Am Donnerstag, 06. Mai 24, 21:00 h, die „Wahlarena“ in der ARD. Nach 15 min. versuchte ich mich 54 Jahre zurück zu versetzen. Damals wäre ich 16 gewesen. Total begeistert, wählen zu dürfen. Ich war ein politisierter Jugendlicher. Nicht einer der lauten, aber von der damaligen Außerparlamentarischen Opposition (APO) angeregt, gut informiert, historisch und soziologisch interessiert, ein dauernd Lesender, weil es damals nur zwei Fernsehkanäle gab, dafür eine breite und vielseitige Printkultur.
Wie hätte ich mich in dieser „Wahlarena“ gefühlt?
Ich hätte zwei Moderator:innen und acht Politiker:innen erlebt, für die ich als Jugendlicher weder be- noch gefragt gewesen wäre. Ich wäre in vielen Vorurteilen gegenüber dem „Politestablishment“ bestätigt worden. Die interessieren sich vorwiegend für sich und für ihre Parteiklientel. Sie haben sich der realen Gesellschaft entfremdet. Sie antworten auf Fragen in gestanzten Phrasen, meist ohne auf die Frage einzugehen. Ja nach Selbstbewusstsein belehren sie das fragende Publikum oder bleiben innerhalb der jeweiligen Partei-Blase. Ich hätte kritisch festgehalten, dass sie wenig Ideologiefähigkeit besitzen. Denn dazu gehört „theoretischer Überbau“, wie wir das damals nannten, und das Potenzial zur „Fundamentalkritik“. Nach 45 min. wäre ich so demonstrativ wie möglich aufgestanden und hätte extrem frustriert die Wahlarena verlassen. Mit dem Entschluss, keine der etablierten Parteien zu wählen, sondern so kritisch und widerständig, damals hieß dies: so links wie möglich.
2024 quälte ich mich mit zunehmendem Ärger als TV-Zuschauer durch die Sendung. Kaum Erhellung in den Sachfragen, dafür zuerst Schlagabtausch zwischen Parteivertreter:innen, dann noch mal knappe, mal epische Rhetorik, die wir als „Antwort“ hinnehmen sollten. Mehr Desinteresse an der demokratisch wählenden Gesellschaft und deren jüngsten Wähler:innen, sowie deren Fragen kann man kaum zeigen. Wofür stehen die meisten der acht Politiker:innen, die vorwiegend als Parteivertrer:innen in der Wahlarena auftraten? Mir drängte sich die Antwort auf: So viele Stimmen wie möglich sammeln. Wofür die gebraucht werden (außer stärker als die Rechtspopulist:innen zu sein), klärte sich mir nicht auf.
Gerade schaute ich die Diskussion mit Herrn Habeck und Herrn Merz bei Maybritt Illner im ZDF nach. Dort argumentierte ein gründlich vorbereiteter, rhetorisch klug agierender Vizekanzler gegen den Oppositionsführer. Jener vereinfachte die komplexe Gegenwart aus der Perspektive konservativer Vergangenheit. Er verweigerte sich in der penetranten Wiederholung der Desasterbewertung der Ampelpolitik und den suggerierten „einfachen“ Lösungen seitens der Konservativen den Diskurseinladungen seines Diskussionspartners konsequent.
Der politische Diskurs findet in unserem Land seitens der Politiker:innen nicht statt. Er wird von den Qualitätsmedien viel zu zurückhaltend geführt. Die philosophische Intelligenz, die soziologische Expertise mischt sich nicht ein, in dem sie zeigt, wie Diskurs geht.
Wofür stehen Politiker:innen? Meine etwas resignierte Antwort: Wohl nicht für das, was den Namen Politik verdient. Gefährlich!