Meine Trauer um meinen verstorbenen Onkel begleitet seit Juni diesen Jahres Kaddish, eine Komposition für Violine solo von Gideon Klein. Jener wurde in einem Arbeitslager im Januar 1945 von einem SS-Kommando getötet. Als er nach Ausschwitz kam, war der Musiker und Komponist 24 Jahre alt (Hope, 2003).“ Kaddish wird von Jüdinnen und Juden für die Toten gebetet. Stellvertretend für die Toten ehren die Lebenden den Namen Gottes.
Die Intensität und Einfachheit der Komposition weckt in mir die Assoziation der Würde des Menschen, die die Trauer auch Totensorge sein lässt. In der Komposition klingt die Frage danach an, wer und was der Mensch denn ist. Was ist der Mensch?
V. Frankl (1994, S. 139) beantwortete sie auf eine, aus meiner Sicht unüberbietbare Weise: Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; er ist auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist aufrecht und ein Gebet auf den Lippen. Die Antwort intoniert, was mit Würde, mit Menschenwürde gemeint ist.
Der Mensch selbst entscheidet, wer er ist. In seinem Sein, das auf seinen Entscheidungen beruht, drückt sich seine persönliche Würde aus. Es ist keine Würde, die ihm von irgendeiner Instanz zugesprochen wird. Mag sie sich metaphysisch, religiös, spirituell oder politisch legitimiert fühlen oder behaupten. Das Zusprechen der Würde ist ein der persönlichen Würde nachträglicher Akt. Jene gründet in der Freiheit des Menschen, in der er sich von etwas freimacht und zu etwas in Freiheit hinwendet. Die persönliche Würde gründet in der Verantwortlichkeit des Menschen, die er für seine freie Entscheidungen übernimmt.
Wer Würde als persönliche Würde in Freiheit und Verantwortlichkeit versteht, der hat zugleich ein Normativ für das, was intolerabel ist, weil es die Würde eines Menschen ignoriert. Intolerabel gegen einen selbst und gegenüber anderen ist alles, was dem Menschen in seiner Möglichkeit zu Freiheit und Verantwortlichkeit so beschränkt, dass der Zugang zur persönlichen Würde beinahe verunmöglicht wird.
Wenn Menschen in Deutschland Jüdinnen und Juden ihr Existenzrecht absprechen und sie in ihrem Leben bedrohen, wird deren Lebensraum mit Drohungen umstellt. Die Freiheit der Teilhabe am Leben wird durch Angst verschattet. Die Verantwortlichkeit von Jüdinnen und Juden verengt sich für sie auf das Über-Leben. Wo bleibt dann die demokratische Freiheit, die persönliche Freiheit für jüdische Menschen? Antisemitismus, gleich welcher Motive und Narrative er sich bedient, ob in rechtspopulistischen Verschwörungstheorien, aus links-ideologischer Solidarität mit anderen Schwachen oder durch religiösen Fanatismus befeuert, ist inakzeptabel. Er darf nicht toleriert werden. Denn er richtet sich gegen die Würde bestimmter Menschen in unserer Gesellschaft. Dadurch werden sie ausgestoßen, was falscherweise immer mehr intolerante Menschen bei uns mit „Vogelfreiheit“ gleichsetzen.
Nicht toleriert werden darf auch eine Politik, die nach der Maxime, dass der (gute) Zweck die (schlechten) Mittel heilige, einen menschenverachtenden Angriff durchsetzt. Auch wenn sich der Angriff gegen eine menschenverachtende Terrorvereinigung richtet, wie dies im Vorgehen Israels gegen die Hamas geschieht. Die Frage nach der Würde wird dabei ausgeblendet.
Was ist der Mensch? Was ist die individuelle Würde eines Menschen wert, der auf zweifache Weise aus unserer menschlichen Mitte getilgt wird, durch den aus Kriegsraison aufgezwungenen Tod und durch die namenlose Anonymität vieler Kriegstoter. Nachrichtengegenstände. Menschen, mit Bindungen, mit ihrer Geschichte, die in ihrer Person ihre persönliche Würde ausdrücken, werden getötet, in die Anonymität sog. Kriegsopfer nivelliert. Opferbewusstsein setzt Entscheidung voraus, auf etwas, in extremis auf das eigene Leben zu verzichten. Opfer zu sein braucht Motive. Persönliche Motive, nicht solche, die aus dem Gewehrlauf, durch Drohnen- und Raketenbeschuss oder durch brutale Anschläge lebensvernichtend aufgezwungen werden. „Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.“ (Arendt, 2021, S. 54) Was aus Gewehrläufen kommt, beabsichtigt die Abschaffung der Würde. Das Bombardement, der terroristische Anschlag, die pöbelhafte Verhöhnung zielen auf etwas, was nicht sterben kann: die Würde des Einzelnen. Die Mahnmale und Erinnerungsstätten verdeutlichen das weltweit.
Der Mensch ist ambivalent. Er erfand die Gaskammern und ging hinein, aufrecht, mit einem Gebet auf den Lippen. Er erfindet Vernichtungswaffen und versorgt diejenigen unter Einsatz des eigenen Lebens, die dadurch zu Schaden gekommen sind. Er vernichtet die Umwelt und er ringt darum, den gewissermaßen letzten Rest unseres Planeten zu erhalten. Würde ist nicht tötbar wie die Würdenträger tötbar sind. Würde verbindet Toleranz und Intoleranz miteinander. Auch als erinnerte Würde toleriert sie alle Formen menschlichen Seins, solange jene nicht intolerant gegenüber dem Leben sind. Oder anders, wie es Michel Friedmann (2022, S. 33) erzählt:
Jüdischer Friedhof, Frankfurt am Main. Sagt ein Toter zum anderen: „Es gibt Hoffnung.“
Quellen:
Arendt, H. (28. Aufl. 2021): Macht und Gewalt. Piper
Frankl, V. (6. Aufl. 1994): Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel
Friedmann, M. (2022): Fremd. Berlin Verlag
Hope, D. (2003): Forbidden Music. Textheft. Nimbus Records