Die Weisheit des Friedens – das Wüten des Krieges

Die Bereitschaft zur Gewalt greift um sich. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der Terror der Hamas gegen Israel und die Vernichtungsphantasien großer Teile der israelischen Regierung gegenüber der Hamas, die blutige Gewalt der Faust – und Messerattacken auf Politiker:innen und Parteimitglieder in Europa, die lebensfeindliche Gewalt der Drohwörter Demonstrierender, Wütender, das hasserfüllter Gegnersein, für all das stellt das unablässige Halali europäischer, us-amerikanischer und der Nato-Politiker für mehr Rüstung und sog. Wehrhaftigkeit den Raum. Die Schwellen zur Gewaltbereitschaft werden abgetragen, in vielerlei Namen. Die raumgreifende Präsenz der Bedrohungsrhetorik und der Gewalt beginnt den Zeitraum für den Frieden einzuschränken.

Weisheit will Leben. Sie will zugleich Einsicht in die Endlichkeit des Lebens. Sie weiß um die Sterblichkeit der Lebendigen. Weisheit stellt die Gewalt, den Krieg, die falsche Macht der verallgemeinernden Wut auf den Prüfstand. Sie prüft im Maßstab der allgemeinen Würde des Menschseins und der höchstpersönlichen Würde des einzelnen sterblichen Menschen. Über ein anderes Maß verfügt Weisheit nicht. Insofern ist Weisheit zugleich Bewusstsein der Endlichkeit und der Lebendigkeit, der Grundspannung menschlichen Lebens. Eindämmung der Weisheit schafft Raum für Gewalt.

Gewalt führt nie zum Frieden. Das lehrt uns H. Arendt (2021). Gewalt erzeugt Gegengewalt, Zerstörung, im schlimmsten Fall Vernichtung, wenn nichts mehr und auch keiner mehr einen Wert hat. Konfliktforscher wie F. Glasl (2013) beschreiben die Vernichtungsbereitschaft Gewalttätiger, die sie selbst miteinschließt, als höchste Stufe der Eskalation.

Kultur ist der Zeitraum für Frieden. Frieden ist nicht paradiesisch, kein dauerhafter Zustand. M. Foucault (2020) gibt zu denken, dass es den Frieden im Singular nicht gibt. Frieden ist ebenso endlich wie der Mensch sterblich. Das vereinzelt uns. Deshalb ist Frieden Arbeit. Er entsteht durch die kulturelle Auseinandersetzung mit dem, was jeweils für die Menschen ist. Friedensarbeit ist Kulturarbeit. Sie lebt von der Weisheit des Menschen. K. Jaspers (2017) nennt die Zeit (800 – 200 v. Chr.), in der sich die Menschen der Weisheit und ihrer Kulturfähigkeit bewusst wurden, Achsenzeit. Seitdem ist Weisheit das Bewusstsein der Menschen von sich selbst. Aus denen in der Welt werden die Sterblichen in einer endlichen Welt. 

Die Weisheit macht alles, was ist, für den Menschen betrauerbar. Denn, was ist, kann verfallen, vergehen, enden. Weise geworden weiß der Mensch auch, dass er, was ist, zerstören und vernichten kann, einschließlich seiner selbst. Er vermag Gewalt anzuwenden gegen die Dinge der Welt, andere Menschen und sich selbst. J. Butler (2021) verweist darauf, dass die zerstörerische Gewalt Anonymität erzeugt. Sie vermag es namenlos zu machen, in dem sie den Wert des Zerstörten der Erinnerung entreißt. Namenloses ist nicht erinnerbar. Was nicht erinnert werden kann, kann auch nicht betrauert werden. Namenlosen Toten bleibt nur die allgemeine Würde des Menschseins. Sie werden nicht betrauert. Ihrer wird gedacht. Ihre höchstpersönliche Würde, zu der Geschichte gehört, Persönlichkeit und Sterblichkeit, die sie betrauerbar machte, geht in der Namenlosigkeit verloren. 

Der Krieg macht durch seine initiierte und zugleich blinde Gewalt viele Tote namenlos. Sie werden informell zu Opferzahlen. Sie finden sich in Massengräbern. Die blinde, zerstörerische Wut ausüben, werden im System des Krieges zu anonymen Angreifern; die, die sich gegen den Angriff verteidigen, zu anonymen Verteidigern. Für einander bleiben sie der anonyme Feind, Vernichtende und sich der Vernichtung durch Zerstörung der Vernichtenden Verteidigende. So funktioniert Krieg. Er schaltet die Intuition der Würde aus und ermöglicht dadurch die Wut der Vernichtung. Darin besteht die Gefahr des Krieges: die blinde, weil anonymisierte Gewalt der Vernichtung hebt die Würde der Menschen auf, die den Krieg führen. Sie verlieren mit der Würde ihre Betrauerbarkeit. Sie werden, in einer letzten zynischen Unterscheidung, zu Täter- und zu Opferzahlen.

Krieg ist der Antipol zur Kultur. Wo Krieg ist, wird Kultur vernichtet. Nicht nur die manifeste Kultur von Städten, Kunstwerken oder Landschaften. Die Weisheit des Menschseins und mit ihr die höchstpersönliche Würde einzelner Menschen wird zerstört. Und doch ist die Kultur, weil sie der Antipol zum Krieg ist, der Königsweg zur Eindämmung des Kriegs und der Bedingungszusammenhang von Frieden. Das zeigen rationale Weisheitserzählungen.

Kultur macht unterscheidbar. Die Dihairesis, die Strategie der rationalen Unterscheidung im Denken, wie sie die platonischen Dialoge als Grundlage der Kunst der Dialektik lehrten, ist ein wirksames Mittel gegen die Denkerblindung, die die Wut fördert. Erblindung im Denken als Verlust der Fähigkeit zur rationalen Unterscheidung könnte eine philosophische Verdachtsdiagnose für Zeiten sein, in denen die Bereitschaft für Gewalt und Krieg um sich greift. Denkerblindung verengt die Wahrnehmung und verhindert in der Folge die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Denkerblindung beraubt den Menschen seiner grundlegenden Fähigkeit, sich in die Standpunkte und Perspektiven Anderer hineinzuversetzen. Das aber ist, wie uns J. Habermas (2019) lehrt, eine Voraussetzung des demokratischen Diskurses, die Dialektik von Unterscheidbarkeit und Gemeinsamkeit.

Kultur macht mitfühlend. Mitgefühl befähigt den Einzelnen, Mitmensch zu sein und sich zugleich in der Welt zu sehen. Mitgefühl macht mich und den anderen in der Verbundenheit mit allem  unterscheidbar: Jeder weiß um seine höchstpersönliche Würde und um die Würde des Menschseins, in der sich jeder einer anderen in Würde erschließen kann. Potentiell haben wir Menschen füreinander Namen, in denen sich unser Wert und unsere Würde ausdrücken. 

Kultur weckt Hoffnung. Dass Menschen füreinander Namen haben, verweist darauf, dass Weisheit und Sprache zusammengehören. Sprache meint nicht das Daherreden. Sprache lebt vom Wort, das Menschen zu finden hoffen. E. Bloch (2016) spricht vom treffenden Wort, das die zu betreffen vermag, die es hören, darauf antworten oder darauf schweigen. Betroffensein vom treffenden Wort stiftet die kommunikative Begegnung. Sie begibt sich auf die Suche nach den Worten, die sich noch nicht eingestellt haben. Dieses Utopische in der Kommunikation, das Ausgreifen auf das, was sein kann und noch nicht ist, weckt das Hoffen. Es hemmt durch die utopische Spannung zugleich das Erblinden des Denkens. Hoffnung erweist sich derart als die Sollbruchstelle zwischen gewaltgefährdetem, blinden Gerede und wachem, weisen, ringendem Gespräch.

Kultur drückt Weisheit aus. Mit dem zunehmenden Bewusstsein der Weisheit formt sich, was modern Kultur genannt wird. Davon berichten die Achtsamkeitspsychologen J. Surrey und J. Jordan (2014). Weisheit manifestiert sich im Gefühl von Lebenslust, im Wissen von sich selbst, anderen und Verbundenheit, im gesteigerten Gefühl von Selbst- und Lebenswert, in Produktivität und Kreativität und im Wunsch nach Kontakt. Kurz: Wer weise ist, will leben, nicht für sich allein, sondern in unterscheidbarer Verbundenheit, mithin endlich.

Das ist der herausfordernde Antipol zur blinden Wut der Gewalt, die vernichtet. Weisheit schafft Zeit für Leben und Raum für Kultur. Sie fördert Verbundenheit und macht uns ansprechbar, weil wir für einander Namen tragen. Weisheit verringert die Gefährdung der Denkerblindung. Weisheit ermöglicht jedem Menschen seine Freiheit in Verbindung mit seiner Verantwortlichkeit. Dadurch schafft jeder seinen Frieden. Dies erzählt uns V. Frankl (2023). Und er sagt: Es liegt an jedem Menschen selbst, für welche Erzählung sie sich, er sich entscheidet.

Quellen:

  • Arendt, H. (2021): Macht und Gewalt (28. Aufl.). Piper
  • Bloch. E. (2016): Experimentum mundi (2. Aufl.). Suhrkamp
  • Butler, J. (2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit (2. Aufl.). Suhrkamp
  • Foucault, M. (2020): Schriften (2. Aufl.). Nr. 337. Suhrkamp
  • Frankl, V. (2023): Die Eine Menschheit. Appelle für den Frieden. Benevento 
  • Glasl, F. (2013): Konfliktmanagement (11. Aufl.). Haupt
  • Habermas, J. (2019): Diskursethik. Philosophische Texte Bd. 3 (4. Aufl.). Suhrkamp
  • Jaspers, K. (2017): Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Gesamtausgabe Bd. I/10. Schwabe
  • Surrey, J. & Jordan, J. (2014): Die Weisheit in Beziehung, in: Germer, C. & Siegel, R. (Hg.): Weisheit und Mitgefühl in der Psychotherapie. Arbor, S. 261 – 280