Innert der letzten vier Wochen meine ich immer wieder, einen Blogbeitrag zur Weltlage schreiben zu müssen. Alle Ideen und Notizen dazu verwarf ich jedesmal. Ich werde den Eindruck nicht los, dass sich die Nachrichtenlage zu den beiden Kriegen in der Ukraine und in Gaza, zu den Ausgeburten der us-amerikanischen Politik und der ankündigungsorientierten Zögerlichkeit Europas kaum ändert. Und dazu: regelmäßig Empörung in der seriösen Presse, in der Quotenpresse oder in sozialen Medien wie LinkedIn. Die Dauerschleife der Nachrichten bedingt eine Dauerschleife der Empörung. Wie wirkt das?
Mich ermüdet es. Und ich beobachte an mir, dass eine gewisse Gewöhnung sowohl an die Nachrichtenschleife wie auch an die Empörungsschleife einsetzt. Zuerst im Tablet die Nachrichtenlage besichtigt, dann die Meinungslage abgerufen, Fernseh- und Rundfunknachrichten gesehen und gehört, und der politische Tag ist um. Mein Fazit: So ist es eben. Für das, was ich oft und lang genug sehe, höre und lese, hat mein Rezeptionsvermögen längst entsprechende Muster und Frames gebildet. Über die cerebralen Strukturen Thalamus und Hypothalamus wird zuverlässig einsortiert, was ich aufnehme. Auch der empörte Artikel, der mediale Aufschrei, der kritische Kommentar werden unter der Rubrik „Derzeit nichts Neues unter Sonne“ abgelegt. Kurz: Die Ermüdung ist die Vorhut der Abstumpfung. Diese Dynamik gefährdet die Fähigkeit zur Wahrnehmung und zu würdevoller Sprache, kritischem Denken und angemessenem Verhalten.
So weit soll es nicht kommen. Also rein in das „Empörungstheater“ (C. Fleury)! Ob das eine Lösung ist?
Der Psychotherapeut U. Böschemeyer verwies darauf, dass im Substantiv „Empörung“ das Adverb „empor“ steckt. Die Richtung stimmt also schon mal. Ich will ja vorankommen auf dem Weg zur Restitution des Demokratischen aus dem sich ständigen vergrößernden Schuttberg der Autokraten. Vorankommen in den großen Themen meiner Lebenswelt: Klimatransformation, Friedenssicherung, Europäische Politik und soziale Gerechtigkeit. Ist es nicht geraten, sich mit Berufung auf die Menschenwürde zu empören? Dauerhaft und laut?
Dagegen erhebt die französische Philosophin Cynthia Fleury kluge Einsprüche. Sie gehen aus ihrer Untersuchung der Empörung hervor. Das hinter uns liegende Jahrzehnt habe „den ethischen Ekel zur primären Waffe“ (Fleury, 2024, S. 109) gemacht. Empörung ist vor allem den Laien zugänglich und leicht zu handhaben. Dabei geht es darum, die Grenze zwischen Politik und Moral zu verwischen, dadurch die Debattenhoheit zur ergreifen und die Entfaltung der Argumente in und durch Aktionen der Empörung untergehen zu lassen. So wird die Empörung zur „emotionalen ‚Verkörperung‘ der fehlenden Würde“ (Fleury, 2024, S. 110). Freilich werden politische Verhandlungen angesichts der massierten Lautstärke der Aufschreie unmöglich. „Die Empörung ist ein Ein-Schuss-Gewehr.“ (Fleury, 2024, S. 112) Was kommt danach?
Wenn ich die empörten Aufschreie aller möglichen Interessensgruppierungen um mich betrachte, frage ich mich nach deren Wirkung in der Politik, in der Gesellschaft. Der eine Schuss verpufft. Kaum später öffnen sich Räume für emotionale Rhetorik, die sich über alle Sachverhalte und Sachthemen wie zäher Nebel ausbreitet. Problematische Sprachformen wuchern in den Nebenwolken: Es wird beleidigt, stigmatisiert, denunziert. Es wird bezichtigt, ausgeschlossen, gedemütigt – und öffentlich gelogen. „Eine Sprache, die nicht [mehr] im Dienste der Symbolisierung steht … und die Gesellschaft in sich selbst abschließt“, nennt Fleury (2024, S. 121) „faschistisch“. In ihr werden Individuen etwa in grün-links, woke, migriert oder technologisch nicht offen klassifiziert und so allmählich als identifizierbare Gruppen adressiert. Das bereitet autokratische Hierarchien und Machtverhältnisse vor und schafft sie in einem. Im Namen der Ehre, die als Synonym der Würde gesetzt wird, wird die Daseinsberechtigung derer ohne Ehre, der Ehrlosen, ihrer Daseinsberechtigung in der Gesellschaft bedroht. So wird ausschließlich die eine Souveränität des richtigen Volkes behauptet. Dieses rechte Volk muss sich gegen die Feinde ringsum wehren, in dem sie voll „ethischen Ekels“ zu Sündenböcken für immer mehr und letztlich alles nicht Rechte erklärt werden.
Empörung ist keine Lösung. Das Mitspielen im Empörungstheater auch nicht. Ich sehe nur befriedende Auswege, in der Rückbesinnung auf die Würde, von denen ich nicht behaupten mag, sie seien auch schon Lösungen. Das will keine metaphysische Flucht markieren. Rückbesinnung auf die Würde vollzieht sich als ethische Reflexion. Sie beginnt damit, die beiden Dimensionen der Würde zu freilzulegen. Einmal sprechen wir, das Grundgesetz, Artikel 1 aufgreifend, von der unantastbaren Würde jedes Menschen. Das Attribut „unantastbar“ verweist darauf, dass die Mütter und Väter des GG existenziell erlebt hatten, dass die Menschenwürde sehr wohl angetastet werden kann. Antastbar heißt jedoch noch nicht zerstörbar. Theodor Heuß nennt zurecht den Menschenwürdesatz in Artikel 1 eine „nicht interpretierbare These“ (Menke & Pollmann, 2007, S. 151). Fleury (2024) schlägt für die unantastbare Menschenwürde den Begriff „symbolische Würde“ vor. Die symbolische Würde wird konkret im würdevollen Verhalten des Einzelnen. Jenes setzt die Affirmation der unantastbaren, symbolischen Menschenwürde voraus, die so zur Quelle individueller Souveränität wird. Im jeweiligen würdevollen Verhalten werden wir Menschen unterscheidbar. Würdevolles Verhalten erscheint als Bedingung für Individualität und Ausdruck der souveränen, höchstpersönlichen Würde, die in der Freiheit des Einzelnen jenem die sinnvolle Verantwortlichkeit aufzeigt (Riedel, 2024, Kapitel 5).
Angesichts meiner politischen Ermüdung frage ich mich vor sozial-, gesellschafts- oder politikrelevanten Entscheidungen, Verhaltensweisen oder Handlungen: Wie und was trägt meine Entscheidung zur Sichtbarkeit und Erfahrbarkeit der Würde bei? Drücken meine Sprache, meine konkreten Verhaltensweisen, mein Handeln in der Lebenswelt, meine Würde aus und erweise ich mich darin anderer als würdig? Die Ausdrucksspuren meiner Würde also greife ich auf, um den Weg aus der politischen Ermüdung zu finden. Es ist mein Weg, denn er bezieht sich zunächst auf mein Leben in der Welt. Wenn er auf andere würdigend wirkt, dann kann er ein Impuls für jene anderen werden, ihrer Würde bewusst zu trauen.
Würde erfordert Mut; denn sie ist performativ. Sie zielt auf Politik, die lehrt, „gemeinsam zu sehen“, um das „Sehen des Gemeinsamen“ zu lernen (Fleury, 2024, S. 141). Wir beleben alle zusammen, leider nicht gemeinsam, dieselbe Welt. Wozu verwehren wir dann einander die Gemeingüter dieser Welt, die unser Lebensraum ist. Solche Überlegungen sehe ich für mich als Auswege aus faschistischen Sprachformen samt dem dazugehörigen Empörungstheater.
Quellen:
Fleury, C. (2024): Die Klinik der Würde. Suhrkamp
Menke, C. & Pollmann, A. (2007): Philosophie der Menschenrechte. Zur Einführung. Junius
Riedel, C. (2024): Menschsein im Sterben. Menschenbild, Würde und Logotherapie in der Palliativ Care. Hogrefe