Klangwelten

Sie klirrt, meine Lebenswelt. Viel zu oft. Viel zu laut. Viel zu diffus. Dem Klirren entkomme ich, derzeit öfter als sonst, in meine Klangwelten. Dort gelingt es mir, mich zu sammeln. Was ich höre, bindet meine Aufmerksamkeit. Ich beginne, dem Klang nach zu gehen. Das Hören richtet sich auf das, was klingt. Allmählich differenzieren sich die Klänge, die den Klang bilden. Der Klangraum öffnet sich. Er erklingt in verschiedenen Dimensionen. Da tut sich Tiefe auf, dunkel, grollend, warm. Weite klingt an. Klänge nähern sich, werden gegenwärtig. Andere ziehen sich zurück, entschwinden. Mancher Klang ist direkt, gerade. Er baut sich auf. Steht im Raum. Andere wogen, sind weniger greifbar. Sie grundieren die melodischen Linien, werden deutlicher in Verbindung mit einer Stimme oder einem Soloinstrument. Ein Konzertieren entwickelt sich und verknüpft Klanglinien miteinander. Und in dieser Welt bin ich, umhüllt von Klang. 

Seit vier Jahrzehnten suche ich nach der Wiedergabekette, die imstande ist, eine Klangwelt aufklingen zu lassen, die einen Klangraum um den Hörenden entstehen lässt. Ein Kriterium für die Qualität der Wiedergabekette besteht für mich darin, sich aus dem Klirren der Lebenswelt hinaus zu begeben und sich in eine Klangwelt einzufinden zu können. Der Klang darf dabei nicht nur Hintergrund, kein Begleitklang der Lebenswelt sein. Denn bliebe ja deren Klirren. Die Klangwelt, die eine perfekte Wiedergabekette aufbaut, nimmt den Hörenden nicht nur mit in diese Welt. Sie nimmt ihn darin auf. Eintauchen in den Klang, wie der Hörende in ein Konzert eintaucht, sich von der Lebenswelt abstößt, im musikalischen Klang zu schweben beginnt, sich der Welt der Klänge überlässt.

Vor kurzem fand ich den Schlussstein zu einer Wiedergabekette, der die eben geschilderte Erfahrung möglich macht. Der Schlussstein ist ein Lautsprechersystem, vom dem sich der wiedergegebene Klang ablöst. Nicht mehr der Lautsprecher klingt, sondern der Klang entfaltet sich so, dass der Lautsprecher akustisch kaum mehr ortbar ist. Passt die Aufnahme, die meist auf einer LP, auch einmal auf einer guten CD gespeichert ist, dann kann sich Hörende im Klang bewegen. Die Klangquelle spielt keine Rolle mehr, denn der Klang ist Raum geworden. Das nenne ich dann Klangwelt. 

Zuweilen verstärkte meine Wiedergabekette das Klirren der Lebenswelt, ein sicheres Zeichen für mich, dass sie Elemente enthielt, die nicht zusammenpassten. Im letzten Jahrzehnt gelang es, dem Ideal der Klangwelt immer näher zu kommen. Vor allem das Zentrum der Kette, die verstärkenden und die Wiedergabekomponenten, wurden zunehmend stimmiger. Zuletzt, vor kurzer Zeit, tauschte ich die Lautsprecher samt den wichtigsten Kabelverbindungen aus – und erlebe seither Klangwelten, in denen die verschiedenen „Stimmen“, mein Gehör, die Lautsprecher und die Verstärker miteinander harmonieren. Harmonie ist ja nie Einklang, sondern der Zusammenklang verschiedener Stimmen, so dass sie miteinander wirken. Harmonie lebt vom Gewebe der Klänge, vielschichtig manchmal, mit Reibungen, mit Überlagerungen – und doch klingt alles zusammen, wenn es mein Gehör und auf diesem Weg mich erreicht. 

Die Wirkung der Harmonie beruht auf einer Ordnung, die sich im Klang abzeichnet und sich im besten Fall ordnend auch auf den Hörenden auswirkt. Verzerrungen werden entwirrt. Das Klirren wird leiser. Wo Ordnung ist, da beruhigen wir Menschen uns, weil Ordnung uns Übersicht und Klarheit, im intimsten Fall Geborgenheit vermittelt. Immer wieder, wenn ich mich in eine Klangwelt begebe, komme sich auf diesem Weg zu mir. Wenn ich mich selbst geborgen im Klang wohlwollend erspüre, Selbstmitgefühl lebe, dann kann ich mir im Klirren der Lebenswelt für eine Weile treu bleiben.

Das genannte Lautsprechersystem: Spatial Europe MC Series Nr. 4 MkII