In meinem Post zum Welthospiztag (12.10.2024) auf LinkedIn schrieb ich: „Hospize bewahren Raum und Zeit für den letzten Atemzug inmitten einer atemlos lebenden Gesellschaft.“ Insofern haben Hospize Relevanz für das Leben. Als Orte für das letzte Leben sind sie lebensrelevant.
Orhan Pamuk, der türkische Literat und Nobelpreisträger (2006), schildert in seinem Skizzenbuch „Erinnerungen an ferne Berge“ einen Traum von einem Falkennest. „Als ich näher heranrückte, stellte ich entsetzt fest, dass es mein eigenes Grab war. Mein Grab war mit einer noch warmen Kerze bedeckt. Das bedeutet, dass ich gerade erst gestorben und mein Grab mit einem Siegel versehen war, das mein Leben beurteilte, ja verurteilte.“ (2023, S. 350 f.) Die Begegnung mit dem persönlichen Totsein löst bei Menschen erst einmal Entsetzen aus. Nicht selten nährt sich der Schrecken durch Schuldgefühle, möglicherweise verurteilt zu sein. Für Orhan Pamuk war es klar: „Natürlich stammte dieses Siegel von GOTT.“ (2023, S. 351)
Heißt Totsein, von einem oder einer anderen verurteilt sein? Bedeutet der Tod Feststellung der Schuld? Eine furchtbare Deutung einer Erfahrung, die jeder Mensch einmal und zuletzt in seinem Leben machen wird. Entsteht deshalb durch das palliative und hospizliche Herbeten, wie entlastet Sterben am richtigen Ort und unterstützt durch angemessene Fachlichkeit heute sein kann, eine große, zeitgenössische Vermeidungserzählung? So schlimm kommt es schon nicht. Es gibt Abhilfe im Schrecken des Sterbens.
Gestern war Welthospiztag. Ich selber habe jahrelang, bis zum Übergang in den Ruhestand, psychotherapeutisch und immer auch philosophisch Gäste im Hospiz begleitet. Die Sterbenden ließen mich in dieser intensiven und intimen Epoche ihres Lebens zu. Manchmal nur wenige Tage lang, oft über Wochen und Monate. Einige nahmen mich in die Dunkelkammern ihres Lebens mit. Dort durften wir zusammen so manches unentwickelte Negativ zu einem anschaubaren Bild entwickeln. Andere luden mich zur Feier ihres Lebens ein. Ich durfte narrativ an den Glanzpunkten des Lebens teilhaben. Viele hielten sich an unseren Begegnungen fest, gruben verschüttete Werte wieder aus oder begruben Enttäuschungen, die sie nicht in die letzten Atemzüge mitnehmen wollten. Je unmittelbarer die Begegnungen waren, je mehr wir, der Gast und ich, einander zutrauten und uns auch trauten, umso mehr wandelten sich die vielen Ängste, Dunkelheiten, Enttäuschungen. Immer wieder wandten sich Sterbende dem Leben wieder zu, einem Leben, das dann ein wenig mehr das in dieser Lage mögliche Leben sein durfte und auch sein sollte. Der Gläschen Sekt am Vormittag, der Schluck Bier am Abend. Eine neue Freundschaft, ein lang gehegter Wunsch, den sich der Gast gerade jetzt erfüllte. Auch das klare Nein zu zu vielem und zu anstrengendem Besuch. Das klärende Wort zwischen dem Vater und seinen Töchtern, der Mutter und ihrem tief trauernden Sohn. Die Annäherung an den früheren Partner, den man jahrzehntelang aus dem Leben gestrichen hatte. Die wundervolle Schärpe, die spontan im Internet gekauft zum Ausdruck persönlicher Würde wurde. Das Eingeständnis der aufkeimenden Todesangst in den letzten Lebensstunden. Die Bitte, das Sterben nicht miterleben zu müssen und es verschlafen zu dürfen. Abhilfe vor dem Schrecken des Sterbens war im Gespräch, immer wieder verbunden mit dem Wunsch, assistiert sterben zu dürfen – nicht um die Todeserfahrung zu vermeiden, sondern um den Todeszeitpunkt souverän zu bestimmen, wenn die Sinnwidrigkeit das Weiterleben erdrückte. Ein Wunsch, der nicht erfüllt werden konnte. Meist stellten sich die Gäste mutig dem Tod. Eher quälte sie die Sorge, das Sterben „nicht hinzubekommen“. Sterben ist nicht schön. Denn ich verliere dabei mein Leben.
Mir klärte sich in all den Erlebnissen im Hospiz die Lebensrelevanz des Todes. Ernstnehmen, dass ich es bin, der einmal, unerwartet vielleicht, sterben muss, verändert die Relevanz des Lebens. Es regte mich an zu überlegen, was war die oder ist noch Pflicht im Leben und was im Leben ist Kür, in der ich gelöst und aus dem Augenblick heraus meine Pirouetten drehe. Welchen Raum gebe ich dem, was mir einfach zugekommen ist, was kein Produkt meiner Leistungsbereitschaft ist, sondern eher ein Ergebnis des Ergreifens, Zulassens, der Hingabe an das, was mir zukam und zukommt? Lebe ich mit meinem Atmen oder erlebe ich dauernde Atemlosigkeit im Trubel der Ereignisse? Ahne ich noch, dass Atem und Leben zusammengehören? Oder habe ich das Atmen vergessen, wie ich es vergesse, zu leben. Bin ich offen für das radikale Novum, für das „querschlagende Einzelne, Unverabredete“, von dem Ernst Bloch (1885 – 1977) schreibt (2016, S. 47)? Oder zähle ich, wie Orhan Pamuk, die Schiffe auf dem Bosporus, „um mich zu vergewissern, dass die WELT AN ORT UND STELLE IST“ (2023, S. 66)?
Die Gegenwart von Hospizen an unseren Lebensorten, von Palliativstationen in Kliniken oder von Palliativzimmern in Senioren- und Pflegeeinrichtungen wollen weder den Alltag stören noch das Vermeiden fördern. Sie sind da, weil zu unseren Lebensorten auch solche für das „Menschsein im Sterben“ (Riedel, 2024) gehören. Sie zeigen an, dass der Tod die Relevanz des Lebens schärft. Sie machen bewusst, dass wie alle Zeit auch meine Lebenszeit vergänglich ist. Darin besteht eine der gesellschaftlichen Aufgaben der Hospize und Palliativen Institutionen, auf die Relevanz des Lebens hinzudeuten und zu gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Deutungen dieser Relevanz anzuregen.
Quellen:
- Bloch, E. (2016): Experimentum Mundi. 2. Aufl. Suhrkamp
- Pamuk, O. (2023): Erinnerungen an ferne Berge. Skizzenbuch. Hanser
- Riedel, C. (2024): Menschsein im Sterben. Menschenbild, Würde und Logotherapie in der Palliative Care. Hogrefe