Das Jahr 2024 beschließen.

Weihnachtsgrüße und Neujahrswünsche werden üblicherweise mit einander versandt. Zwischen Weihnachten und Neujahr sprechen wir von der Zeit „zwischen den Jahren“. Es ist ein Ritual der evangelischen Kirchen, jene Zeit für den Beschluss des Jahres zu nutzen.

Beschluss meint, das Jahr abzuschließen. 365 Tage Leben enden am Silvestertag. Ich nehme mir Zeit, einen Blick auf die Tage des Jahres zu werfen. Carolin Emcke (2023) empfiehlt für den chronologischen Blick die Strategie der Verlangsamung. Der verlangsamte Blick lässt Einzelnes für sich stehen. Er nimmt den Ereignissen ihre Zwangsläufigkeit, in der wir sie häufig sehen. Die Sicht auf einzelne Ereignisse wird scharf gestellt. Sie werden für sich selbst ernst genommen. Das ist wichtig für den jahresbeschließenden Blick. Dessen Verlangsamung verhindert den falschen Zusammenhang, in dem ich gewohnt bin, Erlebtes, vor allem unangenehm Widerfahrenes, was mir zuwider war, einzufügen. So werden Zusammenhänge als Verhängnisse im Gedächtnis abgelegt. Verhängnisketten haben, darauf weisen Psychotherapeuten hin, die unangenehme Eigenschaft, zu belastungsfördernden und leiderzeugenden Deutungsmustern des Erlebten zu werden. Keine guten Mitnahmen ins neue Jahr!

Beschluss meint auch, mich zu Erlebtem, Getanem, zu Versäumten zu stellen. Die Zeit des Jahres 2024 ist mit dem Silvestertag meiner Lebenszeit eingeschrieben. Ob ich das so will oder nicht. Was ich gelebt habe, kann ich nicht ungelebt machen. Ich vermag zu vergessen, die Erinnerung an manches Widerfahrnis oder Versäumnis zu vermeiden. Unerinnertes wird nicht ungelebt. Es gehört zum Bestand meiner Vergangenheit, mithin zu meiner Wirklichkeit. In der Lebenswirklichkeit treffe ich auf eine weitere Dimension, die der Theologe Johann B. Metz (1928 – 2019) das Vermissen nennt (Metz 2017). Was vermisse ich, wenn ich mit dem für das Einzelne verlangsamten Blick auf das Jahr 2024 schaue? 

Dem Vermissen begegne ich in den Zeiten, in denen ich aufgeschreckt wurde. Eine Wirkung meines Lebens, mit der ich nicht rechnete, ein Ereignis, das mich unvorbereitet traf, das konfrontiert mit dem Vermissen. Ich vermisse den umfassenden Blick, den klugen Rat, meine Einsicht in das Gefüge, Ordnung, Verlässlichkeit. Vielleicht fühle ich mein Vermissen noch komplexer. Vielleicht vermisse ich den Sinn der einen oder anderen Lebensentwicklung? Vielleicht erschließt sich mir auch am Ende des Jahres so manches Geschehen von gesellschaftlicher und politischer Relevanz immer noch nicht. Vermissen scheint auf Erklärungen zu drängen, auf die Frage nach dem Warum. Was aus Gründen erklärbar ist, gewinnt den Anschein von Sicherheit.

Wer vermisst, dem ist etwas abhanden gekommen, oder es stellte sich nicht ein, was und wen er erwartet hatte. Vermissen öffnet eine Lücke in der Lebenswelt. Ich kann jene beklagen, betrauern, um mir das Lückenhafte meines Lebensjahres in Verstand und Gefühl deutlich erfahrbar zu machen. Oder ich öffne diese Lücken bewusst der Hoffnung. Hoffnung führt immer ein wenig anarchisches Potential mit sich. Sie ist zwischen den Plänen, den Erwartungen und den Tatsachen angesiedelt. Die Hoffnung lebt vom Zwischenspiel zwischen dem Chaotischen, das durch sie kreativ wird, und dem geordneten Kosmos, der Verlässlichkeit begründet (Böhringer, 2023). Wer plant, hofft mindestens noch, dass der Plan aufgeht. Wer Erwartungen hegt, der traut dem Hoffnungspotential, das in den Erwartungen liegt. Manchmal bleibt nur noch das Hoffen wider alle Hoffnung, das Vertrauen in den anarchischen Durchbruch. Hoffnung setzt Energie frei, nicht nur die zum Handeln, sondern auch die des Aushaltens, bis sich die Hoffnung erfüllt. Die Lebenszeit der Hoffnung liegt zwischen Erwartung und Erfüllung, dem, was noch nicht ist, und dem, was sein kann. So beschrieb Ernst Bloch (1885 – 1977) es in seinem Prinzip Hoffnung (1959). Vielleicht verweist das, was ich in 2024 vermisste, voraus auf das, worauf ich in 2025 hoffen kann? Vielleicht tritt das, worauf ich hoffe, ein? Wird vom utopischen Noch-nicht zum Topos, zum Ereignis in Zeit und Raum?

Jahresbeschluss ist Abschluss und Beschlussfassung in einem. Wenn es mir nur schwer gelingt, zu dem, was war, zu stehen, fällt es schwer, das Jahr 2024 zu beschließen. Die Reste, die Lücken werden mich im neuen Jahr wieder aufstören, werden mitunter zu neuem Vermissen führen. Beschließen kann ich das Jahr auch, wenn ich nicht alles im Jahresbeschluss vergegenwärtigen, klären oder integrieren konnte. Dass dies so ist, dass immer Lücken bleiben, erinnert mich an die Endlichkeit des Lebens. Niemand, außer vielleicht ich selbst, verlangt von mir, dass alles im Reinen sein muss. Den Mut zur Lücke, die Hoffnung leben, heißt, das Jahr in seiner Endlichkeit ernstnehmen und annehmen. Wie würde eine frühere Patientin mit sonorer Stimme sagen? Das ist Leben.

Quellen:

Böhringer, H. (2023): Lücken im Verhau. Matthes & Seitz

Bloch, E. (1959, 3. Aufl. 1979): Prinzip Hoffnung. Drei Bände. Suhrkamp

Emcke, C. (2023): Für den Zweifel. Gespräche. Fischer

Metz, J. (2017): Memoria passionis. Gesammelte Schriften, Band 4. Herder