Trockenklimpern in der nassen Geräuschkulisse

Eine Fantasie, inspiriert von Bettinas Thema

Ein Klavier im Raum. Stumm legt es nahe, dass Musik da sein kann. Wenigstens Alessandro Longos Tecnico fondamentale. Sauberer Anschlag. Ton für Ton. Wie Tropfen. Tropfen trommeln nacheinander auf das Kupferblech. Regen? Tropfen? Prélude. 

Ein Klangraum entsteht. Ein Raum, in dem Klang entsteht, wenn der Regen auf das Kupferblech tropft. Wie es sich von draußen anhört? Schon bin ich im draußen, obwohl ich mich in meiner Wohnung befinde. In dieser Befindlichkeit finde ich mich vor. Hörend finde ich mich vor. Hörend auf den Klang der Tropfen auf dem Kupferblech, draußen vor dem Fenster. 

Jetzt heißt es aufmerksam sein. Nur keine Ungenauigkeiten, aus denen Selbstmissverständnisse entstehen. Wie ich mich vorfinde, meine Befindlichkeit, hat nichts zu tun mit einer etwaigen Gestimmtheit. Ich finde mich vor als einer, der die Tropfen hört, die draußen auf das Fensterbrett trommeln. Ganz bei mir bin ich also nicht. Mein Hören richtet mich auf etwas aus, auf einen Klang, der von woanders auf mich zukommt. Hören gewährt mir Raum. Hören zeigt mir meine Stelle in diesem Raum an. Den Ort, an dem ich ich ein Außen von einem Innen unterscheide. Ein Mir-nah von einem Weiter-weg.

Ich höre draußen die Tropfen trommeln. Das ist meine Befindlichkeit, drinnen im Raum. Von drinnen höre ich nicht, wie das Trommeln der Tropfen draußen klingt. Ich höre nur den Klang, der sich im Raum drinnen ereignet. Mich höre ich atmen, schlucken, wie ich mich bewege. Was ich von mir höre, verbinde ich mit dem Trommeln der Regentropfen. Das ergibt den Klang im Raum: mein Eigenklang und der Klang von draußen. 

Mitten im Klangraum steht außer mir das Klavier. Das Trommeln der Tropfen regt es nicht an. Keine Resonanz. Das Klavier bleibt stumm. Ich höre es nicht. Wenn ich es nicht sähe, dann wüsste ich nichts von seinem Dasein im selben Raum. Es ist nicht zu hören. Jetzt nicht, da niemand auf ihm spielt. Nicht einmal Longos Fingerübungen. Die sollten klingen wie eine Menge klarer, trockener Tropfen. 

Der Regen tropft weiter. Der Klang des tropfenden Regens klingt im Raum. Ich höre ihn. Das ist meine Befindlichkeit. So finde ich mich vor. Tropfen, die trocken klimpern, denn sie klingen ja nicht wie Klavieranschläge. Das Trockene ist wie Klingen ohne Klavier. Die Tropfen fallen auf das Fensterblech und trommeln ihren monotonen Klang, eine nasse Geräuschkulisse. Regen. Klingt der Regen anders als die Tropfen? Sind die Tropfen wohlunterscheidbare Klangereignisse im Regengeräusch? Woher soll ich das wissen? Ich bin ja drinnen im Raum. Ich höre die Tropfen auf das Kupferblech trommeln. Höre ich zugleich auch das Geräusch des Regens? 

Das Klavier steht im Raum. Stumm. Draußen ist Regen. Ich höre die Tropfen. Könnte ein Prélude sein. Wie in aller Welt soll ich das Regentropfenprélude spielen, wenn ich nicht weiß, wie die Regentropfen draußen klingen? Und schon verbindet sich die Befindlichkeit mit Gestimmtheit. Das Prélude müsste vielleicht klingen wie Trockenklimpern in der nassen Geräuschkulisse.