Ein eleganter Mensch starb in der vergangenen Woche: Giorgio Armani. Der italienische Modeschöpfer verband in seinen Designs formale Einfachheit mit der Lässigkeit des natürlich Kostbaren. Ich bin kein Armanikenner. Ich habe auch niemals einen Pullover, einen Blazer oder einen Anzug von Armani getragen. Oft stand ich in Bozen vor den Schaufenstern des dortigen Armanishops. Die klaren Schnitte und die lässig-dezente Kostbarkeit der Materialien seiner Mode sprach mich an. Sogleich empfand ich dabei, dass ich in die schmalen Designs Armanis nicht hineinpasste. Seine Eleganz würde mich nicht kleiden, sie würde eher an mir leiden. Dennoch: die Schaufensterblicke regten mich zu ein wenig mehr stilvoller Eleganz in meinem Leben an.
Mich beeindruckt der Designgrundsatz, der in den Nachrufen auf Giorgio Armani dieser Tage oft zitiert wird: Eleganz hält in Erinnerung. Sie zielt nicht auf den pompösen Effekt, den auffälligen Hingucker. Eleganz stellt den Menschen nicht aus. Sie ist nicht laut. Geschmeidig fügt sie den Menschen in seine Umwelt ein, ohne ihn darin aufgehen zu lassen. Eleganz lässt den Menschen bei sich und hält ihn zugleich im Gefüge der Mitwelt präsent. Eleganz ist nachhaltig. Ein eleganter Mensch, elegante Kleidung, ein elegantes Argument, selbst die Marginalie, elegant beigefügt, hält in Erinnerung. Elegantes ist nicht für den Moment geschaffen, sondern dafür, in der Zeit zu überdauern.
Eleganz, das legen diese Gedanken nahe, ist nichts Selbstverständliches, soviel Natürliches auch zu ihr gehört. Eleganz muss erarbeitet werden. Auch dafür wäre Giorgio Armani, der unablässig und konsequent Arbeitende, ein gutes Beispiel. Da ich mich nie wirklich mit seiner Biographie beschäftigte, gehe ich darauf nicht ein, sondern löse den Gedanken der Eleganz von dem konkreten Beispiel.
Eleganz braucht Form. Ungeformtes und Unförmiges strahlt keine Eleganz aus. Eleganz ist kein Rohmaterial, wiewohl sie das Natürliche voraussetzt. Schon die Natur ist an sich selbst nicht roh. Die klassischen Naturwissenschaften entdeckten, je deutlicher für sie die Komplexität des Natürlichen sichtbar wurde, dass alles Materiale nie ohne eine Form oder mindestens eine auf Form hinorientierte Tendenz existiert. Allein, darin drückt sich noch keine Eleganz aus. Denn Eleganz ist nicht das Gewöhnliche, das natürlich Gegebene. Eleganz wird durch die gestaltende Arbeit am Gewöhnlichen, am Natürlichen geschaffen.
Eleganz ist bei allem Natürlichen, das sie voraussetzt, eine Kunst. Die Kunst nämlich, das Kostbare am Natürlichen durch Vereinfachung erscheinen zu lassen. Bei Armani war es die Reduktion des Anzugs auf seine formale Funktion, den Menschen so zu kleiden, dass er in seiner Individualität darin sichtbar wird. Nicht der Anzug unterstreicht die Funktion seines Trägers. Der Anzug erhält seine Funktion zurück, den Menschen zu kleiden, so dass er ihn nicht verstellt. Welche Funktion er übernimmt, ist des Menschen Sache, nicht die der Kleidung. Insofern kehrt Eleganz den landläufigen Satz Gottfried Kellers um: Nicht Kleider machen Leute, sondern Leute kleiden sich für das, was sie machen.
Die Umkehrung verdeutlicht die Komplexität von Eleganz. Jene ist kein einfacher Aspekt von Form und Funktion, von Natürlichkeit und Material. Eleganz bedarf deshalb weder der Pompösität noch des Snobismus. Eleganz hat mit der Würde des Menschen zu tun. Damit, wie die Einzelne, der Einzelne seine Würde pflegt, in der Sprache, im Verhalten, in der Gestaltung seiner unmittelbaren Lebenswelt. Die Frage steht auf: Wie kommt dadurch zum Vorschein, was ihm kostbar, wertvoll, unverzichtbar ist?
Ich erinnere mich an einen Gast im Hospiz. Die Dame hatte sich in eine Schärpe verliebt, die sie im Internet gesehen hatte. Nach kurzer Erwägung erwarb sie die Schärpe und legte sie oft um ihre Schultern. Sie erzählte, dass das Material sie durch seine Weichheit und Wärme verwöhne, dass die einfache Form und die dezente Farbgebung ausdrückten, wie sie sich in ihrem letzten Leben fühle. Die Eleganz des Kleidungsstücks verwies auf die Würde seiner Trägerin. Eben so blieb sie den ihr nahen Menschen im Gedächtnis. Eleganz hält in Erinnerung; denn sie vermag es, die Würde des Menschen ausdrücken.
Eleganz hält es aus, den anderen nicht sofort aufzufallen. Wenn sie aus einem Leben, aus einer Gesellschaft schwindet, werden die Empfindsameren unter den Zeitgenossen den Menschen, der sie lebte, vermissen. Es fehlt ein wenig Stil, es fehlt das Fließend-Geschmeidige, das den Ernst des Lebens erträglich macht. Es fehlt ein Mensch, der mit seiner Eleganz die anderen Menschen an deren Würde erinnerte. Mit der behutsamen, unaufdringlichen Macht, die der Würde eignet. Mit dem Vorschein der Verletzlichkeit der Menschenwürde, wenn wir uns nicht strikt und unnachgiebig für sie einsetzen. Wir dürfen uns nicht mit ihrer natürlichen Gegebenheit abfinden, sondern wir sind gehalten, sie mit Konsequenz und Einsatz zu pflegen. Eine Variante dabei ist es, ein wenig Eleganz in unser Leben zu bringen, das, was mir wertvoll und kostbar ist, zu bewahren, was auch immer geschieht.