Schwundstufenleben

Deutschland scheint sich auf einem Minderungsweg zu befinden: schwindende Wirtschaftsleistung, zerbröselnde Infrastruktur, unzureichende Verkehrswege. Schwerer wiegen die Abstriche am kulturellen und politischen Bildungsinteresse, die allmähliche, vielleicht auch politisch gewollte Verkümmerung der Sprache, die Reduktion des ästhetisch Sinnlichen auf das Grobschlächtig-Plakative. Befinden wir uns in einer Schwundstufendynamik?

Von Schwundstufen kann nur gesprochen werden, wenn deutlich ist, von welcher Stufe aus das Schwinden beobachtbar ist. Von welcher Stufe aus wird das gegenwärtige Leben als Schwundstufe sichtbar? Schwundstufen scheinen ein „so war es einmal“ voraus zu setzen. Die Stufe, im Vergleich zu der das Schwinden wahrnehmbar wird, liegt bei zeitlicher Betrachtung in der Vergangenheit, bei prinzipieller Betrachtung auf dem Niveau des Idealen. Wer den Schwund festmachen will, wendet den Blick, so scheint es, zurück oder nach oben. Es ist die Vergänglichkeit, die die Wendung des Blicks hervorruft: so war es einmal, als alles noch besser war, als es jetzt ist. Im Ernst? Machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir nur die Fallstrecke der Vergangenheit oder die Fallhöhe des Ideals für das Maß des Besseren, Wertvolleren erachten?

Die Schwundstufe beruht auf einem Vergleich. Für die Bestimmung der Schwundstufe ist zu fragen, worauf das Vergleichen zielt. Geht es um messbare Quantitäten, dann bietet sich eher der Begriff der Minderung an, nicht der des Schwundes. Gemindert ist das Bruttosozialprodukt, der Zustand der Brücken und Schulhäuser. Schwund markiert eher die qualitative Differenz: das intellektuelle Niveau vieler Debatten und derer, die sie führen, die integrative Toleranz, das Bewusstsein des Wertvollen. Schwund ist das Fehlen des Essentiellen, des Humanen, der verantworteten Reflexion, des Mutes zur Freiheit.

Um also Schwundstufen zu bestimmen, bedarf es der qualitativen Perspektive. Perspektive ist anders als der Blick, der zu sehr im Augenblick spielt. Perspektive, die Hinsicht, arbeitet mit der Weile. Sie ist gründlicher als der Augenblick. Sie verweilt bei dem, worauf sie hinblickt. Sie versucht im Zusammenhang, wenn möglich sogar in der Entwicklung zu sehen. Sie stellt Beziehung zwischen dem Standpunkt des Sehens und dem, worauf hingesehen wird, her. Die Perspektive bezieht den Sehenden in den Prozess des verweilenden Hinblicks mit ein. Wer sich seines Standpunkts nicht sicher ist, tut sich mit der Hinsicht schwer. Das Zählbare, Messbare und Wägbare verliert dabei an Wichtigkeit. Die Bedeutung, die prinzipielle und die relative, gewinnt an Gewicht. Welche Bedeutung hatte etwas, welche hat es jetzt? Welchen Wert hatten Sprache, Bildung, Kultur, Ethos einmal, welchen haben haben sie jetzt? Was wurde anders?

Auf dem Weg der Perspektive gewinnen wir Einblicke in die Veränderungen auf eine Weise, die nicht nach besser oder schlechter fragt. An den Veränderungen interessiert vor allem das, was anders wurde. Anders sein kennt viele Formen. Wann wird anders sein zur Schwundstufe? Dann, wenn in der Veränderung etwas Essentielles geschwunden ist. Wenn die Veränderung dem, was als anders erkannt wird, das entzogen hat, was ihm Bestand, Eindeutigkeit, Selbstzugehörigkeit verlieh. Zwar ist noch erkennbar, was es ist, aber eben in schwundstufenhafter Weise.

Um den Gedanken zu konkretisieren: 

Ich höre gerne Musikeinspielungen. Am liebsten sind mir analoge, auf Vinylschallplatten gepresste Aufnahmen. Der Klang von Stimmen, Instrumenten, der Mischklang von Ensembles wirkt von der LP wiedergegeben gefüllter, natürlicher, runder, fließender, musikalischer. Wenn ich in einem Streamingdienst eine Einspielung anhöre, dann nehme ich die Musik anders wahr. Zweifellos sind die Stimmen, die Instrumente, die Ensembles identifizierbar. Ihnen fehlt aber die Musikalität, das Lebendige, im Grunde die Substanz im Vergleich zur LP-Einspielung. Was ich über Streaming höre, ist die Schwundstufe einer Musikeinspielung. Es geht nicht um schlechter oder besser. Es geht um das Essentielle im Gehörten, das ausgedünnt, verkürzt klingt.

Passen wir uns allmählich an die Schwundstufen an, indem wir uns an die digitalen Replikationen des Realen gewöhnen? Ein Avatar ist nicht der Mensch, den er repräsentiert. Er ist nicht ich. Die virtuelle Realität ist eine andere Realität als die uns umgebende. Sie steht in einem konstruierten Verhältnis zu uns. Sie setzt den digital-technischen Zugang voraus. Virtuelle Realität wird durch digitale Verfahren und Prozesse erzeugt, auch wenn sie Umgebungsrealität abbildet.

Ein anderes Beispiel für die Schwundstufe entstammt einem sozial sensiblen Bereich.

Der Pflegeroboter, der zunehmend Aufgaben übernimmt, die von menschlichen Pflegenden nicht mehr geleistet werden können, ist für bestimmte Aufgaben programmiert. Auch zum Roboter können, bestimmte Ausstattungen vorausgesetzt, durchaus haptische, visuelle, akustische Interaktionen aufgebaut werden. Der Roboter lernt dazu. Dennoch bleiben die Interaktionen mit ihm Schwundstufen zwischenmenschlicher Beziehungen. Es fehlt die Dimension der Begegnung, die in den einander Begegnenden deren Wertbild anklingen oder aufleuchten lassen kann. Die Ahnung dessen, was eine, einer noch werden kann, wenn sie, er sich für diese Seinsbereicherung entscheidet. Eine Interaktion ist die Schwundstufe einer wertvollen, achtsamen, intersubjektiven Begegnung. 

Immer umfänglicher ist unser Leben von Schwundstufen geprägt. Deshalb muss das Leben nicht schlechter als früher einmal sein. Es ist anders und es verändert nicht nur sich, sondern auch uns. Wenn wir Konzerte in perfekten Übertragungen miterleben, wenn wir uns mithilfe audivisueller Brillen in unbereisten Regionen bewegen, lernen wir dann die unverstellte Wirklichkeit dessen, was wir gerade erleben, kennen? Verdoppelt sich nicht durch das digital unterstützte Erleben das Eindrückliche? Denn auch die digitalen Bilder des Wirklichen unterliegen den psychischen Prozessen von Wahrnehmung und den rationalen der Erkenntnis. Wir gewinnen Bilder von digitalen Bildern und entfernen uns immer weiter aus der Unmittelbarkeit. Könnte das auch ein Erklärungskontext dafür sein, warum Fakten und Fakes immer schwerer unterscheidbar sind? Vielleicht liegt dies nicht nur an der Perfektion der digitalen Methoden, sondern auch an der schwundstufenhaften, durch Virtualität veränderten menschlichen Wahrnehmung? Werde ich mich bei einer virtuellen Bergtour schwitzend, keuchend, durstig wie während einer realen wahrnehmen? Welches Ziel verfolge ich mit der virtuellen Reise? Welches mit einer tatsächlichen? Führt die Gewöhnung an die Schwundstufen des Lebens auf Dauer zur Veränderung dessen, was Erleben, Erfahrungen, Reflexion sind – mit Folgen für unseren Realitätsbezug, die wir noch nicht absehen können?

Beides: Wir in Deutschland erleben uns auf einem nicht mehr gewohnten Minderungsweg – und wir leben längst in der Dynamik der Schwundstufen. Entscheidend wird sein, was uns gewichtiger angeht, was unser Bewusstsein von uns selbst und nicht nur unser Selbstbild verändert und wohin die Veränderungen zielen.