Unergründlichkeit

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen.“ Mit der rhetorischen Frage intoniert Thomas Mann seine Romantrilogie Josef und seine Brüder. Was Mann in den drei Teilen des Romans entfaltet, dimensioniert den initiativen Satz. Die Josefsgeschichte gehört in die große Jakobserzählung, ist für die Geschichtstheologie Israels grundlegend. Mann nimmt seine Leser:innen mit in eine Erzählung über die biblischen Texte von Abraham, Isaak und Jakob, den Patriarchen Israels. Die Unergründlichkeit des Anfangsgeschehens Israels intendiert den zuweilen hohen, immer jedoch sinnenden Ton des Textes. Mann lässt die einzelnen Gestalten der Patriarchenerzählungen ineinander changieren, so dass der Mythos mit der Historie zu oszillieren beginnt. „Aber die Klarheit der Sonne ist eine und eine andere die Klarheit des Mondes“ (Bd. 1, S. 89), so beschreibt Mann, was ich oszillieren nannte. 

Ein Gründungsmythos erzählt in der Perspektive des „in illo tempore“, „in jener Zeit“ eines nicht greifbaren Prozesses, den Mircea Eliade (1984, S. 63 ff.) die „mythische Zeit“ oder „heilige Zeit“ nennt. Sie ist im Ritus, in der Feier, in der mythischen Erzählung wiederholbar, wenn Menschen sie vergegenwärtigen. In solchem Kontext ist Manns literarischer Hinweis zu lesen, dass die Gründungserzählung Israels von Menschen spricht, „die nicht recht wissen, wer sie sind“ (Bd. 1, S. 94). Wen vergegenwärtigt Jakob, wenn er in der lehrhaften Erzählung seinem Sohn Joseph den Abrahamsbund nahebringt? Ist er dann mythisch nicht selbst Abraham und erneuert erzählend den Bund, den Abraham schloss? 

Die Bundesschlüsse zwischen Elohim, El Schaddai oder Jahwe, je nachdem in welcher Textschicht des Pentateuch (Fünf  Bücher Mose) der Leser sich bewegt, und Noah, Abraham, Mose schillern selbst. Einerseits sind sie in der Phase der Staatwerdung Israels Teil der mythischen Erzählung, in der sich die Abrahamsgruppe und die Moseschar zwischen See Genesaret und Totem Meer, Jordan und Mittelmeerküste, in Palästina also, dem alten Kanaan, begegnen und ineinanderwachsen. Der Bund enthält einen Sendungsauftrag und ein Segenswort an den jeweiligen Empfänger. In der rituellen Vergegenwärtigung wird beides, Sendung und Segen, an die jeweiligen Adressaten erneuert. Andererseits betritt der dritte Bundesschluss, der Mosebund, Neuland. Jahwe und Mose begegnen einander in einem konkreten, historischen Zeitpunkt. Ein Bundesvertrag mit 10 Kerngeboten wird aufgesetzt. Gott und der Mensch garantieren einander ihre Verpflichtung dem Gesetz gegenüber. Wer dem Bund zugehört, stimmt dem Gesetz zu. Gott also zeigt sich im Ereignis des Bundesschlusses am Sinai als vertraglich dem Menschen Verbündeter; der Mensch bindet sich vertraglich an ein Leben nach dem Gesetz Gottes. „Damit gewinnt das historische Ereignis eine neue Dimension, es wird zur Theophanie.“ (Eliade, 1984, S. 97) Die Theophanie ist nicht mehr als eine Geschichte, im Mythos erzählbar, sondern als historisches Ereignis erinnerbar. Ihr greifbarer Niederschlag ist das mosaische Gesetz. Aus der kultischen Erzählung wird ein Zustimmung fordernder Rechtstext, ein Vertrag, wie er im Mittleren Orient seit dem 16. Jhdt. v. Chr. bekannt ist. 

Die Bedeutung der Unergründlichkeit verändert sich: das mythische Oszillieren der Gründungsgestalten, die in einander übergingen und sich so dem historischen Zugriff entziehen, wird zu einem juridischen Gründungsakt, einem historisch benennbaren und im Zweifel einklagbaren Ereignis. Seitdem kann reale Geschichte geschrieben werden, wie sie sich in den Königsbüchern und der Chronik des biblischen Textbestandes niederschlägt. Jahwe-Gott wird in dieser Geschichte konkret. Das Verhältnis von Gott und Mensch wird reflektierbar, spiegelt sich im Selbstverhältnis des Einzelnen. Theologie entsteht. Aus dem „in illo tempore“ der Mythen wird „illud tempus“, jene Zeit“ der Theologie (Eliade, 1984, S. 98). Aus dem mythologischen Ursprungsgeschehen wird der Anfang der Zeit, dem ein Ende zugehört. Die Vergangenheit wird ergründbar. Die Zeit wird vom unergründbaren Kreislauf zum verstehbaren Verlauf. Sie ist als Geschichte erinnerbar. „Der Grund der Geschichte ist das Gedächtnis. … Das Gedächtnis ist das Organ des Menschen, das ihn in die Geschichte einsenkt.“ (Taubes, 1991, S. 13) 

Damit haben wir es ideengeschichtlich zu tun, wenn Israel seit der Gründung als Nationalstaat seit 1947 sein Staatsgebiet schützt und verteidigt. Es ist auch die Verteidigung des Gedächtnisses an eine ergründbare Geschichte, die des sich fortentwickelnden Bundes – und das Einklagen des Rechtes auf seinen Lebensraum.

Und die Palästinenser? Haben Sie nicht dasselbe Recht auf dasselbe Territorium?

Sie erheben einen viel länger währenden Anspruch auf das Gebiet von der Jordansenke bis zum Mittelmeer und dem See Genesaret bis zum Golf von Aquaba. Abgesehen von Jericho, der im 9. Jahrtausend vor Chr. gegründeten Stadt, finden sich seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. nachweisbare Siedlungen der sog. Kanaaniter in diesem Raum. Die Siedlungen scheinen eher disparat, zuweilen konkurrierend, immer auch in Abwehr der Übegriffe der großen Reichsbildungen an Euphrat und Tigris oder am Nil zu existieren. Mindestens seit dem 10. Jhdt. v. Chr. stehen sie zusätzlich durch Israel unter Druck. Die „Biografie Jerusalems“ von Simon Montefiore (2017) vermittelt anhand Jerusalems, der „heiligen“ Stadt,  auch die wechselhafte Geschichte des Siedlungsraums Palästina. Was auffällt, ist die Abwesenheit einer Gründungserzählung. Die Stabilisierung, die Palästina durch die Islamisierung ab dem 8. nachchristlichen Jhdt. erfuhr, trägt sie nicht nach. Der Islam hat seine eigene Rationalität der Ableitung des Welt- und Lebensverhältnisses aus dem Koran. Die „Umma“, die islamische Gemeinschaft bestimmt den Begriff der Geschichte (Tibi 2011, S. 29 f.). Die Bindung des Muslim an den Islam und dessen Solidarität mit der Umma stellen „die Basis ihres Geschichtsbewusstseins dar“ (Tibi, 2001, S. 61). Was bedeutet dies für die Palästinenser? 

Sie geraten, insofern sie sich selbst nicht als Araber sehen, in den „Konflikt zwischen arabischen und nicht-arabischen Muslimen“ (Tibi, 2001, S. 61). Einerseits könnte heute die Zugehörigkeit zur Umma identitätsstiftend sein; andererseits kann der heutige Islam mit dem Ursprungsprozess der Palästinenser im 3. Jahrtausend v. Chr. kaum vermittelt werden. Die Konflikte zwischen der Palästinenser-Organisation (PLO, M. Abbas) in der Westbank und der Hamas in Gaza verdeutlichen dies.

Ich denke, dass dieses Defizit eines durch ein Ursprungsgeschehen gestiftetes palästinensischen Kontinuums es den Palästinensern heute schwer macht, gegenüber Israel mit seiner erzählbaren Geschichte, den eigenen Anspruch auf einen nationalstaatlichen Lebensraum zu untermauern. Der palästinensische Anspruch darauf versickert in der Unergründlichkeit des Brunnens der Vergangenheit. Verbrieft in Ur-Kunden ist hier kaum etwas – und dennoch greifbar. Oszillierend eben, wie Mann es im ersten Band seiner Romantrilogie darstellt. Die vorchristliche Staatwerdung Israels verrät vom Textbestand einiges darüber, wieviel Palästina sich in der frühen Geschichte Israels wiederfinden lässt. Das Kanaanitische in seinen vielfältigen Kulten blieb während der 500 Jahre Königsgeschichte Israels die ständige Verführung, doch auch, weil sie dem bundesgegründeten Staat in den Knochen steckte. Vielleicht sind Israelis und Palästinenser kulturgeschichtlich einander näher, als beide es wahrhaben wollen?

Was tun in dieser Lage?

Die Unversöhnbarkeit zeitgenössischer Islamismen mit Israel erscheint als unüberwindbares Hindernis. Wenn es stimmt, dass die Hamas in ihrem unversöhnlichen Hass religiös motiviert ist, wenn es stimmt, dass Israel umgekehrt in seiner militanten Selbstbehauptung und Verteidigung politisch motiviert ist, dann zeitigt das unterschiedliche Dimensionen des Fanatismus auf beiden Seiten. Beide Seiten, Palästinenser und Israel, haben einander immer wieder als kompromisslose Feinde erlebt. Die Zwei-Staaten-Lösung, wie sie zuletzt in Friedensgesprächen (2013/14) und einer UN-Resolution (24.11.2015) nahegelegt wird, erscheint auf beiden Seiten kaum akzeptierbar. 

Vielleicht ist neben aller politischen Diplomatie, die in den letzten Tagen international prominent wird, auch das kulturgeschichtliche Gespräch wichtig. Daniel Barenboim wies jüngst in einem Feuilleton-Beitrag der Süddeutschen Zeitung nachdrücklich darauf hin (https://www.sueddeutsche.de/politik/konflikte-berlin-fuer-israels-sicherheit-hoffnung-fuer-palaestinenser-noetig-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-231014-99-563227): „Wir beginnen und enden alle noch so kontroversen Diskussionen mit dem grundsätzlichen Verständnis, dass wir alle gleichwertige Menschen sind, die Frieden, Freiheit und Glück verdienen“, schrieb er mit Blick auf das von ihm gegründete israelisch-palästinensische Orchester West-östlicher Divan. Diese humane Rationalität, in der jeder die eigene Position für den Diskurs hintanstellt und den Blick des anderen annimmt, könnte eine starke Bedingung für den gemeinsamen Diskurs sein. Israelis erkennen mit palästinenischer Perspektive auf die Lage an, dass in der Unergründbarkeit der Vergangenheit auch Gemeinsames zu finden ist, wechselseitige Bereicherung, ohne die beide als Heutige nicht denkbar sind. In der palästinensischen Übernahme der israelischen Perspektive samt ihrer Theologie und Geschichte, besteht die Chance für die Einsicht, dass einiges Israelitische auch in den Traditionen Palästinas steckt. Wäre das nicht in einer noch vorpolitischen Dimension ein Fortschritt? 

Vielleicht braucht es kulturgeschichtliche Sicherheit für beide Volksgruppen, um ein wenig unabhängiger ihre eigenes Projekt zu entwickeln, mit dem unverstellten Blick auf den jeweils anderen. Dann könnten sich die Palästinenser dem islamistischen Zugriff entziehen – und Israel der ultra-orthodoxen Hetze. Kritischer Pazifismus ist nie naiv. Er wirkt sich in der Einbeziehung auch der Kultur- und Ideengeschichte, in der Klärung der Herkunft inzwischen unbewusst tradierter Voreingenommenheit, in der Strategie des ethischen Diskurses, wie ihn J. Habermas (2019, S. 360 ff.)) mitentwickelte und im Argument der Betrauerbarkeit (Butler, J., 2021, S. 98 ff.) aus. Der Rabbiner und Philosoph Jakob Taubes (1991, S. 194) fasst dies so zusammen: „Geschichte ist nur dann, wenn Wahrheit aus der Irre ausgesondert, wenn Wahrheit aus dem Geheimnis erhellt wird. Die Geschichte hellt sich auf vom Geheimnis der Irre zur Offenbarung der Wahrheit.“ Womit wir wieder bei der Unergründlichkeit des Brunnens der Vergangenheit angelangt wären, in aufgeklärtem Denken freilich.

Quellen

Die Inspiration für den Essay entwickelte sich aus der Lektüre von:

Mann, T. (1978): Joseph und seine Brüder. Band 1 – 3. Fischer (alle Zitate dito).

Butler, J. (2. Aufl. 2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit. Suhrkamp

Eliade, M. (1984): Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Insel

Habermas, J. (4. Aufl. 2019): Diskursethik. Philosophische Texte Band 3. Suhrkamp

Montefiore, S. (5. Aufl. 2017): Jerusalem. Eine Biografie. Fischer

Taubes, J. (1991): Abendländische Eschatologie. Matthes & Seitz

Tibi, B. (2001): Einladung in die islamische Geschichte. Wiss. Buchgesellschaft

Hintergrund:

Deissler, A. (4. Aufl. 1972): Die Grundbotschaft des Alten Testaments. Ein theologoischer Durchblick. Herder

Fohrer, G. (1969): Das Alte Testament. Erster Teil (Gütersloher Verlagshaus)

Gunneweg, A. (1972): Geschichte Israels bis Bar Kochba. Kohlhammer

Khoury, A. (2001): Der Islam und die Westliche Welt. Religiöse und politische Grundfragen. Wiss. Buchgesellschaft

Thoraval, Y. u.a. (1999): Lexikon der islamischen Kultur. Wiss. Buchgesellschaft