Einige Menschen sandten mir gestern Grüße zum ersten Advent. Was ist „Erster Advent“? Ein dekorierter Sonntag? Der Anfang des Adventsweges vom Black Friday über Weihnachtsfeiern und Glühwein auf den Märkten bis zu den Weihnachtstagen, dem Höhepunkt des Dekorativen im Jahreslauf?
Ich lese das erste Mal in meinem Leben ein Manga. Zehn Bände zeichnete und schrieb Osamu Tezuka zu Buddha. Jener wird zu den spirituellen Weisheitslehrern der Achsenzeit gezählt, gilt als Gründer der philosophischen Religion des Buddhismus, wird als Quelle der Achtsamkeit von der Psychotherapie gerade intensiv genutzt. Kein Buch über Buddha und Buddhismus fasziniert mich mehr als das Manga. Es begleitet mich seit etwa zwei Wochen.
Das Manga Buddha will kein religionswissenschaftlicher oder theologisch-philosophischer Beitrag sein. Es ist auch kein spiritueller Ratgeber. Es bettet Buddha in seine Zeit ein, das 7. – 5. vorchristliche Jhdt und verankert die Erzählungen im Kulturraum des nördlichen indischen Subkontinents. Zugleich reicht es in unsere Gegenwart. Damit ist gesagt, was diese Grafic Novel aus meiner Sicht nicht ist, und klargestellt, worum mir es in den folgenden Texten nicht geht. Ich versuche vielmehr meine Erfahrung mit dem Manga, die zugleich eine Erfahrung mit mir selbst ist, in Worte herauszubringen,
Seit zwei Wochen erzählt das Manga mir den Weg des Prinzen Siddharta zum Erleuchteten, dem Buddha. Ich verfolge die Erzählungen der Ereignisse und Gestalten, des Kontextes, in den Siddharta als Königssohn hineingeboren wurde. Ich ahnte bald, dass die alten Geschichten sich mit der Zeit, in der ich gerade lebe, berühren. Die Ordnung der Kasten, von den priesterlichen Brahmanen unnachgiebig als hierarchische Ordnung von Gesellschaft bewacht, erscheint als ein energetischer Faktor für die Dynamik des Machtgeschehens ebendieser Gesellschaften. Dieser Ordnungstyp kommt auf mich als das System meiner gesellschaftlichen, politischen, philosophischen Traditionen zu. Die hierarchische Ordnung baut auf Weltzeit mit Ursprung in einem heiligen Geschehen, durch sich selbst dem kritisch fragenden Zugriff und simpler Hermeutik verschlossen. Naive Hermeneutik wird unversehens zur Hermetik, zur geheimnistuerischen Nachfolgeerzählung. Das gleicht einem rechtspopulistischen und konservativen Narrativ unserer Tage. Europa sei gegründet im jüdisch-christlichen Abendland. Niemand kennt dieses Abendland. Sein jüdischer Quellort ist das vordere Asien. Seine christliche Folgeerzählung im europäischen Süden ist ein Amalgam, geschaffen auf dem Recht und der Staatsidee des römischen Kasierreiches, gedeutet aus den evangelischen Jesuserzählungen, philosophisch überbaut durch das Denken in der Tradition Platons und Aristoteles, letztlich mitteleuropäisch zu Christentum systematisiert in Theologie und Dogmatik – und weltweit organisiert in Kirchen. Das jüdisch-christliche Abendland scheint ebenso hierarchisch, wenn auch nicht mehr hieratisch, verschlossen wie die Kastenordnung. Beides ist der Versuch, einen Ordnungsbegriff zu behaupten, der die politischen und sozialen Ordnungssysteme unhintergehbar legitimieren soll.
In dieserart verfasste Ordnung hinein wird Siddartha geboren. Von königlichem Stand und von Geburt an mit der Weissagung ausgestattet: „Er wird uns das Leben lehren.“ (Bd. 2, S. 47). Soviel hoher Ton weckt überschießende Erwartungen. Die königlichen Eltern ringen damit, die Erwartung zu fördern. Sie schließen ihr Kind samt seinem Leben in die hierarchische Ordnung ihres Standes ein. Doch der junge Prinz entwickelt sich zur Reibungsfläche. Er stellt den Brahmanenkult als inhaltslos infrage. Er schläft inmitten königlicher Lustbarkeiten ein. Er erbricht sich schwallartig und häufig. „Der Junge ist von Geburt an kränklich“, konstatiert der enttäusche Vater (Bd. 2, S. 124). Er verschläft sein Leben, die königliche Aufgabe, die Staatsräson. Die Ziehmutter quälen Zweifel an ihrer Mutterkompetenz. Beide gewähren ihm, was in der Ordnung übrig bleibt, bei exklusiven Lehrern zu lernen.
Wie verhalten sich etablierte Ordnungssysteme gegenüber dem, was sie unerwartet infrage stellt? Sie suchen im Rahmen der Möglichkeiten die Infragestellung durch immer exklusivere Anpassungangebote zu entschärfen: Lerne Anpassung! Ist die Esklation der Angebote ausgeschöpft, trifft auch das königliche Kind die Drohung des Ausschlusses aus dem System. Wer nicht in die Ordnung passt, wird ausgestoßen. Der andere Klang von: Lerne Anpassung! Und wieder eingefangen in den Ordnungskontext: Wer Menschen das Leben lehrt, wird die Alternativen der Anpassung in aller Intensität selbst erleben müssen. Siddharta durchkreuzt auch das.
Es ist ein verbotenes Spiel an ihm verbotenem Ort, auf das er sich nichtsahnend mit Freunden einlässt. Fasziniert von der Welt außerhalb des Palastes freut er sich an einem Kaninchen. Ein Freund erlegt es. Die Freunde und Siddartha verwickeln sich in eine Rauferei. Der Jäger fällt in einen Teich und ertrinkt. Beide Toten, der tote Mensch und das tote Tier, liegen nach vergeblicher Rettungsaktion nebeneinander (Bd.2, S. 134). „Wenn man die beiden toten Körper so nebeneinander sieht, dann scheint es im Tod keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu geben. Wieso töten Lebewesen einander? Weshalb werden wir geboren, nur um zu sterben?“ (Bd 2, S. 135) Siddartha wird die Frage aller Fragen nach der Bedeutung des Todes mit in sein Leben nehmen. Sie bleibt lange unbeantwortet für ihn, auch wenn er sie immer besser versteht.
Die Frage nach dem Sinn eines Lebens, das der Tod beendet, sprengt jede verfasste Ordnung. Es ist die Frage, die alle Anpassung als fragwürdig erscheinen lässt. Es ist eine Frage, die zugleich mit ihrem Auftreten die Ordnung des Lebens unterbricht, Einfallsschneisen für das Freie öffnet und zugleich an der Notwendigkeit verzweifeln lässt. Die Frage bedroht das Bestehende zugunsten des Utopischen, nimmt jedem Konservativismus seine Bedeutung (Wofür etwas bewahren, wenn alles endet?) und entlarvt den Aufstand als das in aller Ordnung lauernde Chaos.
Siddharta entdeckt für sich die mithin gefährlichste Frage, weil sie – auch, gerade für ihn, den geweissagten Lebenslehrer – nicht beruhigt werden kann. Weder hierarchische Traditionen noch philosophische Systeme, weder politische Ordnungen noch gefügte Gesellschaften, nicht die Moral und nicht das Recht, nicht einmal der Glaube können die Frage zur Ruhe bringen. Kontra: Die Frage nach dem Sinn des Lebens angesichts des Todes bringt den Menschen auf den Weg, sein Menschsein zu finden.
Irgendwann kommt sie in jedem Leben an. Der Advent dieser Frage kehrt, wo er sich ereignet, rasch den gewohnten Blick um. Welchen Sinn hat mein Weg, wenn auch er durch den Tod endet? Wie sinnwidrig ist deshalb das Kämpfen und Töten unter Lebewesen? Schließen Tod und Sinn einander aus? So, wie Leben und Kriegen einander ausschließen? Die Verharmlosung des Advent, wie sie in überbordender Dekoriertheit und rauschhaftem Ritual gefeiert wird, kündet sie nicht davon, dass wir unseren gemeinsamen endlichen Weg hinter alldem Feiern verstecken? Bei mir ist durch die ersten beiden Bände des Mangas die Frage aller Fragen wieder neu aufgebrochen – und ich ahne, dass sie mich auf den Weg bringt.
Quelle:
Tezuka, O. (2012): Buddha. Band 2: Die Prophezeiung. Carlsen