„Fragile Psyche“ – das neue Buch von Daniel Hell

Die „Fragilität der Psyche“ charakterisiert den Menschen. Menschen sehen sich über die gesamte Lebenspanne einerseits vor Umbruchsituationen, in denen bisher Erlerntes, Gewohntes, Erarbeitetes abbricht oder einbricht. Umbrüche können andererseits auch Aufbrüche werden. Denn durch Ein- und Abbrüche entsteht nicht nur Verlust, sondern auch Raum für Neues, Anderes im Leben. Umbruch und Aufbruch wird möglich. 

Der Psychiater und Psychotherapeut Daniel Hell, Prof. em. und früherer Direktor der Burghölzli-Klinik in Zürich, untersucht in seinem jüngsten Buch, 2026 im Psychosozial-Verlag erschienen, die „psychische Fragilität“ des Menschen. Das anthropologische Phänomen drückt sich psychologisch im „Übergang vom sinnlichen Sich-Selbst-Erleben zum reflexiven Sich-Selbst-Erkennen“ aus (S. 23). 

Das Selbsterleben ist „präreflexiv“ (S. 25). Der Mensch hat „eine subjektive Empfindung von sich selbst“ (S. 22). Er erlebt sich in seinen Erlebnissen als deren Subjekt. Hell nennt das „Perspektive der ersten Person“ (S. 22). Zugleich nimmt der Mensch sich als Objekt wahr. Er reflektiert sich als Selbst. Darin besteht die „Perspektive der dritten Person“ (S. 22). Etwa ab dem zweiten Lebensjahr entwickelt sich dieses „reflexive Selbstbewusstsein“ (S. 37) des Menschen. Kinder erkennen sich im Spiegel oder auf Fotografien wieder. Sie lernen, von sich in Ichform zu sprechen. Mit der „Selbstvorstellung“ (S. 39) wächst die Vorstellung davon, dass auch „Mitmenschen eine eigene und von ihnen unterschiedliche Selbstvorstellung haben“ (S. 39). Langsam bildet sich so die „Theory of Mind“: Menschen können sich in andere einfühlen, indem sie dazu fähig werden, Vorstellungen mentaler Zustände anderer in sich selbst zu entwickeln (Mentalisierung). So entsteht „ein immer differenzierteres Verhältnis zu sich selbst“ (S. 42), das Selbstbewusstsein als Selbstverhältnis. Mit der Entwicklung von Selbstbewusstsein wächst die psychische Fragilität. Primäres Selbstgefühl und sekundäres Selbstbewusstsein können auseinanderdriften. Zwischen ihnen besteht eine „Bruchlinie“, „die den Menschen potenziell gefährden kann“ (S. 25). Diese „Besonderheit des Menschen“, die Komplexität des Selbstverhältnisses, veranlasste D. Hell zufolge schon K. Jaspers, Psychiater und Philosoph, zur Schlussfolgerung, „dass auch die psychischen Probleme des Menschen besonderer Art sind“ (S.17). 

Die Lektüre des aktuellen Buches zeigt, wie der Autor durch die Perspektive der „psychischen Fragilität“, also der immer möglichen Bruchlinie zwischen Selbsterleben und Selbsterkennen, qualitativ ergänzende Aspekte für die Psychologie der Persönlichkeitsentwicklung und die Psychotherapie/Psychiatrische Medizin der verschiedenen klinischen Störungen gewinnt. Ableitbar wird daraus: „Psychische Fragilität und menschliche Entwicklungsfähigkeit sind miteinander verbunden. Ohne das eine gäbe es auch das andere nicht.“ (S. 109) Die Verbundenheit beider erscheint mithin als ein wechselseitiges Bedingungsverhältnis. Das Phänomen „Fragilität“ beschreibt „keine menschliche Eigenschaft, die vorhanden sein kann, sondern charakterisiert eine generelle Wesensart aller Menschen – nämlich, dass Menschen Brüche erfahren können“ (S. 169). 

D. Hell ermöglicht mit den vorliegenden Untersuchungen zur Fragilität eine über deren psychotherapeutische Relevanz hinausgehende weitere Differenzierung der „condition humaine“, indem er in der Denkform der Moderne einen essentiellen Grundzug des Menschseins erschließt, die Fragilität. Die Philosophin Barbara Schmitz stellte 2025 in ihrem philosophischen Diskurs zur „Verletzbarkeit“ einen benachbarten Begriff vor. Verletzbarkeit unterscheidet sie von der Vulnerabilität, den Risikofaktoren, die physische Erkrankungen und psychische Störungen begünstigen können. Verletzbarkeit erscheint als „eine Bedingung des Menschseins, eine Conditio Humana, ein universelles Merkmal: Sie geht jeden von uns an.“ (Schmitz, 2025, S. 13) Das gilt auch für die psychische Fragilität in der Fassung von D. Hell. Im Blick auf das Altern (Kap. 6 des Buches) unterscheidet er die „Gebrechlichkeit“ im Alter, die „mit Abnutzung und Vergänglichkeit assoziiert“ ist (S. 90) und insofern die Verletzlichkeit (Vulnerabilität) des Alters adressiert, von der „Fragilität im Alter“ (S. 93). Das „psychische Altern“ kann viel präziser durch Fragilität als durch Gebrechlichkeit beschrieben werden, nämlich durch Zukunftsoffenheit bei aller Bewusstheit der Fragilität, die zu strukturbedingten Brüchen in der Persönlichkeit des Menschen führen kann (S. 95). 

Der Mensch also ist fragil, weil sich sein Selbstgefühl von seiner Selbstkenntnis dissoziieren kann. Seine Fragilität erscheint dabei nicht nur als Möglichkeit pathogener Belastung. Sie ist auch eine Bedingung der Entwicklungsoffenheit. „Offenheit und Unabgeschlossenheit machen einen Menschen freier. Sie ermöglichen auch eine Mitmenschlichkeit, die bereichert. Sie machen aber auch verletzlich [vulnerabel, C.R.].“ (S. 145) Die Reflexionsfähigkeit des Menschen gibt jenem die Freiheit zur objektivierenden Betrachtung. Hell zeigt dies am Beispiel der kränkenden Aggression. Menschen vermögen es, den verletzenden Akt und die Wunde, die Verletzung hinterlässt, getrennt zu sehen. „Ich bin nicht Opfer der Wunde, sondern Opfer eines verletzenden Menschen.“ (S. 146)

Der Mensch verletzt nicht nur, sondern ist selbst verletzbar. B. Schmitz kommt beim Durchdenken des Verhältnisses von „Autonomie und Verletzbarkeit“ (2025, S. 70 ff.) zu folgendem Schluss: Verletzbarkeit und Autonomie bedingen und durchdringen einander. Menschen sind in ihrer Verletzbarkeit von Anfang an verbunden. „Die Verletzbarkeit ermöglicht uns erst, uns selbst zu verstehen, auf ihr beruht die Möglichkeit unserer Sprache, sie ist [insofern, C.R.] Basis der Autonomie und in diese unwiderruflich eingewoben“ (Schmitz, 2025, S. 72). Würden Menschen ihre Verletzbarkeit anerkennen, würde „die Erfahrung der Fragilität des Lebens … eine wichtige Quelle des Mitgefühls und der Solidarität sein“ (Schmitz, 2025, S. 73). Fragilität und Verletzbarkeit können durch die Öffnung menschlichen Bewusstseins zu Verbundenheit und Mitmenschlichkeit führen.

Wie nun wirkt sich das Anerkennen von psychischer Fragilität und existenzieller Verletzbarkeit in der Therapie aus? Auch hier ergänzen sich die Perspektiven des medizinisch-therapeutischen Fachmanns D. Hell und der Philosophin B. Schmitz. D. Hell zitiert im 9. Kap. seines Buches den Psychoanalytiker J. Küchenhoff: „[D]ort, wo ich berühre, werde ich auch berührt.“ (S. 123)  Berührung und Berührtheit drücken im Sinne M. Merleau-Pontys „Zwischenleiblichkeit“ (S. 123) aus. Deren Hauptorgan ist die Haut, die den Menschen abgrenzt und ihn zugleich durch den in ihr eingebetteten Tastsinn mit der Welt verbindet. Andere Formen der „Zwischenleiblichkeit“ sind Empathie und Vertrauen. Die Berührbarkeit und Berührtheit im Welt- und Selbstbezug werden, wie D. Hell es sieht, aktuell und wohl künftig noch mehr durch Medialität und Digitalität reduziert. Die Distanz zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Welt, wächst. Dies gilt auch für die Medizin: „Damit entfernt sich aber auch die somatische Medizin vom Körperkontakt, bzw. von körperlichen Untersuchung mit dem Tastsinn und anderen körperlichen Sinnen bis hin zu einer mehr geistig-kognitiven Interpretation ermittelter Befunde.“ (S. 136) Dies gelte in zunehmenden Maße auch für die Psychiatrie. B. Schmitz formuliert die sich philosophisch-ethisch anschließenden Fragen: „Was dürfen wir mit anderen tun? Wie werde ich von anderen behandelt? Wie gehe ich mit anderen um? Wie gehe ich mit mir selbst um?“ (2025, S. 102) In ihrer Antwort verweist sie auch auf Berührung und Berührbarkeit: „Aus dem Umstand, dass wir immer schon berührbar füreinander sind und auch dann berührt werden, wenn jemand wegsieht oder mir direkt Gewalt antut, folgt eine unhintergehbare Verantwortung füreinander.“ (S. 103 f.) Berührbarkeit und Berührung verweisen auf die Verletzbarkeit. Die gegenseitige Verantwortung ergibt sich aus der Verbundenheit der Menschen in ihrer Verletzbarkeit, ebenso wie aus der Verbundenheit im Wissen um die psychische Fragilität. Daraus entsteht der normative Rahmen für jegliches zwischenmenschliche Handeln, wie es medizinische Behandlung und Psychotherapie ja auch sind. Unter diesem Aspekt sind die Folgen der digitalen Technologisierung von Diagnostik und Behandlung zu reflektieren!

Dass ein psychiatrisch-psychotherapeutisches Buch wie das aktuelle D. Hells anschlussfähig für den philosophisch-ethischen Kontext ist, gehört zu den Glücksfällen fächerübergreifenden Interesses und Denkens. Hell vermittelt fachlich fundierte Erträge für eine humane Psychiatrie und Psychotherapie. Er erschließt dabei Perspektiven auf Grundzüge des Menschseins, die Therapeutinnen und Therapeuten, Ärztinnen und Ärzte stets zu Bewusstsein bringen, dass es Menschen sind, die sich in ihrer Lebensverunsicherung, in ihren belastenden Störungen und Erkrankungen der Spezialistin, dem Fachmann und immer auch dem Menschen anvertrauen. Das fügt sich zu den existenziellen Analysen von B. Schmitz fast lückenlos.

„Unsere Fragilität anzunehmen, erfordert das Eingeständnis, dass wir nicht nur begrenzt und allenfalls zwiespältig, sondern auch brüchig sind. Es ermöglicht aber die Erkenntnis, dass wir Teil eines Größeren sind, was früher einmal >Demut< genannt wurde.“ (S. 189)

Lesen Sie das Buch: 

Hell, D. (2026): Fragile Psyche. Von Umbrüchen und Aufbrüchen. Psychosozial-Verlag

(Alle Zitate im Text ohne weiteren Quellenhinweis beziehen sich auf das Buch.)

Darüber hinaus wurde zitiert aus:

Schmitz, B. (2025): Offenheit und Berührbarkeit. Neue Wege zu Verletzbarkeiten und Resilienz. Reclam