Sehnsucht nach Lebensraum

Sehnsucht ist ein schwer auszuhaltender Zustand, finde ich. Seit etwa zwei Wochen spüre ich sie in mir, die Sehnsucht nach einem unbeschwerten Leben. Das Leben, wie es gerade zu ertragen ist,  erscheint mir beschwert. Es sind nicht so sehr die Regeln, die es beschränken. Eher belastet mich die Monotonie des Alltags. 

Monotonie enthält zwei Wortbestandteile aus dem Altgriechischen: monon, d.h. das eine, und tonos, d.h. die Spannung. Ich lebe in der einen Spannung. Sonst bewege ich mich durch viele Spannungsfelder. Dabei heißt Spannung nicht nur Konflikt. Sie meint auch den in der Logotherapie V. Frankls gebräuchlichen Begriff der „Lebensgrundspannung“. Lebensgrundspannung motiviert, mich zu den vielfältigen Anregungen, den Aufgaben, den Herausforderungen möglichst sinnvoll zu verhalten. Schwierig wird es, wenn die Lebensgrundspannung, der tonos, einförmig wird. Das ist es, was mich beschwert, die Einförmigkeit, die durch die Kanalisierung der Wahrnehmung entsteht. Der Lebensraum ist vorwiegend die Wohnung geworden. Sie ist auch Arbeitsplatz. Einerseits brauche ich die Abgeschiedenheit des Schreibtisches, des Lesestuhls. Denken braucht die ruhige, zugleich angeregte Konzentration. Denken bedarf zuweilen der Bewegung. Die antiken Aristoteliker und die mittelalterlichen Mönche schritten auf ihren Denkwegen durch Wandelhallen und Kreuzgänge. Dichter und Denker der Romantik erwanderten sich ihre Inspiration. Doch von Wandeln, gar Lustwandeln kann gerade nicht die Rede sein. Auf halbe Gesichter blickend, aneinander vorbei huschend, immer auf Abstand bedacht bewege ich mich im Schutz meiner Maske durch die Stadt. Keine einladende Cafébar, kein belebter Platz, wenig Freundliches in den Fassaden. Und in der Flur? Auch da sind die sich anbietenden Wege eintönig geworden. Sie verlangen, ohne gastliche Weile zu Ende gegangen zu werden. 

Eintönigkeit, das ist die andere Seite der Monotonie. Der Bildschirm, das Headset, das Handy sind die monauralen Kanäle der Verständigung, der Lehre, der Seminartätigkeit und der Therapie. Alles ist eintönig. Nichts hallt mehr nach. Wonach ich mich zunehmend sehne, sind die Stimmen im Raum, das Anschwellen und Abebben der Klänge, die Dynamik des Gesprächs, des Zuhörens. In der monauralen Welt, in der wir derzeit reden, werden die Stimmen kanalisiert. Und so wirkt Vieles eher als Gerede und weniger als Gespräch. Derzeit ist spürbar, dass die sog. „Kanaltheorie“ der Kommunikation, der Sender- und Empfängermodus, mit dem realen Gesprächsgeschehen kaum etwas zu tun hat. Physikalisierte Informationsübermittlung ist nicht kommunikativer Dialog und kein Diskurs. Dialog und Diskurs vollziehen sich in der Vieldimensionalität des Gesprächsraumes. Sie beruhen auf präsenter Begegnung in den diversen Räumen, die helfen, die Rede und das Gespräch zu gestalten, die Hall erzeugen, der zum Nachhall der Erinnerung werden kann. Dialog und Diskurs beruhen, wie Hartmut Rosa es beschreibt, auf Resonanz. Resonanz braucht den Raum der Umgebung und den Innenraum des Menschen. Im Headset, über das Kamerabild resoniert kaum etwas. Deshalb erlebe ich den Alltag eintönig. Ihm ist mit den Gesprächsräumen und der Präsenz der Begegnung der Resonanzboden entzogen. 

Immer wieder schleichen sich Bilder vom geruhsamen Verweilen bei feinem Macchiato in einer italienischen Bar, mitten in der Stadt, umgeben von Menschen, die ihr Gesicht und schon allein dadurch Präsenz zeigen, durch meine Träume. Oder es bildet sich der Tagtraum vom Einkehren in einen Buschenschank auf einer Wanderung in meiner zweiten Heimat Südtirol, wenn ich, wenn wir auf einem Weg innehalten, uns niederlassen, den Worten, den Wahrnehmungen und den Gedanken für kurze Zeit einen genussvollen Raum geben. Und dann mit ruhigem Puls, erfrischt und gestärkt den Weg weitergehen. Nach dieser Unbeschwertheit sehne ich mich. 

Das unbeschwerte Leben kommt mir, kommt vielen um mich herum abhanden. Statt dessen kanalisieren uns Politik und Medien in die Monotonie der pandemischen Informationen. Kaum etwas anderes wird zugelassen. Inzwischen scheint es weniger das Verhalten des Virus als die Monotonie unseres Verhaltens zum Virus, die vernünftige, solidarische und disziplinierte Menschen gleichgültig werden lässt. Wenn es nur noch um Infektionszahlen, die kaum mehr vorstellbaren Geldmittel zur Bewältigung der ökonomischen Pandemiefolgen samt allen Verteilungsdebatten, die Impfstoffquerelen  geht, wenn wir eintönig vor allem damit beschallt und bebildert werden, dann stellt sich aus psychologischer Sicht Ermüdung unserer Wahrnehmung und Linearisierung unserer Kognition ein. Eintönigkeit und Einförmigkeit. Woher sollen denn die alternativen Gedanken, Konzepte und Modelle kommen, die uns anregen, mit den gegebenen Umständen anders zu leben? 

Ich bin müde geworden, ständig selbst für die Lebensgrundspannung zu sorgen. Ich bin auch der Monotonie der Information und Politik müde geworden. Die Sehnsucht nach Lebensraum hilft mir auch nicht weiter. Sie vermittelt allenfalls Traumbilder. Wenn ich nur wüsste, wie in den Träumen die latente Hoffnung zu beleben wäre. Hoffnung verleiht die Energie zur Veränderung, zunächst einmal meiner persönlichen, sicher auch der politischen und gesellschaftlichen. Denn Hoffnung verbindet den Menschen mit Zielen, die dem Leben dienen.

Die USA schaffen sich selbst ab.

Was alle USA-kritischen Demonstrationen, Sit-Ins, Diskussionen der 1970-iger Jahre nicht schafften, erledigen die USA jetzt selbst. Sie schaffen sich mit dem Freispruch Donald Trumps ab. Das Impeachment, die Demokratie erhaltende Notbremse gegenüber Präsidenten, die die Grundordnung der USA verlassen haben und sich gegen sie stellen, greift nicht. Der Zug, den Trump in Bewegung setzte, hat genügend Massenträgheit, um vorerst auch ohne Lokomotive weiter zu rollen, ungebremst und unaufhaltbar. Das wird mit dem Freispruch im Impeachment deutlich. Zugleich haben weite Teile der Republikanischen Partei deren Interessen über die Interessen des Staates USA gestellt. Sie verhalten sich wie Donald Trump. Republicanes first!

Ich fühle mich erleichtert: Endlich sind wir die USA in der Funktion der selbsternannten Schutzmacht der Demokratie los. Ich weiß, das ist subjektiv und vielleicht sogar revanchistisch gedacht. Dennoch: Mit dem Freispruch Trumps beraubten sich die USA gestern selbst des Jahrzehnte währenden und von einer Reihe europäischer Intellektueller schon immer kritisch betrachteten moralischen Hegemonialanspruches, wenn es um Demokratie nach außen ging. Denn im Inneren der USA geht es und ging es bei weitem nicht so demokratisch und moralisch zu. Die Administration Trump legte das vor der Welt offen. Die Administration Biden kann dem im Augenblick nichts entgegenstellen. Die USA durften es im Grunde seit dem Vietnamkrieg schon nicht mehr und dürfen es jetzt erst recht mehr, was sie in das nationale Selbstbild tief einbeschrieben haben: den Wächteranspruch über Demokratie und Menschenrechte erheben, militärische Möglichkeiten dazu hin oder her. Sie haben diesen nicht einmal historisch begründbaren (siehe den Krieg zwischen Nord- und Südstaaten) globalen Moralitätsanspruch, der selbstunkritisch und vermessen war, mit dem Freispruch Trumps endgültig und tatsächlich aufgehoben. Sie sind, ähnlich wie andere militärisch und/oder ökonomisch potente Staaten einfach nur eine Großmacht, die politisch durchsetzungsstark erscheint, weil sie ökonomisch und militärisch die Mittel dazu hat. Die Legitimation dafür haben sie bestimmt nicht mehr. Die USA sind endlich eine Macht unter anderen Mächten, ein Staat unter anderen geworden.

Das fordert aus meiner – laienhaften – Sicht ein politisches Umdenken und eine grundsätzliche Verhaltensänderung der Politik der Europäischen Union. Die kommenden vier Jahre, wenn Präsident Biden sie überhaupt durchsteht, muss – ebenfalls endlich – die europäische Politik neu gedacht werden. Das Neuartige daran ist, dass sie ohne das nahezu blinde Vertrauen auf die USA gestaltet werden muss. Es ist jetzt an der Zeit, alle europäischen Verteilungskämpfe und demokratiegefährdenden Spiele nach innen aufzugeben. Die einzelnen EU-Länder sind gefordert, die diversen nationalen Kompetenzschwerpunkte, die diverse politische Intelligenz und die regionalen Wertvorstellungen in die europäischen Bindungen aneinander zu investieren und so die Europäische Union als das Bündnis der Vernünftigen, umsichtig Kreativen und der politischen Moderne zu etablieren. Die soziale Marktwirtschaft, das Europa der Regionen, die immer noch in den meisten Mitgliedstaaten der EU intakten demokratischen Strukturen und Prozesse, das soziokulturelle Potenzial einer Weltregion mit einer der höchsten historisch gewachsenen Verdichtungen an Rationalität, Wertbewusstsein und sozialer Kompetenz trägt jetzt noch mehr als in den vergangenen Jahrzehnten globale Verantwortung. Die EU bedarf eines zweiten römischen Prozesses der Konstitution, um die mit den genannten Qualitäten und Kompetenzen attribuierte, spezifische Stimme in der weltweiten Politik zu sein. Wir sollten, nachdem wir mühsam und engagiert die Freiheit von den furchtbaren Diktaturen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erhalten, jetzt die Freiheit zur Neugestaltung der europäischen Politik in der ihr bestmöglichen Weise zu unserer Aufgabe machen. Rasch. Ohne Wartezeit. Mit Mut. Kreativ und geistreich. Mit dynamischer Umsicht.

Ich weiß, dass das nicht dem globalisierten Feeling vieler, junger Menschen entspricht, wenn ich – in die Jahre gekommen – gerne und kritisch sage: Ich bin ein Europäer. Was ich mir als solcher wünsche, gerade von den jungen Menschen, dass das globalisierte Feeling das Initiale einer globalisierten Haltung wird. Haltung bildet sich, sie ist nicht gegeben. Sie könnte dadurch gebildet werden, dass alle Generationen ihre Kompetenz in das Projekt Europa einbringen, das sich im Bewusstsein seiner Qualitäten mit den anderen Weltregionen nicht nur ökonomisch, sondern politisch vernetzt. Der Philosoph Ernst Bloch hat dafür die Prozessbegriffe bereitgestellt: Latenz als die schlummernde Verantwortung bringt Tendenzen der Veränderung heraus, die sich zunächst in utopischen Zielen beschreiben lässt. Utopisch ist das, was noch nicht topisch geworden ist, was also noch keinen Ort hat, was aber durch Hoffnung die Energie zur Gestaltung freisetzt. Ich bin dabei.

Espresso

Eines meiner Lieblingsgedichte erdichtete Tomas Tranströmer. 

Der schwarze Kaffe auf der Terrasse

mit Stühlen und Tischen prächtig wie Insekten.

Es sind kostbar aufgefangene Tropfen,

gefüllt mit der gleichen Kraft wie Ja und Nein.

Er wird aus dem dunklen Café hinausgetragen

und blickt in die Sonne, ohne zu blinzeln.

Im Tageslicht ein Punkt von wohltuendem Schwarz,

Das schnell in einen bleichen Gast ausfließt.

Er ähnelt den Tropfen aus schwarzem Tiefsinn,

die bisweilen von der Seele aufgefangen werden,

Die einen wohltuenden Stoß geben: Geh!

Inspiration, die Augen öffnen.

In: Tranströmer, T. (1997): Sämtliche Gedichte. München, S. 65

Einen Espresso trinken, in der Sonne sitzend, sicher bleich nach Winter und Pandemie, das ist eine Utopie, die mir manchmal in den Sinn kommt. Dabei bereite ich jeden Tag mehrere Espressi. Ich trinke sie manchmal vertieft in meine Forschung, beiläufig beim Schreiben, oft als gemeinsames Innehalten mit meiner Partnerin, zum Ausklang eines guten Essens. Ich trinke den Espresso zu Hause. In den letzten Tagen vermehrt mit der Sehnsucht nach dem Kaffee auf der Terrasse.

Mir gelingt es bis jetzt ganz gut, mit dem gebotenen Rückzug zu leben. In meiner Welt fand ich zu einer Ordnung, die ich mit ein wenig Disziplin auch durchhalte. Meist am Morgen gebe ich meinem Tag eine möglichst klare Struktur, die der oft gemeinsam getrunkene Espresso interpunktiert. Ja, es stimmt schon: der kleine rasch zubereitete Kaffe, meist mit einem Häubchen geschäumter Milch abgerundet, bildet die Satzzeichen in meiner Tagesgeschichte. Zuweilen ist er ein Komma, das zwei Gedankenwelten voneinander abhebt. Manchmal ist er der Doppelpunkt, der einen Vorsatz anhält, um Raum für das Folgende zu öffnen. Öfter am Tag schließt er auch eine Zeit des Tuns ab. Ein Fragezeichen markiert er selten. Eher ein Ausrufezeichen: Jetzt aber mal losgelegt. Am liebsten mag ich ihn als Gedankenstrich. Dann nippe ich ein wenig aus der kleinen Tasse, diesen Punkt von wohltuendem Schwarz, und dehne den Genuss, so dass Weile entsteht. In der Weile entfaltet der Espresso tatsächlich Tiefsinn, öffnet den Raum für das Spiel der Worte, zu denen Gedanken sich gestaltet haben, oder zu Gedanken, die noch nach ihrem Wort suchen. Glück, wenn sich davon in der Seele ein Abbild erhält.

In jenen wunderbaren Espressoweilen, in denen expressiv wird, was vorher nur im Keim angelegt war, denke ich dann an den Philosophen Markus Gabriel, der einen neuen Realismus propagiert, der den „moralische[n] Fortschritt in dunklen Zeiten“ fördern soll. Espresso würde da evidente Tatsache sein, ein braunes Getränk in einer kleinen Tasse. Sein Duft wird zum olfaktorischen Ereignis. Beschreibbar. Der Wert des Ereignisses besteht nach Gabriel darin, ob der Kaffee klimaverträglich, ressourcen-schonend angebaut, transportiert und veredelt wird. Ach, ver-edelt – ist das nun eine moralische Tatsache, also gut? Oder lässt mir nur meine Uninformiertheit über all das Böse am Prozess, bis der Espresso mit nussbrauner Crema in meiner kleinen Tasse duftet, die Vorfreude auf den Genuss? Darf es keine Welt der Metaphern geben, die ich bisher als Vehikel von Bedeutung, wenn nicht Sinn wähnte? Auf den Espresso ist Verlass: er vermittelt Inspiration, die Augen zu öffnen.

Quellen:

  • Gabriel, M. (4. Aufl. 2020): Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Berlin (Ullstein)
  • Tranströmer, T. (1997): Sämtliche Gedichte. München (Hanser)

Ich spreche, machmal echt „agil“.

Es schien sich das Tor zur Welt der Wirtschaft zu öffnen, als ich zu Lehraufträgen in der Business School der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) verpflichtet wurde. Ehrfürchtig bestaunte ich als Psychotherapeut und Philosoph die Anglizismen, mit denen man sich in den Economics verständigte. Wenn mir, was anfänglich noch häufig passierte, ein dem Lateinischen entlehnter psychologischer Fachausdruck herausrutschte, wies man mich dezent darauf hin, mich doch verständlich und in deutscher Sprache auszudrücken. So sei ich „am Ende des Tages“ verstehbar und darum ginge es doch in meiner Vorlesung, mit verfügbaren Soft Skills gut aufgestellt zu sein, vor allem in der Leadership. 

Hendrik Munsberg verfasste zum „Kauderwelsch“ in deutschen Firmen einen launigen Artikel in der SZ vom Wochenende (Nr. 24, S. 21). Was im „Business“ gesprochen wird, bezeichnet er als einen „Mix aus Anglizismen und pseudo-philosophischen Plattitüden“. Die Anglizismen verstehe ich, inzwischen immer wieder einmal in der Führungsentwicklung tätig, meistens und zuweilen nehme ich nolens volens, was im Deutschen soviel wie widerwillig heißt, auch einen in den Mund und wünsche technischen Support für einen Vortrag etwa. Ich betrachtete sie im Grunde als fachausdrückliche Fremdwörter, die aus der Wirtschaftssprache ins Deutsche übernommen wurden. Kenne ich ja von Vorlesungen in Anatomie und Physiologie während des Psychologiestudiums, damals und dort viel entlehntes Latein. 

Die vulgärphilosophischen Floskeln wie „am Ende des Tages“, „Sinn machen“ oder der „Purpose“ zur Begründung der Corporate Responsibility (gesellschaftlichen Verantwortung) eines Unternehmens ärgern mich. Was wollen die Sprecher damit bewirken? Diese Frage stelle ich mir in philosophischer Hinsicht und aus psychologischem Interesse. Vielleicht erarbeitete ich „am Ende des Tages“ eine Antwort dazu. Dabei bin ich mir unsicher, was mit „am Ende des Tages“ gemeint ist? Der Einbruch der Nacht, der Zeitpunkt, in der die athenischen Eulen sich zum Flug erheben? Soll das auf das Orakelhafte in den Wirtschaftsprozessen hinweisen? Oder ist die Mitternacht, die kalendarisch den Tag beendet, die Geisterstunde, in der der Herr es den Managern im Schlaf gibt, was sie folgenden Tages pitchen, supporten oder committen? Nach eines Tages Arbeit kann der Arbeitende auf Ergebnisse blicken, eine Summe über den Arbeitsprozess ziehen oder markieren, wo er am folgenden Tag weiterarbeiten wird. Manchmal ereignet sich das erst tief in der Nacht. Hoffentlich öfter zum Feierabend. Jedenfalls habe ich heute nicht vor, an diesem Blogbeitrag bis zum Ende des Tages zu schreiben.

Eine ausgesprochen vieldeutige, wenn nicht gar dumme Formulierung ist „Sinn machen“. Es steht dazu die Frage auf, was mit „Sinn“ in der Floskel „Sinn machen“ gemeint ist. Heißt „Sinn“ Bedeutung einer Aussage (Aussagensinn) oder ist „Sinn“ in der Bedeutung eines Zweckes gebraucht, den I. Kant  in seinem kategorischen Imperativ vom Mittel unterscheidet. Ist damit der Sinn gemeint, der jeden  Augenblick von der einmaligen und einzigartigen Person als Lebensmotiv aufgefunden werden kann, wie der Psychiater und Psychotherapeut V. Frankl ihn verstand? Ist es der ästhetische Sinn von Kunst, der Gehalt, der sich in gestalteter Form zusammen mit der Materialität des Kunstwerkes ausdrückt? Und: Wie kann Sinn „gemacht“ werden? Oder anders: Ist Sinn produzierbar, herstellbar? Dann wäre er ein Artefakt. Als solches hängt er vom Produzenten und den eingesetzten Produktionsmitteln ab. Ist Sinn tatsächlich das Ergebnis eines wie immer gearteten Herstellungsprozesses? Oder wird ein ökonomischer oder ein Produktionsvorgang gedeutet und ihm Sinn verliehen, nach Maßgabe des Kontextes, in dem die sinngebenden Personen befangen sind? Wie ist es dann um die „hard facts“, die objektiven Tatsachen im Wirtschaftsleben bestellt? Ist Wirtschaftslehre demnach eher ein Deutungssystem und weniger ein Erkenntnissystem? H. Munsberg übersetzt in seinem Beitrag „Sinn machen“ mit „Sinn ergeben“ oder einfach „sinnvoll“ sein. Da sieht er richtig. „Es“ kann nämlich „keinen Sinn machen“, sondern „es“ kann „sinnvoll sein“. Einer Handlung, einem Vorschlag kann Sinn zugeschrieben werden – von Menschen, die der Analyse und der Synthese des Denkens fähig sind. Und wenn es eindeutig um den Zweck und nicht den Sinn eines Betriebes geht, dann erübrigt sich das im Englischen erheblich vieldeutigere Wort „purpose“, das die Schattierungen zwischen Sinn und Zweck verwischt, die „Agilität“ der Deutbarkeit jedoch erhöht.

Geht es vielleicht darum, sprachlich zu verwischen, dass die ökonomische Analyse und das darauf aufbauende wirtschaftliche Handeln so eindeutig nicht sind, d.h. sich nur schlecht in Kausalitäten abbilden lassen? Wirtschaft beruht auf vielen Entscheidungen, für die es – psychologisch gesehen – eine große Menge Motive und einige wenige Intentionen gibt, die meistens in Entscheidungen zur Erwirtschaftung von Einkommen und Gewinn münden. Max Weber sieht darin die „unvermeidlich letzte Triebfeder“ der Wirtschaft (Weber, 2013, S. 120). Könnte es sein, dass sich gerade aus dem Letztzweck des größtmöglichen Gewinns die einzige ökonomisch beschreibbare Kausalität ergibt? Könnte es sein, dass das der Beweggrund für die häufig „soft“ oder „cool“ anmutenden Anglizismen der Unternehmenssprache darin besteht, in einer kritisch gewordenen gesellschaftlichen Umwelt die Kausalität des „Homo oeconomicus“-Konstruktes immer schwerer vermitteln zu können? Weil die kausalen Zwänge zunehmend bezweifelt werden, weil sich Wirtschaft auch achtsam, ökologisch, nicht ego-zentrisch, sondern sozio-zentrisch denken lässt? Hat sich möglicherweise die oft politische Unternehmenssprache längst von der Fachsprache der akademischen Ökonomie entfernt? 

Sprache und Wissen gehören zusammen. Davon leben die Diskurse. Wo Wissen an Grenzen gerät, bedarf es anderer Dimensionen der Kommunikation.  L. Wittgenstein macht das in einer negativ formulierten Aussage deutlich: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (1984, S. 85) Bis man allerdings zum Schweigen kommt, ist jeder zu einem wahrhaftigen Gebrauch der Sprache verpflichtet. Schon deshalb, weil Sprache ein verlässliches Medium der Vergesellschaftung des Menschen sein sollte.

Quellen:

  • Munsberg, H. (2021): Heute schon „gepitcht“?, in: SZ Nr. 24 / 30./31. 01. 2021, S. 21 
  • Weber, M. (5. Aufl. 2013): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen (Mohr-Soebeck)
  • Wittgenschein, L. (1984): Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band 1. Frankfurt (Suhrkamp)

Höre, Mensch!

Vor wenigen Tagen, am 27. Januar 2021, jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Heute sehen wir darin das Erinnerungssymbol für das Ende der Shoah. Filmdokumente zeigen die Menschen, die damals befreit wurden. Wir sehen die Menschen, wie sie aus den Baracken stolpern, Kinder, vorgealterte junge Menschen, ausgemergelte Gesichter und Leiber von Menschen, die gerade so überlebten. Manche tragen andere hinaus, die zu schwach waren, um selber den Fuß aus dem Lager zu setzen. Und wir sehen die Toten.

Ich gehöre zu den Nachkriegskindern, meine Eltern gehörten der Kriegsgeneration an. Mit Entsetzen wurde mir als Schüler klar, dass das Alltag meiner Mutter, meines Vaters war: die Nürnberger Gesetze, die Reichsprogromnacht, der Beginn der Deportationen, die Arbeits- und Konzentrationslager. Genauso wie es deren Alltag vor 1933 war, dass in den Städten jüdische MitbürgerInnen lebten. Heute fällt mir auf, dass ich wohl nie danach fragte, wie sie der jüdischen Kultur vor 1933 begegneten. Dunkel erinnere ich mich an Erzählungen meines Vaters, dass eines der besten Bekleidungshäuser in Ingolstadt von einer jüdischen Familie geführt wurde. Meine Mutter, in Oberschlesien aufgewachsen, danach gefragt, ob dort nicht das KZ Auschwitz bekannt gewesen sei, gerade mal 120 km von der Heimatstadt entfernt, meinte: Dass dort ein Lager war ja, was dort passierte nein. Im Geschichts-, Sozialkunde und Deutschunterricht wurden wir ab der Mittelstufe des Gymnasiums für die Geschichte des Nationalsozialismus sensibilisiert. Hannah Arendts Berichte „Eichmann in Jersualem“ oder die autobiographischen Aufzeichnungen des Lagerkommandanten in Auschwitz, R. Höss, las ich mit einer Mischung aus Schaudern und Nachdenklichkeit. Im Nachklang zum Protestjahr 1968 zog sich der Blick auf die Geschichte immer wieder auf die Jahre 1933 – 1945 zusammen.

Rückblickend erkenne ich ein Defizit dieser auf die Zeit des Nationalsozialismus focussierten Geschichtsbetrachtung. Die Beschäftigung mit der jüdischen Kultur in Europa, in Deutschland unterblieb. Die Juden waren die Opfer der deutschen Greueltaten. Als solche wurden sie dargestellt und bedauert. Als solche sind sie bis heute Zeitzeugen. Bis heute werden sie für uns nicht als Subjekte einer eigenen Kultur sichtbar. Ihr Einfluss auf das gesellschaftliche Leben in Deutschland, in Europa bleibt noch immer noch zu wenig bekannt.

Während des Theologiestudiums begann ich zu ahnen, welche unglaubliche Geschichte, welche kulturellen Werte, welche prägenden Ideengestalten der Nationalsozialismus angegriffen, vertrieben und vernichtet hatte. Durch die historisch-kritische Beschäftigung mit den Texten des Alten Testaments bekam die Entstehung einer eigenen, heute auch als achsenzeitlich bezeichneten jüdischen Kultur Konturen. Seit dem 13. Jhdt. vor Chr. verfügten die Hebräer über eine Buchstabenschrift. Die Schriftsprache ermöglichte die Geschichtsschreibung bereits am Königshof Davids um 970 v. Chr..

Das alte Testament enthält zwei Textkomplexe zur Geschichte in Israel von den Richtergestalten, über Saul und David bis zum babylonischen Exil 586 v. Chr.: die Königsbücher und die Chronik. Dort zeigt sich: Die Geschichte des frühen jüdischen Staates ist unlösbar verbunden mit den theologischen Fortschritten im Gottesbild, in der Rechtsschaffung und -begründung und der wohl einzigartigen Entwicklung einer offenbarenden (und nicht orakelnden) Prophetie. Die synthetische Kraft, die ermöglichte, sich aus der statischen Gottesvorstellung des ägyptischen Kulturraums und der nomadischen Verehrung eines allgegenwärtigen Gottes zu einem Gott der Selbstaussage (Ex, 3.14: „Ich werde sein, der ich sein werde.“) und der Heilszusage (Bundesgedanke, Ex 24, 4 ff) weiter zu denken und zu leben, ist kaum zu überschätzen. Gleichzeitig macht sich Gott immer wieder in der Geschichte erfahrbar. Die reale Geschichte des Volkes Israel ist der Raum für die Offenbarungserfahrung Gottes. Dieser Raum hat seine Ordnung, die in der Schöpfungserzählung (Gen 1), grundgelegt wurde und sich im Bundesgesetz der Sinaierzählung (Ex 24) entfaltet. In der Hoffnung auf den Messias, der sowohl Heilsgestalt wie auch politische Figur ist, lebt sie über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n .Chr.), die mittelalterlichen Kreuzzüge, die Shoah und die Gründung des modernen Staates Israel (1948) weiter. Mir ist bewusst, dass ich das aus dem Blickwinkel der christlichen Theologie schreibe. Jene beruht in vielen Teilen auf der Grundlage der jüdischen Theologie, wie sie sich in Midrasch und Talmud, den historischen und theologischen Kommentaren zu Tora und den anderen Schriften des jüdischen Textkanons, entwickelte.

Der Kern der jüdischen Kultur wurde also im ersten Jahrtausend v. Chr. gebildet und im ersten Jahrtausend n. Chr. weiterentwickelt. Diesen Kulturkomplex unterzogen jüdische Philosophen wie Baruch de Spinoza (1632 – 1677) und Moses Mendelsohn (1729 – 1786) der aufklärerischen Kritik. Im 20. Jhdt. griffen im deutschsprachigen Kulturraum jüdische Religionswissenschaftler und Philosophen wie Hermann Cohen (1842 – 1918), Martin Buber (1878 – 1965), Gershom Scholem (1897 – 1982), Walter Benjamin (1892 – 1940), Pinchas Lapide (1922 – 1997), um nur einige zu nennen, Grundgedanken jüdischer Theologie und Kultur kritisch auf: 

  • „Ist denn in der Tat Gott der Religion eigentümlich?“ (H. Cohen)
  • Kann Kunst die „Fremdheit der Welt“ vermitteln? (M. Buber) 
  • „Was teilt die Sprache mit?“ (W. Benjamin)
  • „Wie ist überhaupt Geschichte möglich?“ (J. Taubes). 
  • Theologie ist „Ausdruck einer Sehnsucht, einer Sehnsucht danach, dass der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge.“ (M. Horkheimer)

Gott, die Fremdheit der Welt und deren Aneignung im lebendigen Leben, Sprache, Geschichte und die Ordnung, das Recht – all das bildet den kritischen Kern jüdischen Denkens. Ernst Bloch (1885 – 1977) verfolgte den jüdischen Messianismus als Hoffnungsmotiv durch die Geschichte der Kultur und der Philosophie. Er sah darin eine Antwort auf die Frage nach dem Sein des Menschen: Es ist sein Werden, das mit der Tendenz zum Neuwerden der Welt verbunden ist. 

Wir gedenken der Befreiung des KZ Ausschwitz-Birkenau und der Shoah heuer unter den Bedingungen eines Lebens, das sich an vielen Grenzen reibt. Sie zum Schutz des Menschen einzuhalten, dazu fühlen wir uns moralisch verantwortlich. Wir werden mit der Fortdauer der Pandemie der Verantwortung müde. Wie wertvoll kann in solcher Zeit die jüdische Messiasüberzeugung sein, in der sich das zeitenthobene und dennoch zutiefst geschichtliche Hoffnungsmotiv abbildet – als gelebte Kultur, die verbunden mit allen Risiken politischer Realität zugleich ein reales Motiv der Geschichte im Anders- und Neuwerden der Welt ist. Wir brauchen die Ordnung des Rechts. Mehr noch brauchen wir gerade die demokratische Überzeugung, dass Geschichte eine Hoffnungstendenz in sich hat. Wie greifbar könnte diese Hoffnungstendenz sein, wäre jüdisches Leben endlich und selbstverständlich in der Pluralität unserer europäischen Gesellschaft möglich.

Hintergrund:

  • Adorno, Th. (1975): Negative Dialektik. Frankfurt (Suhrkamp)
  • Arendt, H. (1986): Eichmann in Jersualem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München (Piper)
  • Benjamin, W. (1992): Sprache und Geschichte. Philosophische Essays. Stuttgart (Reclam)
  • Buber, M. (1955): Der Mensch und sein Gebild. Heidelberg (L. Schneider)
  • Cohen, H. (1978): Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums. Wiesbaden (Fourier)
  • Gunneweg, H. (1972): Geschichte Israels bis Bar Kochba. Stuttgart (Kohlhammer)
  • Höss, R. (1963): Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen. München (dtv)
  • Horkheimer, M. (1970): Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Hamburg (Furche)
  • Montefiori, S. (5. Aufl. 2017): Jerusalem. Eine Biografie. Frankfurt (Fischer)
  • von Rad, G. (1969): Theologie des Alten Testaments. Zwei Bände. München (Kaiser)
  • Taubes, J. (1991): Abendländische Eschatologie. München (Matthes & Seitz)

Das Notebook ein Lebensmittel?

Ich erlebe mich bei einer Selbstverständlichkeit: Notebook, Tablet, Smartphone funktionieren und sind immer verfügbar. Auch in den derzeit online stattfindenden Vorlesungen und Weiterbildungsseminaren. Ich habe mich an die verschiedenen Video-Konferenz-Systeme gewöhnt. Studierende und SeminarteilnehmerInnen sehen inzwischen nicht mehr nur Nachteile der Online-Veranstaltungen. 

Nun passierte es mir kürzlich in einer Vorlesung, die im Teamteaching stattfand, dass mein Notebook komplett abstürzte und in der erforderlichen Eile nicht mehr hochzufahren war. Mein Kollege reagierte souverän und wir konnten die Veranstaltung nahezu bruchlos weiterführen. Was wäre, wenn ich allein, zu Hause doziert hätte? Auch das hätte sich mit dem Ausweichen auf den Standrechner lösen lassen. Dennoch, mich ließ die Frage nicht mehr los: Ist das Notebook (und natürlich die anderen digitalen Geräte) für mich zum Lebensmittel geworden?

Zum Leben gehören die Geräte längst. Für meine Arbeit als Dozent, Autor und noch in gelegentlicher psychotherapeutischer Tätigkeit sind sie normale Arbeits- und Kommunikationsmittel geworden. Sie sind praktisch, ersparen Anfahrten und Wege, machen in der Termingestaltung flexibel, überwinden Grenzen, sind nahezu überall nutzbar. Aus dem derzeitigen Leben unter den Bedingungen der Pandemie sind sie nicht wegzudenken. Genauso sind sie Zeiträuber, Verlangsamer, Stressfaktoren, Druckmittel, lästig und verführerisch zugleich.

Sind sie Mittel zum Leben geworden? In meiner beruflichen Arbeit empfinde ich sie als unentbehrlich. Mein wichtigstes Schreibwerkzeug ist das Textprogramm. Ein nicht mehr wegzudenkendes Darstellungs- und Unterrichtsmittel ist das Präsentationsprogramm. Die Speichersysteme erhalten zunehmend den Charakter einer Bibliothek und eines Leseraumes. Der Internetzugang öffnet ein Tor zur Welt. Die Meetingprogramme stellen gerade den Besprechungs- und Begegnungsraum dar. Die Bildschirmzeiten wurden im Laufe des vergangenen Jahres länger. 

Welche Bedeutung haben die digitalen Systeme im privaten Leben? Da nutze ich sie weitaus weniger. Filme, TV und auch die Mediathek bilden dort den Schwerpunkt. Lieber als mit dem Handy telefoniere ich mit dem Festnetztelefon. Allerdings telefoniere ich nicht besonders gern. Ein Messengerdienst stellt den unkomplizierten Kontakt zu Familie und Bekanntenkreis her. Ich schreibe lieber als anzurufen. Immer wieder vergesse ich allerdings das Handy zu Hause, einfach so. 

Die berufliche Nutzung überwiegt die private. Zumindest ist das mein Eindruck. Ein berufliches Arbeitsmittel sind die digitalen Begleiter unbedingt. Im privaten Leben ist vieles eher analog und leibhaftig geblieben. Vor allem, wenn es um das geruhsame, ästhetische, genussvolle Leben geht. Ich stehe gern vor meiner Bücherwand auf der Suche nach Leseanregungen. Ich sitze gerne am Klavier. Ich mag es, in meiner Platten- oder CD-Sammlung zu blättern und auf die Suche nach der Musik zur Stunde zu gehen. Was ich anfassen, berühren kann, lässt mich leichter und zugleich gründlicher begreifen als die zweidimensionale Welt des Digitalen, die vor allem die Augen anspricht. Der Lebensraum erschließt sich dem Ohr. Das Gehör ist der erste Sinn, die sich in der Entwicklung des Individuums öffnet. Mit dem Ohr erfassen wir den Raum. Wir orientieren uns in der Dunkelheit über Geräusche und über das Betasten der Umgebung. So finden wir unsere Wege auch, wenn das Auge versagt. Mit dem Gehör können wir sogar nach innen, in den Körper hinein hören: den Puls- und den Herzschlag, die Geräusche unseres Bauches, manchmal in stressigen Zeiten auch die unangenehmen Innengeräusche unserer Ohren. Stimmen, die wir live hören, klingen räumlich, körperlich. Wie schmalbrüstig und flach klingen die Stimmen aus den digitalen Alltagssystemen. Daran kann ich mich nur schwer gewöhnen.

Für mich ist das Notebook ein Arbeitsmittel, manchmal ein Freizeitbegleiter, um Briefe zu schreiben, Gedanken festzuhalten, Fotos zu betrachten. Ein Lebensmittel ist es nicht. Im Leben mag ich den Raum, erfüllt mit Klängen und Stimmen, mit Perspektiven und dem Spiel von Distanz und Nähe, mit der Körperlichkeit und dem, was ich riechen und schmecken kann. Vor allem, wenn meine Augen müde geworden sind beim Blick auf den Bildschirm und mein Ohr stumpf durch die Flachheit des Headsets.

Die Fotografie oben entstammt einer Ausstellung des Bozner Bildhauers Andrea Bianco. Olivia, die blaue Frauenfigur in der Nische des Schlosses Prösels in Südtirol, setzt zwei Räume zu einander in Beziehung, den leibhaften Raum der Figürlichkeit und den Raum, in dem sie steht. Das Bild vermittelt einen, wenn auch abgeschwächten Eindruck der ursprünglichen Raumwirkung.

Wer ist Mob?

Trump scheidet. Sein Mob bleibt. Vergleichbare Formulierungen sind seit der Amtsübernahme des neuen amerikanischen Präsidenten zu lesen und zu hören. Herr Trump und seine Anhängerinnen und Anhänger haben eine emotional aufgeladene Bindung aneinander. Sie scheinen auf einander eingeschworen. Sie bewegen sich in einer über die Jahre hin immer abgeschirmteren Gemüts- und Gedankenwelt. Drinnen leben die Guten, draußen sind die Bösen. Übergänge gibt es nicht. Dazugehören ist alles. Mit Trump fühlen bedeutet auch zu denken wie er, zu sprechen wie er. Donald Trump und seine Gefolgschaft bilden ein System. Auch er fühlt sich, bei aller Abgehobenheit und Arroganz, zu diesem von ihm aufgegriffenen und kultivierten System zugehörig. Auch Trump ist unzufrieden. Emotional unzufrieden, weil seine Bedürfnisse und Vorstellungen von „seinem“ Amerika nicht erfüllt werden. Er trat an, das zu ändern. Er setzte sich durch, weil die Menge der Unzufriedenen eher leicht zu sammeln ist. Er wurde nicht wieder gewählt und hatte abzutreten. Zurückbleiben die Unzufriedenen, die jetzt wieder auf sich selbst gestellt sind. Denn sie verlieren vorerst ihre Identifikationsfigur. Sie sind wieder allein mit ihrer Frustration, die vermutlich viele Dimensionen hat: ökonomisch enttäuscht, sozial isoliert, politisch übersehen mit allen Betroffenheiten der Persönlichkeit und der Lebenswelt. Durch die Zugehörigkeit zu der Welt, die der Expräsident Trump ihnen angeboten hatte, hatten sie eine Bedeutung erhalten, die ihre Ansprüche auf Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft abbildete.

All diese Menschen pauschal als Mob zu bezeichnen, wird ihnen nicht gerecht. Das entspricht auch nicht dem Appell des neuen Präsidenten, Joe Biden, wieder ein gewisses Maß an Würde im Umgang miteinander einkehren zu lassen. Wer sich radikalisiert, um die eigenen Interessen mit Gewalt durchzusetzen, wer sich in Gruppierungen organisiert, die durch die schiere Masse auf die Anderen bedrohlich wirkt, wem nichts heilig ist, weder die Symbole der Demokratie noch der Respekt vor den Andersfühlenden und -denkenden, wer dann losmaschiert und versucht platt zu walzen, wer und was im Wege steht, der gehört zum Mob. Anderen Anhängerinnen und Anhängern D. Trumps ging der Mob mit der Erstürmung des Capitols deutlich zu weit. Sie grenzten sich wahrnehmbar vom Mob ab. Kein interviewter Republikaner äußerte nur ansatzweise Verständnis für die antidemokratischen Aktionen. Dennoch verteidigen viele das Regierungshandeln des ehemaligen Präsidenten.

Es gibt verschiedene Arten und Weisen, Frustration zu äußern: Resignation und Depressivität, Ärger und blinde Wut. Frustration entsteht, wenn Bedürfnisse unerfüllt bleiben, auf die ein vermeintlich im individuellen Menschsein begründeter Anspruch besteht. Frustration entsteht, wenn die Bereitschaft fehlt, die Anspruchshaltung und deren Berechtigungsgrund zu klären. Frustration wird aufrecht erhalten, wenn man beginnt, nach der Devise „Mehr desselben“ (P. Watzlawick) mit gleichbleibenden Mitteln, die nur in ihrer Anwendungsintensität gesteigert werden, die Ansprüche durchzudrücken. Die Wut eskaliert, wenn das wenig Aussicht auf Erfolg hat. Das spielte schon immer autoritären Politikern in die Hände, die sich als Projektionsfiguren für enttäuschte Erwartungen anboten.

Im „Kommunistischen Manifest“ (1848) stellt Karl Marx (1971, S. 545) dazu eine denkenswerte Frage: „Bedarf es tiefer Einsicht, um zu begreifen, daß mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte ihr Bewusstsein sich ändert?“ Das ist die Chance einer veränderten Politik in den USA genauso wie bei uns in Europa. Die Lebensverhältnisse beeinflussen die Gefühls- und Gedankenwelt der Menschen. Andererseits hat jeder Einzelne eine Mitverantwortung dafür, wie die Lebensverhältnisse aussehen. Wer sich dort, wo er gegenwärtig steht, umdreht und losläuft, der läuft gegen die Wand der Vergangenheit. Die Vergangenheit bleibt davon unberührt. Sie bleibt, was sie geworden ist. Wer etwas ändern will, der geht beherzt in Richtung Zukunft. Innehalten und nachdenken, wie manches in der Vergangenheit erlebt und gemacht wurde, ist sinnvoll. Denn wir alle sind durch das, was geworden ist, mitgeprägt. Veränderung jedoch kann nie in Richtung Vergangenheit gehen. Sie greift nach vorne aus, in Gefühlen des Aufbruchs, durch Denken des Neuen, durch Ideen für das Bessere. So beeinflussen wir Menschen die Lebensverhältnisse. Wenn die Frage von Marx richtig gestellt ist, dann wirken veränderte Lebensverhältnisse auf die zurück, die in ihnen leben.

„Mob“ kennzeichnet Menschen, denen solches Denken fremd ist. „Mob“ will zurück in ein „es war einmal“, das als die bessere Zukunft vorgegaukelt wird. „Mob“ setzt dafür nicht Denken, sondern Gewalt ein. „Mob“ sind beruhigender Weise nicht die meisten. Trump ist einstweilen weg. Geblieben sind Menschen, die an der Zukunft arbeiten wollen und werden, sind Menschen, die verunsichert nach veränderter Orientierung suchen – und sind auch Menschen, die sich immer wieder an Identifikationsfiguren anschließen, weil sie möglicherweise nie bereit für die Zukunft waren oder auf dem Weg in die kommende Zeit an irgendeinem Punkt stehenblieben, resignierten, die Orientierung verloren. Bis sie auf jemand trafen, der ihnen den Stillstand als Zukunft verkaufte. Auch sie sind und bleiben Menschen.

Marx, K.: Das Manifest der kommunistischen Partei, in: ders. (1971), Die Frühschriften (ed. Landshut, S.), S. 525 – 560. Stuttgart (Kröner)

Missouri

Es dauerte eine ganze Weile, bis dieser Beitrag fertig gestellt war. Vielleicht hat das auch mit dem Buch „Missouri“ von Christine Wunnicke zu tun, das mich zu langem Nachdenken anregte. Zwei Männer, Mitte des 19. Jhdt., stehen im Mittelpunkt der Erzählung „Missouri“. Ein Brite, Douglas Fortescue, Gerichtsschreiber in Manchester, beschließt die Reform der englischen Dichtkunst. Er färbt sich die Haare pechschwarz und verfasst sein erstes Prosagedicht, mit dem er über Nacht bekannt wird. Nach London umgezogen schreibt er weiter Prosagedichte wachsenden Umfangs. Er lässt sich durch die drogenschwangeren Bilder, Aussagen, Wortfetzen der Gäste seiner legendären, vor allem von jungen Männern besuchten Partys inspirieren, bis er – der Spekulationen über die Genese seiner ungewöhnlichen Gedichte leid – seine Schriftstellerei einstellte und sich der gerade entstandenen Fotografie zuwandte. Douglas wandert alsbald mit seinem Bruder Jeremy Fortescue in die USA aus.

Dort lebt der zweite Protagonist der Erzählung, Joshua Jenkyns. Noch als Kind lässt ihn sein Vater, ein berüchtigter Räuber, einen Mann erschießen. In den Taschen des Toten findet Joshua ein Buch, den zweiten Band der gesammelten Werke des englischen Dichters Lord Byron. Der Junge lernt lesen und Byron wird zu seinem Lebensgefährten, zu seinem intimsten Vertrauten auf den Raubzügen. Denn der pubertierende Joshua hatte inzwischen die Bande seines toten Vaters übernommen und überfiel alles, was in Illinois Beute versprach. Auf seinem Weg in den Westen entdeckt er ein Buch des britischen Dichters Douglas Fortescue, das umfangreiche Prosagedicht Colours. Beeindruckt von der dichterischen Beschreibung eines trägen Flusses mit kaffeebraunem Wasser wird der Missouri zu einer Art Kraftort Joshua’s. 

Auf dem Weg nach Westen kreuzen sich die Wege der beiden Männer. Joshua überfällt die Kutsche, in der Douglas und sein Bruder unterwegs zum Erwerb von Farmland sind. Joshua entdeckt, dass einer der Gefangenen Douglas Fortescue, sein Dichter, ist. Allmählich kommen der Gefangene und sein Räuber ins holprige, dann zunehmend intimer werdende Gespräch der kargen Worte. Joshua führt Douglas zum Missouri und entdeckt, dass jener in Colours nicht diesen Fluss, sondern einen anderen, fremden beschrieben hat. Douglas empfindet den Missouri als eher bedrohlich. Er wird in die Bande aufgenommen und gilt nicht mehr als Gefangener. Aus dem Gespräch Joshuas mit der Dichtung Fortescue’s wird der Dialog mit dem Dichter Douglas. Sie werden ein Liebespaar. Jeremy Fortescue verfolgt die Bande Joshuas, um seinen Bruder Douglas zu befreien. In einer Schlacht zwischen den Verfolgern und Joshuas Bande erschießt jener Jeremy. Und beide Überlebenden, Douglas und Joshua, springen auf der Flucht in den Kansas River.

Was ist Dichtung? Was ist Wirklichkeit? Ist die Begegnung von Douglas und Joshua, zwischen denen ursprünglich der Atlantik lag, Fiktion? Oder ist sie gerade noch realistischer als die eigenwillige Liebesgeschichte, in der Joshua seine Liebe zur Dichtung auf den Dichter überträgt und der Dichter von der Beobachtung junger Männer zur intimen Begegnung Joshua übergeht. Verstärkt die zweite literarische Fiktion der Bindung der beiden Männer die erste der Begegnung? Oder: Kann das nicht tatsächlich geschehen sein? Dass Douglas, um dem langsam seinem Ruhm bedrohlich werdenden Gerede in der Gesellschaft Londons zu entgehen, in die USA auswandert, ist plausibel, zumal er seinen Bruder dem Lebenstraum einer großen Farm näher bringt. Der Weg in den Westen der USA ist gefährlich und der Überfall auf die Kutsche nicht ungewöhnlich. Der Zufall, durch den Joshua dabei den Namen von Douglas Fortescue erfährt, erscheint nicht aus der Luft gegriffen. Dass die veränderten Lebensbedingungen in der Bande Joshua’s Douglas ermöglichen, zu seinem Liebesbedürfnis zu stehen, dass Joshua, der „Dichterjünger“ die Gefühle auf seine Weise erwidert, auch das ist möglich. 

Wir erleben, zugespitzt durch die Fakenews-Debatte, wie schwer die in mediale Raffinesse eingekleidete Wirklichkeit von der Fiktion zu unterscheiden ist. Wieviel an einer Nachricht ist Fiktion, wieviel Information? Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass die politische Realität, neuerdings auch die naturwissenschaftlich Realität dem Marketing unterworfen wird. Die Experten zu Virologie und Epidemiologie erleben das gerade hautnah. Eine pure Information, deren einzige Einkleidung das sprachliche Zeichen und dessen Grammatik ist, ist nur noch in spezialisierter Fachliteratur und in seriösen Nachrichten zu finden. Der inzwischen geflügelte Begriff des „Narrativs“, der Geschichte in der Gestalt von Geschichten, verweist darauf, dass die Erzählformen des Wirklichen zu unserer Wirklichkeit gehören. Das kann Literarisierung des Wirklichen sein, das kann aber auch eine Art Remythologisierung der Wirklichkeit sein. In der Literatur werden wir in die Verdichtungen und Konstrukte mitgenommen, in der die Formen des Wirklichen herausgearbeitet und das Wesen der Wirklichkeit ausgeleuchtet wird. Literatur ist nie nur Fiktion. Das Fiktive, der alternative Blick und der gleichmögliche Entwurf zu dem, was ist, ergänzt die Wahrnehmung des Wirklichen um die Formen der Vorstellung davon. Dadurch verdeutlicht Literatur eher die Komplexität der Wirklichkeit, als sie zu vereinfachen.

Komplexitätsreduktion ist die Funktion des Mythos. Er bringt in seiner Erzählweise ein komplexes Geschehen in eine rituell nachvollziehbare Form. Vor der Achsenzeit versuchten Mythen die Vorhandenheit der Welt, der Sippe, der Traditionen darzustellen, ohne komplizierte Theorien aufzugreifen. (Eliade, 1984) Wer dem Mythos folgend die erforderlichen Riten vollzog, empfand sich in seine Umwelt eingeborgen. (Genepp, 2005) Die modernen Narrative führen wieder Mythisches mit sich. Sie erleichtern durch ihre Komplexitätsreduktion das Verständnis der überkomplexen Wirklichkeit, in der wir uns vorfinden. Mythen, auch zeitgenössische, sind dadurch gefährdet, dass die Vereinfachung mit der Realität verwechselt wird. So können Verschwörungstheorien entstehen, die sich durch ihre Übervereinfachung konträr zur Wirklichkeit bewegen und Anhänger der Realität entfremden.

Auf eine dritte Form des Narrativs sei vollständigkeitshalber hingewiesen, die zweckgebundene Marketingerzählung. Die werbepsychologischen Einkleidungen von Produktinformationen dienen dem ökonomischen Interesse. Die marketinganaloge Selbstdarstellung in Bewerbungen oder öffentlichen Auftritten gehört auch zur Zweckerzählung.

Die literarische Erzählung von Christine Wunnicke regt dazu an, sich die unterschiedliche Funktionen zeitgenössischer Narrative genau anzuschauen – und den modernen Mythen durch Literatur zu begegnen. Denn jene lenkt unseren Blick im Mittel der Erzählung immer wieder auf die Komplexität der Lebenswelt und erweist sich als Orientierung in der Unübersichtlichkeit des Wirklichen. Zuweilen beruhigt es auch, sich der bergenden Energie der mythischen Erzählung zu überlassen. Beide tun einander gut: die Literatur und der Mythos, um klarer zu sehen, was ist Dichtung und was ist Wirklichkeit.

  • Wunnicke, C. (2020): Missouri. Berlin (Albino)
  • Eliade, M. (1984): Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr. Frankfurt (Insel)
  • Van Genepp, A. (3. Aufl. 2005): Übergangsriten. Frankfurt, New York (Campus)

Die innere Ordnung

Immer wieder erlebe ich Tage, in denen mir die Zeit durch die Finger rutscht. Mitten im Tag frage ich mich, was ich erledigt, gemacht, gesprochen habe. Meistens ist es viel Kleinteiliges, wenig Zusammenhängendes – und häufig auch nicht wirklich Wichtiges. Und es gibt Tage, da bringt ein intensives Erlebnis die innere Ordnung ins Wanken. Nach einem intensiven psychotherapeutischen Gespräch am frühen Vormittag fühlte ich mich aus dem Tritt geraten. Ich wusste nicht mehr recht, was ich mit dem Rest der ersten Tageshälfte anfangen sollte.

Heute entschied ich mich für den musikalischen Weg zur inneren Ordnung und setzte mich ans Klavier. Das ist eine der schönsten Seiten meines aktiven Ruhestandes, dass ich mir immer wieder einmal ungeplant Zeit nehmen kann, z. B. um Klavier zu spielen. Schon die Fingerübungen lassen mich ruhig werden. Die Gleichförmigkeit der Übungen, das Wiederholen, das überschaubare musikalische System holen mich in die Aufmerksamkeit. Und dann: Bach. Johann Sebastian. Ich bin kein guter Bachspieler. Die Werke bereiten mir Mühe, wahrscheinlich deshalb weil sie eine strenge Architektur haben, weil überall Ordnung herrscht, in den Themen, in deren Weiterentwicklung, im Contrapunkt und den ruhenden Tönen. In Momenten des „Ich weiß nicht weiter“ empfinde ich die Ordnung in den Werken Bachs als Wohltat. Ich spielte vier Stücke aus den zweistimmigen Inventionen (BWV 772 – 786). 

Die erste Invention in C ist ein sehr übersichtliches, einfaches Stück. Die Themen sind deutlich in der rechten und linken Hand zu verfolgen. Nachdem ich im Stück allmählich sicher wurde, ließ ich mich gewissermaßen durch das Werk führen. Der Schluss-Akkord in C-Dur beschließt in seiner harmonischen Folgerichtigkeit die Bewegung des Themas. Ich lasse ihn einfach ausklingen und genieße die klangliche Reinheit des erst kürzlich gestimmten Klaviers. Dann entscheide ich mich für die siebte Invention e-moll . Die Tempo-Anweisung meiner Notenausgabe ignoriere ich einfach und wähle bewusst ein viel zu langsames. Ich nehme mir Zeit. Ich taste mich durch die Komposition. Die diffuse Stimmung, mit der ich mich ans Klavier setzte, ordnet sich. Auf einmal kann ich vorausschauend spielen, mit Blick auf die nächste Wendung und dann den Orgelpunkt, der den wunderbaren Schluss der Inventionen einleitet. So spiele ich noch zwei weitere Inventionen und werde dabei selbstbewusster, freier, souveräner an der Klaviatur und in mir.

Als ich das Instrument zuklappe, ist es ein Leichtes, die weiteren Aufgaben des Tages in eine Reihe zu bringen. Durch die Musik Bachs kam ich wieder zu meiner inneren Ordnung, wurde ruhig und bereit zur Routine. Noch eine Weile hörte ich in mir den Nachklang einiger Themen, die ich gespielt hatte. Und dann lag meine Aufmerksamkeit ganz bei dem, was zu tun war. 

Werkstattbericht 1

Epimeleia hat sich mit einer Reihe von Beiträgen gefüllt, ein geeigneter Zeitpunkt für einen Einblick in meine Werkstatt. Ich werde von Zeit zu Zeit immer wieder einen „Werkstattbericht“ einstreuen.

Es gab Tage, in denen sich die öffentlichen Themen aufdrängten, die Pandemie und die politische Lage in den USA. Zum einen ließ ich mich durch die Nachrichten beeindrucken. Mich erreichen die Nachrichten von ARD, ZDF und von Bayern 5 aktuell. Auf dieser Grundlage vertiefe ich die aktuellen Berichte in der Regel durch Hintergrundartikel in der Süddeutschen Zeitung, in der ZEIT. Das sind meine wichtigsten Quellen für das politische Geschehen und gesellschaftliche Prozesse. Wichtig ist mir auch die Meinung von Kommentatoren, die sich über die Jahre als zuverlässige JournalistInnen und gründliche Rechercheure erwiesen haben. 

Nur allzu gern blicke ich mit den Augen des politischen Kabaretts auf das, was sich tut. Das ist zur Zeit sehr schwierig. Im Fernsehen haben KabarettistInnen, die starke Anleihen aus der Comedy nehmen, eindeutig den Vorzug. Und Liveauftritte gibt es ja nicht. Dabei erscheint mir die Kultur des politischen Kabaretts als ein wichtiges und trennscharfes Analyseforum, das einige Sprachmuster in Politik und Meinungsbildung des Scheins des Wichtigen beraubt. Eine Reihe politischer Äußerungen entlarven sich als geschickte Montage belangloser Worte und Phrasen. Manche Vorstände großer Konzerne stehen PolitikerInnen inzwischen in nichts nach. In die weithin performative Sprachwelt ökonomischer EntscheiderInnen haben sich Diplomatizismen eingeschlichen, nichtssagende Phrasen, die mit Gewicht vorgetragen werden. 

Überhaupt die Sprache! Oft regen mich Worte, Begriffe in den Nachrichten oder Kommentaren dazu an, sie wenigstens eine Strecke lang philosophisch nach zu verfolgen. Dabei tauche ich in die Gedanken- und Sprachwelten philosophischer DenkerInnen ein und genieße deren Ringen um den Begriff. Eine hochdifferenzierte und von unglaublichen Textkenntnissen getragene philologische Analyse zu einem Wort durch den italienischen Philosophen Giorgio Agamben, die systematische Kraft der Sprache bei Jürgen Habermas, die elementare Wucht der Verbindung von Begriff und Symbol bei Ernst Bloch, die immer betroffene Klarheit der Worte von Hannah Arendt, ja und auch das existenzialanalytische Raunen eines Martin Heidegger, um nur ganz wenige zu nennen, kann Gedankengenuss sein. So lässt sich, wenn ich selbst diszipliniert im Nach-Denken bleibe, oft so manches Geschehen für mich ordnen und einordnen. Die Sprache ist DAS Medium menschlichen Selbstverstehens und -verhaltens.

Ich verweile noch ein wenig in der Sprachwerkstatt. In den Weihnachtstagen las ich ein wunderbares Buch von Alessandro Baricco: „So sprach Achill“. Der Schriftsteller erzählt in einer für die Lesung komponierten Fassung Homers Ilias nach. Es gelingt ihm, in seiner Prosanacherzählung die homerische Sprach- und Bildkraft des in Hexametern verfassten Epos zu verdichten und ergreifend zu machen. So gelungen klingt es, wenn ein Meister der Sprache die meisterhafte Sprache des anderen erzählt. Die einzelnen auf verschiedene Weise tragenden Persönlichkeiten des Krieges um Troja treten auf und lassen sich in den strategischen, motivierenden, politischen und existenziellen Planungen, Erwägungen, Zweifeln und Taten vor Troja erleben. Am Ende des verdichteten Textes bleiben dem Leser die besiegten Trojaner samt ihrer stolzen Ambivalenz von Zuversicht und Verzweiflung während der Jahrzehnte des Krieges um die eigenen Stadt in Erinnerung – ebenso vertraut und fremd zugleich wie die Griechen. Und es bleiben die wichtigen Sätze der troischen Frauen, zu denen auch Helena gehört, die schöne Frau aus Griechenland, die Paris, dem troischen Königssohn folgte. 

Aus solcher Lektüre nehme ich oft Gedanken mit in die Nacht, wo sie im Traum mein eigenes Denken anregen und weiterbringen. Manchmal stehe ich dann auf und notiere die Grundgedanken, um Neues zu schreiben.

Barrico, A. (2018): So sprach Achill. Die Ilias nacherzählt. Hamburg (Hoffmann und Campe)