Es ist Ostern. Ostermärsche, diesmal doppelt motiviert: Immer noch der Krieg Putins und seines Regimes gegen die Ukraine und, wie wir allmählich verstehen, gegen Europa, gegen die demokratische Ordnung. Seit mehr als sechs Monaten Krieg im Gazastreifen. Die anderen Kriege im Jemen, in einigen Regionen Afrikas und Südostasiens haben wir weitestgehend ausgeblendet. Es ist Ostern.
Wofür steht Ostern? Die Botschaft ist theologisch komplex und vielschichtig. Sie trifft auf eine verstörte Männergruppe, ihres Meisters und mit ihm ihrer Hoffnungen beraubt. Die Unruhe der Hoffnung ermutigt einige Frauen am Grab des Hingerichteten Abschied zu nehmen. Sie berichten den Männern: Das Grab ist leer. Der Hingerichtete erscheint allen, die ihm nachfolgten. Jene verstehen sich in der Anerkennung, dass die Begegnungen als Auferstehung von den Toten zu lesen seien, als seine Jünger und brechen zur Mission auf. Überwältigt von der Erfahrung der Verlässlichkeit der Schriften, von den Begegnungen mit dem Auferstandenen und der Sendung: Der Friede sei mit euch! Von da gehen Gemeindebildungen aus, eine komplexer werdende Theologie und die Organisation dessen, was uns als Christentum bekannt ist.
Der Friede bildet einen der Kerne, an die sich die österliche Botschaft anlagert. Ich nehme den Friedensgedanken unter dem Motto von Pema Chödrön (2023, S. 15) auf: „Frieden üben in Zeiten des Krieges“. Was die buddhistische Meditationslehrerin unter dieser Überschrift resumiert, ernüchtert: „Wir suchen nach Frieden und Glück, indem wir in den Krieg ziehen.“ Menschen sehnen sich nach einem Leben in Frieden, privat, gesellschaftlich, global. Die Wege, die Sehnsucht in Handlungsweisen und Lebensformen umzusetzen, sind Vergleich, Konkurrenz, Aggression, Krieg. So zieht es sich zumindest durch die Geschichte.
Chödrön (2023, S. 16) benennt als Grund dafür, dass wir so rasch zur Aggression bereit sind, aus buddhistischer Sicht: „Krieg beginnt, wenn wir unser Herz hart werden lassen. Und sobald wir uns unbehaglich fühlen, kann das sehr leicht geschehen.“ Was treibt uns immer wieder dazu, das Herz hart werden zu lassen?
Der Neuropsychologe Rick Hanson (2018, S. 13) erzählt dazu die Geschichte einer Indianerfrau. Sie wurde gefragt: „Großmutter, wie bist du so glücklich geworden? Wie so erfolgreich, so weise, so beliebt? Was hast dafür getan?“ Die alte Frau antwortet nach kurzem Nachdenken. „Wisst Ihr, ich glaube, es liegt daran, dass ich als ich jung war, erkannte, dass in meinem Herzen zwei Wölfe waren. Ein Wolf der Liebe und einer des Hasses. Und ich erkannte auch, dass alles davon abhing, welchen der beiden ich fütterte, und zwar jeden Tag.“ Die Geschichte ist tiefgründig. Sie vermeidet die in der europäischen Soziologie und Psychologie seit langem diskutierte Frage: Ist der Menschen nun des Menschen Wolf? Oder ist er als Herdentier im Grunde ein gutmütiges, auf Ausgleich bedachtes Wesen? Der Mensch hat die Freiheit, beides zu sein. Denn er verfügt über die Energie des Hasses und die Energie der Liebe. Beide Energien sind reaktiv verankert: Verteidigung und Brutpflege. Beide gehören auch in das Spiel von Freiheit und Verantwortlichkeit. Auch das drückt die Antwort der weisen Frau aus: Alles hängt davon ab, welchen Wolf jemand täglich füttert. Das entscheidet jede und jeder täglich und persönlich. Auch das ist interessant: Wir Menschen leben weniger von Grundsatzentscheidungen, die eine bestimmte Haltung unterstützen. Vielmehr ist unser Verhalten auf die Situation, auf den Tag bezogen. Ständig entscheiden wir, wer wir sind: abwertend, verurteilend, aggressiv oder wertschätzend, abwägend und mitfühlend. Was zu unserer Haltung wird, das ergibt sich aus unseren Entscheidungen. Entsteht eine „Kettenreaktion des Leidens“ (Chödrön, 2023, S. 17), die den Wolf des Hasses füttert und unser Herz hart werden lässt? Oder werden wir zu eher mitfühlenden Menschen, die auch in unangenehmen Situationen den „Punkt der Verletzlichkeit und Zartheit … finden und dabei verweilen“ (Chödrön, S. 26)?
Das klingt ein wenig wie das Hinhalten auch der anderen Wange aus der Predigt Jesu. Was steckt dahinter? Ein wesentliches Vergessen. Wir vergessen im privaten, gesellschaftlichen und globalen Krieg zu oft, dass die Aggression des anderen auch eine Geschichte hat. Zu dieser Geschichte gehören Verletzungen, Narben, die nicht ganz geschlossen sind, die Intimität und die Liebe, die bedroht erscheint. Genauso wie das zur eigenen Geschichte gehört. W. Putin schreibt die Geschichte Russlands zu einer Opfergeschichte um, in denen als Täter die Europäer in Gefolge der USA fungieren. Wenn Russland sich jetzt nicht wehrt, wann dann? Unser großer Fehler ist, dass wir auf diese Geschichte hereinfallen und uns selber Folgendes erzählen: Die Sowjetunion war der unberechenbare Aggressor, vor dem wir uns vielmehr hätten schützen müssen. Und schon erzählen beide am Konflikt beteiligten Parteien ihre Aggressionsgeschichte vom anderen und ihre Opfergeschichte von sich selbst. Was bleibt ist, dass wir um des Friedens willen in den Krieg ziehen. Den Krieg in der Ukraine müssen wir als Tatsache akzeptieren.
Was wir bei aller Tatsächlichkeit nicht übersehen dürfen, ist, dass wir auch im Krieg den Frieden üben können. Konkret:
(1) Jeder von uns kann „Unerschrockenheit“ (Chödrön, 2023, S. 32) einüben. Ziehen mich die Kriegserzählungen immer tiefer in die Angst, die den Wolf des Hasses nährt. Oder bewahre ich mir die Freiheit, den Wolf der Liebe zu füttern, indem ich respektvoll mit den Menschen umgehe, die anders als ich über den Krieg denken, und dort abgrenzend Stellung beziehe, wo indirekt der Hasswolf genährt wird.
(2) Jeder von uns kann sich klarmachen, dass wir uns nur um die Ursachen „ohne Kontrolle über die Resultate“ (Hanson, 2018, S. 137) kümmern können. Wir haben nicht die Macht, die Resultate zu beeinflussen. Wir haben aber die Möglichkeit, uns die Ursachen immer wieder deutlich zu machen: der in den Mitteln unerträglich barbarische und durch nichts zu rechtfertigende Angriff auf die feiernden Menschen in Israel ist der Auslöser für den Gazakrieg. An der Ursache arbeiten, heißt dabei, jeglichem Antisemitismus der Sprache und des Gedankens entgegenzutreten und den Konflikt dort zu verorten, wo er stattfindet: in der Politik der palästinenischen Vertretung und Israels.
(3) Jeder übernimmt die Verantwortung dafür, ob er an sich selbst und in seinem Lebenskreis die Herzenshärte verhindert. Wo sie schon eingetreten ist, wollten wir den Mut entwickeln, verantwortlich für die Erweichung des Herzens einzutreten. Machen wir uns selber und anderen die Verletzlichkeit und Zartheit des Menschseins bewusst, des persönlichen und des Menschseins jeglicher anderer.
Durch Unerschrockenheit, durch das Kümmern um die Ursachen und den Mut zur Herzenserweichung üben wir den Frieden im Krieg. „Wir können uns entscheiden für Frieden und Friedfertigkeit. Entscheiden zu können, verbindet uns Menschen, gerade auch im Leid und erst recht im Frieden.“ (Riedel, 2024, S. 25)
Quellen:
- Chödrön, P. (2023): Frieden finden in Zeiten des Krieges. Anakonda
- Hanson, R. (2018): Achtsamkeit und die Neurobilogie der Liebe. Arbor
- Riedel, C. (2024): Entscheidung für den frieden. Über das Wissen um die eine Menschheit, in: Praxis Palliative Care Nr. 62/2024, S. 24 – 25