Zuweilen begegnen einem Texte aus der persönlichen Lesegeschichte wieder – und unterbrechen das Denken. An solchen Bruchstellen öffnet sich die Oberfläche der Gedanken. Öffnungen laden ein, dem nachzugehen, was sich außerhalb des eingeschlagenen Denkweges daneben, darüber, darunter entdecken lässt. Tatsächlich geht es nach öffnenden Unterbrechungen für’s Erste „drunter und drüber“.
Ein Literaturhinweis in Hartmut Rosas gerade erschienen Buch „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ (2026) unterbrach meine Gedanken- und Schreibarbeit. H. Rosa verweist darin auf den Text „Umwege“ in Hans Blumenbergs Buch „Die Sorge geht über den Fluß“ (1987/2022, S. 137 ff.). Als ich die kurze Reflexion zum Umweg vor Jahren erstmals las, floss sie sofort in meine psychotherapeutische Arbeit ein. Immer wieder erwarteten Patient*innen gerade am Anfang einer psychotherapeutischen Behandlung oder dann, wenn die gemeinsame Arbeit sich einem lange vermiedenen Thema des Lebenshandelns oder der Persönlichkeit näherte, den direkten Weg von der Einsicht zur sofortigen, bessernden Veränderung. Kurz: ein Rezept für einen beschwerdefreien Umgang damit. Immer wieder hatte ich dann Blumenbergs (2022, S. 137) Überlegungen zum Umweg vor Augen: „Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren.“ Das ist die These. Er erläutert sie sogleich: „Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendlich viele Umwege.“ Wer sagt, dass der direkte und damit kürzeste Weg auch der für jemand beste ist? Vielleicht verlangt er etwas, was jemand gar nicht zu leisten bereit ist. Er zwingt zu ungewohnter Bewegung und zu Risiken, weil er schmal, rutschig, felsig, steil ist. Möglicherweise überfordert er die Kräfte, die gerade zur Verfügung stehen, oder die Fähigkeiten, die einfach nicht vorhanden sind. Außerdem findet sich, wer sich auf dem direkten Weg bewegt, rasch in Konkurrenz zu anderen, die ihn auch nehmen.
In solcher Lage ist es sinnvoll, sich nach Wegen umzusehen, die besser zum jeweiligen Menschen passen und zum gleichen Ziel führen – mit der Chance, während des Umweges zum Nachdenken über das Ziel und zu neuen Perspektiven angeregt zu werden. Umwege erschließen Spielräume, indem sie aus dem Geplanten heraus in Bereiche führen, die zum Entdecken, Verweilen, zu unerwarteten Begegnungen führen. Die Welt, in der jemand unterwegs ist, zeigt sich aus anderen Perspektiven. Zugleich fordert sie den Menschen auf dem Weg zu umsichtiger Aufmerksamkeit auf. Anfangs beschäftigt die bange Frage, ob auf dem Umweg das Ziel auch fristgerecht zu erreichen ist, ob die persönlichen Ressourcen für den Weg ausreichen. Ob man sich zurechtfinden wird. Mit einem Mal fällt an einem selbst auf, wie varíabel die Bewegungen, die Geschwindigkeiten, das Atmen, die Wahrnehmungen sind. Welche Landschaftsbilder man durchläuft und in welche Stimmungen jemand gerät. Mit einem Mal wächst die Lust auf das Verweilen und jemand lässt sich auf einen Blick, einen Ort, einen Zustand ein. Oder es kommen andere des Weges, mit denen Austausch und Geplauder möglich ist. Der Umweg wird zum Weg eines unerwarteten Lebens und Erlebens. „Nicht jeder erlebt alles, wenn auf Umwegen gegangen wird; dafür aber auch nicht alle dasselbe, wie wenn auf dem kürzesten Weg gegangen wäre.“ (Blumenberg, 2022, S. 137)
Es ist für Menschen, die sich auf einen Umweg einlassen, eine überraschende und bereichernde Einsicht zugleich: Wer den kürzesten Weg beschreitet, macht Erfahrungen, die alle anderen auf diesem Weg auch machen. Das ist die Eigenart des „Konstellativen“, das H. Rosa (2026) beschreibt. Jenes macht Prozesse allgemein nachvollziehbar, indem eine Situation in kleine Schritte zerlegt wird, die eine genaue Abfolge für den Vollzug vorgeben. Wer sich auf Umwege einlässt, verlässt die manualisierten Schrittfolgen – und begibt sich in offene Situationen: „Alles hat Aussicht erlebt zu werden“, wie Blumenberg (2022, S. 137) schreibt. Das verlebendigt das Leben; denn es wird in seinem Herausforderungscharakter angenommen. Die Realität kann in aller Vielschichtigkeit und Multidimensionalität, auch in ihrer Befristung ernstgenommen werden und die Einzelnen suchen ihre sinnvollen Antworten dazu. Jede und jeder ist zugleich frei, das Sinnvolle in der Lage zu verfehlen oder sich gegen es zu stellen, noch einen weiteren Umweg zu gehen. Die Verantwortung für die persönliche Entscheidung liegt dann auch bei den Entscheidenden. Es war Viktor Frankl, der dies zu einer der Grundlagen seiner Psychotherapie machte. Das Ergebnis dieser existenziellen Einsicht und Lebenshaltung, welt- und selbstgestaltend die Anfragen des Lebens zu beantworten, besteht darin, sich selbst als Person in Freiheit und Verantwortlichkeit zu erleben. Umwege geben Spielraum für die Lebensantworten und verhelfen zur Selbstwahrnehmung im Kontext der jeweiligen Lebenswelt. Gleichzeitig gilt auch: Umwege sind kein Patentrezept. Manchmal ist es sinnvoll, den kürzesten Weg mitsamt seiner Vollzugsanleitung zu nehmen.
Umwege ermöglichen, wenn eine „konstellative Lage“ (H. Rosa) den rationalen und kürzesten Weg von A nach B verspricht, zu erkennen, dass in jenem Versprechen die Perspektive sich vom „Handeln zum Vollziehen“ verschiebt (Rosa, 2026, S. 7 ff.; S. 145 ff.). Wer vollzieht, klammert sich selber durch das Abarbeiten einer manualisierten Routine aus. Wer sich auf den Umweg einlässt, der erlebt die Vielschichtigkeit des Lebendigseins. Er begegnet weniger Algorithmen, sondern eher Menschen. „Die Umwege sind es, die der Intersubjektivität ihre Bedeutung … verleihen.“ (Blumenberg, 2022, S. 137 f.) Umwege laden dazu ein, sich zusammenzutun, um die Situation zu meistern. Umwege lehren das Unterscheiden. Nur wer unterscheiden kann, wird auch entscheiden.
Umwege sind das Leben. Die glatten Versprechen der direkten Wege für mehr Sicherheit und Evaluierbarkeit entfremden mitunter vom Leben und lassen Menschen ermüden. Lassen wir uns gerade dann auf die Umwege ein, die manchmal geradezu abwegig erscheinen. Dafür bereichern sie das Leben mit Kultur, Vielfalt und Begegnung.
Quellen:
Blumenberg, H. (2022): Die Sorge geht über den Fluss (7. Aufl.). Suhrkamp
Rosa, H. (2026): Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp