließen mehr ist, sondern Stillstand. Da stehe ich in der Stille und erinnere ihn und mein Leben mit ihm. Die Stille ruht in sich. Wird sie durch plötzlich eindringende Geräusche zerrissen, schmerzt es. Ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen den Aufgaben des weiterziehenden Lebens und der Schwermut, mich niederzulassen, zu bleiben, meine Augen am Totholz hängend, am verstümmelten Ast, der einmal Leben war.

Das Totholz beunruhigt mich. Wenn es liegen bleibt, verwest es im Spiel der Kräfte, die an ihm nagen. Dadurch verstofflicht es sich und trägt zum Quellgrund neuen Lebens bei. Ist nicht einmal im Totsein Ruhe? Ende aller Bewegungen, alles Werdens? Muss die Hoffnung auch im Totholz keimen? 

Ich habe meinen Onkel in den letzten Wochen erlebt, so gesättigt vom Leben, dass er das Leben satt hatte. Das Leben nährte ihn nicht mehr. Er gab es ab, wo immer er konnte. Er hätte es so gerne in einem entschiedenen und souveränen Akt selbst beendet. So müde war er vom Leben geworden. Zu müde, um noch weiter zu leben, zu hoffen. Nicht zu müde, um mit einer sanft bestimmten Zärtlichkeit zu lieben. Bis er tot sein durfte, endlich gestorben, übermannte ihn oft und oft Ungeduld, die seine Zärtlichkeit fast erdrückte. Seine letzte Hoffnung war, endlich zu sterben. Wahrscheinlich wollte er nicht einmal Totholz sein, aus dem wieder Leben und Hoffnung keimt.

Das beruhigt mich: Einmal werde auch ich tot sein wie er. Todholz. Ohne Hoffnung, die immer mit dem Leben zu tun hat, voller Liebe, voller Energie, voller Ideen, voller Aufgaben, voller Last und Anstrengung. Erst wenn die Hoffnung tot ist, dann ist Tod. Tod ist Hoffnungslosigkeit, die keine Zukunft mehr ahnen lässt. Todholz am Ufer des Lebensflusses, ohne Sein und hoffnungslos. Nur in Ruhe und Stille am Altwasser liegen.

Zukunftsfähigkeit durch Regression oder Sorge?

Die SZ vom Samstag (Nr. 99 vom 29./30.04/01.05.2023, S. 1) titelte: „Die Grünen in der Falle: Die Partei des Wirtschaftsministers Habeck ist in der Ampel zunehmend isoliert.“ SPD und FDP bremsen die Grünen aus. Sie stempeln die Grünen als „Verbotsorganisation“ ab. Bundeskanzler Scholz und Finanzminister Lindner rücken angesichts zunehmend schwerer zu vermittelnder grüner Projekte wie Klimaschutz, Heizungsreform, Kindergrundsicherung, Finanzierung der Migrationsfolgen enger zusammen. Die Stichworte apostrophieren zukunftsorientierte Projekte. Sie drücken das Interesse am Überleben unserer Erde, Europas und unserer Gesellschaft aus. Welche politischen Agenden sind tatsächlich zukunftsoffen? 

Statt dessen gerät derzeit grüne Zukunftsverantwortung unter Ideologieverdacht. Statt dessen wird das „Weiter so“ als „Technologieoffenheit“ verkauft. Zukunftsfähigkeit wird auf die technologische Frage verkürzt, die den alterhergebrachten Machbarkeitswahn einer früher einmal erfolgreichen Industrialisierung codiert, der neben dem unablässigen Fortschritt auch die Reparatur aller Folgeschäden zugetraut wird. Dabei ist gerade in Deutschland Ressentiment gegenüber Digitalisierung und KI zu beobachten – ein Widerspruch zum Vertrauen in die Technologie? Oder entlarvt „Technologieoffenheit“ das konservative Bekenntnis zu den bewährten Industrieformen, Auto, Werkzeugbau, Chemie?

Die protechnologische Argumentation weiter Teile der FDP und der CDU/CSU wird mit dem Ideologieverdacht gegenüber grünen Projekten verbunden, um von der eigenen Ideologie einer marktliberalen Konservativität abzulenken. Dabei hat der neoliberale Politikwechsel die westlichen Demokratien innerlich zunehmend destabilisiert (Habermas, 2022, S. 36 f.). Nicht zuletzt dadurch, dass neoliberal geprägte Demokratie erlaubt, „eine verkehrte Welt innerhalb des Systems zu installieren“ (Sasse, 2023, S. 33). Denken wir an zunehmend autokratische Anmaßungen, wie wir sie in der Präsidentschaft Trumps oder im „Querdenken“ während der Pandemie erlebten. Silvia Sasse (2023) weist darauf hin, dass demokratisch verfasste Gesellschaften vor der Entstehung autokratischer Dominanz- und Machtstrukturen in ihrer Mitte nicht sicher sind. Was als Umcodierung von Begriffen beginnt (Technologieoffenheit als Code für neoliberal-konservative Regression angesichts der Klimaveränderung), führt zu Verkehrungen der Interpretation der Absichten (Klimaschutz als ideologisches Kontrollbedürfnis der Grünen) und letztlich zum „Zwiedenken“, wie es G. Orwell in seinem Roman „1984“ beschreibt. Jenes „spekuliert auf die Fähigkeit des Menschen, mit und in Antinomien leben zu können“ (Sasse, 2023, S. 113). Wir sehen uns Klimaphänomenen konfrontiert, die zunehmend irritierend wirken, im überfluteten Ahrtal 2021 für 133 Menschen tödlich waren  (Quelle: https://reportage.wdr.de/chronik-ahrtal-hochwasser-katastrophe). Dennoch verhalten wir uns kaum anders. Wir halten den Widerspruch zwischen der erlebbaren Realität des Klimawandels und den Versprechungen, mit ausreichender Technologieoffenheit bekommen wir das alles geregelt, aus. Wir stöhnen unter den ohnehin zusammengestutzten grünen Projekten zum fraglichen Erreichen der Klimaziele. Wir neigen dazu, den Ideologieverdacht dagegen zu übernehmen und den Politikern zu glauben, die uns ein geringfügig modifiziertes „Weiter so“ auf der Grundlage bewährter Technologie suggerieren. 

Demokratische Verantwortung in der politischen Diskussion sieht anders aus: Was wir brauchen, sind nicht bequeme Versicherungen. Was wir lernen sollen, ist, uns den unbequemen Verunsicherungen zu stellen. Nicht nur in der Klimapolitik, sondern auch in der Wirtschafts-, Sozial-, Bildungspolitik. Außenpolitisch zwingt uns der andauernde und brutale Krieg Russlands gegen die Ukraine das Umdenken und Umsteuern in einen kritischen Pazifismus auf, der für politisch grün-orientierte Bürger:innen den Bruch mit dem vertrauten Friedensdenken bedeutet. Ähnliche Änderungsbereitschaft der Perspektive, der Einstellung und des Verhaltens wird in den anderen Politikbereichen auch notwendig sein. 

Was tut not? Nicht eine Ideologisierungsdebatte, um das konservative Projekt zu retten und dabei die Zukunft zu verspielen. Vielmehr: Sicherheit als größtmögliche Wahrscheinlichkeit verstehen zu lernen, Denken in offenen Prozessen einüben; „Betrauerbarkeit“ (Butler, 2021, S. 99) als Kriterium für das Wertvolle, das durch selbstgewählte Blindheit verloren geht, ernstnehmen; statt das unbequeme, Sorgen und Befürchtungen auslösende Denken ab zu tun, uns auf die Endlichkeit des Lebens und des Lebendigen einzulassen. Weil die Lebensprozesse endlich sind und wir Menschen mutmaßlich die einzigen Lebenden sind, die ein ausdrückliches Wissen davon entwickeln können, ist es unsere ethische Pflicht, die Zeit, die wir haben, als Möglichkeitsraum, sinnvoll zu sein und zu handeln, nutzen. Etwas mehr öffentliche Reflexion und weniger quotengenerierender Talk ist dabei ein Schritt unter vielen anderen. 

Robert Habeck zeigte in den ersten Monaten der Ampel, wie öffentliche Reflexion kommunikativ gestaltet werden könnte. In der Dauerdefensive, in der sich die Grünen derzeit befinden, ist der Raum und die Energie dafür eng geworden. Es fehlen die Hörbereitschaft für die leisen Töne, die Ruheräume für die Reflexion, die Kommunikationshoheit der politischen Institutionen gegenüber den ausufernden Polittalks und den „disrupted public spheres“ der Social Media (Habermas, 2022, S. 64). Wir dürfen uns – und das ist eine der Intentionen des Aufrufens eines „postfaktischen Zeitalters“ – nicht an „die Gleichzeitigkeit von Lüge und Wahrheit“  (Sasse, 2023, S. 114) gewöhnen. Wir sollten uns bewusst machen, das die Behauptung eines „postfaktischen Zeitalters“, das mit eben dieser Gleichzeitigkeit spielt, eine „bewusst gewählte Machtstrategie“  für eine „Subversion von oben“ sein kann (Sasse, 2023, S. 148). Jeder kann ihr widersprechen, sich ihr entziehen, wenn wir lernen, mit unserer Endlichkeit und damit auch mit der Sorge darum, wie es weiter geht, entschieden zu leben: Zur Grundverfassung des Menschen gehört ebendiese Sorge (Riedel, 2023, S. 25). Die Freiheit, sich von der Macht subjektiv zu emanzipieren, befindet sich ganz in deren Nähe (Foucault, 2009). Und die Verantwortung? Sie liegt direkt bei uns.

Quellen:

  • Butler, J. (2. Aufl. 2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit. Über das Ethische im Politischen. Suhrkamp
  • Foucault, M. (2009): Hermeneutik des Subjekts. Vorlesungen am Collège de France 1981/82. Suhrkamp
  • Habermas, J. (2022): Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Suhrkamp
  • Orwell, G. (22. Aufl. 1974): 1984. Ein utopischer Roman. Diana-Verlag
  • Riedel, C. (2023): Dasein als Sorge. Die Cura-Fabel bei Heidegger und die antike Sorgekultur (epimeleia), in: Praxis Palliative Care Nr. 58/2023, S. 22 – 25
  • Sasse, S. (2023): Verkehrungen ins Gegenteil. Über Subversion als Machtttechnik. Matthes & Seitz

Philosophie: die „Lücken im Verhau“

„Es wird viel geredet, aber nur selten ernst gemacht. Nur so kann viel geredet werden. Denn der Ernst verschlägt einem die Sprache.“ Hannes Böhringer macht in seinem Buch „Lücken im Verhau“ (2023, S. 7 / Seitenangabe im Blog dito) Ernst mit der Philosophie. Wie gut, dass der Denker Böhringer in seinem Text die Lücke findet, die seine Eingangsthese lässt: Er redet nicht viel. Er macht Ernst. Sein Denken vollzieht er so, dass er uns Lesende in die Bewegung des Denkens mit aufnimmt. Wir denken uns bei allem Verhau in die Lücken. Das Denken zeigt sich darin als menschlich. Darum geht es ihm. Darum geht es uns. Wer sind wir?

„Sokrates kommt zu spät.“ (S. 33). Vielleicht hatte er jemand getroffen, der frag-würdig war, des Fragens würdig. Vielleicht begab sich vor der Tür Wichtiges. Etwa so, wie es Diotima in Platons Gastmahl (Symposion) in ihrer Rede erzählt. Sokrates hatte in seiner eigenen Rede Philosophie als erotisches Verlangen nach Weisheit charakterisiert. Das erscheint fragwürdig. Die Frage ist: „Wer ist Eros?“ Diotima, die Priesterin, antwortet, Eros Eltern seien dem Mythos zufolge Poros und Penia. „Poros: Durchgang, Öffnung, Weg, und Penia: Armut, Mangel“ (S. 24) Denken ist zuweilen kryptisch. Vor allem wenn es um Bestimmung, um Definition, um die Abgrenzung eines Begriffs geht, arbeitet sich Denken nach den „Lücken im Verhau“ ab. Dabei gewinnt das Denken durch die mythologische Erzählung Aufschub. „Der Aufschub vom Ernst des Lebens verschafft Erleichterung, Freiheit.“ (S. 10)

Dazu passt das Gastmahl, währenddessen Diotima den Mythos von der Geburt des Eros erzählt, um zu einer Antwort durchzufinden, wer er sei. Die Götter, so hebt der Mythos an, feiern die Geburt der Aphrodite. An der Tür bettelt Penia. Sie wird nicht eingelassen. Da kommt Poros betrunken heraus und Penia legt sich zu ihm, empfängt Eros. Als Sohn des göttlichen Poros kommt Eros über die Schwelle zu den Göttern. „Eros findet den Durchgang, aber er macht aus ihm keinen befestigten Weg, keine Methode. Was Eros zu Wege bringt, entgleitet ihm immer wieder, ‚fließt weg‘“. Das Wissen wird ihm kein Besitz. … In der erotischen Spannung von Mangel und Weg, Poros und Aporia (Weglosigkeit), geschieht nach Platon das Philosophieren, zwischen Unverstand und Wissen.“ (S. 25)

Böhringer lädt seine Leser:innen zum philosophischen Denken ein. Er bringt uns an die Tür, vor der wir betteln, bis wir erotisiert den Weg über die „Türschwelle zwischen Begrenztem und Unbegrenztem“  (S. 29) nehmen. „Die Tür öffnet und schließt ähnlich wie die Erkenntnis einen begrenzten Raum. Doch anders als die Tür kann die Erkenntnis den Raum öffnen, indem sie ihn begrenzt.“ (S. 29) Erkenntnis grenzt das Unübersichtliche mit den „Lücken im Verhau“ ein. Die Lücken können so auch Orientierungspunkte sein. Philosophie führt zur „Bescheidenheit des selbstbewussten Nichtwissens“ (S. 55). 

Die Bescheidenheit wird durch die gegenwärtig veränderten Bedingungen des Philosophierens, die „neue Unübersichtlichkeit“ (J. Habermas), bestätigt. „Wir reden immer noch von Tür, Haus und Stadt und leben längst in Ballungsräumen, Agglomerationen. Glomus, eng verwandt mit Globus, ist ein klebriger Klumpen, Kloß, ein kaum zu entwirrendes Knäuel. Die Agglomeration, Rückseite der Globalisierung, verkleistert nicht nur Stadt und Land, sondern auch Politik und Ökonomie, Frieden und Krieg, das Private und Öffentliche, das Eigene und Fremde, das Provinzielle und Internationale, Freiheit und Knechtschaft, Kritik und Affirmation, Stimmungen und Entscheidungen, Täuschungen und Erkenntnisse. Sie erneuert das philosophische Bewusstsein der Schwäche, der Unfähigkeit, klare Unterscheidungen zu treffen.“ (S. 31) Werden wir je wissen, wer wir sind?

Wir wissen ja kaum mit Entschiedenheit, wer wir waren. Das zeigt der Blick Böhringers, immer auf der Suche nach „Lücken im Verhau“, auf die „schaukelnde Wiege“ (S. 97) der Anthropologie. Wer sind wir?  Affen aus Europa? „Ich äffe Vorbilder nach, die Alten aus Griechenland und Rom.“ (S. 96) Oder ist es das: Beharrlichkeit im „Verfolgen selbstgesetzter Ziele“ (S. 97)? „Die Menschen scheinen immer wieder einholen zu müssen, was sie glauben, überholt und hinter sich gelassen zu haben. Darum Geschichte.“ (S. 94) Denn: „In der Natur ist der Mensch nichts Besonderes. Ist es seine Besonderheit, sich bewusst werden zu können, nichts Besonderes zu sein?“ (S. 84) Die Anthropologie orientiert, was die Antworten auf die Fragwürdigkeit des Menschen angeht, nur mühsam im „Verhau“. Vielleicht hilft die Musik weiter, die wohl seit Menschengedenken zum Menschen gehört.

Hier lauscht der Philosoph mit Verweis auf  G. Deleuze und F. Guattari auf das „Ritornell“ (S. 108 ff.), die kleine Rückkehr, mit der sich der Kreis schließt. „Man ist wieder angekommen, von wo man aufgebrochen war. Aber inzwischen ist viel passiert. Darum ist das Ende anders als der Anfang.“ (S. 108) Ritornelle sind Zwischenspiele, in der Dichtung wie in der Musik. Sie „spielen zwischen Durcheinander und Ordnung, Zwischenspiele zwischen Chaos und Kosmos“ (S. 109) Sie gliedern durch die rituelle Wiederholung. Der Ritus schafft Vertrauen im Unklaren, Unsicheren. Das Ritornell wird bei Böhringer zur Form der Erinnerung, weil es „sich neuen Ereignissen öffnet und die Wiederholung aus ihrem Kreis entlässt“ (S. 113). Bei aller Verpackung, Etikettierung und allem Containering für das Verpackte (S. 115 ff.) ist es sinnvoll, sich der Musik zuzuwenden, den Ritornellen zu lauschen. Sie ist ebenso menschlich wie das Ordnen im Container und durch das Etikett, „doch öffnet die Musik den Kreis über die Menschheit hinaus“ (S.114). Sie vermittelt zwischen dem Dativ, dem sich Gegebenen, der Nähe, dem Subjektiven, und dem Akkusativ, dem Verweisenden und Wertenden, der Distanz, dem Kosmischen. Vielleicht macht das uns Menschen aus: die Fälle von einander unterscheiden zu können, bewusst die Nähe und die Distanz zu suchen – und so die zu sein, die immer wieder wissen, dass etwas fehlt, und auf der Suche sind nach dem, „was wirklich fehlt“ (S. 74).

Da sind sie wieder: Penia, der Mangel und die Armut, Poros, der Durchgang und der Weg, und Eros, der über die Schwelle kommt, ohne bei dem zu bleiben, was er weiß. Welch ein Verhau um uns und in uns! Welch‘ ein philosophisches Buch, das den „Lücken im Verhau“ mit Witz und im Ernst nachgeht.

Böhringer, H. (2023): Lücken im Verhau. Berling (Matthes & Seitz)

Helga Schubert: Der heutige Tag

„Jahrelang hat Derden nachts in die Sterne gesehen, hat die Unendlichkeit ausgehalten. Ich bin ihm dorthin nie gefolgt. Es war mir unheimlich, ich konnte mich als Staubkorn unter dem weiten Sternenhimmel nicht begrenzen, wurde eins mit dieser Schwärze. Kaum ein Unterschied, so muss es im Tod sein, dachte ich.“ (S. 240)

Es ist ein Buch der Sätze geworden. Einzelne ragen heraus wie Monolithe im Erzählfluss einer liebenden Zweisamkeit. „Jede Sekunde mit dir ist ein Diamant, sagt Derden zu mir und umarmt mich, als ich morgens in sein Zimmer und an sein Pflegebett komme. Wir sind seit 58 Jahren zusammen. Zwei alte Liebesleute. Ich liebe ihn sehr.“ (S. 7 f.) Das Meiste ist damit schon gesagt. 

Derden, Helga Schuberts zweiter Mann, ist schwer krank und pflegebedürftig. Sie gab ihm für das Buch diesen Namen, den es wie ihre Google Recherche zeigt, noch nicht gibt. Einmalig sollte er sein. Einmalig und unvergleichbar wie dieser Mann, mit dem sie seit 58 Jahren zusammen ist. Sie lässt als Ich-Erzählerin uns Leser:innen am Leben mit Derden teilhaben. Sie als Studierende, er als Dozent für Psychologie lernen sich an der Universität kennen. „Wortlos ohne Zudringlichkeit“, so beschreibt H. Schubert eine der Begegnungen (S. 16). Sie schildert, wie sie beide ihre Ehen, Familien verlassen, um zusammen zu leben. Sie lässt uns Leser:innen die Veränderung des Professors für Psychologie, der Derden inzwischen geworden ist, sehen: Er wurde zum Maler und Grafiker. Derden erleidet einen Hinterwandinfarkt, der ihn zum palliativ betreuten Patienten werden lässt. Die Aufnahme in ein Hospiz lehnt er ab, weil er dort zwar malen kann, aber auch übernachten muss. „Seitdem sind Jahre vergangen. Und er hat zuhause mehr als dreißig Ölbilder gemalt.“ (S. 33)

„Bald wird er sie nicht mehr erkennen“, sagt eine Palliativärztin zu ihr, die ihren Mann unbedingt pflegen will. Sie beantwortet die Information der Ärztin, spät im Text, auf eigene Weise: „Ich fühlte so ein Verlangen, mich nicht abzufinden, ihn in der Welt zu halten.“ (S. 257) Das Leben mit dem Geliebten verlangt ihr viel ab. Es ist nicht nur die Liebe, das gemeinsame Beginnen des Tages. Es sind nicht nur die wachen, auch einmal kritischen Dialoge, die mit Derden immer einmal gelingen. Es ist auch das Andere, Zehrende, Enttäuschende, was sie erzählt. „Manchmal trauere ich nur um mich, die Traurigkeit ist einsam und kalt. Sie ist voll Vorwurf und Bitterkeit. Manchmal suche ich Trost im Bett, im Dunklen, kaue eine Tafel weiße Schokolade wie ein Stück Brot, denke an unsere weichen Körper, wie sie zusammenpassten, so verschlungen, so vertraut, die Bettdecke ist wie seine streichelnde Hand …“ (S. 56 f.). Es fällt schwer, in der Gegenwart zu bleiben. „Die Amsel sang wieder einmal so schön, Derden hörte sie, und ich dachte an die Ärztin, die mir kürzlich sagte, nun müssen Sie aber auch seinem Köper die Möglichkeit geben zu sterben!“ (S. 93)

Der Widerspruch zwischen der Unvorstellbarkeit, dass Derden nicht mehr sein wird, und dem Wissen und Erleben seines Sterbens inmitten eines langen und erfüllten Lebens, das ihn immer öfter zu quälen scheint, nimmt uns Leser:innen mit durch die Gezeiten, in denen die beiden leben. Dieses Leben ruft auch Widerstand hervor, Trotz zuweilen. „Das Absurde, das Erbarmungswürdige, das Rührende, das Furchterregende, das Komische, das Egoistische, das unmaskiert in mein Leben einbrach. Es wechselt in einer Minute.“ (S. 238) Es erschöpft auch und ermüdet. „Manchmal möchte ich tot sein, endlich ohne Verantwortung und Pflichten“, schreibt die Ich-Erzählerin (S. 189). Zu allem schwer Erträglichen gehört genauso das Zusammensein, das den Raum für sie selbst aufschließt: „Als ich den Laptop hochfuhr, war ich vollkommen glücklich. Draußen stürmte es. Und es war dunkel. Das Babyphone blinkte neben mir, ich hatte den Eco-Modus eingestellt, der Bildschirm war meist dunkel, so ruhig schlief er. Und ich war ganz in meiner Welt.“ (S. 254)

Helga Schubert gelingt es, das Zusammenleben mit dem hochbetagten, schwerkranken, geliebten Mann zu beschreiben. Sie erreicht dabei die vielen Dimensionen dieses gemeinsamen Lebens, das sich gerade nicht in der Pflege erschöpft. Deutlich wird, was das zusammen Leben fordert und womit sich die beiden Liebenden beschenken. Die Autorin weicht der Beschwerlichkeit nicht aus. Sie berichtet von den Schwierigkeiten, Vertretungen zu finden, die Konflikte mit den Kindern aus der ersten Ehen. Sie erzählt von der Betroffenheit durch das Sterben Anderer aus Nachbarschaft, Beruf und engerem Bekanntenkreis bis hin zur Auseinandersetzung mit den palliativen Beratungen. Sie schildert ihre eigenen Konflikte, ihr Hadern mit dem egoistischen Anspruch auf den geliebten Partner, den sie nicht verlieren will. Sie erzählt die wunderbaren, zauberhaften Momente einer immerwährenden, zärtlichen, leidenschaftlichen Liebe. Anders als Annie Ernaux, der es gelingt, als Ich-Erzählerin die Dritte-Person-Perspektive auf ihr Leben einzuhalten, sieht Helga Schubert realistisch, unbeschönigt, immer aus dem Blick der Ersten-Person auf das Leben. Das war in der Erzählsammlung „Vom Aufstehen“ (2021) so; das gelingt ihr auch im sensiblen Sujet des vorliegenden, neuen Buches.

Ich las dieses Buch schon auch mit den Augen des hospizerfahrenen Therapeuten, Und manchmal dachte ich, genau das sind die ungewollten Grausamkeiten, die in häuslicher Pflege entstehen. Letztlich gehören sie ebenso zum Leben wie die überwältigenden Momente, die die beiden, Derden und sie, miteinander erleben. Wenn Sterben zum Leben gehört, dann fordert dieses Leben eben auch seinen Preis. Es ist ein wichtiges Buch – aus meiner Sicht endlich ein literarisch gelungenes – für alle, die im Kontext Hospice und Palliative Care arbeiten: Leben ist Leben, auch wenn es Sterbenden bindungsbedingte Herausforderungen zumutet. Es ist ein wichtiges Buch für uns alle, die wir mit dem Sterben, auch dem eigenen leben.

Schubert, H.: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe (2023), dtv-Verlag (Im Blog mit Seitenzahlen zitiert)

Schubert, H.: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten (2021), dtv-Verlag