Auseinandersetzung zu Fischer, K. (2026): Achtsam geht die Welt zugrunde
Kein Buch, das ich in letzter Zeit las, ärgerte mich so, wie der Text von Kathrin Fischer. Ist das Buch wirklich „ein glänzendes Stück Aufklärung“, wie Harald Welzer es auf dem Frontcover bewertet? Die Autorin schreibt: „Die Idee der Aufklärung, der Mensch sei vor allem ein vernunftbegabtes Wesen, hat mich nie überzeugt“ (S. 128). Nun ermöglicht die vernünftige Selbstermächtigung I. Kant zufolge „den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant, Werkausgabe Band XI, S.53). Kant unterschätze bei aller Vernünftigkeit die Gefühle, meint Fischer.
Die Autorin beginnt die Einleitung in ihr Buch mit der Schilderung eines Wutanfalls. Auslöser war eine „Fünf-Minuten-Meditation“. Damit ist das Thema der Auseinandersetzung gesetzt. Es geht um Achtsamkeit, die als Hype, als Ideologie, als Stressreduktionsindustrie, als Kommerz auf den Prüfstand kommt. Die These K. Fischers, „die sie mit dem Ziel der Aufklärung [jetzt doch?]“ (S. 220) der Achtsamkeitswelle entgegenstellt, lautet: „Unser Selbst-Welt-Verhältnis ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, nicht mehr die Welt.“ (S. 15; Kursive im Original) Den Schlüsselbegriff „Selbst-Weltverhältnis“ übernimmt die Autorin von dem Soziologen J. Schmidt (S. 49).
Die Welt liegt im Argen
Die Weltuntergangsstimmung wird mit soziologischen, politischen und nicht ganz geglückten philosophischen und psychologischen Referaten ausführlich belegt. In Anschluss an den Soziologen Hartmut Rosa ordnet K. Fischer die Krisenhaftigkeit der Wirklichkeit ein. Unser Weltverhältnis verwandelte sich. „Es ist aggressiv geworden“ (S. 62), nachvollziehbar in den drei Ebenen Ökologie, Politik und Selbstbeziehung. „Wir zerstören die Natur, in die sozialen Beziehungen kehren Kriege zurück und wir selbst sind dauernd erschöpft.“ (S. 62) Die Autorin legt zum Beleg zwei Erzählungen vor. Sie berichtet „von den Krisenerfahrungen der Menschen in Deutschland“ und „ihren Versuchen, diese Krisen mithilfe von Achtsamkeit zu deuten und zu bearbeiten“ (S. 64).
Erzählung 1: Erfahrung der Krise
„Alle Menschen in Deutschland erleben vitale Bedrohungen wie die Klimakatastrophe, näher rückende Kriege, Pandemien und die möglichen Folgen von Künstlicher Intelligenz.“ (S. 65) Begleitet ist diese Krisenerfahrung von vitaler und sozialer Angst. Ängste vor Kriegen, der Klimakatastrophe samt den Folgen, vor der Unkontrollierbarkeit der Künstlichen Intelligenz spiegeln die „vitalen Ängste um Leib und Leben“ wider (S. 71), was für Deutschland ziemlich neu sei. Schon länger, seit den 1990-iger Jahren bekannt seien die soziale Ängste. K. Fischer beschreibt deren Kern: „Heute sorgt nicht mehr die Gemeinschaft für ihre Mitglieder, sondern jede Einzelne muss das selbst privat für sich übernehmen.“ (S. 72) Aufgrund der Verteilungsungerechtigkeit von Vermögen und Wohlstand wachsen mit der Kluft zwischen Armen und Reichen auch „die Kämpfe um Wohlstand und Status und die Angst um die soziale Stellung“ (S. 72). Das Bahn-Chaos wird als Beispiel für „Staatsversagen in wichtigen Bereichen – wie Verkehr, Energie, Gesundheit“ und daraus folgend das messbar schwindende „Demokratievertrauen“ (S. 78) ausführlich geschildert. Mit H. Rosa steht es als „Ausdruck für kollektive Erschöpfung“ (S. 78). Stress ist die um sich greifende Folge der sozialen Angst. Er wird jedoch „nicht als soziales Problem verstanden, sondern als individueller Störfaktor“ (S. 83). Soweit die Erzählung zur Polykrise als Auslöser für vitale und soziale Angst.
Erzählung 2: Achtsamkeit als Deutungs- und Bearbeitungsverfahren der Angst
Die Umwertung von Stress samt den Erschöpfungsfolgen vom sozialen Problem zum individuellen Störfaktor ist für die Autorin der Ausweis von „Achtsamkeit als Ideologie“ (S. 140). Das Ideologische der Achtsamkeit besteht für K. Fischer in deren „individualistische[m] Weltbild“ (S. 141), das verschiedene Kriterien für Ideologie erfüllt: die Irrationalität als „vielschichtige[m] Sozialsystem“ (S. 142, nach A. Damasio) die Verlagerung der Welt in die Köpfe der Menschen (H. Welzer), das imaginäre Verhältnis zum Leben (L. Althousser), der „Verblendungszusammenhang“ (S. 144, Th. Adorno), den mit der Kulturwissenschaftler M. Fisher als „kapitalistische[n] Realismus“ (S. 145) bezeichnet.
Den Ideologienachweis betreibt K. Fischer mit einigem Aufwand. Sie versucht zu zeigen, wie die „neoliberale Ideologie“ die „Stress Reduction Industry“ (S. 147) und die Positive Psychologie in Dienst nimmt, um dem erschöpften Individuum Resilienzarbeit als Lösung seiner Probleme anzubieten, zu entsprechenden Honoraren natürlich. Achtsame Selbstfürsorge, dienstleistungsfertig organisiert, soll „aus dem Mangelzustand der Erschöpfung in einen Zustand innerer Fülle“ führen (S. 155). Insofern bedient die Ideologie der Achtsamkeit die neoliberale Ideologie unbegrenzten Wachstums ohne soziale Grenzen. Zwei Bedingungen des Neoliberalismus werden durch Achtsamkeit erfüllt: „Das resiliente Selbst ist … in erster Linie ein belastbares Selbst.“ Und: Die Dinge sind „so zu akzeptieren, wie sie sind, und die Verwüstungen des Kapitalismus achtsam zu ertragen“ (S. 156), wie die Autorin in Anschluss an die Soziologin S. Graefe ausführt.
Beide Erzählungen ergeben auf den ersten Blick einen durchaus schlüssigen Zusammenhang: Der Neoliberalismus funktionalisiert Achtsamkeit als individualistische Bewältigungsstrategie für die Folgen eines enthemmten Kapitalismus und lässt sich diese Dienstleistung zur Bearbeitung der durch ihn selbst ausgelösten Krisen auch noch gut bezahlen. „Achtsamkeit ist ein Milliardenmarkt.“ (S. 46) Das ideologische Konzept dafür gründet in einigen Glaubenssätzen: Achtsamkeit bietet individuelle Lösungen für allgemeine Probleme. Missstände werden in die existenzielle Dimension verlagert. Von dort aus lässt sich die Wahrnehmung der Verhältnisse, nicht aber die Realität selbst hinterfragen. Resilienz dient der Anpassung. Widerstand wird nur auf symbolischer, gestischer Ebene geleistet. Die Wirkungen werden in den öffentlichen Raum ausgedehnt (nach S. 161).
Achtsamkeit und Engagement
Achtsamkeit muss man sich leisten können. Insofern, und das erregt Verdacht, ist die von K. Fischer zurecht kritisch gesehene Achtsamkeitsindustrie das Thema der materiell wie kulturell wohlsituierten „Yogafrauen“ (S. 53). Jene hecheln, wie die Männer auch, dem sozialen Status hinterher, der in in einer krisengebeutelten Lebenswelt mit deren beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Anforderungen eine Menge Selbstoptimierungsanstrengung fordert und zwingt, den Rückzug in die „Weltvergessenheit“ kultivieren. Dann generalisiert die Autorin auf der Grundlage von Befindlichkeitsabfragen wie der der DAK in 2025: „Die Weltvergessenheit der Yogafrauen ist so gesehen die Weltvergessenheit von uns allen“ (S. 127) Was K. Fischer übersieht, nicht kennt oder bewusst ausblendet, damit ihre These nicht wackelt, ist die Tatsache, dass sehr viele Menschen, zumindest in Deutschland, in Ehrenämtern tätig sind. Was wären die Hospizvereine, die Tafeln, die Besuchs- und Begleitdienste, auch die Elternbeiräte in Kitas, Schulen und Sportvereinen, wenn sich die von ihr rückzugsgescholtene Mittelklasse nicht dort engagieren würde? Etwas tun heißt nicht automatisch, laut in der Gesellschaft zu sein. Etwas mehr mediale Aufmerksamkeit für die Vielen, die sich kleinschrittig für das (Über)Leben unserer Gesellschaft engagieren, täte freilich gut!
In eine andere Richtung geblickt: Ist Achtsamkeit das Thema vieler Sympathisant*innen der Rechtspopulisten? Ist Achtsamkeit das Thema derer, für die gerade die vertrauten sozialen Sicherungssysteme wegbrechen? Ist sie das Thema derer, die sich gesellschaftlich in Zusammenhängen organisieren, deren „stärkste Gemeinsamkeit … im Misstrauen“ (El Mafalaani, 2025, S. 52) liegt? Leisten sie alle sich gerade Achtsamkeit in der Krise, wie die Autorin suggeriert?
Einseitigkeit und Reduktionismus in den Erzählungen K. Fischers
Sie unterstellt, dass Achtsamkeit von sich aus auf neoliberalistische Funktionalisierung und populäre Kommerzialisierung ziele – und allein mit dieser Intention seit den 1990-iger Jahren promotet wurde. Sie unterstellt, dass Achtsamkeitspflege von sich aus zur „Weltvergessenheit“ führe. Sie blendet dabei die Möglichkeit aus, dass Achtsamkeit die Zuwendung zur Welt fördert. Selbstverhältnis und Weltverhältnis setzen einander wechselseitig voraus.
Psychotherapeut*innen, Ärzt*innen, Sozialpädagog*innen bauen fachlich begründet Achtsamkeitsmodelle und -übungen in ihre therapeutische oder beraterische Arbeit ein. Sie üben mit Patient*innen und Klient*innen die Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Verbindungen zwischen dem Selbst und der Welt. Die eine Verbindung ist das „Und“: „Die Logik des ‚Und‘ ist leichter, großzügiger und toleranter als die Logiken des ‚Entweder-oder‘, des ‚Ja‘ oder ‚Nein‘“, des Vergleichs oder des Ausschlusses (Huppertz, 2022, S. 43). Wer als achtsames Selbst lebt, verhält sich menschenfreundlich und weltsorgend, dabei kritisch gegenüber konstellativen Vereinnahmungen. Das „Und“ ist ein Weg, sich seiner Verletzbarkeit bewusst zu werden, der persönlichen Grenzen, der alle Menschen verbindenden Endlichkeit – und so der Verantwortung für den sozialen und physischen Lebensraum. Die andere Verbindung ist das „Mit“. „Es lenkt die Aufmerksamkeit auf das Zusammenspiel, den Kontakt, nicht nur mit Menschen … Achtsamkeit ist in erster Linie eine Beziehung, die ich im Umgang mit meiner Mitwelt (Menschen und Natur) entwickle.“ (Huppertz, 2022, S. 44). Jene bildet sich im Kontext der Resonanz. „Menschen entwickeln ihre Selbst- und Weltbeziehung und damit ihre Persönlichkeit und Identität, indem sie auf die Welt und das Leben antworten“ (Rosa, 2026, S. 186). V. Frankl formulierte den „Aufgabencharakter des Lebens“ als Verantwortlichkeit des Menschen für das Leben (2007, S. 101 ff.). Das achtsam gesetzte „Und“ (statt oder) und „Mit“ (statt gegen) hält den Menschen in der Resonanz, die ihn zu situativem Handeln befähigt und kritisch gegenüber dem Vollziehen in fremdbestimmten Konstellationen sein lässt. Nicht selten ist gerade Achtsamkeitspflege eine Ressource für soziale Ehrenämter wie Sterbende, schwerst Erkrankte, den Verlust eines Kindes Betrauernde zu begleiten oder sich in einem Tafelverein zu engagieren. Und auch an Demonstrationen gegen Rechts oder gegen die aktuellen Kriege teilzunehmen. Oder, wie 2015 und 2022, sich aktiv für Migrant*innen in unserem Land einzusetzen. Auch das gehört „zur politischen Bilanz der Achtsamkeit“, nicht nur das „Verheerende“ (S. 224).
Achtsame Resonanz ist möglichkeitsfreundlich
„Kritik mit dem Ziel der Aufklärung stellt die bisherige Ordnung infrage.“ (S. 220) Wo ist in Fischers Text der „archimedische Punkt“, der die Angeln des Neoliberalismus, seiner Funktionalisierung von Achtsamkeit, erschüttert, um wieder eine Spur vom Selbst zur Weltwirklichkeit auszulegen? Die Autorin redet sich aus diesem Thema heraus, indem sie auf die Mehrdeutigkeit des Wirklichen verweist, dessen Analyse Zeit brauche. Wie kommen wir zur „kollektiven Kraft“ (S. 203) sozialer Energie, die sich immer auch aus individuellen Ressourcen speist? Wir bringen wir die Energie zum zirkulieren, damit jeder daran teilhaben kann? Jeder, nicht nur die sog. „neue Mittelklasse“ (S. 202), bedarf eines Zugangs zu jener Energie, damit eine Gesellschaft entsteht, in der die Mitglieder ihre Verletzbarkeit gegenseitig ernstnehmen, auch die Energie des Zorns nützen, aus der kollektiven Endlichkeitserfahrung die Verantwortung für einander und die gemeinsame Lebenswelt abzuleiten. In der sie füreinander Leben in Würde ermöglichen. Diese Gesellschaft ist der Möglichkeitsraum eines vielgestaltigen „Wir“, eine Gesellschaft der „selbstreflexiven und selbstrelativierungsfähigen Möglichkeitskultur“ (Sommer, 2023, S. 26). Hierfür kann die wohlverstandene, nicht die missbrauchte Achtsamkeit ein Mittel sein, das sicher nicht ideologisch, möglicherweise ein wenig idealistisch ist. Weltverhältnis ist ohne Selbstverhältnis nicht möglich. Darüber klärt Fischers Buch klärt nicht auf. Deshalb ist es ist in seiner oft aggressiven, reduktionistischen Einseitigkeit schlicht überflüssig.
Quellen:
Fischer, K. (2026): Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandle blockiert. Hanser (Alle direkten Zitate aus dem Buch als (s.xx))
El-Mafaalani, A. (2025): Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungstheorien. Kiepenheuer & Witsch
Frankl, V. (2007): Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. dtv
Huppertz, M. (2022): Die Kunst da zu sein. Häufig, selten und noch nie gestellte Fragen zur Achtsamkeit. Mabuse
Kant, I. (2023): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Werkausgabe. Band XI (ed. Weischedel, W.), S. 53 – 61. Suhrkamp
Rosa, H. (2026): Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp
Sommer, A. (2023): Entscheide Dich! DerKrieg und die Demokratie. Herder