Lebenswelt und Sprache sind aufeinander verwiesen. Wir sprechen in unserer und über unsere Lebenswelt. Wir erinnern sprachlich, was Menschen vor uns erlebten. Wir verständigen uns über Ideen, Pläne, Gegebenheiten, Leid und das, was wir vermissen und ersehnen. Dabei gehen wir davon aus, dass wir mit vielen Menschen eine Lebenswelt gemeinsam haben. Wo Unterschiede oder Unterbrechungen deutlich werden, beginnen regelgeleitete Verständigungsprozesse, um eine verbindende Gesprächsbasis herzustellen. All dies wird in Diskurstheorien beforscht, analysiert, strukturiert und vermittelt.
Sprache war lange schon, ist vor allem seit der „linguistischen Wende“ (J. Habermas) ein zentrales Thema der Philosophie. Inzwischen sind Soziologie, Psychologie, die Neurowissenschaften mit Sprache beschäftigt. Sprache ermöglicht soziale Bindungen und deren rechtliche und politische Organisation. Sprache schafft artikulierbare Erinnerungsräume und als Literatur und Poesie gestaltet sie Kultur entscheidend mit.
Sprache ist nicht nur ein Bindungs-, Kultur- und Theoriemedium. Sprache ist auch Machtmittel. Sprache kann abgrenzen, auch innerhalb einer Sprachfamilie. Sprache markiert Unterbrechungen und Krisen. Sprache schafft Hierarchien; sie distanziert, erniedrigt, marginalisiert, demütigt. Sie kann werben, verführen, täuschen und enttäuschen. Die Mehrdimensionalität der Sprache verweist auf die Pluriformität der Lebenswelt.
Der Gegenwartsroman „Russische Spezialitäten“ von Dimitrij Kapitelman (2025) zeigt, wie schwierig angesichts der russischen und rechtspopulistischen Propaganda die Sache mit der Sprache geworden ist. „Seit diesem Krieg weiß ich überhaupt nicht, was Sprache eigentlich ist. Was sie soll. Was sie will. Was sie kann. Ob sie gehört, wem sie gehört, wohin sie gehört. Wie sehr Sprache der Zeit hörig ist.“ (Kapitelman, 2025, S. 9) Der Autor ringt in seinem Roman um seine Sprache. Was ist seine Sprache? Das Russische, die Sprache seiner Mutter, die er nie wirklich erlernte, und/oder seine regionale Sprache, das Deutsche, das ihm selbstverständlich ist? „Mein Verhältnis zur Sprache meiner Mutter, meiner Mutter-Sprache, war nicht immer so entmündigend politisch. Es gab Zeiten, da waren die Wörter zwischen uns treue Boten des Vertrauens.“ (Kapitelman, 2025, S. 9) Ein Vertrauen, das der Autor schmerzlich vermisst, ja zu verlieren droht, weil die Mutter, eine Kiewerin mit einem überwältigenden Faible für Moskau, blind und unkritisch die Propagandasprache des russischen Fernsehens zum Krieg gegen die Ukraine übernimmt. Im Propagandanebel des russischen Fernsehens, „seine blutigen Lügen zu [ihren] eigenen Wahrheiten umatmend“ (Kapitelman, 2025, S. 81), verkehren sich, wie es scheint, die Verhältnisse. Die Ukraine, das Herkunftsland der Mutter, wird zum erbarmungslosen, unmenschlichen Aggressor, Russland zum Befreier. Wovon? Von der gegenwärtigen, enttäuschenden Ukraine, wie sie auf einer gemeinsamen Reise mit ihrem Sohn noch vor dem Krieg feststellt? „Mir ist Russland scheißegal! Ich will die Ukraine von vor dreißig Jahren zurück!“ (Kapitelman, 2025, S. 81), schreit sie im Wortgefecht. Ihr Sohn denkt die Worte nach. Vielleicht geht es ihr ja weder um Russland noch die Ukraine in irgendeinem Erinnerungszustand, „sondern um das Leben, das sie vor dreißig Jahren als junge Frau führte?“ (Kapitelman, 2025, S. 82) Geht es der Mutter ähnlich wie dem Sohn, der das mütterliche Russisch inhaliert, nicht um der Nostalgie willen, sondern um seiner selbst und seiner Lebenswelt willen? Denn bei der Arbeit im Laden der Eltern, dem „Magasin“ in Leipzig, fehlen ihm immer wieder russische Wörter, um mit nach der gewaltsamen Annexion der Krim ebenfalls Ausgewanderten – oder sind es Flüchtige? – eine vertraute Verbindung herzustellen. „Wobei nichts davon so sehr wehtut, wie wenn mir die russischen Wörter fehlen, um Mama und Papa mitzuteilen, was ich fühle. Und wenn die Wörter fehlen, dann nehmen diese fehlenden Wörter so unglaublich viel Platz in einem weg. Mein Kopf, meine Augen, mein Mund, meine Kehle, meine Brust, mein Herz – alles ist plötzlich voll mit fehlenden Wörtern.“ (Kapitelman, 2025, S. 25) Zerfällt Kapitelman in eine deutsche Verstandessprache und in die nicht mehr völlig erreichbare russische Herzenssprache, die er durch den Krieg gegen die Ukraine nun gänzlich bedroht empfindet? Zerfällt seine Lebenswelt in Lebenswelten?
Wohl 2023 macht er sich in das kriegsgeschüttelte Kiew auf. Allein. Auf der Suche nach der Sprache der Wirklichkeit und der alten Bindungen. „Kyjiw ist so abgedunkelt, dass ich es anfangs gar nicht wiedererkenne. Dunkelblau und fast ohne Laternenlicht düstert es im verregneten Abend vor sich hin.“ (Kapitelman, 2025, S. 122) Dann geht die Stadtbeleuchtung wieder an. Doch selbst der beliebteste Boulevard in Kiew bleibt in „bleierner Stillschwere“ (Kapitelman, 2025, S. 122). Der Krieg kommt beim Reisenden an und die Selbsttäuschung, „dass die Ukrainer nicht ihr bestes Leben leben. Doch wenn der Frieden fehlt, spürt man das sofort. Frieden lässt sich durch nichts ersetzen.“ (Kapitelman, 2025, S. 123) Auch nicht durch die Begegnung mit den alten Freund:innen. „Aber verrat mir mal eine Sache, Dim. Welche Sprache sprichst du mit dem Personal im Hotel Ukrajina? – Russisch, Andrij. Ich habe keine Wahl. … Und? Hat dich keiner für dein Russisch aufgefressen, oder? In der russischen Propaganda erzählen sie ja, dass sie hier sofort die Kehle dafür aufschlitzen“ (Kapitelman, 2025, S. 133). Schließlich bricht das Schwere des Krieges völlig durch: „Das ganze Leben haben sie uns weggenommen. Warum? Wofür, bljad?“ (Kapitelman, 2025, S. 135) Sprache als Wegweiser durch eine vom Krieg unterbrochene Lebenswelt, von der keiner weiß, ob sie nicht daran zerbricht. So erlebt der Reisende mit seinen Freunden die Städte Butscha und Borodjanka und die Spuren, Mahnmale und Zeichen der russischen Kriegsverbrechen dort.
Am Ende seiner Reise, noch im Zug zurück nach Leipzig, trifft er Larissa aus Mariupol, die mit ihrem Sohn Swetoslaw aus der Ukraine ausreist. „Mein ganzes Leben lang habe ich Russisch gesprochen, lieber Dimitrij, so wie Sie. Und es unendlich geliebt, wie meine eigene Mutter. So, wie Sie es wahrscheinlich auch tun. Aber mein Swetoslaw wird Ukrainisch sprechen. Das schwöre ich.“ (Kapitelman, 2025, S. 174) So werden Muttersprache und Mutter-Sprache von einander geschieden und andere Lebenswelten geschaffen.
Kaptitelmans Roman handelt vom Verwiesensein von Lebenswelt und Sprache aneinander und von den Akzeptanzproblemen der Veränderungen, in denen Mutter-Sprache zugunsten einer Alltagsmuttersprache verabschiedet werden muss, weil der Krieg sie scheidet.
Sprache ist nicht nur ein Machtmittel. Sie selbst ist mächtig. Wer ihr nicht aufmerksam und hinreichend kritisch begegnet, den verstrickt sie leichthin. Dann entsteht die Frage: „War ich da?“ So titelt der Altphilologe, Publizist und Schriftsteller Albert v. Schirnding (2025) seinen Lebensrückblick, den er sich selbst anlässlich des 90. Geburtstages schenkt. Ich las beide Bücher, Kapitelmans und v. Schirndings, nacheinander und wurde so Zeuge der Macht der Sprache. Denn sie spielt auch in der Autobiographie v. Schirndings eine wesentliche Rolle. Der Autor war Lehrer für alte Sprachen, wobei seine Leidenschaft vor allem dem Altgriechischen gehört. Lebenslang bleibt diese Sprache die Heimat für den begeisterten Lehrer. „Die Welt war in Ordnung. Das griechische Wort für sie lautete Kosmos, und das hieß zugleich Schmuck und Weltall.“ (v. Schirnding, 2025, S. 26) Damit setzt er sein Lebensmotiv: Ordnung herstellen, in einen Ausgleich bringen und so das Schöne bewahren. Selbst der Tod verliert seinen Schrecken. Bei der Morgentoilette mit eiskaltem Wasser wurde ihm der persönliche Unsterblichkeitsgedanke ausgelöscht. „Ich hatte den mich nach dem Tod erwartenden Zustand ja längst erfahren; er war identisch mit dem vor meiner Geburt.“ (v. Schirnding, 2025, S. 42) So kann er fünfundachtzig Seiten später seinen biographischen Text in stoisch anmutender Ruhe schließen. „Wohnen ist fast immer auf Ewigkeit ausgerichtet. … Fest steht nur, dass sich die an meinen Aufenthalt geknüpfte Epoche in der langen Geschichte des kleinen Schlosses Harmating ihrem nahen Ende zuneigt.“ (v. Schirnding, 2025, S. 127)
v. Schirndings Kosmos hat viel mit Sprache zu tun. Es ist eine Sprache, in der eine klare Syntax, in der sich die Worte ordnen lassen, auf eine klare Semantik verweist, in der sich Worte verstehen lassen. Bin ich, was ich spreche? Spreche ich, wer ich bin? Das lange und in seinen wichtigen Ereignissen und Wendungen geschilderte Leben, das von der Geburt 1935 im Umkreis des Fürstenhauses Thurn und Taxis in Regensburg – der damalige Chef des Hauses Fürst Albert war sein Taufpate – über die Schul- und Studienjahre in Regensburg, München und Tübingen bis zum Schuldienst in Weiden, Ingolstadt, München, bis zur späten Ehe und der Geburt seines geliebten Sohnes reicht, erzählt eine Lebenswelt, in der sich letztlich alles zum Guten ordnet, ein Kosmos eben. Lebenswelterfahrung mischt sich aus Rückzug in das Familiäre und intensiver Teilhabe an den genannten Lebensorten, aus einer enormen Belesenheit, die auch ein gewaltiges Literaturrepertoire umfasst, aus Theater, Musik und der umfangreichen, eigenen schriftstellerischen Tätigkeit. Auffällig ist dabei, dass sich die Lektrüe inhaltlich meist um Existenzerfahrung, Biographisches, Kulturelles zentriert. Das Politische entfällt nahezu ganz. Und damit verkürzt v. Schirnding den so geschätzten griechischen Kosmos in seiner Biographie um eine wesentliche, jenen erst ermöglichende Dimension: den Kontext der Polis, die gesellschaftliche Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft, freilich auch Kultur und Kult in einem war. Sind für ihn die Orte Regensburg, München und Schloss Harmating Polisäquivalente? Das Private die wahre Lebenswelt?
Vielleicht war v. Schirnding doch ein wenig der „Schöngeist“ (v. Schirnding, 2025, S. 105), wie ihn ein Artikel der FAZ nannte, was er als „Schmähung“ empfand. Jedenfalls würde er es wohl nicht ablehnen, ihn einen Humanisten zu nennen. „Was für ein erfreuliches Wesen ist der Mensch, wenn er ein Mensch ist!“, zitiert er seinen Freund Manfred Bissinger (v. Schirnding, 2025, S. 96). Sprache kann bergen, sie kann auch verbergen. Denn zum Menschsein gehört eben nicht nur das Wahre, Gute und Schöne, sondern auch das Negative, Leidvolle, die tiefe Krise und das Verbrechen, der Tod. Die Biographie v. Schirndings wirkt immer wieder so, als ließe sich dies alles – gut formuliert – ins bergende Haus der Sprache retten. Konfrontiert mit familiären Vergangenheiten im Nationalsozialismus findet er ein die Betroffenen entlastendes Denk- und Sprachmuster. Er unterscheidet zwischen „objektiver und subjektiver Schuld“ (v. Schirnding, 2025, S. 120). Angesichts des Vorwurfes gegenüber einigen Autor:innen und Künstler:innen, für die v. Schirnding als langjähriger Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste Verantwortung fühlte, in nationalsozialistischen Organen publiziert zu haben, greift er ein Diktum Marcel Reich-Ranickis auf, demzufolge es nicht darauf ankomme, wo jemand im sog. Dritten Reich etwas veröffentlichte, sondern „was er publiziert hat“. v. Schirnding setzt hinzu: „Es gibt eine Form von Erinnerung, die viel schlimmer ist als das Vergessen, weil sie wehrlosen Toten in die dem Willen der Nachgeborenen konformen Bilder bannt.“ Dies sei eine „Form von Unmoral“. (v. Schirnding, 2025, S. 109) So kann Sprache geschickt die Frage nach der Wirkung des tatsächlichen Kontextes von Gesagtem, Geschriebenem, Vertretenem auf dessen Inhalt verbergen.
Halten wir den biographischen Text v. Schirndings an den Roman von Kapitelman, treffen wir auf recht unterschiedliche Sprachwelten. Der ausgleichende Kosmos v. Schirndings und die mühevolle Suche dem Band zwischen Mutter-Sprache und Muttersprache bei Kapitelmann sind Dimensionen der Sprache. Sprache ist nie nur eindimensional. Eine derartiges Sprachverständnis legt die bruchlose Kontinuität der Lebenswelt nahe. Wir erleben gerade anderes. Das Vertrauen dahinein, dass gleiche Worte immer auch gleiche Inhalte transportieren, ist längst durch die hybride Kriegsführung, die russische Propaganda und den autoritativen Bedeutungsimperialismus eines diktatorisch agierenden Präsidenten der USA unterlaufen, wenn nicht fast schon ausgehöhlt. „Welcher Sprache kann ich trauen?“ ist gerade die wichtigere Frage als „War ich da?“. Hoffnungsvoll erscheint, dass Menschen, wenn sie denn Menschen sind, immer auch wortlos kommunizieren können. Gegen Ende des Romans von Kapitelman finden die beiden, der Sohn und seine Mutter, wieder zueinander. „Ich schaute meiner Mutter ganz direkt in die Augen. Und sie mir. Endlich liegt kein Krieg in unseren Blicken. Lediglich Liebe.“ (Kapitelman, 2025, S. 183) Manchmal führt der Weg dahin über Kiew im Krieg.
Quellen:
- Kapitelman, D. (2025): Russische Spezialitäten. Hanser
- v. Schirnding, A. (2025): War ich da? Von Ankünften und Abschieden. Beck textura