Brief an meinen besten Freund

Gestern, lieber Freund, entstand der Wunsch, Dir nach langer Zeit einen Brief zu schreiben. Wir sind zwar oft im stillen Gespräch verbunden. Was ich Dir mitteilen will, bedarf einer anderen Form als der flüchtigen des gedachten Wortes. Du fragst, was mich so sehr bewegt?

Gestern verbrachte ich einen Tag in Augsburg. Ich kam gerade von der jüdischen Synagoge in der Halderstraße zurück auf den Königsplatz. Die Synagoge war unzugänglich. Ein Besuch hätte aus Sicherheitsgründen der Anmeldung bedurft, wie ich erfuhr. Auf dem Königsplatz angekommen erlebte ich eine Kundgebung unter den Flaggen Palästinas, mit eingespielten Detonationen wohl großer Geschosse und einer Rede. Die erschütterte mich. Die desaströse Kriegsführung Israels im Gazastreifen wurde in bedrückenden Zahlen vorgeführt. Mehr noch erschütterte mich, dass dieser Krieg wie aus einer Laune Israels heraus entstanden dargestellt wurde. Kein Wort vom Terrorangriff der Hamas am 07. Oktober 2023, bei dem mehr als 1100 ahnungslose Menschen starben und etwa 4600 Menschen verletzt wurden. Von den 250 israelischen Geiseln der Hamas und ihr nahestehender Milizen sind gut die Hälfte freigekommen oder tot geborgen worden. Weiterhin werden ca. 120 Geiseln an geheimen Orten festgehalten. Friedensbemühungen? Raketen wird mehr zugetraut als Verhandlungen.

Du, mein Freund, weißt das alles nicht. Du weißt nichts vom seit 2022 andauernden Krieg Russlands gegen die Ukraine. Zermürbend für zwei Nationen. Tödlich für weit über hunderttausend Menschen. Nichts davon weißt du davon, dass wieder aufgerüstet wird, auch durch Stationierung atomwaffenfähiger Mittelstreckenraketen in Deutschland. Damals, 1983, waren es die Pershings und Cruise Missiles, die gegen den Protest vieler aufgestellt wurden. Du weißt auch nichts darüber, dass es in Deutschland eine rechtspopulistische Partei gibt, die gerade 30% Stimmenanteile bei zwei Landtagswahlen gewann. Du kannst Dir die verbale Aufrüstung in der politischen Sprache nicht vorstellen, die auch unsere „geliebten“ C-Parteien mitmachen. Du kennst das Bashing von Politiker:innen und Themen der Grünen nicht, nicht die ahnungslosen Verdächtigungen, „linke“ Politik zu machen, wo es um den Schutz des Klimas, der Natur, des Lebensraums Erde geht. 1972 wurden die, die den Bericht von den Grenzen des Wachstums des Club of Rome ernst nahmen, als linke Spinner abgewertet. Semper idem? Und die unsägliche Migrationsdebatte, in der die Stimmen vernunftorientierter Menschlichkeit untergehen angesichts der Lautstärke, mit der die Zersplitterung der deutschen Gesellschaft betrieben wird. Einer Gesellschaft, die ökonomisch und sozial von der Zuwanderung lebt, und sich gegen Migration mit „rechtstaatlichen Mitteln“ wehrt. Überhaupt die zunehmende Ersetzung von Demokratie durch Rechtstaatlichkeit! Jene Rechtstaatlichkeit dient der Vermischung von Legislative, Exekutive und Jurisdiktive, deren strikte Trennung unser Grundgesetz garantiert. Gewaltenteilung. Du hättest gleich die einschlägigen Artikel vorgelesen.

Ich höre übrigens, neben dem Schreiben, „unseren“ Eric Clapton. Auf LP, nicht auf CD. Wir würden uns inspiriert von seinem Blues viele Abende, Nächte lang, mit Hintergründen beschäftigen. Du würdest begeistert das Internet nützen. Wir würden unsere persönliche Dokumentation von Fakten und soziologischen Bewertungen dazu zusammenstellen. Auf dieser Grundlage diskutierten wir die Kommentare in der ZEIT, der Süddeutschen, des SPIEGEL und anderer politischer Magazine – und langsam entstünden differenzierte und differierende Standpunkte. Wir waren nicht immer derselben Meinung. Wir blieben bei allem beste Freunde, immer bereit, zusammen Wege zu gehen, einander zu respektieren und respektvoll zu kritisieren. 

Leider bist du schon so lange tot. In Zeiten wie diesen gerade fehlt mir unsere Freundschaft. Mir fehlt die Begeisterung für die Recherche und die Diskussion. Mir fehlt das inspirierende Abschweifen in die Musik, die unser Zusammensein so oft begleitete. Mir fehlt Dein humaner und zugleich volkswirtschaftlicher Blick auf die Lage, die klare politische Meinungsbildung, die mit Dir möglich war. Mir fehlt unser menschliches Bündnis für ein Mehr an Menschlichkeit. Mir fehlt auch das Hören aufeinander, das offen war für die Klage, den Humor, die kabarettistische Karikierung und die rationale Diskussion. 

Unvorstellbar, vom Krieg Israels in Gaza zu sprechen, ohne den Terror der Hamas in seiner brutal wirkenden Inhumanität als Anlass, nicht Ursprung des Krieges darzustellen. Ja, wir hätten wieder über die Engführungen in den religiösen Überzeugungen von Judentum, Islam und Christentum als kulturellem Hintergrund der Krisen in Nahost gesprochen. Wir hätten dazu wahrscheinlich sehr bewusst eine Aufnahme des Orchesters „West-östlicher Diwan“ unter Leitung von Daniel Barenboim gehört. Wie kann die Musik Mozarts, Beethovens, Mahlers die Friktionen zwischen den vorderasiatischen Kulturen und Nationalitäten auffüllen, so dass ein so wunderbarer Klang entsteht?

Mein lieber, toter Freund! Leider ist das, was von Dir lebt, „nur“ die Erinnerung, das Vermächtnis deiner Menschlichkeit, die so wenig Vorurteile kannte. Wenigstens kann ich, noch immer mit Schmerz verbunden, Deine Menschenfreundlichkeit vergegenwärtigen. Auf meinem Weg durch die Zeiten.

Dein Christoph