Apokalyptik ist nicht in erster Linie eine literarische Gattung voll großer Krisenbilder und Untergangseskalationen. Sie ist nicht allein das literarische und cineastische Surfen auf der Bugwelle der Überlebensangst. Ursprünglich ist Apokalypse eine Zeitform. Sie verbindet die ausstehende Zukunft, das was sich zeigen wird, mit dem, was sich heute schon, also in der Gegenwart, darüber andeutet. Die Zeichen der Zeit können Krisen auslösen, die wort- und bildstark beschrieben und inszeniert werden. Jede apokalyptische Zeitvorstellung sieht und denkt die Zeit befristet, endlich. Die letzte ausstehende Zukunft ist das Ende der Zeit. Das Ende der Zeit kommt auf die jeweilige Gegenwart zu.
Der Zeitbegriff, der Apokalypse zu denken ermöglicht, entstand im antiken Judentum. Er nimmt die Befristung der Zeit mittels eines einmaligen, unwiederholbaren Anfangs und eines sicheren, allen Menschen und deren Lebenswelt bevorstehenden Endes ernst. Dadurch unterscheidet er sich von Zeitbegriffen, die in Zyklen denken. Die Zeit kommt dann immer wieder auf ihren Anfang zurück, um diesem neu zu entspringen. Das Gegenwärtige vergeht und lebt in der Wiederkehr der Zeiten wieder auf. Die erlebbare Zeit ist entfristet, weil sie in einer Art Analogie wiederkehrt. So kann sie als die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ (F. Nietzsche) der antiken kleinasiatischen und griechischen Kultursphäre oder in der Denkform der Hindureligionen und des Buddhismus als Wiederkehr in Varianz gedacht werden. Der jeweils neue Zeit-Zyklus ist Bild eines schon vorhandenen. Darin ist keine Apokalypse denkbar. Denn die Wirklichkeit endet nicht. Sie lebt und lebt im ewigen Kreis des Ursprünglichen. Sie kommt über den Ursprung nicht hinaus.
Apokalypse nährt sich aus der Spannung zwischen dem Leben in der Zeit und dem Ende der Zeit. Sie geht von einem Zeitverlauf aus, der von einem Anfang her zu einem Ende kommt. Im Wirklichen trifft der Lebende überall auf Befristung und Endlichkeit. Nichts währt ewig unter der Sonne. Nicht einmal die Sonne selbst. Das Ende deutet sich in Krisen an, in Entscheidungszeiten, die das Ende verzögern oder mildern sollen. Hoffnung keimt in der Krise, dass im Ende das Rettende erscheint, in alten Zeiten transzendente Rettergestalten, in modernen revolutionäre Prozesse. Beiden traut die apokalyptische Hoffnung zu, dass sie die rettende Wahrheit der Zeit enthüllen (apo-kalyptein, altgriechisch und übersetzbar mit aufwickeln, enthüllen) und einen Sinn der Endlichkeit zeigen.
Wir begninen gerade ein neues Jahr. Manchmal scheint es angesichts existenzieller, persönlicher und politischer Déjà-vus, dass sich eben doch alles wiederholt. Das mag uns so erscheinen, weil es für uns affektiv einfacher zu leben ist. Im untätigen Klagen zu leben scheint weniger Energie zu verschlingen, als sich zu neuem Tun, zu neugierigem Empfinden oder zu persönlichen, sinnvollen Einstellungen zum vorerst Gegebenen zu motivieren. Zyklische Zeitbilder motivieren nicht. Sie raten eher zur Duldung der gegenwärtigen Gegebenheiten, in der Erwartung, dass sich im nächsten Lebenszyklus für die Gegebenheiten veränderte Perspektiven einstellen. Das Karma ändert sich und mit ihm die Lebensmöglichkeiten. Oder, eher idealistisch-gnostisch gedacht, es entsteht im nächsten Zyklus etwas, das vor den Widrigkeiten des gegenwärtigen Lebens bewahrt. Das kann eine Rettergestalt oder – eher postmodern strukturalistisch gedacht – ein rettendes System, ein neuer Text, ein befreiendes Narrativ sein.
Ebendas führt der Beitrag von M. Andree zum Thema „Nachruf auf den Liberalismus“ (SZ, 01.01.2026) vor. Er entlarvt die neue „große Erzählung“ von Trump und der Tech-Bros als „Abschaffung des Wettbewerbs bei Wirtschaftsgütern“ und des „Wettbewerbs der Ideen“. Dadurch entsteht Platz für digitale Meinungskontrolle, für Polarisierung und Populismus, befeuert durch die radikalisierende Empörung priorisierenden Algorithmen in den digitalen Medien, Platz für Deregulierung und Marktmonopolisierung. Das alles auf Kosten der diskursintensiven und differenzierenden, verantwortlichkeits- und freiheitsbewussten politischen und sozial-marktwirtschaftlichen Mitte. Darin wird die sinnproduktive Spannung der apokalyptischen Zeitform der Befristung der Zeit aufgekündigt – und mit ihr die stete Abwägung von Freiheit und Verantwortlichkeit, der kritischen Unterscheidung zwischen Intention und universellem Wert und individuellem Sinnzusammenhang, letztlich der Zusammenhang von autonomem Weltbezug, selbstbestimmten Lebensverhältnis und der Möglichkeit zur souveränen Ausnahme, die sich in der höchstpersönlichen Würde des Menschen ausdrücken (Riedel, 2025). Knapp zusammengefasst: Menschenrechte, Völkerrecht, Ethik, Normativität und Legitimierung werden ignoriert und beseitigt.
Es war der Philosoph und Theologe J.B. Metz (1928 – 2019), der auf die Folgen eines Wirklichkeitsverständnisses hinweist, das die Zeit „entfristet“: Das wissenschaftlich-technische Wirklichkeitsverständnis „ist geprägt von einer Vorstellung von Zeit als einem leeren, evolutionär und ins Unendliche wachsenden Kontinuum, in das gnadenlos alles eingeschlossen ist. … Dieses Zeitverständnis treibt jede substantielle Erwartung aus und erzeugt so eine heimliche Identitätsangst, die an der Seele des modernen Menschen frisst. … Aus der heimlichen Angst vor der zeitlosen Zeit nährt sich auch, was man jüngst [1985!] den Zynismus der Moderne genannt hat: der Kult der Apathie, das Sich-Herausdrücken aus den Gefahrenzonen der geschichtlich-politischen Verantwortung, das anpassungsschlaue Sich-Kleinmachen, das Nischendenken, das Leben in kurzfristigen Intervallen, eine Mentalität schließlich, die uns zu Voyeuren des eigenen Untergangs machen kann.“ (Metz, 2017 [1985], S. 100 f.) Ergänzen wir die Hellsichtigkeit der Analyse noch durch das, was vorher im SZ-Beitrag von M. Andree beschrieben wurde, dann zeigt sich: Die Zeitentfristung ist heute als ein ins gestaltlose Unendliche treibender Prozess zu verstehen. Das deutet sich im „Pantextualismus“ (Ilouz, 2025, S. 33 f.) der Theorie der Postmoderne an. Sie sieht das soziale Leben als ein „Netz von Zeichen, Texten, Diskursen, diskursiven Formationen“, also als Text an, der seine Bedeutung aus seinem Organisationsprozess selbst bestimmt – befreit von jeder Autorschaft. Das drückt sich in der „digitalfeudalistischen“ und „libertären“ Herrschaft von Trump und Tech (Andree, 2026) aus. Die technische AI soll alles steuern, Sprache, Inhalte, Prozesse.
Die apokalyptische Zeitvorstellung unterbricht kritisch die Dynamiken der „zeitlosen Zeit“ (J.B. Metz); denn sie drängt auf die Wahrnehmung der Befristung. Jene ermöglicht den Blick auf das Herkunftsbild der Gegenwart, das einen Anfang in der Geschichte voraussetzt. Das ermöglicht die Differenzbestimmung zwischen Bleibendem und Veränderung. Die Befristung der Zeit konstituiert eine Zukunft, für die, da inhaltlich noch unbestimmt, Gestaltungsentscheidungen möglich sind. Für sie sind die Entscheidenden verantwortlich. Entscheidung setzt nicht nur Wahlmöglichkeiten, sondern auch Wahlbereitschaft und die Fähigkeit voraus, sich in Verantwortung für die Folgen auf etwas festzulegen. Darin besteht unsere Freiheit. Wir können, mögen, dürfen – und sollen. So affirmieren wir unsere Würde als einmalige und einzigartige Personen (Riedel, 2024). Die Befristung der Zeit verweist auch auf das Ende der persönlichen und der historischen Zeit und fordert jede und jeden von uns auf, in Würde unsere Zeit zu leben. In der Zeit entspannt sich der Lebensraum, indem gelebt und erlebt werden kann. Wirklich „kann“: Im Frieden wird dieses Leben in Würde gefördert; denn der Friede kann und das Leben wird enden. Gewalt erzwingt die Würde, um bis zum Ende der Frist zu überleben. Immer entscheidet der einzelne Mensch, ob er, was er kann, auch mag; ob er sich im Vertrauen auf ein Sollen und Dürfen gegen die Hindernisse sinnvoll durchsetzt. Wir Menschen leben in einer befristeten Zeit. Ein anderes Leben haben wir nicht.
Die befristete Zeit braucht den Menschen, der sie lebt. Wird die Zeit entfristet, wird der Mensch alsbald überflüssig. Eines bleibt, ob wir es so sehen wollen oder auch nicht: Es sind wir, die entscheiden, ob die Zeit unser Lebensraum bleibt. Ob wir also aus kritischen Motiven heraus, das Unbequeme, weil Unangepasste, wählen – oder uns in der Meinung, dass dabei wenigstens etwas für uns abfällt, den destruktiven Kräften anpassen. Apokalyptisches Denken fordert Entscheidung. Deshalb bitte ich um mehr Apokalypse für dieses Jahr.
Quellen:
Andree, M. (2026): Nachruf auf den Liberalismus, in: https://www.sueddeutsche.de/kultur/liberalismus-monopole-tech-oligarchie-usa-gegenwehr-li.3359403
Illouz, E. (2025): Der 8. Oktober (2. Aufl.). Suhrkamp
Metz, J.B. (2017): „Der gefährliche Christus – oder Vermutungen über eine Unterbrechung der Moderne (1985), in: ders.: Gott in Zeit. Gesammelte Schriften, Band 5. Herder, S. 97 – 105
Riedel, C. (2024): Menschsein im Sterben. Menschenbild, Würde und Logotherapie in der Palliative Care. Hogrefe
Riedel, C. (2025): Verletzbarkeit und Würde, in: Das Jahresheft. Praxis Palliative Care / Demenz Nr. 17 (2025), S. 26 – 29