„Im Anfang war das Wort. … Alles wurde dadurch, und außerhalb dessen wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Dunkelheit und die Dunkelheit nahm es nicht auf.“ (Joh 1, 1a; 3 – 5)
Ein gegenwärtiger Text, gut 2000 Jahre alt. Er stellt die Macht des Wortes geradezu aus. Das Wort steht als Anfang von allem. Im Wort ist das Leben, das der Menschen Licht ist. Dieses Licht leuchtet in das Dunkle. Das Dunkle nahm es nicht auf. Damit beginnt die Reflexion. Doch der Reihe nach.
Unser Leben geht auf das Wort zurück, behauptet der Text: Im Anfang war das Wort. Es bezeichnet wohl schon immer das, was ist. Genaueres erfahren wir nicht. Wir müssen die Auslassungspunkte füllen. Da steht: „und das Wort war auf Gott zu, und Gott war das Wort. Es war im Anfang auf Gott hin.“ (Joh 1, 1b – 2) Wollte der Autor das Wort bestimmen, fiel ihm nur der Gottesbezug ein. Das Wort war auf Gott hin; es steht also in Relation zu Gott, der das Wort ist. Wenn Gott im Anfang ist, was heißt das für das Wort? Jedenfalls steht es in Beziehung zu Gott – und Gott, der das Wort ist, in einer Beziehung zum Wort. Gott und Wort referieren aufeinander; sie sind für einander wie austauschbare Bezugspunkte. Eine Tautologie. Sind wir damit weiter? Die Anfangsverhältnisse, die nicht gleich Ursprungsverhältnisse sind, sind hier nicht zu klären. Mich interessieren die Folgen.
Dem Wort, gleichgültig woher, weil selbstbezüglich, tautologisch, eignet Macht. Denn durch das Wort wurde alles Vorfindliche. Nichts Vorfindliches lässt es aus. Was vorgefunden wird, ist Leben. Nicht „das“ Leben, sondern abstrakt: Leben. Wort und Leben stehen zu einander in einer schöpferischen Beziehung. Leben ist ohne Wort weder denkbar noch real. Die ganze Überlegung erinnert an die Textidee der französischen Philosophie in Anschluss an Jacques Derrida (1930 – 2004). Alles ist Text, gefügtes Wort – ohne ein Subjekt angeben zu können, das den Text gestaltet, und ohne eine Bedeutung angeben zu können, auf die der Text referiert. Der Text entfaltet seine Bedeutung im Akt der Interpretation, die seiner Struktur, seiner Grammatik, seinen Spielregeln nachgeht. Ziel ist das Aufspüren der Macht, die sich im Text chiffrierte. Wer den Text versteht, versteht Macht, die, mit einem Blick auf den Johannestext, mit Leben zu tun hat. Versteht also, wer den Text versteht, Macht und Leben? Hier hielt die philosophische Theorie des Textes an. Der biblische Text geht weiter.
Leben ist das Licht der Menschen, das in der Dunkelheit leuchtet. Jene nimmt es nicht auf. Wenn sie das Licht nicht aufnimmt, reflektiert sie es dann? Bleibt das Leuchten des Lichts dem Dunklen äußerlich? Das Leuchten vermag die Dunkelheit nicht aufzuhellen. Es wirft sich auf das Dunkle, dringt nicht ein. Wird es zurückgeworfen, reflektiert? Reflektiert das Licht in seinem Leuchten, wenn schon nicht die Dunkelheit, dann sich selbst? Wird das Licht sich so seiner Wirkung, seines Leuchtens bewusst? Erfasst es in der Reflexion sich selbst als Leben? Ist das Licht eine Äußerung des Lebens und das Leuchten die reflektierende Wirkung des Lichts? Sind also Leben und Reflexion aufeinander bezogen? Dieser Bezug ergibt sich im Wort. Damit erhellt sich zumindest, worin die Macht des Wortes besteht: Leben und Reflexion in eine Beziehung zu einander zu bringen.
Wie wirkt es sich auf die Macht des Wortes aus, womit ich den Johannestext verlasse, wenn das Wort zunehmend durch das Bild ersetzt wird? Das Merkmal der Gegenwart besteht nicht im ausdrucksvollen Bild. Jenes kannten und schätzen alle Kulturen, in denen Bilder zugelassen sind. Bild und Wort blieben darin auf einander bezogen. Die Macht des Wortes drückt sich im Bild aus. Ob in antiken Zeus-Bildnissen, in gotischen Kreuzigungsdarstellungen, in den Porträts der Renaissance oder in barocken Residenzbildern bis hin zu expressionistischen und dadaistischen Bildern: sie erzählen von der Macht des Wortes, zuweilen von der des schwindenden Wortes.
Heute sind wir mit anderem konfrontiert: das Bild ist noch im besten Fall die überkonturierte Ablichtung eines Geschehens. Im schlechten Fall wird es zum Fake, zur möglichst verwechslungsechten Vorspiegelung der Realität in der Pose. Dabei vollzieht sich psychologisch gesehen eine erstaunliche Umkehrung: die Realität gleicht sich dem gefakten Bild an. Es scheint so, dass Influencer*innen sich aus dem Fake, den sie von sich machen, kaum mehr befreien können. Dass Politiker*innen den eigenen Wahlkampfbildern entsprechen müssen. Dass Bilder die Ereignisse ersetzen, wie wir es in der hybriden Kriegsführung erleben. Das Bild wird mächtiger als die Realität, indem es sich der Wirklichkeit durch Inszenierung bemächtigt. Das inszenierte Selfi ersetzt das Ich- oder Wir-Sagen. Es erzählt nicht, dass und wie ich in einem Ereignis bin. Es zeigt mich in der eigenen Pose, die die Objektivität der Szene überlagert. Die diskursive oder erzählende Macht des Wortes wird durch die Inszenierung im Bild überboten. Das Wort degeneriert zum zahnlosen Kommentar des Bildes, das durch die täuschend echtheitsnahe Inszenierung des erwünschten Interesses mit beeindruckender Macht aufgeladen wird. Was sollen noch Worte, wo Tatsachen durch Bilder ersetzt werden, wo rationale Argumentationen durch die affektierte Schlagkraft der Bilder überboten werden. Reflexion wird im Bild zur Ideologie oder Propaganda, kritischer Diskurs durch Bildergalerien entwertet.
Wem trauen wir mehr? Dem Bild oder dem Wort? Trauen wir dem Wort noch Information, Nachdenklichkeit, Emotionalität zu? Oder trauen immer mehr Menschen den Bildern? Es ist ja längst nicht mehr „das“ Bild. Es sind die zahllosen Bilder, die Stimmungen statt Informationen transportieren, die affektierte Meinungen statt abwägender Gedanken anregen. Auch die Bilderflut hat Methode. Denn Bilder überfluten das eine, starke Bild, das ein Wort hervorruft oder unterstreicht. Sie ersetzen das „Wertvolle durch das Vielfache“ (C. Riedel) und machen so die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Abbildung, zwischen Tatsache und Meinung, zwischen Argument und ideologischer Pose zunehmend schwerer.
Vertrauen braucht das Wort. Es beruht auf der einfühlenden Wahrnehmung in einen Menschen und dessen Lebenswelt. Es lebt von der „Kultur der Wortfindung“ (U. Böschemeyer), in der behutsam erwogen ausgesprochen wird, was Vertrauen stiftet. Das Wort, die Sprache bildet den Raum der Würde, in der Menschen verbunden sind und durch die das Vertrauen zueinander gestiftet und gehalten wird. Sprache drückt in Worten aus, dass wir alle verletzbar sind, endliche Menschen, denen Fehleinschätzungen unterlaufen können, die wieder mit Worten geklärt werden können. Wenn einmal Wort gegen Wort steht, bleibt immer noch der Diskurs, der Austausch, die vertrauensvolle Versicherung der Aufrichtigkeit und der Wahrhaftigkeit – oder die stumme Nachdenklichkeit. In jener bereitet sich das Wort vor, bei dem wir Menschen dann einander nehmen. Wir nehmen uns beim Wort, nicht beim Bild. In Worten versprechen wir einander, mit der Wahrhaftigkeit ernst zu machen. In Worten bezeugen wir unsere Liebe und unsere Liebenswürdigkeit. Auf das Wort sind wir verwiesen, wenn wir uns vereinbaren.
Verlassen wir uns in der Verbundenheit und Intimität vor allem auf Bilder, dann verlassen wir den Raum des Menschlichen und der Würde. Das Leben ist auf die Macht des Wortes verwiesen. Die Quellkulturen der hebräischen Bibel wussten von dieser Macht: Gott sprach und es wurde. Der griechisch geprägte Kulturraum des Neuen Testamentes vertraute der Macht des Wortes. Die neuzeitliche Aufklärung und die moderne kritische Kommunikationstheorie erst recht. Machen wir den Anfang mit dem Wort und erhalten so unsere würdevolle Macht inmitten der Bilderfluten, die das Wirkliche relativieren und den Menschen zur Pose, wenn nicht zur Posse machen.
Die Idee zu diesem Blog verdanke ich Gerhard Busch.
Im Blog greife ich zudem Texte auf, die ich im aktuellen Jahresheft der Zeitschriften Praxis Palliative Care / Demenz Nr. 17 (2025) veröffentliche.