Zuweilen spielt die Zeitung die Vorzüge des Printmediums unmittelbar aus, wie es der Süddeutschen Zeitung in der Ausgabe vom 01.08 (Nr. 175, S. 9) gelingt. Zwei Beiträge machen die erste Seite des Feuilletons aus. Da ist das Interview mit dem israelischen Wissenschaftler José Brunner zur deutschen Debatte über die Folgen der Kriegsführung Israels im Gazastreifen. Im unteren Drittel erinnert die österreichische Schriftstellerin Teresa Präauer an den Dichter Ernst Jandl, der heute hundertsten Geburtstag feiern würde: „die Welt ist laut / laut ist schön“. Beide Texte, in der Synopse der Seite gesehen und nacheinander gelesen, erschließen einen subtilen Zusammenhang.
Präauer zitiert Jandls Verwechslungsgedicht von 1966: „lichtung / manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht / velwechsern. / werch ein illtum!“ Was lichtet sich durch das Wortspiel des Dichters? Welche Anleihen nehmen „lechts“ und „rinks“ voneinander? Sie sind im Spiel der Wörter nicht sehr groß, aber sie fallen auf. Immerhin werden die Anfangsbuchstaben ausgeliehen, das „l“ und das „r“. Wie wirkt sich die formelle Anleihe auf die Wortbedeutung aus? Sarah Wagenknechts BSW-Koketterie mit Alice Weidels AfD geben aus meiner Sicht ein parteipolitisches Beispiel: Das BSW leiht sich das leitende „r“ der derzeitig politisch Rechten, nämlich die Migrationspolitik, und bietet der AfD das „l“ der putinaffinen Außenpolitik an, die derzeit Kennzeichen von Links ist. So ergibt sich das „rinke“ BSW und die „lechte“ AfD. Die Anleihen zu durchschauen hilft in der Auseinandersetzung mit beiden Parteien: Sie versuchen durch das Anleihenspiel, sich einander anzunähern, das Verwechselbare zu betonen und dadurch die Kategorisierung als linke oder als rechte Partei zu vernebeln. Das könnte sich in einem Verbotsverfahren für die AfD insofern auswirken, als jene auf ihre „rinken“ Positionen und damit auf die Wahlverwandschaft mit dem BSW vorweisen kann. Warum, könnte die AfD argumentieren, wird dann das BSW nicht auch einem Verbotsverfahren unterzogen, wo es doch auch „lechte“ Positionen vertritt?
Stimmen, auch darauf verweist Jandls Wortspiel im Gedicht, unsere Begriffe noch? Oder benennt „links“ und „rechts“ eher politische Gefühle als politische Begriffe? Genau damit, mit der Problematik von Gefühl und rationaler Sachlichkeit in der Politik, beschäftigt sich das ausführliche Interview zur Frage: Ist Israels Kriegsführung in Gaza als Genozid zu benennen?
Der emeritierte Professor für Politik- und Rechtswissenschaften, sowie Wissenschaftsgeschichte an der Universität von Tel Aviv, Peter Brunner, 1954 in Zürich geboren und 1973 nach Israel ausgewandert, spricht „persönlich nicht von Genozid, sondern von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Er respektiert die Meinung zweier Kollegen, O. Bartov und A. Goldberg, die ausgewiesene Genozidspezialisten sind. Sie nennen, was in Gaza geschieht, einen Völkermord. Brunner begründet seinen Respekt vor der nicht schon 2023, sondern eben erst jüngst geäußerten Bewertung der beiden Kollegen zum einen damit, dass sie „mit Trauer“ schreiben. Zum anderen verweist er auf ein methodisches Prinzip philosophischen Denkens, das Brunner auch für die Historiker in Anspruch nimmt. Es stammt aus Hegels „Vorrede“ zu den Grundlinien der Philosophie des Rechts: „die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ (Hegel, Werke 7, S. 28). Weises Erkennen stellt sich nicht am Morgen oder Mittag des Tages ein, wenn die Ereignisse erst erwartbar oder am Laufen sind. Erkenntnis setzt voraus, das Ereignisse in ihrem Verlauf Gestalt angenommen haben. Erst dann beginnt die Begriffsarbeit, die die Analyse und Einordnung des Geschehenen ermöglicht. Das Schlagwort agiert anders. Es bezeichnet schon mit Begriffen, während die Ereignisse noch geschehen. Wie also umgehen mit dem verbrecherischen Attentat der Hamas in Israel und der zunehmend verbrecherischen Antwort Israels gegenüber den Palästinensern in Gaza?
Brunner spricht einerseits von der „existenziellen Angst“ Israels seit dem Jom-Kippur-Krieg 1973, gerade als er nach Israel eingewandert war. Diese Angst vor der möglichen Zerstörung Israels, die dann aufflammt, wenn die Nachbarn angreifen, werde „außerhalb Israels und auch von den Palästinensern nur selten richtig gesehen“. Attacken, wie die der Hamas am 07. 10. 2023, lasse Israel aus dieser Bedrohungsangst heraus handeln. Andererseits sieht Brunner die deutschen Stellungnahmen vom „Propaganda-Diskurs, den die Kriegsparteien im Nahen Osten allen aufzwingen wollen“, eingeengt. Verbrechen sind unabhängig von dem zu addressieren, der sie begeht. Insofern würden Deutsche, gerade mit der eigenen Geschichte des Holocaust, gut daran tun, die israelischen Verbrechen in der Kriegsführung als solche zu benennen und sich ihnen entgegenzustellen. Ebenso wie Deutsche das Hamasattentat von 2023 klar als Verbrechen bezeichnen. In derartigen Situationen ist es wesentlich, die aufflammenden Gefühle in die Reflexion, den rationalen Diskurs zu nehmen und sie so auf den Begriff zu bringen. Das kann nach Hegel erst in der Dämmerung des Tages, nicht schon am Mittag erfolgen.
Hier komme ich auf Ernst Jandls Verwechslungsgedicht zurück. Die Gefahr der Verwechslung entsteht dann, wenn die Anleihen, die propagandistisch bewusst oder emotional naheliegend an verschiedenen Begriffen und Wörtern gemacht werden, für bare Münze gelten. Schlagworte am grellen Mittag entpuppen sich im Licht der Dämmerung immer wieder als Falschgeld. Sie vereinseitigen, was Erkenntnis und Einsicht als vielseitig zu beschreiben und in aller Differenziertheit auf den – meist – komplexen Begriff zu bringen versuchen. José Brunner gibt selbst ein Beispiel: Vertreibung ist etwas anderes als Vernichtung. Es ist also die Intention Israels zu klären. Stellt sich als Wunsch Israels heraus, die Palästinenser gänzlich zu vertreiben, dann ist das als „absolut verwerflich und verbrecherisch“ zu bezeichnen. Es ist dann jedoch kein Genozid.
Welche Einsichten ermöglicht die erste Seite des Feuilletons in den beiden Beiträgen?
- Beide Texte, der J. Brunners und der T. Päauers, ringen um das Wort, das Schlagwort, Propaganda, aber auch rationaler Begriff sein kann.
- Worte, die auf Gefühl und Eindruck beruhen, können Verwechslungen erzeugen. Zu prüfen ist, ob die Verwechslungen gewollt sind und so Ausdruck von Propaganda, die Gefühle durch Meinungen aufrechterhält und verstärkt.
- Schlagworte verwenden Begriffe; sie sind aber keine. Der Begriff wird durch rationale Verfahren erarbeitet und bewährt sich im kritischen Diskurs. Er abstrahiert die Details und formuliert das Wesentliche. Darin besteht seine Bedeutung, die durch ihn möglichst eindeutig ausgedrückt wird. Schlagworte leihen sich die Kürze des Begriffs, wenn sie Gefühle und Eindrücke in’s Wort bringen.
- Mediale Sprache verwendet Anleihen am Schlagwort und am Begriff. Politische Sprache ist dem Begriff verpflichtet. Wenn sie sich des Schlagwortes bedient, ist diese Anleihe zu kennzeichnen, um die Verwechselbarkeit in der Sache zu reduzieren.
Quellen:
Süddeutsche Zeitung Nr. 175 (01.08.2025)
Die Zitate im Text sind der Seite 9 dieser Ausgabe entnommen.
Das Hegel-Zitat findet sich in: Hegel, G.W.F. (1978): Grundlinien der Philosophie des Rechts. Werke in 20 Bänden. Band 7. Suhrkamp