
Der Bozner Skulpturenkünstler Andrea Bianco fordert die jeweiligen Neubesitzer eines Werkes auf, den Figuren Namen zu geben. Metaxy benannte ich die Tonskulptur in ihrer abstrakten, dennoch klaren Form. Ihre beiden asymmetrischen „Flügel“ begrenzen den Binnenraum der Skulptur, in dem sie den umgebenden Raum unterbrechen. Nicht hart, nicht schneidend. Dafür sind sie zu abgerundet und in leichtem Schwung geformt. Geschmeidig bergen sie den Innenraum, der durch ihre Auffaltung entsteht. Die Figur symbolisiert mir ein Dazwischen, das immer offen ist für die Vermittlung. Es erinnert mich an die Funktion des „Metaxy“ bei Aristoteles, das vermittelnde und zugleich unterscheidende Zwischen von Denken und Sein.

Die zweite Figur stellt eine Frau dar. Sie ist in anthrazit glasiertem Ton gestaltet. Ihr Gesicht hat Gestalt, ohne ausgestaltet zu sein. Das dem Oberkörper eng anliegende Kleid faltet sich nach unten aus. Sie wirkt auf mich unnahbar und undurchdringlich. Mit ihrer Präsenz nimmt sie den Raum ein, so als schieden sich an ihr die Geister. Ich habe sie Moira genannt, das Schicksalhafte.
Für mich passen beide Figuren, Metaxy und Moira, zu den kommenden Tagen „zwischen“ den Jahren. Diese Tage, dem vergehenden Jahr zugehörend, wirken wie eine Zwischenzeit zwischen schon gelebtem und erlebtem vergangenen und dem auf mich zukommenden Jahr. Sie bilden zwischen den Zeiten der Jahre eine Eigenzeit und einen Eigenraum – wie Metaxy es intendiert. In jenen präsentiert sich Moira. Was war das Geschickte in der gerade vergehenden Zeit? Was schickt sich für das nächste Jahr an?
Noch wichtiger sind für mich die Fragen: Wie bin ich dem Geschick der Zeit 2025 nachgekommen? Konnte ich das, was mich sinnvoll anging, von dem, was keine Aufgabe für mich war, unterscheiden? Setzte ich meine Energie so ein, dass ich mich den Aufgaben meistenteils gewachsen fühlte? Hatte ich den Mut, das ergebnislos Mühevolle auch sein zu lassen, weil es sich als sinnwidrig erwies? Öffnete ich mich dem Genuss, der sich mir anbot? War ich bereit für solidarisches Engagement? Und im Blick auf die kommende Zeit 2026: Wer kann ich noch sein? Welche Aufgaben warten erneut oder neu und überraschend auf mich? Was kann ich getrost im Sein ruhen lassen, wohin ich es überantwortet habe? Wie will ich die Zwischenzeiten und -räume nutzen? Wofür?
Die Beschäftigung mit solchen Bilanzfragen braucht diese Zwischenzeit und den geschützten Zwischenraum. Die Weihnachtsfeiertage lassen viele Menschen aus der Zeit fallen. Manche können sich das sogar bis Neujahr gönnen. Die Tage „zwischen den Jahren“ halten Zeit vor, die abgeschirmt wirkt von den drängenden Themen des persönlichen und des öffentlichen Lebens. Sie laden ein, über die großen Lebenslinien nachzudenken, wie ich sie in den Fragen des vorangehenden Abschnitts skizzierte. Wir können Moira hinterfragen. Nicht alles Geschick ist auch Schicksal. Manches am Geschickten hängt nach, weil ich die Aufgabe darin, den Anruf an mich nicht, verzerrt, unvollständig wahrnahm. Oder ich wollte einfach nicht eingehen auf das, was mich da ansprach. Manches ist schicksalshaft in seiner unveränderbaren Gegebenheit. Ich bin damit, zuweilen auch unerwartet, konfrontiert. Den unveränderbaren Fakten bleibe ich dennoch nicht ausgeliefert, auch wenn ich nur eines ändern kann: meine Einstellung zu ihnen. Wie ich dem Unveränderbaren im Leben begegne, ist das vermeidend, abwehrend, ergeben? Mag ich eher in weiser Abwägung und Reflexion einen Weg gestalten und das Leben samt nicht dem ignorierbaren Geschick darin weiterführen. Frei bin ich darin, mich zu entscheiden. Manchmal nur noch in sehr engen Grenzen frei. Hier begegne ich wieder Metaxy, dem Zwischenraum, der offen genug ist, sich auch in Bedrängnis aufrecht zu erhalten.
Der Moira werde ich auch in 2026 nicht entkommen. Ihr Horizont ist ja schon angedeutet oder gar ausschraffiert. Deshalb – und das ist die Kraft der Skulptur, die ich Metaxy nannte, – braucht es die Pflege dieser Zwischenräume und Nischen. Sie ermöglichen den Rückzug, um im weisen Erwägen und abgeschirmt von der Unmittelbarkeit des Drängenden sich zu sammeln und zu orientieren.
Die Bilder sind meine Fotos der beiden Skulpturen Metaxy und Moira des Künstlers Andrea Bianco, Bolzano/IT (https://www.biancoandrea.com/), die mich seit einigen Jahren begleiten.