Satirischer Klimawandel

Ich konnte es nicht erwarten und suchte in der 3sat-Mediathek nach „TILT 2020“, dem Jahresrückblick des Kabarettisten Urban Priol. Im linken Bühnenvordergrund fünf Figuren: Spahn, Trump, Merkel, van der Leyen und Söder, ein Lesepult in der Bühnenmitte und rechts vom Zuschauer eine Art Schreibtisch. So ähnlich ist die Bühne in jedem Jahr gestaltet. Verhaspelter Auftritt Priol und der Rückblick auf das Jahr 2020 läuft an. Knappe 45 min. Politikerschelte vor allem am Thema Pandemiemanagement aufgehängt, ab und zu dem Volk „auf’s Maul geschaut“, ein bisschen Wirecard-Skandal, ein Beitrag zu Verschwörungstheorien, ein paar flüchtige Blicke über Deutschlands Tellerränder und dann zum Schluss: „Machen wir’s beste draus. Guten Rutsch!“ Auf mich wirkte Herr Priol resigniert, ratlos – und gleichzeitig wütend. Er fand seine Sprache nicht. Er fand sein Thema nicht. Er fand, bis auf Markus Söder vielleicht, niemand, den er greifen konnte. Denn die in bekannter Weise vorgetragenen Parodien der Kanzlerin u. anderer PolitikerInnen zündeten kaum. Wird das dem Jahr 2020 gerecht? Oder lässt die Diversität der Meinungen eine satirische Glossierung nicht mehr zu?

Mir scheint, das gewohnte Koordinatensystem für das politisch-gesellschaftliche Geschehen hat sich inzwischen aufgelöst. Die lange geltenden Achsen rechts-links, konservativ-sozial-liberal sind nicht mehr sichtbar. Die politischen Meinungen lassen sich in diesen Koordinaten nicht mehr verorten. Die Typensatire funktioniert wohl nicht mehr. Sind die politischen Repräsentanten austauschbar – und vor allem die Themen bleiben? Hätte Herr Priol eher die Themen als solche aufgegriffen und sie in satirischer Brechung auf die Bühne gebracht, dann wären zumindest die Personaldefizite in der politischen Landschaft vorgeführt worden. Oder ist die Wirklichkeit so grotesk geworden, dass sie die satirische Zuspitzung nicht mehr zulässt? Dann fordert das einen satirischen Klimawandel. Es geht weniger um die Politikerinnen und Politiker. Es geht mehr um die Inhalte, die Themen, die uns beschäftigen: die zunehmende Spannung zwischen dem Rechtsstaat und dem demokratischen Verfassungsstaat, der Klimawandel, der durch die Pandemie bedingt in seinen verschiedenen Dimensionen erscheint: ökologisch, sozialgesellschaftlich, kulturell und ökonomisch, die Migration, die Rüstungsdynamik, die zunehmend unüberschaubare Diversität der Meinungen und Standpunkte auf den Plattformen und in den Äußerungsblasen der Social Media. Das ist längst nicht alles, das der Näherung und Brechung der Satire bedürfte, um in der Zuspitzung der Wirkungen und Folgen sichtbar zu werden und kritische Nachdenklichkeit anzuregen. Brauchen wir nicht gerade das politische Kabarett und seine zuweilen politisch unkorrekte Satire als Gegenpol zu politischem Alarmismus? Denn er bedient sich der Angst, der Drohung, der operativen Macht zur Meinung. 

Mehr Mut zur Polarisierung in TILT 2020 hätte mir gefallen, mehr intellektuelle Analyse in satirischer Einkleidung. Wenn die Verhältnisse wütend machen, dann könnten die Kabarettisten den thematischen Zorn in der Wut entdecken und ihn zum Vehikel der Satire machen. Denn Zorn verweist darauf, dass Werte in Gefahr sind. Über Werte lässt sich reden. In unklar empfundenen Zeiten gerade auch in satirischer Zuspitzung!

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