Menschsein und Würde – Normative in der Geschlechterdebatte?

Zeitgemäße Psychotherapie versucht während der ersten Begegnungen zwischen Patient*in und Therapeut*in für Entlastung zu sorgen. Skills spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die kurzen und effektiven Übungen ermöglichen unaufwändige und rasche Entlastung der Betroffenen. Sie können rasch erlernt werden und sind meist leicht praktizierbar. Das Beruhigungssystem wird dabei aktiviert, das die Distanzierung von Belastungen und den damit verbundenen unangenehmen Affekten einleitet.

In der Süddeutschen Zeitung vom 10.04.2026 las ich einen Beitrag dazu, was Männer tun können, damit Frauen sich nicht bedroht fühlen. Mehrere Verhaltensanweisungen werden beschrieben. Ich berichte nicht alle. Es sind einfache Hinweise wie Abstand und Raum schaffen bei spontanen Begegnungen der beiden Geschlechter, in öffentlichen Verkehrsmitteln bei entsprechendem Platzangebot nicht direkt den freien Platz neben oder gegenüber einer Frau wählen, sich in bedrohlich empfundenen Situationen wie Anstarren oder  übergriffigen Bemerkungen, durch eine kurze, kantige Bemerkung einmischen und Distanz schaffen.

Das sind wichtige Verhaltenshinweise, die eine sich zuspitzende Lage vermeiden und entschärfen helfen. Sie lösen nur das Problem, um das es geht, nicht. So wertvoll Skills zur raschen Lagebereinigung sind, sie beeinflussen kaum die Haltung, aus der heraus sich Männer in bedrohlicher Weise zu Frauen verhalten oder allgemeiner, sich die Geschlechter – und es sind ja nicht nur Frauen und Männer, um die es geht – einander irritierend, übergriffig, gewaltsam und gewalttätig begegnen. Trauen wir diesen knappen Verhaltensanweisungen nicht zu viel zu?

Sie sind ein erster Schritt, um Ordnung in Situationen zu bringen, die zu entgleisen drohen. Im Grunde werden darin das Selbstsein, die Person, die höchstpersönliche Würde von Menschen infragegestellt und bedroht. Die Bedrohte, der Bedrohte spürt Scham – und nicht der bedrohende Mensch. Die Scham ist eine basale Emotion, die sehr eng mit der Intimität unseres Personseins verbunden ist. Der Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Daniel Hell (2007, S. 139) bezeichnet die Scham als die „Türhüterin des Selbst“. Im Schamgefühl drückt sich die Sorge um die Integrität, die Sicherheit und die Selbstwirksamkeit des Menschen aus. Hell (2019, S. 55 f.) zufolge sind Schamgefühle in jedem Alter ein Thema. 

Übergriffiges und bedrohliches Verhalten löst nicht nur selbstschützende Scham aus, sondern wirkt zudem beschämend. Dies ist die andere Seite dieses „Interaktionsgefühls“ (Baer & Frick-Baer, 2022, S. 37). Beschämung verbindet das Schamerleben mit Qual. Qualvolle Scham generiert Angst. Darin besteht das Irritierende, dass der Übergriff im falschem „Charme“ Gewalt transportiert. Dieser falsche „Charme“, der real eine Form von Gewaltanwendung ist, zielt darauf, andere in eine schamvoll-peinliche Situation zu bringen, sie in ihrer Verletzbarkeit bloß zu stellen und sich selbst in eine vorteilhaft überlegene Position zu bringen. Übergriffiges Verhalten gegenüber einem andersgeschlechtlichen Menschen versucht jenem die Kontrolle über sich und die Lage dadurch zu nehmen, indem jener auf sekundäre Sexualmerkmale reduziert wird. Oder es wird ihm projektiv das Bedürfnis des Täters unterstellt: „Die wollen das ja auch.“ Kontrolleinschränkung oder letztlich Verlust der Fähigkeit zur Kontrolle greift die Selbstbestimmung des Menschen an. Der sexuell-gewaltsame Übergriff ist auch ein Eingriff, nämlich in die Intimität und die Privatsphäre. So stellt es der Philosoph Avishai Margalit (2023) dar.

Soziologisch haben wir es mit „Extraktivismus“ (Ausbeutung und Raubbau) zu tun. Joana Osman (2025, S. 50) sieht in dieser Systematik des Raubbaus „das Prinzip hinter patriarchalischen, kapitalistischen und faschistoiden Ideologien“. Wozu betreiben Geschlechter Raubbau aneinander?, ist also die Frage, der gegenüber die Skills zu kurz springen. Längerfristig bedarf es der grundsätzlichen Einsicht, dass der Mensch eben nicht des Menschen Wolf ist, sondern dass er angesichts der beiden Wölfe, die in ihm sind, die Wahl hat, welchen er gerade füttert. 

Der Neuropsychologe Rick Hanson (2018, S. 13) erzählt dazu die Geschichte einer indigenen Großmutter vom Wolf des Hasses und dem Wolf der Liebe nach. Beide gehören zum Menschen, für den sie beide eine wichtige Funktion haben. Die alte, weise Frau sagt: „ich erkannte, dass alles davon abhing, welchen der beiden ich fütterte, und zwar jeden Tag.“ Es geht also nicht darum, den Hasswolf zu ignorieren, zu unterdrücken. Hanson (2018, S. 71) fragt: „Können Sie … Aspekte des Hasswolfes im Körper spüren?“ Und: „Können Sie auch solche Erfahrungen, das Spüren des Hasswolfes im eigenen Körper akzeptieren?“ Akzeptanz heißt nicht Einverständnis, Bejahung und Ausagieren der Impulse und Bedürfnisse des Hasswolfes. Akzeptanz ist die Feststellung: Die Aggression ist da in mir. Diese Wahrnehmung öffnet für die Frage: Wie verhalte ich mich dazu? Dränge ich den Hasswolf in eine Ecke, lege ich ihn an eine Kette oder sperre ich ihn in einen Käfig? Dann kann ich sicher sein, dass er „am Ende sowohl uns als auch andere beißen“ wird (Hanson, 2018, S. 13). Es gibt Situationen, in denen es sinnvoll ist, ihn zu füttern, nämlich dann, wenn es um Selbstbehauptung, Grenzen ziehen, Nachdrücklichkeit, um den Schutz und die Abgrenzung des Liebeswolfes geht. Auch jener verkörpert eine basale Emotion des Menschen. Auch er kann andere irritieren, wenn die Liebe grenzenlos wird – und Liebende nicht mehr achtsam gegenüber anderen sind. Auch er kann hungernd in einen Käfig verbannt sein: „es ist oft die Liebe, die in Beziehungen zurückgehalten wird und unter Verschluss bleibt“ (Hanson, 2018, S. 72).

Zur Weisheit des Menschsein gehört es, zu entscheiden, welcher Wolf gerade Futter braucht. Füttern  bedeutet, in eine verantwortungsvolle Beziehung treten. Wer füttert, achtet darauf, dass die Nahrung passt, in der Art und Weise, in der Menge, in der Form. Wer füttert, wendet sich dem anderen aufmerksam und wohlwollend zu. Er geht auf den, der gefüttert wird, ein. Er unterlässt den Übergriff auf, den Raubbau am anderen. Er nimmt ihn in seinem Menschsein wahr und lässt ihn in seiner Würde. Menschsein und höchstpersönliche Würde bilden das Normativ, an dem sich das Menschenunwürdige des Extraktivismus zeigt. Jener legt Menschen auf Unterschiede fest und unterdrückt interessengeleitet das Verbindende im Menschsein. Damit macht er die einen zur Abraumhalde und die anderen zu Nutznießer*innen des Raubbaus. Er verengt für die einen die Möglichkeitsräume, um sie für andere zu erweitern. Extraktivismus greift in die „Möglichkeitskultur“ demokratisch verfasster Gesellschaften und die darin verfügbaren individuellen Möglichkeitsräume willkürlich und gewalttätig ein (Sommer, 2023, S. 27). Wenn der Mann nicht anders kann, als das zu leben, wozu er das Recht zu haben vermeint, wenn Heterosexuelle meinen, was für sie die Normalität ist, als Norm für die diversen sexuellen Personlisationsweisen und Lebensformen setzen zu müssen, dann werden Möglichkeitsräume unzulässig reduziert. Denn das Normative ist nicht das Männliche, Frauliche, Homosexuelle, Diverse, sondern es ist das Menschsein in seiner individuellen und höchstpersönlichen Würde. Darin sind alle Menschen verbunden – und unterscheiden sich lediglich in zwei Gruppen, wie V. Frankl (1905 – 1997) es an verschiedenen Stellen seines Werkes formuliert: Es gibt zwei Arten von Menschen, anständige und unanständige. Wozu jemand gehört, entscheidet jede und jeder selbst. Wer Raubbau an anderen Menschen betreibt, indem er sie gewaltsam zu Zielen seiner sexuellen Bedürfnisse zwingt, der entscheidet sich für die unanständige, die entwürdigende Variante des Menschsein. Selbst darin bleibt er oder sie mit dem Menschsein verbunden, leider, ohne es für sich selbst wahrzunehmen, wie gegenwürdig er lebt. Dagegen muss sich jede Demokratie wehren, um die Möglichkeitsräume weiterhin offenzuhalten – für alle und jeden.

Quellen:

Baer, U. & Frick-Baer, G. (5. Aufl. 2022): Das große Buch der Gefühle. Beltz

Hanson, R. (2023): Achtsamkeit und die Neurobiologie der Liebe. Arbor 

Hell, D. (2007): Seelenhunger. Vom Sinn der Gefühle. Herder

Hell, D. (2019): Lob der Scham. Nur wer sich achtet, kann sich schämen. Herder

Margalit, A. (3. Aufl. 2023): Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung. Suhrkamp

Osman, J. (2025): Frieden. Eine reale Utopie. Penguin/Randomhouse

Sommer, A. (2023): Entscheide Dich! Der Krieg und die Demokratie. Herder

Süddeutsche Zeitung vom 10.04.2026, Jg. 82/Nr. 82, S. 8: Ein Alltagsguide für Männer