„Fra gli alberi fioriscono le pietre“

„In den Bäumen blühen Steine“. Das zauberhafte Buch von Cees Nooteboom (2023) über das skulpturale Werk von Giuseppe Penone begleitete mein Wochenende. Ich genoss das behutsame, sich einfühlende, tastende Schreiben, in dem sich ein Text manifester Kunst annähert. Penones Skulpturen entziehen sich in der Manifestation durch das fließende Sichverändern, das er in seinen Figurationen und Installationen auszudrücken vermag. „Wasser fließt langsam oder schnell, wie aber nennt man die langsame Verwandlung von Holz in einen Baum?“ (S. 10)

Der Autor lässt sich nicht nur auf den Bildhauer ein, er gibt sich seinem Werk hin. Er erlebt, wie sich sein Denken verwandelt, wie Gedanken ins Wort fließen, Worte in den Text. Wem es später gelingt, sich beim Lesen auf dieses Fließen, den Lesefluss, einzulassen, dem erhellt sich, was in den Text eingeflossen ist. Nooteboom zitiert dazu eine Beschreibung Penones bei der Arbeit mit Marmor: „Wenn man damit arbeitet, gibt es einen Moment, in dem er durchscheinend wird, Licht geht ein wenig durch ihn hindurch.“ (S. 14) 

Licht durch Marmor. Das klärt für mich eine persönliche Erfahrung mit einer Skulptur von Andrea Bianco, dem Bozener Bildhauer. Er schuf die Figur einer Frau aus grauem Marmor. Etwa 40 cm hoch. Als ich sie zum ersten Mal sah, fiel mir auf, dass sie zwar im Raum vorhanden ist, nie aber manifest. Sie wirkt wie im Erscheinen. Wir nannten sie Apparenza. Wo immer sie steht, gleich in welches Licht sie gesetzt wird, Apparenza ist als Erscheinende präsent. So, als ob das Licht sich gerade für den einen Blick in ihr manifestiert, und sie gerade in Erscheinung tritt. 

Penone schuf „trappole di luce“, Lichtfallen. Er spielt mit dem Licht und der Materie, deren Beziehung das Erscheinen ist. So, als ob das Licht in die Falle der Materie gerät, und sein Erscheinen hervortritt. Eben wie die Skulptur der Apparenza Marmor, sehr harte, feste Materie ist, in der sich Licht fängt, und die Frau erscheint, die sie darstellt. 

Wenn ich mich auf den Prozess der Lichtfallen und des Erscheinens einlasse, dann verändert das mein Wahrnehmen, mein Denken und letztlich meine Sprache. „Man muss selbst zum Fluss werden, um eine Skulptur aus Stein erschaffen: Der Stein wird gebrochen, bearbeitet, geschliffen vom Wasser, das sich in seiner reinsten Form zeigt. Das Wahrhaftigste und Vollkommenste von allem, was skulpturiert worden ist, ist ein Stein aus einem Fluss. Die Technik des Arbeitens ergibt sich aus der Beobachtung dessen, was der Fluss macht, dem Abschmirgeln, Schneiden, Schleifen mit dem Körper des Bildhauers, der den Stein in einer fließenden, fortwährenden Aktion umhüllt. Man muss ‚Fluss sein‘, um eine gute Skulptur aus Stein zu erschaffen.“ (S. 77) Das Eintauchen in den natürlichen Prozess lässt jenen als technischen erscheinen. Der technische Prozess erschließt sich wieder als natürlicher: Penones „ripetere“, wiederholen, vollzieht sich in wechselseitigen, auf einander bezogenen Dimensionen der technischen Natur und der natürlichen Technik. Heißt das, Natur und Technik beziehen sich aufeinander, sind ohne einander nichts?

Was Penone in seinem skulpturalen Schaffen anstrebt, ist mehr als der Bezug von Natur und Technik. Es will das „svolgere la propia pelle“, das „seine eigene Haut abrollen“ (S. 78). Im Abrollen vollzieht sich nicht zuerst Erkenntnis, sondern der Blick liegt ganz auf dem Sich-Erschließen. Erkennen setzt die Disjunktion von Subjekt und Objekt voraus. Es gibt das Erkannte und die Erkennenden. Sich-Erschließen hat eher mit der platonischen „theoria“ und dem „taumazein“ zu tun, dem Schauen und Staunen. Schauen vollzieht sich im Sich-Einlassen auf das, was ist, ohne dass sich Schauende vom Geschauten gleich unterscheiden; dann würden sie zu Erkennenden. Wenn ich mich einlasse auf das Schauen, dann rolle ich meine eigene Haut ab; ich überwinde die grenze zwischen Subjekt und Objekt, Innen und Außen. Das Schauen wirkt in mir und sich für mich aus. Was ich schaue, erscheint. Apparenza. Ich staune. In der Schau erscheint das Schauen zugleich mit dem Staunen. Nooteboom schlägt vor „svolgere la propia pelle“ mit „seiner eigenen Haut folgen“ (S. 78) zu übersetzen. Wer sich einlässt, folgt seiner eigenen Haut, allen Linien, Vertiefungen und Ausbuchtungen, den Schrunden und den weichen Partien; er „ist Fluss“, Fließen und Erschließen in einem. Im Folgen seiner Haut, rollt er sie ab, erscheint und ist auf diese Weise da.

Was bezaubert mich gerade jetzt an diesem literarischen Text über das Schaffen dieses ungewöhnlichen Künstlers? Es ist mehr als die sprachliche Annäherung des Schriftstellers Nooteboom an das skulpturale Schaffen Penones. Es ist nach einer Woche der politischen Verhärtung das Fließen, das Sich-Einlassen, das Erscheinen, das Staunen, die Bewegung von Wachstum und Veränderung. Hier löst sich alles Harte und Starre nicht dadurch auf, dass es revolutioniert wird, also umgewendet, vom Kopf auf die Füße oder von den Füßen auf den Kopf gestellt wird. Wenn auf den Bäumen Steine blühen, erscheint das Leben in langsamer Verwandlung, in der Holz zum Baum wird, Felsen zum Stein. Das lässt hoffen. Wenn ich mich auf das Harte, Starre einlasse, den Lichtfallen darin auf die Spur komme, dann erscheint die Verwandlung. Natürlich vollzieht sie sich in langsamer Zeit und will auch so technisch modelliert werden. Dem Harten auf seinen Fluss kommen, dem Festen auf sein Licht, das wäre doch eine Chance, das Erscheinen, das Präsens, die Gegenwart zu gestalten, in dem wir begreifen, was Veränderung natürlicherweise bedeutet. Dass Leben Veränderung ist und dem Denken fließendes, verwandelndes Wachstum abfordert.

Quelle:

Nooteboom, C. (2023): In den Bäumen blühen Steine. Die erdachte Welt von Giuseppe Penone. Suhrkamp (Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Buch.)