Einerseits. Gewaltige Summen für die Verteidigung wurden in dieser Woche genehmigt. Verteidigungsbefähigende Rüstungsprojekte werden in den kommenden zwölf Jahren damit finanziert. Dank des Verhandlungsgeschicks der GRÜNEN wurde der Verteidigungsbegriff auf Digitalisierung der Verteidigungssysteme, Cyberdefense gegenüber hybrider Kriegsführung, Zivil- und Heimatschutz ausgeweitet. Es geht also um Waffen und deren digital gesteuerten, automatisierten Einsatz. Dringlich sei dazu auf ein pazifistisches Argument hingewiesen: Die Waffen werden von Menschen (mit-)entwickelt, programmiert oder direkt gesteuert und eingesetzt. Die Waffen haben auch Menschen zum Ziel. Vor einigen Tagen wurden bei einem einzigen Angriff in Gaza fast 500 Menschen getötet. Allein die zivilen Toten des Ukrainekrieges gehen Berichten zufolge in die Zehntausend.
Andererseits. In dieser Woche wurde darauf hingewiesen: Die medizinisch-pflegerische Infrastruktur unseres Landes sei dem Verteidigungsfall eher nicht gewachsen. Es sind Menschen, die durch Waffen verletzt und getötet werden. Darunter auch Kinder und Jugendliche, kranke und alte Menschen. Wie sollen sie versorgt werden?
Kriegerische Gewalt richtet sich nicht nur gegen menschliche Körper. Kriegsfolgen betreffen den ganzen Menschen, wie ihn das bio-psycho-soziale Modell (https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/med/profs/medpsych/schwerpunkte-lehre/bps/) beschreibt. Krieg wirkt in erheblichem Ausmaß verletzend auch auf die Psyche des Menschen: In der Vorbereitung des Verteidigungsfalles beeinflussen Nachrichten, Warnungen und Appelle an das Verhalten im sog. Ernstfall die Kognitionen, Einstellungen, Emotionen und das Verhalten der Menschen in einer sich als bedroht wahrnehmenden Gesellschaft: Verunsicherung, Befürchtungen und schließlich sich verstärkende Angst mit allen Folgen schlechter Adaption verändern das gesellschaftliche Klima. Krieg beeinflusst so auch den sozialen Kontext unseres Lebens, unsere gesellschaftliche Lebenswelt, nicht nur der Soldatinnen und Soldaten im Einsatz (https://www.bundeswehr.de/resource/blob/1465360/2e6f2eb8e4a831784d2c39836b7f6dd0/download-orientierungshilfe-bei-psychosozialen-belastungen-data.pdf). Er beschädigt unsere Lebenswelt. Jene verliert radikal an Verlässlichkeit. Sie konfrontiert mit Sterben und Tod.
Einseitigkeit: Die Politik sorgt für Waffen und Verteidigungssysteme. Hat sie für den Verteidigungsfall auch die medizinische, pflegerische, psycho-soziale Infrastruktur im Blick? Ist auch an die psycho-sozialen Veränderungen und Krisen gedacht, die die unmittelbaren Vorbereitungen auf den sog. Ernstfall gerade in unserer, psychisch nicht sehr resilienten Gesellschaft auslösen werden?
Endlichkeit: Wie wird die deutsche Gesellschaft mit der allgegenwärtigen Präsenz des waffengenerierten Sterbens und den Toten umgehen, wenn der Verteidigungsfall wirklich eintritt?
Dazu ein persönliches Beispiel: 18 Monate lang versuchten die Fotokünstlerin Helena Heilig (München) und ich die Förderung für ein gemeinsames Fotoprojekt zum Thema „MenschSein. Im Sterben“ einzuwerben. Wir wollten uns künstlerisch, in Bild und Wort, mit dem Sterben im Hospiz auseinandersetzen. Die Bilder und die kommentierenden Texte sollten in einer Ausstellung präsentiert werden. Wir erfuhren einigen Zuspruch und weitaus mehr Bedenken gegenüber dem Projekt, wenn wir es bei Förderinstitutionen vorstellten. Sterben ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Thema, das nicht öffentlichkeitstauglich ist. Das Projekt kommt mangels Förderunterstützung wahrscheinlich nicht zu Stande.
Ich wende, was wir im Blick auf das Projekt zu unseren Einwerbungen gehört oder gelesen haben, auf den Verteidigungsfall an: Jener wird ja nicht nur an irgendwelchen EU-Außengrenzen stattfinden, sondern kann uns auch unmittelbar in unserem Land betreffen. Er wird uns mit einem Sterben und einem Totsein konfrontieren, das die meisten, auch ich, nur aus Pressebildern kennen. Sterben und Tod werden zur öffentlichen Erfahrung. Sorgt sich die Planung der Verteidigungsfähigkeit auch darum, wie wir mit Tod im Krieg umgehen werden? Wir alle haben zumeist keine direkten Erfahrungen mit einem gewaltsamen, durch Waffensysteme anonymisierten Tod. Die meisten von uns erschrecken bis hin zur traumatischen Reaktion vor öffentlichen gewaltsamen Tötungen, die wir immer wieder erleben. Viele tun sich schwer, auf diese Weise an ihre persönliche Endlichkeit erinnert zu werden. Am besten man verdrängt sie, z.B. durch politischen Abschiebaktionismus. Manche sorgen mit Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht, Bestattungsvorsorge für ihr Sterben vor. Aber ein Sterben, das Waffen in einer Zivilgesellschaft anrichten, wie es die ukrainische Gesellschaft, die Menschen im Ostsudan, im Jemen, in Gaza erleben, gehört das – bei aller in Umfragen geäußerten Zustimmung zur Verteidigungsbefähigung – auch zu unseren gesellschaftlichen Überlegungen? Welchen Platz geben wir dem Tod im öffentlichen Raum?
Meine beruflichen Erfahrungen in der psychotherapeutischen Arbeit mit sterbenden Menschen und Trauernden, auch Trauernden nach einem unvorhergesehen Verlust durch Suizid eines An- oder Zugehörigen, verweisen darauf, dass unsere Gesellschaft einen veränderten Umgang mit dem öffentlichen, gewaltsamen Tod wird erlernen müssen. Ich gebe zu: Wie das gehen soll, dafür fehlen mir die konkreten Vorstellungen. Mehr Endlichkeitstoleranz jedes Einzelnen wäre ein erster Schritt.