Denkverschiebung – eine neue olympische Disziplin?

Da ist ein ukrainischer Athlet. Wladyslaw Heraskewytsch. Skeletonfahrer. Er hat seinen Helm mit Bildern dekoriert. Sie zeigen Porträts von Athlet*innen der Ukraine. Opfer des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Kein Wort. Keine Parole. Nichts als die Bilder. Er wurde disqualifiziert, weil er gegen die olympische Regel Nr. 50/1.31 zu ostentativer Werbung oder Propaganda auf Wettkampfgegenständen verstößt. Russland führt seinen Krieg gegen die Ukraine weiter. Obwohl das olympische Feuer brennt.

In der griechisch-römischen Antike sollten während Olympischer Spiele die Waffen ruhen. Pierre de Coubertin, die Wiederbegründer der olympischen Idee in der Neuzeit, wollte jungen Menschen die Gelegenheit geben, im sportlichen Wettkampf statt auf den Schlachtfeldern des Krieges ihre Kräfte zu messen. Welches Zeichen wäre es gewesen, wenn Russland sich verpflichtet hätte, die Waffen während der Olympiade schweigen zu lassen. Und die russischen Sportler*innen hätten an den Winterspielen teilgenommen. Kein Deal unter Präsidenten, sondern ein starkes Zeichen von Friedensbereitschaft!

Stattdessen: Disqualifizierung der Trauersymbolik eines Sportlers aus dem bekriegten Land. Der us-amerikanische Athlet Christopher Lillis verhielt sich klüger. Er sprach vom gebrochenen Herzen im Blick auf seine Herkunftsnation. Ja, in den USA ringt ein Präsident Teile seine Bürger*innen mit brachialen Methoden nieder und wütet gegen kritische Athlet*innen seines Landes. In der Ukraine jedoch geht es um das Überleben einer Nation im Raketenhagel und unter den Drohnenschwärmen eines Aggressors, der einen völker- und immer deutlicher auch kriegsrechtswidrigen Angriffskrieg führt: Russland.

Was der ukrainische Sportler beabsichtigte, formuliert die us-amerikanische Starphilosophin Judith Butler (2021, S. 96) so: „Manche Leben erlangen ikonische Dimensionen – das absolut und eindeutig betrauerbare Leben -, während andere kaum einen Spur hinterlassen – das absolut unbetrauerbare Leben, dessen Verlust kein Verlust ist.“ Herr Heraskewytsch wollte im ikonischen Rahmen der Olympischen Spiele seine Kolleginnen und Kollegen vor der Unbetrauerbarkeit retten. „Der trauernde Protest … macht geltend, dass dieses verlorene Leben nicht hätte verlorengehen dürfen, dass es betrauerbar ist“ (Butler, 2021, S. 97).

Ja, es ist ein Regelverstoß gegen die geschriebene olympische Satzung. Wenn es während der Spiele um den gegenseitigen Respekt der Athletinnen und Athleten geht, symbolisch für den Respekt der teilnehmenden Nationen untereinander, dann geht es auch um die Würde des Menschen. Im Symbol wenigstens sollten gefallene, getötete Athlet*innen auf dem Helm des ukrainischen Sportlers in die olympische Familie aufgenommen werden – genuin dort, wo sich alles entscheidet. In der Wettkampfstätte.

  1. https://www.doa-info.de/images/PDF/Olympische_Charta_2014.pdf, S. 67 – 69 ↩︎

Butler, J. (2021, 2. Aufl.):Die Macht der Gewaltlosigkeit. Suhrkamp