Rede und Nachrede

Ingeborg Bachmanns Gedichte und wir Heutigen

Sie fügte Worte, Metaphern und Bilder, die an Wucht und Zärtlichkeit zumindest im Deutschen kaum zu überbieten sind. Sooft ich zu ihren Gedichten greife, ergreifen jene mich – und zielen direkt dorthin, wo ich mehr als berührbar, wo ich verletzbar bin. Verletzbar bin ich, wo die Verwundbarkeit schon nicht mehr fühlbar ist, weil es um mich als Person geht, als Lebenden. Wo ich verletzbar bin, steht das Leben auf dem Spiel. Es gibt Gedichte von Ingeborg Bachmann, die menschliche Verletzbarkeit ins Wort bringen. Weil sie gegenwärtig sind. In die persönliche Zeit gesprochen, für die Lebenswelt gefügt, sprechen sie mich in meiner Würde an, nicht im Fühlen, nicht im Denken, nicht im Tun des Tages. Meine Würde ist gemeint mit Zeilen wie:

„Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein“1

„Mein lieber Bruder, wann bauen wir uns ein Floß

und fahren den Himmel hinunter?“2

„Und was bezeugt schon dein Herz?

Zwischen gestern und morgen schwingt es,

Lautlos und fremd, 

und was es schlägt,

ist schon sein Fall aus der Zeit.“3

„Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden.“4

Unsere Würde ist gemeint mit Worten, die das mediale Geschwätz unserer Zeit zersägen, so dass sich wieder der Kern, das Bedeutsame des Sinns erschließt. Worte, die die Beziehungslosigkeit der geschmeidigen Chatbotwörter entlarven, die nie zu Worten sich verdichten werden. Ingeborg Bachmanns Gedichte erschließen die Welt, weil sie – selbst verletzbar – uns in unserem verletzbaren Menschsein berühren. Wer würde nicht gerne mit der Vertrauten ein Floß bauen, um den Himmel hinunter zu fahren? Wer kennt nicht die Fremdheit des eigenen Herzens, das mit einem Mal, zwischen gestern und morgen, seinen Ton verliert und uns selbst den Fall aus der Zeit andeutet? Wer fühlte nicht, gerade im Angesicht des alltäglichen Unerhörten, dass es nichts Schöneres gibt als unter der Sonne zu sein?

Wie fade sind dagegen die meinungsbeflissenen Informationen, die uns Heutige umfangen. Netzwerke, Blasen, wir lehren und erlernen sie als unverzichtbar, um jemand zu werden in einem Schema des Lebens und der Chimäre Welt? Verheißungen, dass die Kleider Leute machten, dass das  Aussehen Ansehen macht, dass der Status Stand verleiht, dagegen schleudern die Gedichte Bachmanns nicht bewaffnete Worte, nein! Sie schleudern unsere Existenz, unser Menschsein, unsere Würde gegen den noch so schönen Schein. Ihre Gedichte sind nichts für Lebens- und Seelendesigner – außer Bedrohung.

„Komm nicht aus unserem Mund,

Wort, das den Drachen sät. …

Dring nicht an unser Ohr,

Gerücht von andrer Schuld,

Wort, stirb im Sumpf,

aus dem der Tümpel quillt.

Wort, sei bei uns

von zärtlicher Geduld

und Ungeduld. Es muß dies Säen 

ein Ende nehmen!

Dem Tier beikommen wird nicht, wer den Tierlaut nachahmt.

Wer eines Betts Geheimnis preisgibt, verwirkt sich alle Liebe.

Des Wortes Bastard dient dem Witz, um einen Törichten zu opfern.

Wort, sei von uns,

freisinnig, deutlich, schön.

Gewiß es muß ein Ende nehmen sich vorzusehen.

Komm, Gunst aus Laut und Hauch,

befestig diesen Mund,

wenn seine Schwachheit uns

entsetzt und hemmt.

Komm und versag dich nicht,

da wir im Streit mit soviel Übel stehen.

Mein Wort, errette mich!“5

Die Auswahl aus dem Gedicht „Rede und Nachrede“ versammelt das, was wir haben uns zu unserem Alltag machen lassen und wir machen immer weiter so. Wir säen den Drachen, aber wir sehen ihn nicht. Es ist die Sprache, es sind die Worte, in denen die Verzerrung des Gedankens ansetzt und sich zugleich ausdrückt. Wir nehmen das Wort nicht ernst. So kann uns auch niemand mehr beim Wort nehmen. 

Die Dichterin kennt das alles. Die Geduld, in der Worte sich formen, und die Ungeduld, aus der Wörter dahingesagt werden. Sie weiß, dass die Nachahmung der Tierlaute das Tier nicht zähmen wird. Sie durchdringt den falschen Witz, der sich auf des Wortes Bastard gründet und den Törichten letztlich opfert. Sie weiß, welch freisinniger, deutlicher, schöner Worte jede und jeder fähig sind, wenn wir nicht strategisch, sondern wahrhaftig sprechen. Sie ermutigt menschliche Mutlosigkeit angesichts der Schwäche des Mundes – trotz aller Hemmnisse. Nur das Wort kann uns retten. Nicht die Wörter, das Geschwätz. Klingt hier Hölderlin an? 

„Wo aber Gefahr ist, wächst

Das Rettende auch.“6

Das Rettende ist das dichte Wort, das zum dichten Gespräch einlädt, darin sich die Würde ausdrückt und die Verletzbarkeit des Menschen. Von beidem, mithin vom Menschsein, dichtet Ingeborg Bachmann, deren 100. Geburtstag sich am 25. Juni jährt.

Quellen:

Bachmann, I. (2004): Sämtliche Gedichte (2. Aufl.). Piper

Hölderlin, F. (o.J.): Sämtliche Werke: Gedichte. Tempel-Klassiker

  1. Aus dem Band: Anrufung des Großen Bären, Sämtl. Gedichte, S.146 ↩︎
  2. Aus dem Band: Anrufung des Großen Bären, Sämtl. Gedichte, S. 92 ↩︎
  3. Aus dem Band: Die gestundete Zeit, Sämtl. Gedichte, S. 41 ↩︎
  4. Aus dem Band: Die gestundete Zeit, Sämtl. Gedichte, S. 56 ↩︎
  5. Aus dem Band: Anrufung des Großen Bären, Sämtl. Gedichte, S. 126 f. ↩︎
  6. F. Hölderlin, Sämtl. Werke. Bd. II, S. 328 ↩︎