Bald schließt sich das Jahr 2023. Vom Ende her auf das vergehende Jahr geblickt kam zum russischen Krieg gegen die Ukraine der Krieg zwischen der Hamas und Israel hinzu. Auch dieser Krieg betrifft Europa. Mit beiden Kriegen ringt Europa. Der Krieg, den der russische Präsident der Ukraine physisch aufzwang, attackierte Europa in seinem Vertrauen auf die Friedensdividende seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Das Vertrauen begründete es in der Kraft der demokratischen Selbsterhaltung, der ökonomischen Macht und der Verlässlichkeit der europäischen, aufgeklärten Kultur. Es wurde durch den mit brutalen Mitteln geführten, gewaltsamen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 massiv erschüttert. Nachdem der Überfall durch die entschlossene Verteidigung der Ukraine zum andauernden Krieg wurde, ist Europa dabei, sich unter den veränderten Gegebenheiten wieder neu zu finden. Die Zeit der stabilen Selbstsicherheit mutiert zu einer Zeit, in der Europa wieder einmal nach der geeigneten Modifikation seines Selbstbildes sucht. Der Schriftsteller Aron Grünberg formuliert das Spielmuster Europas in seinem Roman „Besetzte Gebiete“ (2021, S. 47 f.): „Europa ist Europa. … Alle tun, als wäre Europa todkrank, aber irgendwie zieht es sich immer aus der Affäre, es rettet sich selbst. Europa ist schon todkrank seit seiner Entstehung.“ Das Zeitspiel Europas ist reformatorisch, geprägt durch die verschiedenen Aufklärungsepochen seiner langen Geschichte. Dabei überwindet Europa durch immer wieder neue rationale Diskurse Anhaftungen im sakralen Komplex, sei er polytheistisch wie in der Antike, trinitarisch wie im Christentum oder spiritualistisch wie in der Romantik des 19. Jhdts..
Russland kennt ein anderes Zeitspiel. Kennzeichnet das europäische Zeitspiel der reformatorische Wechsel zwischen Selbsterfindung eines politischen Modells und dessen stabiler Entfaltung, bis innere oder äußere Kräfte jenes in Frage stellen, scheint das Zeitspiel Russlands traditional. Russland blickt von den Befürchtungen der jeweiligen Gegenwart aus, die meist mit seiner Selbsterhaltung zu tun haben, auf eine unsichere Zukunft. Zugleich blickt es zurück auf das, was russische Tradition ist. Es bindet sich, wie es auch das Regime W. Putins versucht, immer wieder an den sakralen Komplex der christlichen Orthodoxie zurück. Jene ist der Anker, der das politische Universum dieses Riesenstaates im Strom der Geschichte seit der Gründung des Kiewer Rus (9. Jhdt.) sichert. Zum traditionalen Zeitspiel des versichernden Rückblicks gehört der Argwohn gegen aufgeklärte Rationalität, wie die zunehmende Entfremdung gegenüber der kommunistischen Revolution V. Lenins am Anfang des 20. Jhdts. und die Niederschlagung demokratischer Rationalität, wie sie M. Gorbatschow versuchte, zeigen. Der Kern des russischen Selbstverständnisses ist die orthodoxe Tradition, die sich im byzantinischen Modus mit den jeweiligen politisch herrschenden Interessen liiert.
Die Zeitspiele Russlands und Europas unterscheiden sich. Neigt das europäische Zeitspiel dazu, im rationalen Diskurs seine Anhaftungen in Frage zu stellen, um den Bestand Europas zu erhalten, verankert das russische Zeitspiel sich im Krisenfall umso fester in der Tradition, um sich gegen den historischen Veränderungsdruck abzuschirmen. Die Differenz in den Zeitspielen ist eine Erklärungsvariante für den steten Annäherungsversuch Europas und Russlands, der regelmäßig zu russischem Argwohn gegenüber der dem rationalen Diskurs geschuldeten sakralen Vergesslichkeit Europas und zu europäischer Ratlosigkeit gegenüber den Beharrungskräften Russlands führt. In diesem Spannungsfeld droht die Ukraine, europäisch rational und russisch traditional zugleich, zu zerbrechen. Verhaftung oder Reform ist die politische Systemfrage für die Ukraine. Welches Zeitspiel steht ihr näher?
Europa ringt auch um eine Position im Krieg zwischen Israel und der Hamas. Ist dies ein Krieg? Kann man gegen ein terroristisch organisiertes und ideologisiertes System Krieg führen mit dem Ziel, es um jeden Preis auszulöschen? Europa ist angesichts der enthemmten Barbarei der Hamas entsetzt. Gleichzeitig kann es sich nur mit Mühe auf das Zeitspiel Israels einlassen, das den Krieg unter Inkaufnahme von anwachsender Inhumanität führt. Auch Israel verhält sich in einem eigenen, dem eschatologischen Zeitspiel.
Eschatologie ist gekennzeichnet durch die Dynamik von Verheißung und Erfüllung. Der eschatologische Blick auf die Gegenwart, sieht jene im Bezug zu einer theologischen (hier wörtlich als Gottes Wort zu lesen) Verheißung von Staat, Kultur und Größe, die sich in künftiger Zeit erfüllt, wenn Israel sich dafür einsetzt. Zur Eschatologie gehört der Zusammenhang von Tun und Ergehen. Das Tun bestimmt das Ergehen. Damit sich die Verheißung erfüllt (Ergehen), muss Israel sich dafür engagieren (Tun). Wenn die Verheißung gefährdet wird, ergeht es Israel schlecht. Dagegen muss es etwas tun, um der Erfüllung wieder eine Chance zu geben. Die Chance, dass sich die Verheißung erfüllt, ergibt die politische Verhaltens- und Handlungsordnung für den Einzelnen und den Staat. In der Shoah erlebte die Weltgemeinschaft ein erschütterndes Beispiel des eschatologischen Zeitspiels. Wie Jüdinnen und Juden sich zum unsäglichen, systematisierten faschistischen Verbrechen ihrer drohenden Vernichtung, die immer auch die Vernichtung der Verheißung bedeutet, verhielten, liegt in der eschatologischen Dynamik begründet. Die Verheißung ist mit ihrer Erfüllung theologisch verbunden. Daraus ergibt sich zu jeder Zeit das Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung ist spirituell und rational zugleich. Sie motiviert im Vertrauen auf die Erfüllungszusage in der Verheißung zur planvollen Handlung. Das Handlungsziel besteht im Sichern des Ergehens, des Überlebens Israels, damit die Verheißung sich dereinst erfüllen kann. Insofern dient jeder Krieg, den Israel mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel führt (Tun), nicht nur der Sicherung des politischen Überlebens (Ergehen), sondern immer auch der Bewahrung der eschatologischen Hoffnung auf die Erfüllung. In diesem Kontext vermögen sich israelische Politiker in ihrer Kriegsführung im Recht sehen.
Das eschatologische Zeitspiel Israels und das reformatorische Zeitspiel Europas bringen eine recht eigene politische Dynamik mit sich. Es geht darum, sich abzusprechen, was jetzt, in der gegenwärtigen Kriegssituation Recht und auch politisch richtig ist. Europa und Israel werden diesen sehr kritischen Diskurs, den die unterschiedlichen Zeitspiele erzwingen, miteinander aushalten müssen. Einmal, um den sich ausbreitenden Antisemitismus in Europa einzudämmen, zum anderen, um die Verpflichtung Israels dem Weltethos gegenüber unablässig einzufordern.
Interessant ist, dass alle drei Zeitspiele, das traditionale Russlands, das eschatologische Israels und das reformatorische Europas in einer Verbindung zu einer Weise des sakralen Komplexes stehen, die die drei Zeitspiele miteinander in Berührung bringt. Was sich in der vermeintlichen Unversöhnlichkeit der drei Zeitspiele ausdrückt, ist nichts weniger als der zunehmende Ausfall des wissenschaftlichen theologischen Diskurses, der sich viel zu sehr auf ekklesiale Themen hat einschränken lassen. Dieser Diskurs ist, möglicherweise als einziger, in der Lage, das traditionale, reformatorische und eschatologische Zeitspiel in deren theoretischer Dynamik zu einander in Beziehung zu halten – mit dem Ziel, die politischen Folgen zu verstehen und zum Frieden hin verändern zu können.
Das scheint mir aus philosophischer Sicht eine Perspektive zu sein, in der das Jahr 2023 beschlossen werden kann. Der Jahresabschluss zeigt, dass die Dialektik von Zustand und Entwicklung auch für die Politik gilt und allein durch Rechtsverträge und Rechtsinstitutionen nicht zum sicheren Stillstand gebracht werden kann. Politisches Verstehen ist auch immer kulturelle Rationalität und moralische Empathie, die sich im allseitigen ethischen Diskurs ausdrückt. Lohnte es nicht angesichts der politischen Lage damit zu beginnen und, wo er schon besteht, ihn mit neuem Esprit zu nähren?
Grünberg, A.: Besetzte Gebiete. Roman (2021). Kiepenheuer & Witsch