Acht Beine in der Badewanne, am Abend und am Morgen. Zuweilen auch während des Tages. Sehr schlanke, feingliedrige, lange Beine. Meist ruhen sie in ihrer naturgemäßen Ordnung. Manchmal heben sich zwei, als ob sie Fühler wären, tastend über dem Badewannenboden. Selten sind sie alle in Bewegung. Im Schrecken oder auf der Jagd werden sie sehr schnell und behalten doch ihre Ordnung. Sie verknoten nicht, die acht Beine in der Badewanne.
Ich betrachte sie mindestens einmal am Tag, meist am Morgen. Mein Blick bleibt auf ihnen ruhen, während in der Hand der Putzschwamm wartet. Ich will sie nicht vertreiben in der Meinung, Hygiene und Sauberkeit zu schaffen. Dabei benutze ich die Badewanne sehr selten. Ein Wannenbad ist Wasser- und Energieverschwendung. Mir fällt dieser Verzicht nicht schwer. Baden gehört seit langem nicht mehr zu meinen Gewohnheiten. In meiner Kindheit und Jugend war das wöchentliche Bad ein festes Ritual. Mit dem Umzug an den ersten Studienort und der zeitsparenden, dafür häufigeren Dusche dort fehlte mir das Baden bald nicht mehr. Als ich meine erste eigene Wohnung bezog, wurde die tägliche Dusche zur Gewohnheit. Die Badewanne ist also kaum benutzt.
Für die achtbeinigen Spinnentiere besitzt sie eine mir unerklärliche Attraktivität. Da meine wichtigste Beschäftigung mit der Badewanne deren Reinigung ist, frage ich mich, was Spinnen, häufig sind es die langbeinigen, in der glatt polierten, weißen Badewanne tun. Zuerst glaubte ich, dass sie für die Spinnen eine Falle sind. Einmal hineingeraten kommen sie nicht mehr heraus. Nachdem sie die Wanne nach Belieben zu verlassen scheinen und auch mal an der Zimmerdecke des Bades zu finden sind, gab ich diese Vermutung auf.
Mit dem frühen Sommer sind eben acht Beine in der Badewanne. Sollten es einmal sechzehn sein, währt das nicht lang und es sind wieder acht koordinierte, grazile Beine. Die anderen liegen dann verstreut und zerteilt in der Badewanne herum und fordern mich zu deren Reinigung auf. Ein Netz finde ich dabei in der Wanne nie. Was ich persönlich für schade halte.
Ein Spinnennetz regte mich eher zum Philosophieren an als die Spinne selbst. Andererseits: Die acht Beine in meiner Badewanne gewinnen soviel Aufmerksamkeit, dass ich diesen Beitrag darüber schreibe. Wobei diese Aussage nicht ganz der Wahrheit entspricht. Der Anlass für den Beitrag war der Einfall Bettinas, meiner Partnerin, zum Titel: Acht Beine in der Badewanne. – Dazu werde ich nichts schreiben. Mit fällt nichts dazu ein, war meine erste Reaktion. Dann tauchten die „Acht Beine“ in den letzten Tagen immer wieder einmal auf, in Gedanken und ganz real, beim Blick in die Wanne. Jetzt erstaunt mich, dass ich zumindest einige Beobachtungen und eine verworfene Vermutung dazu niederschreiben kann. Mich erstaunt auch, dass ich mich sogar über die Veränderung meines Hygieneverhaltens mitteilte: Aus der Wanne unter die Dusche.
Dabei steht sogar noch eine philosophische Frage auf: Ist es nicht erstaunlich, das Staunen wurde immer wieder als Anfang des Philosophierens beschrieben, dass mich das Produkt einiger Spinnenarten, das Netz, mehr zum Nachdenken anregt als die Spinne, die Urheberin, selbst? Immerhin hat sie acht sehr schlanke, feingliedrige, lange Beine. Zumindest die in der Badewanne.