Schlossfest in Neuburg. Ich bin mit meiner knapp dreijährigen Enkelin unterwegs. Sie tut sich mit dem Gedrängel unter den vielen Menschen schwer. Mein Angebot, sich auf die Schultern zu setzen, lehnt sie ab. Sie ist es nicht gewohnt, sagt ihre Mama. Meine beiden Kinder trug ich oft auf den Schultern. Von dort aus hatten sie im Gedränge der Städte oder in der Landschaft Ausblick und Überblick. Auf den Schultern zu sitzen verlangt Mut. Denn dort oben bin ich allein. Andererseits habe ich den freien Blick auf das, was sich zu Füßen tut.
Ein Wesenszug der kulturellen Kraft Europas, behaupte ich, besteht in der Fähigkeit, sich in der Enge dieses Kontinents Überblick über die Welt zu verschaffen. Die Vogelperspektive einzunehmen wurde im dicht gepackten Europa mit seinen vielen Nationen und Nationalitäten, seiner zuweilen verwirrenden Geschichte der Zugehörigkeiten zur Überlebensnotwendigkeit: auftauchen aus den imperialen Abhängigkeiten oder der kleinstaaterischen Betriebsamkeit in die Überblicksperspektive auf das, was gerade ist. Nicht verwunderlich, dass die westliche Philosophie lang vor der römisch-christlich markierten Zeitenwende an den Rändern Südeuropas entstand: im kleinasiatischen und kontinentalen Griechenland, in Sizilien und Italien. Interessant dabei ist, dass die Entwicklung der Philosophie der altgriechischen Zeit von Anfang an den Dialog mit den Anrainerkulturen des Mittelmeerraumes und dem Kulturraum Vorderasiens voraussetzte. Es ging um Fragen, wie die umgebende Wirklichkeit als Kosmos zu verstehen und auf welchen ersten Grundlagen, den archai oder principii, der Kosmos selbst gegründet sei. Dann griffen Sokrates, Platon und Aristoteles neben kosmologischen Fragestellungen die wesentlich philosophische auf: Wie beziehen sich Denken und Wirklichkeit aufeinander? Wie verhalten sich das Denken und die Denkenden zueinander? Wie verhält sich die und der Denkende zu sich selbst? Dazu wurden empirische Beobachtungen gesammelt – und mittels Denkoperationen wie Logik und Dialektik in ein System von These, Begründung und Aussage gebracht. Theorien bildeten sich – und der Theoriebildungsprozess wurde selbst zum Gegenstand des Denkens. In der Prima Philosophia, wie die Reflexion der Bedingungen philosophischer Theoriebildung genannt wurde, fügten sich Ontologie und Metaphysik, die Seinslehre und die Lehre von den letzten Ursachen, zu einer komplexen Metatheorie zusammen. Die Metatheorie erschließt den Blick auf das Wesentliche des Kosmos, der Existenz – und der Polis.
Antike Philosophie war ihrem Ursprung nach politisch. Sie spielte im verfassten gesellschaftlichen Lebensraum der Polis. Solon, Platon und Aristoteles schrieben staatsphilosophische Werke, die die politische Theorie und die Rechtsphilosophie begründeten und bis heute beeinflussen. Die Leistung der römischen Antike bestand zu einem erheblichen Teil darin, den Staat so zu ordnen, dass Unrecht einklagbar wurde. Dafür bedurfte es des gesatzten, in präzisen Formulierungen niedergeschriebenen Rechts. Codices entstanden, in denen Rechtssätze organisiert wurden. Das Recht begann die Staatspolitik einzuhegen. Erste Ansätze heutiger Rechtsstaatlichkeit entstanden.
Das Christentum der ersten fünf nachchristlichen Jahrhunderte nahm beides auf, die Philosophie und das codifizierte Recht. Von Rom ausgehend wurden die spirituell auf der Botschaft der Evangelien und Glaubenszeugen, sowie der rituellen Tradition beruhenden christlichen Gemeinden allmählich zu einer verfassten Kirche auf drei Säulen geformt: Evangelien als Urkunde des Glaubens, Bekenntnisse in Lehrform als Glaubenslehre, ein codifiziertes Kirchenrecht. Die politischen Reiche des Mittelalters erwiesen sich anschlussfähig an die Form der römischen Kirche, organisierten so Herrschaft und entwickelten einen argumentativen, zunehmend philosophischen Weltbegriff.
Auch hier ist beobachtbar: Das politisch verschachtelte Europa des Mittelalters verschaffte sich den Überblick über die Wirklichkeit durch einerseits religiöse Bemühung, andererseits durch die theologische und philosophische Reflexion auf das Wesentliche, das Welt- und Machtbegründende auf den Schultern der griechisch-römischen Antike. Auch der im 7. Jhdt. n. Chr. entstandene Islam bemühte sich, zumindest in seiner südeuropäischen Gestalt, im hohen Mittalter um Anschlussfähigkeit an diese philosophisch-theologische Kultur. So entstanden in Andalusien und Sizilien politische Gemeinden, in denen – multikulturell! – jüdische, muslimische und christliche Europäer – oft friedlich, freilich nicht demokratisch gleichberechtigt – nebeneinander lebten. Eine Grundlage dafür war die europäische Fähigkeit zur Erweiterung und Veränderung der Systematik des philosophischen und theologischen Denkens. Nicht immer erfolgreich und mit großer politischer Reichweite, wie die christlich organisierten Kreuzzüge zeigten. Das Problem von metaphysischer Theorie und physischer Praxis in Staat und individuellem Leben zog seitdem in die Philosophie am Übergang zur Renaissance ein.
Ideengeschichtlich erscheint interessant, dass es eine der europäischen Aufklärung am Übergang vom 17. zum 18. Jhdt. n. Chr. vergleichbare Bewegung nirgends sonst in der erreichbaren Weltgeschichte gab. Die philosophische Aufklärung, vorbereitet und eingeleitet durch Philosophen wie R. Descartes, Th. Hobbes, J. Locke, D. Hume, B. de Spinoza vollzogen durch I. Kant, J.G. Fichte, G.W.F. Hegel, J.J. Rousseau, Voltaire u.v.a., stellte das Denken auch für die Naturwissenschaften, die politische Theorie, die Rechtsphilosophie auf die Grundlage der sich selbst legitimierenden Vernunft, die keiner weiteren Autorität als der eigenen bedarf. Der Mensch gewinnt durch den kritischen Gebrauch der Vernunft die Fähigkeit zur „Selbstermächtigung“ (I. Kant), der jener Selbstermächtigung das nun differenzierte Staatsrecht, Völkerrecht und Weltbügerrecht zuordnete. In den großen Staaten Europas brachen Revolutionen auf, die für die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen in den verfassten Gesellschaften Europas kämpften. Philosophie als Reflexionsform und Literatur als Ausdrucksform des aufgeklärten Bürgers rückten jenen zunehmend in die Stelle des Souveräns.
Europas Blick auf das Wesentliche war nicht immer der Blick für das Wesentliche. Bald gingen die Bürger*innen der Neuen Welt, hervorgegangen aus europäischer Kolonisation und damit verbundenen Migrationsbewegungen ganz pragmatisch mit den Lebensbedingungen und der Staatsbildung um. Europa blieb, nun als Alte aus dem Blick der Neuen Welt gesehen, dem Blick auf das Wesentliche verhaftet. Einerseits differenzierten sich im 19. und 20. Jhdt. neue Wissenschaften wie etwa Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaften, Psychologie und Soziologie aus dem philosophischen Kontext aus. Die Naturwissenschaften wie Physik, Chemie, Biologie drückten ihr Interesse am Wesentlichen in der neu organisierten Grundlagenforschung aus. Inmitten der durch die Industrialisierung erzwungenen Entwicklung von Technologie und Ingenieurswissenschaften erhielt sich der metatheoretische Blick der europäischen, von der Philosophie getragenen Reflexionskraft, wie der Positivismusstreit der 1960-iger Jahre und die Auseinandersetzung von Systemtheorie, Dekonstruktivismus und Diskurstheorie um die letzte Jahrtausendwende es zeigte. Die systematischen Erträge und die theoretische Kraft europäischen Denkens sind Exportschlager der Wissenskultur, fast schreibe ich: gewesen.
Wir Heutigen sind zu sehr Goldgräber geworden: wir sitzen und sieben, graben uns in Minen ein – in der Hoffnung auf ökonomische Bereicherung und Macht. Wir erklimmen zu zaghaft und zu selten die Schultern der Prinzipienforscher*innen. Prinzipienforscher*innen suchen nach erhabenen Punkten, um das Ganze zu überblicken. Sie zieht es dorthin, wo die Luft dünn ist, wo es kein Gold zu holen gibt. Europa fördert das nicht mehr. Die Effizienzorientierung verbunden mit der ökonomischen Verwertbarkeit schafft Überkonkretisierung, die sich im Klein-Klein des Goldgräbertums verliert. Kann das die Grundlage machtvoller Bedeutung sein?
Die theoretischen Investitionen in die Frage nach dem Wesentlichen freilich erweisen sich als wenig öffentlichkeitswirksam; denn sie sind nicht leicht zu konsumieren. Sie taugen nicht für medialen Talk. Die Kunst des Unterscheidens, der begrifflichen Dihairese, genauso wie die der komplexen, abstrakten Synthese, die Fähigkeit des formal präzisen und im Inhalt methodisch nachvollziehbaren Arguments bleiben hinter der neuen Lust an Narrationen, so krude und verquast sie auch sein mögen, zurück. Das öffnet den Raum für den Geschichtsrevanchismus eines W. Putin genauso wie für die Fakes und Lügen eines D. Trump, für die narzisstischen Mythen eines E. Musk, um nur einige zu nennen. Die Verschwörungstheorien verbunden mit Feindseligkeit gegenüber naturwissenschaftlichen Forschungserträgen, lebenswissenschaftlicher Komplexität und philosophischer Diskursivität füllen das Vakuum, das der Verlust europäischen Engagements für metatheoretische Überblicksqualität hinterlässt.
Europa sieht sich gerade vielen Aufgaben gegenüber. In dieser Herausforderungslage täte es gut daran, sich der in seiner Geschichte entfalteten Kunst des Wesentlichen zu besinnen. Die Reflexion auf das Wesentliche ist nicht ohne den Überblick auf den Schultern der metatheoretischen Leistungen, die Europa einmal bedeutend machten, zu haben. Jener große Diskurs um das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, förderte die Haltung, aus der die Antwort auf alle geschichtsrevanchistischen Tendenzen von rechts Außen entstünde. Sicher investieren wir materielles Gold sinnvoll, um den Goldgräberblick immer wieder in die Höhe richten, dorthin, wo die Luft dünn ist und deshalb die krisenregulativen und weiterführenden Wahrheiten leichter sichtbar. Trauen wir Europäer uns die Kunst des Wesentlichen wieder zu!