Fremdland

„Es reicht!“, ruft Herr Söder, Ministerpräsident. „Das Maß ist endgültig voll.“, skandiert Herr Merz, Kanzlerkandidat.

Am 22. Januar 2025 greift ein Mensch mit einem Messer eine Kindergartengruppe in einem öffentlichen Park in Aschaffenburg an. Ein zwei-jähriges Kind tötet er, ebenso einen Erwachsenen, der sich schützend vor die Kinder stellte. Zwei Menschen werden schwer verletzt. Viele Menschen sind unmittelbar durch die Tat betroffen. Eine Familie verlor ihr junges, zwei-jähriges Familienmitglied, das Kind, das Geschwister, das Enkelchen. In der Kindergruppe bleibt auf einmal ein Platz leer. Eine andere Familie verlor den Partner, Vater, Bruder. Im Betrieb erscheint ein Mitarbeiter nie mehr. Freunde verloren einen Freund. Andere Familien sorgen sich um die Rekonvaleszenz der schwerverletzten Angehörigen. Die einen sind schockiert, vielleicht traumatisiert angesichts des unvorhergesehenen, unerwarteten plötzlichen gewaltsamen Sterbens. Andere trauern zutiefst, weil geliebte Menschen einfach weggerissen wurden aus der Lebensgemeinschaft und dem Leben. Die Vielen trauern angesichts des brutalen Einbruchs der Sterblichkeit in den Alltag durch diese Tat.

Trauer ist das uns Menschen natürliche Verhaltensprogramm zur Bewältigung von Verlusten. Weil Verluste etwas persönliches und wir Menschen Individuen sind, gibt es viele Formen der Trauer. Die Sprache der Inuit kennt 26 Wörter für Schnee. Für Trauer haben wir nur dieses eine Wort (Smeding, 2004). Dabei hat Trauer viele Gesichter: Fassungslosigkeit, Nichtwahrhaben, Getroffensein, Schmerz, Niedergeschlagenheit, Aufbäumen, Betriebsamkeit, Starrheit, Weinen, Schreien, Verstummen, Rückzug … Jedes Gesicht der Trauer darf sein. Jedes Gesicht der Trauer ist unvergleichbar, einzigartig. Und: die Gesichter verändern sich. Wer gestern noch laut klagte, ist heute verstummt. Wer heute fassungslos vor dem Verlustgeschehen steht, den schüttelt morgen vielleicht die Wut. Trauer entzieht sich der Wägbarkeit. 

Über Trauer zu sprechen, ist schwer. Die Worte für das Erlebte müssen erst gefunden, der Wortschatz erst erlernt werden (Riedel, 2022). Das braucht Zeit. Deshalb entsetzt mich die hektische, aktionistische Sprache der Politik – gerade jetzt, wenige Tage nach dem furchtbaren Attentat. Dieses Ausstoßen politischer Parolen zur Sicherung vor den Tätern, die das andere Wesentliche vergessen: Es haben viele Menschen einzelne aus ihrer Mitte verloren, urplötzlich und auf eine nicht nachvollziehbare und brutale Weise. Viel zu viele Politiker:innen stürzen sich auf die Tat, versuchen, auf sie zu reagieren, und instrumentalisieren sie. Durch Fünf-Punkte-Programme, wie Herr Merz, durch Vorlagen an den Bundestag wie die CDU/CSU-Fraktion, durch Hetzparolen wie die AfD. Darin kommen die Trauernden nicht vor. Alles bezieht sich auf den Täter, der sofort einer bestimmten Struktur krimineller Migranten zugeordnet wird. Sie alle will unsere Gesellschaft abschieben, nicht ins Land lassen.

Je öfter von „all denen“ gesprochen wird, entsteht die Suggestion einer riesigen Anzahl bis hin zur voreiligen Generalisierung auf „alle die“. Der Täter von Aschaffenburg ist in dieser Rede kein Mensch, sondern ein Afghane. Afghanen sind Muslime. Der Islam der Afghanen ist talibanisiert und islamistisch. Welche Realität bleibt dem Täter, der trotz allem ein Mensch ist, angesichts all der Generalisierungen? Und umgekehrt wird der Täter zur Bestätigung dessen, was „wir“  über „diese Afghanen“, „diese Muslime“, „diese illegal Zugewanderten“ wissen? Ist das das politische Gesicht unserer Trauer? Den Anlass der Trauer, diese Tötungen, die Täter, abzuwehren, abzuschieben, nicht zuzulassen, gar nicht mehr hereinlassen? Wie ist das im konkreten Fall des Menschen von Aschaffenburg mit der mutmaßlichen psychischen Erkrankung? Wie ist das mit den ambivalenten Erfahrungen, die er mit den deutschen Behörden machte? Wie ist das mit seiner Ausreisewilligkeit, die nach Monaten noch immer zu keiner Ausreise führte? 

Das sind keine „woken“ Entschuldigungsversuche für eine nicht entschuldbare Tat und auch keine Entschuldigung des Täters. Aber die Fragen zum Täter betreffen den Unterschied zwischen Betrauerbarkeit und Unbetrauerbarkeit in der politischen Debatte. „Betrauerbarkeit ist ein Definitionsmerkmal von Gleichheit.“ (Butler, 2021, S. 138) Würde der Täter, wenn er das Opfer einer Attacke wäre, überhaupt betrauert werden – oder wäre er maximal Gegenstand einer Nachricht? Worauf ich damit hinweisen will, ist, dass der politische Aktionismus, vor allem der christlich-konservativen Parteien, angesichts der Attacke in Aschaffenburg und auch in anderen Städten in jüngst vergangener Zeit, der Lage nicht gerecht wird. Einige der Vorschläge zur Steuerung der Migration sind vor dem Recht zumindest fragwürdig. Sie drohen den Gleichheitsgrundsatz zu verletzen, das Asylrecht auszuhöhlen, europäische Gesetze und Vereinbarungen zu ignorieren. Uns wird gerade vorgeführt, wie opportunistisch einige Parteien geneigt sind, demokratische Grundregeln nach Meinungslage umzudeuten, zu marginalisieren und einfachhin zu übergehen. Es ist wirklich der Umgang mit Migration, vor allem mit den zuwandernden Menschen in unser Land, nach Europa neu zu gestalten. Wie weit geht das Recht auf Asyl? Können wir heute Asyl nur politisch verstehen? Bedarf es angesichts der Klimaveränderung möglicherweise einer erweiterten Definition des Asylbegriffs? Wann und wodurch verwirken Zuwanderer den Aufenthaltsschutz? Wovor muss die Gesellschaft sich schützen? Wie kann die Integration verbessert werden, so dass wir alle betrauerbar sind, wenn es uns nicht mehr gibt.

Was die CDU/CSU-Fraktion unter Inkaufnahme der Zustimmung der AfD und des BSW vorhat, erinnert verdächtig an den politischen Aktionismus, den D. Trump in beispielsloser Rücksichtlosigkeit gegenüber Menschen, Rechtslagen und demokratischen Grundsätzen gerade in Szene setzt. Unsere europäische Zukunft stelle ich mir anders vor. Ich möchte mich nicht mit einem Europa arrangieren müssen, das durch Übernahme demokratiezerstörenden politischen Agierens (das in meinen Augen kein Regieren ist) zum Fremdland wird, in dem nicht mehr alle Menschen betrauerbar sind. Jeder hat seine höchstpersönliche Würde – als Opfer, das in seiner Würde angegriffen, im schlimmsten Fall um sein Leben gebracht wird, und als Täter, der seine Würde entschieden nicht mehr lebt und mit den für ihn gerechten Folgen konfrontiert werden muss.

Quellen:

Butler, J. (2021): Die Macht der Gewaltlosigkeit. Über das Ethische im Politischen. (2. Aufl.), Suhrkamp

Riedel, C. (2022): Worte suchen helfen. Ignorierte Trauer – ein Impuls, in: Praxis Palliative Care Nr. 56/2022, S. 18 – 19

Smeding, R.M. (2004): Sechsundzwanzig Worte für Schnee, warum nur ein Wort für Trauer?, in: Lilie, U. & Zwierlein, E. (Hg.): Handbuch Integrierte Sterbebegleitung. Gütersloher Verlagshaus, S. 146 – 158