Was verstehen wir, wenn wir den Krieg verstehen?

„Wir müssen uns wieder an Krieg gewöhnen.“ Das Fazit zieht Carlo Masala (2024, S. 107) nach der Diskussion politikwissenschaftlicher Argumentationen zur Bestimmung von Kriegsursachen. Freilich müsse man sich weiterhin bemühen, „die Kriegswahrscheinlichkeit zu minimieren und Konflikte gewaltfrei zu lösen.“. Dennoch sei zu akzeptieren: „Es wird Situationen geben, in denen eine Seite einen Krieg will und führen wird.“ Deshalb stelle sich der Gesellschaft die zweifache Aufgabe: „Wir müssen Kriege … nicht nur akzeptieren, wir müssen sie auch verstehen.“ (voranstehende Zitate in: Masala, 2024, S. 109) 

Was verstehen wir, wenn wir den Krieg verstehen? Bedarf es, wie M. Foucault das versucht, einer Hermeneutik des Krieges? „Man muß unter dem Frieden den Krieg herauslesen.“ (Foucault, 1986, S. 12) Die Forderung Masalas, wir müssten den Krieg verstehen, versuche ich in Anschluss an Foucaults Überlegungen zum Kontext der Beziehung von Wahrheit und Macht kritisch zu reflektieren. Die Untersuchungen zu dieser Beziehung gehen auf Projekte M. Foucaults in der 70-iger Dekade des 20. Jhdts. zurück. Sie dürften nach wie vor den Standard für eine Hermeneutik der Macht und in Zusammenhang damit des Krieges setzen. Ich kann den verzweigten Untersuchungen Foucaults im Detail nicht nachgehen und greife nur einige zentrale Erträge daraus auf.

Foucault setzt Wahrheit und Macht in eine diskursive Beziehung zu einander. Ein signifikantes Beispiel dafür ist der neue Typ des „spezifischen Intellektuellen“ (Foucault, 2016, S. 206 ff.). Jener zeigt sich exemplarisch in der Person des Physikers Robert Oppenheimer (1904 – 1967). Er unterscheidet sich vom „universalen Intellektuellen“ des 19. Jhdts. vor allem dadurch, dass die politisch Mächtigen ihn nicht wegen des metaphysisch basierten Wahrheitsanspruches beargwöhnen, sondern „aufgrund des Wissens, dessen Inhaber er war“ (Foucault, 2016, S. 207). Der universale Intellektuelle stellte als „Mann der Gerechtigkeit“ (Foucault, 2016, S. 207) die Wahrheit noch in der Weise fundamentaler Werte, universaler Gerechtigkeit und der Idealität des Gesetzes gegen die politische Macht. Der spezifische Intellektuelle, der „Wissenschaftler als Experte“ (Foucault, 2016, S. 208), hingegen macht innerhalb der politischen Machtverhältnisse Gebrauch von seiner Expertise, seiner Kompetenz und seinem Wahrheitsverhältnis. Er ist der Experte, dessen es im Gefüge der Macht bedarf. Dies beschreibt ziemlich exakt die Funktion der VirologInnen und EpidemiologInnen während der Covid-19-Pandemie. Gleichzeitig erscheint sein Wissen für die herrschende Politik eben wegen seines Wahrheitsverhältnisses gefährlich, denn er verfügt über Möglichkeiten, „die das Leben fördern oder definitiv beenden können“ (Foucault, 2016, S. 209). Auch das Leben politisch Mächtiger.

Mit dem „spezifischen Intellektuellen“  verändert sich der Wahrheitsbegriff. Wahrheit steht nicht mehr für sich allein. Ihre Geltung beruhte bisher auf absoluter (metaphysischer) Begründbarkeit. Jetzt, im neuen Wissenschaftstyp der Biologie, Genetik, theoretischen Physik oder Informatik wird sie in multiplen Verhältnissen generiert. „Die Wahrheit ist von dieser Welt“, schreibt Foucault. Sie ist „weder außerhalb der Macht noch ohne Macht“ (Foucault, 2016, S. 210). Sie etabliert sich in der Form rationaler Diskurse, ist gebunden an Institutionen. Sie ist eingebettet in das ökonomische und politische Anreizsystem und Gegenstand multimedialer Konsumtion. Sie wird unter der führenden Kontrolle ökonomischer und politischer Apparate produziert und wird zum Mittel der sozialen und politischen Auseinandersetzung. Wahrheit ist Expertenwahrheit, d.h. sie ist in ihrer Produktion durch das Forschungs- und Wissenschaftsdispositiv des Intellektuellen konditioniert (Foucault, 2016, S. 211). Der Experte erschließt in politischen, ökonomischen und kulturellen Räumen und in deren Machtspielen sein Verhältnis zur Wahrheit. Expertenwahrheit ist demzufolge „die Gesamtheit von Regeln, denen entsprechend man das Wahre vom Falschen scheidet und man mit dem Wahren spezifische Machteffekte verbindet“ (Foucault, 2016, S. 212). Der „spezifische Intellektuelle“ hat als solcher politische Macht, weil er ein Verhältnis zur Wahrheit hat. Der „universale Intellektuelle“ hatte durch die Geltungsbehauptung absoluten Wahrheit – lediglich – moralischen Einfluss.

Was bedeutet das für die Frage: Was verstehen wir, wenn wir den Krieg verstehen? Wir als die gesellschaftliche Öffentlichkeit stützen uns auf die Informationen und Bewertungen „spezifischer Intellektueller“, wenn es um das Verstehen des Krieges geht. Es geht dabei nicht um die Wahrheit des Krieges. Die wissenschaftliche Analyse des Krieges bringt eine Wahrheit heraus, die inmitten der durch politische (und inzwischen ökonomische) Macht garantierten wissenschaftlichen Diskurse über den Krieg produziert ist. Jenen zufolge erscheint der Krieg als „eine Konstante der internationalen Politik“ (Masala, 2024, S. 16). Mit dem Krieg „muss die Menschheit … als einem immer wiederkehrenden Phänomen der Konfliktregulierung zwischen sozialen Akteuren leben“ (Masala, 2024, S. 17) Kriegsforschung gewährt vom Frieden aus den analytischen Blick auf den Krieg. Im Krieg sind verstehende Diskurse zum Krieg nicht mehr gefragt. Strategie und Praxis der Kriegsführung ersetzen die theoretische Analyse des Krieges.

Gleichwohl zieht sich der Krieg als Möglichkeit untergründig durch den Frieden. Thomas Hobbes beispielsweise sah den Menschen in einem natürlichen Kriegszustand, solange er nicht im Staat lebt. „Außerhalb der bürgerlichen Staaten gibt es den Krieg eines jeden gegen jeden.“ (Hobbes, 1966, S. 96) Foucault verweist darauf, dass der natürliche Kriegszustand die „Wirkung der Nicht-Differenz“ (Foucault, 2020, S. 109) ist. Außerhalb des bürgerlich organisierten Staates sind die Menschen in der Lebensform der Wildheit relativ gleich. Im Staat unterscheiden sie sich nach Ständen, nach Arbeit, nach Bildung. Der Schwächere ist erkennbar der Schwächere, der Mächtige als solcher erkennbar. Macht ausüben heißt im Staat, durch die Bindung der Macht an legitime Regeln den Schwächeren zu schützen und den Stärkeren zu priviligieren – oder wie Hobbes das sieht, die Bürger unterscheidbar hinsichtlich ihres Machtzugangs zu machen. Foucault bringt das Ergebnis der Verstaatlichung des Menschen auf die Formel: „Der Unterschied befriedet.“ (2020, S. 110) Er hebt die wilde Nicht-Differenz unter den Menschen zur gesetzten Differenz auf. Wichtig ist ist daran, dass aus der Differenz Rechte ableitbar werden, die einklagbar sind. Differenz, zumal gesetzte, ermöglicht die Institutionalisierung, das Gebilde Staat. Zugleich produziert die Differenz aber auch Widerstand. Nach innen heißt das: Die weniger Priviligierten wenden sich gegen die Priviligierten. Jeder Staat verfolgt seine Interessen auch nach außen, gegenüber anderen Staaten. Staatenbildung schafft nach außen Kriegsmotivation, nach innen Revolution. Insofern bleibt auch im Frieden der staatlich normenbasierten Gesellschaft die Möglichkeit des Krieges. „Normen wirken nicht – gerade wenn es um Krieg und Frieden geht -, weil es sie gibt, sondern weil es Mächte gibt, die an ihrer Durchsetzung interessiert sind und auf ihrer Einhaltung bestehen.“ (Masala, 2024, S. 105)

In der Gegenwart verschärft sich das Problem durch die von M. Foucault beschriebene spezifische Intellektualität des Experten. Konnte der universalistische Gelehrte aus dem gesellschaftlichen Diskurs heraustreten, in dem er sich in den Diskurs zweckfreier, reiner, absoluter Wahrheit zurückzog, generiert der moderne Experte seine Wahrheit unter funktionellen Interessenszusammenhängen. Expertenwahrheit dient Zwecken, auch dem der Durchsetzung von Macht. Während der Covid-Pandemie führte die Verzweckung der Expertenwahrheit zu politischen Machtentscheidungen. Heute ist es mit den Militärexperten nicht anders: Ein Politikwissenschaftler oder eine Soziologin produzieren wissenschaftliche Erkenntnisse zum Krieg für den politischen Gebrauch. Die methodisch begründete Expertenwahrheit schärft die politische Macht für die Durchsetzung ihrer Interessen. Dies machen sich nicht nur demokratische, sondern auch autoritäre Machtsysteme zu eigen. 

Das Verhältnis von Wahrheit und Macht ist zirkulär. Das gilt auch für die modernen wissenschaftlichen Einlassungen zu Krieg und Frieden. Das Wahrheitsverhältnis der Experten ist auch ein Verhältnis zur Macht. Das verändert deren wissenschaftliche Performanz ins Politische. Die Funktion des Experten ist „nicht die des Gesetzgebers oder Philosophen zwischen den Lagern, jener Person des Friedens und des Waffenstillstandes, von der Solon und noch Kant geträumt haben“ (Foucault, 2020, S. 71). Die universalistische Performanz bewegte sich jenseits der politischen Macht. Die Performanz des Kriegshistorikers, der Soziologin und Politologin mit militärischer Forschungsexpertise ist rückgekoppelt an die politischen Machtverhältnisse, in der die Erkenntnisse als Wahrheitsverhältnisse produziert wurden. In demokratischen Gesellschaften kann diese Expertise Diskurse zur Deeskalation von Konflikten, zur Verhinderung von Krieg oder zur Ermöglichung von Frieden anstoßen. In totalitären Staaten dient sie dazu, Propaganda als wissenschaftlich zu verkaufen. H. Arendt (2025) verwies auf die Umkehrung des Zwecks von Wissenschaft in der Propaganda. Totalitäre Propaganda bedient sich „einer Art von Wissenschaftlichkeit, der es weniger um die Erkenntnis des Seienden als um die gesicherte Voraussehbarkeit alles Geschehenden geht“ (Arendt, 2025, S. 791). Dies gelingt mit der Instrumentalisierung „spezifischer Intellektueller“ und deren Wahrheitsverhältnis um so leichter. Andererseits kann gerade von ihnen auch Kritik des totalitären Systems ausgehen. Man denke an Andrei Sacharow. Das Verhältnis von Wahrheit und Macht ist zirkulär.

Wenn C. Masala also dafür wirbt, den Krieg zu verstehen, weil der Krieg nicht vermeidbar ist, so gründet dies im Wahrheitsverhältnis des Experten C. Masala. Weil dessen Expertendiskurs politische Performanz hat, muss er einen kontroversen, pazifistischen mit der Frage provozieren, wie zu verhindern ist, dass das Verstehen des Krieges in ein Verständnis für den Krieg und dessen augenblickliche Notwendigkeit übergeht. Dahingehend sind die sich wiederholenden Debatten zur Lieferung der Tauruswaffe, zur „Wehrertüchtigung“ und zum neuerlichen Wehrdienst zu untersuchen. Müsste also das Wahrheitsverhältnis des politologischen Kriegsexperten nicht durch den kritischen Wahrheitsanspruch des philosophischen Friedensexperten ergänzt werden, um es den Mächtigen zu erschweren, von den ExpertInnen niemals beabsichtigte Performanzen zu erzeugen, die vom Verstehen des Krieges wie selbstverständlich zum Verständnis für die Kriegsnotwendigkeit übergehen?

„Wir können uns entscheiden für Frieden und Friedfertigkeit. Entscheiden zu können verbindet uns Menschen, gerade auch im Leid und erst recht im Frieden.“ (Riedel. 2024, S. 25)

Quellen:

Arendt, H. (2025): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus (2. Aufl.). Piper

Foucault, M. (2016): Dits et Ecrits. Schriften. Dritter Band. 1976 – 1979. Suhrkamp

Foucault, M. (2020): In Verteidigung der Gesellschaft (6. Aufl.), Suhrkamp

Hobbes, Th. (1966): Leviathan. Luchterhand

Masala, C. (2024): Warum die Welt keinen Frieden findet (2. Aufl.). Brandstätter

Riedel, C. (2024): Entscheidung für den Frieden. Über das Wissen um die eine Menschheit, in: Praxis Palliative Care 62/2024, S. 24 – 25