Obwohl von Engeln in der Nacht von Bethlehem ausgesprochen ist das Friedenswort recht sachlich. Der Friede auf Erden beginnt in Menschen, die gut gesonnen sind. So einfach ist Friede. Oder doch nicht?
Die Herausforderung besteht in der Eudoxia, wie der griechische Text die gute Gesinnung nennt. Was ist Gesinnung? Wie ist Gesinnung gut? Gesinnung ist mehr als bloßes Meinen und sie ist noch keine Haltung. Gesinnung beschreibt eher einen Prozess. Im Sinnen richtet der Mensch seine äußeren Sinne auf einen Sinn aus, der ihn berührt. Das Sinnen erregt die Aufmerksamkeit des Menschen. Wer aufmerksam ist, findet sich in der Lebenswelt vor. Er sieht sich und er sieht die Welt. Die Welt ist der Raum, in dem Menschen die Erfahrung des Berührtwerdens machen. Sie nehmen sich in Berührung mit der Welt wahr. Nicht nur die Welt berührt den Einzelnen, auch der Einzelne ist in Berührung mit der Welt. Wie er nun die Berührung gestaltet, hängt vom jeweiligen Menschen ab. Er kann sich in einer sinnvollen Berührung mit der Welt erleben oder in einer herausfordenden, in einer aggressiven zuweilen und in der bergenden Berührung. Die Frage ist: Wie gehe ich mit dem Erleben der Berührung um?
Von der Antwort auf diese Frage hängt es ab, welchen Sinn jemand im Berührungserleben entdeckt. Das Sinnen angesichts des Berührungserlebens beginnt. Welche Bedeutung hat das Berührungserleben für mich? Kann ich mir gut sein in der Berührung? Mag ich die Berührung weiter erleben, so dass ich mich gerne an das Erleben erinnere? Darf ich mich auf das Berührungserleben einlassen? Oder soll ich lieber auf der Hut sein, Vorsicht walten lassen? Das Sinnen geht, je mehr die Einzelne die Bedeutung des Berührungserleben eingrenzt, definiert, allmählich in eine Gesinnung weiter, in der sie sich auf das Welterleben einlässt. Sie macht, in dem sie sich einlässt, Erfahrungen, die die ursprüngliche Gesinnung bestätigen oder daran zweifeln lassen. Die Gesinnung färbt die Aufmerksamkeit, in der Menschen sich in der Lebenswelt bewegen. In Menschen guter Gesinnung, so optimistisch ist das Friedenswort der Nacht von Bethlehem, liegt der Anfang des Friedens.
Das ist wichtig: Keiner kann sich auf die politischen, sozialen Strukturen und Institutionen verlassen, wenn es um den Frieden geht. Frieden ist kein Zustand, der einmal strukturell verankert Bestand hat. Solchen naiven Pazifismus unterläuft das Friedenswort der Geburtsnacht Jesu. Die Naivität besteht in der Annahme, dass richtig für den Frieden gesorgt und entsprechende Verträge geschlossen jeder den Vorteil des Friedens erkennt. Das ist bequem für die Einzelnen. Die Institutionen garantieren Frieden. Die oder der eine Familienangehörige, die Kollegin, der Mitarbeiter, die Freundin, wer immer durch seine Autorität oder seine stete Vermittlung den Frieden bewahrt, entlastet alle anderen von der persönlichen Friedensarbeit. So können sie um den Frieden unbesorgt in Frieden leben.
Das Friedenswort in der Nacht von Bethlehem sieht das anders: Der Friede beginnt in Menschen guter Gesinnung. Er entsteht durch die Friedensarbeit der Menschen, die die persönliche Verantwortlichkeit für die eigene Gesinnung übernehmen. Die Gesinnung färbt die Aufmerksamkeit, in der Menschen mit der Lebenswelt und anderen Menschen in Berührung sind. Ist das eine Berührung, die Frieden stiftet? Wie bin ich persönlich in Berührung mit den Menschen, die mich umgeben? In guter Gesinnung, so dass ich Frieden stifte, wo ich bin?
Der Friede beginnt in Menschen guter Gesinnung. In jedem von uns, in mir und meiner Gesinnung kann Frieden beginnen. So übernehme ich Verantwortung dafür, dass unsere derzeit größte Sehnsucht, dass Frieden sei zwischen den Völkern und Frieden sei in der Weise, wie wir auf unserer Erde leben, zur begründeten Hoffnung werden kann. Wer hofft, ist offen für die vielen sinnvollen Möglichkeiten und Gelegenheit zu leben. Wer jene erkennt, der kann sie auch ins Leben bringen, ihnen einen Ort in der Welt geben. So erhält der Erdenfriede, den das hebräische Wort „Shalom“ ausdrückt, und die friedliche Gesinnung, die das griechische Wort „Eirene“ nahelegt, durch mich eine Chance. Nicht nur in der Nacht von Bethlehem.