Der Tod schont mich nicht.

Der Tod ist das factum brutum in unserem Leben. Er verschont keinen Lebenden. Menschen sterben, denen wir verbunden sind. Der nahe Tod. 

Menschen sterben, die uns unbekannt sind. Sie sterben durch Hunger, bei Unfällen, in Naturkatastrophen, wegen Erkrankungen, durch Fahrlässigkeit, durch Mord, im Krieg. Der namenlose Tod.

Im Strom der Zeit sind wir mit anderen Menschen verbunden. Jede, jeder taucht mit einem Mal im Strom der Zeit auf. Keine weiß, woher sie kommt. Mit der Zeit lernen die meisten ihre Herkunft kennen. Er lebt unter Menschen, die schon da waren. Sie haben ihn gezeugt. Sie lebt nach Menschen, die nicht mehr da sind. Menschen sterben, weil sie Menschen in der Zeit sind. Der geahnte Tod. 

Menschen haben ein Gesicht. Sie schauen sich um. Sie entdecken sich als in die Welt gestellt. Mit der Zeit lernen sie unterscheiden, sich und die Welt, sich und die anderen, sich selbst von dem, der einer einmal war, sich von den eigenen Vorstellungen von sich selbst, sich vom Bild, das andere von einem haben. Unterscheiden und erkennen, unterscheiden und sich identifizieren, unterscheiden und Bilder von sich entwerfen, unterscheiden und sich entscheiden, unterscheiden und verlieren, wofür jemand sich entschieden hat, heißt entdecken, dass das Leben ein Leben in der Zeit ist, mit Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Der Strom der Zeit wird überschaubar. Denn ich kann in ihm stehen. Mein Stehen erlebe ich als Widerstand gegen die Strömung. Ich spüre, dass die Zeit auf mich zufließt, mich umspült, an mir vorbei und in meinem Rücken weiter fließt. Dabei nimmt die Zeit mit in die Vergangenheit, was mir gerade gegenwärtig wurde. Der Tod als Modell.

Ich frage danach, ob ich immer an derselben Stelle im Strom der Zeit stehe, oder ob ich es bin, der sich weiterbewegt, vorangeht und zurücklässt. Wer, was ist in Bewegung? Bin ich es und die Zeit ist kein Strom, sondern ein uferlos scheinendes Meer, in dem ich auftauche, losziehe und nach einer bewegenden Strecke Weges wieder untergehe? Oder bewegt sich die Zeit und ich, einmal aufgetaucht, bleib an meinem Ort und gehe dort nach einiger Zeit wieder unter? Oder sind es zwei Bewegungen, die sich zueinander verhalten? Meine Bewegung, einmal aufgetaucht, in der Zeit, manchmal mit deren Strömung, manchmal gegen deren Strömung? Komme ich wirklich voran oder drehe ich mich solange im Kreis, bis ich wieder untergehe? Fließt die Zeit dabei weiter, nimmt sich mich mit und lässt mich wieder fallen? Der Tod als Spekulation.

Während ich lebe, wird mir klar: Ich bin einmal aufgetaucht, in die Zeit gekommen. Wie andere Menschen auch, die geboren werden, bei mir auftauchen, eine Weile bleiben, sich entfernen, verschwinden. Bei manchen erlebe ich, wie sie sterben, ohne weitere Zukunft vergehen, aus der Gegenwart weg sind und vergangen. Tot. Der nahe Tod als der erlebte Tod derer, die mir wichtig waren. Sie waren in meinem und ich in ihrem Gesichtsfeld. Wir begegneten uns, wir teilten Gegenwart, in dem wir sie zusammen verbrachten. Ich bleibe. Sie starben. Tot sein als vergangen sein. Tod als trauernde Erinnerung.

Allmählich wage ich es zu denken, dass auch ich eines Tages tot sein werde. Der Tod schont mich nicht. Es wird eine Zeit sein, in der ich nicht mehr bin. Eine Zeit, die nicht mehr meine Zeit ist. Das erfahre ich bereits im Leben, dass Zeit nicht mehr meine Zeit ist, wenn meine Gegenwart kaum noch von der Zukunft, viel mehr aus der Vergangenheit lebt. Tod als Altern.

Zurecht denken wir den Tod als den wahrhaftigen Bezugspunkt unseres Lebens. Zuweilen beunruhigt das, wenn ich Zukunft zu sehr als Aufgabe verstehe oder als Genuss und zu wenig als Möglichkeit, die ich dankend annehmen oder dankend ablehnen kann. Zuweilen beruhigt das, weil ein Ende des Entscheidens absehbar wird. Mit dem Tod endet die Freiheit und damit auch die Verantwortlichkeit. Das macht dann Angst: Wer bin ich ohne Freiheit und Verantwortlichkeit? Wer bin ich ohne Entscheidungen? Nichts mehr. Nicht mehr. Tot. Ich werde einmal tot sein. Es gibt mich dann nicht mehr. Der Tod verschont mich nicht – und er hat mich noch nie in meinem Leben geschont. Zorn auf den Tod entsteht. Und Zorn auf die, die den Tod verharmlosen, dessen Wahrhaftigkeit nicht ernst nehmen. Mir die Möglichkeit nehmen wollen, selbst zu entscheiden, wann und wie ich sterbe. Weil der Schmerz am Leben für mich unerträglich wird und mir damit unerträglich, dass ich lebe. Der Tod als schmerzende Wahrhaftigkeit.

Die Schonungslosigkeit des Todes, das lerne ich, ist zweideutig. Der Tod schont mich nicht. Ich muss mit dem Tod von Menschen leben, die ich liebe. Der nahe Tod schmerzt mich immer wieder, wenn er wahr geworden ist. Der Tod verschont auch mich nicht. Er ist meine Zukunft. Ich werde sterben und tot sein. Mein Tod.

Zuweilen als der nahe, schmerzende, trauernde Tod. Einstweilen als der alternde Tod. Zur rechten Zeit als mein Tod.

Die Gedanken begleiten meine Trauer um meinen vor kurzem verstorbenen und sehr geliebten Onkel, Arthur Riedel, meinen lebenslangen väterlichen Freund.