Die vertraute Weltordnung scheint sich aufzulösen. In Europa finden sich Frankreich und Deutschland in der Krise. Das Putin-Regime in Russland setzt sich über die politische Ordnung in Europa hinweg, führt einen fast drei-jährigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. China und Nordkorea ermöglichen Russland den Krieg aufrecht zu erhalten. Im Nahen Osten verändern sich die politischen Verhältnisse durch den Krieg Israels in Gaza und im Libanon. Der Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon nach einer massiven Schwächung der Hisbollah-Miliz und dem handstreichartigen Sturz der Assad-Diktatur in Syrien erschüttert den Iran. Wenn die Hinweise auf die Intervention der Türkei bei der Beseitigung des Assadregimes sich erhärten, dann wurden zwei Mächten mit weitreichenden überregionalen Ansprüchen, Russland und Iran, deutlich ihre Grenzen aufgezeigt. Zugleich entsteht mit BRICS neben der G-7- und G-20-Gruppe ein von Russland betriebener neuer Zusammenschluss von Ländern, zu dem auch viele der ökonomisch und militärisch aufstrebenden Nationen wie Indien, Brasilien, Südafrika gehören. Mit Ungewissheit blickt die politische Welt auf die neue Präsidentschaft in den USA. All das enthält Hinweise darauf, dass die politische und ökonomische Weltordnung seit 1945 – geprägt von den USA, NATO, Europäischer Union, Japan – sich auflöst. Mit China und den BRICS-Staaten deutet sich eine multipolare Weltordnung an. Welche Wege wird sie öffnen, welche schließen sich? Oder allgemeiner: Wohin entwickelt sich unsere Welt in der kommenden Zeit? Stehen wir von einem epochalen Umbruch der Weltordnung, angesichts dessen derzeitige Konflikte und Kriege, ökonomische Verwerfungen als Teil der Suchbewegungen danach zu lesen sind, wie sich die kommende Weltordnung gestaltet?
Eine lange Einleitung zu den folgenden Überlegungen, die sich der „gefährlichsten Frage“ nach dem Sinn der Endlichkeit im vorangegangenen Blogbeitrag anschließen. Auch die vorliegende Reflexion ist, wie schon der letzte Beitrag, angeregt durch die Lektüre des Mangas „Buddha“ von Osama Tezuka.
Dem heranwachsenden Prinz Siddharta stellt sich die Frage aller Fragen nach dem Tod und seiner Bedeutung für das Leben in immer drängenderer Form, je bewusster er seine Lebenswelt erlebt. Eine Konsequenz leitet Siddharta aus der Einsicht in die Sterblichkeit und Endlichkeit von Mensch und Natur ab. Der allen Menschen bevorstehende individuelle Tod entlarvt die hierarchische und zugleich hieratische Ordnung der Kasten als menschengemacht, künstlich und der Würde des Menschen entgegen. Denn alle Menschen gleichen sich in ihrer individuellen Sterblichkeit. Weil jene für jeden Menschen gilt, gleich ob er in oder außerhalb des Kastensystems lebt, ist sie universal. Die Universalität der Endlichkeit alles Welthaften – und nur dieses ist wahrnehm- und beobachtbar – erübrigt jegliche Hierachie in der Menschheit und der Natur. Der späte Buddha wird von der Verbundenheit aller mit allem predigen. Er geht damit weit über den am Anfang der mitteleuropäischen Aufklärung durch J. Locke oder Th. Hobbes apostrophierten Naturzustand hinaus. Jene schrieben dem Natürlichen den Konflikt als Grundgesetz ein.
Buddha entgeht in seiner Anschaung der universalen Verbundenheit als Sterblichkeit des Menschen und als Endlichkeit des Natürlichen philosophischen Begründungsdilemmatas, die durch die Prinzipiensuche entstehen. Die griechische Philosophie, bereits die vor Sokrates, sieht in der Suche nach den „archai“, nach dem alles begründenden Prinzipienzusammmenhang ihre zentrale Aufgabe. Im Unterschied dazu erlebt Buddha das Leben und die Welt in jungen Jahren, als Wandermönch Siddharta, unter dem Aspekt von Alter, Krankheit und Tod. Er nimmt diese Erfahrungen in der Frage auf: Welchen Sinn hat es, wenn Menschen einander und anderes Leben töten, wenn der Tod ohnehin allem beschieden ist? Krieg und Kampf, ebenso die Ausbildung dazu, resultieren für ihn aus lebensfeindlichen Grundbedürfnissen des Vergleichens, des hierarchischen Ordnens, des Ein- und Aufteilens. Siddharta will keinen Kampf: „Ich will nicht kämpfen.“ (Buddha, Bd. 4, S. 228) Noch freilich verfügt er nicht über die geistigen Mittel, sich gegen aufgezwungenen Kampf zu wehren. So bleibt Siddharta weiterhin mit Kastenordnung und Einteilungen des natürlichen Lebens konfrontiert.
Wie kann er seinen spirituellen Weg vervollkommnen? Er baut auf die Erfahrung und deren Meditation. Was er nicht erleben kann, scheint ihm auch meditativ nicht durchdringbar. Deshalb geht er mit seinem engen Begleiter Dnepa den Weg der Askese. Ihr gegenüber wird er zunehmend skeptischer: „Die Askese ist sinnloses Leid. Welchen Gewinn sollte die vorsätzliche Zerstörung des Körpers bringen?“, frägt Siddharta. Sein Gefährte Dnepa hält ihm als Grundsatz der Askese dagegen: „Gerade im Leiden findet der Mensch tiefe Wahrheit.“ Mit dem Begriff „Leiden“ gibt Siddharta seiner Kritik des Kampfes einen Rahmen. Grundbedürfnisse, die den Menschen in den Krieg mit seiner Lebenswelt schicken, schaffen Leid. Dennoch: Siddharta lässt sich auf den „Wald der Askese“, Uruvela, ein. Nicht lange, dann bricht die Frage aller Fragen diesmal mit einer konkreten Folgefrage verbunden auf: „Warum müssen Menschen sterben? Warum gibt es Kasten?“ (Buddha, Bd. 5, S. 91) Die Kaste wird zum Inbegriff des Unterschieds zwischen den Menschen. Sie erzwingt den äußeren Kampf der Überlegenen gegen die Ausgestoßenen. Die Askese erscheint Siddharta als Leid, das Menschen sich selber zufügen, um es zu bestehen. Sie führt letztlich in den Kampf des Einzelnen gegen sich selbst.
„Menschliches Leid hat andere Gründe. … Was ist mit Krankheit? Armut? Diskriminierung?“ (Buddha, Bd. 5, S. 92) Die Fragen an die asketische Erfahrung konkretisieren den Begriff des Leides. Leid ist dem Menschen natürlich. Das zentrale Leid ist der gewisse Tod. Zusätzlich fügt der Mensch sich und anderen systemisches Leid zu. Im späteren Buddhismus werden daraus die sog. „zweiten Pfeile“, die Menschen auf sich selber abschießen. Systemisches Leid ist die Folge von Diskriminierung, also ungerechter und unrichtiger Ordnung, in der Menschen übereinander und die Lebenswelt verfügen. Das führt zu Vorurteilen, die Konflikt, Kampf und Krieg auslösen, weil Menschen sich gegen Menschen aufbringen lassen. Wie kann der Mensch sich aus dem Leid herausarbeiten?
Was ich in der Einleitung zu diesem Text zusammenstellte, handelt von Krieg und Krise, handelt von gegenwärtigem menschlichen Leid. Wieviele Menschen trifft dieses Leid der Kriege in der Ukraine, in Gaza, bis vor kurzem im Libanon? Schwere Zerstörungen machen das Leben in den Kriegsgebieten für Millionen Menschen unmöglich. Der Überlebenskampf lässt Menschen verzweifeln, weil der individuelle Einsatz dem Umfang der Beschädigungen der gesamten Lebenswelt kaum etwas entgegensetzen kann. Vertrauen zerbricht, sowohl das in das gewohnte Leben, wie auch das in politische Bündnisse und deren Versprechen. Das Vertrauen in die humanitäre Unterstützung und in die persönlichen Überzeugung davon, wie auch unter kritischen Bedingungen Leben lebbar bleibt, ist schwerst erschüttert. Ob in Israel oder im Libanon, zunehmend mehr in der Ukraine. Krieg und Kampf erscheinen anfangs als Ausweise der Selbstwirksamkeit von Nationen, Interessensgruppen. In der Perspektive des späteren Buddha beruht das auf einem Irrtum. Krieg und Kampf stellen nie Verbumdenheit her, nicht einmal deren Schwundstufen wie Gerechtigkeit, gesellschaftliche oder politische Ordnung. Krieg und Kampf führen direkt zum Leid aller daran Beteiligten. In der Schlacht geht es um Leben und Tod für alle unmittelbar Beteiligten und die Menschen, um deretwillen gekämpft wird. Auch sie verlieren Angehörige, die Lebenswelt, den Alltag. Krieg schafft Leid, nichts anderes. Dies erlebt Siddharta in den Kämpfen der rivalisierenden Regionalkönige, zu denen auch sein Vater gehört.
Eines Tages wird Siddharta an das Sterbebett einer jungen Frau gerufen, die ihm als Mädchen nach einer längeren, sehr strengen Askeseübung das Leben rettete, Sujata. Der Biss einer Kobra vergiftet sie. Siddharta steht betroffen und ratlos vor dem Sterben seiner Lebensretterin: „Sie liegt im Sterben. Wie soll ich das Leben dieses armen Mädchens retten? … Warum kann niemand dem Tod Einhalt gebieten?“ (Buddha, Bd. 5, S. 203, 204). Auch hier geht es um Leben und Tod. Siddharta erinnert sich daran, dass er dazu fähig ist, sich mit anderen Lebewesen zu verbinden. Die mitfühlende Verbundenheit ermöglicht ihm, sich mit der Welt der Sterbenden zu verbinden. Er trifft in dieser Welt auf „Brahma“ (Buddha, Bd. 5, S. 212), die Einsicht in die „Gesamtheit von Himmel und Erde“, die einem umfassenden Lebewesen gleicht (Buddha, Bd. 5, S. 213). Sujata ist in diesem Leben aufgegangen und Siddharta lässt das so sein. Er vertraut darauf: Sujata findet im Leben ihren Weg. Nicht den der Intentionen Siddhartas.
Was können wir daraus für die Kriege und Krisen unserer Tage ableiten? Können wir überhaupt etwas daraus ableiten? Siddharta will die sterbende junge Frau retten. Er geht dafür nicht den funktionellen Weg eines Therapeuten. Ihm war klar, dass er den Tod nicht aufhalten kann. Und er hat den Mut für das Außergewöhnliche, sich mit der Sterbenden zu verbinden. In der Verbundenheit geht ihm das Leben auf. Verbundenheit statt Widerstand, das ist die existenzielle Strukturformel für den Umgang mit Krieg und Krise. Denn die Verbundenheit respektiert das Leid und die Leidenden, es nimmt die Gewalt des Krieges und die Bedrohlichkeit der Krise ernst. Der Anker der Verbundenheit ist das Leben, wie sich zeigt.
Nur Lebendiges ist selbstwirksam. Wer auf Vernichtung setzt, der untergräbt die eigene Selbstwirksamkeit. Nichts Schlimmeres in Krieg und Krise gibt es, wie die Selbstwirksamkeit dadurch zu untergraben, dass man auf die Vernichtung des anderen setzt. Denn eines verbindet den anderen, den Drohenden, den Feind mit einem selbst: der persönliche Tod. Nichts ist widersinniger, lernen wir vom Buddhismus, als andere zu vernichten, dem Sterben durch den Einsatz von Gewalt und Waffen vorzugreifen. Denn Gewalt schmälert immer die Grundlagen des Lebens.
Damit sind wir beim Kern dieser Reflexion angelangt. Krisen und Kriege sind ein Ausweis von Unverbundenheit der Menschen unter einander. Deshalb ist es ein unverzichtbarer Weg, diese Unverbundenheit wieder mit Verbundenheit und damit mit Leben in Berührung zu bringen. Dafür braucht es, wie die Geschichte von Siddharta zeigt, gelegentlich den Mut zum Außergewöhnlichen. Jenes findet nicht in einem „Deal“ statt, sondern darin, sich, statt zu vernichten, mit dem Leben zu verbinden, also in der existenziellen Entscheidung. Im kleinen privaten wie auch im globalen öffentlichen Raum sollten wir den Menschen eine Chance geben, die sich für das Leben entscheiden und dabei ganz in ihm aufgehen. Aus dem, was sich darin zeigt, kann dann das Recht, die Vereinbarung, der Vertrag, das ganze Schwundstufenwesen der Verbundenheit formuliert werden. Verbundenheit im Leben schaffen, weil wir im Sterben ohnehin mit einander verbunden sind, könnte den Weg einer veränderten Weltordnung geben, den wir uns zu suchen aufmachen. Leider zu oft mit lebensfeindlichen Mitteln.
Tezuka, O. (2013): Buddha. Band 5: Die Askese. Carlsen