Nie hatte ich Gelegenheit, Jürgen Habermas persönlich zu erleben. Dabei begleitet mich sein Werk seit 1977. „Erkenntnis und Interesse“ war das erste Buch, das ich von ihm las. Was heißt das, Habermas lesen? Vielen gilt sein Denken als schwer zugänglich. Seine philosophischen und soziologischen Werke sind im oberflächlichen Sinne des Wortes wirklich schwer lesbar. Habermas muss studiert werden. Denn er hinterlegt – erstens – seine Texte mit einer immensen Belesenheit. Jener ist auf die Spur kommen. Wer sich mit den wichtigsten Quellen seiner jeweiligen Argumentation beschäftigt – daran kam ich zumindest nie vorbei -, dem zeigt sich: Habermas referiert nicht nur das Original, sondern er liefert auch seinen eigenen hermeneutischen Prozess zum Quellentext mit. Er begibt sich mit den Quellen seines Denkprojekts in den Diskurs. Dadurch gewinnt – zweitens – bei ihm jedes Quellenreferat eine argumentative, meist dialektische Funktion. Es stützt entweder die eigene These oder fungiert als Einwand, bereitet mithin das einstweilige Verweilen im Aporetischen oder die zielführende Synthese vor. Deshalb gewöhnte ich mir an, soweit als möglich, die Arbeit von Habermas an der jeweiligen Quelle mitzuvollziehen, mich also auf dessen hermeneutischen Prozess der Aneignung einzulassen. Das macht die Lektüre aufwändig, mühsam und bereichert zugleich, weil so die eigene Belesenheit nicht nur das Erinnern eines Gedankengangs umfasst, sondern im aktiven und aktuellen Diskurs gehalten wird. Das heißt: Habermas studieren bedeutet, sich ständig mit dem Material und dem Denkprozess auseinanderzusetzen.
Ich weiß nicht, ob er sich der Didaktik seiner Texte bewusst war. Wer sie studiert, lässt sich buchstäblich auf den Denk-Weg ein, den Habermas selbst zurückgelegt hat, bis er zu den knappen Formeln kam, in denen er die Ergebnisse seiner Arbeit pointierte, wie „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, „Die neue Unübersichtlichkeit der Wirklichkeit“, „der zwanglose Zwang des Arguments“, „Weltinnenpolitik“, „linguistische Wende der Philosophie“, „der sakrale Komplex“ und viele andere. Kurz: Habermas verstehen wollen, zwingt zum Selbstdenken.
Seit mehr als fünfzig Jahren begleiten mich seine Bücher und Aufsatzsammlungen. Er ist einer der Philosophen, bei denen ich zuerst nachschlage, wenn es um ein mir neues Thema geht. Ernst Bloch ist ein anderer. Beide zeichnen sich durch den eigenwilligen und eigenständigen und damit sehr unterschiedlichen Zugang zu philosophischen Themen aus. Beide mischten sich in die Tagespolitik ein, wenn aus ihrer Denkperspektive dazu etwas zu schreiben oder zu sagen war. Von beiden fühlte ich mich immer wieder beschenkt. Zuletzt durch die zwei Bände des späten Werkes von Habermas (2019) „auch eine Geschichte der Philosophie“. Ein Jahr lang studierte ich während des durch die Pandemie bedingten Lockdowns die über 1700 Seiten Text. Sie enthalten eine selektierte Geschichte der Philosophie in systematischer Form. Sie zeichnen zugleich eine Genealogie des philosophischen Themas nach, das Habermas in seinem späten Denken vor allem beschäftigte: die philosophische Beziehung von Glauben und Wissen oder das Verhältnis von Philosophie und „sakralem Komplex“ zu einander. Dabei entwickelt er ein historisch angelegtes, systematisch argumentiertes Plädoyer für die Unentbehrlichkeit der Philosophie. Er zeigt, wie die Philosophie gegenüber der Theologie und verfassten Religion durch die stete Reflexion auf ihren Denkprozess samt seiner jeweiligen Bedingtheiten und Referenzen in der Lebenswelt die Verantwortbarkeit als Wissenschaft gewinnt. Sie setzt sich als Theorie des systematischen Denkens und Praxis des argumentativen Diskurses durch. Habermas kritisiert dabei die analytische Engführung auf eine der Empirie entlehnten und an sie angepassten Forschungsmethodik. Für ihn lebt die Philosophie vom Bezug auf die jeweilige Lebenswelt. Die Lebenswelt bleibt das kommunikative Apriori der systematischen Reflexion, die als philosophische stets Auskunft über den eigenen Prozess und den Standpunkt desselben zu geben vermag. Kurz: Habermas unternahm in diesem Buch die Vermittlung kantischer Vernunftverantwortbarkeit und hegelscher Systemkomplexität, noch einmal aufgeklärt durch die sprachphilosophische Einsicht, dass Kommunikation Handlung ist. Insofern beziehen sich Philosophie und „sakraler Komplex“ im Sinn einer wechselseitigen qualitativen Ressource füreinander. Jener enthält wertvolle Handlungsformen und Denkgestalten für die Bewältigung der lebensweltlichen Herausforderungen, die philosophisch relevant sind und deshalb in den regelbasierten Diskurs aufgenommen werden sollten.
Nun ist der Lehrer, den ich persönlich nie in einem Vortrag oder einer Vorlesung kennenlernte, der durch seine Schriften mein Denken und meine Perspektive auf die Lebenswelt mitformte und bereicherte, tot. Ich werde seinen Scharfsinn, seine argumentative Leidenschaft und seine intellektuellen Provokationen im gesellschaftlichen Leben und der Politik sehr vermissen. Der Verlust dieses so lebendigen Denkers lässt mich um ihn trauern.