Höre, Mensch!

Vor wenigen Tagen, am 27. Januar 2021, jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Heute sehen wir darin das Erinnerungssymbol für das Ende der Shoah. Filmdokumente zeigen die Menschen, die damals befreit wurden. Wir sehen die Menschen, wie sie aus den Baracken stolpern, Kinder, vorgealterte junge Menschen, ausgemergelte Gesichter und Leiber von Menschen, die gerade so überlebten. Manche tragen andere hinaus, die zu schwach waren, um selber den Fuß aus dem Lager zu setzen. Und wir sehen die Toten.

Ich gehöre zu den Nachkriegskindern, meine Eltern gehörten der Kriegsgeneration an. Mit Entsetzen wurde mir als Schüler klar, dass das Alltag meiner Mutter, meines Vaters war: die Nürnberger Gesetze, die Reichsprogromnacht, der Beginn der Deportationen, die Arbeits- und Konzentrationslager. Genauso wie es deren Alltag vor 1933 war, dass in den Städten jüdische MitbürgerInnen lebten. Heute fällt mir auf, dass ich wohl nie danach fragte, wie sie der jüdischen Kultur vor 1933 begegneten. Dunkel erinnere ich mich an Erzählungen meines Vaters, dass eines der besten Bekleidungshäuser in Ingolstadt von einer jüdischen Familie geführt wurde. Meine Mutter, in Oberschlesien aufgewachsen, danach gefragt, ob dort nicht das KZ Auschwitz bekannt gewesen sei, gerade mal 120 km von der Heimatstadt entfernt, meinte: Dass dort ein Lager war ja, was dort passierte nein. Im Geschichts-, Sozialkunde und Deutschunterricht wurden wir ab der Mittelstufe des Gymnasiums für die Geschichte des Nationalsozialismus sensibilisiert. Hannah Arendts Berichte „Eichmann in Jersualem“ oder die autobiographischen Aufzeichnungen des Lagerkommandanten in Auschwitz, R. Höss, las ich mit einer Mischung aus Schaudern und Nachdenklichkeit. Im Nachklang zum Protestjahr 1968 zog sich der Blick auf die Geschichte immer wieder auf die Jahre 1933 – 1945 zusammen.

Rückblickend erkenne ich ein Defizit dieser auf die Zeit des Nationalsozialismus focussierten Geschichtsbetrachtung. Die Beschäftigung mit der jüdischen Kultur in Europa, in Deutschland unterblieb. Die Juden waren die Opfer der deutschen Greueltaten. Als solche wurden sie dargestellt und bedauert. Als solche sind sie bis heute Zeitzeugen. Bis heute werden sie für uns nicht als Subjekte einer eigenen Kultur sichtbar. Ihr Einfluss auf das gesellschaftliche Leben in Deutschland, in Europa bleibt noch immer noch zu wenig bekannt.

Während des Theologiestudiums begann ich zu ahnen, welche unglaubliche Geschichte, welche kulturellen Werte, welche prägenden Ideengestalten der Nationalsozialismus angegriffen, vertrieben und vernichtet hatte. Durch die historisch-kritische Beschäftigung mit den Texten des Alten Testaments bekam die Entstehung einer eigenen, heute auch als achsenzeitlich bezeichneten jüdischen Kultur Konturen. Seit dem 13. Jhdt. vor Chr. verfügten die Hebräer über eine Buchstabenschrift. Die Schriftsprache ermöglichte die Geschichtsschreibung bereits am Königshof Davids um 970 v. Chr..

Das alte Testament enthält zwei Textkomplexe zur Geschichte in Israel von den Richtergestalten, über Saul und David bis zum babylonischen Exil 586 v. Chr.: die Königsbücher und die Chronik. Dort zeigt sich: Die Geschichte des frühen jüdischen Staates ist unlösbar verbunden mit den theologischen Fortschritten im Gottesbild, in der Rechtsschaffung und -begründung und der wohl einzigartigen Entwicklung einer offenbarenden (und nicht orakelnden) Prophetie. Die synthetische Kraft, die ermöglichte, sich aus der statischen Gottesvorstellung des ägyptischen Kulturraums und der nomadischen Verehrung eines allgegenwärtigen Gottes zu einem Gott der Selbstaussage (Ex, 3.14: „Ich werde sein, der ich sein werde.“) und der Heilszusage (Bundesgedanke, Ex 24, 4 ff) weiter zu denken und zu leben, ist kaum zu überschätzen. Gleichzeitig macht sich Gott immer wieder in der Geschichte erfahrbar. Die reale Geschichte des Volkes Israel ist der Raum für die Offenbarungserfahrung Gottes. Dieser Raum hat seine Ordnung, die in der Schöpfungserzählung (Gen 1), grundgelegt wurde und sich im Bundesgesetz der Sinaierzählung (Ex 24) entfaltet. In der Hoffnung auf den Messias, der sowohl Heilsgestalt wie auch politische Figur ist, lebt sie über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n .Chr.), die mittelalterlichen Kreuzzüge, die Shoah und die Gründung des modernen Staates Israel (1948) weiter. Mir ist bewusst, dass ich das aus dem Blickwinkel der christlichen Theologie schreibe. Jene beruht in vielen Teilen auf der Grundlage der jüdischen Theologie, wie sie sich in Midrasch und Talmud, den historischen und theologischen Kommentaren zu Tora und den anderen Schriften des jüdischen Textkanons, entwickelte.

Der Kern der jüdischen Kultur wurde also im ersten Jahrtausend v. Chr. gebildet und im ersten Jahrtausend n. Chr. weiterentwickelt. Diesen Kulturkomplex unterzogen jüdische Philosophen wie Baruch de Spinoza (1632 – 1677) und Moses Mendelsohn (1729 – 1786) der aufklärerischen Kritik. Im 20. Jhdt. griffen im deutschsprachigen Kulturraum jüdische Religionswissenschaftler und Philosophen wie Hermann Cohen (1842 – 1918), Martin Buber (1878 – 1965), Gershom Scholem (1897 – 1982), Walter Benjamin (1892 – 1940), Pinchas Lapide (1922 – 1997), um nur einige zu nennen, Grundgedanken jüdischer Theologie und Kultur kritisch auf: 

  • „Ist denn in der Tat Gott der Religion eigentümlich?“ (H. Cohen)
  • Kann Kunst die „Fremdheit der Welt“ vermitteln? (M. Buber) 
  • „Was teilt die Sprache mit?“ (W. Benjamin)
  • „Wie ist überhaupt Geschichte möglich?“ (J. Taubes). 
  • Theologie ist „Ausdruck einer Sehnsucht, einer Sehnsucht danach, dass der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge.“ (M. Horkheimer)

Gott, die Fremdheit der Welt und deren Aneignung im lebendigen Leben, Sprache, Geschichte und die Ordnung, das Recht – all das bildet den kritischen Kern jüdischen Denkens. Ernst Bloch (1885 – 1977) verfolgte den jüdischen Messianismus als Hoffnungsmotiv durch die Geschichte der Kultur und der Philosophie. Er sah darin eine Antwort auf die Frage nach dem Sein des Menschen: Es ist sein Werden, das mit der Tendenz zum Neuwerden der Welt verbunden ist. 

Wir gedenken der Befreiung des KZ Ausschwitz-Birkenau und der Shoah heuer unter den Bedingungen eines Lebens, das sich an vielen Grenzen reibt. Sie zum Schutz des Menschen einzuhalten, dazu fühlen wir uns moralisch verantwortlich. Wir werden mit der Fortdauer der Pandemie der Verantwortung müde. Wie wertvoll kann in solcher Zeit die jüdische Messiasüberzeugung sein, in der sich das zeitenthobene und dennoch zutiefst geschichtliche Hoffnungsmotiv abbildet – als gelebte Kultur, die verbunden mit allen Risiken politischer Realität zugleich ein reales Motiv der Geschichte im Anders- und Neuwerden der Welt ist. Wir brauchen die Ordnung des Rechts. Mehr noch brauchen wir gerade die demokratische Überzeugung, dass Geschichte eine Hoffnungstendenz in sich hat. Wie greifbar könnte diese Hoffnungstendenz sein, wäre jüdisches Leben endlich und selbstverständlich in der Pluralität unserer europäischen Gesellschaft möglich.

Hintergrund:

  • Adorno, Th. (1975): Negative Dialektik. Frankfurt (Suhrkamp)
  • Arendt, H. (1986): Eichmann in Jersualem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München (Piper)
  • Benjamin, W. (1992): Sprache und Geschichte. Philosophische Essays. Stuttgart (Reclam)
  • Buber, M. (1955): Der Mensch und sein Gebild. Heidelberg (L. Schneider)
  • Cohen, H. (1978): Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums. Wiesbaden (Fourier)
  • Gunneweg, H. (1972): Geschichte Israels bis Bar Kochba. Stuttgart (Kohlhammer)
  • Höss, R. (1963): Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen. München (dtv)
  • Horkheimer, M. (1970): Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Hamburg (Furche)
  • Montefiori, S. (5. Aufl. 2017): Jerusalem. Eine Biografie. Frankfurt (Fischer)
  • von Rad, G. (1969): Theologie des Alten Testaments. Zwei Bände. München (Kaiser)
  • Taubes, J. (1991): Abendländische Eschatologie. München (Matthes & Seitz)
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