Haben wir uns in Deutschland daran gewöhnt, unbeeindruckt von Intellektualität zu vermeinen und zu meinen? Der Blick auf das, was in der Politik und in den journalistischen Medien Analyse in aller Tiefe genannt wird, erst recht der Blick auf die sozialen Medien, lässt es nicht nur vermuten, sondern er legt den Verdacht nahe: viele öffentliche Meinungsmacher:innen und -träger:innen scheren sich keinen Deut mehr um intellektuelle Redlichkeit. Der medienwirksame Satz, längst kein Bonmot mehr, die zugespitzte Meinungsäußerung, in seltenen Fällen ein überprüfbares, faktenbasiertes, mithin wenigstens schwundstufenhaft rationales Argument, werden situativ und damit meistens reaktiv in die Welt gesetzt. Es scheint vor allem darum zu gehen, durch die Geschwindigkeit der verbalen Reaktion auf Ereignisse die eigene Präsenz zu markieren.
Präsenz auf dem Markt der Meinungen zu markieren, sichert digitale Zustimmung. Je präsenter, umso relevanter, könnte eine Regel zeitgenössischer Meinungsäußerung sein. Können wir als Gesellschaft von Meinungen leben? Oder erodieren Meinungen nicht zunehmend die Information? Verzerren sie nicht die Perspektive auf die Fakten? Halten sie nicht zur Vermeidung des Arguments an? Untergraben Meinungen auf diese Weisen nicht den Minimalkonsens, der Kommunikation und Diskurs in einer demokratischen Gesellschaft ermöglicht? Brauchen wir deshalb, um für etwas Aufmerksamkeit zu erzeugen, das grelle Wort, das zuverlässig das persönliche Meinen durchsetzt, indem es andere Meinungen in seinen Schatten stellt? Inzwischen geht es nicht mehr darum, sich argumentativ auf einen Konsens zu vereinbaren. Längst wird auch in den Schulen die Meinungsbildung trainiert, die vor allem von der effektiven Präsentation eigener Bilder lebt, weniger von deren Inhalt. Inhalte vertrauen wir künftig eher der Künstlichen Intelligenz an und, warten wir noch eine Weile, vorwiegend der KI vor allem zu.
Wir verlernen das Denken. Denken hat keinen Markt; denn ihm eignet kein Warenwert. Denken ist zunächst nicht auf Öffentlichkeit angewiesen. Gedacht wird in Einsamkeit leichter als in Öffentlichkeit. Die Ungeduld der zeitgenössischen Öffentlichkeit erschwert zudem das Denken. Denn sie ähnelt zu sehr dem Markt, auf dem Meinungen wie Ware umgeschlagen werden.
Denken bedarf des Forums. Auf einem Forum geht es nicht um den Warenwert, nicht um den Tausch, sondern um den Austausch. Auch hier werden vorerst Meinungen ausgetauscht. Die eine sieht es so, der andere anders. Die Pluralität des Forums ist zugleich Diversität. Damit ist es nicht getan. Wer sich in einem Forum bewegt, der will weg von der Meinung; er geht ja nicht auf den Markt, wo einer den anderen überschreit. Vielmehr will er die Geltung von Meinungen überprüfen. Was sie oder er auf das Forum mitbringt, ist keine Reaktion mehr, sondern entstand im Nachdenken oder im kreativen, schöpferischen Denkprozess. Auf dem Forum, wie es hier verstanden wird, bewegen sich weniger Menschen, die sich mit etwas in Leben und Persönlichkeit alleingelassen fühlen. Das Forum ist eher der Raum der Einsamen, derer, die gut mit sich allein sein können. Ihnen gelingt es, die Gedanken zu sammeln, sich zu konzentrieren auf deren Mitte, den Kern des Problems oder den Anfang und das Ziel eines Gedankengangs. Sie lassen sich auf Unterscheidungsprozesse ein, wägen die Differenzen ab, suchen das Prinzip, das der Unterscheidung und der Differenz zugrunde liegt – oder die Synthese, in der das Differente in einen neuen Zusammenhang gesetzt wird. Sie zielen auf die erklärende Vertiefung oder den bereichernden Bedeutungswechsel der Gedanken ab. Zugleich bringen sie den Prozess in Sprache.
Sprache, die Denken ausdrückt, ist solange im Prozess, bis rationale Argumente gelingen, die Aussagen inhaltlich und formal begründen. Das freilich kann dauern. Vom Gedankenblitz, dem motivierenden Einfall, bis zur rationalen Aussage ist in der Regel ein langer Weg zu gehen. Intellektualität bedarf der Geduld, um vom Schnellschuss des Einfalls zum tragfähigen Aussagesatz zu finden. Widerspricht Intellektualität damit der Meinungsbildung?
Wie gebildet eine Meinung daherkommt, hängt von deren Bildungsprozess ab. Intellektuelle Bildung braucht Foren, Zeiträume. Sie bedarf der geduldigen Zielstrebigkeit. Die Ermutigung zur wiederholten Einsamkeit, der Sammlung und des Seins bei sich selbst, eines Rückzugs vor dem Auftritt, ist wichtig. Vor allem anderen ist sie angewiesen auf die Verantwortlichkeit bei aller Freiheit des Gedankens. Jene bezieht sich auf die Transparenz und Informabilität für den intellektuellen Prozess. Die Arbeit der Begründung und die Abwägung der Geltungserhebung für das Ausgesagte konkretisieren die Verantwortung des Denkenden für das Gedachte. So wird aus der Meinungsäußerung der intellektuelle Einspruch und Widerspruch. Dessen Gewicht gründet im Ethos intellektueller Bildung.
Einige Jahrzehnte lang beobachtete ich, wie die intellektuelle Bildung, die nicht unbedingt akademische Ausbildung voraussetzt, gerade in der Politik und im Journalismus schwindet. Vielleicht liegt es an der Veränderung des Resonanzraumes für intellektuelle Einwürfe, dass sich zunehmend weniger Intellektuelle in Deutschland nachdrücklich zu Wort melden. Auf die Zuverlässigkeit, mit der Marion Dönhoff, Jürgen Habermas oder Gerhart Baum, um Beispiele zu nennen, sich zu Wort meldeten, können wir uns nicht mehr verlassen. Es fehlen auch die intellektuellen Literaten und Theatermacher. Würden Hilde Domin, Heinrich Böll, Günter Grass, Dieter Dorn heute Gehör finden? Auch Theolog:innen wie Uta Ranke-Heinemann, Johann B. Metz oder Hans Küng, die einen wachen und inspirierenden Blick auf die Gesellschaft warfen, gehören der Vergangenheit an.
Wir haben uns indes, schon viel zu lange und zu sehr, an marodierende Politiker:innen und Journalist:innen gewöhnt, die sich in allen politischen Lagern und Medien finden. Deren Wirksamkeitskriterium scheint weniger die intellektuelle Redlichkeit als die statistische Effizienz bei Umfragen aller Art zu sein. Wir haben uns durch eine ökonomisch beeinflusste und marketingorientierte Schulbildung die Basis für ein intellektuelles Klima in unserem Land nehmen lassen. Viele Nachwuchsakademiker sind ausgewiesene Spezialisten ihrer komplexen Fachlichkeiten, allerdings weit weg von jeder Form intellektueller Bildung. Und der einmal so wichtige gesunde Menschenverstand? Aufgeweicht und marginalisiert durch die lautstarke Präsenz von Influencer:innen, ob professionellen oder hobbymäßigen. Sie alle beschleunigen den Warencharakter des Meinungsmarktes. Der Zeitraum für Nachdenklichkeit schrumpft – und damit auch die Resonanzbereitschaft für Intellektuelle und Intellektuelles.
Wie wollen wir, die Stichhaltigkeit dieser Überlegungen vorausgesetzt, die erforderliche Distanz und damit auch die Foren schaffen, von denen aus das epochale Krisenempfinden auf sein zukunftsverweisendes Hoffnungspotential abgehört werden kann? Wo hat die gedankliche Utopie ihr Forum, ohne gleich als Illusion geschmäht zu werden? Wie gewinnen wir bei aller Veränderlichkeit unserer Epoche den Blick auf das Menschsein zurück? Auf seine gewisse Langsamkeit, seine Geduld für Entwicklung, seine kritische Wachheit für das Geschehende, seine Gelassenheit, die der kreativen Freiheit und der sorgenden Verantwortlichkeit in den Gegebenheiten nachspüren kann?