Humor

„Das Lachen ist die engste Distanz zwischen zwei Menschen.“ (Viktor Borge)

Distanz und Nähe – wir alle wissen, welche Herausforderung das bedeutet. Einerseits fühlen wir uns bestimmten Menschen besonders nahe. Andererseits wissen wir, wie sinnvoll die professionelle Distanz im Beruf ist.

Wir sind zu einer Haltung der Distanz fähig, die etwas dem Menschen ganz Eigenes ist, zum Humor. Er hat eine große Spannweite. Er reicht vom feinsinnigen Wortwitz über die komische Geste bis zum lauten Gelächter. Humor ist etwas rein Menschliches. Humor schafft in engen Lagen Distanz, Raum und Auswege.

Ernst Bloch (1985, S. 196) erzählt dazu eine Beispielgeschichte, die ich sehr schätze:

Der treue Diener flicht seinem Herrn, einem chinesischen Weisen, aus den letzten drei verbliebenen Haaren täglich einen Zopf. Eines Tages bleiben zwei der drei Haare in der Hand des Dieners. Der wirft sich vor dem Weisen nieder und bittet um Verzeihung. Der Weise antwortet gelassen: Mach dir keine Sorgen. Künftig werde ich meine Haare offen tragen.“

Humor schafft in der engen Lage Raum zwischen Menschen. Er schafft auch Raum in einem selbst, in dem er einen von den unangenehmen Gefühlen, die Probleme begleiten, distanziert. Der chinesische Weise entlastet sich selbst, indem er das Unglück aus humorvoller Distanz anblickt. Das entlastet zugleich den Diener von einer falschen Verantwortlichkeit. Haare pflegen einfach auszufallen.

Humor lässt einen gewissermaßen über die eigene Schulter schauen. Ich sehe mich, mein Leben aus einem gutmütigen Abstand an – und schon kann ich lächeln. Dasselbe gelingt auch in Lebenssituationen, in die wir uns verstrickt haben. Da wird oft die kritische Distanz unterschritten – schon fallen scharfe Worte. Wie wäre es, wenn wir uns gerade dann unseres Humors bedienten … Humor schafft das Quentchen Raum, in dem wir durchschnaufen, erleichtert aufatmen, und etwas gelassener die Lage noch einmal angehen können. 

Humor, ins Deutsche übersetzt, heißt: Feuchtigkeit. Dort, wo es eng wird und trocken im Mund, weil die Angst in einem hochkriecht, da kann der kleine Witz, der humorige Gedanke die Kehle wieder befeuchten. Der mittelalterliche Heiler Paracelsus empfiehlt, auf die richtige Feuchtigkeit des Körpers und des Gemütes zu achten. Dann könne man gelassen leben.

Gelassenheit ist eine Wirkung des Humors. Gelassene PartnerInnen, gelassene FreundInnen und KollegInnen haben die richtige Distanz zueinander und zu den Aufgaben, die auf sie warten. Deshalb sollten wir uns gegenseitig so oft wie möglich ein Lächeln gönnen – und immer wieder herzhaft zusammen lachen. Wir geben dann einander den Raum, den wir dafür brauchen, unser Bestes zu entfalten, oder auszuhalten, dass das Beste gerade nicht möglich ist. Wir schaffen wieder Platz zwischen uns, wenn wir einander zu nahe gekommen sind. Wir finden wieder zur Gelassenheit, wo wir in Gefahr waren, verbohrt zu werden. Und geben einander die Chance, Gesellschaft zu bleiben, auch wenn es eng ist.

Denn: „Das Lachen ist die engste Distanz zwischen zwei Menschen.“

Bloch, E. (1985): Spuren. Frankfurt (Suhrkamp), S. 196

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