Unruhig ist das Herz – das Dilemma der katholischen Kirche

Papst Leo XIV. veröffentlichte am 15. Mai seine erste Enzyklika „Magnifica Humanitas“. Der Text umfasst zwei Diskurse: die Ambivalenz der Künstlichen Intelligenz (KI) und die Würde des Menschen. Die KI wird im Kontext der Wirkungsformen digitaler Technologien auf die Lebenswelt des Menschen reflektiert. Dabei stellen sich Fragen. KI und Information? KI und Demokratie? KI und Macht? KI und Arbeit? KI und Verantwortung, Wahrhaftigkeit? In solchen Fragen arbeitet sich der Diskurs zur KI an dem zur Würde des Menschen ab. Der Text findet seiner Grundsätzlichkeit wegen weit über Kirchenkreise hinaus Beachtung.

Zugleich kam in der vergangenen Woche ein päpstliches Schreiben bei der Deutschen Bischofskonferenz an. So gegenwartsoffen die Enzyklika wirkt, so restriktiv wirkt dieses Schreiben. Es hält das Verbot der sog. Laienpredigt in Eucharaistiefeiern aufrecht. In Wortgottesdiensten, also Gottesdiensten ohne eucharistische Feier (Wandlung, Kommunionausteilung), ist die Predigt von Männern ohne Weihestatus kein Problem. Warum dann nicht auch in Eucharistiefeiern predigen? Und: warum sollen nicht endlich Frauen predigen? Die Predigt, liturgisch die Homilie, legt die biblischen Texte im Gottesdienst in Bezug auf die Lebenswelt der Glaubenden aus. Dies setzt theologische Kompetenz und spirituelle Haltung voraus. Theologie braucht es, um die Texte der Bibel in ihrem originären „Sitz im Leben“ zu verstehen. Die spirituelle Haltung glaubender Homilet*innen ermöglicht es, den Bezug zwischen theologischer Aussage und dem Lebenskontext herzustellen. Theologisch ausgebildete Laien, gleich welcher Geschlechtszugehörigkeit, können die Predigt übernehmen, ohne mehr oder weniger Schaden anzurichten als jemand im Weihestatus.

In den beiden Texten, der päpstlichen Enzyklika an die Welt und dem päpstlichen Schreiben an die Bischofskonferenz zeigt sich das Dilemma, in dem sich die katholische Kirche seit dem letzten Konzil (1962 – 1965) befindet. Einerseits will sie das „aggiornamento“, die Aktualität der Kirche für die jeweilige Gegenwart. Die neue Enzyklika demonstriert dies. Andererseits besteht die Sorge, dass der Kern von Glauben und Lehre bedroht und zunehmend ausgehöhlt wird. Das ist der Tenor des päpstlichen Verbotsschreibens. Nach außen gerichtet versucht Kirche, am Weltgeschehen durchaus kritisch teilzuhaben. Nach innen betrieben die Päpste seit dem Konzil Bestandssicherung, nicht wirklich des Glaubens, sondern der Hierarchie, der heiligen Ordnung der Kirche als Institution. Wie verhängnisvoll sich diese Immunisierungsstrategie auswirkt, belegen weltweit die Missbrauchsfälle. 

Doch ja, wer glaubt, braucht eine Ordnung, an der die persönliche oder gemeinschaftliche Rechtgläubigkeit (Glaubenslehre) und das rechte Leben (Sittenlehre) erwogen und abgewogen werden kann. Insoweit Kirche sich als katholische, weltumspannende Gemeinschaft der Glaubenden versteht, bedarf sie der Glaubens- und Sittenlehre, der liturgischen Feiern des Glaubens und – darin gründet das Besondere der christlichen Kirchen – eines wissenschaftlichen Reflexionsinstruments, der Theologie eben. Wissenschaftliche Theologie ermöglicht die methodisch nachvollziehbare Reflexion der Glaubensinhalte im Kontext rationaler Wissenschaft. 

Die katholische Kirche verfügt in der Theologie über das institutionelle Instrument zur Analyse ihres Dilemmas zwischen „Kirche für sich selbst“ und „Kirche in der Welt“. Vorwiegend die Theologie kann die Glaubwürdigkeit der Diskurse herstellen. Sie ist für jeden, der rational denkt, nachvollziehbar. Vor allem dann, wenn Theologie nicht apologetisch, zur Verteidigung des Althergebrachten in der Kirche missbraucht, sondern zur kritischen Analyse mit den wissenschaftlichen Mitteln, die heute verfügbar sind, gebraucht wird. Dazu brauchen Theolog*innen Denk- und Redefreiheit und nicht Reglementierung, wie das unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. extensiv geschah. In der sittlichen Lebensführung war das päpstliche und bischöfliche Lehramt – zumindest für den Weihestatus – viel laxer. 

Theologie verfügt über alle Disziplinen, die es für die Forschung und Verständigung braucht: theologische Soziallehre, theologische Ethik, Fundamentaltheologie. Dort sind – und das wirklich seit alters her – die Diskurse verankert, in denen Glaubensleben in der Welt analytisch und kritisch begleitet werden kann. Wie schrieb der Tübinger Fundamentaltheologe Max Seckler (1980, S. 31)? „Theologie entsteht [dort], wo Glaube und Wissenschaft miteinander zu tun haben und einander so begegnen, daß beide am Leben bleiben.“

Was hindert die Kirche, ihren eigenen Möglichkeiten zu trauen? Hätte Kirche, vor allem das päpstliche und bischöfliche Lehramt mehr Vertrauen in ihre eigenen Möglichkeiten, des „aggiornamento“ wie auch der Vergemeinschaftung auf ihrem Weg durch die Zeit, und in die Fähigkeiten der Theologie, entstünden solche Dilemmata wie Restriktion nach innen und weltoffener Diskurs nicht. Die von Augustinus beschworene Unruhe des Herzens läse sich dann weniger als ängstliche, restriktive Besorgtheit, sondern als mutiges, produktives Wagnis. Vielleicht ist das der Beitrag, den die katholische im Kreis der christlichen Kirchen in einer Zeit, die aus den Fugen gerät, leisten kann: Konsistenz in Kontingenz.

Seckler, M. (1980): Im Spannungsfeld von Wissenschaft und Kirche. Theologie als schöpferische Auslegung der Wirklichkeit. Herder