Es gibt Tage im Jahr, die mich zum Denken rufen. Mein Geburtstag ist einer davon. Ein anderer der Karfreitag. Ich verdanke ihn dem Christentum und der Theologie. Es ging wohl anderen auch so. Hegel thematisierte im Prozess des Geistes den „spekulativen Karfreitag“. Jean Paul ließ den „toten Christus vom Weltgebäude herab“ von seiner metaphysischen Enttäuschung künden. Nietzsche schickte, wohl den Karfreitag im Sinn, den „Tollen Menschen“ mit der Nachricht auf den Markt und die Straßen: Gott ist tot. Wir haben ihn getötet. Der Karfreitag ist nicht nur ein Gedenktag an das Sterben und den Tod des Jesus von Nazareth. Er zwingt geradezu zum Selbstdenken. Warum? Wozu?
Warum zwingt der Karfreitag zum Selbstdenken? Die Theologie vergrößerte den Anlass des Karfreitags in metaphysische, kosmische Dimensionen. Nicht ein Straßenprediger, von manchen als spirituelle Persönlichkeit und gar als der erwartete Messias gesehen, wurde in Jesus ben Joseph dem Mann aus Nazareth, mit römischer Perfektion hingerichtet. Theologisch gesehen starb in Jesus Gott selbst. Das Skandalon dieses Todes, nämlich die Intrige der Hohenpriester, der unsaubere Prozess vor drei Instanzen und schließlich die Entscheidung des sog. Volkes, nicht den nachweislichen Verbrecher, sondern Jesus zu kreuzigen, wird dadurch geradezu marginalisiert, dass bereits das Markusevangelium, das älteste der vier Evangelien, Gottes Tod im Tod Jesu zu sehen versucht.
Was heißt das dann: Gott ist tot? Philosophisch gesehen ist der Tod Gottes das Ende aller Metaphysik. Hinter der physischen Welt gibt es kein Metá, das auf eine der physischen Welt zugrundeliegende und zugleich entzogene Arché, ein theogones Ursprungsgeschehen, ein absolutes, letzhinniges Prinzip verweist, das den Kosmos, den Prozess der Geschichte, das Individuum mit Sinn versorgt. Das Sein und das Denken haben keine transzendente Begründung mehr. Die metaphysische Legitimation der Wahrheit entfällt. Für die Welt, den Menschen und seine Geschichte bedeutet das: er ist auf sich selbst gestellt, ent-bunden von aller Erwartung, das da Eine, Einer, Eines ist, das als die oder das „Bergend-Gründende“ (M. Seckler) für ihn und seine Projekte ein- und geradesteht, die oder der im Zweifel für ihn denkt oder ihm die Wahrheit offenlegt. Mit dem Karfreitagsgeschehen heißt es: Selbst ist der Mensch. Und Nietzsches Toller Mensch erinnert daran: Wir Menschen haben eigenhändig dafür gesorgt, dass es so ist. Gott ist tot und begraben. Die Folge: Wir Menschen entrinnen damit unserer Endlichkeit und Sterblichkeit nicht mehr. Tot ist wirklich tot. Sonst nichts. Das muss erst einmal anerkannt und ausgehalten werden.
Es ist interessant, wie die Menschen, die Jesus folgten, mit seinem Tod, mit dem radikalen Abbruch metaphysischen Sinnvertrauens, umgehen. Der Männerkreis um Jesus zieht sich hinter verschlossene Türen zurück, aus Angst davor, dass auch sie aufgegriffen werden könnten. Die Frauen, die Jesus nahe waren, organisieren eine Grablege, kümmern sich um die Bestattung des Leichnams. Zwei von ihnen wachen am Grab. Liebe und Pragmatismus liegen im Frauenkreis nahe beieinander. Das ist immer wieder sowohl in der Tradition des Alten wie des Neuen Testaments zu beobachten. Die Frauen gehen mit den Gegebenheiten pragmatisch um: Sara, die im Blick auf Nachkommenschaft altersskeptische Frau Abrahams; die zu Unrecht verschrieenen Töchter des Noah, die mangels in der Sintflut umgekommener Männer, mit dem betrunkenen Vater Nachkommen zeugen, damit die Geschichte weitergeht; Judith, die durch einen Mord für die Befreiung Israels aus persischer Abhängigkeit sorgt, Maria aus Magdala, die sich über alle Grenzen hinweg Jesus anvertraut. Der Pragmatismus biblischer Frauen nährt sich von der Liebe zum Leben.
Wozu der Tod Gottes?, ist die andere Frage. Der Tod Gottes stellt uns Menschen auf uns selbst. Es erscheint mir wichtig, diese Aussage zu entdramatisieren. Die Bilder Jean Pauls und Friedrich Nietzsches von der leeren Weite des Alls, von der losgeketteten, taumelnden Welt, vom weggewischten Horizont verraten in aller Ent-bindungsdramatik die Trauer über den Verlust von Absolutem, von Metaphysik, von Göttlichem, von Gott. Ist der Mensch, auf sich selbst gestellt, wirklich so arm dran, so verloren?
Immer wieder komme ich, wenn es um den Menschen geht, auf Viktor Frankls Definition des Menschseins zurück: Der Mensch ist das Wesen, das entscheidet, was es ist. Mensch sein heißt, sich der persönlichen Freiheit und zugleich der persönlichen Verantwortung bewusst zu werden und zu sein. Dieses Bewusstsein motiviert zu entscheiden und zu handeln. Ziel der Entscheidung und des Handelns ist, für das, was gerade zu leben ist, die jedem Menschen in seiner Lage einmaligen und einzigartigen Sinnmöglichkeiten auszuloten und das Sinnvollste umzusetzen. Dabei ist dem Menschen bewusst, dass er in der Zeit und auf Zeit lebt. Insofern ist die Lebensgegenwart der Ort und die Zeit, in der seine Entscheidungen notwendig sind und vollzogen werden, nicht ein irgendwann einmal in einer vagen Zukunft.
Menschen verfügen über viele Potenziale, um zu leben und gegebenenfalls zu überleben. Sie sind fähig, sich anzupassen oder die Welt zur gesellschaftlichen und persönlichen Lebenswelt zu gestalten, fähig zur Normierung der Verantwortung in Recht und Gesetzgebung samt der Abstimmung dessen, was Recht sein soll, mit jeweils geltender Moral. Menschsein umfasst die Fähigkeit, regelgeleitete Gesellschaften zu bilden, die sich über einen verobjektivierbaren und zugleich veränderbaren Wertezusammenhang verständigen, umfasst die Befähigung, philosophische Diskurse, theologische Reflexion, wissenschaftliche Forschung und die damit verbundene technologische Umsetzung, sowie Wirtschaftlichkeit zu entwickeln und zu betreiben. Menschen beweisen Kritik- und Transformationsfähigkeit, wenn Selbstverständliches unterbrochen und Neues erforderlich wird. Menschsein artikuliert sich als Kultur, Kult, Tradition, Revolution und Innovation. In alldem entfaltet sich das Gefüge von Freiheit und Verantwortlichkeit. Menschen können auch sich selbst, andere und, wie wir heute wissen, die Erde mitsamt der sie umgebenden lebenserhaltenden Atmosphäre vernichten. Der Mensch kann nicht nur der Mörder Gottes und dessen Totengräber sein. Er wird sein eigener Mörder und Totengräber, wenn er Freiheit als Willkür missbraucht und Verantwortung zum unausweichlichem Zwang oder zur ideologischen Verblendung überzieht.
Der Mensch, in einer nachmetaphysischen Lebensweise auf sich selbst gestellt, ist endlich frei zu leben und zugleich in die Verantwortung genommen, die Freiheit sinnorientiert und lebensfreundlich zu gestalten. Weil das so ist, gewinnt Frieden als wertgeleitete und sinnorientierte Lebensform lebenstragende Bedeutung. Menschen wissen auch, dass alles, was menschlich ist, endlich und sterblich ist. Nichts ist von ewiger Dauer, auch Frieden nicht. Das sollte zu immer neuen Entscheidungen in Freiheit und Verantwortlichkeit motivieren, die einer vergehenden Dauer eine neue Dauer hinzufügen, bis die physischen Ressourcen für ein Leben, das den Menschen ermöglicht, enden. Dieses Ende werden wir höchstwahrscheinlich nicht aufhalten können; wir können lediglich die Dauer der Geschichte des menschlichen Lebens auf sinnvolle Weise verlängern.
Nachmetaphysische Welt- und Lebensperspektiven, in die der Mensch sich im Denken um das Karfreitagsgeschehen herum eingesetzt sieht, haben aus der eben skizzierten Perspektive keine kosmische Dramatik. Meist habe ich deshalb während solcher Karfreitagsreflexionen die beiden Frauen vor Augen, die am Grab dieses Jesus wachen, auf den sie die Hoffnung für ihr persönliches Leben und wahrscheinlich für das Überleben Israels hinorientiert haben. Eine Lebenswelt ist für sie mit der Hinrichtung dieses Jesus zusammengebrochen. Ihnen gelang es, eben weil sie Menschen sind, mit dem Zusammenbruch erst einmal pragmatisch umzugehen und das Erforderliche zu tun, diesen toten Jesus würdevoll zu umsorgen und zu bestatten. Wer weiß, was sie sagen wollten, als sie den ängstlichen Jüngern vom leeren Grab berichten.